Danksagung
Der erste Dank gilt den aufgeschlossenen Interviewpartnern. Die informativen und interessanten Gespräche waren Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Umsetzung der vorliegenden Arbeit.
Ein weiterer Dank richtet sich an die Betreuer dieser Arbeit Herrn Dr. Martin Pries und Herrn Prof. Dr. Peter Pez. Hervorheben möchte ich insbesondere die Ermutigung zu Beginn der Überlegungen aber auch die konstruktive Kritik während der Umsetzung. Ein ganz besonderer Dank gilt Christian Rosemeyer und Ravi Srikandam für die beharrliche inhaltliche Kritik, Anke Schild danke ich für die Korrekturarbeiten. Auch sei an dieser Stelle Arnd Helmke, David Reinecke, Kathrin Bessel, Florian Riegel und Dr. Stefan Schmitz für ihre Unterstützung gedankt.
Mein persönlicher Dank richtet sich an Hanne-Katrin Schade für die konstante Hilfe während der gesamten Zeit.
Letztlich möchte ich auch meinen Eltern für die moralische und eine großzügige finanzielle Unterstützung während meines Studiums und Aufenthaltes in Ecuador danken. Ohne sie wäre die Umsetzung dieser Arbeit nicht möglich gewesen.
Vorbemerkung III
Vorbemerkung
Die Auseinandersetzung mit dem Thema der vorliegenden Arbeit begann bereits im Herbst 2003. Anlass war die seit August 2001 international anhaltende Diskussion um die Finanzierung der Erdölpipeline des Konsortiums „Oleoducto de Crudos Pesados“ (OCP) im ecuadorianischen Amazonasgebiet durch die Westdeutsche Landesbank. Da diese Bank zu 43% Eigentum des Landes Nordrhein-Westfalen ist (KOCZY und VON GRÜNBERG 2002, S. 3), finanzierte das Bundesland diesen Bau durch die Vergabe eines Kredits in Höhe von zwei Milliarden US-Dollar mit. Die Westdeutsche Landesbank hat die Umwelt- und Sozialstandards der Weltbank zur Voraussetzung der Finanzierung gemacht. Diese Standards wurden von unterschiedlicher Seite in Frage gestellt (vgl. BEUCKER 2001, S. 10). Zweifel hegten auch die Verantwortlichen des Regenwaldschutzprojektes Selva Viva (deutsch: lebendiger Wald). Im Zuge der öffentlichen Diskussion waren die Projektleiter Selva Vivas auch in Lüneburg präsent. Sie dokumentierten in Vorträgen die Entwicklungen vor Ort. Die Trasse der Pipeline führt auch durch das Schutzgebiet Selva Vivas, wodurch Primärregenwald gerodet werden musste. Erfahrungen zeigen, dass die Risiken durch die Präsenz einer solchen Erdölpipeline für die Umwelt stark erhöht sind. Es treten immer wieder Defekte in solchen Pipelines auf mit dem Effekt, dass austretendes Erdöl Böden und Grundwasser kontaminiert (vgl. BÜNSTORF und WINKLER 2002, S. 11).
In den Vorträgen wurde auch auf die Möglichkeit verwiesen, bei Selva Viva als Praktikant oder Volontär zu arbeiten. Nach einer erfolgreichen Bewerbung stand im Frühjahr 2004 ein Aufenthalt in Ecuador fest. Demzufolge wurden die Studieninhalte als Vorbereitung auf den bevorstehenden Auslandsaufenthalt konzipiert. Die intensive Auseinandersetzung mit den Themengebieten „Ecuador“, „Fremdenverkehrsgeographie“ sowie „Tourismus und kulturelle Identität“ durch die Abschlussprüfungen in den Fächern „Kulturgeographie“ und „Sprache und Kommunikation“, waren somit Ausgangspunkte der vorliegenden Arbeit.
IV
Kurzfassung
Die vorliegende Arbeit untersucht das Regenwaldschutzprojekt Selva Viva auf grundlegende Kriterien einer nachhaltigen Regionalentwicklung. Ausgehend von einer historischen Betrachtung die Entwicklungen des Tourismus von seinen Anfängen bis zum gegenwärtigen Massenphänomen dargestellt. In der Wissenschaft gibt es bis heute eine kontrovers geführte Debatte die sich mit den allgemeinen Chancen und Risiken touristischer Aktivitäten beschäftigt. Kritisiert werden insbesondere negative ökologische aber auch soziale Folgen. Daraus ergaben sich vielfältige Alternativüberlegungen dazu, wie ein umwelt- und sozialverträgliches Reisen umgesetzt werden könnte. Diese Ansätze werden an den Beispielen des sanften Tourismus und des Ökotourismus exemplarisch erläutert. Anknüpfungspunkte bietet dabei die historisch parallel aufkommende nachhaltige Entwicklung. Die Umsetzungsmöglichkeiten dieses normativ und holistisch ausgerichteten Leitbildes sind bei einer Analyse auf regionaler Ebene - wie zu zeigen sein wird - jedoch sehr begrenzt. Daher bezieht sich die theoretische Betrachtung auch auf regionale Entwicklungstheorien. Die Verbindungen zum Tourismus bieten dann ein Set von Merkmalen, die eine Ableitung von zwölf Indikatoren erlauben. Deren Anwendung soll dann eine möglichst ganzheitliche Struktur- und Prozessanalyse Selva Vivas erlaubt.
Teil zwei der Arbeit beinhaltet das Untersuchungsdesign und eine Beschreibung des Regenwaldschutzprojektes. Die Erhebungsmethode war das Expertengespräch. Zwischenerkenntnisse aus Teil eins dieser Arbeit sind dabei in die Konzeption eines Leitfadens eingegangen. Die Zweckdienlichkeit dieser Vorgehensweise wird diskutiert. Zum Ende des zweiten Teils erfolgt ein landeskundlicher Abschnitt mit einer Projektbeschreibung, der, vorbereitend auf die Diskussion im dritten Teil, ein Grundverständnis des Gesamtprojektes vermitteln soll.
