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Georg Simmel und Martin Heidegger kommen, bei allen Unterschieden in Methodik und Einzelbefunden, über das Schicksal des modernen Subjekts zu ähnlichen Diagnosen. Heidegger sieht in „Die Zeit des Weltbilds“ dem Subjekt seine eigene ‚stellende‘ Vorstellung der Welt über den Kopf wachsen, wodurch das „scheinbar durchaus und jederzeit zu Berechnende“ gerade wieder „zum Unberechenbaren“ werde (88) und „die neuzeitliche Freiheit der Subjektivität … in der ihr gemäßen Objektivität“ aufgehe (103). Einen ähnlichen Umschlag ortet Simmel, wenn er in „Die Großstädte und das Geistesleben“ den modernen Menschen trotz historisch ungekannter persönlicher Freiheiten sich am gesellschaftlich‐technischen Mechanismus aufreiben sieht. Angesichts der Riesenhaftigkeit des mit Menschen als austauschbaren Produktionsfaktoren rechnenden wirtschaftlichen Apparats wird das einzelne Subjekt zunehmend marginalisiert und verdinglicht. Eine ‚große Erzählung‘ zu den hier nur angedeuteten Entwicklungen liefern Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung. Die Dramaturgie dieser großen Erzählung ist jene einer klassischen Tragödie - ‚die Aufklärung‘ führt als tragischer Held selbst jenes Schicksal herbei, dem sie zu entrinnen trachtet. Im Versuch, den blinden Naturkräften zu entkommen, strebt sie nach Herrschaft über die Natur. Die Mittel dazu - Verfügung durch Rationalisierung und Berechnung - richten sich allerdings gegen das Subjekt selbst und ziehen es noch tiefer in den Naturzwang als Sachzwang hinein. Die klassische Moderne würde demnach den Zeitraum markieren, in dem jener tragische Umschlag sich ankündigt und zuerst spürbar wird. 1 Die technologisch‐wissenschaftliche Durchdringung aller Daseinsbereiche, wie sie Max Weber in seiner These von der ‚Entzauberung der Welt‘ für vollendet hält, stellt allerdings nur eine Seite der Medaille dar. Die Austreibung des Animismus und der einfühlenden
1 Die Ausrufung der Destruktion des Subjekts in den klassischen Avantgarden kann als Reaktion auf diese
Entwicklung verstanden werden - gerade in der ‚Vorhut‘ des Fortschritts wird Regression zum
künstlerischen Programm, fallen Modernes und Primitives, Geistiges und Infantiles, Kunst als Produkt des
frei schaffenden Subjekts und blindes Zufallsprodukt in eins zusammen.
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Naturbegegnung, die sich die europäische Aufklärung im Namen des freien, über die Dinge als passive Objekte gebietenden Subjekts zum Ziel gesetzt hatte, führt gleichzeitig zu einem Schub der Wiederverzauberung, der sich in magisch‐fetischistischen Kultformen in Bereichen wie Mode, Film, Sport und Konsum niederschlägt. Das ist der Ausgangspunkt Hartmut Böhmes kultur‐ und wissenschaftshistorischer Studie zur Bedeutung des Fetischismus in der und für die Moderne. Die von der europäischen Aufklärung vorangetriebenen Säkularisierungs‐, Ausdifferenzierungs‐ und Rationalisierungsprozesse hätten demnach zuvor in vormodernen Kult‐ und Sozialisierungsformen gebundene Begehrensenergien freigesetzt, die sich nun in wenig kontrollierbarer Weise in neuen Betätigungsfeldern entlüden. Die auf Verfahrensrationalität gegründeten Organisationsformen der Moderne, so Böhmes These, können individuelle Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse nach sozialer Zugehörigkeit nicht befriedigen (25). In demselben Maße wie Menschen im Wirtschaftsprozess zu austauschbaren und