Arbeit zur Erlangung des Studienabschlusses Master of Education mit dem Thema: „Epochenrelevante Aspekte des ausgehenden 19. Jahrhunderts in Thomas Manns Roman Buddenbrooks“
Institut für deutsche Sprache und Literatur der Universität Hildesheim
Manuel Wibbeke, Studierender im 9. Fachsemester
Hildesheim im Wintersemester 2008/2009
Inhalt
1 Exposition. 1
2 Zeitgeschichte und Zeitgeist in den Buddenbrooks. 4
2.1 Bürgerlicher Realismus und Gründerzeit 4
2.2 Fin de Siècle - Die Überwindung von Realismus und Naturalismus 6
2.3 Décadence - „Degeneration und Willensschwäche“ 8
2.4 Leistungsethik versus Reflexionsfähigkeit 14
3 Verfall als handlungsleitendes Prinzip 17
3.1 Verfall der Firma Johann Buddenbrook. 19
3.2 Verfall der Familie 26
4 Verlust der Männlichkeit. 35
5 Aspekte der Buddenbrooks - didaktisch betrachtet 39
5.1 1848: Die Liebesepisode Tonys und Mortens. 40
5.2 Degeneration und Décadence: Die männliche Linie der Buddenbrooks. 43
5.3 Bürgerlichkeit 47
5.4 Mögliche Schwierigkeiten und Legitimation durch das niedersächsische Kerncurriculum 49
6 Fazit und Ausblick. 53
Literaturverzeichnis 55
1 Exposition
Der Gegenstand dieser Arbeit ist Thomas Manns Erstlingsroman Buddenbrooks, der in seiner nunmehr über 100-jährigen Rezeptionsgeschichte 1 in einer Vielzahl von Ausgaben aufgelegt worden ist. Inzwischen ist die Gesamtauflage des Romans auf über sechs Millionen Exemplare angestiegen, was als ein offensichtliches Indiz für den Erfolg des Textes gewertet werden kann. Dass die Buddenbrooks ein Roman von Weltkrang, gleichsam Weltliteratur ist, ergibt sich nicht zuletzt aus der hohen Auflage, sondern auch aus dem Ruhm, der Thomas Mann durch die Buddenbrooks zu teil wurde. Schließlich erhielt der Autor 1929 den Nobelpreis für Literatur, welchen er zu einem großen Teil dem Erfolg seines ersten Romans zu verdanken hatte. Es gibt sicherlich viele Ursachen für den Erfolg der Buddenbrooks, doch bloß einer sei am dieser Stelle angeführt, weil er in direktem Zusammenhang mit einem Schwerpunkt dieser Arbeit steht: „Das Private wird geistesgeschichtlich repräsentativ. Darauf beruht der Erfolg des Romas.“ 2 Diese Aussage Hans Wyslings enthält die These, dass die einzelne Geschichte einer lübischen Kaufmannsfamilie von Thomas Mann so erzählt und ästhetisiert wurde, dass sie über den Einzelfall hinaus das Bild einer Epoche spiegelt. Der Frage, um welche Epoche es sich hier handelt - die erzählte Zeit oder die Entstehungszeit des Romans um 1900 -, wird im Verlauf dieser Arbeit mitunter näher untersucht werden.
In den Betrachtungen eines Unpolitischen reflektiert Thomas Mann sein Frühwerk unter inhaltlichen Aspekten, die in dieser Arbeit gleichsam als Leitfaden betrachtet werden können, denn darin heißt es: „Ethik, Bürgerlichkeit, Verfall: das gehört zusammen, das ist eins.“ 3 Ethik und Bürgerlichkeit werden dementsprechend hier als Zeitgeschichte und Zeitgeist zusammengefasst und stehen zu Beginn dieser Arbeit. Darin wird zunächst die Epoche der erzählten Zeit unter sowohl ökonomischen wie auch sozialen Gesichtpunkten untersucht, wenngleich der Fokus stets auf dem Milieu des Bürgertums verbleibt. Anschließend wird die bisherige Verortung des Romans in der Literaturgeschichte betrachtet, woraufhin sich zeigen wird, dass eine dogmatische Festschreibung einer Epoche der Vielschichtigkeit der Buddenbrooks nicht gerecht wird. Darauf folgt eine eher zeitgeistorientierte Untersuchung des Gegenstandes, wenngleich Zeitgeist und Zeitgeschichte sich gegenseitig bedingen und eine Ausdifferenzierung bloß der besseren Analyse wegen vorgenommen wird. Décadence als die entsprechende Mentalitätsentwicklung jener Zeit spiegelt das wider, was Thomas Mann in seinem Apho- 1 DieErstausgabe erschien in zwei Bänden 190, die erste einbändige Ausgabe 1903.
