Inhalt
1. Einführung 2
2. Die Funktion der Kunst bei Mao Zedong 3
3. Machtkonsolidierung und Mobilisierung der Bevölkerung 4
3.1 Frühe Kampagnen 5
3.2 Der Große Sprung nach vorn 7
4. Personenkult um Mao 9
4.1 Mao als Ikone in China 9
4.2 Mao als Ikone im Westen 14
5. Fazit 15
6. Quellenverzeichnis 17
7. Anhang 19
7.1 Abbildungsverzeichnis 19
7.2 Kurze Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert 20
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1. Einführung
„Die Revolution ist kein Galadiner.“ 1
Fallen die Schlagworte „China“ und „Propaganda,“ werden sicher viele Zuhörer sofort ein bestimmtes Bild oder eine bestimmte Vorstellung vor Augen haben. Jeder hat schon einmal eines der unter der Herrschaft Mao Zedongs 2 in der Volksrepublik China publizierten Propagandaplakate gesehen. Bei Betrachtung eines Buches mit chinesischen Propagandaplakaten drängt sich der Eindruck einer Fülle von bunten, immerzu gleich aussehenden Szenen auf. Die Masse an künstlerischer Produktion in China lässt sich in verschiedene Perioden einteilen: Zunächst in die Zeit nach Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 und die damit verbundenen frühen Regierungskampagnen. Es folgt der sogenannte Großen Sprung nach vorn, beginnend 1958, und die Große Proletarische Kulturrevolution von 1966 bis zu Maos Tod im Jahre 1976. Dieser Gliederung folgt auch vorliegende Arbeit. Die unterschiedlichen Inhalte, die durch die Plakate vermittelt werden sollten, können ebenfalls in drei Punkte gegliedert werden: 1. Die Konsolidierung der Macht der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) auf nationaler Ebene, 2. die Mobilisierung der gesamten Bevölkerung, und 3. den Gipfel der radikalen Kulturpolitik der Partei, die Kulturrevolution.
Da Frau Natalia Kot und ich unserer Referat im Seminar gemeinsam vortrugen und unsere Vorbereitungen dementsprechend aufgeteilt hatten, wird sich diese Arbeit nicht mit der Kulturrevolution und deren Bildpropaganda beschäftigen, sondern ich verweise diesbezüglich auf die Arbeit von Frau Kot. Es können zwei verschiedene Arten von Propaganda unterschieden werden: Die der Agitation und die der Integration. Während erstere sich auf die Beeinflussung der Emotionen der Menschen konzentriert, um diese zu einer bestimmten Handlungsweise zu bewegen, zielt letztere auf Kontrolle ab, indem sie eine erstrebenswerte Situation abbildet und die Bevölkerung dazu bringt, sich so zu verhalten, dass diese Situation erreicht wird. 3 Beide Arten finden unter Maos Bildpolitik Verwendung und werden besprochen.
Diese Arbeit beschäftigt sich lediglich mit den offiziellen Propagandaplakaten der Volksrepublik China. Gleichwohl aktive individuelle Künstler und Künstlergruppen werden anderswo besprochen. 4 Die KPCh benutzte die Plakatkunst, um die Inhalte ihrer Politik im Land zu verbreiten und der Bevölkerung zu demonstrieren, welches Verhalten von ihr erwartet wurde. Dies wird durch das oben stehende Zitat unterstrichen: Für die Revolution muss hart gearbeitet und Opfer müssen gebracht werden. Wie dies der Bevölkerung vermittelt wurde, wird anhand einiger ausgewählter Beispiele deutlich werden. Die enorme Zahl an chinesischen Plakaten lässt nur einen kleinen Blick auf das breite Spektrum der von ihnen abgedeckten
1 Dies ist der Titel des dritten Teils der vierteiligen Dokumentation Mao: Eine chinesische Geschichte von Pierre-André Boutang und Gu Renquan (2006).
2 Mao wurde 1893 geboren und war von 1943 bis zu seinem Tod 1976 der Erste Vorsitzende der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh). ‚Mao’ ist eigentlich sein Familienname, daher müsste genaugenommen von ‚Zedong Mao’ die Rede sein. In dieser Arbeit wird aber die allgemein gebräuchliche Form ‚Mao Zedong’ verwendet.
