1
Gliederung
1. Einleitung 3
2. Theoretische Hintergründe des Forschungsanliegens 5
2.1 Definitionen 6
2.1.1 Drogen 6
2.1.2 Missbrauch 7
2.1.3 Drogenrausch 8
2.1.4 Sucht - Abhängigkeit 8
2.2 Geschichtliche Entstehung und Verbreitung des Drogengebrauchs 9
2.3 Drogen, Drogengruppen und Drogenarten 10
2.3.1 Alkohol 11
2.3.2 Nikotin 12
2.3.3 Barbiturate / Benzodiazepine 13
2.3.4 Cannabinoide 15
2.3.5 Halluzinogene 18
2.3.6 Stimulanzien 23
2.3.7 Opioide 25
2.3.8 Inhalatien 25
2.4 Verschiedene Theorien - Erklärungsansätze zur Entwicklung des
Drogenkonsums 26
2.4.1 Psychologische Erklärungsmodelle 26
2.4.2 Soziologische Erklärungsmodelle. 28
2.4.3 Übergreifende Erklärungsmodelle 31
2.5 Eigene theoretische Überlegungen 33
2.6 Hypothesenbildung 37
2
3. Untersuchungsdesign und Überarbeitung der Daten 41
3.1. Durchführung der Befragung / Untersuchungsdesign 41
3.2. Überarbeitung der Daten 43
3.2.1 Die unabhängige Variable „Integration“ 45
3.2.2 Die abhängige Variable „Drogenkonsum“ 49
4. Verteilungsprüfung und Auswahl der Verfahren 51
4.1. Verteilungsprüfung 51
4.2. Auswahl der Verfahren 55
5. Ergebnisse der empirischen Analyse 57
5.1 Deskriptive Analyse der Drogenvariable 57
5.2 Empirische Ergebnisse der Untersuchung 59
6. Methodenkritik 79
7. Anhang 81
8. Literaturverzeichnis 97
3
1. Einleitung
Zu einer Zeit, in der die Schule Schauplatz von Gewalt unter Schülern bzw. von Schülern gegen Lehrer geworden zu sein scheint, wird die Frage nach den Gründen für solch ein Ausufern jugendlicher Verhaltensweisen laut. Es entwickelte sich ein öffentlicher Diskurs, der von Politikern, gesellschaftlichen Gremien und Betroffenen in den Medien geführt und getragen wird. Man richtet die Augen auf die Institution Schule und erwartet Antworten auf die verschiedenen Fragen: z.B. wie, wann und wodurch kann Schule „besser“ werden? Ob und unter welchen Umständen gehen Lehrer wie Schüler täglich gern zur Schule? Was motiviert die Konfliktparteien, produktiv miteinander zu arbeiten? Wie gestaltet sich das Engagement im Unterricht und in welchen Fällen geht es über dieses hinaus? Wie eignen sich Schüler Wertorientierungen und soziale Kompetenz an? In welchem Maße verfügen Lehrer in der heutigen Zeit über soziale Kompetenz im Umgang mit Schülern? Welche Rolle spielt das Elternhaus für die Sozialisation der Kinder? Im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie der Universität Leipzig widmeten wir uns seit Oktober 2000 der Frage, ob und inwieweit Schule als Institution in der Lage ist, jungen Menschen Demokratiefähigkeit zu erziehen. Uns interessierten hierbei die sozialen Beziehungen der Triade Lehrer, Schüler und Elternhaus im Interesse eines effizienten Leistungsverhaltens und größerer Demokratiefähigkeit bei Schülern.
Im Verlauf dieser, als Forschungspraktikum angelegten Veranstaltung, eigneten wir uns im ersten Teil theoretisches Hintergrundwissen zur Thematik an. Weiterhin erstellten und überarbeiteten wir von uns gewählte Indikatorenkomplexe, wodurch es uns möglich war, einen ausgearbeiteten Fragebogenkatalog fertigzustellen.
Im zweiten Teil der Veranstaltung erhoben wir mit Hilfe des Fragebogens die Daten von über 1.000 Schülern aus drei sächsischen Gymnasien. Dabei wählten wir eine ländliche Schule in Brandis, eine in der Kleinstadt Wurzen und eine in Leipzig aus, um so eventuelle regionale Unterschiede zwischen Stadt und Land mit erheben und später auswerten zu können. Anhand dieser Fragebögen erfolgte in einem weiteren Teil der Veranstaltung die Dateneingabe, notwendige Operationalisierungen und Indexbildungen, sowie die Prüfung der Verteilung und erste Analysen der Basisvariablen.
4
Wir werden die erhobenen Daten nutzen, um unser Augenmerk auf einen besonderen Aspekt zu richten, welcher einen wesentlichen Einfluss auf die Jugendlichen in ihrer Sozialisationsphase hat und somit auch auf die Ausbildung der sozialen Kompetenz im Sinne der Demokratiefähigkeit: die Bedingungsfaktoren für den Umgang der Schüler mit illegalen Drogen. Vor dem Hintergrund eines aktuellen Beitrages des lokalen TV Senders LeipzigFernsehen, welcher Leipzig neben Berlin als Drogenhauptstadt des „Ostens“ deklariert, wollen wir einen Beitrag zu den zahlreichen Untersuchungen leisten und dabei mit einigen pauschalen Vorurteilen in Theorie und Praxis aufräumen. Uns ist vielmehr daran gelegen, tatsächliche Gründe für den Griff zur Droge zu finden und zu untersuchen, ob und inwieweit sich die drogenkonsumierenden Jugendlichen hinsichtlich ihrer Beziehungen zu Eltern, Lehrern und Gleichaltrigen, ihren Leistungen und eigenen Selbstsichtweisen von den Übrigen unterscheiden. Dabei ist uns durchaus bewusst, dass unsere Arbeit nur einen kleinen Teil zu dieser komplexen Thematik leisten kann. Einerseits haben wir nur eine begrenzte Auswahl an zur Verfügung stehenden Fragen und zum anderen sind die Daten nur an Schülern von Gymnasien erhoben wurden. Damit bleibt es uns verwehrt, ein repräsentatives Ergebnis für alle Jugendlichen zu erreichen. Dennoch liegt uns viel daran, gerade auch für die Gruppe der Gymnasiasten zu einem erkenntnis- fördernden Ergebnis zu gelangen.
