Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1. Fachliche Ebene - Zwei Fallgeschichten 5
1.1. Familie K. (2004) 5
1.2. Familie W. (2009) 8
2. Familiale Ebene - Die Integrität der Familie 10
3. Mediale Ebene - Die Publikumswirkung der Super Nanny 13
4. Resümee 17
Literaturverzeichnis 19
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Einleitung
„Wie ist das möglich?“, werden einige Leute fragen. Seit die Diplompädagogin Katharina Saalfrank als Die Super Nanny im September 2004 auf Sendung gegangen ist, hagelt es regelrecht Kritik von allen möglichen Seiten her. Der Deutsche Kinderschutzbund etwa brachte bereits nach dem Pilotfilm eine Stellungnahme heraus, in welcher Kinderrechte und Menschenwürde eingeklagt wurden 1 . Es werde in entwürdigender Art und Weise in die Privatsphäre von Kindern eingedrungen, so der Tenor. Helga Theunert als Direktorin eines Instituts für Medienpädagogik warnt auf der Tagung des Deutschen Jugendinstituts 2005 davor, dass in der Sendung der „Alltag mit Kindern [...] aufgrund der Extrembeispiele und der Einseitigkeit der Darstellung eigentlich nur abschreckend“ (Theunert 2005) wirke, sie warnt vor einer „langfristig wirksame[n] Stigmatisierung“ (ebd., Hervorhebungen nicht übernommen) der teilnehmenden Familien, sie prangert die Zurschaustellung weinender und tobender Kinder als Kinderrechtsverletzungen an und befürchtet ein Wiederaufleben einer „Gehorsamkeitspädagogik“ (ebd.), welche zur „Ausbildung des autoritären Charakters Vorschub leistet“ (ebd., Hervorhebungen nicht übernommen). All diesen Vorwürfen wird zu gegebener Zeit nachzugehen sein ebenso wie der Frage, ob und wenn ja, wem und wieso die Super Nanny trotzdem zu helfen scheint. Dazu möchte ich die folgenden drei Ebenen gesondert betrachten.
Im ersten Teil werde ich mich der fachlichen Ebene widmen. Im Fokus steht also zunächst
1 http://www.kinderschutzbund-nrw.de/StellungnahmeSuperNanny.htm, 14.05.2009
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die praktische Arbeit der Super Nanny, ihre Techniken, ihre Vorgehensweise. Hierzu werde ich zwei beispielhafte Fälle, einen aus der ersten Staffel (2004/05) und einen aus der letzten (2009), analysieren und besprechen. Meine Ausgangsthese in diesem Zusammenhang ist, dass ihre Arbeit sich im Laufe der Jahre grundlegend geändert hat, und zwar sowohl in ihren Methoden, als auch in ihrem allgemeinen pädagogischen Verständnis, das von sozialarbeiterischen Sichtweisen inspiriert zu sein scheint. Der zweite Teil hat die familiale Ebene zum Gegenstand. Die Frage ist, inwieweit das Eindringen der Super Nanny mitsamt ihres Fernsehteams die Integrität der teilnehmenden Familien verletzt und welche Folgen ihnen aus der vermeintlichen Stigmatisierung entstehen. Der dritte und letzte Teil widmet sich der medialen Ebene, denn, dass die Serie solch eine (kritische) Resonanz hervorruft, liegt nicht zuletzt an ihrer Popularität: Den Pilotfilm sahen nahezu fünf Millionen Menschen, was einem Marktanteil von 17,6% entspricht und obwohl die Einschaltquoten seither abnehmen, hat die Super Nanny sich bis heute gehalten. Die Studie von Jürgen Grimm zur Publikumswirkung des Formats ist zwar von 2006, doch sie wird helfen, ein deutlicheres Bild zu entwerfen.
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1. Fachliche Ebene - Zwei Fallgeschichten
Das pädagogische Vorgehen der Super Nanny wurde oft als autoritär beschrieben. Techniken wie die stille Treppe, die von der Nanny mitgebrachten Regeln und dessen strikte Durchsetzung, gehörten zum Handwerkszeug von Katharina Saalfrank. Interessanterweise bemerken Renate und Hans Thiersch (2007) in den aktuellen Fachdiskussionen dieselbe „Rückkehr zu Strenge und Disziplin“ (Thiersch/Thiersch 2007: S. 135), in welche die Super Nanny sich sehr gut einfüge 2 .
