Vorwort
Der hier übersetzte Text, die „Abhandlung zum Kämpferischen“ (Bukun), ist der zweite Teil einer längeren Abhandlung von Kaibara Ekken; nämlich der „Abhandlung über das Zivilisatorische und das Kämpferische“ (Bunbukun). Jeder Übersetzer steht dabei immer wieder erneut vor dem Problem, einen (seiner Meinung nach) möglichst treffenden und dem Kontext angemessenen deutschen Terminus für das jeweilige japanische Schriftzeichen zu wählen bzw. wählen zu müssen - ganz abgesehen von dem grundsätzlichen Problem, dass es sich in den meisten Fällen sowieso nur schwer oder eindeutig sagen lässt, inwieweit man denn als Leser den Text überhaupt so verstanden hat, wie ihn der Autor verstanden haben wollte. Davon unabhängig bietet auch der vorliegende Text zweifellos wieder interessante Einblicke in den großen Komplex des „gemeinsamen Wegs von Schwert und Pinsel“ (bunbu-ryôdô), welcher nach Meinung des Übersetzers ohne Übertreibung als „das Paradigma“ der Tokugawa-Zeit gelten kann. Dieses Paradigma ist sicherlich in sich nicht völlig wiederspruchsfrei; doch scheint das eigentliche Problem nach wie vor viel mehr darin zu liegen, es überhaupt als solches zu erkennen bzw. anzuerkennen, und nicht einzelne, teilweise konträre Positionen als völlig unverbundene, konkurrierende Weltsichten zu verstehen. Insofern will auch diese Übersetzung in erster Linie wieder einen Beitrag dazu leisten, anhand der Quellen zu einem differenzierterem Bild des „philosophisch-ethischen Ideals“ der Samurai jener Epoche zu gelangen.
München, Oktober 2009
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Kaibara Ekken: Abhandlung zum Kämpferischen - Erster Band
1.
Das Kämpferische hat Wurzeln und Zweige/Früheres und Späteres (hon-matsu). 1 Treue, Ehrfurcht, Rechtschaffenheit und Tapferkeit sind die Wurzeln der kriegerischen Mittel/der Lebensordnung des Kriegers (heihô). Sie bilden die kriegerische Tugendkraft (butoku). Angemessenheit und Pläne bestimmen die kriegerischen Mittel. „Angemessenheit“ (sessei) bedeutet die Aufteilung der Soldaten und den Weg, den Krieg zu führen; dies sind die sogenannten „militärischen Methoden“ (gunpô). Die Beherrschung von Pfeil und Bogen, Schwert und Lanze u.a. Waffenfertigkeiten sind die Zweige der kriegerischen Mittel. Sie sind die kriegerischen Techniken (bugei). Gut ist es, wenn Wurzeln und Zweige gleichermaßen ausgebildet sind. Die kriegerischen Techniken haben die kriegerischen Mittel zur Grundlage; die kriegerischen Mittel haben Güte/Mitgefühl (jin) und Rechtschaffenheit (gi) zur Grundlage. Wenn man diese drei kennt, dann unterscheidet man ihre Reihenfolge und versteht ihre Bedeutung. Wenn man diese drei zusammenbringt, dann wird die kriegerische Tugendkraft durch Treue und Rechtschaffenheit vorangetrieben. Auch Personen, die keine Kenntnis von den kriegerischen Techniken haben, können dennoch die Tapferkeit der Treue und Rechtschaffenheit besitzen; wenn es zum Kampf kommt gibt es viele, die sich so einen Namen als Kämpfer machen. Doch wenn man zwar die kriegerischen Techniken beherrscht, aber ohne Treue und ein Feigling ist, dann wird man sich im Kampf nur schwer einen Namen machen können. Das ist gemeint mit: „Der Edle sorgt sich um das Grundlegende. Wenn das Grundlegende errichtet ist, wird der WEG geboren.“ 2 Aber obwohl es die kriegerischen Techniken wirklich zu erlernen gilt anstatt sie beiseite zu lassen ist es sicherlich so, dass wenn man die kriegerische Tugendkraft zur Grundlage nimmt, man sich zweifellos auch um die kriegerischen Techniken bemüht. Man muss Wichtiges und weniger Wichtiges, Wurzeln und Zweige kennen. Ebenso haben Treue, Rechtschaffenheit und Tapferkeit ihre Wurzeln und Zweige. Bei den Brüdern Cheng heißt es: „Der Mensch soll unbedingt einen mitfühlenden und rechtschaffenen Herz-Geist haben. Danach kann er dann entsprechend wirken.“ 3 Der mitfühlende und rechtschaffenen Herz-Geist bildet die Wurzeln; das daraus resultierende mitfühlende, rechtschaffene und auch tapfere Wirken sind die Zweige. Wenn man einen
1 Das aus dem Kerntext des „Großen Lernen“ (Daigaku/Daxue) stammende Bild der „Wurzeln und Zweige“ bzw. des „Früheren und Späteren“ ist ein zentrales Motiv im philosophischen Diskurs der Tokugawa-Zeit.
2 Lun Yü; I.2
3 Ch´eng I (1033-1107) und Ch´eng Hao (1032-1085); zwei der „Fünf Großen“ neokonfuzianischen Denker der Sung-Zeit.
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mitfühlenden und rechtschaffenen Herz-Geist hat, wird das tapfere Handeln ganz von selbst kommen. Aber ohne Mitgefühl und Rechtschaffenheit die kämpferische Tapferkeit mögen führt große Männer zu Aufständen; geringe Personen macht es zu Dieben.
2.
Wenn die Krieger nicht nach Treue, Ehrfurcht und Rechtschaffenheit streben, kämpferische Tüchtigkeit vernachlässigen und es an Treue und Moral mangeln lassen, dann wird der Weg des Vasallen nicht errichtet. Wenn sie zwar aus einer Kriegerfamilie stammen, aber die kriegerischen Methoden und Mittel nicht kennen, das Kriegsgerät nicht beherrschen und keine militärische Ausbildung haben, dann mögen sie wohl dennoch ein großes Herz haben; aber das Trachten nach kriegerischer Tüchtigkeit haben sie vernachlässigt. Darum hat der Weg des Kriegers im Inneren Treue, Ehrfurcht und Rechtschaffenheit zur Grundlage; d.i. die Kenntnis von der Lebensordnung der Krieger. Im Äußeren gilt es die kriegerischen Techniken zu erlernen und die Kampfbereitschaft nicht zu vernachlässigen. Wenn der Krieger nicht um Treue, Ehrfurcht und Rechtschaffenheit weiß, entfernt er sich von der Lebensordnung des Kriegers und den kriegerischen Techniken; und ohne Kampfbereitschaft kann er die Aufgaben eines Kriegers nicht erfüllen. Die kriegerischen Techniken sind der Mut des kleinen Mannes (hippu). 4 Es gilt, sie dem eigenen Stande entsprechen zu erlernen. Der große Mann bemüht sich darum, in den kriegerischen Techniken ausschließlich seinen Herz-Geist zu gebrauchen. Bleibt man den Techniken verhaftet, kann der Weg nicht gegangen werden. Gleichzeitig muss die Kampfbereitschaft fest gegründet sein. In friedlichen und sichern Zeiten gebrauche man seinen Herz-Geist, um sich in ausgewogener Weise mit Menschen und Pferden, Kriegsgerät, Kriegsmitteln, Reitutensilien, Gold und Silber, Verpflegung und dergleichen zu beschäftigen. Man bereite sich vor, kenne die (Personen)Register und sei nirgends unaufmerksam. Wenn es dann zum Feldzug kommt bewahrt man Ruhe, folgt den Anordnungen und ist rundum bereit; so dass man jeden Augenblick zuschlagen kann. Das ist gemeint mit „alle Dinge im Voraus regeln“. Wenn man hingegen nicht gründlich vorbereitet ist, dann wird man früher oder später straucheln.
4 Menzius, I.B.3. (Übersetzung von Richard Wilhelm): Mong Dsi erwiderte: „Ich bitte Eure Hoheit, nicht kleinliche Tatkraft zu lieben. Ans Schwert zu schlagen und mit wilden Blicken zu sprechen: wie darf der Kerl es wagen, mir entgegenzutreten! Das ist die Tatkraft des kleinen Mannes, der sich mit jedem einzelnen herumschlägt. Ich bitte Eure Hoheit, die Sache größer zu fassen.“
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3.
Es darf nicht sein, dass die Krieger die kriegerischen Techniken nicht beherrschen. Wenn Reiten und Bogenschießen, Schwert, Speer und Hellebarde, Feuerwaffen, waffenloser Kampf (kenpô) u.a. nicht erlernt werden, dann ist es schwer Erfolge zu erzielen, wenn es zum Kampf kommt. 5 Am meisten müssen Reiten und Bogenschießen trainiert werden. Wenn diese beiden nicht ganz besonders intensiv erlernt werden, dann mag man zwar viel Kraft haben, doch kann man diese beiden Künste dennoch nicht ausüben. Wenn man die anderen kriegerischen Techniken lernt kann es sein dass, weil man in einer Zeit des Friedens geboren wurde und lebt, diese Fertigkeiten nicht ein einziges Mal zum Einsatz kommen. Reiten und Bogenschießen aber braucht man praktisch täglich [auf Reisen und zur Jagd]. Insbesondere Reiten ist eine tägliche Angelegenheit und sollte deshalb gründlich beherrscht werden.
4.
Samurai, egal ob von hohem oder niederem Rang, müssen die Methoden von Bogenschießen, Reiten, Schwert und Speer studieren. Wenn sie die kriegerischen Techniken nicht beherrschen, dann können sie dem Feind schwerlich gegenübertreten, wenn es einmal zum Kampf kommt. Dennoch lernen die großen Feldherren zuerst die Lebensordnung des Kriegers, und erst danach beschäftigen sie sich mit den kriegerischen Techniken. Man darf sich nicht ausschließlich mit den kriegerischen Techniken beschäftigen. Die kriegerischen Techniken gilt es vor allem im großen und ganzen zu erlernen; sie sind die Zweige. Die Lebensordnung des Kriegers bildet die Wurzeln. Auch die Verwaltungsbeamten müssen die Lebensordnung des Kriegers erlernen. Wenn sich Feldherren nur mit den kriegerischen Techniken befassen, ohne die Lebensordnung des Kriegers zu kennen, dann bedeutet dies die Wurzeln/das Frühere zu verwerfen und die Zweige/das Spätere zu ergreifen. Der einfache Samurai sollte v.a. die kriegerischen Techniken weitläufig studieren. Er sollte Reiten und Bogenschießen, Schwert, Speer und Hellebarde, Schwertziehen, Schwertkampf, waffenlosen Kampf, Stock, Wasserübungen (suiren) etc. erlernen. 6 Wenn er auch nur eine Sache davon nicht beherrscht, dann kann er sich den Veränderungen nicht anpassen. Und wenn sich ein einfacher Samurai nur auf eine Fertigkeit konzentriert und diese völlig durchdringen will, dann bedeutet das daran zu haften, und er wird mit den anderen Fertigkeiten nur schwer
5 Ekken wählt hier zur Bezeichnung des waffenlosen Kampfes den eher an China erinnernden Begriff „Faust-Methoden“ (Quanfa), als den zu seiner Zeit gängigen und stärker japanisch konnotierten Ausdruck jû-jutsu.
6 Die vielfältigen Aspekte der Wasserschulung, wie Schwimmen mit und ohne Rüstung etc. sind in Band 5 der Sammlung Nihon budô taikei geschildert.
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vertraut werden. Wenn sich nun Söhne eines Samurai nur durch eine einzige Fertigkeit eine Stellung verschaffen wollen, dann sollen sie sich tatsächlich ganz auf diese konzentrieren und sie gründlich durchdringen. Solche Personen werden dann zu Lehrern. Wenn sie aber viele Fertigkeiten studieren, dann dringen sie in eine einzelne Fertigkeit nicht tief ein; ohne gründliche Kenntnis einer einzelnen Fertigkeit jedoch ist es schwer, Lehrer zu werden.
5.