2 WYSLING (2005); S 368.
3 MANN (2001); S. 98
1
rismus mit Verfall benannt hat, weshalb auch diesem ein eigenes Teilkapitel dieser Arbeit entspricht. Schließlich wird, bereits mit einem stärkeren Blick auf den Roman selbst, eine Gegenüberstellung von Leistungsethik und Reflexionsfähigkeit unternommen, da diese Aspekte für den Fortgang der Romanhandlung überaus bedeutsam sind und nicht zuletzt in gleicher Weise, wie die zuvor genannten Punkte, Zeitgeist und Zeitgeschichte jener Epoche darstellen. Das dritte Kapitel misst dem Untertitel der Buddenbrooks, Verfall einer Familie große Bedeutung bei, denn das Motiv des Verfalls ist zum einem bereits durch die zu der Zeit virulenten Décadence-Entwicklung bestimmt. Zum anderen wird die Arbeit zeigen, dass Verfall als das handlungsleitende Prinzip des Romans anzusehen ist. Der ganzen Familie Buddenbrook „erscheint die vergangene Zeit [stets] als die glücklichere gegenüber der Gegenwart“ 4 . In diesem Kapitel findet ein weiterer Aspekt Berücksichtigung, denn die Buddenbrooks sind einerseits eine Familie und andererseits eine Firma - und beide Bereiche sind dem Verfall ausgesetzt. Inwiefern die Geschicke der Firma die Entwicklung der Familie bedingen und wie oder ob diese zwei Dimensionen der Buddenbrooks differenzierbar sind, wird zudem in Kapitel 3 aufgezeigt, da die enge Verzahnung von Familien- und Geschäftsleben durchaus auch einen epochenrelevanten Aspekt jener Zeit bildet.
Dem Verlust der Männlichkeit wird aus zwei Gründen ein eigenes Kapitel gewidmet, denn zum einen ist die Frage nach der Männlichkeit der Décadence bereits insofern immanent, als die Décadence-Forschung heute, aber auch die Décadence-Theoretiker jener Zeit, krankende Männlichkeit als Ergebnis und Ursache der Entwicklungen ansahen und noch immer ansehen. Zum anderen ist die Romanhandlung in wesentlichen Teilen durch männliche Figuren bestimmt, die diverse Verfallserscheinungen, gleichsam Symptome der Décadence, aufweisen, weshalb sie für den Roman und die Epoche einen bedeutsamen Aspekt bilden, die im darauf folgenden Teil neben einer Auswahl an zuvor erarbeiteten Aspekten für den Literaturunterricht didaktisch betrachtet werden sollen.
Inwiefern die Buddenbrooks ein Stück deutscher oder gar europäischer Kultur- und Seelengeschichte darstellen, wird unter dem Aspekt der Epochenrelevanz betrachtet und schließlich dahin geführt, dass der Roman unter den heutigen Bedingungen im Literaturunterricht trotz möglicher Schwierigkeiten einen legitimen Platz für sich beanspruchen kann. Die Bil-dungsstandards für das Fach Deutsch sowie das Niedersächsische Kerncurriculum werden auf ihre Legitimationsfunktion für den Text hin untersucht und es wird sich zeigen, dass auch ein
4 VON WILPERT (1988); S. 255.
2
kompetenzorientierter Unterricht in der Sekundarstufe I die Lektüreauswahl des Werkes erlaubt.
