1. Einleitung
Innerhalb des religionspädagogischen Seminars „Die Bibel im Kunstbild, Film und Karikatur“ bei Frau Dr. Reis wurden an Hand von Gruppenreferaten zu unterschiedlichen neutestamentlichen Themen gezeigt, was für Gestaltungsformen bezogen auf das Bildsujet im Religionsunterricht realisiert werden können. Bei diesen Referaten konnte ich erfahren, dass sich an Kunstwerken, Filmausschnitten und Karikaturen religiöse Erfahrungsdimensionen religionspädagogisch vermitteln und biblische Texte tiefer verstehen lassen. Wir leben im visuellen Zeitalter, in dem Bilder und Filme einen festen Platz in unserer Auseinandersetzung mit der Welt haben. Sie sind eine wesentliche Kommunikationsform und darum auch ein unverzichtbares Medium für den Religionsunterricht: Bilder können die Auseinandersetzung mit biblischen Themen neu in Gang bringen, Bilder können ungewohnte Blickwinkel öffnen, Bilder können da greifen, wo sprachliche Mittel durch ihr hohes Abstraktionsvermögen einschränken, Bilder können eingefahrene Denkmuster aufbrechen und Bilder können Glaubensaussagen in neue Kontexte stellen. Beim Anschauen von Bildern entdecken Schüler 1 oft Neues, Zusammenhänge werden begriffen und sie vertiefen, was gelesen oder gehört wurde. Das gilt besonders für Bilder mit biblischen Inhalten. Des Einsatzes von Bildern im Unterricht bedarf jedoch eine gute Vorbereitung vom Religionslehrer. Dies soll in der vorliegenden Arbeit dargestellt werden.
Da ich in der Referatsgruppe war, die sich mit Bildern zum „Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern“ beschäftigt hat, wird es in dieser Hausarbeit auch um mein, innerhalb des Referates, ausgewähltes Bild gehen. Und zwar ist dieses Bild von dem expressionistischen Künstler Emil Nolde und heißt auch „Abendmahl“.
Ich werde nun kurz vorstellen, wie diese Hausarbeit aufgebaut ist.
Da Kunstwerke datiert, situiert und personalisiert sind, dürfen die Fragen an ein religiöses Bild nicht allein darauf abheben, was sich damals zur biblischen Zeit ereignet hat, sondern müssen auch darauf abzielen, wann das Werk entstand, in welcher Situation es geschaffen wurde und wer es gemalt hat. Deshalb werde ich in den ersten beiden Kapiteln kontextuelle Informationen zu dem Bild geben und somit Informationen, die zwar nicht direkt aus dem Bild entnommen werden können aber für eine Bildanalyse von Bedeutung sind. Deshalb
1 In dieser Arbeit habe ich anstatt der weiblichen und der männlichen Form, nur die männliche verwendet, um
den Lesefluss nicht zu beeinträchtigen. In allen Fällen ist dabei jedoch sowohl das männliche als auch das
weibliche Geschlecht gemeint.
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werde ich mich zu Beginn mit der Kunstepoche des Expressionismus beschäftigen, mit dem Entstehungshintergrund, formalen Kennzeichen und inhaltlichen Schwerpunkten. Aus der Sicht der Theologie sind Kunstwerke mehr als Illustration einer bestimmten Stilepoche, sie sind vor allem Zeugnis des Glaubens des Künstlers mit seiner individuellen Biographie und Spiritualität 2 . Deshalb werde ich das Leben und Werk von Emil Nolde wiedergeben, dabei wird der Schwerpunkt auf seinen religiösen Bildern liegen. Diese werden im Hinblick auf Stil und Farbe analysiert. In der Betrachtung der verschiedenen Aspekte wird daraus deutlich, wie das Nicht-Christliche von Noldes religiösen Gemälden sich mit seiner eigenen Religiosität verbindet.
