1.Einleitung
Émile Zolas 20bändiger Romanzyklus les Rougon-Macquart erschien zwischen 1871 und 1893. Auf der ersten Seite seines Vorworts zum ersten Band la Fortune des Rougon des Romanzyklus beschreibt Émile Zola die Charakteristik der Familie Rougon-Macquart: “Les Rougon-Macquart, le groupe, la famille que je me propose d’étudier, a pour caractéristique le débordement des appétits, le large soulèvement de notre âge, qui se rue aux jouissances. Physiologiquement, ils sont la lente succession des accidents nerveux et sanguins qui se déclarent dans une race, à la suite d’une première lésion organique, et qui déterminent, selon les milieux, chez chacun des individus de cette race, les sentiments, les désirs, les passions, toutes manifestations humaines, naturelles et instinctives, dont les produits prennent les noms convenus de vertus et de vices.”
Zola beschreibt sie als eine Familie, die sich mit überbordendem Appetit auf die Genüsse des Lebens stürzt. Auslöser der Charakteristik dieser Familie ist eine première lésion organique, welche je nach Milieu in dem ein Individuum dieser Rasse aufwächst, seine Gefühle, Begierden und Leidenschaften bestimmt. Damit bezieht sich Zola auf die Milieutheorie Hyppolite Taines aus dem 19.Jahrhundert. Diese Theorie sagt folgendes aus: “…Taines Milieutheorie, nach der jedes soziale Phänomen von “Rasse, Milieu, Moment” bestimmt wird.” (Küster, 2008;8)
Von entscheidender Bedeutung für die Beschaffenheit einer Rasse ist laut Zola eine première lésion organique. Dieser Gedanke wird gestützt durch den traité de l’hérédité naturelle von Prosper Lucas aus den Jahren 1847-1850, was Zola notiert. “In Zolas Résumé des notes zu Lucas’ Traité findet sich als dritter Punkt folgender Vermerk: Les constitutions de famille commencent par un individu.” (Küster, 2008;35). Zusammenfassend bedeuten die Gedanken Zolas, Taines und Lucas folgendes: Die Konstitution einer Familie beginnt bei einem Individuum und wird beeinflusst durch dessen première lésion organique. Im weiteren Verlauf der Entwicklung der Mitglieder einer Familie entwickeln sich diese unterschiedlich, je nach ihrer “Rasse”, sowie je nach dem “Milieu” und dem “Moment” ,in dem sie leben. Adélaïde Fouque bildet das erste Individuum der Familie, wie man dem Stammbaum der Rougon-Macquart entnehmen kann, der dem 20.und letzten Band le docteur Pascal des Romanzyklus beigefügt ist. Diese grundlegenden, vorab dargestellten Informationen bilden die Basis für die vorliegende Arbeit, deren Hauptaugenmerk auf der Varianz der première lésion organique
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liegt.
Im Verlauf der Arbeit wird analysiert, welcher Art die première lésion organique der Stammmutter Adélaïde Fouque ist, wie sie sich manifestiert und entwickelt. Des weiteren wird untersucht, wie sich die première lésion organique Adélaïde Fouques in zwei ihrer männlichen Nachkommen wieder findet. Zu diesem Zweck werden die lésions héréditaires von Aristide Rougon und Jacques Lantier näher betrachtet mit dem Ziel festzustellen, wie sie sich ausbilden, manifestieren und entwickeln; ob sie sich voneinander unterscheiden und Gemeinsamkeiten oder Unterschiede mit der première lésion organique erkennbar sind.
