1 Hintergrund und Aufbau der Arbeit 3
2 Kernbegriff „Civilizations“ 4
2.1 Identität als Charaktermerkmal einer Gemeinschaft. 5
2.2 Huntingtons Begriff als Ausprägung kollektiver Identität eines Volkes 6
2.3 Widerspruch zur leichtgläubigen Systematik. 8
3 Universalität und Kulturmilieus 10
3.1 Bemerkung zum Selbstverständnis einer Klasse. 11
3.2 „Universale Kultur“ und Individualisierungsprozess. 11
3.3 Huntingtons „Modernisierung“ als Widerlegung. 13
4. Schlussbetrachtung. 15
Literaturverzeichnis. 18
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1 Hintergrund und Aufbau der Arbeit
In den Jahren des Kalten Krieges mit der bipolaren Teilung der Großmächte war die Erklärung der Internationalen Politik klar: Es ging grundsätzlich um Machterlangung, -aufteilung und Machterhalt. Nach dem Zusammenbruch des einen dieser beiden Blöcke wurden neue Erklärungsmuster und Theorien entwickelt, um die internationalen Beziehungen zu deuten.
Im Jahr 1993 veröffentlichte der Harvard-Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington in der Zeitschrift „Foreign Affairs“ einen Aufsatz mit dem Titel „Clash of Civilizations?“. 1 Es geht für Huntington demnach an der Spitze um Kampf und Kultur. 2 Er entwickelte eine spektakuläre Theorie zur Beschreibung der internationalen Beziehungen mit der Mutmaßung, dass die zentrale und gefährlichste Dimension der kommenden globalen Politik der Konflikt zwischen Gruppen aus unterschiedlichen Zivilisationen sein wird. 3 Huntington: „It is my hypothesis that the fundamental source of conflict in this new world will not be primarily ideological or primarily economic. The great divisions among humankind and the dominating source of conflict will be cultural. Nation states will remain the most powerful actors in world affairs, but the principal conflicts of global politics will occur between nations and groups of different civilizations. The clash of civilizations will dominate global politics. The fault lines between civilizations will be the battle lines of the future“. 4
Huntingtons Thema gehört insbesondere auch nach den Ereignissen des 11. September 2001 zu den herausragenden Inhalten einer Betrachtung von Bedrohungsszenarien im 21.
1 Ein Fragezeichen im Originalaufsatz gehört zum Titel: Huntington, Samuel P., The Clash of Civilisations?, in: Foreign Affairs, Summer 1993, S. 22 - 49
2 die Übersetzung „Kultur“ ist nicht exakt, treffender wäre das Wort „Kulturkreis“, der Verfasser differenziert in dieser Arbeit
3 Huntington, Samuel P., Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München Wien 1996
4 Deutsche Übersetzung der Kernaussage: „Meine These ist, dass die elementare Konfliktquelle in dieser neuen Welt nicht in erster Linie ideologischer oder ökologischer Art sein wird. Die großen Konflikte, die die Menschheit in Zukunft prägen und spalten werden, werden kultureller Art sein. Die Nationalstaaten werden auf dem Feld der Weltpolitik die mächtigsten Akteure bleiben, aber die großen weltpolitischen Konflikte werden zwischen Nationen und Gruppen ausbrechen, die unterschiedlichen Kulturen angehören. Der Zusammenprall der Kulturen wird die Politik bestimmen. Die Verwerfungen zwischen den Kulturen werden die Kampflinien der Zukunft sein.“ Huntington, Samuel P., The Clash of Civilisations?, in: Foreign Affairs, Summer 1993, S. 22 -49, S. 22
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Jahrhundert. 5 Kann das Attentat islamischer Terroristen als westlich-islamischer Zivilisationskonflikt eingeordnet werden?
Ziel dieser Arbeit ist es, Huntingtons zentrale Argumente für den „Clash of Civilizations“ und die Widerlegungen zu veranschaulichen. Die Kritik reicht von brilliant, provokativ bis zu plakativ, unseriös und Mangel an Verantwortungs-bewusstsein. Diese Ausführung leistet eine differenzierte Analyse in fünf Abschnitten. Nach der Kurzdarstellung des Hintergrunds (Kapitel eins) geht es im Kapitel zwei zunächst darum, Huntingtons zentralen Begriff „Civilizations“ darzustellen, um die Arbeitsgrundlage für den Meinungsaustausch zu schaffen. Es dreht sich im Mittelpunkt um kollektive Identität der Völker. Der Verfasser gewichtet für die nachfolgende Auseinandersetzung die begriffliche Basis um Zivilisation und Identität als Vorlage für Konflikt und Desintegration hoch, weil er hier im Grunde das Drehkreuz der Themen-stellung ausmacht.