Im darauffolgenden Teil wird sich dann mit dem eigentlichen Bild und zwar dem „Abendmahl“ beschäftigt. Dabei wird vor allem die Frage beantwortet in welcher Zeit bzw. in welcher Lebensphase aus Noldes Leben das Bild entstanden ist und warum. Darauf schließe ich eine Bildbeschreibung an die in eine Bildinterpretation übergeht. Der letzte Teil beschäftigt sich mit dem praktischen Einsatz des Bildes im Religionsunterricht. Dabei soll erläutert werden ob und warum sich das „Abendmahl“ sowie andere religiöse Bilder von Nolde für den Einsatz im Religionsunterricht eignen und wie man sie im Unterricht einsetzten kann. Vor dem Vorstellen von didaktischen Erschließungswegen werden noch religionspädagogische Überlegungen für den Bildeinsatz vorangeschlossen. Diese Überlegungen führen über in den didaktischen und methodischen Plan der Referatsstunde, die innerhalb des Seminars gehalten wurde. Dabei werde ich mich jedoch nur mit meinem Referatsteil beschäftigen, und damit um die Erarbeitungsphase, bei dem die Studierenden in Gruppenarbeit Emil Noldes „Abendmahl“ mit dem „letzten Abendmahl“ von Da Vinci auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten untersuchen sollten. Anschließend reflektiere ich diese Gruppenarbeit und die daraus folgenden Ergebnisse.
2. Zur Kunstepoche Expressionismus
Wenn man Bilder aus der Zeit des Expressionismus sachgemäß im Religionsunterricht einsetzten möchte, ist es notwendig, diese Kunstepoche zu untersuchen. Es sollte vor allem geklärt werden unter welchen zeitgeschichtlichen Hintergründen das Bild „Abendmahl“ entstanden ist.
2 Vgl. Schädle, Georg: Bilder aus der Kunst im Religionsunterricht, S. 49.
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Der Begriff Expressionismus stammt vom französischen Wort „expression“, was Ausdruck bedeutet und im engeren Sinne eine Stilrichtung des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts bezeichnet, die vor allem in der Malerei ihre Ausprägung fand 3 . Im weiteren Sinne bezeichnet der Terminus jede künstlerische Gestaltungsweise, die eine spezifisch subjektive Ausdruckssteigerung mit bildnerischen Mitteln zu erreichen versucht. Die Anfänge des Expressionismus reichten bis in die 80er Jahre des 19. Jahrhunderts zurück. Seine Hauptphase begann 1905 mit der Gründung der Künstlervereinigung „Brücke“ und endet 1930 4 . Man kann sagen, dass in diesem Zeitabschnitt die expressionistische Malweise besonders in der deutschen Kunst die vorherrschende Richtung war.
2.1 Entstehungshintergründe
Ich werde nun den soziokulturellen Hintergrund darlegen um zu einem besseren Verständnis der Ziele expressionistischer Künstler zu gelangen.
Zwischen Albert Einsteins entwickelter Relativitätstheorie (1905) und dem Beginn des ersten Weltkriegs (1914) entstand der Expressionismus in einer Zeit tiefer, existentieller und spiritueller Krisen, die ganz Europa und besonders Deutschland erschütterten. Die Zeit vor dem ersten Weltkrieg und dem damit verbundenen Niedergang des deutschen und habsburgischen Kaiserreichs strahlte trotz sozialer Probleme im Glanz und schwächte damit anfänglich die Tatsache ab, dass man in gesellschaftlichen und künstlerischen Konventionen erstarrt war. Einsteins Relativitätstheorie, Freuds Entwicklung der Psychoanalyse, die das Unter-bewusstsein des Menschen zu Tage brachte, die Entdeckung der Röntgenstrahlen und der Kernspaltung verlangten vom Menschen neue, abstraktere Denkweisen und machten deutlich, dass die Wirklichkeit weit mehr ist als das vordergründig Sichtbare 5 . „Der Glaube an die umfassende Wahrnehmungsfähigkeit des Auges musste weichen. Die neue junge Künstlergeneration kritisierte den Oberflächenrealismus der Impressionisten und suchte hinter dem äußeren Schein der Dinge ein wahrhafteres Bild der Wirklichkeit zu entwerfen“ 6 . So kann der Expressionismus als Gegenreaktion zum gesamten bisherigen Kunstschaffen gesehen werden. In Abgrenzung zum Impressionismus wandte er sich gegen eine Dominanz der inneren Eindrücke des Augenblicks durch die Sinne und setzte auf den starken Ausdruck und propagierte den spontanen pathetischen Ausdruck in Farbe und Form. Er setzte sich auch vom Naturalismus ab, der auf eine wirklichkeitsgetreue Wiedergabe Wert
