durch das Medium Internet, beschäftigt sich das Lehrforschungsprojekt im Weiteren mit den sozialen Welten und Arenen sowie Aushandlungs- und Intersektionsprozessen in digitalen Tauschbörsen, Informationsmärkten und Marktplätzen. Dabei wurden die im Internet möglichen kooperativen Arbeitsweisen angewendet und die Ergebnisse von den Teilnehmern des Lehrforschungsprojekts online präsentiert. Das Ziel dieser Analyse wird es sein, die Open Source Bewegung sowie deren Aushandlungs- und Aufspaltungsprozesse exemplarisch anhand der "Soziale Welten Theorie" zu untersuchen.
1.1 Freie Software und Internet
Die Entstehung freier Software durch eine Gemeinschaft von Open Source-Programmierern ist eng mit der Entstehungsgeschichte des Internet verbunden. Ohne die neuen Möglichkeiten der Kommunikation durch Newsgroups, Mailinglists und Foren, wäre die Zusammenarbeit an so großen und komplexen Programmen wie beispielsweise der GNU/Linux-Distribution[1] Ubuntu nicht möglich. Bei der Entwicklung solcher Projekte sind Programmierer auf der ganzen Welt beteiligt. Sie kommen aus den unterschiedlichsten sozialen und kulturellen Kontexten und sind dennoch vereint durch die gemeinsame Aktivität des Programmierens.
Als Erfinder des Modells einer solch gemeinschaftlichen Softwareentwicklung gilt Linus Torvaldss. Sein revolutionärer Umgang mit Helfern und Supportern beim Konzipieren des Linux-Kernels[2] setzte sich derart vom herkömmlichen Vorgehen beim Programmieren von Software ab, dass dieser auch Andere inspirierte. Eric S. Raymond schrieb darüber in seinem berühmt gewordenen Aufsatz: „Die Kathedrale und der Basar“: „Ich glaubte, dass die wichtigste Software so gebaut werden müsste wie Kathedralen, sorgsam gemeißelt von einzelnen Druiden oder kleinen Teams von Hohepriestern, die in totaler Abgeschiedenheit wirkten und keine unfertigen Beta-Freigaben veröffentlichen dürften. Linus Torvaldss Entwicklungsstil auf der anderen Seite - mit seinen frühen und häufigen Freigaben, seinem Delegieren von allem, was nur irgendwie möglich ist, und der an Promiskuität grenzenden Offenheit - war eine echte Überraschung. Es handelte sich nicht gerade um eine stille und ehrfurchtsvolle Tätigkeit, wie der Bau einer Kathedrale eine ist - stattdessen schien die
Linux-Gemeinde ein großer, wild durcheinander plappernder Basar von verschiedenen Zielsetzungen und Ansätzen zu sein. Die Tatsache, dass der Basar zu funktionieren schien, und zwar sehr gut zu funktionieren schien, war ein ausgesprochener Schock“ (Raymond 1999, S. 3)[3].
Nicht nur für Raymond stellten diese Geschehnisse einen Schock dar. Neben der Entwicklung neuer Wege kooperativen Arbeitens, erschuf die durch Torvaldss initiierte Gemeinde von Softwareentwicklern, in Zusammenarbeit mit dem GNU-Projekt, das erste vollständige und „freie“ Betriebssystem. GNU/Linux machte es für Programmierer auf der ganzen Welt attraktiv und leicht an diversen Open Source[4] Projekten zu arbeiten. Es entstand ein ernstzunehmender Konkurrent für die bisher den Markt dominierenden, proprietären Betriebssysteme von Microsoft und Apple. Wie durch die freie und unbezahlte Zusammenarbeit tausender Programmierer auf der ganzen Welt ein professionelles Betriebssystem entstehen konnte, welches von Microsoft in den so genannten „Halloween Documents“[5] als größte Bedrohung seiner Dominanz in der Softwarebranche bezeichnet wurde, soll im Weiteren geklärt werden.
1.2 Die Entstehung freier Software
„Am Anfang war alle Software frei!“ Diese häufig zitierte Aussage des Präsidenten der „Free Software Foundation Europe“ Georg Greve bezieht noch auf die Zeit vor der Entstehung des Internet. Anfang der 1970er Jahre waren Computer noch zu groß und teuer für den Heimgebrauch. An Universitäten waren sie jedoch bereits weit verbreitet und ein unentbehrliches Forschungsinstrument. Software wurde nur als Beigabe zur kostenpflichtigen Hardware gesehen (Grassmuck 2004, S. 13). Das Betriebssystem Unix der Firma Bell Laboratories wurde Anfang der 1970er frei an Universitäten verteilt. Veränderungen und Modifizierungen des Programm- bzw. Quellcodes[6] waren erlaubt und sogar erwünscht. Es entstand eine beispielslose Wissenszirkulation[7], die unter anderem auch das Usenet, eine Art Vorläufer des Internet, hervorbrachte (Castells 2003, S.13 f.).
