Danksagung
Bei der Erstellung der vorliegenden Studie wurde ich von zahlreichen Menschen unterstützt, denen mein besonderer Dank gilt. Im Einzelnen sind dies:
N Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Missionsärztlichen Instituts in Würzburg. Namentlich genannt seien hier vor allem Dr. Klemens Ochel, Initiator eines deutschchinesischen Online-Projektes zur Bekämpfung von HIV/AIDS und dem Soziologen und Sprachkundler Joachim Rüppel für seine konstruktiven Vorschläge beim Gestalten der gemischten qualitativ/quantitativen Umfrage zum Thema HIV/AIDS.
N .RQJODL=KDQJ0'3URIHVVRUGHVÄ'HSDUWPHQWRI(SLGHPLRORJ\´DP³3HNLQJ Union MedLFDO&ROOHJH´XQG'LUHNWRUYRQ&KLQD$,'61HWZRUNXQGVHLQHP Mitarbeiter Shaojun Ma, die mich in die aktuelle Thematik einführten und mit wertvollem Quellenmaterial und Statistiken versorgten.
N Yu Lulu, für das Korrekturlesen der chinesischen Version meines Umfragebogens.
N Die Studentinnen Wang Yitian, Li Yingfei, Cheng Nana, Lou Cuicui, Yu Lulu und den Studenten Weiping Tan, Ma Nan und Qizhou Xiong für die Distribution meines Fragebogens an weitere chinesiche Studenten/innen.
N Die 102 chinesischen Studenten die meinen Fragebogen ausgefüllt haben.
N Prof. Dr. Barbara Sponholz und Prof. Dr. Ulrike Gerhard für praktischen Rat und hilfreiche Verbesserungen.
N Mein Vater für die Hinführung zum Thema und meine Eltern für das Korrekturlesen.
2
Inhaltsverzeichnis
I. Motivation für das Thema HIV/AIDS in China
II. HIV/AIDS eine Einführung 8
1. Definition wichtiger Termini 9
1.1. HIV 10
1.2. AIDS 10
2. HIV/AIDS Chronik einer Epidemie 11
III. Die Ausbreitung von HIV/AIDS in China in fünf Phasen 12
1. Erste Phase 1985 1988 13
2. Zweite Phase 1989 1993 14
3. Dritte Phase 1994 - 1995 14
4. Vierte Phase 1996 2001 16
4.1. heterosexuelle Übertragung 18
4.2. homosexuelle Übertragung 19
4.3. Frauen und Männer im Sexgewerbe 21
4.4. Wanderarbeiter 23
4.5. Drogenabhängige 25
4.6. Fernfahrer 26
4.7. Armee und bewaffnete Kräfte 27
5. Fünfte Phase 2002 heute 27
5.1. Verluste an Menschenleben 27
5.2. Kosten der Epidemie 29
IV. Besonders stark betroffene Provinzen 30
1. Yunnan ( e ) 31
2. Guangxi ( SS ) 32
3
V. Chinas Kampf gegen die Epidemie S. 35
VI. Vorbild Hongkong S. 56
1. Hongkong AIDS Foundation S. 57
VII. Diskriminierung und Stigmatisierung S. 59
VIII. Volkswirtschaftliche Kosten der Epidemie S. 68
1. Makroökonomische Auswirkungen S. 69
2. Mikroökonomische Auswirkungen S. 72
3. Ökonomisches Fazit S. 72
IX. Praktischer Teil. Befragung chinesischer Studenten zum Thema HIV/AIDS S. 74
1. Der Fragebogen S. 74 1.1. Die Methodik S. 74
2. Zur Fragenauswertung S. 76
2.12. Evaluation der Frage 12.) b.) 93
2.13. Evaluation der Frage 13.) 94
2.14. Auswertung der persönlichen Angaben 95
2.14.1. Geschlecht 96
2.14.2. Alter 96
2.14.3. Herkunft 97
2.14.4. Gegenwärtiger Wohnsitz 98
2.14.5. Studium 99
3. Fazit 99
X. Schlussbetrachtung 101
XI. Literaturverzeichnis 102
1. Literatur 102
2. Zeitungsartikel und Informationsbroschüren 106
3. Internet 107
6
Abkürzungsverzeichnis
Technische Hinweise
Bei der Umschrift chinesischer Namen, wurde von mir, falls nicht anders angegeben, die heute international geläufigste, nämlich die Pinyin-Schreibweise, angewandt.
Den Begriff AIDS habe ich in der Regel in Großbuchstaben geschrieben. Die teilweise anzutreffende Schreibweise Aids, die vor allem in journalistischen Kreisen angewandt wird, fand nur bei entsprechenden Zitierungen Verwendung.
7
I. Motivation für das Thema HIV/AIDS in China
Ä&KLQDKDVHYHU\WKLQJWRJDLQLILWFDQVWHPWKHWLGHRIWKH AIDS epidemic and everything to ORVHLILWIDLOV´ 1
Meine Motivation für das Thema dieser Magisterarbeit Ä+,9$,'6 LQ &KLQD ± eine %HVWDQGVDXIQDKPH³ beruht auf einer Vielzahl von Gründen.
So bekam ich durch die Tätigkeit meines Vaters, der als Sprecher des Aktionsbündnisses gegen AIDS mit diversen chinesischen Vertretern zu diesem Topos interagierte, bereits vor mehreren Jahren einen ersten Einblick in den Themenkomplex. Überaus hilfreich waren dabei die Kontakte, die ich mit den in Deutschland weilenden chinesischen Delegationen knüpfen konnte. Diese Delegationen setzten sich sowohl aus staatlichen Gesundheitsexperten als auch aus Mitgliedern diverser, im medizinischen Sektor tätiger NGOs (Non-governmental Organisations) zusammen.
Einer meiner Beweggründe mich mit dieser Problematik zu befassen lag im Weiteren an der hervorragenden Prädestinierung des Themas für die Humangeographie, da ich bei der Themenwahl eine Vielzahl von anthropogeographischen Aspekten berücksichtigen und bearbeiten konnte.