Im Kapitel drei Universalität und Kulturmilieus will der Verfasser aus Huntingtons Ansatz den zentralen Vergesellschaftungsprozess an sich herausgreifen, um deutlicher zu erfahren, ob die Kulturmilieus heute in den Industriegesellschaften infolge der Globalisierung auseinander treiben und eine zunehmende Individualisierung der Lebensgewohnheiten an diese Stelle tritt. Der Verfasser verzichtet weitgehend auf die methodische Diskussion, will beide Positionen bewusst inhaltlich heraus arbeiten. 6
2 Kernbegriff „Civilizations“
Samuel Huntington geht davon aus, dass nach dem Kampf der Nationen im 19. Jahrhundert und dem Kampf der Ideologien im 20. Jahrhundert der Kampf zwischen Kulturen („Civilizations“) das 21. Jahrhundert bestimmt. Die Kultur ist Huntingtons herausragendes Krisenmotiv, Ökonomie oder Ideologie werden untergeordnet. 7
5 neben anderen Bedrohungen, wie ABC-Waffen, Cyberterrorismus, religiösem Fundamentalismus, Bevölkerungsentwicklung, Organisierter Kriminalität und den ökologischen Herausforderungen
6 Methodische Analyse nachzulesen auch bei Mohrs, Thomas/Kuhnt-Saptodewo, Sri, Interkulturalität als Anpassung, Frankfurt am Main 2000, S. 57 - 75
7 Freilich stellt sich die Frage, ob eine so strikte Trennung ehrlich ist, zumal ein enges Beziehungs-verhältnis zwischen Ökonomie, Ideologie und Kultur jedenfalls besteht. In einem Interview mit der Zeitung Welt am Sonntag am 4.11.2001 ergänzt Samuel Huntington: „Wirtschaft beeinflusst die Kultur und kann auch die Lebensbedingungen verbessern, keine Frage. Wenn Sie sich die Geschichte anschauen, verändern sich aber auch noch zwei andere Dinge. Der Prozess der wirtschaftlichen Veränderung vergrößert die Kluft zwischen den Reichen und Armen.[...] Zweitens trägt eine wirtschaftliche Fortentwicklung dazu bei, dass die Spannungen zwischen den Menschen zunehmen. Die Menschen sind nicht zufriedener, weil es ihnen besser geht, sondern im Gegenteil unzufriedener, weil sie denken, dass es ihnen im Vergleich zu anderen immer noch schlecht geht.“, auch in: www.welt.de/daten/...1/04/1104wi293368.htx?search=Huntington
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Der Begriff „Civilizations“ ist demnach der zentrale Untersuchungsgegenstand dieser Aufgabe, weshalb der Verfasser ihn an dieser Stelle in drei Abschnitten einordnet: Identität als Charaktermerkmal einer Gemeinschaft schafft den Bezugsrahmen in der sehr komplexen Materie, die Vorstellung von Huntingtons Begriff und der Widerspruch gegen seine leichtgläubige Systematik schließen an.
2.1 Identität als Charaktermerkmal einer Gemeinschaft
Huntington weitet die Identität des Individuums im Rahmen kultureller Gemeinschaftsbildung über die Gemeinde, das Land und die Staatengruppe auf einen gemeinsamen Kulturkreis aus.
Was ist diese Identität ursprünglich, die bei Huntington die zentrale Rolle spielt? In der sozialwissenschaftlichen Fachliteratur wird der Identitätsbegriff angestrengt diskutiert. "Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was sind wir?" 8 fragt Werner Weidenfeld und fasst Identität als "die Summe unseres Orientierungswissens" zusammen. 9
Identität ist hierbei das Selbstbild einer einzelnen Person (individuelle Identität) oder einer Gemeinschaft (kollektive Identität). 10
Der Verfasser lehnt sich zur Klarlegung an den Identitätsbegriff von Max Haller an, der ihn in Komponenten (Gefühle, Handlung und Erfahrung, Ziele) und zwei Ebenen (Mikro- und Makroebene: Führungsschicht und einfache Bürger) erklärt.
