1. Abstrakt
Diese Ausarbeitung befasst sich mit der Entwicklung von Intelligenz, angefangen vom ersten Intelligenztest 1905 nach Alfred Binet bis hin zum Konzept der Emotionalen Intelligenz, mit dem Daniel Goleman 1995 in seinem Bestseller „Emotional Intelligence: Why it can matter more than IQ“ weltweit Aufmerksamkeit erregte.
Es wird sich zeigen, dass die Geschichte der Intelligenz ebenso traditionsreich ist wie der Begriff der Intelligenz umstritten.
Heutzutage existiert weder eine allgemein anerkannte Intelligenztheorie, noch besteht Konsens darüber, welche Forschungsmethoden diesem Gegenstand gerecht werden. Fest steht jedoch, dass sich die Kategorisierung der menschlichen Intelligenz durch Berechnung eines einheitlichen, durchschnittlichen Intelligenzquotienten als nicht ausreichend erwiesen hat.
Sinnvoller erscheint es daher, die jeweiligen Teilbereiche der menschlichen Intelligenz getrennt voneinander zu messen und ein differenziertes Modell der Intelligenzstruktur zu entwickeln.
Die emotionale Intelligenz liefert ein psychometrisches Rahmenkonzept für die interessante Vorstellung, dass sich Menschen hinsichtlich ihrer emotionalen Fähigkeiten unterscheiden und dass sich diese Unterschiede im jeweiligen Lebenserfolg widerspiegeln. Dass rationale und emotionale Intelligenz jedoch keinesfalls im Gegensatz zueinander stehen, sondern eine untrennbare Einheit bilden, wird in der Diskussion dieser Ausarbeitung erörtert.
2. Einleitung
Wenn man im Alltag über Intelligenz redet, gibt es selten zwei Menschen, die von der Definition dieses Konstrukts die gleiche Vorstellung haben.
Manch einer versteht unter Intelligenz primär die Fähigkeit, schwierige Denkaufgaben in kurzer Zeit zu lösen, ein anderer wiederum bezeichnet vorwiegend besondere Redegewandtheit als intelligent.
Auch in der wissenschaftlichen Psychologie gehen die Auffassungen darüber, was unter Intelligenz zu verstehen ist, auseinander (Funke & Vaterrodt-Plünnecke, 1998). So bezeichnet 1961 der amerikanische Psychologe Wechsler Intelligenz als „die zusammengesetzte oder globale Fähigkeit des Individuums, zweckvoll zu handeln, vernünftig zu denken und sich mit seiner Umgebung wirkungsvoll auseinanderzusetzen“ (Wechsler 1961, zitiert nach Köppe, 1980).
Eine weitaus allgemeinere Definition mit gesellschaftlichem Bezug formuliert der österreichische Sozialpsychologe Hofstätter. Nach seiner Auffassung ist Intelligenz „die den innerhalb einer bestimmten Kultur Erfolgreichen gemeinsamen Fähigkeiten“ (Hofstätter 1957, zitiert nach Roth, 1998).
Verbale Definitionen haben keinen substantiellen Beitrag zum Verständnis und der Erforschung von Intelligenz leisten können.
Wesentliche Impulse sind vielmehr von den Verfahren selbst ausgegangen, die zur Erfassung des Merkmals entwickelt wurden (Amelang & Bartussek, 1997).
„Intelligenz ist das, was ein Intelligenztest misst“ (Boring 1923, zitiert nach Bortz und Döring, 2006).
Eine solche operationale Definition ist auf dem ersten Blick nicht zufriedenstellend, ermöglicht jedoch eine eindeutige Kommunikation zwischen den am Untersuchungsfeld Interessierten. Außerdem werden damit Probleme vermieden, die daraus resultieren können, dass ein und dieselben Personen in verschiedenen Tests zur Intelligenz unterschiedliche Werte aufweisen (Amelang & Bartussek, 1997).