„Es gibt 36 Kriegsmittel. 7 Der Bogen hat einen Ehrenplatz. Es gibt 18 kriegerische Techniken. Das Schießen ist einfach.“ So steht es in den „Militärischen Aufzeichnungen“ (Binglu). Es handelt sich dabei um eine chinesische Schrift. 8 Auch in Japan wird das (Bogen)Schießen hoch geschätzt; von den Kriegern wird es „Bogen-Nehmen“ genannt (yumitori). In China ebenso wie in Japan wird also das Reiten und Bogenschießen hoch geschätzt und zählt zu den kriegerischen Techniken. Was Langschwert und Speer betrifft, so gibt es viele, die nichts davon verstehen und eher planlos damit kämpfen. Aber wenn man Reiten und Bogenschießen nicht gelernt hat, dann kann man keine Pfeile abschießen und nicht auf ein Pferd steigen. Bei den vielen kriegerischen Techniken darf es keinesfalls angehen, dass man dieses beiden nicht beherrscht.
6.
Im China der Tang-Zeit (morokoshi) gab es 18 kriegerische Verfahren. 9 Auch in Japan gibt es eine Vielzahl kriegerischer Methoden. Reiten und Bogenschießen stehen dabei an erster Stelle und sollten von allen großen Feldherren beherrscht werden. Auch mit Schwertkampf und Speertechnik sollte man sich unbedingt auskennen. Davon abgesehen gibt es noch die Methoden des Schwertziehens, des nageutsu sowie der Hellebarde. Weiterhin gibt es den Einsatz von Sichel und Stock. Wenn man diese Methoden beherrscht, dann ist man
7 Hiermit könnten die 36 Strategeme gemeint sein.
8 Es handelt sich um eine Schrift aus der Ming-Zeit, verfasst von He Ru-bin.
9 (1) Gong (Bogen), (2) nu (Steinschleuder/Armbrust), (3) qiang (Speer), (4) dao (Breitschwert), (5) jian (Schwert), (6) mao (Hellebarde), (7) dun/shun (Schild), (8) fu (Axt), (9) yue (Axt), (10) ji (Hellebarde), (11) bian (Peitsche), (12) jian (?), (13) chui (Kriegshammer?), (14) shu (Lanze), (15) cha (Fesseln?), (16) batou (?), (17) miansheng kuasuo (?), (18) baida (waffenloser Kampf). In Japan zählt man: (1) yumi (Bogen), (2) uba (Reiten), (3) yari (Speer), (4) tsurugi (Schwert), (5) battô (Schwertziehen), (6) tantô (kurzes Schwert), (7) shuriken (Wurfklingen), (8) naginata (Hellebarde), (9) yawara (waffenloser Kampf), (10) torite (Fesseln), (11) bô (Stock), (12) jutte/jitte (eine Kurzwaffe), (13) hô (Kanonen/Feuerwaffen), (14) shûei (Schwimmen), (15) ganshin (versteckte Nadeln im Mund zum Ausschleudern?), (16) kusarigama (Sichel und Kette), (17) mojiri (eine Hellebarde?), (18) shinobi (Kundschafter/Assassinen)
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einsatzbereit und kann den Gegner angreifen. Dann gibt es noch die Methoden des Fesselns (hobaku). Und es gibt den waffenlosen Kampf/Faustkampf. Der waffenlose Kampf wurde in der letzten Zeit durch den aus China stammenden Chen Bin beeinflusst, der hier bei uns gestorben ist. Obwohl ich selbst diese Methoden nicht gelernt habe, wird doch erzählt, dass sie aus China stammen. Manche die dies gehört haben meinen daher, dass diese Kunst dort ihren Anfang genommen hat. 10
7.
In den militärischen Aufzeichnungen heißt es bezüglich der Methoden zur Untersuchung von Kämpfern, dass es fünf Gruppen von Personen gibt welche man nicht einsetzen soll. Die ersten sind solche Stadtmenschen, welche nur dem Müßiggang frönen sowie verweichlicht und schlecht erzogen sind. Die zweiten sind Schönlinge, welche bei ihren Schwertern und Speeren bloß darauf achten dass sie gut aussehen, anstatt sich darauf zu konzentrieren, den Feind zu besiegen. Die dritte Gruppe sind Leute über Vierzig mit geringer Körperkraft. Die vierte Gruppe sind solche, die große Worte lieben und falsch daherreden; sie haben viele Feinde und arbeiten nicht wirklich. Die fünften sind die zwar Interessanten, aber mit wenig Mut; sie arbeiten kaum wirklich hart.
8.
Was „Mut und Feigheit“ betrifft, so bedeutet Mut eine ausgebildete Wirkkraft; Feigheit meint Unzulänglichkeit. Feigheit ist eine Art Leiden oder Krankheit. Feigheit und Mut sind aber nicht nur angeboren, sondern auch durch Gewohnheit erworben. Auch wenn man von Natur aus feige oder mutig ist, kann sich dieses durch Gewohnheit noch ändern. Die Kinder von Kriegern studieren die kriegerischen Techniken und werden so zu tapferen Kämpfern. Sie hören Erzählungen und lesen die alten Kriegsgeschichten; dadurch wird ihre Tapferkeit gefördert und sie lieben das Kämpferische. Aber auch Kinder von Kriegern können zu Händlern werden; durch Gewöhnung entfernen sie sich so vom kämpferischen Weg und ihre Tatkraft ist schwach. Man sollte also Acht geben, an was man sich gewöhnt. Ein weiser Mann hat einmal gesagt, „Vollenden ist der Charakter des Himmels, Gewöhnung ist das Wirken der Natur“. Wenn man von klein auf eifrig lernt, dann wird man mit dem Charakter des Himmels ausgestattet. Gewöhnung entsteht hingegen, wenn man dauerhaft unaufmerksam ist. In China ebenso wie in Japan werden bei Kämpfen auch Bauern eingesetzt, nicht aber Händler.
10 Der Beitrag von Chen Yüan Bin (1587-1671) zur Entwicklung bzw. Ausformung bestimmter kämpferischer (v.a. waffenloser) Schulrichtungen in Japan ist umstritten und bislang noch nicht eingehender untersucht worden.
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Händler sind in ihrem Tun stets nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht und stehen daher den Kriegern fern. Die Bauern sind in ihrem Herz-Geist dagegen den Kriegern nahe.
9.
Von Natur aus ist man (mehr oder weniger) tapfer und feige. Bei der Tapferkeit unterscheidet man die Tapferkeit des Blutes/Gemüts (kekki) und die Tapferkeit der Rechtschaffenheit. Die Tapferkeit des Blutes zeichnet sich dadurch aus, dass sie das Starke zerstört und das Feste zerschlägt. Wenn aber nur die Wirkkraft stark ist, ohne dass Rechtschaffenheit vorhanden ist, dann wird das Wesentliche nicht bewahrt und man ist nicht zuverlässig. Die Tapferkeit der Rechtschaffenheit hingegen bewahrt das Rechte; auch in bedeutenden Angelegenheiten ändert sie sich nicht und man bleibt zuverlässig. Es ist wie mit Hunden; es gibt tapfere Hunde und rechtschaffene Hunde. Der tapfere Hund kommt an einen Ort und arbeitet viel. Wenn er aber auf ein zorniges Wildschwein trifft, dann duckt er sich und flüchtet. Der rechtschaffene Hund ist in der Regel von guter Natur, stiehlt nicht und fürchtet die Menschen. Er arbeitet nicht soviel wie der tapfere Hund; wenn er aber auf eine zornige Bestie trifft, dann flüchtet er nicht. Auf diese Weise sollte man sich im Dienst seines Herren um das Rechte bemühen.
10.
Bei der Wahl eines Feldherren sollte man zuerst auf dessen Weisheit, und erst dann auf seine Tapferkeit achten. Ohne Weisheit mag er zwar trotzdem mutig sein, aber weil er keine Pläne schmiedet und nicht gründlich nachdenkt, ist er dem Weg des Kriegers abträglich. Viele haben eine übermäßige Vorliebe für Tapferkeit. Ein solcher Feldherr ist leicht zu besiegen; er ist kein gute Feldherr. Der gute Feldherr ist voller Weisheit und hat dennoch Mut. Er denkt über den Gegner sowie seine Freunde und Feinde nach; und wenn es ans Handeln geht ist er bedacht. Darum ist er schwer zu besiegen.
11.
Bei den Alten heißt es, in früherer Zeit wäre das Kriegshandwerk bei den Bauern gelegen. Gab es Arbeit zu tun, dann stellte man das Kämpfen ein; gab es keine Arbeit zu tun, dann konnte man sich an das Kämpfen gewöhnen. Große Feldherren sollten dies unbedingt wissen. Es geht dabei darum, dass bei der früheren militärischen Ordnung die Feldherren und Edlen in der Regel mit der Verteidigung des Landes wenig zu tun hatten und sich viele nicht daran beteiligten. Wenn es viele unnötige Krieger gibt, dann hat das Land zwar klare Grenzen; aber weil Güter und Geld nicht ausreichen verarmt das Land, und die Menschen geraten in
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Bedrängnis. Darum werden von den unnötigen Kriegern in Friedenszeiten viele nicht (vom Staat) versorgt. Unter den Bauern wählt man diejenigen mit einer tapferen Haltung aus, gibt ihnen ein kleines Einkommen und überträgt ihnen die Sorge (für ihre Angehörigen). Wenn Bauern zu Händlern oder Handwerkern werden, dann ist dies keine niedere Gesinnung. Wenn man Fürsorge erhält und Wohltaten empfängt, dann wird, wenn es zum Kampf kommt, die Tapferkeit groß sein und nicht unzulänglich. In Friedenszeiten einen Sold zu zahlen damit das Dasein gesichert ist stellt keine Verschwendung dar und betrifft vielleicht ein Zehntel der Krieger. Die anderen können sich in ruhigen Zeiten durch Feldarbeit selbst ernähren. Auch ohne dass großer Sold gezahlt würde gibt es so weder Hunger noch muss jemand frieren. Bei freier Zeit geht man zudem auf die Jagd und schult sich so in militärischer Methodik. Wenn es dann zum Kampf kommt, gibt es militärische Ordnung und die Krieger sind stark.
12.
Kinko meint Glocken und Trommeln. Wenn man ins Feld zieht, dann sind dies die Werkzeuge mit denen die Ohren der Soldaten zusammengeführt werden. Seiki meint Wimpel und Banner. Sie vereinen die Augen der Soldaten. Im Kampf gibt es Voranschreiten und Zurückgehen; doch müssen sie einheitlich erfolgen. Wenn die Tapferen nicht eigenständig voranschreiten und die Feigen nicht eigenständig Zurückgehen, dann sind die Kräfte der drei Abteilungen einheitlich. Auf diese Weise ist die Stärke (des Heeres) groß und der Feind wird leicht besiegt werden.
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Die Krieger dürfen sich, wenn es zur Schlacht kommt, nicht darauf versteifen ihr Leben zu lassen. Tapferkeit des Bluts besitzen auch Diebe und Räuber. Es ist jedoch schwer, sein Leben in Übereinstimmung mit dem Rechtschaffenen aufzugeben. Darum heißt es, wenn man sein Leben gibt obwohl man es nicht geben müsste, dass man das Dasein gering schätzt. Den von den Eltern empfangenen Körper leichtfertig aufzugeben ist pietätslos. Wenn man aber sterben sollte und es nicht tut, dann bedeutet dies den Tod zu fürchten und das Leben anstelle des Fürsten hochzuschätzen; dies ist Treuelosigkeit. So hat es Li Tai-po ausgedrückt. 11 In den jungen Jahren sind Blut und Vitalkraft voll und üppig; wenn solche Menschen die Tapferkeit lieben und den Weg von Treue und Anstand kennen, dann sind Leben und Tod in Einklang mit dem Rechtschaffenen. Wenn man aber studiert und den Weg von Treue und Anstand nicht kennt, dann wird man nicht bereit sein das Leben zu geben wenn man es geben sollte; so
11 Auch Li Bai genannt (701-762); ein berühmter Dichter der Tang-Zeit.
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etwas ist erbärmlich. Aber zu sterben wenn man nicht sterben sollte ist beklagenswert. Obwohl es einmal Tapferkeit und das andere Mal Feigheit ist, sind beide Fälle doch gleich in ihrem Verstoß gegen das Prinzip der Rechtschaffenheit. Ein Krieger der studiert und das Prinzip der Rechtschaffenheit kennt, wird in Übereinstimmung mit dem Rechtschaffenen leben und sterben.