3 Vgl. Ebd. S. 124.
4 Vgl. Ebd. S. 124.
5 Vgl. Ebd.
6 Ebd.
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legte. Im Gegensatz dazu favorisierte der Expressionismus eine auf das Wesentliche verkürzte Bildaussage 7 .
„Der bewusste Bruch der Expressionisten mit der Vergangenheit und die zum Programm erhobene, im Vergleich zum Gegenwärtigen ganz andersartige Entfaltung künstlerischer und menschlicher Kräfte sollten bildhaft sichtbar gemacht werden“ 8 . Durch die industrielle Revolution und die damit verbundenen grundlegenden Umwälzungen im Leben jedes Einzelnen hatte die Menschheit ein Daseinsproblem in der entseelten Welt. „Das zerrissene Lebensgefühl, das sowohl im Dasein als auch in der Kunst neue Werte suchte, entlud sich gleichermaßen in pessimistischer Weltuntergangsstimmung und utopischen Visionen von einer anderen, besseren Welt“ 9 . So waren die Künstler zielstrebig auf der Suche nach der neuen Welt und nach den neuen Menschen. Emotionsgeladene Bilder sollten die Menschen bei ihren innersten Empfindungen packen und Veränderungen anstoßen.
Dass sich der Expressionismus herausgebildet hat, hat auch mit der Entwicklung der Künstlerrolle und seines Selbstverständnisses als Genie zu tun. Sie ermöglichte den Künstlern die Abwendung von akademischen Richtlinien und verwies mehr als früher auf Selbststudium und Anregungen von anderen Künstlern 10 . Bei der Kunstform wie der Expressionismus malten Künstler daher vor allem aus eigenem Antrieb, wohingegen Künstler aus früheren Epochen vor allem im Auftrag der Kirche, später der Fürsten und anderen Auftragsgebern malten 11 . Ging es ihren Vorgängern der Renaissance um die religiöse Aussage oder größtes handwerkliches Können und künstlerische Perfektion so ging es bei den Expressionisten um die eigene, ganz persönliche Aussage.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand sich eine größere Zahl von Anhängern dieser neuen Malweise an, die sich in Künstlervereinigungen zusammen schlossen, um ihre Ziele gemeinsam besser verfolgen zu können. 1905 bildete sich an der Dresdner Technischen Hochschule die Künstlergemeinschaft „Brücke“. Vier junge Männer, die Anfänger im Gebiet der Malerei waren, wollten gegen die muffig empfundene Kunstszene des wilhelminischen Kaiserreichs antreten und rebellieren, indem sie alle gültigen akademischen Regeln über Bord warfen. Sie wollten so zusagen für einen Neubeginn kämpfen. Emil Nolde gehörte kurze Zeit der „Brücke“ an 12 . Er trat jedoch nach kurzer Mitgliedschaft im Jahre 1907 wieder aus, um
7 Vgl. Schäfele, Georg: Bilder aus der Kunst im Religionsunterricht, S. 124.
8 Ebd. S. 125.
9 Ebd.
10 Vgl. Wüpper, Antje: Wahrnehmen lernen - Aspekte religionspädagogischer Bildbetrachtung am Beispiel
religiöser Kunst des Expressionismus, S. 134.