2. Die première lésion organique der Rougon-Macquart
Wie oben erwähnt ist Adélaïde Fouque die Stammmutter der Rougon-Macquart und nimmt somit eine Schlüsselfunktion innerhalb der Familie ein. Ihre première lésion organique bestimmt die Entwicklung der gesamten Familie Rougon-Macquart. Diese première lésion organique der Rougon-Macquart wird im folgenden anhand der Stammmutter Adélaïde Fouque unter der Berücksichtigung nachstehender zentraler Fragen untersucht: Was ist die première lésion organique Adélaïdes und damit der Rougon-Macquart? Wie manifestiert sie sich? Wie entwickelt sie sich? Dazu bietet sich die Analyse der Darstellung Adélaïdes im ersten Band des Zyklus mit dem Titel: La Fortune des Rougon an, da hier nicht nur die gesellschaftlichen Ursprünge der Rougon-Macquart beschrieben werden, sondern auch der wissenschaftliche Hintergrund der Familie dargelegt wird. Oder wie es Zola in seinem Vorwort zu diesem Band auf der zweiten Seite ausdrückt: “Et le premier épisode: la Fortune des Rougon, doit s’appeler de son titre scientifique: les Origines.”
Bevor Adélaïde Fouques Darstellung in La Fortune des Rougon beschrieben wird, erfolgt zunächst eine kurze Zusammenfassung der Handlung des ersten Bands des Zyklus, um für die nachfolgende Personenanalyse notwendiges Hintergrundwissen zu vermitteln.
2.1 Inhaltsangabe: La Fortune des Rougon
Der 1871 erschiene Roman la Fortune des Rougon spielt in der fiktiven südfranzösischen Stadt Plassans und läuft auf drei verschiedenen Ebenen ab. Auf der ersten Ebene bildet
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der Roman den Anfang der Familiengeschichte der Rougon-Macquart, welche mit der 1768 geborenen Adélaïde Fouque beginnt. Diese heiratet zunächst den Gärtner Rougon, von dem sie einen Sohn bekommt. Nachdem ihr Mann Rougon gestorben ist, lebt sie in wilder Ehe mit dem Trinker und Schmuggler Macquart, welcher ihr 2 Kinder schenkt. Die insgesamt drei Kinder Adélaïdes begründen später die drei Zweige der Familie: die Rougon, die Mouret und die Macquart.
Auf einer zweiten Ebene erzählt der Roman, wie sich die Familie Rougon in den Anfängen des zweiten Kaiserreiches und besonders während des Staatstreiches am 2.12.1851 die politische Macht in Plassans sichert.
Die dritte Ebene schildert die Liebesbeziehung Silvères, eines Enkels von Adélaïde Fouque, mit Miette der Tochter eines verurteilten Wilddiebs. Die beiden schließen sich den Aufständischen gegen den Staatstreich vom 2.12.1851 an und kommen bei den Unruhen ums Leben.
2.2 Adélaïde Fouque in la Fortune des Rougon
Adélaïde Fouque nimmt in der Familie der Rougon-Macquart die Schlüsselposition ein. Ihre première lésion organique prägt alle nachfolgenden Generationen der Familie. In diesem Abschnitt wird analysiert, um welche première lésion organique es sich bei Adélaïde Fouque handelt, wie sie sich manifestiert und entwickelt. Die première lésion organique Adélaïde Fouques wird nicht direkt zu Beginn des Romans erwähnt, sondern der Leser wird sorgsam vorbereitet. Der auktoriale Erzähler beginnt zunächst damit, den Leser unterschwellig davon zu überzeugen, Adélaïde sei verrückt. Dazu stellt er zuerst Adélaïde objektiv vor. Er beschreibt, dass Adélaïdes Vater als Verrückter gestorben ist. Seite 67: “Cette enfant, dont le père mourut fou,…” dadurch erlangt der Leser einen ersten Eindruck Adélaïdes möglicher geistiger Konstitution. Das Bild des Verrücktseins Adélaïdes unterstreicht ihre anschließende äußerliche Beschreibung durch den auktorialen Erzähler: Seite 67: “cette enfant, …,était une grande créature, mince, pâle, aux regards effarés, d’une singularité d’allures qu’on put prendre pour de la sauvagerie tant qu’elle resta petite fille.”
