Die Wahrheit ist eine garstige Hyäne - sie beißt und kratzt und lässt nicht ab, sie verteidigt sich und straft gewissenhaft bei fehlender Beachtung. Da entstehen unausweichlich Fragen: Was verstehen wir unter der Lüge? Umfasst der Begriff „Unwahrheit“ noch mehr? Die Forschung eröffnet hier einen neuen Ansatz, nach dem „Lügen […] viel aufwändiger ist, als die Wahrheit zu sagen. Nur extrem gut vernetzte Gehirne können auch gut lügen. Autistischen Kindern […], bei denen die Neuronen-Kommunikation im Gehirn gestört ist, fällt es schwer, die Unwahrheit zu sagen.“ 1 Was also macht die Lüge so attraktiv, dass wir sie abhängig von der Definition 1,8- bis 200-mal täglich 2 nutzen? Welchen moralischen Wert nimmt die Lüge tatsächlich ein?
Ich glaube: Es gibt ein menschliches Recht auf die Wahrheit, ein Recht also, an Stelle von Täuschung oder Verschweigen (diese zwei Standardformen fehlender Wahrheit sollen eine Begriffsgrundlage sein, wobei die Lüge selbst als Täuschung erfasst werden darf und Unwahrheit zusätzlich das Verschweigen wichtiger Informationen beispielsweise im Wahlkampf oder bei der Verheimlichung der Adoption eines Kindes betrifft, die Lüge also impliziert), Ehrlichkeit als minimale Form des Respekts zu erwarten, um ein gesellschaftliches Zusammenleben zu ermöglichen. Die kleinste Form des Respekts? Möglicherweise, denn Respekt vor dem Gegenüber bedeutet, die Person des anderen zu akzeptieren trotz all ihrer Mängel und dem anderen so wenig Schaden wie möglich zuzufügen, ihn als empfindendes Wesen anzuerkennen - und auch hier weist Subjektivität uns den Weg: Wir erleben eine eingeschränkte Sicht und sollten uns nicht anmaßen, vollständig zu wissen, welches Maß an Wahrheit der andere tatsächlich wünscht. Für mich ergibt sich hierdurch in der Praxis die Forderung an mich selbst, dem Gegenüber so viel Wahrheit wie möglich anzubieten. Was, wenn der andere eine Wahrheit nicht verträgt? Als Wahrheitsübermittler tragen wir Verantwortung und in solchen Fällen die Pflicht, den anderen aufzufangen oder wenigstens an geeignete Stellen weiterzuleiten. Weiter: Ein menschliches Recht? Es erscheint unplausibel, davon
1 vgl. Saillo, Jean Michel, Peter Moosleitners Magazin - Welt des Wissens, August 2006, S. 39 - 41
2 ebenda
Arbeit zitieren:
Johanna Konetzke, 2010, Über die Kunst der moralischen Lüge, München, GRIN Verlag GmbH
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