Es ist nicht Ziel dieser Arbeit, eine vollständige ‚Didaktik der Buddenbrooks’ zu entwickeln, sondern von der Frag ausgehend, ob dieser Text im Deutschunterricht der Sekundarstufe I heute noch einsetzbar ist, die Möglichkeit aufzuzeigen, dass die Buddenbrooks für epochenrelevantes Lernen fruchtbar gemacht werden können. Auch wenn der gesamte Text auf-grund seiner Länge als nicht umsetzbar erscheint, kann mit verschiedenen Passagen gearbeitet und daraus viele lernwirksame Inhalte für den Unterricht gewonnen werden.
3
2 Zeitgeschichte und Zeitgeist in den Buddenbrooks
Das erste Kapitel dieser Arbeit behandelt Aspekte der Zeitgeschichte und des Zeitgeistes jener Zeitspanne, die die Handlung der Buddenbrooks umfasst. Das sind die Jahre 1835 bis 1877, wenngleich die ausschließliche, das heißt isolierte, Betrachtung dieser Jahre weder ausreichend Ursachenklärung für Ereignisse wie die Revolution von 1848 bietet, noch zielführend für diese Arbeit sein kann. Das ‚Gewachsensein’ geistiger Haltungen sowie die industrielle Entwicklung des 19. Jahrhundert müssen, um fassbar zu werden, bereits vor 1835 betrachtet werden. Zudem muss berücksichtigt werden, dass Einflüsse der Entstehungszeit um 1900 ebenso im Roman auftauchen.
So sind bereits zwei bedeutsame Aspekte des Realismus und der Gründerzeit genanntdie Erfahrungen des Vormärz und der Märzrevolution einerseits und die Modernisierung andererseits. Die deutsche Revolution von 1848 forderte die Ausgestaltung bürgerlich-liberaler Strukturen in Staat und Gesellschaft. Beeinflusst durch die Französische Revolution von 1789, die Demokratie und Freiheit ‚erfolgreich’ durchgesetzt hatte, sah sich die deutsche Revolution ebenfalls diesen Idealen verpflichtet, wobei der Gedanke eines geeinten Deutschlandes, einer nationalen Einheit, hier stärker wog als in Frankreich, was allein durch die im deutschen Raum vorherrschende Zergliederung begründet werden kann. Auf die literarische Verarbeitung von ‚1848’ durch Thomas Mann in den Buddenbrooks wird in Teilkapitel 5.1 an-hand der Liebesepisode zwischen Morten Schwarzkopf und Tony Buddenbrook eingegangen, weshalb an dieser Stelle auf eine genauere Darstellung einzelner Forderungen der Revolutionäre nicht weiter Bezug genommen wird.
Die Modernisierung stellt einen zeitgeschichtlichen Aspekt dieser Epoche dar, der sich in seinen Folgen wiederum auf den Zeitgeist im Allgemeinen und das Bürgertum im Besonderen ausgewirkt hat. Inwiefern sich dies als epochenrelevanter Aspekt in den Buddenbrooks widergespiegelt, zeigt das folgende Teilkapitel 2.1 Bürgerlicher Realismus und Gründerzeit.
2.1 Bürgerlicher Realismus und Gründerzeit
Die Epoche des Realismus zeitlich einzugrenzen erscheint auf den ersten Blick möglicherweise als müßig, ist jedoch insofern bedeutsam, als ein wesentlicher Teil der Romanhandlung sich während dieser Zeit abspielt. Der Beginn wird, nach Plumpe, der den Forschungsstand referiert, recht einhellig auf 1850 datiert. 5 Bei der Datierung des Endes gehen die Meinungen,
