Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung. 3
II. Martin Guerres Biographie. 4
1.) Martin Guerres Jugendjahre in Artigat. 4
a) Kindheit und Jugend Martin Guerres. 4
b.) Erste Ehejahre mit Bertrande de Rols. 5
c.) Die Flucht nach Spanien 6
2.) Martin Guerre im Exil 7
3. Rückkehr Martin Guerres nach Artigat 7
a.) Zweifel an seiner Identität. 7
b.) Konflikt im Dorf Artigat. 9
c.) Arnaud du Tilh unter Verdacht 10
4. Der neue Martin Guerre vor Gericht. 11
a.) Der Prozeß in Rieux 11
b.) Der zweite Prozess in Toulouse. 13
c.) Die Schuldigsprechung Martin Guerres. 14
III. Die Chronisten des Falles Martin Guerre 15
a.) Jean de Coras. 15
b.) Guillaume Le Sueur 16
c.) Michel de Montaigne 17
IV. Der Topos „Ehefrau zwischen zwei Männern“ im Film 18
V. Schlußbetrachtung 19
VI. Literatur 21
2
I. Einleitung
Der Topos „Ehefrau zwischen zwei Männern“ ist ein Thema das die Menschen völkerübergreifend zu allen Zeiten fasziniert hat.
Im Falle des Martin Guerre werden sogar mehrere Themen in einem Topos vereinigt. Da gibt es zum ersten das Motiv des Doppelgängers von Martin Guerre, des Vagabunden Arnaud du Tilh.
Zum zweiten das der Ehefrau zwischen zwei Männern. Bei Bertrande de Rols wird nicht klar, ob Arnaud sie tatsächlich getäuscht hat, oder was eher angenommen werden kann, sie seine Komplizin war.
Während letzteres Motiv unzählige Male in der Literaturgeschichte Verwendung fand, so beispielsweise erst im 1995 gedrehten, ebenfalls französischem Film „Le bonheur est dans le pré“, ist das tragische Ende des Dramas um Martin Guerre eher die Ausnahme bei diesem Topos.
Das wirklich Tragische an der Geschichte Martin Guerres, die sie von den anderen abhebt, ist aber die Tatsache, dass der geschilderte Fall auf historischen Fakten beruht, an deren Ende die Hinrichtung des Doppelgängers Arnaud du Tilh stand.
Das Interessante daran beschränkt sich aber nicht nur auf den Verlauf des Falles selbst. Vielmehr lassen sich durch die minutiös redigierten Gerichtsakten Einblicke auf das Leben im Frankreich des ausgehenden Mittelalters, beziehungsweise der frühen Neuzeit gewinnen. Traditionen, Brauchtum, das Geschlechterverhältnis zueinander, sowie ein facettenreiches Bild dieser Epoche werden durch die Akten anschaulich dokumentiert und lassen die Wiederkehr des Martin Guerre somit zu einem für die Volkskunde sehr bedeutenden und informativen Werk werden.
Mit der spannenden Verfilmung des Topos oder der Lektüre von einem der mittlerweile drei erschienenen Romane um Martin Guerre, erhält man also leicht eine Vorstellung des Lebens in jener Zeit.
3
II. Martin Guerres Biographie
1.) Martin Guerres Jugendjahre in Artigat
a) Kindheit und Jugend Martin Guerres
Anhand der wenigen verfügbaren Gemeindeakten zu Beginn des 16. Jahrhunderts lassen sich die ersten Jahre im Leben des Martin Guerre nur sehr mühselig konstruieren. Fest steht, dass Martin Guerre (damals noch Daguerre), um etwa 1525 in Hendaye, im französischen Teil des Baskenlandes geboren wurde, einem Weiler, unmittelbar an der spanischen Grenze. 1
Für einen Basken nicht ungewöhnlich, verließ auch Sanxi Daguerre, der Vater Martins, mit seiner Familie und seinem Bruder Pierre die Heimat um in der Fremde sein Glück zu suchen. Ungewöhnlich war allerdings die Richtung, in der die Daguerres aufbrachen. Als ihren neuen Wohnsitz wählten sie nämlich das Dorf Artigat in der Grafschaft von Foix. Die Ursache für den Umzug kann durch das vorliegende Quellenmaterial nicht mehr eruiert werden, aber kriegerische Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und Spanien könnten den Anlass dazu gegeben haben. 2
Artigat, am Fuße der Pyrenäen gelegen, dürfte um 1520 ungefähr 60 bis 70 Familien beherbergt haben. Durch seine nicht gerade exponierte Lage gab es keine Adligen, die einen Herrschaftsanspruch auf die Gemeinde abgeleitet, oder die Bauern für Frondienste herangezogen hätten. Vielmehr waren die Bewohner Artigats stolz auf ihre Freiheit und unterstanden nominell direkt dem König, wenn sie auch beinahe alle Angelegenheiten selbst verwalteten. 3
Wie die meisten seiner umliegenden Dörfer, war auch Artigat autark und dank der fehlenden Fron relativ wohlhabend. Die Daguerres änderten ihren Namen in Guerre, erwarben Landbesitz und gründeten eine Ziegelei.
