Gliederung
Eins zu eins ist jetzt vorbei. 4
1 Die Soziale Arbeit in der Postmoderne 7
1.1 Soziale Arbeit in der Risikogesellschaft 7
1.1.1 Industrialisierung Modernisierung: Die halbe Moderne 7
1.1.2 Risiko Wissen: Die reflexive Moderne 8
1.1.3 Soziales Risiko Identität 9
1.2 Postmoderne Sozialarbeit 12
1.2.1 Von der Ambivalenz zur Differenz 13
1.2.2 Von der ersten Ordnung zur zweiten Ordnung 15
1.3 Professionelles Nicht-Wissen 16
1.3.1 Wissen Professionalisierung 16
1.3.2 Nicht-Wissen Identität 18
1.4 Perspektive(n) der Sozialen Arbeit 19
1.4.1 Ethik Ökonomisierung 19
1.4.2 Fordern Fördern 21
1.5 Resümee I 23
2 Die Beschäftigung mit sich selbst 25
2.1 Selbsterschaffung Selbstbezug Sozialer Arbeit 25
2.1.1 Identitätskonstruktionen Sozialer Arbeit 25
2.1.2 Konzept der Autopoiesis 26
2.1.3 Autopoiesis Sozialer Arbeit 27
2.2 Motive zur Sozialen Arbeit 28
2.2.1 Empirische Studie: Motive zur Sozialen Arbeit 29
2.2.2 Biographische Rekonstruktionen von Studienverläufen 31
2.2.3 Krisen Krisenpotentiale 34
2.3 Soziale Arbeit als Selbsthilfe 36
2.3.1 Das Helfer-Syndrom 36
2.3.2 Die hilflosen Helfer 39
2.4 Resümee II 41
2
3 Die (neuen) Hilflosen Helfer 43
3.1 Diskussion 43
3.2 Resümee III 46
4 Literatur 48
5 Anhang 50
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Eins zu eins ist jetzt vorbei.
In ihrem Titel Neues vom Trickser 1 besingt die Hamburger Band Tocotronic das Ende des Eins-zu-eins, sie besingt das Ende eines klaren Gegenüber; dort schleicht sich etwas ein, das keinen Namen und nur verwaschene Konturen hat; es ist eher als ein immanentes Einflüstern zu begreifen, das sich zwischen die Einzelnen und deren Objekte schiebt. Tocotronic nennt es einen Trickser, einen Vermittler oder Agenten. Was dieser Trickser macht, bleibt im Unklaren ebenso wie seine Gestalt: Wir seien es und er selbst; er mache die Worte zwischen uns und die Orte, in denen wir sind .. Die Verunsicherung in diesem Lied scheint jedoch Methode zu haben. Der in Schlagzeilenstil gesetzte Titel, Neues vom Trickser, verspricht nachrichtenartige Klarheit und Präzision - diesen Klarheit- und Präzisionspredigern bzw. deren Gläubigen möchte dieses Musikstück eine Abfuhr erteilen. „Eins zu eins ist jetzt vorbei“ verheißt das Ende von Monokausalität, von Unbefangenheit, von Wahrheit und Wirklichkeit. Sicher ist nur noch eines, nämlich, dass nichts mehr sicher ist, dass alles möglich ist. Das nachfolgende Album setzt an dieser Stelle wiederum an, es trägt den Namen Pure Vernunft darf niemals siegen. Man fühlt sich versetzt in die Zeit des Sturm und Drang mit seinen edlen Gesten, seiner jugendlichen Revolte, seiner Glorifizierung des Gefühls und der leibhaftigen Erfahrung von Leid und Glück. Allerdings ist diese Rückbesinnung keine Regression im Sinne eines Nicht-wahrhaben-wollens der eigenen Erkenntnis, sondern sie ist ein Aufruf zur Besinnung und Rekapitulation, ein Aufruf gegen blinden Fortschrittsglauben. Wo die Aufklärung die Entfremdung des Menschen von sich selbst eingeläutet hatte, versucht dieses Album jene Verbindung wiederherzustellen.
