Inhaltsverzeichnis
Vorwort. 1
Thematischer Hintergrund der Arbeit. 1
Zielsetzung und Untersuchungsfragen. 3
Inhaltlicher Aufbau der Arbeit 5
Zum Sprachgebrauch der Arbeit 5
1. Einleitung. 4
2. Erlebnispädagogik im Lernort Natur. 5
2.1. Naturentfremdung versus Naturerfahrung. 5
2.2. Der therapeutische Charakter. 8
2.3. Erlebnispädagogik mit verhaltensauffälligen Mädchen. 11
2.3.1. Verhaltensauffällige Kinder. 11
2.3.2. Arbeit mit Mädchen 15
3. Geocaching 17
3.1. Geschichte. 19
3.2. Popularität des Geocaching. 20
3.3. Grundregeln und Gefahren. 21
3.4. Pädagogische Geocaches. 22
3.4.1. Kombination mit erlebnispädagogischen Interaktionen. 24
3.4.2. Geocaching und Spieleketten 25
4. Chronologische Darstellung der Planung. 26
4.1. Vorbereitung 26
4.1.1. Örtlichkeit. 28
4.1.2. Grober Ablauf. 29
4.2. Konzeptionierung. 30
4.2.1. Erstbegehung und Reservierung des Quartiers. 30
4.2.2. Benachrichtigung der Eltern und Kinder. 31
4.2.3. Routengestaltung und Auslegen der Geocaches. 32
4.2.4. Erstellen der Spielekette. 34
4.2.5. Einbindung der Interaktionen in den Wegeverlauf. 40
4.2.6. Planung des zweiten Tages. 41
4.2.7. Zeitkalkulation. 42
4.2.8. Der Notfallplan. 43
4.3. Ziele. 44
4.3.1. Soziale Kompetenzen. 44
4.3.2. Umwelterziehung. 47
4.3.3. Identifikation mit der eigenen Geschlechterrolle. 48
5. Durchführung 49
5.1. Verlauf. 50
5.1.1. Tour. 51
5.1.2. Einsatz des Notfallplans. 51
5.2. Gruppendynamik und Wirkung. 56
5.2.1. Bei den Interaktionen. 56
5.2.2. Beim Geocaching 58
6. Beurteilung des methodischen Vorgehens und der Lernerfahrung. 59
6.1. Bewertung der Ziele. 59
6.2. Erfolgskontrolle. 62
6.3. Selbstevaluation und -reflexion 64
7. Schlussgedanken. 67
8. Quellenverzeichnisse. 69
8.1. Literaturverzeichnis. 69
8.2. Abbildungsquellen. 73
9. Anhang. 74
R ücklaufzettel: Anschreiben an die Eltern. 74
Selbstst ändigkeitserklärung.
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Verhaltensprobleme zwischen 11 und 17 Jahren nach Angaben der Eltern 12
Abbildung 2: Route. 32
Abbildung 3: Kreuzworträtsel bei Station 5. 39
Abbildung 4: Interaktion „Knoten im Seil" 53
Abbildung 5: Mädchen beim Lösen eines Cache-Rätsels. 55
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Tabelle zur Buchstabenkodierung. 36
Tabelle 2: Zeitkalkulation. 42
Tabelle 3: Interaktionsmatrix zu „Der Brückenbau" 52
Inhaltlicher Aufbau der Arbeit
In dieser Arbeit möchte ich einen Weg aufzeigen, mit dem es möglich ist, Naturerfahrungen mit
moderner digitaler Technik zu kombinieren: Geocaching, der modernen Schnitzeljagd mit GPS-
Empf änger.
Die Arbeit gliedert sich grob in drei Teile: Theorie, Praxis und Reflexion. Nach der Einleitung in
Kapitel 1, beschäftigt sich der zweite Abschnitt der Arbeit mit dem Begriff des „Lernortes Natur“
und in diesem Zusammenhang mit der Naturentfremdung beziehungsweise Naturerfahrung die
Jugendlichen zuteil wird, dem therapeutischen Charakter der Natur und der Arbeit mit
verhaltensauffälligen Mädchen in diesem Umfeld. Im dritten Kapitel soll der Begriff
„Geocaching“, seine Geschichte, Grundregeln und Gefahren erklärt und aufgezeigt werden.