Die genannten Arbeitsschritte sind Voraussetzung für die folgende Analyse. Hier werden die Indikatoren erläutert und angewandt. Ziel ist dabei eine möglichst ganzheitliche Betrachtung der regionalen Funktionszusammenhänge. Dies geschieht auf Grundlage der Dimensionen einer nachhaltigen Entwicklung: Ökonomie, Ökologie und Soziales. Es beziehen sich dabei jeweils vier Indikatoren auf eine der Dimensionen. Die Ergebnisse dieser Analyse werden abschließend zusammengefasst und kritisch beleuchtet. Dabei soll die Aussagekraft der Arbeit rückblickend geprüft und ein Ausblick auf Entwicklungspotenziale des Regenwald- schutzprojektes Selva Viva gegeben werden.
Inhalt V
Inhalt
ABBILDUNGSVERZEICHNIS VIII
FOTOVERZEICHNIS IX
INTERVIEWVERZEICHNIS X
1 EINFÜHRUNG IN DIE ARBEIT 1
1.1 FORSCHUNGSINTERESSE 1
1.2 METHODIK UND AUFBAU 3
1.3 EINORDNUNG IN DIE GEOGRAPHIE 4
TEIL I
2 TOURISMUS 7
2.1 TOURISMUSBEGRIFF 7
2.2 HISTORISCHE ENTWICKLUNG 8
2.3 TOURISMUSKRITIK 8
2.4 SANFTER TOURISMUS 9
2.5 ÖKOTOURISMUS 10
3 NACHHALTIGE ENTWICKLUNG 12
3.1 GRUNDLAGEN 12
3.2 HISTORISCHE ENTWICKLUNG 12
3.3 NACHHALTIGKEITSBEGRIFF 14
3.4 ENTWICKLUNGSBEGRIFF 14
3.5 EXKURS: KONZEPTE NACHHALTIGER ENTWICKLUNG 15
3.6 NACHHALTIGE ENTWICKLUNG MESSEN 16
4 NACHHALTIGE REGIONALENTWICKLUNG 19
4.1 BEGRIFF DER REGION 19
4.2 TRADITIONELLE REGIONALENTWICKLUNG 20
4.3 EIGENSTÄNDIGE REGIONALENTWICKLUNG 21
4.4 NACHHALTIGE REGIONALENTWICKLUNG 22
VI Inhalt
5 OPERATIONALISIERUNG 23
5.1 TOURISMUS UND NACHHALTIGE ENTWICKLUNG 23
5.2 TOURISMUS UND NACHHALTIGE REGIONALENTWICKLUNG 23
5.3 ZIELE DER NACHHALTIGEN ENTWICKLUNG VON TOURISMUSREGIONEN 24
5.4 INDIKATOREN NACHHALTIGER REGIONALENTWICKLUNG IM TOURISMUS 25
TEIL II
6 UNTERSUCHUNGSDESIGN 27
6.1 QUALITATIVE SOZIALFORSCHUNG 27
6.2 DATENERHEBUNG 28
6.3 DATENAUFBEREITUNG UND DATENAUSWERTUNG 30
6.4 VALIDITÄT UND RELIABILITÄT 32
7 ASPEKTE DER LANDESKUNDE 34
7.1 GEOGRAPHISCHE LAGE 34
7.2 PHYSIOGEOGRAPHISCHE VORAUSSETZUNGEN 35
7.3 ANTHROPOGEOGRAPHISCHE VORAUSSETZUNGEN 36
7.4 EXKURS: QUICHUAS 38
8 DAS REGENWALDSCHUTZPROJEKT SELVA VIVA 39
8.1 KONZEPTION 39
8.2 STRUKTUR 40
8.2.1 Der GSR-Schutzwald 40
8.2.2 Die Wildtierauffangstation amaZOOnico 41
8.2.3 Die Liana Lodge 41
8.2.4 Die Regenwaldschule Sacha Yachana Huasi 42
8.2.5 Das Quichuahotel Runa Huasi 42
8.3 AKTEURE 43
8.4 45 PROBLEMBEREICHE
TEIL III
9 ÖKONOMISCHE ZIELDIMENSION 46
9.1 VORAUSSETZUNGEN 46
9.2 VERNETZUNG 47
9.3 INVESTITION 49
Inhalt VII
9.4 INFRASTRUKTUR 51
9.5 INNOVATION 52
9.6 ÖKONOMISCHE GESAMTSICHT UND HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN 54
10 ÖKOLOGISCHE ZIELDIMENSION 57
10.1 VORAUSSETZUNGEN 57
10.2 RAUMNUTZUNG 57
10.3 RESSOURCENVERBRAUCH 59
10.4 ABFALLPLANUNG 61
10.5 ARTENSCHUTZ 64
10.6 ÖKOLOGISCHE GESAMTSICHT UND HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN 66
11 SOZIALE ZIELDIMENSION 72
11.1 VORAUSSETZUNGEN 72
11.2 EXKURS: KULTURELLE IDENTITÄT 73
11.3 AKZEPTANZ 75
11.4 KOOPERATION 76
11.5 VERANTWORTUNG 77
11.6 GERECHTIGKEIT 79
11.7 SOZIALE GESAMTSICHT UND HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN 81
12 SCHLUSSBETRACHTUNG 85
12.1 ZUSAMMENFASSUNG 85
12.2 REFLEXION DER VORGEHENSWEISE 87
12.3 AUSBLICK 88
LITERATUR 90
ANHANG 96
VIII Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
ABBILDUNG 01: „Magisches Dreieck“ der nachhaltigen Entwicklung.
ABBILDUNG 02: Indikatoren nachhaltiger Regionalentwicklung im Tourismus.
ABBILDUNG 03: Zusammenfassende Inhaltsanalyse.
ABBILDUNG 04: Explikative Inhaltsanalyse.
ABBILDUNG 05: Strukturierende Inhaltsanalyse.