14.
In den Kriegskünsten unterscheidet man Feldherren und Samurai, hohen und niedrigen Rang, kleine und große Angelegenheiten. Wer seinen Rang mag, sollte zuerst Studieren. Von Führern und Feldherren ganz zu schweigen, aber auch für hervorragende Krieger gilt, dass wenn sie in der Kriegskünsten nicht bewandert sind, sie den Anforderungen nur schwer genüge leisten können. Auch hohe Beamte (taifu) u.ä. sollten sich in den Kriegskünsten auskennen. Die Kriegskünste sind die Grundlage der kriegerischen Techniken. Wenn man sich in den Kriegskünsten nicht auskennt und nur darauf aus ist, die Techniken von Bogen und Pferd, Schwert und Hellebarde zu erlernen und seinen Herz-Geist lediglich auf die kämpferische Tugendkraft richtet, dann bedeutet dies das Frühere zu verwerfen um das Spätere zu ergreifen. Wenn Führer und Feldherren sich in den Kriegskünsten nicht auskennen und nur die kriegerischen Techniken studieren wollen, dann ist dies keine kämpferische Tugendkraft. Wenn man nur die kriegerischen Techniken mag, aber das Fundament nicht kennt, dann mag man wohl mit den Dingen spielen können, aber der eigentliche Wille geht einem verloren. Die kriegerischen Techniken beschäftigen sich mit einem einzigen Gegner. Die Kriegskünste beschäftigt sich mit zehntausend Gegnern.
15.
Das Anlegen der Rüstung und ihre Verzierungen, Reiten und Schwertziehen, Umgang mit dem Speer, die Begegnung mit dem Feind u.dgl., weiterhin Dinge wie unerwartetes Angreifen, das Nichtunterliegen und das Siegen über den Feind - all dies sind Aspekte der gewöhnlichen Tapferkeit. Dazu kommt der Schwertkampf, Techniken des Schlagens vom Pferd aus und die Kunst, sich abseits des Kampfplatzes den Umständen anzupassen. All dies sollten die Krieger/Samurai lernen. Um diese Fertigkeiten zu erwerben gibt es Lehrer und Bücher.
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16.
Zhang Nan-xuan hat gesagt, „der Edle vermeidet keine Schwierigkeiten, ebenso wenig schafft er solche.“ 12 Damit ist gemeint: Ein unüberlegtes sich-Einlassen auf auswegslose Situationen, ebenso wie das Fliehen aus solchen Lagen bedeutet Feigheit und stimmt nicht mit dem Rechtschaffenen überein. Das bedeutet, Schwierigkeiten nicht zu fliehen. Wenn man sich in Schwierigkeiten befindet, dann darf man nicht (auf unredliche Weise) daraus zu entkommen versuchen. Umgekehrt ist es Dummheit, sich nicht selbst wertzuschätzen und sich absichtlich in Schwierigkeiten zu begeben. Diese beiden (Verhaltensweisen) sind nicht vernünftig und zeugen auch nicht von Tapferkeit. Denn es ist leicht, sein Leben hinzugeben; aber schwer, es für etwas wirklich sinnvolles zu tun. Wenn man gegen die Prinzipien des Wegs verstößt, stirbt wenn man noch nicht sterben sollte, und so sein Leben vorzeitig verliert, dann muss man dies Dummheit heißen. Wenn man aber sterben sollte und es nicht tut, dann ist dies Unredlichkeit. Darum bedeutet ein vorzeitiger Tod, sich selbst zu verlieren; und nicht zu sterben wenn man sterben sollte bedeutet, seine Rechtschaffenheit zu verlieren. Beides ist keine Tapferkeit, sondern ein Verstoß gegen die Prinzipien (ri).
17.
Wer die japanischen Kriegskünste studiert, ohne sich dabei zugleich um die Bildung der Persönlichkeit (bungaku) zu bemühen, der steht dem WEG und seinen Prinzipien fern. Beim Erlernen der japanischen kämpferischen Wege gilt, ebenso wie bei den Konfuzianern, dass ohne Güte und Rechtschaffenheit, Treue und Aufrichtigkeit oder mittels Betrug und Täuschung kein Nutzen daraus gezogen werden kann. Weiterhin heißt es, „der Krieg besteht darin, Erfolg zu haben“. 13 Leute wie Cao Cao von Wei in China oder Ashikaga Takauji in unserem Land haben gegen Güte und Rechtschaffenheit verstoßen und das Land angegriffen; dennoch verkörpern sie (aufgrund ihres Erfolges) die Grundidee des kriegerischen Feldherrn. 14 Zhuge Liang aus China oder Kusunoki Masashige hingegen besaßen Treue und
12 Zhang Nan-xuan (1133-1180), Gelehrter und Freund von Zhu Xi.
13 Sunzi, II.14: „Der Krieg liebt den Sieg und nicht die Dauer.“
14 Cao Cao (Meng De, Wu Ti, 155-220) war ein bedeutender General und Staatsmann der späten Han-Zeit; er begründete eines der auf die Han-Dynastie folgenden „Drei Reiche“ (208-280) mit zahlreichen Reformen und politischen Neuerungen (siehe Gernet, Die chinesische Welt, S.152-53). Ashikaga Takauji (1305-1358) regierte als erster Ashikaga-Shogun von 1338-58; sein Leben war gekennzeichnet durch ständige Kämpfe mit wechselndem Erfolg in Verbindung mit der Zeit der „Zwei Dynastien).
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Rechtschaffenheit, hatten jedoch (letztlich) keinen Erfolg. 15 Dies entspricht nicht der Grundidee eines kriegerischen Feldherren. „Der Krieg ist ein Weg der Täuschung.“ 16 Daraus folgt: In der Kriegskunst ist es kein Schaden, wenn man stark ist, sich dem Freund gegenüber anders zu zeigen, Verdienste anderer anzugreifen, Aufruhr zu stiften und gegen Regeln zu verstoßen. Derart ist der kämpferische Weg Japans. Japan ist ein kriegerisches Land; die Aufrichtigkeit und milden Sitten Chinas sind hier nicht angemessen und haben nur schwerlich Erfolg. „Abartigkeit und Verschlagenheit, andere in Verruf bringen oder für den eigenen Namen zu opfern und es dann als Tapferkeit auszugeben gehören zum kämpferischen Weg Japans und werden den Menschen als Geheimlehre beigebracht.“ Wenn Menschen ohne Bildung oder Einsicht so etwas hören, dann erkennen sie das Falsche daran nicht. Sie glauben dann, dass es tatsächlich so sei; und in der Kriegskunst gebrauchen sie nur noch Hinterlist und Täuschung. Sie trachten nur nach ihrem eigenen Vorteil. Solche Menschen gibt es viele. Von denen, welche die Kriegskunst studieren, verirren sich viele derart. Schamlosigkeiten werden nicht mehr ausreichend diskutiert. Doch auch wenn man sie besprechen möchte, mangelt es oft der Ernsthaftigkeit. Aber alle Menschen unter dem Himmel sind meine Brüder und Schwestern, und jede Verirrung oder üble Tat ist etwas höchst Bedauerliches. Zu schweigen anstatt zu sprechen, die Güte verlieren und ohne Mitleid zu sein ist nicht das worum es eigentlich geht. Auch wenn wir einfältig sind, lesen wir seit unserer Kindheit die Schriften der Weisen und nehmen uns ihren Weg als Vorbild; so versuchen wir, mit unseren bescheidenen Möglichkeiten zu dienen. Der Raum zwischen Himmel und Erde ist weit, aber der Weg ist doch nur ein einziger. Daher können der Weg Japans und der Weg Chinas auch nicht zwei (verschiedene) sein. Der Weg der Krieger (tsuwamono) und der Weg der Konfuzianer sind nicht zwei (verschiedene) Wege. Und wie könnten dann der kämpferische Weg Chinas und der kämpferische Weg Japans zwei (verschiedene Wege) sein? Ebenso ist der Weg damals kein anderer als der Weg heute. In den „Wandlungen“ heißt es: „Der Weg des Himmels wird errichtet und heißt Yin und Yang, der Weg der Menschen wird errichtet und heißt Güte und Rechtschaffenheit.“ 17 Ohne Yin und Yang kann der Weg des Himmels nicht gegangen werden; ohne Güte und Rechtschaffenheit kann der Weg des Menschen nicht errichtet
15 Zhuge Liang (Kungming, 181-234) war ein Politiker und Stratege zur Zeit der „Drei Reiche“. Er stand im Dienste von Liu Bei, dem Begründer des Shu-Han-Reiches und war somit ein Gegenspieler von Cao Cao. Kusunoki Masashige (1294-1336) diente dem Kaiser Go-Daigo in seinem Kampf gegen die Hôjô (Genko-Rebellion); wegen seiner unorthodoxen und einfallsreichen Methoden der Kriegführung wird er manchmal als ein Vorläufer des Ninjutsu angesehen (siehe auch: Morris, Samurai oder von der Würde des Scheiterns).
16 Sunzi, I.7
17 Aus den „Zehn Flügeln“, nämlich dem Schuo Gua („Besprechung zum Zeichen“), §2.
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werden. Der Weg von Güte und Rechtschaffenheit ist für den Menschen das, was der Weg von Yin und Yang für den Himmel ist. Güte ist die Tugendkraft des Yang. Rechtschaffenheit ist die Tugendkraft des Yin. 18 Außerhalb von Güte und Rechtschaffenheit gibt es keinen weiteren Weg. Die „Wandlungen“ enthalten die Lehren, (die man braucht) um ein Weiser zu werden. Sie sind ein Spiegel der Ewigkeit; man sollte darauf vertrauen und keine Zweifel haben. Auch die Kriegskünste sind unter den Wegen von Güte und Rechtschaffenheit inbegriffen. Durch Kultivierung (bun) empfindet man mit den Menschen und liebt das Volk; dies ist die Güte. Durch das Militärische (bu) greift man den Feind an und beendet Aufruhr; das ist die Rechtschaffenheit. 19 Diese zwei, Kultivierung und Militärisches, sind wie die zwei Räder eines Karrens oder die zwei Flügel eines Vogels. Hängt man nur an einem der zwei, dann ist es schwer sich selbst, das Land und die ganze Welt zu befrieden. Güte und Rechtschaffenheit sind die Grundlage des WEG, seine Essenz/sein Körper. Kultivierung und Militärisches sind die Befolgung und Anwendung von Güte und Rechtschaffenheit. „Anwendung“ (yô) ist, wie wenn man z.B. mit Feuer etwas erwärmt oder mit Wasser etwas befeuchtet. Daher gibt es außerhalb des Wegs von Güte und Rechtschaffenheit weder Kultivierung noch Militärisches; und außerhalb von Kultivierung und Militärischem gibt es weder Ordnung noch Kriegskunst. Dem Feind gegenüber Listen zu gebrauchen meint Dinge wie „wenn man im Westen angreifen will, zeigt man sich im Osten“. 20 Derlei ungewöhnliche Vorgehensweisen sind keineswegs ausgeschlossen. Wie schon weiter vorne gesagt, meinen manche dass die Lehren der Krieger oder der militärische Weg Japans darin bestünde, Güte und Rechtschaffenheit zu verwerfen, die Mittel von Kultivierung und Militärischem zu verdrehen, sich an seinen Herren, Freunden und Mitmenschen zu vergehen, andere in Verruf zu bringen und nur nach seinem eigenen Vorteil zu trachten. Anstatt dabei aber vom wahren Weg der Kultivierung und des Militärischen zu sprechen, sollte man es lieber „Diebstahl und Raub“ nennen. Nur auf Profit aussein und dabei Treue und Rechtschaffenheit aufzugeben bedeutet, das Land in Aufruhr zu stürzen; dies hat nichts mit dem militärischen Weg zur Befriedung des Landes zu tun. Sich gegen die Oberen zu vergehen und Aufruhr anzuzetteln
18 Warum Ekken hier der Güte das Yang und der Rechtschaffenheit das Yin zuordnet ist unklar; vom üblichen Verständnis her wäre es umgekehrt (Yin = nachgiebig/weich = Güte; Yang = fest/begrenzend = Rechtschaffenheit).