Sie wird wenig schmeichelhaft als eine große Kreatur beschrieben, schlank, blass, mit verschrecktem Blick, die durch ihr eigenartiges Benehmen auffällt, welches als Wildheit bezeichnet werden kann, solange sie noch ein kleines Mädchen ist. Anschließend stellt
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der auktoriale Erzähler die subjektive Meinung der Einwohner Plassans in den Vordergrund.
Mit zunehmendem Alter beginnt Adélaïdes Verhalten die Einwohner aus Plassans ernsthaft zu beschäftigen, und sie beginnen über ihren Geisteszustand zu reden. Seite 67: “Mais, en grandissant, elle devint plus bizarre encore; elle commit certaines actions que les plus fortes têtes du faubourg ne purent raisonnablement expliquer, et, dès lors, le bruit courut qu’elle avait le cerveau fêlé comme son père.” Die Leute in Plassans sind der Meinung, Adélaïde habe genauso wie ihr Vater buchstäblich einen “Sprung in der Schüssel“. Das Verhalten Adélaïdes, das die Einwohner Plassans zu dieser Wertung veranlasst, beginnt 6 Monate nach dem Tod ihrer Eltern. Adélaïde ist nun Herrin über den elterlichen Besitz. Das macht sie für den Heiratsmarkt besonders interessant. Aber zum Erstaunen und Ärger der Leute heiratet sie den Gärtner ihrer Familie, einen Mann namens Rougon und nicht einen Sohn eines wohlhabenden Bauerns Plassans.: Seite 67: “Elle se trouvait seule dans la vie, depuis six mois à peine, maitresse d’un bien qui faisait d’elle une héritière recherchée, quand on apprit son mariage avec un garçon jardinier, un nommé Rougon, paysan mal dégrossi, venu des Basses Alpes. …de serviteur à gages, il passait brusquement au titre envié de mari. Ce mariage fut un premier étonnement pour l’opinion;personne ne put comprendre pourquoi Adélaïde préférait ce pauvre diable, épais, lourd, commun, sachant à peine parler français, à tels et tels jeunes gens, fils de cultivateur aisés, qu’on voyait roder autour d’elle depuis longtemps.”
Diese Heirat mit Rougon ist den Einwohnern Plassans unverständlich und ein Dorn im Auge. Rougon stirbt 3 Monate nach der Geburt ihres gemeinsamen Kindes an einem Sonnenstich. Nach dem Tod Rougons lässt das Verhalten Adélaïdes die Einwohner Plassans ernsthaft an ihrem gesunden Geisteszustand zweifeln. Sie hat einen Liebhaber und das nur ein Jahr nach dem Tode Rougons. Seite 68: “Un an de veuvage au plus, et un amant! Un pareil oubli des convenances parut monstrueux, en dehors de la saine raison.” Der Gipfel des Skandals ist für die Bewohner Plassans die Wahl des Liebhabers. Seite 68: “Ce qui rendit le scandale plus éclatant, ce fut l’étrange choix d’Adélaïde.” Es ist der berüchtigte Trinker, Faulpelz, Wilderer und Schmuggler Macquart, der von den Einwohnern Plassans meistens nur despektierlich als: Seite 68 “ce gueux de Macquart” bezeichnet wird. Diese zwei gemeinsame Kinder hervorbringende Liaison mit Macquart veranlasst die Bewohner Plassans, erstmalig Adélaïde als verrückt zu bezeichnen und
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zwar als in dem Maße verrückt, dass sie eingesperrt gehört. Seite 69: “La pauvre! Elle est devenue complètement folle, disaient-elles; si elle avait une famille, il y a longtemps qu’elle serait enfermée.”
Aus der subjektiven Perspektive der Einwohner Plassans ist Adélaïde verrückt und auch ihre äußerliche Darstellung und die Schilderung ihres familiären Hintergrundes durch den auktorialen Erzähler vermitteln diesen Eindruck.