Zuletzt erschienen ist das Album Kapitulation, in dem diese Verbindung und vermeintliche Einheit mit sich wiederum angegriffen und aufgelöst wird. Mit Parolen wie „verschwör dich gegen dich“ und „mein Ruin ist Heiligtum“ komplettieren
1 Neues vom Trickser ist der letzte Titel vom 2002 erschienenen namenlosen Album von Tocotronic (wird wegen seiner schlichten, weiß gehaltenen Aufmachung auch Das Weiße Album genannt). Der Liedtext findet sich im Anhang und das Lied als Mp3 auf der beiliegenden CD.
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Tocotronic die Verunsicherung der gesellschaftlichen Praxis (aus Neues vom Trickser) mit der Verunsicherung der privaten Praxis.
Diese ausschnitthafte Analyse der letzten drei Veröffentlichungen (2002 bis 2007) der Band Tocotronic soll als Einleitung in die Thematik dieser Arbeit dienen. Zudem werde ich in groben Zügen dem Dreischritt, wie er oben beschrieben ist, in meiner Gliederung folgen.
Im ersten Kapitel, Die Soziale Arbeit in der Postmoderne, soll es demnach um die Verunsicherung rund um den Kernsatz „Eins zu eins ist jetzt vorbei“ gehen. Die These ist, dass Soziale Arbeit vielerorts in einer unzulässigen Weise die soziale Praxis vereinfacht. Zwar nimmt die Soziale Arbeit die Unsicherheit der Postmoderne ernst, indem sie von ihr profitiert, doch sie unterschätzt sie dennoch, indem sie sie abzuwenden verspricht. Damit verbunden ist auch die Frage, inwieweit eine Vermittlung oder Wiedervermittlung in gesellschaftliche Teilbereiche überhaupt möglich ist, bzw. unter welchen Bedingungen sie möglich wäre. Hierzu möchte ich mich der Reihe nach an vier Studien orientieren: Soziale Arbeit und Erziehung in der Risikogesellschaft 2 (1992) von Thomas Rauschenbach und Hans Gängler (Hg.), Postmoderne Sozialarbeit (1999) von Heiko Kleve, Professionelles Nicht-Wissen (2007) von Matthias Nörenberg und als Kontrapunkt Perspektiven der Sozialen Arbeit (2008) von Ronald Lutz.
Das zweite Kapitel, Die Beschäftigung mit sich selbst, behandelt die These, dass Soziale Arbeit stets bei sich selbst beginnt, also sich selbst zu allererst orientiert, berät und vermittelt. Dieser Autofokus wird aus verschiedenen Blickwinkeln ganz unterschiedlich bewertet: aus der Sicht des Arbeitgebers oder des Qualitätsmanagements unter Umständen als nicht effizient; aus der Sicht der Supervision als wichtige Reflexivität; aus der Sicht der AdressatInnen vielleicht als unnötig oder konspirativ. Dieses Kapitel ist vonnöten, um ein Bild davon zu bekommen, wer diese Vermittlungsarbeit leisten soll, von der hier die Rede ist, obwohl diese Ankündigung nicht abschließend einzulösen sein wird. Hierfür werde ich mir jedenfalls im ersten Schritt die Selbsterschaffung & den Selbstbezug Sozialer Arbeit ansehen, im zweiten Schritt Studien zu Motiven zu Sozialer Arbeit und im dritten Schritt die Soziale Arbeit als Selbsthilfe.
2 Der Titel bezieht sich auf Ulrich Becks Risikogesellschaft - Auf dem Weg in eine andere Moderne (1986) und entsprechend wird dieser Bezug auch in dem ausgewiesenen Kapitel zu finden sein.
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Das dritte Kapitel, Die (neuen) Hilflosen Helfer, überschreibt schließlich die Diskussion, in der es darum gehen soll, eine eigene Perspektive auf die Problematik der Hilflosigkeit zu finden. An dieser Stelle soll es auch noch einmal explizit um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer multiperspektivischen Sozialen Arbeit gehen. Ich habe das Kapitel mit Die (neuen) Hilflosen Helfer überschrieben in Anlehnung an Wolfgang Schmidbauers Hilflose Helfer (1977), mit dem Hintergedanken, dass es sich hier möglicherweise um eine zweite Dimension des von ihm skizzierten Hilflosen Helfers handelt.