19 Nach der Zuordnung einige Zeilen weiter oben entspräche demnach das Militärische dem Rechtschaffenen und dem Yin, die Kultivierung hingegen der Güte und dem Yang.
20 Strategem Nr. 6 („Im Osten lärmen, im Westen angreifen“).
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ist das Werk verderbter Untertanen und Kinder (ranshin-zokushi). 21 Zu meinen, der kämpferische Weg Japans wäre dasselbe wie das Handeln von Dieben und Räubern ist höchst verächtlich. Wer nur ein wenig Geist besitzt, wird das Falsche (an solch einer Aussage) erkennen; hier soll es nicht ausführlich besprochen werden. Der Weg von Güte und Rechtschaffenheit ist Ehrlichkeit ohne Lüge oder Täuschung; das bedeutet „Aufrichtigkeit“ und „Vertrauenswürdigkeit“ (shin). Ohne Aufrichtigkeit kann weder in China noch in Japan, weder damals noch heute der Weg der Menschen errichtet werden. Wenn der Weg der Menschen nicht errichtet ist, dann kann man auch nicht dem kämpferischen Weg folgen; wenn die Feldherren und Fürsten nicht aufrichtig sind, dann können sie das Herz der Soldaten und des Volks nicht gewinnen. Wer häufig lügt, die Menschen betrügt und täuscht, die Soldaten hintergeht und verachtet, der wird, selbst wenn er eine Millionen Kämpfer hätte, nur schwerlich siegen können. Darum sind Güte und Rechtschaffenheit das Fundament auf dem Weg des Kriegers; und mittels Aufrichtigkeit gewinnt man die Herzen der Menge. Bei Sunzi heißt es: „Selbst wenn er sich nur auf Macht und Pläne stützt, muss der Feldherr stark an Weisheit, Aufrichtigkeit, Güte und Tapferkeit sein.“ 22 Wenn der Feldherr Güte, Rechtschaffenheit, Treue und Aufrichtigkeit verwirft, ohne Mitleid und Mitgefühl ist, lügt und keine Wahrheit hat, und nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist, dann werden ihm seine Soldaten darin folgen und schamlos werden. Wenn es dann zum Kampf kommt, wie könnten sie dann die Aufrichtigkeit bewahren, ihrem Herren treu und rechtschaffen dienen, ihr Leben hingeben und redlich sterben? Dies kann man nicht den kämpferischen Weg Japans nennen; ohne darüber erst zu diskutieren sollte einem das Falsche (an solch einem Verhalten) klar sein.
18.
Wenn sich jemand in Gesellschaft unangebracht verhält, schlecht redet und kein Schamgefühl hat, dann soll man nicht darauf eingehen, sondern sich geduldig verhalten. Ärger und Streit gegenüber solch einer dummen Person sind nicht förderlich. Wenn solch eine unverständige Person einen beleidigt und stolz auf einen herabblickt, dann soll man, wenn man dieser Person nach einigen Tagen immer noch grämt, sie unter vier Augen zur Rede stellen. Aber auch wenn sich sein Verhalten wiederholt, soll man sich nicht ärgern. Statt dessen soll man
21 Menzius, Ton Wen Gung („Meister Kung vollendete Frühling und Herbst, und die aufrührerischen Knechte und mörderischen Söhne bekamen Angst.“)
22 Sunzi, I.3: „Der Heerführer: Er ist der Verstand, die Gerechtigkeit, die Menschlichkeit, die Tapferkeit und die Strenge.“
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ihn mittels vernünftiger Prinzipien ermahnen. Wenn er nun auch diesen vernünftigen Prinzipien nicht folgt, dann muss man ihn mit lauter Stimme schelten. Davon abgesehen soll man aber nicht schlecht von ihm reden. Wenn man solche Personen, die gedankenlos schlecht daherreden, andere verachten, dumm sind, sich nicht um ihre Obliegenheiten kümmern und zweifellos feige sind mehr als auf die dargestellte Weise zu strafen versucht, dann werden sie sich ganz verweigern und zurückziehen. Man darf also andere nicht verachten und schlecht über sie reden. Wenn man schlecht über jemanden redet wird selbst ein Feigling zornig werden und es zu einer Auseinandersetzung kommen lassen. Einen Blindwütigen mag man wohl besiegen, doch wird man sich dabei selbst zugrunde richten. So kann man durch den Ärger eines morgens sich selbst vergessen, bis hin zu den Eltern. Derartige Anstandslosigkeit und Unweisheit aber stehen der kämpferischen Tapferkeit zutiefst entgegen. Für Herr und Vater gilt es, treu und respektvoll zu sein und darum seinen eigenen Leib zu achten; man darf sich nicht aufgrund von Anhänglichkeit an einen Verirrten selbst verlieren. Tadel und Strafe helfen bei solch dummen Leuten nicht. Ein wenig Strafe und viel Ermahnung sind das Wohlergehen der kleinen Leute; so heißt es auch in den „Wandlungen“. Der Verkehr zwischen Freunden sollte durch gegenseitigen Anstand und Achtung gekennzeichnet sein. Wenn man sich danach richtet, kommen erst gar keine Streitigkeiten auf. Was es heißt, zu debattieren ohne dabei zu streiten, erklärt Naitô Shuri im Kôyô gunkan. 23
19. [...]
20.
In den jungen Jahren kann es passieren, dass man mit jemanden wegen eines einzigen Wortes in Streit gerät. Dann wird (das eigene) bisschen Rechtschaffenheit angestachelt und der Mut geweckt, und schließlich wirft man unvernünftigerweise sein Leben weg. So zu sterben hat nichts zu tun mit Güte und Kindespflicht. Derart ungebildet, den Weg von Güte, Rechtschaffenheit, Treue und Ehrfurcht nicht kennend, beklagenswerterweise sein Leben zu verlieren und sich gegen die Grundsätze des WEGS zu vergehen ist dumm. Bei Menzius heißt es: „Es gibt Anlässe zum Sterben, und Anlässe zu denen man nicht sterben soll.“ Wenn man
23 Das Kôyô gunkan aus dem Jahr 1616 beschreibt die militärischen Operationen und Schlachten der Takeda; es wurde größtenteils zusammengestellt von Kôsaka Danjô Masanobu und Obata Kagenori (siehe Turnbull, The Samurai Sourcebook). Ein Teil des Kôyô gunkan, das Yamamoto Kansuke zugeschriebene Heihô Okugisho, ist auch als Übersetzung ins Deutsche erhältlich (Yamada, Die Kunst der hohen Strategie). Naitô Masatoyo (Shuri no Suke, 1522-1575) war ein verdienter General der Takeda und kämpfte in zahlreichen Schlachten.
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stirbt, wird der Mut zerschlagen. Wenn man nicht stirbt, hat den Mut verloren. Die Alten haben gesagt, es sei leicht sein Leben hinzugeben, aber wahrlich schwer, es am rechten Ort zu tun. Damit ist dasselbe gemeint. Es ist leicht zu sterben, aber schwer es in Übereinstimmung mit den Prinzipien des Weges zu tun. In Übereinstimmung mit den Prinzipien des Weges zu sterben bedeutet, am rechten Ort zu sterben. Aber zu sterben, wenn man gar nicht sterben braucht, ist dumm. Es ist der Tod eines Hundes.
21.
Tapferen Samurai fällt es nicht schwer, ihr Leben hinzugeben. Aber es ist schwer, sein Leben in Übereinstimmung mit dem Weg hinzugeben. Ohne in Übereinstimmung mit dem Weg zu sterben ist der Tod eines Hundes. Zum Beispiel dumme und einfältige Leute, die sich uns gegenüber ungebührend verhalten und schwach anreden, sind bereit wegen des Ärgers eines morgens einen Kampf aufzunehmen und zu sterben; dies heißt sein Leben gering schätzen. Das ist keine kindliche Ehrfurcht und auch kein kämpferisches Verhalten. Wenn man sterben sollte nicht zu sterben bedeutet, an seinem Leben zu hängen; so etwas ist Mutlosigkeit und Unredlichkeit. Wenn es zum Kampf kommt und man zur rechten Zeit nicht für den Herrn sein Leben hingibt, dann ist dies Treuelosigkeit. Für Vater und Herr Achtung und Treue einzuhalten lässt es nicht zu, dass man sein Dasein wie irgendein Dummkopf oder Verrückter wegwirft; daran sollte man denken.
22.
Wer sich über die Tapferkeit täuscht, der stirbt wenn er gar nicht sterben bräuchte. So etwas verstößt gegen die Güte, ist eine Geringschätzung des Lebens und fehlende Ehrfurcht. Leute ohne Mut sterben nicht, wenn sie sterben sollten. Dies ist ein Verstoß gegen die Rechtschaffenheit, Hängen am Leben, fehlendes Schamgefühl und Treuelosigkeit.
23.
Die Sitten Chinas beinhalten seit langem, für den Herren zu strafen und zu töten; aber warum sind diejenigen so zahlreich? Die Menschen jenes Landes besitzen von Geburt an Treue und Rechtschaffenheit; sie schätzen ihre Gebräuche und stehen zu ihren Ansichten. Darüber hinaus haben sie die Schriftzeichen und wissen darum, Differenzen beizulegen. Das sind die Stärken ihres Landes. Die Krieger Japans sind seit jeher in die Schlacht gezogen, haben für ihren Herren gekämpft und sind dabei umgekommen; warum aber hängen so viele nicht an ihrem Leben? Die Leute in unserem Land sind vom Himmel mit kämpferischer Tapferkeit
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ausgestattet; darüber hinaus gehört es seit jeher zu den Gebräuchen unseres Landes, auf seinen Ruf Acht zu geben. So sind die jeweiligen Vorzüge der Menschen in China und Japan. Das Gemüt der Krieger, welches den Tod nicht fürchtet, ist in beiden Ländern dasselbe; aber der Ort auf das es sich richtet ist ein anderer, je nach den Gepflogenheiten, dem bevorzugten kulturellen Ideal. Somit unterscheidet sich auch, was auf dem kämpferischen Weg hochgeschätzt wird. Darum auch gilt unser Land des Sonnengrundes in der ganzen Welt als kämpferisch besonders herausragend. Allein China ist ihm, was die Gelehrsamkeit bzw. Kultivierung angeht, weit überlegen.
24.
Die fähigen Feldherren der alten Zeit sahen nicht allein wilden Mut und Intrigen als überragend an. Sie gebrauchten Schwert und Pinsel gemeinsam, wendeten sowohl Nachsicht als auch Strenge an, vergaben mit ihrer Güte kleine Fehler, vergaßen altes Unrecht (kyûaku), 24 verstanden es auf Ermahnungen zu hören, bildeten sich nichts auf sich ein, schätzten Reichtum nicht hoch und lobten (die) Verdienste (anderer). Aus diesem Grund waren sie eins mit ihren Soldaten und konnten viele Erfolge verzeichnen.
25.
Treue Untertanen und rechtschaffene Samurai opfern ihr Leben und ermahnen ihre Herren; sie sterben zur rechten Zeit, nehmen keine unverdienten Schätze und helfen ihren Freunden auf nachsichtige Weise ihre Fehler zu korrigieren. Derartige Treue und Aufrichtigkeit ohne Schwäche nennt man die „Wirkkraft eines Samurai“ (shiki) oder auch „angemessene Wirkkraft“ (setsuki). Dies ist die Art eines Edlen. Wegen des Ärgers eines Morgens mit den Menschen streiten und dadurch sein Leben verlieren ist nicht die Wirkkraft eines Samurai. Es ist die „ungestüme Wirkkraft“ (kakki), die auch „treibende Wirkkraft“ heißt (uwaki). Derart ist der gemeine Mensch.
26.
Wenn der tapfere Mensch die Mitte erlangt, spricht man von „rechter Wirkkraft“ (seiki). Es ist die Tapferkeit des Edlen, die Wirkkraft des Samurai. Über die Mitte hinausgehen heißt „ungestüme Wirkkraft“ oder „treibende Wirkkraft“. Dies ist der Mut des gemeinen Menschen.