ABBILDUNG 06: Südamerika.
ABBILDUNG 07: Ecuador.
ABBILDUNG 08: Exportstruktur Ecuadors (1999)
ABBILDUNG 09: Einreisezahlen Ecuador (2001-2005)
ABBILDUNG 10: Projektstruktur Selva Viva.
ABBILDUNG 11: Akteure Selva Viva.
ABBILDUNG 12: Wertschöpfungskette Selva Viva.
ABBILDUNG 13: Funktionsräumliche Zonierung.
ABBILDUNG 14: Abfallplanung Selva Viva.
ABBILDUNG 15: Nutzwasserentsorgung.
ABBILDUNG 16: Tiere des amaZOOnicos.
ABBILDUNG 17: Gebietskarte Selva Viva
Fotoverzeichnis IX
Fotoverzeichnis
FOTO 01: Bananenplantage auf der Anakonda-Insel. 49
FOTO 02: Aufenthaltsraum Liana Lodge. 54
FOTO 03: Aufenthaltsraum Runa Huasi. 55
FOTO 04: Arajuno bei hohem Wasserstand. 60
FOTO 05: Arajuno bei niedrigem Wasserstand. 60
FOTO 06: Anorganische Mülltrennung (Liana Lodge) 63
FOTO 07: Müllverbrennung (Liana Lodge) 63
FOTO 08: Straße durch den GSR-Schutzwald. 67
FOTO 09: Blick Richtung Osten über den GSR-Schutzwald. 67
FOTO 10: Abfallgrube (amaZOOnico) 69
X
Interviewverzeichnis
INTERVIEW 01, Persönliches Gespräch am 06.11.2004
INTERVIEW 02, Persönliches Gespräch am 22.11.2004 INTERVIEW 03, Persönliches Gespräch am 27.11.2004 INTERVIEW 04, Persönliches Gespräch am 09.12.2004 INTERVIEW 05, Persönliches Gespräch am 19.01.2005 INTERVIEW 06, Persönliches Gespräch am 23.01.2005 INTERVIEW 07, Persönliches Gespräch am 25.01.2005 INTERVIEW 08, Persönliches Gespräch am 26.01.2005 INTERVIEW 09, Persönliches Gespräch am 27.01.2005 INTERVIEW 10, Persönliches Gespräch am 28.01.2005 INTERVIEW 11, Persönliches Gespräch am 02.02.2005
Aus datenschutzrechtlichen Gründen wurde auf eine namentliche Nennung der Gesprächspartner in der vorliegenden Arbeit verzichtet und die dafür Interviews nummerisch gekennzeichnet. Die zusammenfassenden Protokolle der Dialoge, eine namentliche Übersicht der Interviewpartner sowie der verwendete Gesprächsleitfaden finden sich im separaten An-hangsband, der dieser Arbeit beigefügt ist.
Im Text wird zur Kennzeichnung der Interviews eine Kurzzitierweise verwendet (z. B.: I. 03, S. 52): Die Abkürzung „I.“ steht für „Interview“, die darauf folgende Zahl markiert die Interviewnummer. Die Zahl hinter dem Kürzel verweist auf die einschlägige Seite im Anhangs-band.
Die Interviews 05, 06, 07, 08 und 10 wurden auf Spanisch geführt und vom Autor frei über- setzt.
Einführung in die Arbeit 1
1 Einführung in die Arbeit
1.1 Forschungsinteresse
Kein Lebensraum dieser Erde kann auch nur annähernd eine solche Biodiversität aufweisen wie die Tropenwälder beiderseits des Äquators. Schätzungen zufolge kommen ca. 50-70% aller Tier- und Pflanzenarten in den tropischen Regenwäldern vor, obwohl diese lediglich 7% des Erdfestlandes ausmachen (vgl. BUCHWALD 2002, S. 121).
Dieses komplizierte Ökosystem ist durch eine hohe Fragilität gekennzeichnet. Eingriffe können zu weitreichenden Veränderungen führen. Solange die Bevölkerungsdichte in den Tropenwäldern gering war, blieb eine extensive Bewirtschaftung durch den Wanderfeldbau möglich. Die systematische Nutzbarmachung tropischer Waldflächen in den letzten Jahrzehnten hat die Zukunftsperspektiven dieses Vegetationsgürtels in den wissenschaftlichen Fokus gebracht. Obwohl es bis heute schwer ist, zuverlässige Daten zu bekommen, ist von einer kontinuierlichen Zerstörung tropischen Regenwaldes auszugehen. Nach Erhebungen der „Food and Agriculture Organization of the United Nations“ (FAO) schrumpfen die Tropenwälder jährlich um ca. 9,4 Millionen Hektar (FAO 2005, S. 137). In qualitativer wie quantitativer Hinsicht werden oft der zunehmende regionale Siedlungsdruck sowie die Zunahme der Gesamtbevölkerung tropischer Staaten als entscheidender Grund der Flächenverluste angegeben. Die Bevölkerungszunahme Amazoniens beträgt jährlich etwa 5%. Zahlreiche Tropenländer weisen zudem eine hohe Auslandsverschuldung auf (vgl. BUCHWALD 2002, S.136). Infolge der volkswirtschaftlichen Abhängigkeit von Exporteinnahmen wird häufig versucht, sämtliche Ressourcen des Tropenwaldes für den Export nutzbar zu machen. Dies ist fast immer mit Abholzung für Straßenbauvorhaben, Siedlungsprojekten, einer Erschließung von Erdölvorkommen und anderen Bodenschätzen, Holzschlag für die Industrie sowie der Brandrodung für landwirtschaftliche Großprojekte verbunden (vgl. HARTMANN 1989, S. 10). Eine vergleichbare Entwicklung trifft auf Ecuador zu. Die Exporteinnahmen des Andenstaates durch Erdöl betrugen in den Jahren 1995-2000 zwischen 30 und 45% der gesamten Staatseinnahmen (vgl. RÜLLE und SCHÄFER 2000, S. 3-5). Erdöl ist damit wichtigstes Exportgut. Die Erdölvorkommen des Landes befinden sich fast ausschließlich im ecuadorianischen Amazonasgebiet (vgl. BÜNSTORF und WINKLER 2002 S. 11). Auch das in dieser Arbeit untersuchte Regenwaldschutzprojekt Selva Viva wird durch die Auswirkungen der Erdölförderung beeinflusst (vgl. I. 11, S. 61).