Als die Geschäfte florierten, begannen die Brüder Guerre außerdem mit der Ziegenzucht und bauten verschiedene Getreidesorten an. Sanxis Frau gebar in den folgenden Jahren vier Töchter und auch Pierre verheirate sich und gründete einen eigenen Haushalt. 4 Über die frühe Jugend Martins gibt es keine Quellen, aber Natalie Zemon Davis mutmaßt in ihrem Werk „Die wahrhaftige Geschichte des Martin Guerre“, dass Martin als zugezogener
1 Vgl. Zemon Davis Nathalie, Die wahrhaftige Geschichte von der Wiederkehr des Martin Guerre, Verlag Klaus
Wagenbach, Berlin 2004, S. 21
2 Vgl. Zemon Davis, ebd., S. 22
3 Vgl. Epperlein Siegfried, Bäuerliches Leben im Mittelalter, Böhlau Verlag, Köln 2003, S. 10
4 Vgl. Zemon Davis, a.a.O., S. 31
4
Junge wohl mit Integrationsschwierigkeiten zu kämpfen hatte, was nicht zuletzt an seinem für die Gegend ungebräuchlichen Namen gelegen haben dürfte. 5
Weiterhin wuchs Martin in einem auch für mittelalterliche Verhältnisse sehr autoritärem Elternhaus auf. So musste er sich nicht nur mit seinem Vater, sondern auch noch mit dessen Bruder auseinandersetzen. Besonders die Temperamentsausbrüche des letzteren sollte Martin später noch vor Gericht erleben.
Der durch diese Faktoren wohl ohnehin schon unsichere und einsilbige Martin dürfte durch die Pläne seines Vaters, ihn mit jungen 14 Jahren zu verheiraten, völlig überfordert gewesen sein.
b.) Erste Ehejahre mit Bertrande de Rols
Als seine Braut, war die sogar noch jüngere Bertrande de Rols auserwählt worden. Späteren Gerichtsakten zufolge gab sie ihr Alter mit zehn Jahren zum Zeitpunkt ihrer Hochzeit an. Bertrande stammte aus einer ebenfalls zu Wohlstand gekommenen autochthonen Familie. Obwohl in diesem Alter eine Ehe nach kanonischem Recht ungültig gewesen wäre, war beiden Familien sehr an dieser Verbindung gelegen und der ortsansässige Pfarrer Messire Jacques Boeri erhob keine Einwände. 6
Nach der Vollendung der Zeremonie und der anschließenden Feier erhielten die beiden Neuvermählten, gemäß der Tradition, Besuch im hochzeitlichen Schlafgemach. Der von den Brautleuten dabei eingenommene „Resveil“, ein Kräutertrunk, sollte ihnen eine fruchtbare Ehe mit zahlreichen Kindern bescheren. 7
Eben genau dieser Nachwuchs blieb die ersten acht Jahre ihrer Ehe aus. So blieben Bertande und Martin kinderlos, was besonders für Martin zu einer ständigen Quelle des Spotts werden sollte, da möglichst viele Kinder als essentieller Bestandteil einer Ehe angesehen wurden. 8 Wahrscheinlich wurde er zum Opfer, des in jener Epoche vorherrschenden Brauches des „Charivari“, bei dem sich Männer aus dem Dorf Frauenkleider anzogen, die Gesichter schminkten und sich tanzend und trommelnd vor dem Hause des unglücklichen Opfers aufhielten, um ihn zu verspotten. 9
Gemäß der späteren Aussage Bertrandes vor dem Gericht war das Paar verhext, mit einem Unfruchtbarkeitszauber belegt, der jeglichen Nachwuchs verhinderte.
