Sequenzanalyse WS 08/09
I. Einleitung
In der nachfolgenden Seminarabschlussarbeit zum forschungsbezogenen Typ der Schulpraktischen Studien, werden zwei Sequenzen aus meinem während meines Praktikums verfassten Transkript, analysiert. Die Analyse orientiert sich hierbei an den Vorgaben zum sequenzanalytischen Vorgehen der objektiven Hermeneutik nach Ulrich Oevermann. Zentral für die objektive Hermeneutik ist, den objektiven bzw. den latenten Sinn eines Geschehens zu entschlüsseln. Im ersten Schritt muss hierzu zwischen einem latenten bzw. objektiven Sinn und dem subjektiv-intentionalen Sinn unterschieden werden und die Differenz dieser beiden Ebenen dargestellt werden. In einem weiteren Schritt eröffnet sich auf der Ebene der Textinterpretation eine zweite Ebene, die die Fallstruktur betrifft. Durch wiederholte Äußerungen auf der objektiven Sinnebene festigen sich Interpretationen, die wiederum ein Instrumentarium schaffen, welches uns ermöglicht, bei der Interpretation unseres Textes über die Ebene der intendierten Selbstdarstellung hinauszugehen und zur Analyse der latenten Sinnstrukturen zu gelangen. An diese Ebene schließt sich nun die Rekonstruktion der Genese der Fallstruktur an. 1
Um diesen Grundgedanken der Objektiven Hermeneutik zu entsprechen, vollzieht sich die Analyse meiner Sequenzen sequenziell. Ich taste mich Schritt für Schritt an möglichst viele Interpretationen heran, um die unterschiedlichsten Lesarten bilden zu können. Dabei beachte ich jedoch die „Sparsamkeitsregel“, die besagt, dass man sich nur auf die Lesarten beschränkt, die ohne größere Zusatzannahmen mit dem Text kompatibel sind. Auch das Prinzip der „Wörtlichkeit der Interpretation“ findet in meiner Analyse Beachtung. Ich werde nur solche Interpretationen anführen, die am Text selbst nachzuweisen sind. Zudem werde ich die ausgewählten Textausschnitte vollständig interpretieren (Prinzip der Totalität). Ich werde mich weiterhin bemühen, die einzelnen Sequenzen zunächst kontextfrei zu interpretieren und sie anschließend in den jeweiligen Kontext des Geschehens einordnen. 2 Die Arbeit gliedert sich insgesamt in vier Abschnitte. Im ersten Abschnitt werde ich den Ablauf der Stunde erläutern, um einen kleinen Einblick in das Geschehen zu geben. Im zweiten Abschnitt werde ich meine leitende Fragestellung vorstellen, bevor ich dann im dritten Abschnitt zur Analyse der einzelnen Abschnitte gelange. Im letzten Teil meiner Arbeit werde ich die Fallstrukturhypothese mit Rückblick auf die gesamte Stunde bearbeiten.
1 Vgl. Bohnsack u.a. (2003): S. 60-61 und S. 123-128.
2 Vgl. Bohnsack u.a. (2003): S. 123-128.
2
Sequenzanalyse WS 08/09
II. Fallbestimmung
Mein Transkript resultiert aus der Tonbandaufnahme vom 10.09.2008 an einer Grundschule. Aufgenommen wurde die zweite Stunde einer dritten Klasse im Fach Religion. Das Thema der Religionsstunde lautet: „Mose erschlägt einen Ägypter“. Zum Ablauf der Stunde ist folgendes zu sagen:
Alle Kinder haben sich vor Unterrichtsbeginn im Sitzkreis versammelt. Bevor sie mit der eigentlichen Bearbeitung des Themas der Stunde beginnen, führt die Lehrkraft mit den Kindern das morgendliche Begrüßungsritual durch. Dazu müssen sich alle Kinder der Reihe nach abwechselnd auf die Beine, Schultern und Hände klopfen. Der Prozess vollzieht sich in vollkommener Stille. Danach folgt von Seiten der Schülerinnen und Schüler 3 eine kurze Wiederholung der Themen der letzten beiden Stunden. Im Anschluss führt die Lehrkraft das Thema weiter aus und setzt durch ein Plakat: „He, was soll das?“ einen neuen Impuls. Die Kinder müssen sich hierzu überlegen, wer das gesagt haben könnte und in welchem Zusammenhang dieser Satz zu dem bisher gelernten stehen könnte. Nachdem einige Ideen der Schüler gesammelt wurden, teilt die Lehrkraft ein Rollenspiel aus, in dem Mose einen Ägypter erschlägt. Dazu sollen alle wieder zurück auf ihre Plätze, sich das Rollenspiel durchlesen, dieses einüben und sich überlegen, was Mose nun tun könnte. Nach einer Arbeitsphase von ca. fünfzehn Minuten, versammeln sich alle Schüler erneut im Sitzkreis. Dort werden die Lösungen verglichen und diskutiert. Zum Ende der Stunde singen sie gemeinsam das Lied: „Möge die Straße uns zusammenführen“. Danach gehen alle Kinder in die Pause.