berechenbaren Faktoren verdinglicht werden, steigt das Bestreben, ein unverwechselbares Individuum mit sozialem, seelischem und metaphysischem Halt in der Außenwelt zu bleiben. Diese unausrottbaren Bedürfnisse bahnen sich in modernen Gesellschaften neue Wege und erheben scheinbare Gebrauchsgegenstände wie Bekleidung, Fahrzeuge oder Nahrungsmittel in den Status von Kultobjekten, deren lebensweltliche Bedeutung weit über ihre materielle und zweckrationale Funktion hinausgeht. Der hier skizzierte Doppelcharakter entspricht einer Zweiteilung, die bereits Kracauer und Adorno/Horkheimer als charakteristisch für das Leben der modernen Großstadtbewohner erkannt haben: Stupide Arbeit einerseits, in der der Mensch als austauschbares Rädchen im gigantischen Produktionsprozess rattert; Vergnügungsangebote und Konsumismus andererseits, um für die Selbstentfremdung im Arbeitsprozess entschädigt zu werden. Beide Entwicklungen, wiewohl durch die Verbreitung
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aufklärerisch‐rationaler Prinzipien bedingt, unterlaufen die Leitopposition der Neuzeit: Das Subjekt wird zunehmend zum Objekt verdinglicht; Dinge werden durch projektive Akte in den Status von Fetischen erhoben und nehmen quasi‐subjekthafte Qualitäten an. Verdinglichung (von Menschen) im Wirtschaftsprozess und Fetischisierung (von Dingen) in der Freizeitkultur wären demnach komplementäre Prozesse. Verdinglichung erzeugt das Bedürfnis nach Verzauberung, die sich allerdings nur käuflich erwerben lässt und wiederum zu Verdinglichung nötigt. Von der Moderne scheinbar überwundene archaische Praktiken setzten sich demnach nicht nur im titanischen Maschinendämon Fritz Langs fort, sondern auch in der urtümlich anmutenden Fetischisierung und Verkultung von Konsumgütern. Bevor wir auf Basis dieser Überlegungen mit der Lektüre des kunstseidenen Mädchens beginnen können, gilt es, den Fetischismus als zentrale Untersuchungskategorie genauer zu bestimmen. Wir wollen, hierin und in der folgenden historischen Skizze Hartmut Böhme folgend, den Begriff nicht auf eine der engeren Bedeutungen festlegen, die er im Kontext ethnologisch‐theologischer, marxistischer oder psychoanalytisch‐sexologischer Diskurse angenommen hat. Im Laufe seiner Geschichte wurde der Begriff ‚Fetischismus‘ nämlich vor allem als Kampfwort verwendet. Seit seiner Prägung im frühen Kolonialismus diente er dazu, fetischistische Praktiken der jeweils Unaufgeklärten zu denunzieren. Missionare und Ethnologen beschrieben damit scheinbar abergläubische und primitive Praktiken afrikanischer Stämme, die ihnen am besten auch gleich auszutreiben seien. Marx führte den Begriff in die Ökonomie ein, um die Vergötzung des falschen Warenscheins zu enthüllen und dahinter ein wahres Wesen der Ware als Produkt menschlicher Arbeit zu entdecken. In der klassischen Psychoanalyse wird unter Fetischismus eine Übertragung des ‚eigentlich‘ dem Genital (dem Phallus, bzw. dem imaginären weiblichen Phallus) geltenden Begehrens auf ein anderes Objekt