Ich spreche hierbei von der Migrationsgeographie, dem Stadt-Land-Gefälle, der Wechselwirkung zwischen Staat und Gesellschaft, bis hin zu Bevölkerungsstatistiken um nur einige zu nennen.
Die Zielgruppe für den praktischen Teil meiner Arbeit waren chinesische Studenten, die ich zum Thema HIV/AIDS in China befragte. Als Methodik wählte ich sowohl qualitative, als auch quantitative Elemente der Sozialforschung. Eine Intention dieser Arbeit ist dabei der Wunsch, dass die Studenten von den gewonnenen Ergebnissen profitieren können. Ein ebenfalls ausschlaggebendes Kriterium mich für das Thema HIV/AIDS in China zu entscheiden, war mein im Jahre 2005 begonnenes Zweitstudium der Sinologie. Ein im Sommersemester 2007 absolviertes Auslandssemester an der Peking University verhalf mir zu
1 9JO%%&1HZVRQOLQH³$QQDQKLJKOLJKWV&KLQD¶V$,'6SUREOHP³LQ.DQDEXV$QQDEHOÄ+,9 $,'6
LQ&KLQD³LQAIDS/HIV information from AVERT.org, 07.02.2008, 16 Seiten, Zugriff: 03.03.2008 unter
http://www.avert.org/aidschina.htm, S. 11
8
wertvollen Kontakten, die mir die Durchführung meiner Umfrage unter chinesischen Studenten überhaupt erst ermöglichte.
II. HIV/AIDS - eine Einführung
Durch meinen Aufenthalt in der Volksrepublik wurde mir die enorme Bedeutung des Themas HIV/AIDS in China bewusst. Diese ergibt sich aus dem Potenzial einer dramatischen Ausweitung der bereits jetzt erkennbaren Folgen und Auswirkungen der Krankheit für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung des bevölkerungsreichsten Landes der Welt. So wächst der Druck auf die Gesundheits- und Sozialsysteme des Landes, bei gleichzeitigem Sinken der Produktivität. Erkrankte Personen werden stigmatisiert und ausgegrenzt. Unverständlicherweise wurde das Problem über viele Jahre verdrängt, verleugnet und in seinen Konsequenzen unterschätzt. Unter all den Herausforderungen, denen sich die Volksrepublik China im beginnenden Jahrtausend stellen muss, ist die HIV/AIDS-Pandemie noch immer von nachgeordneter politischer Priorität.
China ist durch HIV/AIDS akuter denn je bedroht. Der internationale Public Health Experte Richard Feachem, der in den Jahren 2002 ± 2007 DirektoU GHVÄ*OREDO)XQGDJDLQVW $,'6 7XEHUFXORVLVDQG0DODULD³war, kommentiert dazu:
It would be fantastic if China could show the world how to contain the HIV/AIDS epidemic[«]However, should we fail, the consequences would not only be catastrophic for China ± they would be felt all over the world. 2
Dass das Themengebiet HIV/AIDS in Asien, insbesondere in China, in der Zukunft unzweifelhaft an Relevanz gewinnen wird, wie die jüngste mediale Aufmerksamkeit beweist, gab letztlich den Ausschuss, meine Magisterarbeit darüber zu schreiben.
2 Vgl. GlobaO)XQG3UHVV5HOHDVH³&KLQD&DQ$YHUW0DMRU$,'6&ULVLVDQG%HDW7%(SLGHPLF´LQ
.DQDEXV$QQDEHOÄ+,9 $,'6LQ&KLQD³LQAIDS/HIV information from avert.org, S. 12
9
1. Definition wichtiger Termini
1.1. HIV
HIV ist die Abkürzung für Humanes Immundefizienz-Virus. Wenn Körperflüssigkeiten (Blut, Muttermilch oder Sperma) einer, mit dem HI-Virus infizierten Person, in den Blutkreislauf einer anderen Person gelangen, kann es zu einer Virusinfektion kommen. Im Falle einer Infektion, treten nach einer symptomarmen Latenzzeit, die im Mittel 10-12 Jahre dauert, sogenannte opportunistische Folgeerkrankungen auf. Diese bestehen vor allem aus schwerwiegenden Infektionskrankheiten wie der Tuberkulose, verschiedenen Krebsarten und bösartigen Geschwüren wie dem Kaposi Sarkom. Wenn dieses Stadium erreicht ist, spricht man von AIDS. 3
1.2. AIDS
AIDS ist die Abkürzung des englischen Terminus Acquired Immunodeficiency Syndrom und bezeichnet eine viral erworbene Immunschwächekrankheit, die die Abwehrfähigkeit des Körpers gegenüber Krankheitserregern herabsetzt.
Drei bis zwölf Wochen nach einer Infektion mit dem HI-Virus bilden sich im Blut Antikörper als Zeichen der körpereigenen Abwehr (die Grundlage des HIV-Testes). Infizierte Personen bleiben meist einige Jahre ohne körperliche Beschwerden.
Irgendwann jedoch ist das körpereigene Abwehrsystem soweit zerstört, dass es dem Angriff von Krankheitserregern nicht mehr standhalten kann. Wird der Infizierte nicht mit antiretroviralen Medikamenten versorgt, ist die Todesfolge nur eine Frage der Zeit.
