Gliederung
1. Einleitung S.1
2. Analyse der Erzählung unter erzähltextanalytischen Gesichtspunkten
2.1 Aufbau 1
2.2 Zeit 2
2.3 Modus 4
2.4 Stimme 7
3. Fazit S.10
4. Literaturverzeichnis S 11
Analytische Übung: Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft WS 08/09
1. Einleitung
Die Erzählung „Alles“ von Ingeborg Bachmann ist eine der sieben Geschichten aus dem Zyklus „Das dreißigste Jahr“ zwischen 1956 und 1957. 1 Irmela von der Lühe zitiert in ihrem Aufsatz „Abschied vom Utopia der Sprache“, Worte von Ingeborg Bachmann, die sie während einer Vorlesung äußerte. Darin bringt sie ihren „Sprachtraum“ sowie die Gefangenschaft der Menschheit in der Welt der „schlechten Sprache“ 2 zum Ausdruck. Von solch einem Sprachtraum und einem sprachlichen Neubeginn handelt auch der retrospektive Erzählerbericht des Ich-Erzählers in der Erzählung von Ingeborg Bachmann. Im Zentrum dieser Erzählung steht die Geburt und das Aufwachsen eines Lebewesens, das entgegen den Erwartungen des Vaters, die gleiche Richtung einschlägt wie alle anderen Menschen dieser „schlechten Welt“ 3 . Erst nach seinem Tode beginnt der Vater seinen Jungen zu akzeptieren. Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, ob die Autorin Ingeborg Bachmann durch diese Erzählung ihren Wunsch vom „Utopia der Sprache“, den sie 1960 in einer ihrer Vorlesungen äußerte 4 , tatsächlich verabschiedet. Anhand des Beitrages von Irmela von der Lühe soll diese Frage im Fazit dieser Ausarbeitung diskutiert werden. Zunächst wird jedoch eine Analyse der Erzählung unter erzähltextanalytischen Gesichtspunkten durchgeführt. Der Erzähltext wird dabei nach dem Aufbau, der Zeit, dem Modus und der Stimme hin untersucht. Hierbei werden die Untersuchungskriterien nach der Literatur von Martinez, Matias/ Scheffel, Michael: „Einführung in die Erzähltheorie“, angewandt.
2. Analyse der Erzählung unter erzähltextanalytischen Gesichtspunkten
2.1 Aufbau
Der Text untergliedert sich in mehrere Abschnitte. In der Einleitung greift der Ich-Erzähler ein Ereignis aus der Gegenwart heraus und informiert so den Leser über die gegenwärtige Situation mit seiner Ehefrau. Man erhält dadurch einen ersten, kurzen Einblick in sein Leben. Im zweiten Abschnitt informiert er uns über seine Gedanken bzgl. der Geburt seines Sohnes
1 Vgl. Irmela von der Lühe: Abschied vom Utopia der Sprache. Ingeborg Bachmanns Erzählung ´Alles`. In: Text und Kritik 6: Ingeborg Bachmann. 5. Auflage: Neufassung. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. München 1995, S. 84
2 Vgl. Irmela von der Lühe, Abschied vom Utopia der Sprache, S. 85
3 Vgl. Irmela von der Lühe, Abschied vom Utopia der Sprache, S. 85
4 Vgl. Irmela von der Lühe, Abschied vom Utopia der Sprache, S. 85
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und springt von der Gegenwart zurück in die Vergangenheit. Der dritte Abschnitt belehrt uns über das Scheitern seiner Rolle als Vater sowie über die Einsicht, dass seine Vision gescheitert ist. Ihm ist es nicht gelungen, seinen Sohn so zu erziehen, dass dieser eine andere Richtung einschlägt als der Rest der Menschheit. Die Flucht zur Prävention seiner Ängste, beschreibt der Erzähler uns im vierten Abschnitt, bevor er dann im fünften Abschnitt den tragischen Unfall seines Sohnes erläutert. Der letzte Abschnitt der Erzählung belehrt uns über das Leben der Ehepartner nach dem Tod des Sohnes und kehrt somit wieder in die Gegenwart zurück. Dieser Abschnitt beschreibt den Wendepunkt des Geschehens. Erst nach dem Tod seines Sohnes beginnt der Vater ihn anzunehmen.
2.2 Zeit
Die Untersuchung der Zeit umfasst in dieser Analyse Ordnung, Dauer und Frequenz.
Der Erzähler beginnt die Erzählung mit der Verwendung des Präsens und vergegenwärtigt dem Leser dadurch die aktuelle Situation der beiden Ehepartner. Es handelt sich hierbei um keine Anachronie, da der Erzähler keine Umstellung der zeitlichen Ordnung vornimmt. Er berichtet von der Gegenwart. Dennoch lässt sich vermuten, dass diese Situation regelmäßig wiederkehrt, so dass sie durchaus auch die Zukunft beschreibt. Diese Vorgehensweise ist ein Indiz für die Verwendung der iterativen Erzähltechnik. Die Erzählinstanz erzählt ein sich wiederholendes Ereignis einmal.