Anfang der 80er Jahre wurde Unix dann jedoch durch Lizenzierung und Geheimhaltung des Quellcodes kostenpflichtig (proprietär) und erschwerte somit eine kooperative Zusammenarbeit der Universitäten. Richard Stallman wollte sich mit diesem Zustand nicht zufrieden geben und gründete das GNU-Projekt, mit dem Ziel ein „freies“ Betriebssystem ohne Lizenzen und geschützten Quellcode zu entwickeln. Seine Sammlung von verschiedenen Programmen zum Aufbau eines Betriebssystems bildete ein gutes aber unvollständiges Softwaregerüst, dem das Herzstück, der so genannte Kernel fehlte. Kritiker sowie Befürworter der Open Source Bewegung sind sich aber einig, dass die wirklich geniale Leistung des GNU-Projekts in der Schaffung einer besonderen Lizenz, der GNU General Public License kurz GPL[8] bestand. Die Stärke der GNU GPL besteht in dem Verbot, freie Software in proprietäre Software zu überführen. Auf diese Weise kann sich niemand offene Quelltexte aneignen und modifiziert in binärer Form in eigenen Produkten verwenden, ohne dass diese auch „Open Source“ wären.
Anfang der 90er Jahre entwickelte Linus Torvalds unabhängig davon den Linux-Kernel. Torvalds kam auf die Idee den Quellcode für sein Kernel in das Usenet zu stellen und eröffnete damit Tausenden von Programmierern die Möglichkeit seinen Kernel weiter zu entwickeln. Torvalds selbst verwaltete als letzte Instanz die Veränderungen am Programm. 1992 entschieden sich dann Torvalds und seine Mitentwickler den Linux Kernel mit dem GNU-Projekt zu verbinden. In der Bezeichnung der daraus entstandenen Distributionen hat sich zumeist der Name Linux durchgesetzt und blendet damit das GNU-Projekt fast vollständig aus.
Sobald es durch die Kombination des Linux Kernels und der GNU Software möglich wurde, frei an einem funktionsfähigen Betriebssystem zu arbeiten, entstanden durch die Mitarbeit vieler Programmierer aus dem Hobby-, als auch dem Unternehmens- und Stiftungsbereich viele verschiedene Distributionen auf der Basis von Linux/GNU wie zum Beispiel Debian, Fedora und Ubuntu. Diese Distributionen verfolgen unterschiedliche Ziele und haben jeweils
ihre Vor- und Nachteile. Die ihnen angeschlossenen sozialen Welten konkurrieren um eine möglichst große Verbreitung ihrer Version eines freien Betriebssystems.
2. Analyse der sozialen Welten und Arenen der Open Source Bewegung
Nachdem die Entstehung freier Software und deren Grundbegriffe geklärt wurden, werden im nächsten Schritt dieser Analyse ein Überblick und eine Annäherung an die einzelnen sozialen Welten und Arenen gegeben. Eine kurze Definition sozialer Welten im Sinne von Anselm Strauss ist das folgende Zitat von Adele Clark, welches bei Strauss soviel Anklang fand, dass er es in seiner eigenen Arbeit zitierte: ”For our purposes, a useful working definition of social worlds is: groups with shared commitments to certain activities, sharing resources of many kinds to achieve their goals, and building shared ideologies about how to go about their business” Weiter, so Strauss, über die Merkmale sozialer Welten: “Technology (inherited or innovative modes of carrying out the social world’s activities) is always involved. Most worlds evolve quite complex technologies” (Strauss 1993, S.212).
Soziale Welten konstituieren sich demnach durch eine Kernaktivität, gemeinsame Ziele und Ideologien. Die Teilnehmer der jeweiligen sozialen Welten teilen Ressourcen und entwickeln bestimmte Techniken zur Erreichung ihrer Ziele. Kommunikation kommt hier eine Schlüsselrolle zu. Insofern läßt sich als Erstes feststellen, dass die Open Source Bewegung alle Merkmale einer sozialen Welt erfüllt. Ihr gemeinsames Ziel ist das kreieren leistungsfähiger Programme oder Betriebssysteme; ihre Kernaktivität das Programmieren. Die Ideologie besteht aus einer Ablehnung proprietärer Programme oder Betriebssysteme wie beispielsweise denen des Marktbeherrschers Microsoft. Die Entwicklung einer bestimmten Technik ist ebenso ersichtlich wie die Kommunikation im Internet durch gemeinsame Programmiersprachen, sowie einer Lingua franca bestehend aus Englisch und den in der Computerwelt üblichen Akronymen.
Arbeit zitieren:
Nemo Tronnier, 2009, Soziale Welten und Arenen der Open-Source Bewegung, München, GRIN Verlag GmbH
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