Der tropische Regenwald kann durch diese Eingriffe irreversibel verändert werden. Die großklimatischen Folgen durch die Veränderung von Wasserhaushalt, Veränderung des CO 2 - Gehaltes der Atmosphäre und weitere Begleiterscheinungen der Waldzerstörung sind auf-
2
grund ihrer Komplexität schwer abzuschätzen (vgl. HARTMANN 1989, S. 11). Regionale Auswirkungen der Abholzung wie der Rückgang der Biodiversität, die Nährstoffverluste des Bodens durch Erosion und die eingeschränkten Möglichkeiten, die meist nährstoffarmen Böden landwirtschaftlich langfristig und gewinnbringend zu nutzen, sind jedoch unbestritten (vgl. BRECKLE und WALTER 1991, S. 56-59). Auch Veränderungen des regionalen Klimas auf-grund verringerter Transpiration und damit geringerer Niederschläge. Ein Anstieg des Albedowertes durch erhöhte Rückstrahlung sowie verringerte Feldkapazitäten und damit verbunden höhere Abflussmengen sind nachweisbar (BUCHWALD 2002, S. 140-141). KAULE (1991, S. 15) geht davon aus, dass durch den Menschen etwa 300-500 von den in der Natur vorkommenden Tier- und Pflanzenarten kommerziell oder für den Eigenbedarf genutzt werden. Der weitaus größere Anteil bleibt ungenutzt und ist bis heute nicht bestimmt. Das Ausmaß, auch der wirtschaftlichen Bedeutung, dieses noch zum größten Teil unbekannten und unerschlossenen Genreservoirs, kann nur vermutet werden. Dies kann dennoch nicht als Argument für die Abholzung des Regenwaldes geltend gemacht werden. Bezogen auf den Naturhaushalt kann als gesichert angesehen werden, dass „es im Naturhaushalt entbehrliche Arten eigentlich nicht gibt“ (KAULE 1991, S. 15). Angesichts der Unwissenheit über den Wirkungszusammenhang der natürlichen Gattungen muss der tropische Regenwald aufgrund seiner besonderen Bedeutung für die globale Artenvielfalt als schützenswert angesehen werden. Alternativen Nutzungskonzepten mangelt es dabei oft an effektiven Umsetzungsstrategien. Eine langfristige Nutzung und ein effektiver Schutz sind jedoch Grundvoraussetzung zum Erhalt des tropischen Regenwaldes (vgl. BUCHWALD 2002, S. 141-143). Das Regenwaldschutzprojekt Selva Viva proklamiert einen solchen alternativen Nutzungsansatz für sich (vgl. I. 01, S. 4). Alternativen sollen innerhalb der Einrichtung insbesondere durch den Tourismus geschaffen werden. Doch auch die Auswirkungen des Tourismus sind nicht unumstritten (vgl. REVERMANN und PETERMANN 2003, S. 20). Oft sind theoretisch entwickelte, idealtypische Vorstellungen in ihrer Umsetzung nicht praktikabel. Auch die im theoretischen Zusammenhang generierten Hypothesen zu Folgeerscheinungen des Tourismus sind oftmals bar empirischer Verifizierungen (vgl. HEß 1998, S. 107). Insbesondere im Bereich der Regionalanalysen besteht im Kontext alternativer Nutzungskonzepte und deren Wirkung erheblicher Forschungsbedarf. Aufgrund lokaler Eigenheiten, ist eine allgemein gültige Analyse nicht möglich (vgl. BAUMGARTNER und RÖHRER 1998, S. 55-56). Da die nachhaltige Nutzung des Regenwaldes ausgesprochenes Ziel Selva Vivas ist, muss sich die Konzeption des Gesamtprojektes somit auch an Leitlinien nachhaltiger Entwicklung messen lassen. Hierin liegt die Herausforderung dieser Arbeit. Es sollen Wege und Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie regionalspezifische Besonderheiten und signifikante Charakteristika Selva Vivas berücksichtigt werden können, die dabei ebenfalls Prinzipien einer nach- haltigen Entwicklung entsprechen.
Methodik und Aufbau 3
1.2 Methodik und Aufbau
Bei der hier vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine Zustands- und Prozessanalyse, die Aufschluss über den Zielerreichungsgrad des Regenwaldschutzprojektes Selva Viva in Bezug auf eine nachhaltige Regionalentwicklung geben soll. Zentrales Anliegen ist die Entwicklung von Indikatoren auf theoretischer, wissenschaftlicher Basis, die auf praxisrelevante Inhalte anwendbar sind.
Die Arbeit gliedert sich in drei Teile, die jeweils in Kapitel unterteilt sind. Im ersten Teil erfolgt eine wissenschaftliche Auseinandersetzung der Thematik der nachhaltigen Regionalentwicklung sowie mit dem Arbeitsfeld Tourismus. Ausgehend von begrifflichen Eingrenzungen, sollen Möglichkeiten und Grenzen der Operationalisierbarkeit aufgezeigt werden. Da sich in der Literatur allein für den Begriff „nachhaltige Entwicklung“ etwa 70 verschiedene Definitionen finden lassen (BAUMGARTNER und RÖHRER 1998, S. 17), kann lediglich eine, für diese Arbeit relevante, Eingrenzung des Begriffspaares getroffen werden. Resultat dieses Arbeitsprozesses ist die Entwicklung von Indikatoren, die jedoch nicht allgemein gültig sind. Sie sollen der Bewertung des Regenwaldschutzprojektes Selva Viva, das auf eine nachhaltige Nutzungsstrategie zielt, unter besonderer Beachtung des Großraumes der inneren Tropen, dienen. Der zweite Teil bezieht sich auf die Handlungsebene. Die für die Darstellung der Organisation relevanten Daten wurden im Vorfeld in einen Evaluationsrahmen integriert. Die Art der Datenerhebung, die Selektion des empirischen Materials sowie die Wahl des Auswertungsverfahrens, werden der Projektbeschreibung vorangestellt. Dieser Darlegung des Untersuchungsdesigns wird eine räumliche Eingrenzung des Forschungsfeldes, mit den entsprechenden gebietsgeographischen Besonderheiten, angeschlossen. Auf dieser Grundlage kann dann eine deskriptive Präsentation von Struktur und Organisation des Regenwaldschutzprojektes Selva Viva erfolgen.