24 Lun Yü, V.23.: Konfuzius sprach: „Bo-yi und Shu-qi rührten nicht immer wieder alten Hass auf; deshalb begegneten ihnen andere Menschen selten mit Groll.“
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Die rechte Wirkkraft vermag die Dinge und Aufgaben wohl zu vollenden. Die ungestüme Wirkkraft führt unweigerlich zu Fehlern.
27.
Es gibt Menschen, die scheinen mutig zu sein, doch in Wirklichkeit ist ihr Bewusstsein unzulänglich. Dann gibt es Menschen, die nach außen hin unfähig wirken; wenn sie auf plötzliche Aufgaben treffen, dann scheinen sie furchtsam. Dann gibt es solche, die, nachdem sie ihr Herz gefestigt haben, mutig sind. Die Wirkkraft solcher Leute ist schwach, aber ihr Geist ist stark. Weiterhin gibt es Personen, die dümmlich scheinen, tatsächlich aber sehr verständig sind. Ebenso gibt es Leute, die zwar klug wirken, in Wirklichkeit aber dumm sind. Der Mensch hat von Geburt an bestimmte Neigungen. Abgesehen von ihrem Geist kann man die Menschen durch ihre Neigungen zweifelsfrei erkennen. 25
28.
Im „Frühling und Herbst des Lü Shi“ heißt es: „Der Herrscher eines untergehenden Reiches ist sicherlich eingebildet, hält sich für weise und nimmt seine Aufgaben leicht.“ 26 So verhielt es sich auch mit dem Untergang von Oda Nobunaga. Der hohe Nobunaga war, was seine kriegerische Tapferkeit angeht, in der gesamten Geschichte herausragend; seine Erfolge und die Vernichtung seiner Feinde geschah meist ohne unredliche Mittel. Aber, zu meinem allergrößten Bedauern, war der eingebildet und blickte auf seine Soldaten herab; und so erregte er den Neid von Akechi Mitsuhide. Weil er sich selbst für weise hielt, sich nur auf sein eigenes Wissen verlassen wollte und die Belehrungen anderer ablehnte hat er sich schließlich gemeinsam mit Hirade Nakatsukasa umgebracht. 27 Wenn man die Dinge zu leicht nimmt, den Gegner verachtet und nicht fürchtet sowie nicht aufmerksam ist, dann geht es einem wie dem schutzlosen Honnôji-Tempel in Kyôtô. Kleine Kräfte, mit Bedacht geführt, werden einen unvermittelt überwältigen, und es wird zu einem schlimmen Morden kommen. Es ist genau so, wie es die Alten gesagt haben.
25 Lun Yü, II.10: „Der Meister sprach: Sehen wie ein Mensch handelt, betrachten, warum er so handelt; untersuchen, worin er Genugtuung findet - wie könnte da eines Menschen Sinnesart verborgen bleiben?“
26 Das aus dem 3.Jh. stammende, ekklektizistische Werk Lü Buwe wurde von Richard Wilhelm ins Deutsche übersetzt.
27 Akechi Mitsuhide (1467-1568) diente unter Nobunaga, bis Nobunaga sich öffentlich über ihn lustig machte. Mit einem Überraschungsangriff auf den Honnôji-Tempel bezwang er Nobunagas Truppen, der daraufhin Seppuku begang.
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29.
In einer alten Schrift namens „Reden über die Länder“ heißt es, „drei (Jahres)Zeiten sind für den Ackerbau, eine (Jahres)Zeit ist für den Kampf.“ 28 Damit ist gemeint, dass die Bauern sich während der drei Jahreszeiten von Frühling, Sommer und Herbst um die Felder kümmern müssen und daher keine Zeit (für den Krieg) haben. Im Winter ruht die Landwirtschaft, und es gibt Zeit für anderes. Man geht in die Berge und Wälder zum Jagen, und übt sich so in den militärischen Methoden. Dies ist die eine Zeit des Kampfes. Auch die Samurai greifen drei Jahreszeiten lang nicht die Zeit des Volkes an. Die Bauern bestellen im Frühling die Felder, im Sommer mähen sie, und im Herbst fahren sie die Ernte ein. Diese drei Zeiten gilt es zu achten; man darf sie nicht für den Kampf gebrauchen. Die Alten vergaßen auch in Zeiten des Friedens nicht den Krieg; und hatten sie Freiraum vom Ackerbau, dann übten sie das Kämpfen. Die späteren Generationen aber erlernten das Kriegshandwerk nicht, wenn es keine Unruhen gab. Also, es ist notwendig Reiten, Bogenschießen, Schwert- und Speerkampf zu studieren und diese Fertigkeiten zu beherrschen. Es darf nicht sein, dass man diese Künste nicht kennt. Nichtsdestotrotz steht das Studium dieser kämpferischen Aspekte am Ende.
30.
Wenn man sich in den Dingen ernsthaft bemüht und der Rechtschaffenheit folgt, dann macht man keine Fehler und es gibt keine späte Reue. Wenn man zu den entscheidenden Zeiten nachlässig ist, sich keine Mühe gibt, zögert oder unredlich handelt, dann wird man es später bereuen. Ein solches außer Acht lassen des Rechtschaffenen ist keine Tapferkeit.
28 Das Guoyu wird Zou Qiu-ming aus der Chou-Zeit zugeschrieben. Es beschreibt die Reiche der Frühlings- und Herbst-Zeit und wird, im Gegensatz zum Lü Buwei, auch als „Äußere Frühlings- und Herbstüberlieferung“ bezeichnet.
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Kaibara Ekken: Abhandlung zum Kämpferischen - Zweiter Band
1.
Wer Soldaten führt, egal ob er ein großer Feldherr oder ein einfacher Vorgesetzter (yushi) ist, muss die Methoden der Kriegsführung kennen. Die Methoden der Kriegsführung sind nicht etwa die (speziellen) kämpferischen Künste, sondern bezeichnen (ganz allgemein) die „Wege der Schlacht“ (ikusa no michi). Der richtige Einsatz der Soldaten, das Voranschreiten und Zurückziehen und das Erteilen von Befehlen sind die „Angemessenheit“ (sessei, vgl. I.1). Sie heißen auch die „orthodoxe Kriegsführung“ (heisei). Dann gibt es noch die Anwendung von klugen Plänen, das Täuschen des Feindes und das gun o yaru; dies sind die besonderen Verfahren (kenbô). Sie werden auch „unorthodoxe Kriegführung“ genannt (kihei). Diese beiden zusammen machen die Methoden der Kriegsführung aus; daher muss sie vom Feldherrn bis zum einfachen Vorgesetzten jeder kennen. Aber auch innerhalb der Methoden der Truppenführung gibt es Gewöhnliches und Außergewöhnliches. Das Außergewöhnliche beschränkt sich nicht auf die besonderen Verfahren.
2.
Was die fünf zwischenmenschlichen Beziehungen betrifft (gorin), so folgt man durch „Vorsicht“ (osoreru) im eigenen Geist ihrem Weg. 29 Ohne Vorsicht wird der Geist schlaff und träge, und man kann dem WEG nicht folgen.
Frage: „Ihr habt gesagt, mittels Vorsicht vermag man dem Weg der fünf zwischenmenschlichen Beziehungen zu folgen, nicht wahr? Aber wenn es auf dem kriegerischen Weg zur Schlacht kommt und der Soldat schwach ist, ist es dann nicht schwer den Feind zu besiegen? Wie geht das zusammen?“
Antwort: „Wenn man den Kampf nicht fürchtet, dann kann man den Feind nicht besiegen. Die fähigen Feldherren der alten Zeit hielten sich zurück, bevor es zum Kampf kam; sie bedachten die Anzahl, Stärken und Schwächen des Gegners ebenso wie ihre eigenen Stärken und Schwächen. Sie erlernten den Weg des Krieges, bereiteten Kriegsgerät und Verpflegung vor und berieten sich ausgiebig mit allen Entscheidungsträgern. Sie ersonnen die besten Pläne um den Feind zu besiegen, zogen nicht ohne vorherige Vorteil ins Feld, und erwogen vorsichtig alle Vorgehensweisen wenn der Kampf unmittelbar bevorstand. So waren sie eins mit dem
29 D.i. die Beziehung zwischen Herr und Untertan (Oberen und Unteren), Mann und Frau, Eltern und Kinder, Alte und Junge sowie Freunde untereinander. Das Zeichen osoreru bedeutet eigentlich „Furcht, Ehrfurcht“, wird hier aber mit „Vorsicht“ oder „Zurückhaltung“ übersetzt.
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Geist ihrer Soldaten, und der Gegner wurde entmutigt und geschlagen. Der Weg den Gegner zu besiegen besteht also einzig in einem vorsichtigen Handeln. Auch Konfuzius ermahnt den Zi-Lu, „nicht mit bloßen Händen einen Tiger anzugreifen, oder ohne Boot einen Fluss überqueren zu wollen“. 30 Keine Vorsicht walten zu lassen wird verabscheut; und man ist gut beraten, sich bei allen Angelegenheiten mit solchen Leuten zusammenzutun, welche gründlich planen. Ganz besonders die militärischen Verfahren haben die Vorsicht zur Grundlage. „Furcht“ bedeutet, die Dinge ernst zu nehmen und aufzupassen. Allerdings: Ohne Tatkraft einfach nur feige zu sein ist keine Vorsicht.
3.
Das Kämpferische hat Wurzeln und Zweige/Früheres und Späteres. Die Tugendkraft von Einsicht, Mitgefühl und Mut sind die Wurzeln/das Frühere. 31 Bogenschießen, Reiten, Schwert- und Speerkampf sind Kunstfertigkeiten; sie bilden die Zweige/das Spätere. Ohne kriegerische Fertigkeiten ist es schwer, den Gegner bekämpfen. Diese drei Tugendkräfte von Einsicht, Mitgefühl, und Mut müssen von großen Feldherren ebenso wie von einfachen Soldaten und allen anderen hochgehalten werden. Ohne Einsicht kann man die Soldaten schwerlich einsetzen. Ohne Mitgefühl vergeht man sich an den Soldaten und sie werden einem nicht folgen. Werden Treue und Anstand nicht befolgt, dann wird gegen die Prinzipien der Rechtschaffenheit verstoßen; das Land regieren und das Volk befrieden ist so nicht möglich. Durch Profitgier kommt es zu Unruhen und in der Folge zu Schaden. Ohne Mut bleiben Mitgefühl, Rechtschaffenheit, Treue und Anstand ohne Eifer; so hat man keine Kraft, um erfolgreich gegen den Feind zu kämpfen. Diese drei bilden also die kämpferischen Tugendkräfte, und wenn nur eins davon fehlt, dann kann der kämpferische Weg nicht errichtet werden. Und andererseits: Wenn Reiten, Bogenschießen, Schwert- und Speerkampf nicht beherrscht werden kann, selbst wenn (anderweitige) Tugendkraft vorhanden ist, im Falle eines
30 Lun Yü, VII.11: Zi-lu fragte: „Hätte der Meister ein großes Heer zu führen, wen würde er dann neben sich haben wollen?“ Konfuzius antwortete: „Wer sich mit bloßen Händen auf einen Tiger wirft, ohne Boot den Fluss überquert und sich ohne weiteres in den Tod stürzt, den würde ich nicht nehmen. Es müsste einer sein, der mit Vorsicht an die Dinge herangeht, der alles sorgsam bedenkt und schließlich auch zustande bringt, was er plant.“
31 Chûyô, II.2: Der Meister sprach: „Liebe zum Lernen führt hin zur Einsicht, kräftiges Handeln führt hin zum Mitgefühl, sich schämen können führt hin zum Mut. Wer diese drei Dinge weiß, der weiß, wodurch er seine Person zu bilden hat. Wer weiß, wodurch er seine Person zu bilden hat, der weiß, wodurch er die Menschen ordnen kann. Wer weiß, wodurch er die Menschen ordnen kann, der weiß, wodurch er die Welt, den Staat, das Haus ordnen kann.“
Siehe auch die Abhandlung „Die drei Tugendkräfte“ (Santokusho) von Hayashi Razan; übersetzt in Philosophie, Ethik und die Kunst des Kämpfens - Texte aus dem Japan des 17. und 18.Jh.