Weiterhin soll den Fragen nachgegangen werden, wie Geocaching pädagogischen Charakter
erh ält und wie eine Kombination mit erlebnispädagogischen Elementen funktionieren kann. Der
vierte und fünfte Abschnitt zeigt die chronologische Darstellung der Planung und den
Projektablauf , wie ich ihn im Rahmen der Diplomarbeit vom 6. bis 7. November 2009 mit vier
verhaltensauffälligen Mädchen durchführen wollte. Die Durchführung selbst scheiterte
aufgrund diverser Schwierigkeiten, konnte allerdings mittels eines vorher erstellten
„Notfallplans“ an zwei einzelnen Tagen in einer ähnlichen Form nachgeholt werden. Im
vorletzten Kapitel sollen die vorherigen Komponenten dieser Arbeit reflektiert, sowie Erfolge
genannt und Schwierigkeiten aufgezeigt werden, um schlussendlich Hinweise zur
Verbesserung eines derartigen Projekts zu geben, welche dann, im siebten Kapitel Grundlage
f ür einen Ausblick beziehungsweise ein Fazit geben sollen.
Zum Sprachgebrauch der Arbeit
Da das im Rahmen der Diplomarbeit durchgeführte Projekt mit Mädchen stattfand, habe ich in
dieser Diplomarbeit hauptsächlich die weibliche Form gewählt. Dies soll keine Herabwürdigung
oder Diskriminierung des männlichen Geschlechts sein, sondern kann in männlicher sowie
weiblicher Form für alle Bereiche synonym angewandt werden. Weiterhin findet keine
Unterscheidung zwischen dem Begriff „Kind“ und „Jugendlichen“ statt, kann jedoch ebenfalls
analog verwendet werden. Um den Lesefluss zu erleichtern, wurde demnach keine geschlechts-,
sowie altersgruppenspezifische Unterscheidung vorgenommen. Weiterhin möchte ich darauf
hinweisen , dass die Namen der Mädchen Pseudonyme darstellen, und aus datenschutzrechtlichen
Gr ünden in anonymisierter Form vorliegen
1. Einleitung
Uralt ist die Faszination die von der Natur ausgeht - sei es die arktische Wildnis, geprägt von Wasser und Eis, von Polarstürmen und dem Eisbären, dem weißen Riesen dieses Kontinents; die afrikanische Savanne, durch deren schier unendliche Weiten grazile Gazellen springen und Elefanten sich ihren Weg bahnen; oder auch die kanadische Tundra, der Lebensraum des Grizzlybären, der Ziegen in den Rocky Mountains oder dem Alaska-Elch. Doch nicht nur in fern gelegenen Gegenden, sondern auch in Deutschland, finden sich schöne Plätze, die zum Erkunden, Verweilen und Stauen einladen: von Ostfriesland mit seinen sieben Inseln und dem Meer, über den „Brocken“, dem höchsten Berg des Harzes, in den Teutoburger Wald, der durch eine Vielzahl an unterschiedlichen Tierarten besticht, in die Bayerischen Alpen, die sich vor der Landesgrenze erheben, könnten so noch zahlreiche andere Orte genannt werden.
Doch gerade in der heutigen Zeit, geprägt von Hektik, Stress und „hausgemachten“ Problemen, finden nur noch wenige Menschen den Weg in die Natur als bewussten Ausgleich zum Alltag. Viele Menschen machen Sport im Freien, Joggen, fahren um den nächstgelegenen See eine Runde Rad oder gehen sonntags durch den Stadtpark spazieren. Doch als „ursprünglich“ können diese Aktivitäten in einer so genutzten, oft nachgebildeten Natur, nicht genannt werden. Wie viele Kinder spielen heutzutage noch im Dreck, bauen sich Lager im Wald oder Baumhäuser? Viel zu groß ist oft die Angst der Eltern vor tätlichen Übergriffen, stark beeinflusst durch die in den Medien hochgespielten und dramatisierten Kriminalfälle oder Krankheiten und Verletzungen, welche sich die Kinder zuziehen könnten. Mittelständischen Familien ist es noch möglich, ihren Kindern einen Garten mit eigenem Sandkasten zu ermöglichen, mit Bäumen, von denen sie ihre Äpfel im Herbst selbst pflücken oder von Rasenflächen, in denen Regenwürmer ausgegraben und beobachtet werden können. Doch gerade sozial benachteiligte Familien haben oft nicht die finanziellen Mittel, sich ein Haus mit Grund zu leisten, leben oft in Reihen- oder Hochhäusern und das einzig Natürliche, was der Nachwuchs zu sehen bekommt, ist ein mit einer Bank umsäumter Baum auf einem winzigen Stück Rasen.