Die ersten beiden Teile sind Grundlage für den reflexivanalytischen dritten Teil. Die im ersten Teil generierten Indikatoren werden nun auf das Forschungsfeld angewandt. Mit Blick auf Grundsätze nachhaltiger Regionalentwicklung werden Anspruch und die konkrete Umsetzung gegenübergestellt. Ziel dieses Arbeitsschrittes ist eine Hypothesengenerierung über Defizite, Entwicklungspotenziale und bereits erreichte Ziele. So wird das konkrete Praxisbeispiel in einen Theorierahmen integriert. Abschließend soll der Stand des Regenwaldprojektes Selva Viva, im Hinblick auf Gütekriterien einer nachhaltigen Regionalentwicklung bewer- tet werden.
4
1.3 Einordnung in die Geographie
Ausgangspunkt geographischer Forschung ist das Beziehungsgefüge zwischen dem Menschen und seiner Umwelt. Ihr Ziel ist es, Umweltsysteme in ihrem Funktionszusammenhang zu erforschen. Dabei bezieht sich diese Betrachtungsweise auch auf Nutzungseingriffe (vgl. LESER und SCHNEIDER 1999, S. 17-23).
Eine divergente Akzentuierung findet sich in den Teilbereichen der Physio- und Anthropogeographie. Betrachtungsgegenstand der Physiogeographie sind einerseits die so genannten unbelebten Bestandteile der Erde, die sich vereinfacht in Geodermis, Atmosphäre und Hydrosphäre gliedern, sowie die belebten Bestandteile, zu denen Tier- und Pflanzenwelt, sowie das geistig bestimmte Wesen Mensch gezählt werden können. Neben der naturwissenschaftlich geprägten Physiogeographie hebt die Anthropogeographie eine geisteswissenschaftliche Betrachtungsweise hervor. Diese sieht den Mensch als historisches Element in seiner Umwelt. Betont wird die Wirkung des Menschen auf den Raum (vgl. LESER und SCHNEIDER 1999, S. 25-26).
Obwohl es bei der Abgrenzung der beiden Ansätze starke innerfachliche Differenzen über die Schwerpunktsetzung gibt, kann behauptet werden, dass in der Geographie ein Dualismus aus natur- und geisteswissenschaftlichen Ansätzen besteht. Physio- und Anthropogeographie ergänzen sich nach diesem Verständnis und begegnen sich nicht dichotom. Das „Geographische“ der Betrachtung liegt dabei:
„in der Raummustererfassung […] der Erklärung räumlicher Strukturen, Prozesse und Trends sowie der Raumbewertung durch Erfassung von orts- und regionalspezifischen Prozesskennwerten“ (LESER und SCHNEIDER 1999, S. 15-16). Die Geographie untersucht also den Zustand und Wandel des Raumes als Ganzes in seinen zeitlichen und räumlichen Komponenten. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen daher nicht hochspezialisierte Sachinhalte, sondern eine integrative natur- und sozialwissenschaftliche Sichtweise der wechselseitigen Mensch-Umwelt-Beziehung in Abhängigkeit des Raum-Zeit-Gefüges (vgl. LESER und SCHNEIDER 1999, S. 9-11).
Neben der Unterscheidung in Physio- und Anthropogeographie, lassen sich die Allgemeine und die Regionale Geographie differenzieren. Diese werden oft als Gegensatzpaare begriffen. Mit Bezug zu dem ganzheitlichen Ansatz der Geographie als Wissenschaft wird hier jedoch ein integratives Verständnis bevorzugt. Die Allgemeine Geographie ist dabei nach GERLING (1973, S. 19) als ein Dachgebiet zu begreifen, in der die als „Geofaktoren“ 1 be-
1 Zuden Geofaktoren werden sowohl Landschaftsfaktoren wie Georelief, Klima oder Pflanzen gezählt
Einordnung in die Geographie 5
zeichneten Einzelelemente der Mensch-Umwelt-Beziehung erforscht werden. Die Allgemeine Geographie arbeitet also mit Geofaktorenlehren, wie Sozial-, Bevölkerungs-, Wirtschaftsgeographie oder Geomorphologie, Klimageographie und Biogeographie (vgl. LESER und SCHNEIDER 1999, S. 39). Sie integriert dabei zugleich die Physio- als auch die Anthropogeographie. Somit analysiert die Allgemeine Geographie das System der „Geofaktoren“ und deren Funktionszusammenhang. Dabei muss zugleich betont werden, dass die konkrete Forschung der Allgemeinen Geographie ebenfalls regional, also örtlich begrenzt, erfolgt (vgl. LESER und SCHNEIDER 1999, S. 42). Aus den Ergebnissen sollen jedoch „allgemeine Kategorien zu Typen abstrahiert“ (GERLING 1973, S. 17) werden. Die Allgemeine Geographie zielt somit auf generelle Erkenntnisse, um daraus Theorien und Regeln zu entwickeln. Eine allgemein gültige Theorie zu entwickeln ist nicht Ziel dieser Arbeit. Dennoch dienen einzelne Teilbereiche der Allgemeinen Geographie als Hilfe, so dass auf diese zurückgegriffen wird. Dieser Rückbezug ist insofern notwendig, da die hier vorliegende Arbeit als Querschnittsanalyse zu begreifen ist, die gerade mit ihrem Bezug zur nachhaltigen Entwicklung eine ganzheitliche Sichtweise verfolgt und somit aus verschiedenen Teilbereichen ihren Unterbau strukturiert.