Im Folgenden werde ich die Aussagen von Zeile 1 bis Zeile 41 sowie die Zeilen 413-420 analysieren.
III. Leitende Fragestellung
Aufgrund meiner bisher gesammelten Erfahrungen und Eindrücke im Bereich des Grundschulunterrichts ist mir klar geworden, dass Rituale in der heutigen Zeit, für Kinder eine zentrale Rolle spielen. Die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen wie z.B. allein erziehende Eltern oder Eltern die beide berufstätig sind, erfordern klar strukturierte und organisierte Arbeitsabläufe. Der Zeitdruck innerhalb der Familien gewinnt immer mehr an
3 Im Folgenden werde ich den Begriff „Schüler“ stellvertretend für „Schülerinnen und Schüler“ verwenden.
3
Sequenzanalyse WS 08/09
Bedeutung. Selten gelingt es den Familien Rituale wie z.B. das gemeinsame Mittagessen oder der Austausch des Tagesablaufs einzuführen. Kinder brauchen jedoch Zeit und Raum um sich auszutauschen und um ihre Gefühle zum Ausdruck bringen zu können. Innerhalb der Familie bleibt dafür meist nur wenige Minuten am Tag. Umso wichtiger ist es, dass die Institution Schule Voraussetzungen dafür schafft, damit sich das Kind individuell entfalten kann und somit einen festen Platz in der Gesellschaft findet. Rituale und festgelegte Regeln können Kindern in der Grundschule helfen, dem Alltag einen gewissen Rhythmus zu verleihen. Dadurch kann ihnen Sicherheit und Halt vermittelt werden. Zugleich stellen Rituale einen stützenden Ordnungsrahmen dar 4 .
Im Rahmen dieser Sequenzanalyse möchte ich der Frage nachgehen, inwieweit das morgendliche Ritual der Klasse 3x diesen Zielen von Ritualen nachkommt. Die leitende Fragestellung ist hierbei, ob es sinnvoll ist, den Unterricht mit einer Phase zu beginnen, in denen alle Kinder schweigen müssen.
IV. Sequenzanalyse
Die Lehrerin eröffnet durch die beiden Sätze: „Wer hat denn letztes Mal angefangen? Der Sm 2 ne? in den Zeilen eins und zwei den Unterricht. Beide Sätze artikuliert sie sehr leise. Dies könnte mehrere Gründe haben: Sie möchte eine ruhige Atmosphäre schaffen Sie erlangt auf diesem Weg Aufmerksamkeit Sie will Spannung erzeugen.
Zudem ist etwas, was man leise artikuliert, häufig nicht an alle Teilnehmer gerichtet. Man könnte annehmen, dass es sich um eine nicht offizielle Unterrichtskommunikation handelt. Merkwürdig an dieser Stelle ist, dass sie die Schüler nicht begrüßt. Sie beginnt ihre Frage mit dem Interrogativpronomen „Wer“ und fragt damit nach der Person, die das letzte Mal angefangen hat. „Das letzte Mal“ stellt eine temporäre Angabe dar, die nicht weiter bestimmt wird. Sie kann sich auf die letzte Unterrichtsstunde im Allgemeinen oder auf die letzte Unterrichtsstunde im Fach Religion beziehen. Das Prädikat „angefangen“ beschreibt den Beginn von etwas. Jemand der als erstes etwas getan hat, ist in der Regel der
4 Vgl. Hüsten, Gruber, Winkler Menzel (2007): S. 13-14.
4
Sequenzanalyse WS 08/09
Anfänger von dieser Sache. Es geht sicherlich um die Person, die in der letzten Stunde mit etwas Bestimmtem begonnen hat. Sie sucht also nach einer Person, die den Unterricht markiert. Folglich handelte es sich tatsächlich um eine nicht offizielle Unterrichtskommunikation. Die Schüler kennen scheinbar den Ablauf, da die Lehrerin die Handlung nicht weiter beschreiben muss. Man kann erkennen, dass es sich um etwas handelt, dass in dieser Form schon einmal stattgefunden hat. Vermutungen über ein Ritual sind möglich. Das wäre auch eine Erklärung dafür, weshalb sie den Unterricht ganz leise beginnt und keine offizielle Begrüßung erfolgt. Mit dem nächsten Satz „Der Sm2 ne?“ in Zeile 2, liefert die Lehrerin die Antwort auf ihre gestellte Frage gleich mit. Die Betonung dieser Aussage lässt Zweifel erkennen. Sie tätigt eine Aussage, stellt diese jedoch in gleicher Weise wieder als Frage an die Klasse zurück. Es handelt sich demzufolge um eine rhetorische Frage. Mit dem eher im Alltag verwendeten Ausdruck „ne“ könnte sie Bestätigung oder Ablehnung ihrer Aussage einfordern. Möglicherweise ist sie sich nicht ganz sicher. „Ne“ stellt einen anderen Ausdruck für oder gell sowie für stimmt das
dar. Es kann allerdings auch eine Abkürzung für die Interjenktion „Nein“ sein. Im Bereich der Chemie wäre „Ne“ eine Abkürzung für das im Periodensystem der Elemente vorhandene Element „Neon“. Sm1: {schnell} >Nein ich!< (Zeile 3)