5
2. Theoretische Hintergründe des Forschungsanliegens
Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs, der Wende und der darauf folgenden Wiedervereinigung zu Beginn der 90er Jahre gingen für eine beträchtliche Anzahl von Menschen in Ost- und Westdeutschland Träume in Erfüllung. Es wurden aber auch Stimmen laut, die Vorbehalte gegenüber der allzu optimistischen Einschätzung äußerten, dass eine möglichst rasche Einführung westlicher Verhältnisse im Osten der Republik für deren Bewohner zu deutlich spürbaren Verbesserungen führe. Nicht alle Erscheinungen des Westens seien gut und es wert, übernommen zu werden, so der Einwand vieler ehemaliger DDR-Bürger.
Eine dieser eher westlichen Erscheinungsformen ist der "Gebrauch von illegalen Drogen im allgemeinen und der - dort offenbar als Massenphänomen etablierte - Cannabiskonsum im Besonderen" (Baumgärtner 1998, S.13). Obwohl es auch vereinzelte Berichte über Drogenkonsum in der DDR gibt, war der breiten Masse der dort lebenden Bevölkerung der Alkohol als einzige rauscherzeugende Droge bekannt. Aus diesem Grund war es nicht unbedingt abzusehen, wie die Ostdeutschen auf die zwar illegalen, aber doch erhältlichen Drogen reagieren würden. Bis zum heutigen Tag wurden mehrere Studien durchgeführt, um zu prüfen, ob Drogen überhaupt Anklang in bestimmten Bevölkerungsgruppen, Altersschichten, und da gerade bei den Heranwachsenden, fanden und finden.
Theo Baumgärtner, der im Rahmen einer Studie den Konsum von illegalen Drogen von Studenten in Leipzig, Dresden und Hamburg untersuchte, kam zu folgendem Schluss: "Die in diesem Milieu erhobenen Daten zur Verbreitung des illegalen Drogengebrauchs könnten in diesem Sinne gleichsam als "worst-case-scenario" interpretiert werden. Zum anderen aber - und dies mag auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen - können uns die Informationen über die konkreten studentischen Drogengebrauchsmuster gleichzeitig auch als ein Indikator
für den "best-case" dienen, und zwar in dem Sinne, als dass sich bei den Studierenden trotz einer überdurchschnittlich hohen Drogenpräsenz und -prävalenz (zumindest in bezug auf Cannabis) so gut wie keine ernsthaften Anzeichen für daraus entstehende Probleme finden lassen. Ihre Art des Umgangs mit illegalen Drogen gibt uns Hinweise darauf, dass es sehr wohl möglich ist, einen umsichtigen und kontrollierten Gebrauch bestimmter vermeintlich gefährlicher Substanzen zu betreiben, ohne das dies gleichsam automatisch in deren Missbrauch einmünden muß.
6
Ihnen gelingt es offenbar, einen genussorientierten Umgang mit diesen psychoaktiven Substanzen zu realisieren, den wir sonst nur auf den Konsum der legalen Drogen Alkohol und Tabak als möglichbeschränkt wissen wollen" (1998, S.10).
Trotz solcher eher entwarnenden Aussagen scheinen sich die Fronten in der seit Jahren andauernden drogenpolitischen Diskussion unüberwindlich verhärtet zu haben: "Während die einen konsequent an ihrem eher deontologisch begründetem Ziel einer ‚drogenfreien Gesellschaft‘ festzuhalten versuchen, verwerfen die anderen - mehr konsequenzialistisch orientiert - eine solche Vorstellung von vornherein als ein gänzlich unrealistisches Wunschbild" (Baumgärtner 1996) Es ist deutlich, dass die Meinungen in der Theorie weit auseinander gehen. Wir werden daher diesen Abschnitt nutzen, einige theoretische Ansätze vorzustellen. Dabei gehen wir auf psychologische, soziologische und übergreifende Theorien ein. Auch sollen in diesem Abschnitt die einzelnen Substanzen genauer betrachtet werden.
2.1 Definitionen
Beginnen werden wir den theoretischen Teil unserer Arbeit mit einer allgemeinen Begriffsklärung. Dabei sollen die wesentlichen Begriffe unserer Arbeit erklärt bzw. definiert werden.
2.1.1 Drogen
Das Bertelsmann - Universal - Lexikon definiert Drogen im engeren Sinne wie folgt: „Rauschmittel, Rauschgifte, chem. Stoffe, die durch ihre Wirkung auf das Zentralnervensystem einen Erregungs-, Rausch- oder ähnl. Ausnahmezustand herbeiführen, gekennzeichnet durch gehobene Stimmung, körperliches Wohlgefühl und Vergessen der Realität bzw. halluzinator. Erscheinungen. Die Wirkung der D. beruht auf einer akuten Vergiftung, nach deren Abklingen es zu Niedergeschlagenheit und Unlustgefühlen kommt. Das physiolog. oder psych. Bedürfnis nach erneuter Einnahme von D. führt zur Sucht (D.abhängigkeit).“ (1993, S.207, Hervorhebung im Original) Wir haben diese allgemeine Definition vorangestellt, da sie die öffentliche Meinung zum Thema Drogen gut darstellt. Es ist bekannt, dass die Einnahme von „Drogen“ den Körper in einen veränderten Zustand versetzt und die regelmäßige Einnahme zu einer Vergiftung des Körpers führt, die nicht selten in einer Abhängigkeit endet. Daher ist der Begriff „Drogen“ in der heutigen Zeit ge- nerell negativ behaftet.
7
Ursprünglich wurden Substanzen als Drogen bezeichnet, die aus Pflanzen extrahiert und als Heilmittel Verwendung fanden, also durchaus mit einer positiven Absicht zum Einsatz kamen. Heute werden unter dem Begriff „Drogen“ Substanzen zusammengefasst, welche als Rausch-und Suchtmittel benutzt werden. Dabei werden diese nach deutschem Recht in „legale Drogen“ wie Alkohol und Nikotin, aber auch verschiedene Sedativa (Beruhigungsmittel), Stimulantia und Psychotonika (Aufputschmittel), sowie „illegale Drogen“ kategorisiert. Die illegalen Drogen werden wiederum in zwei Gruppen gefasst, zum einen die sogenannten „weichen Drogen“ (Cannabis - Produkte, Nachtschattengewächse und Pilze) und zum anderen die „harten Drogen“ (Schnüffelstoffe, Opiate und Halluzinogene).