Dass die Allgemeine Geographie als Bezugsebene zu regionalgeographischer Forschung stehen kann, betont GERLING (1973, S. 17-19). Demnach behandelt die Regionale Geographie Teile der Erde als funktionale Einheiten. Es findet dabei je nach Problemlösungsnotwendigkeit eine Gewichtung physio- bzw. anthropogeographischer Aspekte statt. Sie basiert dabei auf Theorien und Regeln der Allgemeinen Geographie und deren Faktorenlehren (vgl. LESER und SCHNEIDER 1999, S. 39).
Bei Rückbezügen zu den Geofaktorenlehren der Allgemeinen Geographie ist im Kontext dieser Arbeit die Wirtschaftsgeographie zu nennen (vgl. SCHÄTZL 2001, S. 24-26). Einen großen Beitrag leistete dabei die Raumwirtschaftstheorie. Diese lässt sich generalisierend in drei Kategorien gliedern: Standorttheorien, Räumliche Mobilitätstheorien sowie Regionale Wachstums- und Entwicklungstheorien (vgl. SCHÄTZL 2001, S. 25). Die Erstgenannten sind für diese Arbeit im weiteren Sinne von Belang. Letztere in besonderem Maße. Ziel Regionaler Wachstums- und Entwicklungstheorien ist die Erklärung sozioökonomischer Entwicklung einzelner Regionen sowie die Darstellung ihrer Dynamik und Struktur (vgl. SCHÄTZL 2001, S. 25). Auf der empirischen Ebene lässt sich diese Theorie in die Regional-forschung eingliedern. Diese versteht sich als Teilgebiet der normativen Raumforschung, die eine Analyse begrenzter Räume auf Nutzung, Besiedlung und planerische Gestaltung ermöglicht (vgl. SCHÄTZL 2001, S. 25-26). Aufgrund der Betonung von Dynamik und Struktur einer Region auf Nutzungseingriffe sowie der räumlichen Eingrenzung, ist dieser Ansatz für die vorliegende Arbeit besonders geeignet.
Nicht zuletzt muss auch Bezug auf die den Tourismus genommen werden. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Tourismus in umfassenderem Maße korrelierte mit dem einsetzenden Phänomen des Massentourismus und seiner zunehmenden ökonomischen Relevanz. Der deutsche Ausdruck des Fremdenverkehrs findet in der Literatur immer weniger Verwendung. Dennoch gibt es in der wissenschaftlichen Diskussion unterschiedliche Meinungen, nach denen entweder „Fremdenverkehr“ oder „Tourismus“ der umfassendere Begriff ist (vgl. FREYER 2005, S. 398-401). Für diese Arbeit wird in der Folge der Begriff Tourismus verwendet. Die Fremdenverkehrsgeographie bzw. Geographie des Tourismus ist seit den 1960er Jahren eine eigenständige Teildisziplin innerhalb der Geographie (vgl. BECKER; HOPFINGER; STEINECKE 2003, S. 1). Dabei ist ihre Entwicklung durch starke definitorische Differenzen geprägt. Mit Zunahme des Tourismus in quantitativer wie qualitativer Hinsicht wird es dabei immer schwieriger, die Komplexität des Vorganges abzugrenzen. BENTHIN (1997, S. 27-28) verweist daher auf die große Bandbreite der Erscheinungen, die durch den Tourismus beschrieben werden. Aufgrund der Komplexität und vielfältigen Wirkungszusammenhänge des Tourismus orientiert sich das Erkenntnisinteresse innerhalb der Geographie des Tourismus an raumbezogenen Dimensionen des Tourismus, den sie im interdisziplinären Dialog erfassen, beschreiben und erklären will. Das Erkenntnisinteresse ist demnach praxisorientiert (vgl. BECKER; HOPFINGER; STEINECKE 2003, S. 1-3). Diese Arbeit bezieht sich primär auf die Raumdimension touristischer Zielregionen, konkret auf das Regenwaldschutzprojekt Selva Viva.
Die vorliegende Arbeit kann als Querschnittsanalyse gesehen werden, die sowohl auf physio- wie anthropogeographische Aspekte zurückgreift. Die Allgemeine Geographie wird als Bezugsebene gesehen, an der sich die Regionale Geographie orientiert. Im Fokus stehen dabei in besonderem Maße Ansätze regionaler Entwicklungstheorien und der Geographie des Tourismus.