11 Vgl. Schädle, Georg: Bilder aus der Kunst im Religionsunterricht, S. 43.
12 auch Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Max Pechstein, Otto Mueller
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unabhängig zu sein. Diese Künstlergruppe löste sich nach Meinungsverschiedenheiten 1913 auf.
Die Suche nach einer zeitgemäßen und menschenwürdigen Weltanschauung formte also den Expressionismus, der nicht nur ein bildnerischer Aufschrei war, vielmehr eine entwicklungsbedingte Auseinandersetzung der damaligen gesellschaftlichen Strukturen in geistiger, psychischer, kultureller, materieller und wirtschaftlicher Hinsicht. „Die expressionistischen Maler versuchten, ihre Umwelt aufzurütteln und zu beunruhigen, dazu wählten sie auch das Hässliche und Tabuisierte neben dem Schönen in der Natur und in menschlichen Lebenssituationen“ 13 .
Gewaltsam wurde zwischen 1933 und 1944 der Expressionismus von den Nationalsozialisten verfemt und verboten.
Emil Noldes Werk ist an diese Geschichte gebunden: es ist getragen von der allgemeinen Wandlung der modernen Vorstellung von Wirklichkeit. Diese Wirklichkeitsveränderung drückt sich in der Erfahrung aus, dass hinter der sichtbaren Oberfläche eine andere, geheimnisvolle, lockende Wirklichkeit hindurch scheint.
2.2 Stilistische Merkmale
Folgende gemeinsame Kennzeichen dieser Kunstepoche lassen sich aus den Bildern der einzelnen expressionistischen Künstler ableiten:
Die Expressionisten sahen ihre Kunst als Gestaltung eines völlig neuen Lebensgefühls, das sich vor allem in der Veränderung der Form, starken Rhythmen, einer intensiven und kontrastreichen Benutzung von Farbe, einer kühnen Raumgestaltung, Flächigkeit, meist schwarzen Konturen und Hell-Dunkel-Kontrasten äußerte. Aber die Künstler standen trotzdem in ihrem Kunstschaffen in einer gewissen Tradition. Vincent van Gogh, Edvard Munch und Paul Gauguin gehörten zu den Vorläufern und Wegbereitern des Expressionismus 14 .
Vom Jugendstil übernahmen die expressionistischen Künstler den flächigen Farbauftrag und den Verzicht auf eine räumliche Perspektive. Während der Jugendstil jedoch ästhetisch experimentiert und rein dekorative Werke schaffen wollte, warfen die expressionistischen Künstler politische und gesellschaftliche Fragen auf. 15 Es wurde auf Harmonie und
13 Vgl. Schädle, Georg: Bilder aus der Kunst im Religionsunterricht S. 124.
14 Vgl. Ebd. S. 125.
15 Vgl. Wüpper, Antje: Wahrnehmen lernen - Aspekte religionspädagogischer Bildbetrachtung am Beispiel
religiöser Kunst des Expressionismus, S. 135.
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realistische Malweise verzichtet, zugunsten einer in harten, krassen Farbkontrasten und derben Formen gestaltenden expressiven Malweise.
Stand in früheren Kunstrichtungen die Natur im Vordergrund, ist es beim Expressionismus das Geistige 16 . Expressionisten legten keinen Wert darauf das zu malen was sie sahen, sondern sie wollten das zum Ausdruck bringen, was sie fühlten 17 . Die Künstler betonten die seelisch-psychischen Momente und die damit verbundene Erkenntnis oder Vermutung über den Kern der Dinge, weshalb auf die sachlich getreue Wiedergabe in Farbe und Form verzichtet wurde.
Die Expressionisten wandten sich, wie schon erwähnt, vom Menschenbild des 19. Jahrhunderts ab und malten auch Tabu-Themen, denn sie wollten ihre Mitmenschen aufrütteln und beunruhigen. Daraus resultieren einige wesentliche Merkmale:
Die reine, ungebrochene Farbe wird bunt und flächig, kräftig bis grell aufgetragen 18 . Die Farbe wurde vom Naturvorbild gelöst und erfuhr eine rauschhafte Steigerung zum reinen Ausdruck.