Weiterhin ist die Erzählung geprägt von einer großen Analepse, die im Laufe des Textes Einschübe von kleineren Analepsen und Prolepsen erfährt. Der Ich-Erzähler nimmt durch die Verwendung der Analepsen eine Rückwendung bereits vollzogener Ereignisse vor. So leitet er mit folgender Analepse: „Als ich Hanna heiratete, geschah es weniger ihretwegen, als weil sie das Kind erwartete“ 5 , den Erzählerbericht ein. Es handelt sich um eine externe Analepse, da sie nicht Teil des Zeitabschnittes der Hauptgeschichte ist (siehe Punkt 2.4). Die zu Beginn verwendete Analepse ist eine aufbauende Rückwendung, durch die der narrative Adressat Informationen über die Situation der beiden Ehepartner erhält.
Die Erzählzeit ist in der Erzählung größtenteils deutlich kürzer als die erzählte Zeit. Der Ich-Erzähler beschreibt auf einem Umfang von zwanzig Seiten eine Reichweite, die die Geburt sowie das Heranwachsen seines Sohnes bis hin zum Jugendalter umfasst. Es wird also deutlich, dass die Reichweite der Erzählung mit dem Umfang der Erzählung nicht in Einklang
5 Ingeborg Bachmann: Alles. In: Sämtliche Erzählungen. München 1996, S. 138
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steht. Bei der Aufzählung der Fortpflanzungskette auf Seite 140 sowie bei der beinahe szenischen Darstellung der Spielsituation der Kinder auf Seite 146, stimmen Erzählzeit und erzählte Zeit jedoch fast überein. Es handelt sich daher um zeitdeckendes Erzählen. Der Erzähler wird beim Aufzählen der Kette die gleiche Zeit aufwenden müssen, wie beim Erzählen der Geschichte. Gleiches gilt für die Darstellung der Spielsituation auf Seite 146 sowie für den Einschub der erlebten Rede: „Ich schrie das Einwohneramt und die Schulen und die Kasernen an: Gebt ihm eine Chance! Gebt meinem Kind, eh es verdirbt, eine einzige Chance!“ 6 Das Zitat setzt media res ein, was ebenfalls ein Hinweis auf zeitdeckendes Erzählen ist. Auf Seite 143 nimmt der Erzähler eine leichte Raffung der Erzählung vor. Er beschreibt mit den Worten: „Die Zeit, die mir blieb, verging rasch“ 7 , zunächst einen undefinierten Zeitraum, den er in den nachfolgenden Zeilen jedoch präziser beschreibt. Vom aufrechten Sitzen im Kinderwagen bis hin zu den ersten Worten beschreibt er einige Monate in nur wenigen Sätzen und erhöht damit die Erzählgeschwindigkeit. Gedanklich kann der narrative Adressat diesem Zeitsprung jedoch gut folgen. Auf den folgenden Seiten versucht der Erzähler durch den Einschub von zunächst zukunftsungewissen Prolepsen beim Leser eine gewisse Spannung zu erzeugen. So stellt er auf Seite 143 zum wiederholten Male die Frage: „Wie lange noch“ und führt auf Seite 145 zum wiederholten Male an: „O eines Tages “. Damit blickt er vorausschauend in die Zukunft. Während er auf Seite 144 lediglich „Oh eines Tages“ anführt, ergänzt er auf Seite 145 die Prolepse durch den Satz: „Eines Tages würde er Bescheid wissen“ und erklärt dem Leser damit, was er mit dem zuvor genannten Satz meinte. Hauptsächlich handelt es sich bei der Erzählung um iteratives Erzählen. Der Erzähler beschreibt seine Gefühle, die mehrfach in den ganzen Jahren aufgetreten sind, singulativ. Kennzeichnend für das überwiegend iterative Erzählen der Erzählinstanz sind u.a. die unbestimmten Zeitangaben wie z.B. oft (S.143), öfter (S.146) sowie die Angabe des Wochentages auf Seite 145. Der folgende Satz stellt ebenfalls ein Indiz für iteratives Erzählen und gleichzeitig für die Zeitraffung dar: „Fipps verspielte die Jahre bis zur Schule“ 8 . Auf Seite 146 springt der Erzähler für einen kurzen Moment vom iterativen Erzählen zum repetativen Erzählen. So führt er zum zweiten Male an, dass die Welt von den kleinen Männern weitergebracht worden war. Er wiederholt an dieser Stelle also ein singulatives Ereignis. Damit rückt der Erzähler gleichzeitig das Ereignis ins Zentrum, da dieses eine zentrale Rolle in der Erzählung darstellt. Hatte der Vater zuvor die Hoffnung, dass sein Sohn eine andere Richtung einschlägt, als die Mehrheit der Menschen, so ist ihm durch die
6 Ingeborg Bachmann, Alles, S. 146
7 Ingeborg Bachmann, Alles, S. 143
8 Ingeborg Bachmann, Alles, S. 147
3
Arbeit zitieren:
Jasmin Schnell, 2009, Analyse der Erzählung „Alles“ von Ingeborg Bachmann unter erzähltextanalytischen Gesichtspunkten, München, GRIN Verlag GmbH
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