2Goethe 1858, 182
4
So bleiben den Sprösslingen kaum noch Möglichkeiten, sich auszutoben und selbst zu verwirklichen. Vielen Kindern bleibt daher als einziger Ausweg eine Flucht in die mediale Welt - in eine Welt voller Gameboys, Playstations und Fernsehgeräte.
2. Erlebnispädagogik im Lernort Natur
Im Vordergrund von erlebnispädagogischen Naturerfahrungen steht der beispiellose Charme der Natur und die damit verbundenen einzigartigen Erfahrungen, die durch Übungen, Aufgaben und Spiele, ohne in die Natur einzugreifen und sie zu schädigen, erfahren werden können.
Es muss eine Einheit von Herz, Kopf und Hand 3 vorhanden sein, so dass alle Sinne angesprochen werden: Hören, Sehen, Fühlen, Schmecken, Riechen. Dazu kommt, dass die Kinder nicht nur auf dieser emotionalen Ebene angesprochen werden sollen, sondern auch in sozialer und psychomotorischer Hinsicht gefördert werden. Wenn diese drei Komponenten erfüllt sind und der Ort der Naturerfahrung mit pädagogischem Wissen gewählt wurde, sodass „Erlebnisse und damit verbunden Erfahrungen und Erkenntnisse möglich sind" 4 , spricht Berthold/ Ziegenspeck von einem erlebnispädagogischen Lernort. 5
2.1. Naturentfremdung versus Naturerfahrung
Die Mär von gelben Enten und lila Kühen... 6
Die offensichtlich stärker werdende Umweltverschmutzung in den 1970er Jahren führte zu einem Umdenken innerhalb der damaligen Bundesregierung, und damit verbunden zu einer Einführung des Umweltbundesamtes. Der Wandel dieser politischen Orientierung im Bereich der Umwelterziehung musste jedoch auch der Bevölkerung verständlich gemacht werden. Daher wurde der Ansatz der Ökopädagogik entwickelt und eingeführt.
3vgl. Dedering 2000, 183
4Berthold, Ziegenspeck 2002, 12
5vgl. ebd.
6Brämers Jugendreport Natur 1997, bekannt geworden unter dem Titel „Lila Kuh“
5
Dr. Rainer Brämer beschäftigt sich ab dem Jahr 1996 mit dem Verhältnis und der Bedeutung welche Jugendliche ihrer Natur entgegenbringen. Hierfür begann er mit seiner bis heute fortlaufenden Studie, genannt „Jugendreport Natur". 1996 zeigte er in „Jugend ohne Natur“ auf, was von Jugendlichen unter „Natur" verstanden wird und welchen Wert diese Natur für sie hat. 1997 erörterte der Bericht „das Bambi-Syndrom“ erneut den Stellenwert der Natur, sowie die Naturentfremdung, die sich durch seine Befragungen zeigte. Der Name „Bambi-Syndrom“ wurde von Brämer gewählt, da die Jugendlichen zu einer naiven Einstellung gegenüber der Natur tendierten: So erachteten es die Befragten als „enorm wichtig“ im Wald Pflanzen zu setzen oder diesen zu säubern. Dagegen bezweifelten sie die Sinnhaftigkeit von Holzfällarbeiten oder die Jagd eines Waidmanns. Weiterhin stellte Brämer die Frage, welche Farbe eine Ente habe und ob eine Ente gelb sei: In der ersten Klasse glaubten 70% aller Kinder, dass Enten gelb seien. Erstaunlich hierbei ist, dass Stadtkinder, egal welcher Altersklasse diese Tatsache weniger glaubten als Kinder der vierten und fünften Klasse einer Landjugend. Die „Landkinder“ waren demnach weniger informiert über die tatsächliche Farbe einer Ente. Ob der Glaube von der typisch gelben