1 Einleitung
Aus dem Urchristentum sind keine Gottesdienstordnungen bekannt, da sich die Gestaltung der Feiern noch in der Entwicklung befindet und je nach Gemeinde unterschiedlich ausfällt. Daher gibt es in der exegetischen Forschung verschiedene Ansätze, die ersten frühchristlichen Gemeindegottesdienste zu rekonstruieren und zu erklären. Es können zugespitzt formuliert drei Annahmen unterschieden werden:
1 Urchristliche Gottesdienste entstünden vor allem aus Elementen der heidnischen Umwelt. 1 2 Urchristliche Gottesdienste entstünden vor allem aus Elemtenten der jüdischen Umwelt. 2 3 Das Urchristentum übernehme zwar formale Elemente aus heidnischer und jüdischer Umwelt, deute diese inhaltlich aber völlig anders. Daher könne kein Zusammenhang zwischen der heidnischen und/oder jüdischen Umwelt und dem Urchristentum festgestellt werden. 3
Diese Hausarbeit thematisiert daher die kulturellen und soziologischen Gegebenheiten im Judentum bis zur Tempelzerstörung, um Zusammenhänge zwischen jüdischem und urchristlichem religiösem Leben zu überprüfen. Dabei stehen vor allem zwei Fragen im Vordergrund, die abschließend beantwortet werden sollen: 1 Haben die Synagogengemeinden/jüdischen Hausgemeinden eine Relevanz für die Entwicklung der frühchristlichen Gemeinden?
2 Gibt es Gemeinsamkeiten und/oder Unterschiede in der jüdischen und urchristlichen Gemeindepraxis und - struktur?
1.1 Begriffsdefinition
Wenn im folgenden von „Gottesdienst“ des Judentums die Rede ist, so meint der Begriff in der Antike vor allen Dingen den Opferkult, der aber nur am Tempel ausgeübt werden darf. 4
1 Klinghardt, M., Gemeinschaftsmahl und Mahlgemeinschaft. Soziologie und Liturgie frühchristlicher Mahlfeiern, TANZ 13, Tübingen/Basel 1996, S. 251-267; Klauck, H.-J., Die Hausgemeinde als Lebensform im Urchristentum, in: ders., Gemeinde - Amt - Sakrament. Neutestamentliche Perspektiven, Würzburg 1998, S- 11-28.
2 Hahn, F., Gottesdienst III, Neues Testament, TRE 14, Berlin/New York 1985, S. 28-39.
3 Delling, G., Der Gottesdienst im Neuen Testament, Göttingen 1952.
4 Wick, P., Die urchristlichen Gottesdienste. Entstehung und Entwicklung im Rahmen der frühjüdischen Tempel-, Synagogen- und Hausfrömmigkeit, BWANT 8/10, Stuttgart u.a. 2002, S. 25f.
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2 Das religiöse Leben im Judentum
Im Judentum gibt es zur Zeit des Urchristentums drei Institutionen, die wichtig für den religiösen Lebensvollzug sind. Dazu gehören die Hausgemeinde, die Synagoge und selbstverständlich der Tempel in Jerusalem. Diese stehen in unmittelbaren Zusammenhang miteinander. In den Schriften des Alten Testaments werden ferner drei Grundformen religiöser Tätigkeiten genannte, diese sind Opferkult, Gebet und Schriftfrömmigkeit, die die Basis des altisraelischen Gottesdienstes bilden. Diese Grundformen religiöser Tätigkeiten lassen sich den Institutionen Tempel, Hausgemeinde und Synagoge zuordnen.
2.1 Der Tempel
Im Gegensatz zu allen anderen Religionen zur Zeit des Urchristentums ist der Ort und Kult des eigentlichen Gottesdienstes durch das Kultzentralisationsgebot für das Judentum exklusiv auf Jerusalem festgelegt. Unter König Josia wird bei Restaurierung des Tempels das „Buch der Tora“ bzw. „Buch des Bundes“ gefunden (2 Kön 22-23), das als vergessenes Werk Moses gilt. Auf Basis dieses Gesetzbuches wird der Kult reformiert, der von jetzt an nur noch im Tempel vollzogen werden darf.