3 Vgl. Yang, Rhetoric of Propaganda, S. 20.
4 Das äußerst ausführliche Werk Painters and Politics in the People’s Republic of China von Julia Andrews beschäftigt sich weiter mit diesem Thema.
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Themengebiete zu. Nach Behandlung der Konsolidierungsphase und des Großen Sprunges wird beleuchtet, wie mit der Person Mao in China während seiner Regierungszeit umgegangen wurde und wie er bis heute rezipiert wird, und darauf folgend, wie Mao in Europa und den USA ebenfalls zur Ikone werden und sein Portrait sogar noch mehr Verbreitung finden konnte als das berühmte Bild von Che Guevara. Wie konnte ein Despot, der jahrzehntelang tyrannisch über die bevölkerungsreichste Nation der Erde herrschte, zu einem modischen Accessoire werden?
Chinesische Ausdrücke und Eigennamen werden in dieser Arbeit in der heutzutage allgemein gebräuchlichen Pinyin-Umschrift wiedergegeben.
2. Die Funktion der Kunst bei Mao Zedong
Im Mai des Jahres 1942 fand in der chinesischen Stadt Yan’an, die 1935 das Ziel des Langen Marsches 5 gewesen war und bis 1948 die politische und militärische Basis der Kommunistischen Partei bildete, ein Parteitag statt, auf welchem Mao sich unter anderem zu Literatur und Kunst äußerte.
Er definierte die Rolle der Kunst und des Künstlers in der Volksrepublik präzise. Eine „Armee der Kulturschaffenden“ 6 werde benötigt, die an der „Kulturfront“ 7 agieren müsse. Mao betonte,
,,daß sich Literatur und Kunst als ein Bestandteil in den Gesamtmechanismus der Revolution gut einfügen [müssen], daß sie zu einer machtvollen Waffe für den Zusammenschluß und die Erziehung des Volkes, für den Ansturm gegen den Feind und dessen Vernichtung werden [müssen], daß sie dem Volk helfen [muss] einmütig gegen den Feind zu kämpfen.“ 8
Kunst und Literatur stünden immer im Dienste der Politik und des Volkes und seien Teil der Revolutionsmaschinerie. Kunst müsse erziehen, 9 „l’art pour l’art“ gebe es nicht. Zwar seien Literatur und Kunst der Politik untergeordnet, hätten aber trotzdem einen enormen Einfluss auf sie. Ohne Kunst könne auch keine Revolution stattfinden. Jede Kunst, die nicht im Dienste der Partei oder Politik stünde, stelle eine Abweichung von den fundamentalen Bedürfnissen des Volkes dar.
Grundlegende Voraussetzung für eine Kunst, die die Massen erreicht, sei ein vollständiges Verständnis der Zielgruppe. Mao betonte immer wieder die Bedeutung des Dialoges mit den Massen. Künstler und Literaten seien oftmals zu weit entfernt von Soldaten oder Bauern, um zu wissen, was diese wirklich beschäftigt, und daher von ihnen entfremdet. Deswegen sei eine Popularisierung und ein Finden des „Stils der Massen“ 10 notwendig, die die Gedanken und Emotionen der Künstler und Literaten mit denjenigen der großen Masse an
5 Nach einem großen Angriff Chiang Kai-sheks auf das kommunistische Lager im Jahre 1934 muss die Basis velassen und die Partei neu organisiert werden. Im Zuge dessen findet der berühmte Lange Marsch der Roten Armee (1934/1935) statt, der bis heute den zentralen Heldenmythos der Kommunistischen Partei bildet. Mao legte damals mit seinen Truppen ca. 12000 km zurück und kam nur noch mit 10% der ursprüngichen Menge an Soldaten am Zielort Yan’an an. Bereits während des Langen Marsches wurden grafische Blätter produziert und an die Bevölkerung entlang des Marschwegs verteilt, um deren Unterstützung zu gewinnen und die kommunistische Ideologie zu verbreiten.