Es ist mir in diesem Rahmen freilich nicht möglich eine umfassende Zusammenfassung oder abschließenden Betrachtung der genannten Referenzwerke anzufertigen, doch ich möchte mir jeweils einige Punkte herausgreifen, die mir für eine auf die Praxis Sozialer Arbeit aufgesetzte Reflexion wichtig erscheinen. Es muss jedoch stets mitgedacht werden, dass viele der Theorien, die ich an- und ausführen werde, umstritten und im Sinne empirischer Wissenschaft manchmal nicht beweisbar oder objektiv begründbar sind. Allerdings ist dies meines Erachtens auch nicht der Anspruch jener AutorInnen, denn sie gehen von der schlichten Aussage aus: „Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt“ (Maturana zitiert nach: Pörksen 2001: S. 12). Das heißt, eine beobachterunabhängige Beobachtung, Aussage oder Begründung kann es nicht geben und folglich auch keinen objektiven Beweis. Aus diesem Grund möchte ich auf die kritische Verständigkeit des Lesers oder der Leserin vertrauen und identifiziere mich darüber hinaus mit der Beschreibung Burkhard Müllers von einem Sozialarbeiter als einem „informierten Bürger“ (Müller 2008: S. 53), dessen Herausforderung darin besteht, ein „anerkanntes Allgemeines“ (ebd. S. 52), also ein „alltägliches Allgemeinwissen über Sonderwissen“ (ebd., Hervorhebung im Original), parat zu haben.
Nun noch eine Ergänzung zur Form. Ich werde für die Klientschaft, die Kundschaft, die Betroffenen, die Behandelten, die Mandant/innen von Sozialer Arbeit vorwiegend den Begriff AdressatInnen verwenden, da er mir neben den anderen Begriffen am neutralsten erscheint. Zur Gleichberechtigung der (grammatischen) Geschlechter werde ich zwischen verschiedenen Schreibformen wechseln.
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1 Die Soziale Arbeit in der Postmoderne
1.1 Soziale Arbeit in der Risikogesellschaft
Gegenstand dieses ersten Kapitels ist Thomas Rauschenbachs These, dass die Soziale Arbeit „untrennbar mit dem Projekt der Moderne und ihrer Entfaltung als Industriegesellschaft verknüpft“ (Rauschenbach 1992: S. 25) ist. Daraus ergeben sich einige Fragen, die ich thematisieren möchte: Was ist dieses „Projekt der Moderne“? Inwiefern sind Soziale Arbeit und Moderne verknüpft? Welche Folgen ergeben sich aus dieser Verknüpfung für die Soziale Arbeit?
1.1.1 Industrialisierung & Modernisierung: Die halbe Moderne
Jenes „Projekt der Moderne“ beschreibt Ulrich Beck zunächst als eine halbierte Moderne. Halbiert in dem Sinne, in dem sie auseinanderfällt in einerseits die Moderne und andererseits die Industriegesellschaft (vgl. Beck 1986: S. 19f.). Die Rationalisierung der Arbeit, die Zergliederung der Arbeitsprozesse, die Einführung von Erwerbsarbeit, die Auflösung von traditionellen Sicherungssystemen (Großfamilie, Zunft, Verantwortung des Herren) stehen für die Industrialisierung. Kennzeichen von Modernisierung dagegen ist die Reflexivität, ist das Überdenken und Überformen von Traditionen nach den Anforderungen der Zeit. Die Moderne ist allerdings nicht hervorgegangen aus einer Tradition der Reflexivität, sondern vielmehr aus der Industrialisierung selbst. In Becks Worten: „Sie [die Industriegesellschaft] ist ihrem Grundriss nach eine halbmoderne Gesellschaft, deren eingebaute Gegenmoderne nichts Altes, Überliefertes ist, sondern industriegesellschaftliches Konstrukt und Produkt“ (ebd., H.i.O.).