Der auktoriale Erzähler jedoch nimmt Abstand von dieser Meinung und beschreibt Adélaïde ausdrücklich als nicht verrückt. Sie ist für ihn lediglich eine eigenartige Person mit fehlendem Gleichgewicht zwischen Blut und Nerven, mit einer Art Störung des Gehirns und des Herzens, das sie anders leben lässt als alle anderen. Seite 70 “En devenant femme, Adélaïde était restée la grande fille étrange…non pas qu’elle fut folle, ainsi que le prétendaient les gens du faubourg, mais il y avait en elle un manque d’équilibre entre le sang et les nerfs, une sorte de détraquement du cerveau et du coeur, qui la faisait vivre en dehors de la vie ordinaire, autrement que tout le monde.” Der auktoriale Erzähler bezeichnet Adélaïde nicht als verrückt, sondern vielmehr als nervlich und geistig unausgeglichen, dazu kommt das Adélaïde in ihrem Handeln nur den Schüben ihres eigenen Temperaments gehorcht. Seite 70: “Lorsqu’elle obéissait avec une grande naïveté aux seules poussés de son tempérament.” Diese Abhängigkeit von den Aufwallungen ihres Temperamentes gepaart mit ihrer nervlichen und geistigen Unausgeglichenheit konstituieren ihre première lésion organique. Die Veranlagung dazu hat sie von ihrem Vater geerbt, bei dem sie sich in Verrücktheit äußerte.
Damit ist die première lésion organique Adélaïdes charakterisiert. Im folgenden wird dargelegt , wie sich die première lésion organique bei Adélaïde geistig und körperlich manifestiert und wie sie sich entwickelt.
Auf körperlicher Ebene tritt die lésion bei Adélaïde das erste Mal nach der Geburt ihres ältesten Sohnes Pierre zu Tage. Sie bekommt Nervenkrisen, die in krampfhafte Zuckungen münden. Seite 70: “dès ses premières couches, elle fut sujette à des crises nerveuses qui la jetaient dans des convulsions terribles.” Die Nervenkrisen wiederholen sich alle zwei bis drei Monate. Seite 70: “Ces crises revenaient périodiquement tous les deux ou trois mois.”
Dadurch verschlimmert sich ihre geistige und nervliche Unausgeglichenheit soweit, dass sie wieder wie ein Kind, wie ein Tier wird, dass von Tag zu Tag lebt, von seinen
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Instinkten geleitet. Seite 70: “Ces secousses répétées achevèrent de la détraquer. Elle vécut au jour le jour, comme une enfant, comme une bête caressante qui cède à ses instincts.”
Die körperlichen Auswirkungen ihrer lésion führen dazu, dass Adélaïde wie aus dem vorherigen Zitat ersichtlich von ihren Instinkten geleitet, lebt. Auf diese Weise entwickelt sie einen starken Egoismus, der sie die Welt um sich herum nicht richtig wahrnehmen und auch keine große Bedeutung beimessen lässt. Adélaïde lebt in ihrer eigenen Welt, die nur aus ihr und Macquart besteht. Seite 70: “Quand Macquart était en tournée, elle passait ses journées, oisive, songeuse, … Puis, dès le retour de son amant, elle disparaissait.” Sie errichtet sich mit Macquart auch räumlich ihre eigene Welt, indem sie ein Loch in die Mauer zwischen ihrem und seinem Haus brechen, um ständig beieinander sein zu können. Seite 70/71: “Derrière la masure de Macquart, il y avait une petite cour qu’une muraille séparait du terrain des Fouque. Un matin, les voisins furent très surpris en voyant cette muraille percée d’une porte, qui la veille au soir n’était pas là.” Der Mauerdurchbruch ist für die Einwohner Plassans eine offene Zurschaustellung der Sünde. Adélaïde ist jedoch so sehr in ihrer eigenen Welt, dass ihr die Lästereien der anderen Leute nichts ausmachen.