3. Intelligenzmessung
Die empirische Intelligenzforschung begann vor etwa 100 Jahren ganz pragmatisch: weil aus psychiatrisch-neurologischer Sicht Intelligenzdefizite präzise und differenziert beschrieben werden mussten und sich die Feststellung der Eignung für bestimmte Berufe oder Tätigkeiten als immer dringender erwies, mussten Versuche unternommen werden, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu „messen“ (Roth, 1998).
3.1 Der erste Intelligenztest
Der Franzose Alfred Binet gilt als Urheber des ersten Intelligenztests, der sogenannten Binet-Skala (Funke & Vaterrodt-Plünnecke, 1998).
Im Auftrag des Französischen Bildungs- und Erziehungsministeriums sollte er einen objektiven Test zur Erkennung von Kindern mit Entwicklungsstörungen konzipieren (Zimbardo & Gerrig, 2004).
Binets „Stufenleiter-Modell“ 1 von 1905 geht davon aus, dass ein normalintelligentes Kind bestimmten Alters Aufgaben mit hoher Wahrscheinlichkeit lösen kann, die seiner Altersstufe entsprechen (siehe Abb. 1).
Das Intelligenzalter dieses Kindes ist demnach genauso groß wie sein Lebensalter.
Abbildung 1: Aufgaben aus dem Binet-Test
(Quelle: http://www.u3l.uni-frankfurt.de/downloads/Intelligenz_Hodapp.pdf, 20.03.2009)
1 siehe hierzu auch Gliederungspunkt 5
Ist ein Kind nicht in der Lage alterstypische Aufgaben zu lösen, wird die Anzahl der nicht gelösten Aufgaben als Monate vom Lebensalter abgezogen, sodass man ein Intelligenzalter unterhalb des Lebensalters erhält.
Kann ein Kind zusätzlich eine Anzahl von Aufgaben lösen, so werden diese als Monate zum Lebensalter hinzuaddiert, sodass man ein Intelligenzalter oberhalb des Lebensalters erhält. (http://www.verhaltenswissenschaft.de, 02.07.2009).
3.2 Der klassische Intelligenzquotient (IQ)
Aufbauend auf den Überlegungen Binets führte der deutsche Psychologe Stern 1912 den Begriff des Intelligenzquotienten ein (Köppe, 1980).
Ausgangspunkt war das Problem, dass der absolute Intelligenz-Rückstand oder -Vorsprung auf verschiedenen Altersstufen unterschiedliche Bedeutungen hat. So ist das Defizit eines fünfjährigen Kindes mit einem Intelligenzalter von drei als gravierender zu beurteilen als das eines zehnjährigen Kindes mit einem Intelligenzalter von acht, obwohl der absolute Rückstand in beiden Fällen zwei Jahre beträgt (Funke & Vaterrodt-Plünnecke, 1998).
Um ein unabhängiges Maß zu erhalten, das dieses Problem nicht enthält, definierte Stern den Intelligenzquotienten als Verhältnis des Intelligenzalters zum Lebensalter und multipliziert mit 100, um Nachkommastellen zu vermeiden (Zimbardo & Gerrig, 2004). Ein normal entwickeltes Kind beantwortet in der Regel die seinem Alter entsprechenden Fragen, d.h. sein Quotient ist gleich 100.
Besonders fähige Kinder beantworten eventuell auch Fragen für Kinder, denen sie altersmäßig unterlegen sind. Ihre Quotienten erreichen entsprechend der beantworteten Fragen einen Wert zwischen 120 und 140 2 .
Geistig unterentwickelte Kinder scheitern eventuell schon an den Fragen, die für Kinder jüngerer Jahrgänge gestellt werden. Ihr Quotient liegt dann beispielsweise zwischen 60 und 80 3 (Köppe, 1980).
2 Nach Binets Verteilungsskala bedeutet ein IQ zwischen 120-140: „höhere Intelligenz“ bis „überragende Intelligenz“
3 Nach Binets Verteilungsskala bedeutet ein IQ zwischen 60 und 80 „grenzfällig“ bis „schwach-normale Intelligenz“
Arbeit zitieren:
Hanna Lindemann, 2009, IQ vs. EQ? , München, GRIN Verlag GmbH
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