Schließlich wendet sich die industriegesellschaftliche Modernisierung also auf sich selbst an: konstitutive Elemente der Industriegesellschaft - „Erwerbsarbeit und Hausarbeit, Familie und Geschlechterverhältnisse, Klassenzugehörigkeit,
Fortschrittslogik, Wissenschaftsgläubigkeit - selbst [stehen] zur Disposition“
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(Rauschenbach 1992: S. 28), werden dysfunktional. Nachdem die
industriegesellschaftliche Modernisierung die traditionellen Strukturen aufgelöst hat, löst sie nun das auf, aus dem sie selbst hervorgegangen war. Die Risiken die eben in dieser Zersetzung und Selbstzersetzung entstehen, werden für Beck zur namensgebenden Größe. Die Risikogesellschaft lässt sich demnach in den Fragen nach der Risikoproduktion und Risikoverteilung fassen, anstatt in den früheren industriegesellschaftlichen Kategorien der Reichtumsproduktion und Reichtumsverteilung.
Beck datiert diesen Umschwung von der industriegesellschaftlichen Moderne hin zur reflexiven Moderne schätzungsweise auf die 1970er oder '80er Jahre. Was bis dahin als Nebeneffekt der Modernisierung galt, wird von da an als Charakteristikum der Moderne selbst (an)erkannt 3 .
1.1.2 Risiko & Wissen: Die reflexive Moderne
Der Risikobegriff ist bei Beck allerdings noch ungenau gehalten. Deshalb möchte ich der Diskussion von Thomas Rauschenbach folgen, der ein Risiko als eine nichtintendierte Folge einer Entscheidung versteht (vgl. Rauschenbach 1992: S. 35ff.). In Abgrenzung dazu spricht er von Gefahren als extern verursachte (intendierte bzw. von Natur aus gegebene) mögliche Folgen.
Aus dieser Begriffsbestimmung ergibt sich bereits ein weiteres Kriterium: das Wissen. Wenn ein Risiko eine nicht-intendierte Folge einer Entscheidung ist, dann lässt sich das Risiko nur mindern, indem man sich einen möglichst großen Überblick über diese noch-nicht-intendierten Folgen verschafft, bevor man entscheidet. Einen solchen Überblick abschließend zu erlangen, ist sicherlich unmöglich, doch der Umgang mit bestimmten Risiken verlangt nach Entscheidungen, um handlungsfähig zu bleiben. Beck kritisiert in diesem Zusammenhang die Festlegung gewisser Schadstoffgrenzen, welche er zum einen für willkürlich hält, da lokale Schadstoffkonzentrationen im Durchschnitt verloren gehen sowie die Mischung bestimmter Schadstoffe unberücksichtigt bleibt. Zum anderen sieht er ein argumentatives Problem, wenn gesagt wird, soundsoviel an Gift sei ungiftig für Mensch und Natur bis eine Gefährdung eindeutig nachgewiesen ist.
3 So erläutert Beck als ein Beispiel aus der Ökologie die Produktion von Giftstoffen in der Chemieindustrie (siehe Beck 1986: S. 31ff.).
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Solcherlei Argumentationen billigen offenkundig das Risiko von Vergiftungen und stellen den produzierenden Chemieunternehmen Freifahrtscheine aus. Risiken sind „prinzipiell argumentativ vermittelt“ (Beck 1986: S. 35, H.i.O.). Im Gegensatz zu Gefahren wie Wetterschäden, Autounfällen oder offenkundigen Verletzungen, die beobachtbar oder wenigstens im Nachhinein zurechenbar sind, verhält es sich mit Risiken anders: Wer zum Beispiel von Armut bedroht ist und warum, ist eine Frage der Argumentation, also der Perspektive. Je nachdem wen man fragt, wird man eine entsprechende Antwort erwarten dürfen. Wo ein Risiko besteht, ist mithin keine Sache der Kausalität, sondern der Überzeugungskraft - im politischen Raum etwa eine Sache der Lobby 4 .