Tourismusbegriff 7
Teil I
2 Tourismus
2.1 Tourismusbegriff
Der Tourismusbegriff unterliegt einem Wandel, der auch kennzeichnend für Veränderungen innerhalb des touristischen Feldes selbst ist (vgl. MÜLLER 2002a, S. 62). Eine umfassende Definition von Tourismus machten 1942 die Schweizer Tourismuswissenschaftler HUNZIKER und KRAPF:
„Fremdenverkehr [der Begriff kann hier synonym zum Begriff Tourismus begriffen werden; Anm. d. Verf.] ist der Inbegriff der Beziehungen und Erscheinungen, die sich aus der Reise und dem Aufenthalt Ortsfremder ergeben, sofern durch den Aufenthalt keine Niederlassung begründet und damit keine Erwerbstätigkeit verbunden wird“ (HUNZIKER und KRAPF 1942, S. 21)
Obwohl mit dieser Definition bereits ein Gesamtsystem von Beziehungen und Erscheinungen benannt ist, werden Geschäftsreisen aus dem Begriff zunächst ausgeklammert; der Fokus liegt auf der touristischen Zielregion. KASPAR hat diese Definition ausgeweitet und umformuliert. Sie wird heute auf internationaler Ebene am häufigsten verwendet und ist von der Internationalen Vereinigung wissenschaftlicher Tourismusexperten (AIEST) anerkannt: „Tourismus ist die Gesamtheit der Beziehungen und Erscheinungen, die sich aus der Reise und dem Aufenthalt von Personen ergeben, für die der Aufenthaltsort weder hauptsächlicher und dauerhafter Wohn- noch Arbeitsort ist“ (KASPAR 1996, S. 18) Diese Begriffsbestimmung erlaubt eine umfassende Betrachtung des Phänomens Tourismus und seiner relevanten Problemdimensionen. Konstitutive Merkmale sind hierbei die Reise zu einem fremden Ort sowie der damit verbundene Aufenthalt außerhalb der täglichen Arbeits-, Wohn- und Freizeitwelt (vgl. MÜLLER 2002a, S. 63). Der Zweck der Reise bleibt in dieser Definition offen, weshalb in der Fachliteratur zur besseren Abgrenzung häufig zwischen Tourismusarten und Tourismusformen unterschieden wird (vgl. BECKER; JOB; WITZEL, 1996, S. 12). Aber auch diese Abgrenzung ist nicht trennscharf. Daher sprechen BAUMGARTNER und RÖHRER (1998, S. 10) von verschiedenen touristischen Erscheinungsformen wie Sport-, A- benteuer-, Wochenendtourismus. Diese können dabei durchaus zusammenfallen.
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2.2 Historische Entwicklung
FREYER (2005, S. 5) gliedert die historische Entwicklung des Tourismus in vier Phasen. In ähnlicher Weise findet sich diese Abgrenzung auch bei anderen Autoren. Charakteristisch ist, dass der Tourismus kein neuzeitliches Phänomen ist. Bereits im Altertum gab es mit Bildungsreisen, Geschäftsreisen und Wallfahrten heute bekannte und verbreitete Reisemotive, was FREYER (2005, S. 5) als Vorphase des Tourismus bezeichnet. Erst mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden dann die technischen Voraussetzungen für den Transport einer größeren Anzahl Reisender geschaffen (vgl. MÜLLER 2002a, S. 17). Dennoch blieb das Reisen bis in das späte 19. Jahrhundert primär ein Privileg der gesellschaftlichen Elite. Man spricht von der Anfangsphase des Tourismus. Mit zunehmendem Einfluss der Gewerkschaften wurden in Tarifverträgen nach und nach arbeitsfreie Tage durchgesetzt. Dies schaffte die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die Reisen für eine breite Bevölkerungsschicht ermöglichten. Angesichts dieser Institutionalisierung des Tourismus spricht man hier auch von einer Entwicklungsphase, die den Weg in das heute bekannte Massenphänomen Tourismus, die Hochphase, ebnete. Diese Hochphase wird weiter in einzelne Unterphasen gegliedert, die durch erste negative Auswirkungen des Tourismus und eine damit einhergehende Auseinandersetzung, die Tourismuskritik, gekennzeichnet sind (vgl. OPASCHOWSKI 2001, S. 20-22).
2.3 Tourismuskritik
In der Tourismuskritik unterscheidet man gemeinhin fünf zeitliche und inhaltliche Grundströmungen. Die frühe, elitäre Tourismuskritik richtete sich gegen den aufkommenden Massentourismus, wobei sich die Oberschicht in ihren Privilegien beschnitten fühlte (vgl. MÜLLER 2002b, S. 109). Die als ideologisch bezeichnete Kritik verurteilt den Tourismus als Selbsttäuschung und Flucht aus dem industriellen Alltag (vgl. MÜLLER 2002b, S. 109). Die weiteren drei Grundströmungen beziehen sich jeweils auf negative Folgen des Tourismus auf Grundlage der Dimensionen nachhaltiger Entwicklung 2 : Ökonomie, Ökologie und Soziales (vgl. OPASCHOWSKI 2001, S. 19). Der Tourismus beute die Zielregionen, insbesondere Entwicklungsländer, aus, ist die ökonomische Sichtweise. Auf der sozialen Ebene vermutet man negative Auswirkungen auf Sozialstrukturen und kulturelle Traditionen der einheimischen Bevölkerung. Die ökologische Kritik richtet sich gegen die touristisch bedingte Umweltzerstörung (vgl. OPASCHOWSKI 2001, S. 22). Diese Kritikpunkte sind jedoch bis heute mit einem Forschungsdefizit belastet. Grundlage der Kritik sind somit primär Annahmen und Vermutungen (vgl. OPASCHOWSKI 2001, S. 22).
2 Auf die Dimensionen nachhaltiger Entwicklung wird ausführlich in Kapitel drei dieser Arbeit Bezug
genommen.
Sanfter Tourismus 9
Das von dem Schweizer Wissenschaftler JOST KRIPPENDORF (1975) verfasste Buch „Die Landschaftsfresser“ wird oft als Auslöser der bis heute aktuellen öffentlichen Auseinandersetzung um die Folgen des Tourismus genannt (vgl. OPASCHOWSKI 2001, S. 20). In der Diskussion waren und sind dabei insbesondere die langfristigen Konsequenzen des Tourismus. Ausgehend von den genannten Kritikpunkten wurden alternative Tourismuskonzepte entwickelt. Bei der theoretischen Begründung dieser Konzepte mangelt es weiterhin an Daten-grundlagen, so dass Lösungsvorschläge unvollständig bleiben (vgl. MÜLLER 2002a, S. 117). Weitere Schwierigkeiten ergeben sich in der Messung der Bewertung touristischer Wirkfaktoren (vgl. OPASCHOWSKI 2001, S. 24).
Die Versuche der Wissenschaft, konkrete Lösungen für die Praxis zu finden, werden in der Folge an den zwei prägnanten Ansätzen des sanften Tourismus und des Ökotourismus festgemacht. Diese stehen stellvertretend für eine Fülle von Begriffen wie grüner, angepasster oder umweltverträglicher Tourismus, um nur einige aufzuzählen, mit denen versucht wurde, alternative Tourismuskonzepte zu benennen.