Durch die spontane Pinselführung der Künstler zeichnet sich der Expressionismus in seinen Werken durch vorwiegend grobe Formen aus. Die Form ist a-realistisch, vereinfacht, verkürzt, hart und eckig, zuweilen verzerrt und deformiert, um den Eindruck einer äußeren Wiedergabe auszuschließen. Der Zweck ist die Ausdruckssteigerung, damit das Wesentliche hervortreten kann 19 .
Aufreizende, unnatürliche Farb-und Formgebung sollen Gewohntes und Vertrautes aufbrechen und in Frage stellen. Die Linien werden zu kräftigen, meist dunklen Konturen, im absoluten Gegensatz zu den verschwommen erscheinenden Strichen und Pünktchen der Impressionisten.
Große Flächen werden bevorzugt; um den inhaltlichen wie formalen Ausdruck weiter zu steigern, wird sogar die Fläche missgestaltet. Erfüllt von dem Gedanken, die althergebrachten Bildtechniken zu revolutionieren wurde die sichtbare Wirklichkeit umgeformt und auf das Wesentliche reduziert. Um diese Wirklichkeit zu schaffen, wurde die Deformation von Linien und Flächen bewusst zur Ausdrucksteigerung eingesetzt.
Die Perspektive spielt eine untergeordnete Rolle oder es wird ganz auf sie verzichtet und wenn, dann werden mehrere Perspektiven gleichzeitig dargestellt, denn für die expressionistischen Künstler gibt es keine einheitliche Weltsicht mit eindimensionaler
16 Vgl. Schäfele, Georg: Bilder aus der Kunst im Religionsunterricht, S.131.
17 Vgl. Goecke-Seischab, Margarete-Luise; Harz, Frieder: Bilder zu neutestamentlichen Geschichten im
Religionsunterricht, S. 64.
18 Vgl. Ebd. S. 51.
19 Vgl. Schädle , Georg: Bilder aus der Kunst im Religionsunterricht, S. 131.
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Perspektive mehr. Auf die Plastizität der Gegenstände wird ebenfalls verzichtet. Körper- und Raumillusionen unterbleiben ebenfalls. Die Malweise und Gestaltung ist spontan, emotional, leidenschaftlich, intuitiv und subjektiv. 20
Die Expressionisten schauten den harten Tatsachen des Lebens ins Auge und „vermieden alles, was nach Niedlichkeit aussah, um Spießer aus ihrer Selbstzufriedenheit aufzuwecken“ 21 .
2.3 Expressionismus und Religion
Auch wenn viele expressionistische Künstler sich mehr autonom gegenüber der Kirche sahen, bedeutet das nicht, dass deren Bilder religionslos waren. Denn besonders die spirituellen Dimensionen ihrer Gestalten wurden hervorgehoben und suchten nach neuen, allgemeineren Möglichkeiten, auf Transzendentes hinzuweisen. Gerade wegen der größeren Deutungsoffenheit können viele expressionistische Bilder auf Transzendenz hinweisen 22 . Eine religiöse Prägung des Expressionismus wird in den verschiedenen Bekenntnissen und Werken vieler Künstler deutlich. Dies steht im Gegensatz zur vorangegangenen impressionistischen Kunst, die die äußere Erscheinung der Welt in Licht und Farbe verherrlichte.