Meine ersten Erfahrungen mit der Sendung waren anderer Art. In den Folgen, die ich gesehen hatte, gab es weder die stille Treppe, noch vorbestimmte Regeln, statt dessen beobachtete ich eine gemeinsame Zielvereinbarung, viele Anstöße zur Reflexion durch Gespräche, Videoanalysen oder aus einer konkreten Situation heraus, praktisches Coaching im Alltag und einiges mehr. Im Detail ließe sich sicherlich über ihre Umgangsformen diskutieren, wozu ich auch noch kommen möchte, doch zunächst soll es um eine Gegenüberstellung dieser zwei Beobachtungen gehen. Deshalb werde ich eine Folge der ersten Staffel einer aktuellen Folge gegenüberstellen.
1.1 Familie K. (2004)
Die Familie K. hat fünf Mitglieder: J. (13) und M1. (11) aus erster Ehe, M2. (2) und F. (4) aus zweiter Ehe sowie die alleinerziehende Mutter, S. (37). S. K. war Taxifahrerin, ist momentan ohne Arbeit, möchte sich jedoch wieder Arbeit suchen, sobald M2. in den Kindergarten kommt. Von Geldnöten ist in der Folge allerdings keine Rede. Die Familie lebt in einer
2 Die „Konzentration auf den Einzelnen, seinen Willen und sein Können […] fügt sich in eine zur Zeit weit
verbreitete Rhetorik, die dazu dient, den Einzelnen zu fordern und ihn in seiner Leistungsfähigkeit
anzusprechen, also Lebensschwierigkeiten und soziale Probleme zu privatisieren, und daneben die
gesellschaftlichen Zusammenhänge […] auszublenden und zu tabuisieren. (ebd. S. 154)
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geräumigen und aufgeräumten Neubauwohnung.
F. ist die erste, die vorgestellt wird, da sie, wie die Mutter meint, das Hauptproblem darstellt. Sie schlägt ihren jüngeren Bruder und rastet aus, „wenn sie nicht im Mittelpunkt steht“, so der Kommentar. Der Kommentator liefert auch sofort die Erklärung für ihr Verhalten, welche scheinbar von der Mutter stammt: „Der Grund ist, wie so oft, Eifersucht auf jüngere Geschwister.“ Die Arbeit der Super Nanny wird sich wegen dieser Einschätzung fast ausschließlich auf F. und S. beziehen.
Was mir auffällt, ist, dass Kommentare der Super Nanny zur Familiensituation eingeflochten sind, noch bevor die zweitägige Beobachtungsphase überhaupt begonnen hat und sich auch durch diese Phase hindurch ziehen. Gleich zu Anfang hört man da etwa: „Du bist ja gar keine Mama.“ Oder etwas später: „Was mich richtig fertig macht, ist, wie ihr miteinander umgeht.“ Es mutet an, als würde Katharina Saalfrank mit ihren ganz eigenen Wertvorstellungen in diese Familie kommen und was sie dort vorfindet, sprengt ihren engen Entwurf von Erziehung und Familie. Anstatt sich in die eingespielten Verhaltensmuster der K.s einzufühlen und auf sie einzugehen, reagiert sie vorwürflich. Dem Zuschauer oder der Zuschauerin wird hierdurch nicht nur signalisiert, dass die Erziehungsmethoden der Mutter falsch sind, sondern es wird auch unmissverständlich eine Lesart der präsentierten Zustände vorgegeben. Der eigentliche Zweck einer Beobachtungsphase, nämlich zu sehen, was für Konflikte auftauchen, wie mit diesen umgegangen wird, welche Ressourcen für die Bearbeitung genutzt werden könnten, worin für die Beteiligten die Probleme bestehen und was sie daran gerne ändern würden, wird auf diese Weise nur teilweise erfüllt.
So wie die Beobachtung endet, beginnt die Intervention: Katharina Saalfrank führt ihre Regeln ein. Die Regeln für Kinder und Eltern sind separat, werden von der Super Nanny vorgegeben und verlesen und für alle sichtbar aufgehangen. In einer anderen Folge bemerkte eine Mutter diesbezüglich, dass es für sie seltsam gewesen sei, von einer fremden Person Regeln vorgeschrieben zu bekommen, die von nun an zu befolgen seien. Dieses Gefühl ist mir verständlich und es offenbart meines Erachtens einen Kritikpunkt, der verallgemeinerbar wäre, da die Nanny-Regeln derzeit zu ihrem Standard-Repertoire gehörten. Die Frage ist, ob eine längerfristige Veränderung in der Familie erreicht werden kann, indem man ihnen Regeln vorsetzt, die nicht ihre eigenen sind 3 . Zudem sind die Regeln nicht für alle Familienmitglieder
3 „In der Anfangszeit wird der Gestus der Unterwerfung dramatisch inszeniert.“ (Thiersch/Thiersch 2007: S.
150)
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Arbeit zitieren:
Bastian Hillebrand, 2009, Soziale Arbeit im Fernsehen – Wolf im Schafsmantel oder moderne Sozialarbeit?, München, GRIN Verlag GmbH
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