2.4 Sanfter Tourismus
In der Diskussion um die negativen Folgen des Tourismus muss auch der Begriff des sanften Tourismus genannt werden. Er kann sich gegen herkömmliche Formen des Tourismus wenden und als Fortsetzung der Auseinandersetzung mit den allgemeinen Entwicklungstendenzen des modernen Massentourismus angesehen werden (vgl. REVERMANN und PETERMANN 2003, S. 133). Soweit nachzuvollziehen, prägte den Begriff als Schlagwort der Wissenschaftler Robert Jungk. In seinem 1980 erschienenen Bericht in der Zeitschrift „Geo“ stellt er das „sanfte Reisen“ dem „harten Reisen“ gegenüber, welches den unreflektierten, mit schnellen Verkehrsmitteln reisenden Kurzzeittouristen charakterisiert, der seinen Lebensstil in das jeweilige Gastland importiere und so negativ, im Sinne der klassischen Tourismuskritik, wirke (vgl. JUNGK 1980, S. 154-156).
Diese plakative Begriffsprägung kann als Ausgangspunkt für eine Diskussion gesehen werden, die in ihrer Folge durch erhebliche interpretative Differenzen gekennzeichnet war. Einigkeit bestand jedoch über grundsätzliche Ziele wie das Interesse an einer intakten Natur, Sozialverträglichkeit und die Minimierung wirtschaftlicher Risiken (vgl. BAUMGARTNER und RÖHRER 1998, S. 11). Nach REVERMANN und PETERMANN (2003, S. 134) kristallisierten sich zwei Hauptzielrichtungen heraus. Dies ist zum einen der Ansatz zur Entwicklung struktureller Alternativen. In diesem Verständnis ist sanfter Tourismus ein „Nischentourismus“, der sich insbesondere auf den ländlichen Raum bezieht. Zum andern wird sanfter Tourismus als globales Korrektiv des Tourismus gesehen. Da der Tourismus jedoch wie jeder andere Wirtschaftszweig auch den Gesetzen des Marktes unterworfen ist, bemängeln Kritiker, dass Umweltschutz im Sinne des sanften Tourismus als Aushängeschild missbraucht wird, um
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eine kurzfristige ökonomisch optimale Vermarktung natürlicher Ressourcen zu erreichen (vgl. REVERMANN und PETERMANN 2003, S. 135). Dadurch steigt die Gefahr des Etikettenschwindels und der Abstimmung touristischer Angebote auf die Forderungen der Reisenden. Dort, wo die Konzentration auf notwendige Umweltmaßnahmen wichtig wäre, treten oft Eigeninteressen in Konflikt mit Umweltinteressen (vgl. SCHEMEL 1992, S. 44). Beim touristischen Akteur gehört die Befriedigung von Freizeitbedürfnissen durch die Ausnahmesituation „Urlaub“ zum Selbstverständnis. Freizeit stellt nach heutigem Verständnis einen Gegensatz zur nicht freien, fremdbestimmten Zeit dar (vgl. ADORNO 1996, S. 645). Entsprechend gering ist die Bereitschaft, persönliche Opfer in Form eines veränderten Reiseverhaltens zu erbringen. Dem touristischen Umweltbewusstsein steht daher meist ein wenig ausgeprägtes Umweltverhalten gegenüber (vgl. OPASCHOWSKI 2001, S. 48). Ökologisch orientierte Maßnahmen müssen somit den Kundenbedürfnissen angepasst werden (vgl. KIRSTGES 1995, S. 74-75).
Insgesamt bleibt daher zu bezweifeln, dass der Ansatz des sanften Tourismus in der Lage ist, strukturellen Defiziten des Tourismus, insbesondere seinem fortgesetzten Wachstum und einer ungebremsten Mobilität, entgegenzuwirken (vgl. BAUMGARTNER und RÖHRER 1998, S. 11).
2.5 Ökotourismus
Der englische Begriff „ecotourism“ wurde bereits 1965 geprägt und versteht sich als Teil des ganzheitlichen Ansatzes „ecodevelopment“. Im Deutschen wird der Ausdruck Ökotourismus etwa seit den 1990er Jahren als Schlagwort verwendet. Der Begriff steht dabei für die Idee, eine nachhaltige Entwicklung durch den Tourismus zu erreichen (vgl. BAUMGARTNER und RÖHRER 1998, S. 14). Eine eindeutige Definition konnte bislang allerdings nicht gefunden werden.
Anerkannte Ziele des Ökotourismus sind eine intakte natürliche und soziale Umwelt als Grundlage des touristischen Potenzials. 3 Trotz dieser Grundsätze zeigen empirische Untersuchungen, dass ökotouristische Initiativen oft nur unzureichend in regionale Entwicklungspläne einbezogen werden und keine Verbindungen zu anderen Wirtschaftsbereichen bestehen (vgl. BAUMGARTNER und RÖHRER 1998, S. 14). Ökotourismus kann sogar kontraproduktiv wirken, wenn es zu Zielkonflikten kommt. Die Einrichtung von Schutzgebieten für die touristische Nutzung, die mit Zwangsumsiedlungen der einheimischen Bevölkerung aufgrund ökonomischer und ökologischer Motive verbunden sind, zeigen die Grenzen des Ökotourismus in seiner derzeitigen Umsetzung und mit Blick auf seinen ganzheitlichen Anspruch (vgl.
3 Auch wenn OPASCHOWSKI (2001, S. 43-44) Beispiele für eine gegenläufige Entwicklung findet, in der
Ökotourismus 11
BAUMGARTNER und RÖHRER 1998, S. 14). Dennoch können Anknüpfungspunkte - wie zu zei- gen sein wird - zu nachhaltigen Entwicklungskonzepten gefunden werden.
Arbeit zitieren:
M. A. Eric Horster, 2006, Tourismus als Chance nachhaltiger Regionalentwicklung im ecuadorianischen Amazonasgebiet, München, GRIN Verlag GmbH
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