Der Schüler Sm1 widerspricht mit diesen Worten der Lehrerin. „Nein“ ist ein Ausdruck für eine allgemeine Ablehnung. Er zeigt damit, dass er mit der Aussage der Lehrerin nicht einverstanden ist. Er signalisiert, dass man das so nicht stehen lassen kann. Mit dem Personalpronomen „ich“ bringt er zum Vorschein, dass er das letzte Mal begonnen hat. Evtl. gibt es bei der bisher noch unbekannten Handlung eine bestimmte Reihenfolge. Durch die schnelle Betonung der beiden Worte und die bestimmende Ausdrucksweise, die durch das Ausrufezeichen am Ende der beiden Worte unterstrichen wird, wird deutlich, dass er möglicherweise verärgert ist und sich als ungerecht behandelt fühlt. Eine weitere Vermutung wäre, dass Sm1 den Beginn als eine besondere Rolle empfindet und es ihm deshalb wichtig
5
Sequenzanalyse WS 08/09
ist, derjenige zu sein, der das letzte Mal begonnen hat. Er bringt an dieser Stelle ein sehr starkes individuelles Bedürfnis zu Wort. Eine andere Lesart wäre, dass er sich gerne behauptet und einfach irgendetwas reingerufen hat, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Vielleicht bereitet es ihm auch Freude, den Unterricht zu stören. Lw: Ja, aber du warst aber nicht da in der letzten Stunde [ (Zeile 5-6)
Die Interjenktion „Ja“ signalisiert im ersten Moment Zustimmung für etwas. Der Satz wird jedoch mit einem „aber“ fortgeführt. Dadurch wird die Zustimmung wieder zurückgenommen bzw. eingeschränkt. Warum hat die Lehrerin trotzdem die Interjenktion „Ja“ gewählt, wenn sie im weiteren Verlauf des Satzes signalisiert, dass sie nicht einverstanden ist? Es könnte sein, dass sie dem Schüler Sm1 durch das „Ja“ zeigen möchte, dass sie ihm zuhört und ihn ernst nimmt. Dadurch wirkt die Ablehnung netter und herzlicher. „... du warst aber nicht da in der letzten Stunde“. Das Personalpronomen „Du“ spricht immer eine bestimmte Person direkt an. Man verwendet es bei Personen, die man kennt z.B. bei Freunden oder Bekannten. In der Grundschule dürfen die Schüler ihre Lehrer noch mit „Du“ ansprechen. Dort stellt der Lehrer eine wichtige Bezugsperson dar. In der Regel hat er eine sehr vertraute Beziehung und Bindung zu seinen Schülern. Würde man hier die höfliche Form „Sie“ benutzen, so wäre zwischen den Schülern und der Lehrerin eine gewisse Distanz vorhanden, die in der Grundschule negative Auswirkungen hätte. Zudem kennen die Schüler gerade in der ersten Klasse noch nicht den Unterschied von „Du“ und „Sie“.
Die Lehrerin spricht an dieser Stelle den Schüler Sm1 direkt an und gibt ihm zu verstehen, dass er in der letzten Stunde nicht da war. Er war also nicht anwesend und kann folglich nicht als letztes dran gewesen sein. Sm1 [doch] (Zeile 7)
Sm1 fällt der Lehrerin erneut ins Wort. Er widerspricht ihr mit „doch“. Er ist also noch immer der Meinung, dass er derjenige war, der in der letzten Stunde begonnen hat. Seine Intention besteht darin, von der Lehrerin auserwählt zu werden. Scheinbar kann er sich mit der Entscheidung der Lehrerin noch nicht ganz abfinden. Vielleicht möchte er auch einfach seine Lehrerin ärgern, in dem er ihr immer wieder widerspricht und ins Wort fällt, ohne sich zu melden. Festzuhalten ist, dass der Beginn mit etwas noch Unbekanntem eine wichtige und entscheidende Rolle für ihn spielt.
6
Arbeit zitieren:
Jasmin Schnell, 2009, Auswertung einer Unterrichtsstunde im Fach Religion in Anlehnung an die objektive Hermeneutik, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Jasmin Geisler geb. Schnell hat einen neuen Text hochgeladen
Schulpraktische Studien in gestuften Studiengängen
Neue Wege und erste Evaluation...
Rainer Bolle, Manfred Rotermund
Rolle und Selbstverständnis der Mentoren in den Schulpraktischen Studi...
Entwicklung einer Qualifikatio...
Jörg Oettler
Schulentwicklung und Schulpraktische Studien - Wie können Schulen und ...
Anne-Katrin Krueger, Yoshiro Nakamura, Manfred Rotermund
Objektive Hermeneutik und Bildung des Subjekts
Mit dem Text: 'Die Philosophie...
Hans-Josef Wagner
Einführung in schulpraktische Studien
Vorbereitung auf Schule und Un...
Ingbert von Martial, Jürgen Bennack
0 Kommentare