Seite 71: “Le scandale recommença ; on fut moins doux pour Adélaïde, qui décidément était la honte du faubourg; cette porte, cet aveu tranquille et brutal de vie commune lui fut plus violemment reproché que ses deux enfants….Adélaïde…elle était très heureuse, très fière de sa porte.”
Sie konzentriert sich so sehr auf ihre eigene Welt und ihre eigenen Gefühle zu Macquart, das sie auch ihre Kinder nur am Rande wahrnimmt. Obwohl sie ihnen zugeneigt scheint, kümmert sie sich nicht um ihre Erziehung. Seite 70: “…ne s’occupant de ses enfants que pour les embrasser et jouer avec eux“. Seite 72 “elle laissa croître ses enfants comme ces pruniers qui poussent le long des routes, au bon plaisir de la pluie et du soleil.” Adélaïdes Nervenattacken verstärken sich, als ihr erster Sohn Pierre versucht, sie durch stumme Vorwürfe wegen ihrer Beziehung zu Macquart zu treffen und zum Ausziehen zu bewegen. Seite 76: “Sa tactique fut de se dresser devant Adélaïde comme un reproche vivant;…il avait trouvé une certaine façon de la regarder, sans mot dire, qui la terrifiait.” Durch die harten und unerbittlichen Blicke ihres Sohnes sieht sie ihre eigene Welt, die sie sich mit Macquart aufgebaut hat, in Gefahr. Seite 76: “Elle se disait que Rougon ressuscitait pour la punir de ses désordres.” Dadurch verstärken sich ihre Nervenattacken,
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die jetzt wöchentlich kommen und sie buchstäblich Stück für Stück zerstören. Seite 76: “Toutes les semaines, maintenant, elle était prise d’une de ses attaques nerveuses qui la brisaient.”
Ihr labiles Nervenkostüm bricht unter den harten Blicken Pierres immer mehr zusammen, und sie ist fast bereit, Macquart aufzugeben. Jedoch ihre Liebe zu ihm ist stärker. Seite 77 “Ces regards implacable qui la suivaient partout, finir par la secouer d’une façon si insupportable, qu’elle forma à plusieurs reprises, le projet de ne plus revoir son amant; mais, dès que Macquart arrivait, elle oubliait ses serments, elle courait à lui.” Parallel zu Adélaïdes Nervenkrisen prägt sich auch ihr Egoismus weiter aus, so das der auktoriale Erzähler ihn erstmals explizit beim Namen nennt; als Adelaide es vorzieht, ihre eigene Ruhe und Freiheit zu behalten, anstatt ihren Sohn Antoine vor dem möglichen Tod im Militärdienst zu bewahren.
Seite 77/78: “Le départ forcé de son frère était un heureux événement servant trop bien ses projets. Quand sa mère lui parla de cette affaire, il la regarda d’une telle façon qu’elle n’osa même pas achever. Son regard disait: vous voulez donc me ruiner pour votre bâtard? Elle abandonna Antoine, égoïstement, ayant avant tout besoin de paix et de liberté.”
Dieser Egoismus kommt ebenfalls hervor, als ihre Tochter Ursule das Haus verlässt. Adélaïde ist ganz damit beschäftigt, ihre eigene Haut zu retten, so das sie froh ist, als auch ihre Tochter Ursule wegzieht. Seite 78. “Sa mère, enfoncée dans ses jouissances, mettant ses dernières énergies à se défendre elle-même, en était arrivé à une indifférence complète; elle fut même heureuse de son départ, espérant que Pierre, n’ayant plus aucun sujet de mécontentement, la laisserait vivre en paix, à sa guise.” Adélaïdes nervliche und geistige Unausgeglichenheit erhält einen schweren Schlag mit dem Tode Macquarts. Der auktoriale Erzähler beschreibt ihren Schmerz folgendermaßen: Seite 80: “La douleur d’Adélaïde fut stupide.” Die Wahl des Wortes stupide erweckt den Anschein, dass es bezüglich Adelaides geistiger Konstitution nicht unbedingt bei einer nervlichen Unausgeglichenheit bleiben muss.