3 *HVXQGKHLWVEHULFKWHUVWDWWXQJGHV%XQGHVÄ+,9-Infektion (InfektionsepidemiolRJLVFKHV-DKUEXFK³
05.03.2008, Zugriff: 05.03.2008 unter http://www.gbe-
bund.de/gbe10/abrechnung.prc_abr_test_logon?p_uid=gastg&p_aid=&p_knoten=FID&p_sprache=D&p_suchstr
ing08474::Infektionskrankheiten
10
2. HIV/AIDS, Chronik einer Epidemie
HIV/AIDS ist seit Anfang der 80er Jahre weltweit auf Vormarsch. Laut dem UNAIDS Statusbericht vom Dezember 2006 sind etwa 40 Millionen Menschen auf allen fünf Kontinenten mit dem HI-Virus infiziert. 4
Im Jahresverlauf 2006 wurden, ebenfalls nach Schätzungen von UNAIDS 4,3 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert, während 2,3 Millionen an AIDS starben. Diese Statistiken sind nicht nur alarmierend, sondern bestätigen HIV/AIDS als die Haupttodesursache von 15-60 jährigen Menschen auf der ganzen Welt. 5 Zwar leben rund 25 der 40 Millionen HIV-infizierten Personen im subsaharen Afrika, doch gilt der Höhepunkt der Krankheit in diesen Ländern als bereits überschritten. 6 Sorge bereiten vielmehr Osteuropa und Asien, die in den 80er und vor allem in den 90er Jahren noch als kaum betroffen galten. Die ehemaligen kommunistischen Regierungen in diesen Ländern definierten HIV/AIDS als ein Problem des Ädekadenten kapitalistischen Westens³ und betrieben keine Aufklärungsarbeit. Auch in den politisch und wirtschaftlich turbulenten Jahren nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Wirtschaftsboom Chinas Anfang der 90er Jahre, gab es keine wirksamen staatlichen Konzepte zur AIDS-Prävention.
Erst als sich die Krankheit in der zweiten Hälfte der 90er Jahre sowohl in den GUS ± Staaten als auch in der Volksrepublik China immer rasanter verbreitete, erfolgte eine zögerliche politische Wende.
Für viele zu spät, denn die Quote der HIV-infizierten Bevölkerung in Estland und der Ukraine überstieg bereits 2001 die 1% Marke 7 , womit HIV/AIDS gemäß den Standards der UNAIDS als generalisierte Epidemie angesehen wurde. 8
Während Indien mit 5,7 Millionen infizierten Menschen die höchste Anzahl an HIV-infizierten Personen in Asien aufweist 9 , richtet sich das Augenmerk von UNAIDS,
4 Vgl. 81$,'6-RLQW8QLWHG1DWLRQV3URJUDPPHRQ+,9$,'6Ä*OREDOIDFWVDQGILJXUHV³'HFHPEHU
Zugriff: 02.03.2008 unter http://data.unaids.org/pub/GlobalReport/2006/200605-FS_globalfactsfigures_en.pdf
5 Vgl. 'U3HWHU3LRW81$,'6([HFXWLYH'LUHFWRUÄ5HVSRQVLELOLW\DQG3DUWQHUVKLS± Together against
+,9$,'6´, 12.March 2007, Zugriff: 28.02.2008 unter
http://data.unaids.org/pub/SpeechEXD/2007/0070311_sp_piot_bremen_en.pdf
6 Die epidemiologischen Angaben beruhen auf Veröffentlichungen von 01.12.2006. Ein Jahr später korrigierte
UNAIDS diese Statistiken deutlich nach unten, da neue Datenerhebungen in Indien, Äthiopien und Kenia
niedrigere Infektionsraten vermuten ließen.
7 LQGH[PXQGL³(VWODQG+,9$,'65DWHGHU (UZDFKVHQHQ´=XJULIIXQWHU
http://www.indexmundi.com/g/g.aspx?c=en&v=32&l=de
8 Vgl. 2IILFHRIWKH6WDWH&RXQFLO:RUNLQJ&RPPLWWHHRQ$,'6&KLQDÄ3URJUHVVRQ,PSlementing ungass
GHFODUDWLRQRIFRPPLWPHQWLQ&KLQD³'HFHPEHU 19 Seiten, S. 11
11
weiteren internationalen Gesundheitsorganisationen und NGOs auf einen aufstrebenden Staat, der der weltweit grassierenden Epidemie bisher entkommen zu sein schien. Meine Rede ist von der Volksrepublik China, dem mit 1,35 offiziell gemeldeten und über 1,5 Milliarden inoffiziell geschätzten Menschen, bevölkerungsreichsten Staat der Erde. Seit sich 6FKODJ]HLOHQZLHÄCHINA: AIDS bedroht das Riesenreich³LQGHQMedien häuften, befasst man sich auch im Westen mit der bis dato ignorierten Bedrohung. 10 Wenn man von China spricht, dann spricht man von Komplexität. Der mit knapp 9,6 Quadratkilometer drittgrößte Flächenstaat der Welt ist sowohl von seinen Klimazonen, über seine verschiedenen Völker, bis hin zum Stadt-Land-Gefälle facettenreich wie kaum ein zweiter.
Im Folgenden will ich eine Chronik der AIDS-Epidemie in der Volksrepublik China skizzieren. Meine Arbeit soll einen Beitrag dazu leisten die Unterschiede der Epidemie in den einzelnen Provinzen zu differenzieren. Ich werde weiterhin die von der Krankheit am stärksten betroffenen gesellschaftlichen Gruppen einer näheren Betrachtung unterziehen, relevante Politikfelder, Konsequenzen für die Betroffenen und die Auswirkungen auf die chinesische Volkswirtschaft darlegen. Abschließend werde ich eine zu gleichen Teilen qualitative und quantitative Umfrage unter chinesischen Studenten bezüglich HIV/AIDS auswerten.
III. Die Ausbreitung von HIV/AIDS in China in fünf Phasen
Als im Jahre 1985 der erste AIDS-Fall aus China gemeldet wurde, war einerseits die Bestürzung groß, während sich gleichzeitig eine trügerische Erleichterung breit machte. Bei der an AIDS erkrankten Person, die später an Lungenversagen sterben sollte, handelte es sich nämlich um einen Argentinier, der aus den USA kommend nach China eingereist war. 11 Die chinesische Führung sah sich in ihren seit Jahren gepflegten Vorurteilen bestätigt, dass +,9$,'6HLQÄZHVWOLFKHV3KlQRPHQ³VHLdas lediglich in den sexuell freizügigen und dem Drogenkonsum aufgeschlossenen Gesellschaften des Ämoralisch bankrotten, kapitalistischen Westens³ vorkäme.