Unter „weichen Drogen“ verstehen wir Substanzen, welche kein physisches Abhängigkeitspotential besitzen, „harte Drogen“ hingegen führen mehr oder weniger schnell zu einer solchen Abhängigkeit. Eine einheitliche Definition dieser Einteilung hat sich bisher noch nicht durchgesetzt.
Auch ist die Unterscheidung in legale und illegale Drogen immer eine Frage der gesellschaftlichen Definition und kann von Kultur zu Kultur unterschiedlich ausfallen. So ist der Alkohol bei uns gesellschaftlich respektiert und nur wenige Menschen erkennen ihn als Droge an, in vielen arabischen Ländern ist er jedoch verboten. Ein zweites Beispiel sind die Cannabis-Produkte, welche in Indien noch heute in Religion und Medizin breite Anwendung finden, in den meisten westlichen Ländern aber zu den illegalen Drogen zählen.
Wir definieren daher Drogen im folgenden als Substanzen, welche als Rausch- und Suchtmittel benutzt werden, d.h. die in die natürlichen Abläufe des Körpers eingreifen und vor allem unsere Stimmungen, Gefühle und Wahrnehmungen beeinflussen, und ein gewisses Missbrauchspotential besitzen.
2.1.2 Missbrauch
„Mißbrauch (Abusus) wird als Gebrauch einer Sache definiert, welcher vom üblichen Gebrauch in qualitativer und quantitativer Hinsicht abweicht. Bei Drogenmißbrauch handelt es sich um die Inkorporation einer Substanz mit dem Ziel der psychischen und/oder physischen Manipulation, z.B. Rauscherzeugung, Betäubung, Doping usw. Sofern hierzu Medikamente verwendet werden, handelt es sich um nichtmedizinischen Gebrauch, es fehlt die ärztliche Indikation.“ (Schuler 1997, S.14)
8
Die Definition von Schuler ist wiederum eine sehr allgemein gehaltene Definition, die gewisse gesellschaftliche Grundfragen offen lässt. Ist z.B. das tägliche Bier zum Abendessen oder das Glas Rotwein vor dem Schlafengehen ein Drogenmissbrauch oder eher der gelegentliche Konsum von Cannabis-Produkten? Durch die Definition von Missbrauch wird besonders deutlich, wie unterschiedlich die Bewertung der Situation ausfallen kann. Dennoch ist die von Schuler gegebene Definition unserer Meinung nach sehr treffend und eindeutig, und wir können diese für unsere Arbeit übernehmen.
2.1.3 Drogenrausch
„Im engeren Sinne [ist der Rausch] die Bezeichnung für Symptome einer akuten Alkoholvergiftung, z.B. Angst, Unruhe, Delir, Halluzinationen, Dämmerzustand oder Terminalschlaf, im weiteren Sinne die Veränderung des Erlebens und der Gefühle (z.B. Euphorie, Ekstase) nach Alkohol- oder Drogenkonsum.“ (Drogen-Wissen - Ein wiss. Nachschlagewerk zur Drogenthematik) Ein Rausch ist damit ein aufs höchste gesteigerter, oftmals als beglückend erlebter, emotionaler Zustand, der, insofern es sich um einen Drogenrausch handelt, durch Rauschgifte oder kurz „Drogen“ hervorgerufen wird.
2.1.4 Sucht - Abhängigkeit
Unter Drogenabhängigkeit wird der zwanghafte Gebrauch von chemischen oder anderen Stoffen verstanden, die einen subjektiv angenehmen Zustand des Nervensystems bewirken (vgl. Bejerot 1972).
„1957 definierte die WHO Rauschgiftsucht als einen Zustand periodischer oder chronischer Intoxikation, hervorgerufen durch den wiederholten Gebrauch einer natürlichen oder synthetischen Droge mit den Folgen: unbezwingbares Verlangen nach Einnahme und Beschaffung des Mittels, Tendenz zur Dosissteigerung, psychische, meist auch physische Abhängigkeit von der Drogenwirkung, Schädlichkeit für Individuum und/oder Gesellschaft.“ (Drogen-Wissen - Ein wiss. Nachschlagewerk zur Drogenthematik)
9
Als ausschlaggebend für eine etablierte Drogenabhängigkeit wird die psychische Abhängigkeit gesehen, da sie sich zuerst entwickelt und einer körperlichen (physischen) Abhängigkeit (z.B. Entzugssymptomen) stets vorangeht. Diese Fassung hat den Vorteil, dass darunter auch Abhängigkeiten von solchen Drogen gefasst werden können, die trotz erfolgreichen Entzugs weiterbestehen und so z.B. zum Rückfall führen können. (vgl. Bejerot 1972). Unter psychischer Abhängigkeit wird dabei ein Verlangen verstanden, sich bestimmte Substanzen zuzuführen, um ein erhöhtes Wohlbefinden zu erreichen, oder um unangenehme Empfindungen zu beseitigen. Dieses Verlangen ist so stark ausgeprägt, dass ihm nur schwer zu widerstehen ist. Hinzu kommt die Bereitschaft, sich die Substanzen mit allen Mitteln zu beschaffen. Im Gegensatz dazu steht die physische Abhängigkeit. Sie bedeutet das Auftreten objetivierbarer Entzugserscheinungen bei abrupter Abstinenz oder Antidotgabe. Physische Abhängigkeit ist eine körperliche Abhängigkeit von einer bestimmten Substanz. Der Begriff physische Abhängigkeit wird neuerdings durch Neuroadaption ersetzt. Hiermit sind Veränderungen der Steuermechanismen des Zentralnervensystems als Folge wiederkehrenden Drogenkonsums gemeint. (vgl. Schuler 1997, S.14f.)
Den folgenden Teil der Arbeit nutzen wir, um einen allgemeinen Überblick über das Thema Drogen zu geben. Es soll dabei um die geschichtliche Entstehung und Verbreitung des Phänomens Drogenkonsum gehen, um die verschiedenen Erscheinungsformen und einzelne Substanzen, sowie um deren Wirkung.
2.2 Geschichtliche Entstehung und Verbreitung des Drogengebrauchs
Der Konsum von Rauschmitteln ist für Deutschland kein neuartiges Phänomen. Bereits Ende des 18. Jh. und durch das gesamte 19. Jh. hindurch gab es den Rauschmittelkonsum und die Rauschmittelabhängigkeit. Das Konsumverhalten war dabei oftmals das gleiche, lediglich die gesellschaftliche Beurteilung veränderte sich.