1.1.3 Soziales Risiko & Identität
Wie auch Thomas Rauschenbach feststellt, konzentriert Ulrich Beck sich in seiner Schilderung der Risikogesellschaft auf ökologische Aspekte, die keine direkten Rückschlüsse auf die Soziale Arbeit zulassen. Zu der Frage, welche Auswirkungen Becks Thesen auf soziale Fragen haben, macht dieser lediglich Andeutungen. Thomas Rauschenbach möchte das nachholen: „Die Dramaturgie der heutigen Gesellschaft verläuft so, daß wir nicht nur auf einem ökologischen Pulverfaß sitzen, nicht nur in einem atemberaubenden Tempo ständig neue Errungenschaften von Technik, Wissenschaft und Industrie bewundern können und zugleich ob ihrer möglichen unerwünschten Folgen erschrecken. Oder mit anderen Worten: Das durch die Komplexitätssteigerung der Subsysteme Wirtschaft und Bürokratie in der Industriegesellschaft hervorgebrachte Risikopotential steht nicht nur in der Gefahr, ökologisch zu explodieren, sondern auch sozial zu implodieren“ (Rauschenbach 1992: S. 37, H.i.O.). Die soziale Implosion, das ist die Freisetzung aus traditionellen lebensweltlichen Bezügen, das ist die Destabilisierung von Milieu-, Klassen-, Geschlechterstrukturen. Das „immer verflochtener werdende Neben- und Ineinander von erfolgs- und verständigungsorientierten Handlungsmustern läßt soziales Handeln selbst in hohem Maße ungewißheitsbelastet und riskant werden“ (ebd.).
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Weitergehend unterscheidet Rauschenbach zwei Sorten von sozialen Risiken (vgl. ebd. S. 38): Einerseits bestehen Risiken, die durch den Umbau der Gesellschaft ausgelöst werden, wie zum Beispiel die Ersetzung von Arbeitsstellen durch Maschinen und Computer oder die Entstehung von sogenannter prekärer Beschäftigung. Die Einflussmöglichkeiten des Einzelnen sind hier verschwindend gering. Obwohl dies allgemein bekannt ist, sehen, paradoxer Weise, vermittelt durch PolitikerInnen, Gesetze und Medien viele dennoch die Verantwortung allein beim Einzelnen, was diese unweigerlich auch selbst irgendwann so sehen und dementsprechend mit ihrer vermeintlichen Unfähigkeit oder ähnlichen Einredungen zu kämpfen haben (vgl. Frese 1994; Grobe/Schwartz 2003; Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel 1933). Andererseits gibt es jene Risiken, die erst durch die Diversifizierung der Lebensformen möglich werden, wie zum Beispiel der Konsum von „Partydrogen“ oder die Entscheidung eines Landwirts zugunsten gen-veränderter Pflanzen oder das Eingehen einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. Hierbei zeigt sich noch einmal die nicht zu lüftende Ungewissheit von Risiken: Manche werden entgegnen, Homosexualität sei mittlerweile Normalität und sich dafür zu entscheiden, mit keinem besonderen Risiko verbunden. Andere werden argumentieren und belegen, dass sehr wohl Diskriminierungen vorkommen, in direkter Gewalt sowie subtil im Alltag. Das Risiko, das der oder die Einzelne trägt, besteht jedoch darin, dass alles passieren kann, aber nichts passieren muss. Beides ist wahr und alles ist möglich in Bezug auf den Einzelfall. Die Aufgabe für eine Akteurin in diesem Feld der Sozialen Arbeit wäre zunächst, für dieses Risiko sensibel zu sein, um dann auf Affekte des Betroffenen, die durch jenes Risiko bedingt sind (Angst, Wut, Gleichgültigkeit etc.), angemessener reagieren zu können.
Solche Risiken sind zudem eng verknüpft mit der Thematik der Identität. Die moderne Identität ist, anders als frühere Konzepte davon, facettenreich, widerspruchsvoll und individuell. Entsprechende Lebensläufe sind gezeichnet von Brüchen, wo in ständischen Agrargesellschaften lineare, von Geburt an festgelegte Biographien die Regel waren.
Es muss allerdings auch gesehen werden, dass die Freisetzung aus den Zwängen der Ständegesellschaft und die Enttraditionalisierung der Menschen zwar dazu führen, dass jeder Mensch sich eine eigene Identität aus verschiedensten Versatzstücken
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Arbeit zitieren:
Bastian Hillebrand, 2009, Die neuen „Hilflosen Helfer“, München, GRIN Verlag GmbH
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