9 9JO81$,'66WDWXVEHULFKWÄ=DKOHQ'DWHQ)DNWHQ]X+,9$,'6³LQAktionsbündnis gegen AIDS, Dezember
2006, Zugriff: 02.02.2008 unter http://www.ah-pforzheim.de/pdf/zahlen_worldwide_2007.pdf
10 Vgl. 'DPP-X*RLNKPDQ,Ä$,'6LQ&KLQD1RFKLVWGHU.DPSIQLFKWYHUORUHQ´ in fundiert. Das
Wissenschaftsmagazin der Freien Universität Berlin, Zugriff: 12.09.2007 unter
http://www.elfenbeinturm.net/archiv/archiv/2005/08.html
11 Vgl. 'DPP-X*RLNKPDQ,Ä$,'6LQ&KLQD1RFKLVWGHU.DPSIQLFKWYHUORUHQ´, S. 2
12
Das Gesundheitsministerium der Volksrepublik war der festen Überzeugung, dass in der begrenzt liberalen Gesellschaft der Volksrepublik, die damals noch einen vernachlässigbar geringen Drogenkonsum aufwies, eine Ausbreitung der Krankheit unmöglich sei und unterließ eine umfassende Aufklärung der Bevölkerung. 12
Das Auftreten von HIV/AIDS in China wird, je nach Quelle, in drei bis fünf Phasen unterteilt. In der folgenden Chronologie werde ich wegen der größeren Präzision GDV Ä)QI-Phasen-0RGHO³ nach Damm und Goikhman zusammenfassen.
1. Erste Phase 1985 - 1988
Die sogenannte erste Phase, die etwa von 1985 bis 1988 dauerte, schien die Auffassung der chinesischen Führung zunächst zu bestätigen. HIV-Infektionen ereigneten sich allenfalls sporadisch in den Küstenstädten und immer waren die Betroffenen Ausländer oder Chinesen, die längere Zeit im Ausland verbracht hatten. 13
Im August 1986 kündigte das Gesundheitsministerium obligatorische HIV-Tests für alle in die Volksrepublik einreisenden Ausländer an, die sich länger als drei Monate in China aufhalten wollten.
Am 22. Oktober 1986 bestätigte die chinesische Führung erstmals die Existenz von vier HIVpositiven chinesischen Staatsbürgern, die allesamt durch verseuchte ausländische Blutspenden infiziert worden waren. 14
Die Beijing Review (
ë
Vereinzelte Fälle von infizierten chinesischen Männern beschränkten sich auf die klandestine homosexuelle Subkultur der Großstädte. Da aber Homosexualität im China der 80er Jahre ohnehin stark diskriminiert und unter Strafe gestellt war, sah sich die Regierung nicht veranlasst prophylaktische Maßnahmen zu ergreifen.
12 Vgl. Damm, -X*RLNKPDQ,Ä$,'6LQ&KLQD1RFKLVWGHU.DPSIQLFKWYHUORUHQ´, S. 2
13 Vgl. .DQDEXV$QQDEHOÄ+,9 $,'6LQ&KLQD³LQAIDS/HIV information from avert.org, S. 1
14 Vgl. Settle, Edmund, ³AIDS in China: An Annotated Chronology 1985 ± 2003, Monterre\&DOLIRUQLD´
S. 10
15 Vgl. Settle, Edmund, ³AIDS in China: An Annotated Chronology 1985 ±2003´, S. 11
13
2. Zweite Phase 1989 - 1993
Als im Jahre 1989 146 Drogenabhängige im unzugänglichen Bergland von Yunnan ( e+ ) HIV-positiv getestet wurden, hatte die zweite Phase der HIV/AIDS Ausbreitung begonnen, die man bis 1993 ansetzt.
HIV/AIDS traf in dieser Region, dem sogenannten Ä*ROGHQHQ'UHLHFN³( ¥Ý¦ ) auf einen idealen Nährboden. Die von der Zentralregierung vernachlässigten armen Bergvölker der Zhuang (  ), Hani ( ) und Dai ( M ) lebten und leben vom Drogenschmuggel entlang der durchlässigen Grenze nach Laos und Myanmar. 16
In Yunnan blieb es aber nicht nur beim Drogenschmuggel. Ende der 80er Jahre etablierte sich eine veritable Gruppe von Drogenkonsumenten, die sich vor allem Heroin intravenös verabreichte. 17
Zwar handelte es sich bei den ersten 146 HIV-positiven Fällen lediglich um einen regional begrenzten Ausbruch, aber kurz darauf kam es zu weiteren Fällen in benachbarten Grenzstädten. Die chinesische Regierung reagierte mit harter Hand, wohl auch um ein Exempel zu statuieren. So wurden zahlreiche Todesurteile gegen verhaftete Drogenschmuggler binnen Tagen ausgeführt. 18 Den Vormarsch des HI-Virus konnte sie damit nicht aufhalten.
In den nächsten Jahren expandierte die Krankheit von Yunnan aus in die Nachbarprovinzen Guangxi ( SS ), Sichuan ( ¯± ) und Guizhou ( ² ) und wandelte dabei ihr Erscheinungsbild.
3. Dritte Phase 1994 - 1995
Während sich das HI-Virus in Yunnan gegen Anfang der Neunziger langsam aber stetig ausbreitete, wurde im Jahre 1994 eine neue Übertragungsform publik, die sich als weitaus gefährlicher als die intravenöse Übertragungsart herausstellte, und die die dritte Phase einleitete.