5 Vgl. Zemon Davis, ebd., S. 35
6 Vgl. Prader Josef, Das kirchliche Eherecht in der seelsorglichen Praxis, Athesia Verlag, Bozen 1983, S. 82
7 Vgl. Duby Georges, Die Frau ohne Stimme. Liebe und Ehe im Mittelalter,Edition Flammarion, Paris 1988, S.
15
8 Vgl. Prader, a.a.O., S. 20
9 Vgl. Zemon Davis, a.a.O., S. 37
5
Ob nach mehrmaligem Aufsuchen einer zauberkundigen Frau, ob nach dem Verzehr von speziell geweihten Hostien und der Rezitation von zumindest vier Heiligen Messen, wurde Bertrande nach acht Jahren Ehe schließlich schwanger und gebar 1547 einen Sohn. 10 Dieser erhielt seinem Vater zu Ehren den Namen Sanxi, konnte aber die unglückliche Ehe Bertrandes und Martins nicht zum Besseren wenden.
c.) Die Flucht nach Spanien
Einige Monate nach der Geburt des kleinen Sanxi, gab es in der Familie Guerre eine schwerwiegende Konfrontation. Martin hatte seinem Vater einige Säcke Getreide gestohlen und weiterverkauft. Natalie Zemon Davis vermutet hinter dieser Tat einmal mehr einen Machtkampf zwischen Vater und Sohn Guerre. 11
Wie dem auch war, Martin hatte sich dadurch in eine untragbare Lage gebracht. Während Diebstahl der oftmals ohnehin kargen Lebensmittel per se schon als ruchbar galt, war er innerhalb der streng hierarchischen baskischen Familien ein unverzeihliches Verbrechen. Aus Furcht vor den Konsequenzen seines jähzornigen Vaters und seines Onkels Pierre, flüchtete Martin Hals über Kopf in Richtung der Pyrenäen, seinen Sohn und seine Frau samt seinem Erbe hinter sich lassend. 12
Mit seiner überstürzten Flucht hatte Martin jedoch nicht nur sich, sondern auch seine Familie in Schwierigkeiten gebracht. Bertrande sah sich nicht nur gezwungen, ihr gemeinsames Kind alleine großzuziehen, sondern galt im patriarchalischen Gesellschaftsbild der beginnenden Neuzeit als weitgehend rechtlos. So war die öffentliche Identität und die rechtliche Stellung der Frau ausschließlich über ihren Mann definiert. 13 In Bertrandes Fall war die Lage besonders prekär, da ihr Mann nicht verstorben sondern lediglich verschollen war. Der verlassenen Ehefrau war es nämlich nach kanonischem Recht verboten sich neu zu verheiraten, selbst wenn sich eine Rückkehr des verschwundenen Ehemannes noch nach Jahren nicht abzeichnete. Erst wenn der Tod des Ehemannes zweifelsfrei feststand, durfte sich eine Ehefrau zum erneuten Male verheiraten. 14
Um die familiären Beziehungen zu retten und damit vor allem den Erhalt des gemeinsamen Grundbesitzes der Guerres bzw. der Rols zu gewährleisten, heiratete der mittlerweile verwitwete Pierre, die ebenfalls alleinstehende Mutter von Bertrande. Als wenige Jahre nach
10 Vgl. Epperlein, a.a.O. S. 234
11 Vgl. Zemon Davis, a.a.O. S. 39
12 Vgl. Zemon Davis, ebd., S. 41
13 Vgl. Dallapiazza Michael, Wie ein Mann ein fromm Weib soll machen, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1984,
S. 111
14 Vgl. Zemon Davis, a.a.O., S. 51
6
Arbeit zitieren:
Sandino Rothenbücher, 2006, Der Topos „Ehefrau zwischen zwei Männern“ in Literatur und Film, München, GRIN Verlag GmbH
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