Greifen wir zur Erläuterung die Verstandes-Komponente heraus: Auf der Führungsebene lassen sich "offizielle" Leitbilder, Ideen, Ziele identifizieren sowie ein "offizielles" Interesse in den drei Feldern Politik, Wirtschaft und Kultur. Auf der Bürgerebene geht es um Erwartungen und Selbstbilder hierbei. 11
Es entsteht ein Wirkungskreis mit einer Schnittmenge aus Kulturkreis und Individualebene. Gefühle, Handlungen, Erfahrungen und Ziele treffen ineinander, gleiche Fragestellungen und Themenzirkel entstehen: Der Kulturkreis ist für Huntington der größte Bezugsrahmen
8 Werner Weidenfeld: Was ist nationale Identität?, in: Langguth, Gerd (Hrsg.): Die Intellektuellen und die nationale Frage, Frankfurt/Main 1997, S. 47
9 Werner Weidenfeld: Was ist nationale Identität?, in: Langguth, Gerd (Hrsg.): Die Intellektuellen und die nationale Frage, Frankfurt/Main 1997, S. 47
10 Werner Weidenfeld: Was ist nationale Identität?, in: Langguth, Gerd (Hrsg.): Die Intellektuellen und die nationale Frage, Frankfurt/Main 1997, S. 46
11 Haller, Max: Voiceless Submission or Deliberate Choice? European Integration and the Relation between National and European Identity, in: Kriesi, Hanspeter (Hrsg.): Nation and national identity: the European experience in perspective, The European experience in perspective, Chur/Zürich 1999, S. 267
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menschlicher Identität und gibt beispielsweise ein Gesellschaftsbild vor, welches durch das individuelle Selbstverständnis der Menschen reflektiert wird.
2.2 Huntingtons Begriff als Ausprägung kollektiver Identität eines Volkes
Huntington meint in seinem amerikanischen Original den Begriff „Civilization“ in der Tradition der deutschen Kultur.
Hierbei begrenzt er sein Verständnis von Zivilisationen auf Wertesysteme und erhebt zudem die Religion zum ausschlaggebenden Merkmal. Er spricht von „Zivilisationen im Plural (= Kulturkreise)". 12 „Zivilisation und Kultur meinen beide die gesamte Lebensweise eines Volkes; eine Zivilisation ist eine Kultur in großem Maßstab“. 13 Im Originaltext: „A civilization is thus the highest cultural grouping of people and the broadest level of cultural identity people have short of that which distinguishes humans from other species. It is defined both by common objective elements, such as language, history, religion, customs, institutions, and by the subjective self-identification of people”. 14
Von ausgezeichneten Wissenschaftlern umfassend erforscht wurden „Voraussetzungen, Entstehung, Aufstieg, Wechselwirkungen, Errungenschaften, Niedergang und Verfall der Zivilisationen“. 15 So setzt der Verfasser dieser Arbeit die beiden Positionen Für und Wider: Clash of Civilizations auf dem gleichbedeutenden Begriff auf, da bei den zentralen Begriffsmerkmalen weitgehend Einigkeit herrscht.
Für Huntington ist „Civilization“ eine kulturelle Einheit, wobei Dörfer, Regionen, ethnische Gruppen, Nationen und Religionsgemeinschaften für sich eine eigene Kultur besitzen auf unterschiedlichen Ebenen und ebenso Gemeinsamkeit auf einer höheren Ebene. Er unterscheidet die Kultur eines süditalienischen Dorfes von der in einer norditalienischen Gemeinde. Beide gemeinsam teilen eine gemeinsame italienische Kultur, die sich von der deutschen Kultur unterscheidet. Auf einer höheren Ebene decken sich jedoch deutsche und
12 Huntington, Samuel P., Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München Wien 1996, S. 50; Huntington ist sich wohl bewusst, dass unterschiedliche Perspektiven, Methoden und Betonungen natürlich sind, bei zentralen Aussagen zum Wesen weitgehend Übereinstimmung herrscht
13 13 Huntington, Samuel P., Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München Wien 1996, S. 51; Huntington verweist auf die Unterscheidung zum deutschen Sprachgebrauch; im Deutschland des 19. Jahrhunderts wurde gewissenhaft unterschieden zwischen Kultur (Werte, Ideale, höhere geistige Eigenschaften) und Zivilisation (Mechanik, Technik, materielle Faktoren)
14 Huntington, Samuel P., The Clash of Civilizations, New York 1996, S. 43
15 Huntington weiter „eine, gewaltige, gelehrte und scharfsinnige Literatur zur vergleichenden Untersuchung von Kulturen“, in: Huntington, Samuel P., Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, München Wien 1996, S. 49
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Arbeit zitieren:
Stefan Kuchenmeister, 2010, Huntingtons Kernbegriff und Universalität, München, GRIN Verlag GmbH
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