16 Vgl. UNAIDS, The UN Theme Group on HIV/AIDS LQ&KLQD³+,9$,'6&KLQD¶V7LWDQLF3HULO
Update of the AIDS Situation and Needs Assessment ReSRUW´-XQH6
17 Vgl. .DQDEXV$QQDEHOÄ+,9 $,'6LQ&KLQD³LQAIDS/HIV information from avert.org, S. 2
18 -DNRE/LQDÄ&+,1$$OOPDFKWEHUGHQ7RGKLQDXV´LQamnesty journal April 1996, Zugriff: 20.02.2008
unter http://www2.amnesty.de/internet/deall.nsf/AlleDok/B1E4AEE02D78A3SDDC1256B20004827B1?Open
14
Die Rede ist hierbei von HIV-kontaminierten Blutspenden, die ganze Dörfer in Zentralchina mit dem Virus verseuchten. 19
Der Weg in die Katastrophe zeichnete sich immer nach demselben Schema ab. Illegale Pharmaunternehmen versprachen armen Bauern, ihr karges Gehalt durch Blut und Blutplasmaspenden aufzubessern und sammelten auf diese Weise Hunderttausende von Blutproben. 20
Vorausgegangen war ein von der chinesischen Regierung verordnetes Verbot, Blut und Blutprodukte zu importieren, um die Übertragung des Virus durch Bluttransfusionen zu unterbinden. Mit diesem Verbot wurden Blutspenden zu einem lukrativen Geschäft und unseriöse, meist illegal agierende Firmen schossen wie Pilze aus dem Boden, um sich an dem Boom zu beteiligen.
Die Firmen agierten bevorzugt im Hinterland rückständiger, vom Fortschritt noch nicht erreichter Regionen, mit einem Schwerpunkt in Henan ( + ), um ein Eingreifen der Behörden zu unterbinden.
Ä:HDOOVROGRXUEORRGWRPDNHPRQH\ We sold blood to pay the local taxes, to support our kiGV WKURXJK VFKRRO DQG WR PDNH D OLYLQJ %\ ZRUNLQJ RQ WKH IDUP ZH FDQ¶W PDNH PRQH\ They paid us 40 RMB (5 US$HDFKWLPHZHVROGWKHPEORRG´ 21
- Bäuerin aus Henan -Das gespendete Blut wurde dabei in Containern vermischt und nach der Plasmaentnahme den Spendern reinfundiert. 22 Selbst bei einer geschätzten HIV-Blutkontamination im Promillebereich wurden auf diese Weise Zehntausende mit dem Virus infiziert. 23 Bis zum September 2003 waren alle 31 chinesischen Provinzen und regierungsunmittelbaren Städte, abgesehen von Tibet, vom Blutspendenskandal betroffen.
19 Vgl. .DQDEXV$QQDEHOÄ+,9 $,'6LQ&KLQD³LQAIDS/HIV information from avert.org, S. 2
20 Vgl. Settle, Edmund, ³AIDS in China: An Annotated Chronology 1985 ±2003´, S. 44
21 Vgl. UNAIDS (2002) HIV/AIDS: ³&KLQD¶V7LWDQLF3HULO´ LQ.DQDEXV$QQDEHOÄ+,9 $,'6LQ&KLQD³LQ
AIDS/HIV information from avert.org, S. 5
22 Bei der Plasmaspende läuft das Blutplasma in einem geschlossenen Kreislauf durch ein medizinisches Gerät,
das Blut und Plasma direkt trennt. Bei dieser Plasmapherese werden dem Spender die Blutbestandteile ohne
Plasma anschließend wieder zugeführt. Eine Plasmaspende ist alle drei Tage möglich und in diesem Rahmen
unbedenklich, da der menschliche Körper die Plasmabestandteile in kurzer Zeit reproduzieren kann. Vgl.
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Blut+Plasma Spende, 2003, S. 1-40
23 Vgl. UNAIDS, The UN Theme Group on HIV/AIDS iQ&KLQD³+,9$,'6&KLQD¶V7LWDQLF3HULO´6
15
Die Regierung ergriff keine nennenswerten Gegenmaßnahmen, sondern reagierte kontraproduktiv, indem sie Einzelpersonen sowie NGOs den Zugang zu den betroffenen Gebieten untersagte.
Die Vermutung, dass Regierungsbeamte und Politiker in den Blutspendeskandal involviert sind, konnte bis heute nicht ausgeräumt werden.
International machte Dr. Wan Yanhai ( ÛÊK ), Koordinator des AIZHI ( R¹ ) Projektes 24 Schlagzeilen, der sich nach einem Interview mit ausländischen Journalisten über die prekäre Lage in Henan, mit einer Anklage wegen Verrats von Staatsgeheimnissen konfrontiert sah. Nach anschließender Inhaftierung wurde er aber kurz darauf aufgrund des medialen Interesses wieder freigelassen. 25
Der Fall Yanhai machte einmal mehr die Ratlosigkeit der chinesischen Regierung deutlich, die statt schnellem und effektivem Krisenmanagement, ein Aussitzen der Krise bevorzugte. Der Blutspendeskandal zeigte aber auch die Unwissenheit der einfachen Landbevölkerung, die weitgehend ungebildet, der raschen Ausbreitung der Seuche hilflos gegenüberstand. Symptomatisch für diese Hilflosigkeit waren die Versuche von weniger betroffenen Dörfern den gewerblichen +DQGHOPLWGHQÄ$,'6-'|UIHUQ³]XXQWHUELQGHQ
Dieses versuchte Embargo ging dabei so weit, dass Fenster, die in Richtung der verseuchten Dörfer lagen, zugemauert wurden um eine Übertragung durch den Wind zu vermeiden. Das defizitäre Wissen über HIV/AIDS besserte sich erst allmählich ab 1996, während zur gleichen Zeit die Gesundheitsbehörden die Sicherheit der Blutkonserven überwachte. 26
4. Vierte Phase 1996 ± 2001
In der vierten Phase, die man etwa von 1996 bis 2001 ansetzen kann, verbreitete sich das HI-Virus erstmals nicht nur horizontal, also geographisch betrachtet, sondern auch vertikal, d.h. durch alle Schichten der Gesellschaft.
Infizierte Drogenkonsumenten tauchten in größerer Zahl nicht mehr ausschließlich in Yunnan und seinen Nachbarprovinzen auf, sondern verbreiteten sich nach und nach im gesamten Reich der Mitte.