Bis zum Ende des 19. Jh. wurde Haschisch zu meist als Therapeutikum gegen eine Vielzahl von Leiden eingesetzt, wie z.B. Schlaflosigkeit, Psychosen, spastischer Husten bis hin zu Rheuma, und im Vergleich zu Kaffee oder Tee eher als harmlos eingeschätzt. Ähnlich war der Umgang mit dem weitaus gefährlicherem Opium, welches einen noch stärkeren Ruf als universelles Heil- mittel hatte.
10
Die Geschichte der Suchtmittel ist eine Geschichte des medizinischen „Fortschritts“ im Kampf gegen die Sucht, wobei der Fortschritt nicht in der Minderung, sondern nicht selten in der ungewollten Steigerung des Suchtpotentials bestand. So wurde zum Beispiel Kokain zur Heilung des Morphinismus eingesetzt.
Nach dem II. Weltkrieg sind die Suchtmittel Kokain und Heroin praktisch aus dem legalen und illegalen Handel verschwunden, Haschisch hatte gar keine Bedeutung, glaubt man den zeitgenössischen Publikationen. Der Weg in den Drogengebrauch erfolgte meist über medizinisch-therapeutische Behandlung oder betraf direkt Angestellte im medizinischen Dienst. Jugendliche waren so gut wie gar nicht betroffen.
Bereits in den 50er Jahren des 20.Jh. wurde jedoch in den USA von einer epedemiehaften Verbreitung von Marihuana gesprochen, welche vor allem die halbwüchsige Jugend erfasste. So wurde auch das Rauschmittel über süddeutsche Städte, in denen überwiegend amerikanische Soldaten stationiert waren, in die Bundesrepublik Deutschland eingeführt und nicht über den klassischen Weg norddeutscher Hafenstädte.
Die Ausbreitung des Drogengebrauchs und hier vor allem des Haschisch setzte gegen Mitte der 60er Jahre ein und verlief unerwartet schnell. Vor allem Jugendliche avancierten zu den eigentlichen Trägern des Drogengebrauchs. Der Einstieg erfolgte auch nicht mehr über normenkon-formes Verhalten im medizinisch therapeutischem Sinne, denn da fand Cannabis keine nennenswerte Anwendung.
Die Drogenwelle schwappte zwischen 1968 und 1971 über die deutschen Jugendlichen und die Ausweitung vollzog sich erst nach der Einführung der Kulturdroge Haschisch. Nach 1971 ist ein Rückgang des Drogengebrauchs zu verzeichnen, der ab Mitte der 70er Jahre bis in die 90er Jahre, entgegen verschiedentlich aufgestellter Horrorszenarien, in eine Phase der Konstanz übergeht. Dieses beschriebene Verlaufsmuster, schnelle Ausweitung und allmählicher Rückgang, gleicht einem Muster, das für Modeerscheinungen allgemein charakteristisch ist. Der Drogengebrauch ähnelt einem Prozess sozialer Diffusion von „Innovation“.
2.3 Drogen, Drogengruppen und Drogenarten
Im folgenden werden wir die verschiedenen Drogengruppen vorstellen, dabei auf die einzelnen Substanzen und ihre Wirkung eingehen, sowie die Gefahr, die bei der Einnahme besteht, näher erläutern.
11
2.3.1 Alkohol
Alkohol ist die in unserem Kulturkreis wohl am weitesten verbreitete Droge und ist in unterschiedlicher Konzentration in vielen Getränken enthalten. Im Gegensatz zu illegalen Substanzen ist der Konsum von Alkohol in Mitteleuropa akzeptiert und weit verbreitet. Von staatlicher und besonders von gesundheitsbehördlicher Seite wird immer wieder vor dem Missbrauch von Alkohol gewarnt, allerdings stehen diesen Warnungen auch die detaillierten Werbestrategien entgegen, die den Absatz von alkoholhaltigen Getränken immer weiter steigern sollen. Die deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren geht von ca. 2,5 Millionen Bundesbürgern aus, die alkoholabhängig und behandlungsbedürftig sind. Dabei sind ca. 70% der Betroffenen Männer und nur 30% Frauen. Immerhin 10% dieser Erkrankten sind nach dieser Schätzung Jugendliche und junge Erwachsene. (vgl. partypack.de - drogeninfos - alkohol )
Alkohol wird in der Regel getrunken, um das allgemeine Wohlbefinden zu steigern und eine gehobene Stimmung zu erreichen. Dabei entspannt der Alkohol, mindert die Ängste und beseitigt psychische Hemmungen und führt damit zu einer Erleichterung der zwischenmenschlichen Beziehungen. Weitere erwünschte Wirkungen sind eine gesteigerte Libido und gehobenes Selbstwert- und Kraftgefühl. Auch wirkt Alkohol schlaffördernd.
Der Konsum hat unerwünschte Nebenwirkungen und birgt akute Gefahren. So kann es bei stärkerer Berauschung zu gereizt-aggressivem Verhalten mit erheblicher Enthemmung und Störung der Koordinationsfähigkeit kommen. Der Gang wird unsicher und die Sprache verwaschen. Die Kritikfähigkeit und insbesondere die Fähigkeit zur Selbstkritik nehmen ab. Das Reaktionsvermögen wird extrem verlangsamt und damit beeinträchtigt Alkohol auch besonders das Fahrvermögen im Straßenverkehr.
Wahrnehmungs- und Bewusstseinsstörungen bis zur Bewusstlosigkeit treten mit steigender Alkoholdosis auf. Akute Gefahren sind Vergiftungen, z.T. mit Todesfolge, Unfälle, aggressive und sexuelle Entgleisungen und das Begehen strafbarer Handlungen, vor allem von Verkehrsdelikten und Körperverletzungen. Nach Abklingen des Rausches besteht meist partielle Amnesie. Alkohol wirkt in geringen Dosen erregend, in mittleren und hohen Dosen dagegen betäubend und in der Gesamtheit dabei vorwiegend dämpfend auf das zentrale Nervensystem. Neben den unerwünschten Nebenwirkungen führt der regelmäßige Konsum von Alkohol aber auch zu Lang- zeitfolgen und Abhängigkeit.