6 Mao, Reden, S. 2.
7 Ebd. 8 Ebd., S. 3.
9 Diese Meinung hatte auch Lenin vertreten. Sh. Clark, Kunst und Propaganda, S. 76.
10 Ebd., S. 9.
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Arbeitern, Bauern und Soldaten verschmelzen lässt Mao forderte die Einheit von Politik und Kunst, die Einheit von Inhalt und Form, die Einheit von revolutionärem politischem Inhalt und einer möglichst perfekten Kunstform. Ziel von Kunst und Literatur sei also die Schaffung einer neuen Kultur bzw. Sozialethik, die Schaffung einer neuen Gesellschaft und eines neuen Menschen, der völlig selbstlos treu dem Aufbau des Kommunismus in China ergeben ist.
Bereits im Jahre 1937 wurde eine Reform von Kunst und Literatur auf Grundlage des stalinistischen Prinzips, dass Kunst im Dienste der Partei steht, eingeleitet und die Lu-Xun-Akademie für Literatur und Kunst in Shanghai gegründet. 11 Hier manifestierten sich die Ideen der KPCh, was Struktur und Ideologie der kulturellen Aktivitäten anbelangte. Die Akademie wurde zum Zentrum der Implementierung der kommunistischen Kulturpolitik.
Maos Terminologie ermöglichte einen großen Interpretationsspielraum. Das Verhältnis zwischen Kunst und Politik in der Volksrepublik war―und ist―nicht statisch, sondern einem ständigem Wandel unterworfen, 12 was mit Maos Aussage, die Kunst müsse sich an den Massen und deren Bedürfnissen orientieren, korrespondiert.
3. Machtkonsolidierung und Mobilisierung der Bevölkerung
Im Jahre 1949 lagen zwölf Jahre des Krieges hinter den Chinesen (Bürgerkriege, Antijapanischer Widerstandskrieg und Zweiter Weltkrieg), die Infrastruktur, Industrie und Geldwesen zerstört hatten. Das Land musste zunächst eine „Reparaturphase“ 13 durchlaufen, und die Kommunistische Partei Chinas unter Mao begann, die chinesische Gesellschaft auf der ganzen Linie zu verändern und neu zu ordnen. Eine „rigorose Umkrempelung“ 14 fand statt. Es wurden zahlreiche neue Gesetze und 1954 eine neue Verfassung erlassen. Es kann von einem regelrechten „Kampagnengewitter“ 15 gesprochen werden: Allein im Jahre 1950 fanden drei verschiedene politische Bewegungen statt, u.a. die „Kampagne gegen die Konterrevolutionäre.“ 1951 folgten die „Drei-Anti-Kampagne“ und die „Gedankenreform-Kampagne.“ In den darauf folgenden Jahren gab es zahlreiche Massenkampagnen mit verschiedenen Zielen, teilweise lokal beschränkt und den örtlichen Gegebenheiten angepasst. Ab 1955 wurde ein Plan zur Geburtenkontrolle 16 sowie ein Programm zur Alphabetisierung der Bevölkerung initiiert, das u.a. die Vereinfachung der Schriftzeichen vorsah 17 . 1956 bis 1957 fand die „Hundert-Blumen-Bewegung“ statt, die die Intellektuellen Chinas zu offener Kritik am System und der Partei aufforderte. Nach anfänglichem Zögern in der Bevölkerung brach im Mai 1957 alle Kritik am Staat und der Monopolstellung der Partei hervor. Nach einigen Monaten überstieg diese das für die Partei tolerierbare Maß
11 Lu Xun (1881-1936) war ein chinesischer Schriftsteller und Intellektueller, der sich maßgeblich an Bewegungen zur Reform der chinesischen Sprache Anfang des 20. Jahrhunderts beteiligte.
12 Galikowski, Art and Politics in China, S.2.
13 Weggel, Geschichte Chinas, S. 141.
14 Ebd., S. 142.
15 Ebd. S. 147. Eine Liste der verschiedenen Kampagnen wird bei dem kurzen geschichtlichen Abriss über Chinas Geschichte im 20. Jahrhundert im Anhang aufgeführt.
16 Nach einer Volkszählung von 1953/1954 gab es in diesen Jahren 582 Millionen Chinesen (60% davon waren unter 18 Jahren). Sh. Franke (Hg.), China-Handbuch, S. 125.