24 Das AIZHI Action Project ist eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in Beijing, die HIV/AIDS Patienten
mit Informationskampagnen und rechtlichem Beistand unterstützt. Für weitere Informationen siehe auch
http://www.aizhi.org
25 9JO'DPP-X*RLNKPDQ,Ä$,'6LQ&KLQD1RFKLVWGHU.DPSIQLFKWYHUORUHQ´, S. 3
26 Vgl. Damm, -X*RLNKPDQ,Ä$,'6LQ&KLQD1RFKLVWGHU.DPSIQLFKWYHUORUHQ´, S. 3
16
Jährliche Neuinfektionen an HIV/AIDS
Quelle: MOH Center for HIV/AIDS Prevention and Control and the National Center for STI and Leprosy
CoQWUROLQ81$,'67KH817KHPH*URXSRQ+,9$,'6LQ&KLQD³+,9$,'6&KLQD¶V7LWDQLF3HULO´6,
eingesehen am 30.01.2008
Die Epidemie steigerte dabei ihre Geschwindigkeit. Während sie sich 1999 noch mit einer jährlichen Rate von geschätzten 30% ausbreitete, betrug sie im Jahre 2003 bereits 44%. 27 Waren bisher unhygienischer Drogenkonsum und kontaminierte Blutspenden die primären Ursachen für die Verbreitung des Virus, wurde die Übertragung durch ungeschützten hetero-und homosexuellen Verkehr immer bedrohlicher. Eine logische Konsequenz daraus waren auch die steigenden Zahlen bei der vertikalen Übertragung 28 von der Mutter zum Kind. 29 In der so genannten vierten Phase überschritt die Krankheit soziale Schranken und betraf nicht mehr ausschließlich lokale, gesellschaftlich marginalisierte Gruppen, sondern auch die urbane Gesellschaft. HIV/AIDS geriet zunehmend ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Die Konsequenz war ein Paradigmenwechsel innerhalb der politischen Führung, der primär von zwei Kräften motiviert wurde. Zum einen probierten betroffene Provinzen wie Yunnan, weit ab von der Zentralregierung fortschrittliche wissenschaftsbasierte Maßnahmen aus und zum
27 Vgl. KaufmaQ-RDQ.OHLQPDQ$UWKXU6DLFK7RQ\³$,'6DQG6RFLDO3ROLF\LQ&KLQD´+DUYDUG8QLYHUVLW\
Asia Center, Cambridge, Massachusetts 2006, S. 27
28 Unter der vertikalen Transmission, die man in Pränatale-, Perinatale- und Postnatale Infektion unterscheiden
kann versteht man die Übertragung des HI-Virus durch Körperflüssigkeiten der Mutter an ihr Kind. Dies kann
durch Nährstoffe während der Schwangerschaft, durch Blut während der Geburt oder durch Muttermilch nach
der Geburt erfolgen. Zu weiteren InformationeQVLHKHDXFK3URI'U:DOWHU+*Q]EXUJÄ$OOJHPHLQH
9LURORJLH³XQWHUhttp://www.vu-wien.ac.at/i123/vironeu062005/index.htm
29 9JO6HWWOH(GPXQG³$,'6LQ&KLQD$Q$QQRWDWHG&KURnology 1985 ±´, S. 11
17
anderen sorgten internationale Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen für einen Dialog mit der chinesischen Regierung und stellten diese auf der Weltbühne angesichts ihrer mangelnden Konzepte bloß. 30
In den folgenden Seiten will ich einen kurzen Überblick über die Übertragungswege des HI-Virus geben, beziehungsweise die Risikogruppen und Übertragungswege skizzieren, die für die jeweilige Transmission verantwortlich sind.
(Man beachte, dass in diesem Diagramm, welches in der Ä&KLQD GDLO\´, einer der Regierung in Beijing nahe
stehenden Zeitung, veröffentlicht wurde, keine Übertragungswege durch kontaminierte Blutspenden aufgeführt
sind. Für einen Vergleich mit westlichen Zahlen siehe das Diagramm auf Seite 21)
Quelle: &+,1$GDLO\ Ä&KLQD $,'6 UDWH VORZV PDLQ WUDQVPLVVLRQ QRZ VH[³ eingesehen am
20.02.2008 unter http://www.chinadaily.com.cn/china/2007-11/29/content_6288359.htm 31
4.1. Heterosexuelle Übertragung
Während in anderen Kontinenten, vor allem in Afrika, die sexuelle Transmission des HI-Virus meist mit Abstand an erster Stelle der Übertragungsarten steht, ist sie in China mit 44,7% bis 49,8% Prozent noch relativ niedrig. 32
30 Vgl. Damm, J. u. Goikhman, I., ,AIDS in China. 1RFKLVWGHU.DPSIQLFKWYHUORUHQ´, S. 3
31 Hier sei anzumerken, dass in diesem, von der Regierung veröffentlichten Diagramm keine Übertragungen
durch kontaminierte Blutspenden aufgeführt sind. Da die Regierung diesbezüglich keine Untersuchungen
durchführt und das Problem negiert, gibt es über diese Prozentzahl lediglich Angaben von UNAIDS/WHO, die
von 24,1% ausgehen. Siehe dazu S. 20
32 Die erste Angabe bezieht sich auf Zahlen, die von der chinesischen Regierung veröffentlicht wurden. Siehe
dazu: http://www.chinadaily.com.cn/china/2007-11/29/content_6288359.htm. Die zweite Prozentzahl
18
Nichtsdestotrotz hat sich die heterosexuelle Übertragung seit 1986 verhundertfacht. Verantwortlich dafür ist vor allem die Prostitution, die sich trotz des öffentlichen Verbotes, in den Massagesalons und Beautyshops der Großstädte seit den 80ern etabliert hat. ÄSafersex³-Sexualpraktiken haben sich in diesem Milieu noch nicht durchsetzen können. Laut einer Umfrage unter 800 Prostituierten, die im Dezember 2002 in den Provinzen Yunnan und Sichuan durchgeführt wurde, gaben lediglich 60% der Befragten an, regelmäßig Kondome zu benutzen. 33
Die heterosexuelle Transmission ist akuter als andere Übertragungswege. So kommen HIV-Infektionen bei Blutspenden aufgrund verbesserter Sicherheitsvorkehrungen weit seltener als in den 90er Jahren vor. Die, verglichen mit der Gesamtbevölkerung, geringe Zahl der infizierten Drogenabhängigen wird Prognosen zufolge ebenfalls kaum noch ansteigen. Dagegen birgt die heterosexuelle Transmission ein enormes Gefahrenpotential, da es für die Regierung und die NGOs weitaus schwieriger ist, relevante Programme an die im verborgenen agierende Szene der Prostituierten zu gestalten. Ein weiterer Nachteil ist die temporäre Verzögerung, die bei Programmen einkalkuliert werden muss. So werden Aufklärungskampagnen nach empirischen Daten erst nach Jahren wirkungsvoll.