Die neuere Forschung geht davon aus, dass es sich wahrscheinlich um eine „Auffindungslegende“ handelt. Das Buch des Moses sei „gefunden“ worden um die Kultzentralisation zu legitimieren, denn an vielen Orten wurde der kannaanäische Fruchtbarkeitsgott Baal verehrt, dessen Verehrung König Josia zu unterbinden beabsichtigte. 5 Durch die Kultzentralisation wird der Tempel zum Zentralheiligtum der Juden, da nur hier der eigentliche Gottesdienst, der Opferkult, vollzogen werden darf.
2.1.1 Religiöse Handlungen im Tempel
Der Tempel ist das Zentralheiligtum im Judentum. Eine Wallfahrt ist für gläubige Juden nach der Tora drei Mal im Jahr verpflichtend. Für den Apostel Paulus sind nach der Apostelgeschichte mindestens zwei Wallfahrten zum Jerusalemer Tempel belegt, insgesamt gesehen hält er sich sogar fünfmal in Jerusalem auf. 6 Die jüdische Bevölkerung hat den zehnten Teil ihrer Erwirtschaftungen an den Tempel zu entrichten. Da der Tempel das Heiligtum schlechthin im Judentum ist, herrschen hier strenge kultische
5 Diebner, B.-J., Gottesdienst II, Altes Testament, TRE 14, Berlin/New York 1985, S.21f.
6 Wick, 2002, S. 68.
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Vorschriften, vor allen Dingen durch Reinigungsgebote. Auch architektonisch wird die kultische Besonderheit des Tempels durch die verschiedene Höfe, die teilweise nur Männern oder ausschließlich den Priestern vorbehalten sind, als physische Barriere sichtbar. In der Priesterschaft wird durch eine klare Hierarchisierung die Aufgabenverteilung festgelegt. 7 Der Tempel hat trotz seiner hohen kultischen Bedeutung für die verschiedenen Gruppierungen innerhalb des Judentums unterschiedliche Bedeutungen. Für die Mehrheit der Juden ist der Tempel das Haus Gottes und fungiert damit als Ort zur Darbringung von Opfern und Ort des eigentlichen Gottesdienstes. Der Tempel ist aber auch ein Ort für juristische Handlungen, Ort der göttlichen Offenbarung und der Prophetie. 8 Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Tempel im Judentum vor allen Dingen als Vorbild für den Umgang mit dem Heiligen und Profanen gilt und als wichtiges Symbold für die Einheit des jüdischen Volkes verstanden wird.
2.2 Die jüdische Hausgemeinde
Das Haus ist in der Antike der Gemeinschaftsort der Großfamilie. Dazu gehören auch Lohnarbeiter und Sklaven. Das Haus ist der Ort des Privaten und Individuellen. In der Antike sind Privatheit und Individualität kollektiven Wertvorstellungen untergeordnet. 9 Der pater familias ist das Oberhaupt der Familie. Das Haus ist als Herrschaftsbereich der Frauen einzustufen, die das Haus nur selten verlassen sollen. Diese Vorschriften variieren jedoch stark nach sozialer Stellung der Frauen.
Die Oberschicht lebte in großzügig angelegten Villen, die „wohlhabende“ Unterschicht in zweistöckigen Häusern, die Mehrheit der Bevölkerung wohnt aber in Häusern, die nur aus einem einzigen Raum bestehen. Das Leben im Haus ist durch strenge Essens- und Reinheitsvorschriften geprägt. 10
2.2.1 Religiöse Handlungen im Haus
Das Haus ist der Ort der religiösen Sozialisation, hier findet beispielsweise die Beschneidung der jüdischen Jungen statt. Es ist ein Ort der Lehre und der religiösen Unterweisung, hier wird gebetet und gefastet. Im Gegensatz zu den heidnischen Häusern gibt es in den jüdischen
7 Ebd., S. 60f.
8 Ebd., S. 52-87.
9 Der Tempel hingegen ist ein Ort der Öffentlichkeit, die Synagogen und Vereinshäuser, von denen später die Rede sein wird, haben eine Zwischenstellung.
10 Ebd., S. 117ff.
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Arbeit zitieren:
Marie Wolf, 2008, Die Enstehung des urchristlichen Gottesdienstes, München, GRIN Verlag GmbH
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