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Kampfes der Gegner nur schwerlich besiegt werden. Beim kämpferischen Einsatz geht es nicht an, dass die kriegerischen Fertigkeiten nicht beherrscht werden; dies gilt für große Feldherren ebenso wie für den einfachen Soldaten. Dennoch dürfen die großen Feldherren sich nicht ausschließlich auf diese kriegerischen Fertigkeiten stützen. Es gilt die Wurzel als Wurzel zu haben und die Zweige als Zweige zu haben.
4.
In den „Kriegsaufzeichnungen von Yoshisada“ heißt es, „Soga no Sukenari und Tokimune haben die Mittel, mit denen die Feinde ihrer Eltern angegriffen wurden, von den Älteren nicht gelernt.“ 32 Weil sie dann als Erwachsene, nachdem einige Jahre vergangen waren, ein tragischer Tod traf, und sie das Wesen (dieser Mittel) für nichtig angesehen hatten, wurde sie zum Schandfleck der Familie. Und das nur, weil sie die Feinde ihrer Eltern nicht in die Flucht schlagen konnten. Statt dessen drängten sie direkt heran um über Sieg und Niederlage zu entscheiden. Aber angesichts der feindlichen Armee waren sie nicht bereit, ihr Leben hinzugeben. Atsunobu meint, diese Erklärung würde von den neueren Gelehrten für richtig angesehen. 33 Ich denke da anders. Es gilt sich darauf zu konzentrieren, wie die Feinde ihres Vaters ihr Ziel erreicht haben. Das ist so, wie man unter den kriegerischen Mitteln nur durch Planen den Sieg erlangt. Die eigentliche Absicht des Edlen soll es sein, selbst wenn er nur alleine ist, die Kräfte des Gegners und die Anzahl seiner Soldaten zu kennen sowie unbedingt achtsam zu sein und zu planen, um so sein Ziel zu erreichen. Ohne die eigenen Stärken und Schwächen sowie die des Feindes zu kalkulieren einfach nur drauf losstürmen, die Dinge auf die leichte Schulter nehmen und dann Fehler machen: so wird man sein Ziel nicht erreichen und zum Gespött der Leute werden. Auch der Weise ermahnte Zi-lu, „nicht mit bloßen Händen einen Tiger anzugreifen oder ohne Boot einen Fluss überqueren zu wollen“. Wer seinen Tod nicht bedauern will, der verbündet sich nicht mit solchen Leuten, sondern ist bei wichtigen Dingen vorsichtig und mag es zu planen. Wu Yun hat, um sich an den Mördern seines Vaters und Bruders zu rächen, sich selbst ganz in den Dienst des Königs von Wu begeben und sich die Kräfte dieses Landes geliehen. 34 Wäre Wu Yun ohne die eigenen Kräfte
32 Die tragische Geschichte von Soga Sukenari (1172-1193) und seinem Bruder Soga Tokimune (1174-1193), welche den Mord an ihrem Vater Itô Sukeyasu nicht erfolgreich zu rächen vermochten, ist in Literatur und Theater ausführlich behandelt worden.
33 Vielleicht Matsuura Atsunobu, Herr der Hirado-Domäne von 1713-1727.
34 Wu Yun (Wu Zixu) lebte während der Frühlings- und Herbstzeit. Nachdem er mit der Hilfe von Wu den König von Chu vernichtet hatte, verwüstete er dessen Grab und schändete seinen Leichnam. Als sich später der König von Wu in der Auseinandersetzung mit dem Reich Yue bestechen ließ, tötete er sich selbst.
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ebenso wie diejenigen des Feindes zu kalkulieren einfach losgestürmt, dann hätte er sein Ziel nicht erreicht. Zhang Liang hat, um es den Feinden von Han zu vergelten, sich der Kräfte der Gründer bedient und so Qin und Chu zerschlagen. 35 Nicht anzugreifen wenn es die Zeit dafür ist muss man wahrlich Nachlässigkeit nennen. Kudô Suketsune stammte aus einer wohlhabenden Familie, hatte viele Gefolgsleute und war aufmerksam. Wie hätten Sukenari und Tokimune ihn besiegen können, wenn sie nur auf sich allein gestellt vorangestürmt wären? So etwas ist nichts weiter als der Tod eines Hundes. Bei Debatten über die „Kriegsaufzeichnungen von Yoshisada“ folgen die heutigen Schüler dabei meist blind solchen Theorien, ohne auch nur daran zu denken, dass dies nicht mit den Prinzipien übereinstimmen könnte. Im meinem Vorwort zur „Aufzeichnung der (Familie) Soga“ habe ich dieses Thema ausführlich besprochen.
5.
Der Weg welchem der Himmel folgt besteht darin, auf natürliche Weise das Große durch das Kleine zu gebrauchen. 36 Weise Menschen kennen die momentanen Kräfte und gebrauchen damit das Große. Nicht durch Kleines das Große zu handhaben ist ein Verstoß gegen Sittlichkeit und Rechtschaffenheit; die Kräfte der Zeit nicht zu kennen führt schließlich zum Verlust von Reich, Familie und dem eigenem Dasein. Derart werden viele Leben von Feinden ebenso wie von Freunden gemordet; so etwas ist ein Vergehen am Himmel. Ungebildete und bornierte Leute die den kämpferischen Weg nicht kennen halten den Gebrauch des Großen durch Kleines und das Leiten des Starken durch Schwaches für etwas Schändliches; sie bilden sich etwas ein auf ihre Tapferkeit des Gemüts und verachten große Gegner. Wenn dann aber die Stärke des Feindes rege ist, dann wissen sie nicht, wie sie es ihnen gleichtun können. Das ist es, was bei Sunzi „weder sich selbst noch den Gegner kennen“ heißt. 37 Wenn nicht durch Kleines Großes bewirkt wird, dann werden, wenn es zum Krieg kommt, die Untern sich gegen die Oberen erheben, Aufstände werden ausbrechen und es wird gegen die Rechtschaffenheit verstoßen werden. Derartige Tapferkeit des Gemüts ist nicht der kämpferische Weg, sondern
35 Zhang Liang (gest. 189 v.u.Z.) war einer der Mitbegründer der Han-Dynastie und half Liu Bang bei der Zerschlagung des Qin-Reichs.
36 Daodejing, Kap. 63: „Plane das Schwierige, wenn es leicht ist; handhabe das Große, wenn es klein ist.“ Gemeint ist auch, durch kleine Aktionen große Wirkung zu erzielen (in shin tonkei): „Der Himmel schafft lautlos und ohne Spur“ (Li Gi, „Maß und Mitte“, II.15).
37 Sunzi, III.9: „Daher sagt man: Kennst du den Gegner und kennst du dich, dann wirst du in hundert Schlachten hundertmal siegen; kennst du dich, aber nicht den Gegner, so sind die Aussichten auf Gewinn und Verlust gleich; kennst du weder dich noch den Gegner, so wirst du in jeder Schlacht geschlagen werden.“
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eine Befleckung des Kämpferischen. In China ebenso wie in Japan gingen, wenn man sich so verhielt, Reich, Familie und man selbst zugrunde. Es gab viele die sich derart dumm verhielten und so in den Augen der späteren Generationen zum Gespött wurden. In der jüngeren Zeit sind die Asai aus Kôshû und die Asakura aus Echizen Nobunaga nicht gefolgt, und der Hôdô-Clan aus Odawara ist Hideyoshi nicht gefolgt. Dies geschah, weil sie nicht darum wussten mittels Kleinem das Große zu handhaben. Immer wenn die Rechtschaffenheit fehlt, steht am Ende der Untergang des Hauses und von einem selbst. Durch derartige Vergehen an der Rechtschaffenheit kommen viele Menschen, Freund wie Feinde ums Leben; und das bedeutet einen Verstoß gegen die Menschlichkeit. Wer sich so verhält, hat weder Menschlichkeit noch Weisheit, weder Sittlichkeit noch Rechtschaffenheit. Kobayakawa Takakage, dritter Sohn von Mori Terumoto, bewirkte als „Herr der acht Gebiete“ Großes. Er verbündete sich mit Hideyoshi und tauschte Geiseln aus, aber nach dem Tod von Nobunaga wechselte er nicht zu Kazuyoshi sondern blieb bei Hideyoshi. So gelang es ihm, die Gebiete seines Vaters Motonari nicht zu verlieren. Dies muss man wirklich weise nennen. [...] Wer die Umstände der Zeit kennt und sich ihnen rasch fügt, der wird frei von Unglück bleiben und sein Haus bewahren. Wer aber Intrigen stiftet, Aufruhr unterstützt, und somit andere stürzt, der mag zwar sein eigenes Gutgehen vorantreiben, ist aber zutiefst unrechtschaffen und muss geschmäht werden. Selbst wenn ein Haus auf diese Weise hochkommt, so wird es doch nicht blühen. So etwas ist schändlich. Nichtsdestotrotz gibt es viele, die so ihr Haus zerstören und sich selbst zugrunde richten.
6.
Wenn es Frieden im ganzen Reich gibt, dann ist es gefährlich, das Kämpferische zu vergessen. Darum darf man auch in Friedenszeiten das Kämpferische nicht vergessen, sondern muss (gerade dann) die kämpferischen Dinge studieren. Wenn man in ruhigen Zeiten nicht auch das Kämpferische lernt, dann wird es später Reue geben. „Wer nicht das Ferne bedenkt, dem sind Sorgen nahe.“ 38 Erst dann wenn es zu Unruhen kommt Soldaten aufstellen zu wollen ist, wie wenn man durstig ist anfängt einen Brunnen zu graben.
38 Lun Yü, XV.12
24
7.
Wenn es zu einem Kampf kommt ist es nicht lobenswert, mit Übermut zu agieren. Ruhig und fest zu sein hingegen ist lobenswert. Dies ist der Weg den Gegner zu besiegen. Aber es ist schwer, geduldig zu sein. „Geduld“ (shinobu) bedeutet „Festigkeit“. Gegenüber dem Gegner soll man ruhig und fest sein; man darf nicht vorschnell losschlagen und sich als erster bewegen. Wenn man übermütig anstatt gefestigt ist, dann wird der Gegner den Fehler in der ersten Bewegung die man macht erkennen und zuschlagen; so wird man besiegt werden. Wenn sich zwei im Kampf gegenüberstehen, dann ist (zunächst) noch nicht über Sieg und Niederlage entschieden; wenn man dann die Bewegungen des Gegners sieht und in seine Lücke schlägt, dann ist es leicht zu siegen. Darum verliert, wer sich zuerst bewegt, und es gewinnt, wer sich später bewegt. 39 Geduld ist das eine, was als Methode des Kriegs tausend Goldstücke wert ist. Dies darf man nicht vernachlässigen; so ist die Erklärung der Alten. Auch in den „Drei Strategien“ heißt es, „man bewegt sich nicht dauernd, sondern passt sich dem Gegner an; so ist man nicht der Erste, aber wenn sich der Gegner bewegt, folgt man ihm sofort.“ 40 Ist man ungestüm und bewegt sich vor dem anderen, dann kann man leicht besiegt werden. Aber es ist schwer, geduldig zu sein und sich nicht zu bewegen. Darum sollte man echte Geduld sehr schätzen. Man darf sich nicht ohne Anlass bewegen. Wenn man keinen Vorteil sieht und sich nur einfach so bewegt, dann ist man leicht zu besiegen. Der Edle leitet mittels des Schweren das Leichte, und mittels des Ruhe die Bewegung. So soll man es hochschätzen: Der Geist (shen) ist vollständig, die Energie (qi) ist gesammelt und das Bewusstsein (hsin) ist unbewegt.
8.