5 Vgl. PLUMPE (1996); S. 17.
4
wiederum nach Plumpe, auseinander - „diskutiert werden die Jahre 1870, 1880, 1900“ 6 . Nachdem die Märzrevolution in Deutschland als gescheitert angesehen wurde, folgte eine Zeit, in der die industrielle Entwicklung rasch voranschritt. Mit dieser ging eine Weiterentwicklung der Städte einher, die teilweise zu unkontrolliertem Wachstum führte, was sich wiederum negativ auf die Lebensbedingungen der Arbeiterschicht im städtischen Raum auswirkte. Das Bürgertum hingegen konnte nach der Revolution von 1848 sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich an Bedeutung gewinnen. Es gab eine Annäherung zwischen dem Bürgertum und dem Adel dergestalt, dass der Adelsstand sich mit dem Bürgertum, welches sich durch seine politische Aktivität unentbehrlich gemacht hatte, verband. Wollte der Adel weiterhin politisches Mitspracherecht genießen ohne es erneut zu einer Revolution kommen zu lassen, musste er sich auf politischer Ebene arrangieren. Auch auf wirtschaftlicher Seite schloss das Bürgertum zusehends zum Adel auf, was sich beispielsweise in zunehmenden Grundbesitz des Bürgertums zeigte, was bis dato ein typisches Charakteristikum des Adels war. Dementsprechend spricht Plumpe von einer „»Aristokratisierung« des (Groß)Bürgertums“ 7 .
Um den Zeitgeist dieser Epoche zu beschreiben, sind die oben angedeuteten Prozesse der voranschreitenden Industrialisierung, Urbanisierung sowie Technisierung relevante Ursachen für eine um sich greifende „Orientierungskrise“ 8 . Diese fußte auf einschneidenden „Veränderungen im Bereich von Kommunikation und Mobilität“ 9 -Telegraphie, Ausbau von Schifffahrt und Straßennetz sowie zunehmende Relevanz der Eisenbahn. All diese Neuerungen führten zu einer neuen Wahrnehmung von Raum und Zeit. 10
Die realistische Literatur dieser Zeit reagierte durch die „Idee einer höheren Kultur“ 11 , und einen dementsprechenden Hang zu ausgeprägtem Ästhetizismus. „Realistische Literatur ist die Darstellung der schönen Identität von Ideal und Wirklichkeit […]. Deshalb vermeidet realistische Literatur jede Thematisierung von Phänomenen des wirklichen Lebens.“ 12 Das genannte Ideal beinhaltete stets eine moralische Dimension, weshalb die realistische Literatur zeitgenössisches Leben nicht ohne es zu ästhetisieren aufzugreifen imstande war. Denn die besagte
6 PLUMPE (1996); S. 17.
7 PLUMPE (1996); S. 29.
8 PLUMPE (1996); S. 25.
9 PLUMPE (1996); S. 24.
10 Vgl. PLUMPE (1996); S. 24.
11 PLUMPE (1996); S. 26.
12 PLUMPE (1996); S. 76.
5
‚Orientierungskrise’ dieser Epoche ging mit dem Bewusstsein um einen allgemeinen Moralverlust einher. 13
Plumpe bringt die Darstellungsweise realistischer Literatur abschließend auf die sehr prägnante Formel, „daß der Realismus jene »Wirklichkeit« erst erfinden mußte, als deren »Verklärung« er sich dann verstanden hat“ 14 . Damit ist das Paradoxon einer ästhetisierten Wirklichkeitsdarstellung zwar nicht aufgelöst, wohl aber erklärt. Viel bedeutsamer erscheint zudem die Erkenntnis, dass eben dieser Gegensatz von Ästhetisierung und Wirklichkeitsanspruch vorhanden ist und den Kern des poetischen Realismus darstellt. Folgt man dieser Annahme, spiegelt sich diese künstlerisch-verklärte Darstellung mit Wirklichkeitsanspruch in den Buddenbrooks wider. Zum einen flocht Thomas Mann historische Tatsachen in den Roman, welche hauptsächlich der Festlegung der Chronologie dienen. Darüber hinaus stellen sie die Familiengeschichte in einen größeren Zusammenhang. 15 Zum anderen sind beispielsweise die Figuren, insbesondere die der Familienmitglieder, in so hohem Grad stilisiert, dass sie weniger einem wirklichkeitsgetreuem Anspruch genügen als vielmehr eine klare Funktion in der Gesamtkonzeption des Romans übernehmen. Ganz besonders deutlich wird dies in der Figur des Hanno Buddenbrook, der in seiner Weltabgewandtheit gleichsam das Paradigma der Décadence verkörpert.