Badeente oder von den tatsächlich gelben Entenküken kam ist nicht erläutert. Sicher ist nur, dass bereits in Kinderbüchern oft das Bild einer gelben Ente vermittelt wurde und wird. 7 Im Jugendreport Natur 2000 verglich Brämer die verschiedenen Ansichten deutscher und italienischer Jugendlicher in Bezug auf die Naturwahrnehmung und 2002 wurde hauptsächlich das Freizeitverhalten in der Natur erläutert. Die Ergebnisse des Reports „Nachhaltige Entfremdung“, aus dem Jahr 2003, gingen schnell und mit kritischem Unterton an die Öffentlichkeit. So schrieb „ÖkopädNEWS“ 8 dass der „Jugendreport Natur [2003] schockiert [und dass] junge Menschen […] ihre natürliche Existenzgrundlage immer mehr aus dem Blickfeld [verlieren.] […] Bei einer Befragung von über 2000 Jugendlichen nannte die Hälfte der Befragten ein Gärtnerprodukt als Lieblingspflanze, einem Drittel fiel keine Pflanze ein, nur weniger als ein Sechstel verwies auf ein Wildgewächs. […] Trotz alltäglichem Verzehr von Bouletten, Würstchen und „Chickenwings“ hält nur ein Drittel das Schlachten von Tieren für notwendig.“ 9 Im Jahr 2006 wiederholte Brämer derartige Befragungen und veröffentlichte einen weiteren Jugendreport mit dem Titel „Natur Obskur“. In diesem wurde deutlich, dass sich beispielsweise 10% aller Kinder (von 2200 Befragten) „praktisch nie“ im Garten aufhalten, geschweige denn im Wald (20%) oder an einem See (25%), sowie dass die tägliche Nutzung des eigenen Gartens oder von Wiesen und Feldern nur 44% beziehungsweise 21% betrug. Mehrmals pro Woche nutzten den elterlichen Garten nur
8Als Printversion Teil der Zeitschrift „Umwelt Aktuell“, oekom verlag
9Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung e.V.: ökopädNEWS Nr. 137. (2003), 16/17
6
24% und mehrmals pro Monat nur 15% der Befragten. Im Wald hielten sich nur 23% aller befragten Kinder mehrmals im Jahr auf, in einem Park nur 21%. 10 Bereits seit einiger Zeit gibt es Initiativen der deutschen Landesjagdverbände, die dem zunehmenden Desinteresse von Kindern und Jugendlichen an der Natur vorbeugen möchten, bekannt unter dem Namen „Lernort Natur“: „Jägerinnen und Jäger bieten Natur- und Umweltbildung, Waldpädagogik, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Biologie- und Sachkundeunterricht, Erlebnispädagogik und noch viel mehr.“ 11 Weiterhin können noch zahlreiche weitere Angebote im Bereich der Ökopädagogik und Umweltbildung genannt werden: Bildungsprogramme des Nationalparks Sächsische Schweiz, die „Grüne Spielstadt“ als ein Angebot des Wissenschaftsladen Bonn, Angebote des Internationalen Begegnungszentrums St. Katjanthal sowie der Naturwacht Brandenburg im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin oder Landwege e.V., der durch ökologische Bauernhöfe Naturerfahrungen vermitteln möchte. Dennoch haben kaum noch Kinder die Möglichkeit sich aktiv mit ihrer Umwelt auseinander zu setzten und die Natur als Lernort zu erfahren. Das mag unter anderem an der heutigen, hektischen und arbeitsteiligen Gesellschaftsform liegen, zum anderen an der falschen Vermittlung des Wertes „Natur“ durch die Eltern.