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verstanden; ein infantiler Irrtum, der therapiert werden muss, sobald er ein Hindernis für normale Sexualität darstellt. Fetischisten, das sind immer die anderen - die Afrikaner, die Konsumsüchtigen, die Fußfetischisten. Man durchschaut den Fetischcharakter ihrer heiligen Objekte, während man sich selbst von solchen Verirrungen frei wähnt. Den traditionellen Fetischkonzeptionen liegt ein genuin aufklärerischer Impetus zu Grunde. Primitiver Aberglauben, falscher Warenschein und sexuelle Perversionen sollen als solche enthüllt und mithilfe des eigenen ‚Gegenzaubers‘ ein für allemal ausgetrieben werden. Wenn aber rationale Moderne und archaische Praktiken in vorhin skizzierter Weise zusammen gehören, ja wenn die von der Aufklärung betriebenen Exorzismen und Entzauberungen gerade zur Wucherung dessen geführt haben, was ausgetrieben werden sollte, ist der zu Grunde liegende Gestus grundsätzlich zu hinterfragen. Der Begriff ‚Fetischismus‘ soll im Kontext dieser Arbeit also in keinem einer bloßen Enthüllungsmetaphorik verpflichteten Sinn verstanden werden. Der fetischistische Schein soll ernst genommen werden, um deskriptiv eine bestimmte Form von Mensch‐Ding Verhältnissen zu beschreiben, in dem Dinge mehr als bloße Objekte ist. Zwar gehören Analyse und Kritik des Fetischismus, wie Böhme selbst bekräftigt (501), zusammen. Eine solche Analyse darf jedoch nicht dem Gestus des aufklärerischen Bilderstürmers verfallen, der all die falschen Götter im Namen des Einen Richtigen auszutreiben sucht, sondern muss sich, im Bewusstsein unabwendbar eigener fetischistischer Verstrickung, der Funktionslogik fetischistischer Praktiken unvoreingenommen öffnen. Fetische sind materiell, gehen in ihrer Materialität jedoch nicht auf, sondern haben zugleich etwas anderes Immaterielles ‚eingekörpert‘: Bedeutungen, Energien, Macht, Begehren, Mana und ähnliches (Böhme 35). Robert F. Stoller bringt dies auf die bündige Formel: „Ein Fetisch ist eine Geschichte, die sich als Gegenstand ausgibt“ (zitiert nach Böhme
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401). Wie die Herkunft des Wortes von Lateinisch factitius nahelegt, sind Fetische gemacht: In ihrer Interaktion mit Menschen nehmen sie Qualitäten an, die ihnen nicht als primäre Eigenschaften zukommen. Aus diesen Qualitäten ergeben sich zwei Charakteristika fetischisierter Dinge. Zum einen haben Fetische, indem ihnen etwas anderes eingekörpert ist, notwendigerweise Stellvertretercharakter. Dieser erschöpft sich jedoch nicht in einer semiologischen Verweisbeziehung - der Fetisch bedeutet nicht nur etwas über sich hinaus; er verkörpert und ersetzt dieses andere, das dadurch zugleich verleugnet und stellvertretend besessen werden kann. Verleugnet, weil es dem Selbstbild ungelegen, zu mächtig und/oder tabu ist; besessen, weil man es dennoch begehrt. Zum Zweiten ist für den Fetischisten ein auf dieser Doppelfigur basierendes gespaltenes Bewusstsein typisch, das Octave Mannoni mit dem Satz „Je sais bien, mais quand même…“ zusammenfasst (zitiert nach Böhme 12). Der Fetischist weiß wohl, dass der Fetisch ‚zwar eigentlich‘ nur ein bloßes Ding ist, und doch behandelt er ihn als eine Art magischen Gegenstand. Was man am Strumpffetischisten belächeln mag, gilt nicht weniger für den aufgeklärten Bürger der Moderne: Als solcher weiß man natürlich, dass der Lamborghini, der neueste Nike‐Schuh, das Steak im Spitzenlokal bloße Dinge sind - nichtsdestotrotz erweist man ihnen eine Verehrung, Wertschätzung oder auch demonstrative Verachtung, als wären sie viel mehr als nur das.
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Arbeit zitieren:
Johannes Wankhammer, 2008, Vom Glanz der Dinge - Fetischismus und Begehren in Irmgard Keuns "Das kunstseidene Mädchen", München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
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