Nachdem Aspekte des Realismus und der Gründerzeit, wie ‚Orientierungskrise’ und ‚Aristokratisierung der Bürgertums’ für die Zeitgeschichte und den Zeitgeist als bedeutsam herausgearbeitet wurde und der poetische Realismus in seinem Kern dargestellt wurde, sind diese Aspekte auf die Buddenbrooks bezogen worden. Dass eine Verortung des Romans ausschließlich im Realismus nicht treffend erscheint, ist die primäre Funktion des folgenden Kapitels.
2.2 Fin de Siècle - Die Überwindung von Realismus und Naturalismus
Thomas Manns erster Roman Buddenbrooks, Verfall einer Familie erscheint 1901 zu einem Zeitpunkt, an dem sich in der deutschen Literatur ein bis dahin unbekannter Stilpluralismus wiederfand. So waren naturalistische, realistische, traditionalistische und symbolistische Darstellungsweisen zu finden, deren Schöpfer letztlich alle „von Nietzsche gelernt und von ihm den Lebensenthusiasmus übernommen [hatten], [...] aber zugleich abhängig von seiner Auf- 13 Vgl.PLUMPE (1996); S. 80. Eine detailliertere Darstellung der Zusammenhänge von Realpolitik, programma-
tischem Realismus und poetischem Realismus gibt PLUMPE (1996). "Die Befürworter des »politischen Realis-
mus« waren sich darin einig, daß Moral ein ungeeignetes Mittel sei, politisches Handeln zu beurteilen."(33)
Dementsprechend kam für die realistische Literatur keine Adaption zeitgenössischer Aspekte infrage.
14 PLUMPE (1996); S. 83.
15 Vgl. BEATON (1988); S. 210.
6
fassung [waren], daß das eigentliche, ursprüngliche Leben etwas unwiederbringlich Vergangenes und nur noch aus der Retrospektive, aus dem Bewusstsein des Historismus zu betrachten sei“ 16 . Auch die Buddenbrooks stellen das Leben dar, jedoch in seinem Niedergang, so dass der „höchste Wert des Daseins in [...] seiner Fragwürdigkeit“ 17 erscheint. Thomas Mann greift den Stilpluralismus des Fin de Siècle auf und verwendet in seinem Roman sowohl realistische als auch naturalistische Darstellungsweisen und entzieht sich somit einer dogmatischen Zuordnung. So enthält der Roman „so viel nachweisliche Realität, daß man ihn mit guten Gründen dem Naturalismus hat zurechnen wollen“ 18 . Doch die strenge Komposition der Erzählung, bezüglich der Figuren und Handlung, aber auch aufgrund der äußeren Form, die von „Richard Wagners Motivtechnik und symphonischer Dialektik“ 19 gespeist wird, filtert die Realität so, dass sie in ihrer Zweifelhaftigkeit erscheint. Berücksichtigte man bloß diesen Aspekt, wären die Buddenbrooks im realistischen Erzählen des 19. Jahrhunderts zu verorten, doch auch dies kann aufgrund der vielfältigen Techniken nicht absolut behauptet werden, da beispielsweise auch mit formalen Neuerungen wie der Montagetechnik gearbeitet wird, beispielsweise wenn der Typhus beschrieben wird, am dem Hanno Buddenbrook schließlich stirbt. Der „deutliche Wille zur Komposition und zum Kunstwerk“ 20 führt schließlich dazu, dass der Roman als Signum seiner Epoche betrachtet werden kann, da die Konzentration auf die objektive Realität in ihrer durchkomponierten Form den Naturalismus überwindet - ebenso den Realismus. Die Buddenbrooks sind gleichsam das Paradigma des Fin de Siècle.