12
Langfristig schädigt regelmäßiger Alkoholkonsum von mehr als 40 bis 60g täglich, das entspricht etwa 0,5l Wein oder 1l Bier, sämtliche Organe des Körpers, vor allem Leber, Bauchspeicheldrüse, Magen-Darm-Trakt und das Herz-Kreislauf-System. Insgesamt kommt es zum vorzeitigen Altern. Gravierend sind auch die Schädigungen am Nervensystem. An den peripheren Nerven treten Entzündungen und Degenerationen auf, die zu sensiblen und motorischen Ausfällen, zu Gangunsicherheit und Lähmungen führen können. Schließlich werden hirnorganische Leistungseinbußen mit Störungen des logischen und abstrakten Denkens evident. Neben diesen körperlichen Folgeerscheinungen treten in Verbindung mit dem süchtigen Verhalten gravierende psychische und soziale Folgen auf. In fortgeschrittenen Stadien ist die Erwerbsfähigkeit eingeschränkt oder aufgehoben.
Regelmäßiger starker Alkoholkonsum führt zu körperlicher Abhängigkeit, die sich darin äußert, dass bei Reduzierung oder Unterbrechung der Alkoholzufuhr typische körperliche Entzugserscheinungen wie Schwitzen, Zittern, innere Unruhe und vegetative Entgleisungen auftreten. In gravierenden Fällen kann es zu lebensbedrohlichen Zuständen oder zum Auftreten eines Entzugdelirs kommen. (vgl. Arbeitshilfe für die Rehabilitation von Suchtkranken 1996 und partypack.de - drogeninfosalkohol )
2.3.2 Nikotin
Nikotin ist die zweite Substanz mit Suchtpotential, die juristisch jedoch nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fällt und damit den Status der Legalität besitzt. Das in Tabak enthaltene Nikotin wird nicht zum Zwecke der Berauschung konsumiert, es besitzt aber auch eine psychomimetische Wirkung und ein erhebliches Suchtpotential. Hinsichtlich der Störung neuropsychiatrischer Funktionen ist Nikotin im Vergleich zu den übrigen Substanzen von geringer Bedeutung. Die Inkorporation erfolgt durch Rauchen, wobei Jugendliche Zigaretten bevorzugen. Neben dem Hauptalkaloid Nikotin enthält Tabak eine Vielzahl anderer Substanzen wie Teer, Blausäure oder Formaldehyd. Manche der schädlichen Stoffe werden erst beim Rauchen freigesetzt. 1994 wurden 70000 Todesfälle auf Tabakkonsum zurückgeführt. Die WHO erwartet, dass die Zahl der Opfer in den kommenden 30-40 Jahren weltweit auf 10 Millionen steigen wird. (vgl. ginko e.V. - Nikotin)
Da dem Missbrauch von Rauschdrogen bei Jugendlichen meist jener von Nikotin vorausgeht, muss dem Zigarettenkonsum eine gewisse Schrittmacherfunktion hinsichtlich des späteren Alkohol- und Drogenabusus angelastet werden.
13
Chronische Nikotinzufuhr führt rasch zur Gewöhnung und Dosissteigerung bis zu 50 oder gar 70 Zigaretten täglich. Die Dopaminfreisetzung im mesokortikalen System mit der Vermittlung angenehmer Gefühle dürfte hierfür verantwortlich sein. Bei Jugendlichen spielt bezüglich des Rauchens allerdings auch der Nachahmungstrieb eine erhebliche Rolle. Erwünschte Effekte sind meist Anregung, gesteigertes Konzentrationsvermögen, ein gewisses Wohlgefühl, aber auch Entspannung und Beruhigung.
Psychopathologische Störungen werden meist erst bei chronischem Konsum größerer Mengen in Form von vegetativer Labilität, Appetitverlust und Schlafstörungen deutlich. Die Wahrnehmungen werden durch das Nikotin nicht beeinträchtigt. Beim abrupten Verzicht treten Gereiztheit, Unruhe, Nervosität und Schlaflosigkeit auf, verbunden mit einem intensiven Verlangen nach dieser Droge.
In bezug auf neurologische und allgemeinkörperliche Störungen kann es zu Kopfschmerzen und Schwindelgefühl kommen. Wesentliche Gesundheitsschäden wie Angina pectoris, Sklerose anderer Blutgefäße, Veränderungen im Bereich der oberen Luftwege mit Bronchitis und Lungenemphysem, treten erst nach mehrjährigem chronischen Konsum in Erscheinung. Die Irritation der Magenschleimhaut kann zu Gastritis führen. Weitere Folgen des chronischen Tabakkonsums sind Karzinome der oberen Luftwege und der Lunge. Bei gleichzeitigem Alkoholismus kann sich eine Tabak-Alkohol-Amblyopie entwickeln. (vgl. ginko e.V. - Nikotin)
2.3.3 Barbiturate / Benzodiazepine
Diese Gruppe umfaßt eine Reihe von verschreibungspflichtigen, aber auch frei zugänglichen Arzneimitteln und ist eine Sammelbezeichnung für früher häufig verwendete Sedativa, Schlafmittel und Antiepileptika auf Barbitursäurebasis. Damit ist der Konsum dieser Substanzen, wenn auch zweckentfremdet, doch immerhin nach dem Gesetz legal. Nach Untersuchungen des Bun-desverbandes der Innungskrankenkassen sind in der BRD rund 1,4 Millionen Menschen arzneimittelsüchtig. (vgl. Drogen-Wissen - Ein wiss. Nachschlagewerk zur Drogenthematik) Die physiologische Wirkung der Barbiturate besteht bei niedrigen Dosen in einer Beruhigung, bei höheren Dosen im Schlaf und bei sehr hohen Dosen in einer Narkose. Besonders bei ultralang und langwirkenden Barbituraten besteht eine unerwünschte Nebenwirkung in dem sogenannten "Hang-over", d.h. am nächsten Morgen nach dem durch die Barbiturate ausgelöstem Schlaf sind noch 80 bis 90 Prozent der Wirkstoffe im Organismus.
14
Das dadurch hervorgerufene Gefühl der Müdigkeit und Schlappheit wird oft mit Kaffee oder aufputschenden Mitteln (Weckamine bzw. Amphetamine) bekämpft. So kann es zu einem Teufelskreis einer kombinierten "Schlaf-Weckmittel-Sucht" kommen. Die größte Gefahr besteht in einer akuten Vergiftung, Bewußtlosigkeit, Atemhemmung und Tod durch Kreislaufversagen. Nach längerem chronischen Mißbrauch kommt es zur körperlichen Abhängigkeit mit Symptomen wie Gangstörungen, Händezittern, Lidflattern und Schwitzen.