Es gibt das Lied eines Kriegers darüber, wie es ist wenn zwei Personen sich zum Kampf gegenüberstehen und im Bewusstsein des Anderen nur ungenügend lesen können: „Der Körper wird weggeworfen / der Geist ist nicht gelöst / wartend auf die Bewegung / wie kann man angreifen.“ Damit ist gemeint, dass wenn der Kampf bevorsteht, man sich selbst aufgeben muss. Wenn man daran denkt wegzulaufen ist der Geist aufgewühlt; man hat Angst und nicht die Kraft welche nötig ist, um den Gegner zu besiegen. Allein das Herz darf man nicht verlieren. Wenn es zum Kampf mit dem Gegner kommt muss das Bewusstsein, ganz
39 Diese bereits bei Sunze angeführte Idee („später Aufbrechen, aber früher am Ziel sein“ Kap. VII.2) ist auch in den chinesischen Zweikampf-Konzepten von großer Bedeutung (vgl. den Taiji-Klassiker von Wang Tsung-Yüeh, „Tiefempfundene Erläuterung der dreizehn Stellungen“).
40 Die Schrift der „Drei Strategien“ (Sanryaku) gehört zu den „sieben Klassikern der chinesischen Kriegskunst“. Übersetzung in Sawyer, The Seven Military Classics of Ancient China.
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wie sonst auch, unbeweglich bleiben. Es soll sich nicht willkürlich zu irgendeiner Seite neigen; man muss Geduld haben und darf den Gegner nicht vorschnell angreifen. Wenn man aber auf die Bewegungen des anderen wartet, dann erkennt man seine Lücken und kann unvermittelt zustoßen; dies ist der Weg, den Gegner zu besiegen.
9.
Ein Samurai soll im Alltag friedlich auftreten und nicht wütend werden. Er soll sich selbst Freude bereiten und die Menschen lieben. Wenn so der Wille beständig aufrechterhalten und die vitale Kraft gepflegt wird, dann kann mutig für das Rechtschaffene eintreten. Im Angesicht von Veränderungen behält man seinen gewöhnlichen Willen bei und der feste Mut geht nicht verloren. Egal wie groß und gewichtig eine Sache auch sein mag: man halte sich fest an diesen Weg und lasse das Bewusstsein unbewegt. Auch wenn man mit einem solchen Mut einen kräftigen Gegner angreift, soll das Bewusstsein in Ruhe und unbewegt bleiben. Ein wirklich mutiger Mann wird, selbst wenn er dabei seinen Kopf verlieren sollte, diesen Weg nicht vergessen und weder traurig sein noch sich grämen. 41 Auch wenn er mit dem Tod konfrontiert wird, fürchtet er sich nicht und bewahrt die Prinzipien; er hegt weiterhin seine übliche Tapferkeit. Diesen Willen und das Rechtschaffene aufrecht zu erhalten, fällt von Natur aus starken und kräftigen Menschen leicht. Aber auch schwache Menschen können, wenn sie dauernd die Rechtschaffenheit schätzen, diesen Willen bewahren, so dass sie ihn nicht mehr verlieren. Selbst Kinder von Samurai werden im Ernstfall in ihrem Bewusstsein Mängel zeigen und sich fürchten, wenn sie nicht von klein an ihren Willen auf die kämpferische Tapferkeit gerichtet haben. Für alle vier Stände gilt, dass sie stets ihre vitale Kraft pflegen und ihr Bewusstsein unbewegt halten sollen. Stärke und Schwäche der vitalen Kraft sind wohl von Geburt an (mehr oder weniger) festgelegt, aber der Wille, mutig das Rechtschaffene zu beschützen darf (von niemanden) aufgegeben werden. Der mutige Mann fürchtet sich nicht (vor dem Tod). Der mutige Mann fürchtet sich nicht, seinen Kopf zu verlieren, und bis zum Moment seines Todes erhält er den Willen aufrecht, die Rechtschaffenheit zu bewahren.
41 Menzius, Ton Wen Gung (B.1).: „Ein entschlossener Mann vergisst nie, dass er eines Tages in einem Graben oder Tümpel enden kann; ein mutiger Mann vergisst nie, dass er eines Tages um den Kopf kommen kann.“
26
10.
Der tapfere Mann ist nach außen nicht unbeherrscht. Es ist mit ihm so, wie es bei Xunzi heißt: „Gut gefestigt entspricht er dem was kommt.“ 42 Damit ist gemeint, dass wenn es zur Begegnung mit dem Feind kommt, der Herz-Geist ruhig, gefestigt und unbewegt ist; so vermag man den Gegner zu besiegen. Wenn man aber lediglich seine Energie leichtfertig und geräuschvoll nach außen lenkt, dann fehlt im Innern die Grundlage um dem Gegner zu entsprechen. So ist es schwer, jemanden zu besiegen.
11.
Die hervorragenden und mutigen Feldherren der alten Zeit erwarben sich gründliche kämpferischer Verdienste und gebrauchten die grundlegenden Techniken. Ohne Weisheit ist jedoch es schwierig, zivilisatorische Verdienste zu erlangen und diese an die Nachkommen weiterzugeben. Darum stellten die kriegerischen Feldherren die Weisheit an die erste Stelle; und darauf erst folgte dann die Tapferkeit.
12.
Die Alten haben gesagt, „um ein Heer zu besiegen braucht es Eintracht, nicht Menge“. Damit ist gemeint, dass bei einer siegreichen Armee die Soldaten ihrem Feldherren folgen, nicht gegen seine Anweisungen verstoßen, ihre Kräfte vereinen, nicht an ihrem Leben hängen und auf diese Weise kämpfen. Man sollte keinen Gefallen an großen Armeen haben. Wenn die Herzen der Soldaten nicht den Gedanken ihres Anführers folgen, sondern sich dagegen wenden oder sich davon lösen, dann sind ihre Kräfte nicht vereint und es gibt keine Eintracht; selbst mit einer Menge von einer Millionen (Soldaten) wäre es auf diese Weise schwer, den Gegner zu besiegen. Eintracht bedeutet verbundene Harmonie. Wenn Himmel und Erde in Eintracht sind, dann gedeihen alle Dinge. 43 Wenn die neun Generationen (kyûzoku) in Eintracht sind, dann wird der Weg der Familie befolgt. Wenn Herr und Gefolgsmann in Eintracht verbunden sind, dann gibt es Frieden im ganzen Reich.
42 Der Philosoph Xunzi (298-235) wird aufgrund seiner Lehre von der „verderbten Natur des Menschen“ (seiakusetsu) oftmals als Gegenspieler des Menzius angesehen.
43 Vgl. „Maß und Mitte“: „Bewirke Harmonie der Mitte, und Himmel und Erde kommen an ihren rechten Platz und alle Dinge gedeihen.“
27
13.
Wenn man Soldaten einsetzt, sollte man ihre kämpferische Kraft wirklich wertschätzen. Denn ohne Güte und Rechtschaffenheit werden einem die Menschen mit ihren Herzen nicht folgen. Dann ist es schwer, Soldaten einzusetzen.
14.
Der Kampf eines guten Feldherren ist gründlich geplant und genauestens durchdacht; er siegt, wenn es leicht ist zu siegen. Darum kommen beim Angriff nur wenige Soldaten ums Leben. Der schlechte Feldherr und der verblendete Herrscher kennen diesen Grundsatz nicht; sie haben Gefallen daran, wenn viele ihrer eigenen Leute ebenso wie der des anderen umkommen. Dies ist nichts weiter als Unmenschlichkeit und liegt an ihrer Unfähigkeit auf dem Weg der Kriegführung. Der fähige Krieger versteht es, zu siegen ohne zu kämpfen. 44 Aber auch wenn sich ein Kampf nicht vermeiden lässt: ein Feldherr, welcher den Weg der Schlachten versteht und gründlich plant, tötet nur wenige seiner eigenen Leute ebenso wie der des Gegners. Die Alten haben gesagt: „Ein Feldherr hat nach drei Generationen keine Enkel mehr“. 45 Damit ist gemeint, dass der Weg des Himmels Unmenschlichkeit verabscheut und Töten nicht duldet. Denn alle Menschen auf der Welt sind Kinder des Himmels, und das Töten dieser Kinder wird verabscheut. Wer also am Töten Gefallen findet, der beendet seine eigene Nachfolge. Der Gütige, auch wenn er ein Feldherr ist, tötet nicht viele Menschen. Andernfalls ist der Schaden für einen Feldherrn in der Folge unvermeidbar. Der Unmenschliche aber, durch den viele Menschen umkommen, wird nicht länger als drei Generationen währen; damals wie heute wurden dadurch viele Familienlinien beendet. Auf diese Weise sollte man darum wissen, dass der Weg des Himmels Unmenschlichkeit verabscheut. Daran gibt es nicht den geringsten Zweifel. Vor dem Weg des Himmels gilt es Ehrfurcht zu haben. Das ist klar.
44 Sunzi, III.1: „Nach den Regeln der Kriegskunst ist es besser, den Staat des Gegners unversehrt zu lassen als ihn zu zerschlagen; es ist besser, ein djün [12500 Mann] des Gegners unversehrt zu lassen als es zu zerschlagen; es ist besser, ein lü [500 Mann] des Gegners unversehrt zu lassen als es zu zerschlagen; es ist besser, ein dsu [125 Mann] des Gegners unversehrt zu lassen als es zu zerschlagen, es ist besser, ein wu [5 Mann] des Gegners unversehrt zu lassen als es zu zerschlagen. Deshalb ist hundertmal zu kämpfen und hundertmal zu siegen nicht das allerbeste. Am allerbesten ist es, das Heer des Gegners ohne Kampf zu bezwingen.“
45 Ein Zitat aus den „Historischen Aufzeichnungen“, wo es bezüglich Wang Jian heißt: „Wie kommt es, dass ein Feldherr nach drei Generationen unweigerlich geschlagen wird? Es liegt an dem vielen Blut, dass vergossen wird.“
28
15.
Einer der Gründerväter der Han, Liu Bang (256-195), wurde von Xiang Ji (232-202) als Geisel genommen; doch weil Liu Bang nicht freundlich (um Auslieferung) bat, schickte er ihn schließlich von selbst zurück. Ying Zong (Reg. 1436-1450 und 1457-1464) der Ming wurde von den nördlichen Barbaren gefangen genommen; sein Sohn Xuan Zong (Reg. 1426-1436), der sich anfänglich Cheng Wang nannte, stieg nachdem sein Vater gefangen genommen wurde in den Rang eines Herrschers auf. Um seinen Vater zu ehren, nannte er sich bald darauf „Großer König und Kaiser“. Xuan Zong bat die Barbaren nicht um seinen Vater. Doch weil der gefangene Ying Zong so keinen Vorteil brachte, wurde er schließlich zurückgesandt. Der Vater wusste nichts von der Unredlichkeit seines Sohnes; so sind gute Pläne. 46 Wenn der Vater gefangen genommen wird ihm hinterherzulaufen, bedeutet den Feind ebenso wie den Vater umzubringen. Das Verhalten von Liu Bang und Xuan Zong wurde in den späteren Generationen von manchen getadelt, von anderen gelobt, und von wieder anderen bedauert. Wenn man, wenn der Vater gefangen genommen wird, mit Stärke die Regierung übernimmt und seine Militärkraft aufbaut, dann wird der Feind früher oder später ganz von selbst dieser Stärke erliegen und die für ihn wertlose Geisel zurückschicken. Die jungen Leute aber kennen die alten Schriften nicht mehr und wissen nichts vom Verhalten eines Liu Bang oder Xuan Zong; sie handeln schnell und ohne nachzudenken. Der fähige Feldherr jedoch muss die alten Aufzeichnungen häufig lesen und die vergangenen Begebenheiten kennen. Analphabeten wissen nichts von den alten Begebenheiten; sie können ihnen nicht als Spiegel dienen. Wenn man sich nur auf seine eigene Klugheit verlässt, dann wird man sich unweigerlich immer wieder in Gefahr bringen. Wenn man den WEG nicht wirklich kennt und nicht mit den Prinzipien übereinstimmt, dann wird man oft in Gefahr kommen, selbst wenn man mutig ist und das Gute liebt.
16.
Der Bogen wird auch mitarashi genannt, das Schwert heißt auch miwakashi.
46 Tatsächlich war Ying Zong der Sohn von Xuan Zong; nachdem er diesem auf den Thron folgte geriet er 1450 auf einer Expedition unter der Führung des Eunuchen Wang Zhen in mongolische Gefangenschaft. Bis zu seiner Rückkehr im Jahre 1457 besetzte sein jüngerer Bruder Dai Zong (Zhu Qiyu) den Thron.
29
17.