Auch in der Erlebnispädagogik, als Teil der Sozialen Arbeit, spielt die Umwelterziehung eine große Rolle: Mit Outdoor-Aktivitäten soll die Freude an der Natur geweckt und das Pflichtbewusstsein gegenüber der Umwelt aufgezeigt werden. Die Kinder lernen durch Naturerfahrungen, sich ihren Platz in ihrem sozialen Umfeld bewusst zu machen, sich selbst zu identifizieren und ihre eigene Stellung in der Gesellschaft zu begreifen. Dies geschieht, wenn sie ihre Umwelt selbst erkunden und dabei bewusst erleben, wie sich natürliche Zusammenhänge in naturbelassenen Umgebungen wechselseitig beeinflussen (beispielsweise die pflanzliche und tierische Nahrungskette oder das Gesetz des Stärkeren). Methoden hierfür wären zum Beispiel eine Aktivwanderung 12 , Seife auf natürlicher Basis herstellen 13 , Brennesselpfannkuchen 14 zubereiten, Tierpantomime 15 oder auch Theaterstücke wie beispielsweise das „Müllröschen“ 16 zur Förderung der Ausdrucksfähigkeit oder eine Phantasiereise (Bsp: Winterwunderland 17 ) zur Entspannung.
11Deutscher Jagdschutz-Verband e. V.
12vgl. Aierstock, 2000, 85
13vgl. ebd., 34
14vgl. ebd., 15
15vgl. Keysell 1977
16vgl. Aierstock 2000, 100
17vgl. Kappl, Bertle 2002, 196
7
Durch Naturerfahrungen erhalten Kinder die Möglichkeit, eine positive Einstellung gegenüber ihrer Umwelt zu bilden, ein größeres Naturverständnis zu entwickeln und sich somit auch aktiver für die Erhaltung ihres Ökosystems einzusetzen. „Konstruktive Verhaltensweisen [können jedoch] nur angenommen werden, wenn erlebnispädagogische Aktionen nicht allein aus Risikosituationen bestehen, sondern [auch] Akzente [...] in die Verantwortlichkeit [...] der Gruppe setzen." 18 Doch wie „wirken“ Naturerfahrungen genau? Kann man Verbesserung und Erfolge erkennen? Reiners schreibt diesbezüglich in ihrem Buch „Erlebnispädagogik 1“, dass „Erfolgskontrollen pädagogischen Handelns [ein] Problem für sich [seien], weil die Überprüfbarkeit und Nachweisbarkeit des „Erfolges“ beziehungsweise der Wirkungen nur selten linear und kausal auf das pädagogische Handeln allein zurückzuführen sind. Als Transfer wird hier ganz allgemein das Fortschreiten des Lernenden vom Konkreten zum Abstrakten verstanden, indem er neue Verhaltensweisen in der konkreten (Kurs-) Situation entdeckt, diese Lernerfahrungen generalisiert und auf andere (Alltags-) Situationen überträgt." 19 Eine Messung des Erfolges gemäß den Gütekriterien der Reliabilität, Validität und Objektivität ist in diesem Fall nicht möglich. Der Mensch ist vielschichtiger und vielseitiger als dass er in einem Diagnostikverfahren Platz finden könnte.
2.2. Der therapeutische Charakter
„Die Erde schenkt uns mehr Selbsterkenntnis als alle Bücher, weil sie uns Widerstand bietet. Und
nur im Kampf findet der Mensch zu sich selbst." 20 Nach Hahn sind Jugendliche die Zielgruppe der Erlebnispädagogik. Somit ist Erlebnispädagogik ein Teil der Jugendarbeit. Erlebnispädagogik kann natürlich auch mit Erwachsenen durchgeführt werden. Beispielsweise ist es nicht unüblich sie als Methode zur Optimierung einer ganzheitlichen Unternehmensführung zu verwenden. Dennoch soll im weiteren auf die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen eingegangen werden.
Die Jugendarbeit hat sich zur Aufgabe gemacht die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu fördern. „[Die] erforderlichen Angebote […] sollen an den Interessen junger Menschen anknüpfen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden, [sie sollen] sie zur Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher 18Reiners 2007, 19
19ebd.