Die Frage nach der literaturgeschichtlichen Einordnung der Buddenbrooks erfolgt nicht zum Selbstzweck, sondern dient einerseits als Abgrenzung von sowohl inhaltlichen als auch formalen Aspekten, andererseits wird deutlich, dass das Thema des Verfalls nicht willkürlich von Thomas Mann gewählt wurde. Es lag vielmehr in der Luft jener Zeit, die wie zu Beginn dieses Kapitels bereits dargestellt wurde, voll von Fortschritt und Aufbruch aber auch von Angst und Unsicherheit war.
16 KOOPMANN (1995); S. 5.
17 KOOPMANN (1995); S. 13.
18 WYSLING (2005); S. 379.
19 MANN (1983); S. 65.
20 KARTHAUS (1994); S. 49.
7
Décadence - „Degeneration und Willensschwäche“ 21 2.3
Dieses Teilkapitel wird sich weder mit der Entstehung noch mit der Theorie der Décadence 22 beschäftigen, da der Primärtext Buddenbrooks hier im Vordergrund bleiben soll, um die Kernelemente der Décadence an diesem darzustellen. „Degeneration und Willensschwäche“ 23 als zwei entscheidende Momente der Romanhandlung und Décadence sollen im Folgenden anhand der Figuren Jean, Christian, Thomas und Hanno aufgezeigt werden. In einem späteren Teil wird die Décadence in ihrer geschlechtsspezifischen Dimension näher untersucht, weshalb diese hier keine weitere Beachtung findet.
‚Degeneration und Willensschwäche’ sollen hier als Schlagworte verstanden werden, die jedes für sich verschiedene Symptome beinhalten, die im weiteren Verlauf anhand der Figuren dargestellt werden sollen. So ist der Verfall der einzelnen Figuren ambivalent gezeichnet - je mehr sie dem Verfall zuneigen, desto sympathischer werden sie dargestellt. Der „innere Verfall [wird] zum Teil dadurch wieder aufgewogen, daß die im Vorgang der Dekadenz wachsende psychologische Sensibilisierung und eine gewisse Vergeistlichung auch positiv bewertet werden.“ 24 Als Beispiel für die ebenso positive Seite des Verfalls ist die Figur des Hanno Buddenbrook anzuführen, die das Ende der Degeneration verkörpert. An Hanno wird deutlich, wie sich „biologischer Verfall und intellektuell-seelische Verfeinerung gegenseitig bedingen“ 25 . Da Degeneration jedoch in ihrer Entwicklung bezüglich der Generationenfolge betrachtet werden muss, um die Entwicklung und den Verfall als sukzessiven Prozess sichtbar zu machen, wird die männliche Linie der Familie Buddenbrook, von Jean bis Hanno, auf die jeweils entscheidenden Aspekte der Décadence hin untersucht. Thomas Mann selbst schreibt in einem Brief an seinen Freund Otto Grautopf, wie er Degeneration versteht und auch sich selbst darin verortet:
Der Vater war Geschäftsmann, praktisch, aber mit Neigung zur Kunst und außergeschäftlichen In-
teressen. Der älteste Sohn (Heinrich) ist schon Dichter, aber auch Schriftsteller mit starker inellec-tueller Begabung, bewandert in Kritik, Philosophie, Politik. Es folgt der zweite Sohn, (ich) der nur
Künstler ist, nur Dichter, nur Stimmungsmensch, intellectuell schwach, ein sozialer Nichtsnutz.
Das Wunder, wenn endlich der dritte, spätgeborene, Sohn der vagen Kunst gehören wird, die dem
21 WENZEL (1993); S. 44.
22 Näheres dazu bei ERHART (2001), der gleichsam einen geistesgeschichtlichen Abriss der Dekadenzentwick-
lung liefert, der hier im Einzelnen nicht wiederholt werden muss.
23 WENZEL (1993); S. 44.
24 LUDWIG (1979); S. 8
25 KELLER (1988); S. 157.
8
Arbeit zitieren:
Manuel Wibbeke, 2008, Epochenrelevante Aspekte des ausgehenden 19. Jahrhunderts in Thomas Manns Roman "Buddenbrooks", München, GRIN Verlag GmbH
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