Die psychische Abhängigkeit wird an erhöhter Reizbarkeit und Jähzorn bei eingeengten Interessen und Antrieben deutlich. Barbituratabhängige müssen eine regelrechte Entziehungskur durchmachen, da ein abrupter Entzug zu epileptischen Krämpfen und Kollapszuständen führen kann. Benzodiazepine stehen beim Abusus zentralwirksamer Pharmaka weit an der Spitze. Sie sind eine Medikament-Wirkstoffgruppe zur kurzzeitigen Behandlung von Schlafstörungen, sowohl Einschlaf- wie auch Durchschlaf-Störungen, die durch Angst, Erregung oder innere Unruhe hervorgerufen werden. Ursachen für den häufigen Missbrauch dürften der rasch einsetzende angst- und spannungslösende Effekt, sowie die Einschätzung der Benzodiazepine als weitgehend ungefährliche Mittel sein. Zusätzlich zur angstlindernden Wirkung mindern Benzodiazepine die bewußte Wahrnehmung und Intensität von Gefühlen, verringern die innere Spannung und dämpfen Aggressionen.
Die Einnahme von Bezodiazepinen ist mit einer Reihe von Nebenwirkungen verbunden. Sie machen müde und Verringern die Aufmerksamkeit und Konzentration Es werden Einschränkungen der geistigen und intellektuellen Leistungsfähigkeit beobachtet. Dazu können auch Gelenkbeschwerden, Muskelschwäche, Störungen des Gleichgewichtssinnes oder der Muskelsteuerung auftreten.
Bereits nach vierwöchiger Einnahme kann eine psychische Abhängigkeit entstehen. Zwar besteht keine Tendenz zur Dosissteigerung, ohne das Medikament treten jedoch alle Symptome, weswegen es genommen wurde, verstärkt wieder auf, z.B. Angst, Unruhe, Reizbarkeit oder Schlafstörungen.
Die Einnahme von Drogen der Barbiturat-Benzodiazepin-Gruppe erfolgt zumeist oral, sie können aber auch gespritzt werden. Drogenabhängige bezeichnen den Zustand nach dem Konsum als erstrebtes „Feeling“. Damit verbunden ist jedoch auch ein Verlust von rationalen Steuerungs- mechanismen wie im Falle des Alkoholrausches.
15
Von Jugendlichen werden diese Substanzen oft bewusst in Verbindung mit Alkohol eingenommen, um dessen Wirkung wesentlich zu steigern und einen andersartigen Rauschzustand zu erreichen, wie er mit Alkohol allein wohl nicht auftreten würde. Dieser Umgang ist besonders gefährlich und kann zu schweren Vergiftungen bis hin zum Tod führen. Dabei steckt die Gefahr besonders in der relativ einfachen Zugänglichkeit zu diesen Mitteln. (vgl. Drogen-Wissen - Ein wiss. Nachschlagewerk zur Drogenthematik und Barbiturate)
2.3.4 Cannabinoide
Nachdem der Konsum von Alkohol und Nikotin, zumindest ab einer bestimmten Altersgrenze, genau wie der Konsum von Medikamenten vom Gesetzgeber als legal eingestuft wird, begibt man sich mit dem Gebrauch von Cannabinoiden in die Sphäre der Illegalität. Cannabinoide oder Cannabis ist der wissenschaftliche Ausdruck und Gattungsbegriff für die staudenartig wachsende Hanfpflanze. Für die Betrachtung von Hanf ist besonders die weibliche Pflanze heranzuziehen, denn sie entwickelt den psychoaktiven Wirkstoff Tetrahydrocannabinol, kurz THC genannt, der sich in den Blüten, Blättern und abgesonderten Harz sammelt. Zu den Cannabisprodukten gehören Haschisch, Haschischöl sowie Marihuana, welches auch als Gras bekannt ist. Da die Cannabisprodukte nach derzeitigen Erkenntnissen nach dem Alkohol die am häufigsten missbrauchten Rauschmittel sind und der Konsum besonders weit unter den Jugendlichen verbreitet ist, werden wir uns dieser Gruppe etwas ausführlicher widmen. Es werden zwar immer wieder unterschiedliche Zahlen für den Konsum von Cannabis genannt, es scheint jedoch als allgemein akzeptiert, dass weit mehr als die Hälfte der deutschen Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren Erfahrungen mit dem Umgang dieses Produktes haben. Karl-Heinz Reuband nennt in seiner Studie zum Beispiel einen Wert von über 80% der Jugendlichen, welche Cannabis schon einmal, wenn auch teilweise nur einmal, konsumiert haben. (vgl. Reuband 1994) In der Geschichte wurde es nicht nur im medizinischen Bereich, sondern auch bei religiösen Festen und anderen Ritualen eingesetzt. Noch heute ist das Cannabis zum Beispiel in Indien legal und findet als Appetitanreger oder in der Medizin zur Behandlung von psychosomatischen Leiden wie Schlaflosigkeit und Migräne, aber auch bei der Behandlung von Krebs breite Anwendung.
Der indische Hanf, Cannabis sativa Linné (indica) ist die Stammpflanze der Rauschdroge Cannabis. Aus ihr werden dann 2 unterschiedliche Formen (Haschisch und Marihuana) für den Konsum extrahiert.
16
Haschisch enthält vor allem das Harz der weiblichen Drüsenköpfe und kommt vor allem in Klumpen oder zur Platte gepresst auf den Markt. Beim Marihuana handelt es sich dagegen um ein Gemisch aus zerriebenen Blättern, Stengeln und Blüten der Cannabispflanze. Das aus der Hanfpflanze gepresste Haschischöl findet man kaum auf dem Schwarzmarkt und es ist auch bei der Betrachtung des Haschisch als Rausch- und Suchtmittel eher unbedeutend. Eine große Rolle in der Diskussion um Cannabisprodukte spielen die mit ihrem Konsum verbundenen vermeintlichen und tatsächlichen gesundheitlichen Gefahren. Behauptungen über angebliche Horrorwirkungen der Droge werden in dieser Debatte nach wie vor angeführt. Die Ergebnisse der Cannabisforschung geben jedoch Grund zur „Entwarnung“: „Viele Risiken, die der Substanz in der Vergangenheit zugeschrieben wurden, konnten in den letzten zwanzig Jahren widerlegt oder zumindest deutlich relativiert werden“ (Raschke/Kalke 1997, S.73). Die Droge wird vorwiegend durch Rauchen von Joints oder Pfeifen dem Körper zugeführt, seltener oral in Heißgetränken oder in Gebäck. Die Wirkungsdauer von Cannabis kann je nach Art und Menge des Konsums unterschiedlich sein. Beim Rauchen von Cannabis stellt sich die Wirkung meist unmittelbar nach dem Konsum ein und hält dann ca. 1-4 Stunden an, wobei das „High“ - Gefühl nicht abrupt, sondern allmählich abnimmt. Bei der oralen Aufnahme von Cannabis wirkt die Droge frühestens eine halbe Stunde nach dem Gebrauch. Die Wirkung tritt hier verzögert, dann allerdings oft plötzlich und heftig ein und kann sich noch langsam steigern. Die Wirkung hält je nach Dosis des Konsums 2-10 Stunden an und lässt dann allmählich nach. Nach einmaligem Konsum ist Cannabis 7-10 Tage im Urin nachweisbar, bei häufigerem Konsum bis zu 8 Wochen. Im Haar kann Cannabis je nach Haarlänge bis zu 3 Monate nach der Einnahme nachgewiesen werden.