Als Konsequenz aus Macquarts Tod zieht sie sich einsam und stumm noch mehr in sich zurück und vollzieht auch räumlich diese vergrößerte Zurückgezogenheit von ihrer Familie, indem sie in Macquarts Bleibe überwechselt. Ihre Nervenkrisen dauern im folgenden weiter an.
Seite 174: “Parfois encore, …dans cette morte…des crises nerveuses passaient…..”
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An dieser Stelle bringt der auktoriale Erzähler Adélaïde zum ersten Mal in direkte Verbindung mit dem Verrücktsein. Jedoch bezeichnet er sie nicht direkt als verrückt, so wie es die Einwohner von Plassans tun, sondern er vergleicht ihre Kraft, die sie während ihrer Nervenkrisen entwickelt, mit der einer Verrückten. Seite 175: ”…elle avait la force de ses folles hystériques…”
Trotz ihrer immer größeren inneren Verschlossenheit ist ihr Egoismus unverändert stark ausgeprägt. Sie hat ihren Enkel Silvère bei sich aufgenommen, aber nicht nur aus Großmütterlicher Liebe, sondern vielmehr aus Angst, alleine zu sterben. Seite 175: “Elle avait demandé l’enfant lasse de solitude, terrifié par la pensée de mourir seule, dans une crise.”
Ihr Egoismus wird noch deutlicher in der Szene, als Adélaïde es erstmalig schafft, gegen ihren Sohn zu rebellieren und Silvère erlaubt, mit den Aufständischen zu ziehen. Seite 201: “Alors Tante Dide, qui écoutait les paroles véhéments de Silvère avec une sorte de ravissement, posa sa main sèche sur le bras de son fils: “Ote-toi Pierre, dit-elle, il faut que l’enfant sorte.”
In der beschriebenen Auflehnung steckt jedoch nicht die selbstlose Inschutznahme ihres Enkels Silvère, sondern Adélaïdes starker Egoismus. Sie schickt ihren Enkel in den fast sicheren Tod, in der Hoffnung, Silvère könne während der Unruhen einen Gendarmen töten. Auf diese Weise könnte Adelaide ihre Rachegelüste befriedigen, die sie hegt, da ihr geliebter Macquart einst durch die Hand eines Gendarmen den Tod fand. Im Anschluss daran wird Adelaide zum ersten Mal von einem Familienmitglied direkt als Verrückte bezeichnet. Es ist ihr Sohn Pierre der es ausspricht: Seite 202: “Vous êtes une vieille folle…”
Adélaïdes lésion organique ist ihre nervliche Unausgeglichenheit gepaart mit der Neigung, nur den Schüben ihres Temperaments zu gehorchen. Dies manifestiert sich bei ihr in Form von Nervenkrisen und starkem Egoismus, die sich wie dargestellt im Laufe des Buches immer stärker ausprägen. Ihre Nervenkrisen werden durch ein entscheidendes Ereignis letztendlich so stark, das Adélaïde nicht mehr nur aus subjektiver Sicht von den Bewohnern Plassans und ihrem Sohn Pierre, sondern auch aus objektiver Sicht als verrückt bezeichnet wird. Der letzte entscheidende Schlag ist der Tod ihres Enkels Silvère. Sie beobachtet, wie er von einem Gendarmen mit einem Pistolenschuss hingerichtet wird. Seite 380: “Au début de l’allée, à l’entrée de Sainte-Mittre il crut apercevoir tante Dide, debout, blanche et roide comme une sainte de pierre, que de loin
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Adrian Görke, 2010, Les Rougon-Macquart - Varianz der première lésion organique, München, GRIN Verlag GmbH
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