Obwohl die Expressionisten Traditionelles und Vorgegebenes ablehnten, erfolgte keine völlige Ablehnung der Religion bzw. des Christentums, sondern lediglich eine Modifikation des Bibelverständnisses. Die Vorliebe für biblische Gestalten wie Propheten oder Jesus Christus, Szenen aus dem AT und NT, die Rückbesinnung auf die christliche Kunst des Mittelalters, der besondere Einfluss der Spätgotik sind oft gemeinsame Elemente, die in expressionistischen Bildern immer wiederkehren 23 . Künstler des Expressionismus deuten die Bibel oft in sehr persönlicher Weise. Der in vorhergehenden Kunstepochen „erfolgenden historisierenden und geschönten bzw. idealisierenden Verarbeitung von biblischen Themen“ wollen die expressionistischen Künstler nicht folgen. Die biblische Thematik wird in dieser Zeit in Kunst meist genutzt um „tiefgreifende verstörende Zeitereignisse überhöht darzustellen und in gewisser Weise einen Sinn zu geben“ 24 . Die biblischen Themen dienten somit als Quelle, mit Hilfe derer die Zeitereignisse gedeutet wurden.
20 Vgl. Schädle, Georg: Bilder aus der Kunst im Religionsunterricht, S. 162.
21 Ebd. S. 131.
22
23 Vgl. Schulz, Katharina, Religiöse Bilder von Emil Nolde im gymnasialen Religionsunterricht, S. 6f.
24 Wüpper, Antje: Wahrnehmen lernen - Aspekte religionspädagogischer Bildbetrachtung am Beispiel religiöser
Kunst des Expressionismus, S. 217.
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Es war die Zeit vor dem ersten Weltkrieg mit voller Spannung und Widersprüche. Mit dem 1. Weltkrieg nahmen die Schrecken sowie Sinn- und Hilflosigkeitserfahrungen noch zu 25 . Vor diesem Hintergrund wurden die biblischen Motive als Deutungsschema verwendet: „die Passion als ewige Menschengeschichte“ 26 . Die expressionistische Kunst zeigte den Menschen, wie sie einander quälen und Leiden zufügen. Die Künstler waren getrieben von der Suche nach dem Sinn und der Wiederherstellung der zerstörten Einheit von Mensch und Natur und wenden sich deshalb religiösen Motiven zu. Es war vor allem die Frage nach der Allmacht Gottes angesichts des Krieges und des Leides in der Welt. Sie stellten sich auch die Frage nach dem Sinn des Kreuzesopfers Jesu. Oftmals wurde die Vergeblichkeit seines Opfertodes den Mitmenschen angesichts der Ungerechtigkeiten und Leiden der Welt in den Bildern vorgehalten 27 .
Ein Grund dafür, dass viele Expressionisten einige biblische Motive gemalt hatten ergab sich auch aus derer persönlicher Situation. Denn meist entstanden diese biblischen Bilder als Reaktion auf innere Krisen, Selbstzweifel und Daseinsängste. So ist das „Abendmahl“ auch kurz nach einer fast tödlichen Vergiftung Noldes im Jahre 1909 entstanden. Die Künstler versuchten Halt und Sinn in der Auseinandersetzung mit der Bibel zu finden. Zwar waren die meisten nicht ausgesprochen religiös aber sie suchten nach Sinndeutungen außerhalb konfessioneller Grenzen 28 .
Der Expressionismus eignet sich gut als Dialogpartner der Theologie, weil er sich der Reproduktion gewohnter Jesus,- Christus-, und Gottesbilder verweigerte und so dem „Verbot fixierender Denkschemata“ 29 entspricht.
Trotzdem stand, wie schon kurz erwähnt, die Kirche den expressionistischen Bildern mit biblischer Thematik eher ablehnend gegenüber. Deshalb waren Kirchenräume auch nicht durch zeitgenössische und somit expressionistische Kunstwerke gestaltet. Die Gründe für diese Ablehnung werden im Verlauf des nächsten Kapitels geklärt.
25 Vgl. Ebd. S. 309.
27 Vgl. Ebd.
28 Vgl. Ebd. S. 308f.
29 Schädle, Georg: Bilder aus der Kunst im Religionsunterricht, S. 7.
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Sarah Hager, 2009, Emil Noldes Abendmahldarstellung als Unterrichtsgegenstand des Religionsunterrichts , München, GRIN Verlag GmbH
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