Die Wirkung von Cannabis wird unterschiedlich beschrieben und ist nicht nur vom Wirkstoff THC abhängig, sondern auch vom subjektiv emotionalen Zustand des Konsumenten („set“) und dem sozialen Rahmen der Einnahme („setting“).
Cannabis kann den momentanen Gefühlszustand verstärken, sowohl positiv als auch negativ. Erwünschte Wirkungen sind „Highgefühl“, innere Ruhe, leichte Euphorie, Lachlust, Größengefühl, Wahrnehmungsveränderungen, Ausgeglichenheit und Entspannung, Sedierung und Schlafförderung. Das sexuelle Empfinden wird gesteigert und es kommt zu einer erhöhten Kommunikationslust. Schon das Rauchen von 1-2mg THC führt zur psychischen Beeinträchtigung. Die Wahrnehmungsänderungen führen weniger zu echten Halluzinationen als zur Ver- änderung der Sinneseindrücke in qualitativer und quantitativer Hinsicht.
17
Die Farben erscheinen leuchtender, die Töne wirken reiner, Grenzen lösen sich auf, es kommt zu Verschmelzungseffekten. Auch Synästhesien können auftreten, d.h. durch einen Reiz werden andere Sinnesfunktionen mit aktiviert. Weitere Wirkungen sind Depersonalisations- und Derealisationserlebnisse. Die Grenze zwischen Individuum und Außenwelt schwindet. Je höher die genommene Dosis ist, desto größer wird auch die Antriebs- und Teilnahmslosigkeit. Die Einnahme von Cannabisprodukten führt nicht nur zu erwünschten Effekten, sie ist auch mit bestimmten Risiken verbunden. Prinzipiell ist es immer ein Risiko, dass man keine exakte Kenntnis der Inhaltsstoffe hat und somit auch ein unbekannter Wirkstoff dem Körper zugeführt werden kann.
Paranoide Befürchtungen nehmen bei chronischem Missbrauch zu. Gegenüber Appellen von Innen und Außen treten Gleichgültigkeit und Stumpfheit ein. Das Selbstgefühl ist in maniformer Weise gesteigert. Auch können Elevations- und Gravitationsgefühle auftreten. Bei Aufnahme größerer Dosen ist das Raum-Zeit-Gefühl gestört, es kommt zu einer Veränderung in der Zeitwahrnehmung.
Die Stimmung kann nicht nur euphorisch, sondern auch dysphorisch verändert sein. Kommt es zu Depressivität, sind Suizidgedanken häufig. Der Verlust des Realitätsbezuges verunsichert und weckt Angst- und Panikgefühle. Weiter kommt es zur Fragmentierung des Gedankenganges und zur abnormen Aufmerksamkeitsfokusierung. Das Reaktionsvermögen ist beeinträchtigt, wie auch der Antrieb und die Konzentrationsfähigkeit. Es kommt zu Einbußen der Merkfähigkeit und des Gedächtnisses sowie des logischen Denkens. Die Komplexität der Wirklichkeit wird nicht mehr erfasst. Man spricht dabei von dem sogenannten „Gedankenchaos“. Beim leichten Rausch bleibt der Zugang zu den Umweltgeschehnissen erhalten, d.h. der Berauschte kann aus seiner traumhaften Versunkenheit in die Realität zurückkehren, ist in der Lage, den Rausch quasi zu unterbrechen. Beim chronischen Konsum wird das Denken jedoch konkretistisch, Zusammenhänge werden nicht erkannt. Es gelingt nicht mehr, langfristige Pläne zu entwickeln und zu realisieren. Bei Überforderungssituationen neigen Cannabisintoxikierte zu Gereiztheit und zu Aggressivität. Bei einer vorhandenen Disposition kann es zum Ausbruch von psychiatrisch behandlungsbedürftigen Erkrankungen kommen.
Neben diesen psychischen Wirkungen hat Cannabis aber auch eine physische Wirkung auf den menschlichen Organismus. Kurzzeitig verursachen Cannabisprodukte Rötungen und Jucken der Augen, Kopfschmerzen, Unwohlsein, Benommenheit, Schwindelgefühl, trocknen Mund und Kehle aus, führen zu Appetitverlust oder erzeugen einen Heißhunger auf Süßes.
18
Gelegentlich kommt es zu einem leichten Blutdruckanstieg oder Kreislaufbeschwerden, verbunden mit Herzrasen. Für das gesunde Herz ist dies aber nicht schädlich. Heute gibt es entgegen vielen Gerüchten keine Anzeichen für eine körperliche Abhängigkeit nach dem Cannabiskonsum und auch nach ständigem Konsum hoher Dosen nur eine geringe Toleranzwirkung. Viel gravierender, da schwerer in den Griff zu bekommen, ist die psychische Abhängigkeit, die bei regelmäßigem Konsum von psychoaktiven Drogen, also auch bei Cannabis, entstehen kann.
Ein weiteres Risiko für den Konsumenten eröffnet sich beim sogenannten Mischkonsum, d.h. Cannabis wird in Verbindung mit andern Substanzen eingenommen. Das Risiko unkalkulierbarer Rauschzustände steigt an. Ebenso erhöht und/oder potenziert sich das Risiko gesundheitlicher Schädigungen.