20Antoine de Saint-Exupéry in Wind, Sand und Sterne
8
Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anregen und hinführen." 21 In diesem Zusammenhang können diverse Möglichkeiten solcher Angebote genannt werden: Klettern an Kletterwänden oder am Klettersteig, Canyoning 22 , Kanutouren, Höhlenbegehungen, Segeln, die erlebnispädagogische Arbeit mit Tieren (welche je nach regionalen Bedingungen mit Pferden, Delphinen, Kamelen usw. geschehen kann), Bergwandern, Floß fahren oder auch Biwakübernachtungen und vieles mehr. Wichtig hierbei ist es, Naturerfahrungen mit Erlebnis- und Abenteuercharakter zu vermitteln.
Hahn selbst benannte das Konzept erlebnispädagogischer Arbeit als „Erlebnistherapie“, da sich nach ihm verschiedene gesellschaftliche „Verfallserscheinungen“ zeigen: „Der „Mangel an menschlicher Anteilnahme“, der „Mangel an Sorgsamkeit“, der „Verfall der körperlichen Tauglichkeit“ [und] der „Mangel an Initiative und Spontaneität." 23 Diesen Verfallserscheinungen soll durch die Erlebnistherapie vorgebeugt werden.
Nach Hahn ist die Erlebnistherapie auf vier Hauptaugenmerke gerichtet: „Das körperliche Training […], die Expedition […], das Projekt […], der Dienst [am Nächsten] [...]." 24
Die Erlebnispädagogik ist eine Methode der Sozialen Arbeit. Innerhalb der Erlebnispädagogik kann jedoch auch vielfältig methodisch gehandelt werden. Wichtig dabei ist, dass das Vorgehen handlungsorientiert ist und Kindern und Jugendlichen auf mehreren Ebenen Anreize bietet. So kann zum Beispiel ein Ziel der Aufbau von Vertrauen darstellen. Dies kann beispielsweise durch motorisch ausführbare Übungen (Vertrauensfall, Entspannungsschaukel oder Vertrauensspaziergang) erreicht werden. Gruppenarbeit begünstigt die Kommunikations- und Konfliktfähigkeit. Rollenverteilungen und Gruppendynamik innerhalb der Gruppe können durch Problemlösungsaufgaben, welche modellhafte Übungen darstellen und die Gruppe durch ein Rollenspiel in andere Personen versetzen lassen (beispielsweise die „Triangel" 25 ), erkannt und verändert werden. Reflexionen werden in der Erlebnispädagogik oftmals durch visualisierende Techniken - wie Mindmapping - erarbeitet, können jedoch auch durch Diskussionen, aktivierende Fragebögen oder Debatten erschlossen werden. Durch Übungen, welche mit einem Ergebnis (mit einem fertig gestellten Projekt oder einem
21Stascheit 2009, § 11 SGB VIII, 1181
22das Begehen einer Schlucht von oben nach unten
23Heckmair, Michl 2002, 24
24ebd., 25
25Auch bekannt unter dem Namen „Chef-Manager-Arbeiter"
9
Erfolgserlebnis) verbunden sind, beispielsweise dem „Brückenbau" 26 können Teamgeist und Motivation gestärkt werden.
Weiterhin kann die Gruppe durch methodische Selbstbestimmung Lernprozesse herbeiführen. Dies kann pädagogischen oder auch lebenspraktischen Charakter haben. Durch eigenständiges befragen oder erkunden der Umwelt lernt die Gruppe, dass ihr eigenes Verhalten Prozesse in Bewegung bringen, etwas bewirken oder auch, dass man sich durch selbständige Handlungen etwas aneignen kann. Die Methoden selbst sind vordergründig diejenigen, welche nur eine geringe Anzahl von Utensilien für die Arbeit benötigen. Es wird Wert darauf gelegt, dass mit einfachsten Mitteln ein größtmöglicher Nutzen erzielt werden kann. So kommen meist einfache Hilfsmittel, wie zum Beispiel Seilelemente, Haushaltsgegenstände (Wäscheklammern, Besenstiele o. ä.) oder Bastelutensilien zum tragen. Wichtig dabei ist, dass eine umfassende Vermittlung von Lerninhalten begünstigt und gefördert wird. „Die Natur ist die beste Medizin." 27
Brämer schreibt der Natur an sich, die größte therapeutische Wirkung zu. Er bezeichnet diese sogar als „Therapeutikum" 28 : Naturbelassene Umgebungen wirken sich für Kinder und Jugendliche in hohem Maße sehr positiv auf die Entwicklung aus. Vor allem bei psychischen, seelischen und physischen Missständen wird der „Natur als Therapeutikum“ eine entscheidende Signifikanz zugeschrieben: sie schafft ein stabiles Wohlbefinden, Anreize für eigene Handlungen, Selbstsicherheit trotz Schwächen, welche in der eigenen Person liegen und bewirkt somit, dass Kinder und Jugendliche weniger medizinische Hilfe, zum Beispiel in Form von Psychopharmaka (Amphetaminpräparate, Methylphenidat o.ä.) benötigen.