Die heterosexuelle Übertragung spielt sich aber schon lange nicht mehr ausschließlich in der Anonymität des Rotlichtmilieus ab. AIDS-Aktivisten weisen darauf hin, dass die Epidemie den Übergang von Hochrisikogruppen zu einer gesamtgesellschaftlichen Seuche bereits vor Jahren vollzogen hat.
4.2. Homosexuelle Übertragung
Homosexualität ist in China nach wie vor ein Tabu, und schwule Männer werden in der chinesischen Gesellschaft im Allgemeinen nicht akzeptiert, sondern diskriminiert und stigmatisiert. Aus diesem Grunde leben die meisten Homosexuellen in der Anonymität und
veröffentlichte Dr. Anver, Iqbal, in Ä$NWXHOOH+,9$,'66LWXDWLRQLQ&KLQD³LQ%DWHV*LOOX6XVDQ
2NLHÄ&KLQDDQG+,9± $:LQGRZRI2SSRUWXQLW\´LQ1HZ(QJODQG-RXUQDORI0HGLFLQH2007. Vol. 356.
1801-1805, Zugriff: 01.03.2008 unter
http://www.peking.diplo.de/Vertretung/peking/de/04/RAD/hiv_download,property=Daten.pdf. UNAIDS gibt
eine beträchtlich niedrigere Zahl von nur 19,8% an. Siehe dazu die Grafik auf S. 19
33 Vgl. Settle, Edmund, ³AIDS in China: An Annotated Chronology 1985 ±2003´, S. 6
19
ihre Anzahl lässt sich mit zwei bis acht Millionen, nach Edmund Settle sogar bis zu 20 Millionen lediglich sehr ungenau schätzen. 34
Homosexuelle Männer haben Probleme sich zu outen 35 , untereinander auszutauschen und Zugang zu Informationen über Safersex bzw. zur Verhütung von Krankheiten, insbesondere im Bezug auf HIV/AIDS zu erhalten. 36
$OV GDV QDWLRQDOH *HVXQGKHLWVHU]LHKXQJVLQVWLWXW Ä$,'6 +RWOLQH³ DP ]XU HUVWHQ Konferenz homosexueller Männer zum Thema HIV/AIDS aufrief, kamen trotz intensiver Werbekampagnen nur 30 Personen. 37
Dieser fehlende Informationsfluss spiegelt sich in der hohen Rate von ungeschütztem Sex unter Homosexuellen wieder, die mit 49% angegeben wird.
Gemäß der fehlenden Transparenz gibt es wenig verfügbares Datenmaterial, das über die Quote der bereits HIV-infizierten Homosexuellen Auskunft geben könnte. Settle schätzt den Anteil der homosexuellen Transmission bezüglich der Gesamtzahl der HIV-Infektionen auf 11,1%. 38
Er geht weiterhin davon aus, dass sich die Zahl der HIV-positiven homosexuellen Männer in China auf bis zu 1,5 Millionen im Jahr 2011 belaufen könnte. Führende Krankenhäuser in Peking berichteten, dass ein Drittel ihrer HIV-positiven Patienten dem schwulen Milieu zuzuordnen ist. 39
Einhergehend mit der aktuellen Entschlossenheit der chinesischen Regierung den tödlichen Virus schon im seinem Übertragungsstadium einzudämmen, gibt es auch zaghafte Versuche, die bisher ignorierte Risikogruppe der Homosexuellen durch Internetaufklärung und anonyme Telefonhotlines zu erreichen. Empirisch messbare Ergebnisse lassen allerdings noch auf sich warten. 40
Experten befürchten, dass die Aufklärungskampagne unter den Homosexuellen zu spät gestartet wurde, um einen größeren Ausbruch der Epidemie zu verhindern. So waren sich 85% der Befragten dieser Subkultur sicher, dass sie durch AIDS nicht gefährdet sind. 28% der homosexuellen Männer gaben an, ebenfalls heterosexuelle Kontakte zu haben. Diese bisexuellen Männer JHOWHQ DOV ÄVH[XDO EULGJH³ EHL GHU hEHrtragung des Virus von hoch gefährdeten Männern zu gering gefährdeten Frauen, da sie im repressiven China, trotz ihrer
34 Vgl. .DQDEXV$QQDEHOÄ+,9 $,'6LQ&KLQD³LQAIDS/HIV information from avert.org, S. 6
35 'HU6]HQHEHJULIIÄRXWHQ³EHGHXWHWVHLQHVH[XHOOH2ULHQWLHUXQJLQGHUgIIHQWlichkeit zu leben
36 Vgl. .DQDEXV$QQDEHOÄ+,9 $,'6LQ&KLQD³LQAIDS/HIV information from avert.org, S. 9
37 Vgl. Settle, Edmund, ³AIDS in China: An Annotated Chronology 1985 ±2003´, S. 30
38 Die chinesische Regierung geht von einer Rate von 12,2% aus. SieKHGD]X&+,1$GDLO\Ä&KLQD$,'6UDWH
VORZVPDLQWUDQVPLVVLRQQRZVH[³11.2007, Zugriff 26.03.2008 unter
http://www.chinadaily.com.cn/china/2007-11/29/content_6288359.htm
39 Vgl. .DQDEXV$QQDEHOÄ+,9 $,'6LQ&KLQD³LQAIDS/HIV information from avert.org, S. 6
40 Vgl. Settle, Edmund, ³AIDS in China: An Annotated Chronology 1985 ±2003´, S. 28
20
Neigung, häufig verheiratet sind und das Virus auf diese Art an ihre Frauen weitergeben können. 41
4XHOOH81$,'6:+2ÄAIDS epidemic update: December 2005.Asia´6
4.3. Frauen und Männer im Sexgewerbe