17 Die heute in China gebräuchlichen Schriftzeichen―auch Kurzzeichen genannt―gehen auf die Reformen unter Mao Zedong zurück. In der Republik China auf Taiwan werden bis heute die sogenannten Langzeichen verwendet.
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und Mao ließ in einer weiteren „Kampagne gegen die Rechtsabweichler“ mehr als 300000 Personen, meist Intellektuelle, verhaften.
Treibsatz für politische Veränderungen waren in China in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Propaganda-Plakate, deren Inhalt von der gerade aktuellen Politik bestimmt wurde und der mit der zur Zeit laufenden Regierungskampagne korrespondierte. Die Kommunistische Partei arbeitete mit Vorbildern und Rollenmodellen, die die jeweilige politische Lage reflektierten und die Vorstellungen des notwendigen Verhalten zur Schaffung einer Änderung enthielten. Es wurde eine Parallelwelt geschaffen,
„... die von Helden und Heldinnen bevölkert war: von den Personifikationen der politischen Ideale. Als unermüdliche Arbeiter, mutige Soldaten der Roten Armee, fleißige Schulkinder oder ergebene Parteimitglieder führten sie [die dargestellten Personen, Anm. d. Autorin] als perfekte Bürger vorbildliches Verhalten vor.“ 18
Der Autor äußert sich hier weniger zu chinesischer als zu sowjetischer Bildpropaganda. Doch das Zitat findet ebenso gut auf die Volksrepublik Anwendung.
Die Propagandaplakate lieferten leicht verständliche Bildinformationen, die das gewünschte Verhalten vorbuchstabierten. 19 Diese Vorgehensweise war nichts Neues: Bereits zu Zeiten Konfuzius’ (vermutlich 551-479 v. Chr.) hatte es Illustrationen gegeben, die v.a. der unteren Bevölkerungsschicht sittlich richtiges Verhalten verdeutlichen sollten. Wie es auch bei Europa der Fall ist, hat der Einsatz von Kunst im Dienste der Politik in China also eine sehr lange Geschichte.
Nach 1949 wurden alle Massenkommunikationsmittel verstaatlicht und über das ganze Land ausgedehnt. Das Propagandakomitee, das einen Teil des Zentralkomitees der Partei bildete, überwachte alle Veröffentlichungen. Ab 1966 wurde es durch die „Kleine Gruppe der Kulturrevolution“ ersetzt, angeführt von Jiang Qing (1914-1991), Maos Frau. Die Poster und Plakate wurden v.a. in staatlichen Buchläden verkauft―zu Preisen, die sich jedermann leisten konnte: Ein Poster kostete 3-33 Fen, was ca. 3-30 Cent entspricht.
3.1 Frühe Kampagnen
Nach der Ausrufung der Volksrepublik und der Flucht der Nationalisten unter der Führung von Chiang Kaishek (1887-1975) nach Taiwan waren zunächst drei Themen auf den Plakaten vorherrschend: Die Proklamation der Volksrepublik an sich, die neue Verfassung von 1954 sowie der Wiederaufbau von Landwirtschaft und Industrie und damit auch die Machtkonsolidierung und Legitimation der Kommunistischen Partei.
Auf einem Plakat aus dem Jahre 1951, mit Produziere mehr! Leiste mehr! betitelt (Abb. 1), kommt der Aufruf zum Wiederaufbau des Landes zum Ausdruck. Es handelt sich um eine direkte Anrede an das chinesische Volk, wie sie oft Verwendung fand. Dieser Imperativ besteht aus nur vier Schriftzeichen, begleitet von zwei Ausrufezeichen. Die Schriftzeichen am unteren Bildrand bestehen noch aus Langzeichen―die Schriftreform fand erst einige Jahre später statt.
Vor dem Hintergrund einer großen und modernen Fabrik ist ein Arbeiter mit grüner Schürze, blauer Kappe
18 Clark, Kunst und Propaganda, S. 86f.
19 Radio, Fernsehen und Kino gab es in den 50er und 60er Jahren in China bei der Mehrheit der Bevölkerung nicht.
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Arbeit zitieren:
Katharina Markgraf, 2009, Mao Zedongs Bildpolitik, München, GRIN Verlag GmbH
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