Naturerfahrungen mit therapeutischer Wirkung können durch Wanderungen aber auch durch das schlichte „in-der-Natur-sein“ entfaltet werden. Selbst wenn Kinder nur bewusst an einer ausgewählten Stelle in der Natur sitzen, sehen und hören was um sie herum geschieht und damit diese Eindrücke erleben, erhalten sie mehr Erfahrungen als zu Hause vor dem Fernseher. Das Erlebnis „Natur“ wirkt beruhigend und ermöglicht, sich in „Gedanken zu verlieren“. Wandern in unberührter Natur dient hingegen zum einen dem körperlichen Ausgleich, zum anderen dazu eigene Ideen und Emotionen zu entfalten. 29
26vgl. Gilsdorf, Kistner 2003, 126 f
27Sprichwort
28vgl. Brämer 2002
29vgl. Brämer 2002
10
Erlebnispädagogik und Erlebnistherapie sind also zwei schwer voneinander abgrenzbare und ineinander übergehende Bereiche. Eine konkrete Trennung der Begriffe Erlebnispädagogik und Erlebnistherapie ist nicht möglich. Überdies wird in Deutschland die Bezeichnung „Erlebnispädagogik“ analog zu der „Erlebnistheraphie" angewandt. Handlungen mit erlebnispädagogischem Charakter können durchaus, wenn sie richtig angegangen werden, eine therapeutische Wirkung erzielen.
Als Leiter sollte man derartige Aktivitäten bewusst anstreben und grundlegende Ziele im Vorfeld erörtern, dann kann die Natur ihre therapeutische Wirkung entfalten und sich auf das geistige, körperliche und seelische Wohlbefinden positiv auswirken.
2.3. Erlebnispädagogik mit verhaltensauffälligen Mädchen
„Rotzlöffel“, „Bengel“, „Lümmel“ und „Lausbub“ waren und sind charakteristische Namen für Kinder, die ein abweichendes Verhalten zeigen. Bei diesen Benennungen wird klar, dass die Rolle des auffälligen Kindes hauptsächlich dem männlichen Geschlecht zugeschrieben wird.
Im folgenden Abschnitt soll geklärt werden, ob Jungen wirklich grundsätzlich „auffälliger“ sind als Mädchen und ob dies mit Geschlechterzuschreibungen oder gelernten Verhaltensweisen zusammenhängt.
2.3.1. Verhaltensauffällige Kinder
„Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ 30 , „Umgang mit „schwierigen“ Kindern“ 31 , „Zwanghaft zerstreut: Die Unfähigkeit aufmerksam zu sein" 32 - ein kleiner Auszug an Buchtiteln, die wohl in fast jedem Wohnzimmerregal von besorgten Eltern stehen, die des öfteren Probleme mit ihren Heranwachsenden haben und spezielle Auffälligkeiten im Verhalten feststellen.
30vgl. Winterhoff 2008
31vgl. Bergsson, Luckfiel 1998
32vgl. Hallowell 2005
11
Arbeit zitieren:
Gabriele Fritsch, 2010, Weg vom Fernseher, hinein ins Abenteuer - Geocaching als neue Methode im Lernort "Natur", München, GRIN Verlag GmbH
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