Gemäß den Angaben der chinesischen Behörde für öffentliche Sicherheit gab es im Jahre 2000 vier bis sechs Millionen Prostituierte in China. 42 Inoffiziellen Schätzungen zufolge wird allerdings von 30 Millionen Prostituierten im Haupt- und Nebenerwerb ausgegangen. 43 Die Gründe sich zu prostituieren liegen vor allem im wirtschaftlichen Bereich. Besonders junge und arme Mädchen, die im Zuge der Landflucht ihre Dörfer verlassen, weil sie sich ein besseres Leben in der Stadt versprechen, enden in den ostchinesischen Metropolen ohne Arbeit auf der Straße. 44
41 Vgl. Settle, Edmund, ³AIDS in China: An Annotated Chronology 1985 ±2003´, S. 6
42 Vgl. .DQDEXV$QQDEHOÄ+,9 $,'6LQ&KLQD³LQAIDS/HIV information from avert.org, S. 5
43 Vgl. WHO: Zhongguo xinggongzuozhe 6 Mio. Ñû¹0Ù 600 Û [ Sechs Millionen Prostituierte in
China], Zugriff: 22.03.2008 unter http://www.zaobao.com/special/newpapers/2003/08/xmrb_190803b.html, und
Zhao, Dagong 1\s: Zhongguo jinü lun C/Ñ[ Chinas Prostitution], Zugriff: 22.03.2008 unter
http://www.nows.com/c/zgyj2000/zgyj/0007/g0000724.htm
44 Vgl. 81$,'6:+2Ä$,'6HSLGHPLFXSGDWH'HFHPEHU´$VLD
21
Die einzige Möglichkeit Geld zu verdienen, sehen viele im Sexgewerbe, das trotz seiner öffentlichen Ächtung und dem Verbot seitens der chinesischen Regierung in großem Stil in Tanzbars, Massage- und Friseursalons existiert.
Eine Aufklärung über die latente Gefahr einer HIV-Infektion und über den Gebrauch von Kondomen ist weitgehend unbekannt. Laut einer Studie wussten nur ca. 14-30% der Sexarbeiter/innen, dass Kondome eine Ansteckung verhindern können. Eine noch geringere Zahl, nämlich lediglich 2-30% sahen sich überhaupt durch HIV/AIDS gefährdet. 45 Dies spiegelt sich in der HIV-Infiziertenrate unter Prostituierten wieder, die von 0% im Jahre 1995 auf 1,32% im Jahre 2002 anstieg. In lokalen Schwerpunkten, wie dem durch Drogenkonsum ohnehin stark betroffenen Yunnan, lag sie sogar bei 10,7%. 46 Einmal mehr spielte die Regierung bei der Aufklärung und Prävention eine unrühmliche Rolle. So wurde die Propagierung und der Gebrauch von Kondomen als ÄXQPRUDOLVFK³ bezeichnet und ihr Verkauf bis 2001 behindert, da man eine erstarkende sexuelle Liberalisierung der Gesellschaft befürchtet. Stattdessen wurde die Pille favorisiert, die keinen Schutz vor einer HIV-Infizierung bieten kann.
2007 wussten 26,7% der mittelrangigen Regierungsbeamten nicht, dass AIDS in China seit Jahren beständig expandiert. 30% waren der Meinung, dass AIDS nur innerhalb bestimmter gesellschaftlicher Gruppen vorkomme, die Kunden der Prostituierten hauptsä chlich aus Wanderarbeitern bestünden und eine generelle Aufklärung nicht zuletzt aufgrund deren unterprivilegiertem Status nicht erforderlich sei. 47
Genau dieses Argument wurde durch Umfragen ad absurdum geführt. Das primäre Klientel der Prostituierten bestand nämlich aus den jungen und wohlhabenden Männern der prosperierenden Küstenstädte, die das Virus zum Teil auf ihre Ehefrauen weiter übertrugen. 48 Damit hatte das HI-Virus das Herz der chinesischen Gesellschaft erreicht, da Familien im Alter zwischen 20 und 40 Jahren die tragende und produktive Basis der Gesellschaft bilden. Die fatalen Folgen bei einem Wegfall dieser Altersgruppe kann man in Ländern des südlichen Afrika betrachten. 49
Als sich HIV/AIDS gegen Ende der 90er Jahre immer schneller ausbreitete, wurden Prostituierte von der Polizei energischer verfolgt.
45 Vgl. .DQDEXV$QQDEHOÄ+,9 $,'6LQ&KLQD³LQAIDS/HIV information from avert.org, S. 5
46 Vgl. Settle, Edmund, ³AIDS in China: An Annotated Chronology 1985 ±2003´, S. 6
47 )HQJ-LDQKXDÄ(IIHNWLYH0DQDKPHQ]XU$,'6-%HNlPSIXQJGULQJHQGQ|WLJ³6HLWHQ=XJULII
unter http://www.bjrundschau.com/China/2002.43-inlandsfokus-1.htm, S. 1
48 Vgl. Settle, Edmund, ³AIDS in China: An Annotated Chronology 1985 ±2003´, S. 6
49 In Südafrika, Namibia und Simbabwe, die neben Botswana als die am schlimmsten von der HIV/AIDS
Epidemie betroffenen Länder der Welt gelten, sank sowohl das Wirtschaftswachstum als auch das
Bevölkerungswachstum um einige Prozentpunkte. Siehe dazu S. 70
22
Arbeit zitieren:
Sandino Rothenbücher, 2008, HIV/AIDS in China - Eine Bestandsaufnahme, München, GRIN Verlag GmbH
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