Bevor wir unsere Ausführung mit der nächsten Substanz fortsetzen, soll an dieser Stelle der strafrechtliche Umgang mit Cannabis erwähnt werden. Cannabis fällt unter das Betäubungsmittelgesetz. Seit Februar 1999 ist auch der Besitz von Hanfsamen in Deutschland strafbar, sollte dieser zum Anbau von THC- haltigen Pflanzen geeignet sein. (vgl. Scherp 2001) Besitz, Anbau, Handel etc. stehen nach wie vor unter Strafe. Gegen alle Personen, die mit Cannabis angetroffen werden, wird ein Strafverfahren eingeleitet. Die Staatsanwaltschaft kann dieses Verfahren einstellen, wenn es sich um eine geringe Menge zum eigenen Verbrauch handelt und keine Fremdgefährdung vorliegt. Von einer Fremdgefährdung ist z.B. dann auszugehen, wenn in der Öffentlichkeit, in Schulen, in Jugendfreizeitheimen, auf Spielplätzen usw. konsumiert wird, wenn der Konsum vor Minderjährigen stattgefunden hat oder im Zusammenhang mit dem Führen von Kraftfahrzeugen bzw. dem Bedienen von Maschinen am Arbeitsplatz. Bei einer Verurteilung sind sowohl Geld- als auch Haftstrafen möglich, darüber hinaus der Entzug des Führerscheins. Das Führen eines Fahrzeuges unter Einfluss illegaler Drogen ist grundsätzlich verboten. Im Unterschied zu Alkohol gibt es bei illegalen Drogen keine einschränkenden Grenzwerte, sondern ein absolutes Verbot. (vgl. Rudgley 1999, Schmidbauer; vom Scheidt 1999, Kleiber; Kovar 1997 und Landesarbeitsgemeinschaft Suchtvorbeugung NRW 1999)
2.3.5 Halluzinogene
Halluzinogene haben ähnliche Auswirkungen auf menschliche Grundfunktionen wie Denken, Empfinden, Wahrnehmen, Bewusstsein, wie Cannabinoide. Der Rauschzustand ist jedoch noch intensiver, länger anhaltend und nicht unterbrech- oder steuerbar.
19
Halluzinogene rufen tiefgreifende seelische Veränderungen hervor, wobei das Bewusstsein und Erinnerungsvermögen erhalten bleiben. Sie entrücken die Konsumenten in eine Traumwelt, die sie bewusst erleben. Zahlreiche Substanzen haben halluzinogene Wirkungen, die bekanntesten sind dabei wohl LSD, Ecstasy und einige Pilze.
Lysergsäurediäthhylamid (LSD)
Das bekannteste und zugleich wirksamste Halluzinogen ist das LSD, auch als Pappen, Trips, Acid oder Ticket bekannt. Die Droge wurde bereits 1938 von dem Chemiker Albert Hofmann aus Mutterkorn synthetisiert und dann in der Erwartung hergestellt, ein Analeptikum zu gewinnen. 1943 führte er einen Selbstversuch durch, nachdem er zufällig bemerkt hatte, dass bereits kleinste Spuren eine psychotrope Wirkung aufwiesen. Zur medizinischen Anwendung kam die Substanz daher nicht, sie diente jedoch Forschungszwecken, da sie sich zur Auslösung experimenteller Psychosen eignete. In den 60er und 70er Jahren begann LSD im Zusammenhang mit der Hippie-Bewegung auch in Deutschland größere Verbreitung zu finden.
Zahlreiche Todesfälle im Zusammenhang mit LSD (tödliche Fenstersprünge aus dem Glauben heraus, fliegen zu können...) veranlassten die amerikanische Regierung 1966 LSD zu verbieten. In Deutschland ist LSD seit 1971 verboten und dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt. (vgl. Scherp 2001) Jugendliche werden oft neugierig auf die Wirkung dieses Halluzinogens, wenn sie bereits Erfahrungen mit Cannabinoiden haben.
LSD wird zumeist in Form von kleinen Papiertrips (Pappen, Tickets ca. 0,5cm²), die zuvor mit der Substanz beträufelt wurden und in der Regel mit Comicfiguren oder -bildern bedruckt sind, sowie als Mikrotabletten (Mikros) auf dem Schwarzmarkt verkauft. Die Einnahme der Droge erfolgt damit oral und ist auch auf Zuckerwürfeln als Trägersubstanz möglich. Der Wirkstoff-Gehalt unterliegt sehr starken Schwankungen. "Pappen" bzw. "Tickets" enthalten zwischen 25 und 250 Mikrogramm (1 Mikrogramm sind 1millionstel Gramm), Mikrotabletten enthalten durchschnittlich ca. 250 Mikrogramm und mehr LSD-Wirkstoff. Etwa 30-60 min nach der Inkorporation tritt der sogenannte Rausch ein. Bei vollem Magen kann es aber auch bis zu 2 Stunden dauern. Die Dauer und die Wirkung des Rausches hängen von der eingenommenen Dosis ab. Bei einer „Schwellendosis“ von ca. 25-50 Mikrogramm LSD treten leichte körperliche und schwache psychische Effekte ein. Eine Dosis von über 150-200 Mikrogramm lässt den Konsumenten starke Halluzinationen und Wahrnehmungsverschiebungen erleben. Es kann zu Brechreiz, Warm-Kalt-Schauern und Schwindelgefühl kommen.
Arbeit zitieren:
Holger König, 2002, Forschungsbericht zur schulischen Sozialisation, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Balladenvergleich: Goethes "Erlkönig" im Vergleich mit Herde...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 14 Seiten
Was ist das Erfolgsrezept von "Harry Potter"?
Versuch einer themen- und genr...
Examensarbeit, 121 Seiten
Holger König hat den Text Forschungsbericht zur schulischen Sozialisation veröffentlicht
Holger König hat einen neuen Text hochgeladen
Schulische Eigenverantwortung und staatliche Aufsicht
Eine Untersuchung der Möglichk...
Judith Müller
Schulische Qualitätsentwicklung durch Netzwerke
Das Internationale Netzwerk In...
Kathrin Dedering
Schulische Steuergruppen und Change Management
Theoretische Ansätze und empir...
Nils Berkemeyer, Heinz Günter Holtappels
Jahrbuch Schulische Qualitätsanalyse in NRW
Konzepte, erste Erfahrungen un...
Sabine Müller, Kathrin Dedering, Wilfried Bos
Schulische und schulnahe Dienste
Angebote, Praxis und fachliche...
Florian Baier, Stefan Schnurr
0 Kommentare