Wenn Feldherren über drei Generationen gegen die taoistischen Gebote verstoßen (dôka no imu) und viele Menschen töten, dann werden durch Vater, Sohn und Enkel viele Menschen gemordet. Weil der Weg des Himmels so etwas verabscheut, werden die Nachkommen (solcher Feldherren) sicher zugrunde gehen. Den Weg des Himmels soll man achten und fürchten. Ein guter Feldherr findet kein Gefallen daran Menschen zu töten; er siegt ohne zu kämpfen und unterwirft den Gegner durch sein geschicktes Planen. Wenn es dennoch zu einem Kampf kommt und die Truppen aufeinanderprallen, siegt er ohne dass bei ihm oder beim Gegner viele ums Leben kommen. Der unfähige Feldherr, der die Wege des Kampfes nicht kennt, denkt über Mittel nach möglichst viele Feinde zu töten; so etwas ist dumm. Wenn man kein Gefallen daran findet Menschen zu töten, dann wird das Haus eines Feldherren auch nach vielen Generationen nicht untergehen.
18.
[...] Die fähigen Feldherren der alten Zeit siegten nicht im Übermaß, noch unterlagen sie im Übermaß. Derart ist die kriegerische Methode des fähigen Feldherrn. Ein Feldherr der den Kampf nicht kennt, siegt durch Glück übermäßig und verliert andererseits oftmals übermäßig. Dies ist nicht die rechte Anwendung der kämpferischen Mittel. Auch wenn man voranstrebt sollte man sich dessen bewusst bleiben. Wenn man sich zu sehr auf sich selbst verlässt, dann braucht man Glück. So wird man auf kurz oder lang vom Feind besiegt werden.
19.
Wenn der Feldherr klare Befehle erteilt, dann gibt es keine Fehler. Wenn auf Belohnung und Strafe vertraut wird, dann gibt es keinen Irrtum. Wenn man mit den Soldaten Freude und Leid teilt und sich nicht nur auf sich selbst verlässt, dann sind die Soldaten rücksichtsvoll und quälen nicht (die Menschen). Wenn die Soldaten so an die Oberen denken, werden sie ihre Kräfte bis zum letzten einsetzen.
20.
Die Aufgabe der Soldaten besteht darin, für ihren Herrn nicht an ihrem Leben zu hängen, zu kämpfen und den Tod leicht zu nehmen. Mühelos und ohne zu kämpfen zu siegen; das Leben zu achten, das Dasein bewahren, den Feind besiegen und das eigene Heer nicht untergehen lassen - das ist die Aufgabe der großen Feldherrn. Aus diesem Grunde sind der Weg des großen Feldherrn und die Mittel der (einfachen) Soldaten nicht identisch. Aber egal ob ein
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großer Feldherr oder einfache Soldaten: wenn sie den Feind verachten und zu weit gehen, dann ist dies unklug. So ein Verhalten ist kein echter Mut. Wenn man jemanden zu sehr bedrängt wird selbst ein schwacher Gegner wie eine in die Enge getriebene Maus nach der Katze beißen; deshalb ist ein schwacher Gegner besonders zu fürchten. 47 Wenn man es mit dem Siegen zu weit treibt, gerät man ins Hintertreffen. 48
21.
Einer gewissen Debatte zufolge geht einem Kampf immer ein Streit voraus. Streit entsteht, wenn man ungeduldig das Gerede und die Unhöflichkeiten der Leute tadelt. Wenn man aber geduldig ist, dann kommt es nicht zum Streit und in der Folge hat man auch keine Feinde. Und es gibt auch keinen Grund sich zu schämen. Gegenüber den Menschen soll man in seinen Worten ebenso wie in seinem Betragen sehr auf Sittlichkeit bedacht sein und Unsittlichkeit nicht dulden.
22.
In den „Japanischen Aufzeichnungen“ (Nihongi) ist beschrieben, wie die Herrscherin Jingû Kôgô [Reg.201-269] den Militärbefehl erteilte, um das Reich Shiragi in Korea zu züchtigen. 49 Ebenso gilt es, sich auf die Militärkommandos der fähigen Feldherren Chinas zu verlassen und sie wert zu schätzen.
23.
Was ist ein sogenannter „provozierter Kampf“ (chôsen)? Man versammelt seine Soldaten zum Kampf und schickt die Mutigsten voraus, um den Gegner anzugreifen. In unserem Land hat Toyotomi Hideyoshi, als er Shibata Katsuie angreifen wollte, zunächst in Ômi die Mutigen und Tapferen Männer seiner Armee voneinander getrennt. Die sieben tapferen Samurai von Hideyoshi haben dann allein als Vorhut den Feind zurückgetrieben. So etwas nennt man einen „provozierten Kampf“. 50
47 Eine Bezugnahme auf das Yantielun („Diskussion über Salz und Eisen“) des Huan Kuan der Han-Zeit. Vgl. Sunzi, VII.17: „Schließt du ein Heer des Gegners ein, so lasse auf jeden Fall eine Seite offen; bedränge keinen Gegner, der sich in einer auswegslosen Lage befindet.“
48 Vgl. Daodejing, Kap.31: „Lasst selbst im Sieg keine Freude aufkommen, denn solche Freude führt zum Sich-Abfinden mit dem Gemetzel. Wer sich abfindet mit dem Gemetzel, kann in der Welt Erfüllung nicht finden.“
49 Siehe z.B. Aston, Nihongi - Chronicles of Japan from the Earliest Times to A.D. 697; S.224ff.
50 Die entscheidende Schlacht zwischen Hideyoshi und Katsuie fand 1583 bei Shizugatake in Ômi statt. Seine sieben fähigsten Kämpfer wurden die „sieben Speere von Shizugatake“ genannt.
31
24.
Die Krieger hießen zur Zeit von Jimmu Tennô Mononofu. Umashimaji no Mikoto und Michino-omi no Mikoto verwalteten die militärischen Angelegenheiten und schützten den eigentlichen kaiserlichen Palast (dairi). Die Soldaten im Dienste von Michi-no-omi no Mikoto hießen Tsuwamono. Diejenigen im Dienste von Umashimaji no Mikoto hießen Mononobe. 51
25.
Wenn man bei einem Heerzug an einen Fluss kommt den man überqueren muss, gilt es den Ort an den man in den Fluss hineingeht und an dem man auf der anderen Seite wieder hinaussteigt deutlich vor Augen zu haben. Wenn der Ort an dem man heraussteigen möchte schlecht ist, fällt das Verlassen des Flusses schwer; es kann dann passieren dass man vom Feind angegriffen und überwältigt wird. Wenn man einen Wassergraben o.ä. mit einem Pferd überspringen will, dann muss das Pferd antreiben und mit ganzer Kraft hinüberspringen. Zu Fuß verhält es sich genauso.
26.
Wenn man abwartet während der Feind einen Fluss durchquert, dann soll man den alten Methoden zufolge angreifen, wenn er ihn halb durchquert hat. „Halb überquert“ meint dabei nicht, dass der Feind in der Mitte des Flusses steht. Man selbst positioniert sich verborgen und etwas zurückgezogen entlang des Flusses, aber ohne Feldlager, und greift den übersetzenden Feind an. Wenn die eine Hälfte des Feindes gerade aus dem Fluss heraussteigt, sind sie noch nicht gefestigt, während die andere Hälfte noch in der Mitte des Flusses steckt. Wenn man einen derart unvorbereiteten Feind unvermittelt angreift, wird er sich schnell in den Fluss zurück flüchten. So ein Plan verschafft einem sicherlich einen Vorteil. 52
51 Siehe hierzu z.B. Papinot, Historical and Geographical Dictionary of Japan.
52 Vgl. Sunzi, Kap.IX.3: „Durchschreitet der Gegner den Fluss, so greife ihn nicht im Wasser an. Vorteilhafter ist es, auf ihn loszugehen, wenn erst die Hälfte seiner Truppen übergesetzt hat. Wer den Kampf mit dem Gegner aufnehmen will, soll ihm nicht in der Nähe eines Flusses begegnen. Nimmst du an einem Flusse Aufstellung, dann wähle eine Anhöhe auf der Sonnenseite. Marschiere nicht flussaufwärts. Das ist über die Aufstellung der Truppen am Fluss zu sagen.“
32
27.
Das Banner großer Feldherren wird im Frühling und Sommer zu dessen linker Seite errichtet; im Herbst und im Winter zu seiner Rechten. So folgt man Yin und Yang.
28.
Ein Botschafter sucht das feindliche Lager auf und hat die Aufgabe, den freundlich Gesinnten die Absichten des Feldherren zu verkünden. Hierfür soll man solche Personen einsetzen, welche den Weg des Kampfes kennen sowie über Einsicht, Mitgefühl und Mut verfügen. Der Botschafter hat die Aufgabe, dafür zu sorgen dass der Geist der Soldaten mit dem des Feldherrn übereinstimmt und sie ihm nicht in den Rücken fallen. Darüber hinaus hat er noch viele weitere Aufgaben zu erfüllen. 53
29.
Wenn die Alten ins Feld zogen, hielten sie dabei die Trauerregeln ein. Am Tag an dem der Befehl zum Kampf erteilt wurde, weinten alle Krieger und vergossen viele Tränen, weil sie sich voller Trauer von den Eltern und Geschwistern trennten. Der Kampf ist der Weg des sicheren Todes; sollte man da also nicht so verfahren?
30.
Wenn ein fähiger Feldherr Soldaten einsetzt und in den Kampf schickt, dann ist ihr Geist eins mit seinem Geist und ihre Stärke ist eins mit seiner Stärke. Gemeinsam schreiten sie voran, gemeinsam gehen sie zurück. Die Mutigen stürmen nicht auf eigene Faust nach vorne; alle folgen den Anweisungen und schreiten gemeinsam voran. Die Unfähigeren flüchten nicht alleine; wenn die Zeit zum Rückzug da ist, folgen alle den Anweisungen und ziehen sich zusammen zurück. Wenn auch nur einer sich vordrängelt oder hervortun will, gerät die Truppenführung in Unordnung; die Schlagkraft der Armee wird zerteilt und geschwächt. Das ist es, was Wuzi meint mit: „Selbst tapfere Männer werden geschlagen werden, wenn sie sich hervortun wollen.“ 54
53 Es ist nicht klar, inwieweit Ekken hier heimliche Kundschafter oder offizielle Gesandte meint. Der japanische Begriff tsukaiban (hier übersetzt mit „Botschafter“) kann beides bedeuten.
54 Übersetzung in Sawyer, The Seven Military Classics of China.
33
31.
Im Zuochuan heißt es, Sui Wuzi aus Jin habe gesagt, „die rechte Methode der Truppenführung bestehe darin, Voranzuschreiten wenn es möglich ist, und sich bei Schwierigkeiten zurückzuziehen“. 55 Im Einsatz der Soldaten haben Voranschreiten und Rückzug ihr jeweiliges Maß. Verliert man dieses Maß, dann wird es gefährlich. Voranzuschreiten wenn man nicht voranschreiten sollte, und sich zurückziehen wenn man sich nicht zurückziehen sollte bedeutet, dass man das Maß verloren hat. Und nicht voranzuschreiten wenn man voranschreiten sollte, oder sich nicht zurückziehen wenn man sich zurückziehen sollte: auch dies bedeutet, dass rechte Maß verloren zu haben.
32.
Wenn man mit seinen Truppen auf den Feind trifft und dabei voranschreitet und sich zurückzieht wenn es angebracht ist, dann heißt dies stets das Richtige zu tun. Auf dem Weg der Schlacht gilt es Voranschreiten und Rückzug gründlich zu bestimmen. Der Mutige will voranschreiten wenn es nicht angebracht ist, der Zögerliche will sich zurückziehen wenn es nicht angebracht ist. So etwas ist in der Truppenführung verboten; es ist ein klares Zuviel. Der Zögerliche schreitet nicht voran wenn er es sollte, und zieht sich zurück wenn er es nicht sollte; das ist ein klares Zuwenig. Auch dies ist in der Truppenführung verboten. Voranschreiten wenn man nicht voranschreiten soll, sich nicht zurückziehen wenn man sich zurückziehen soll, nicht voranschreiten wenn man voranschreiten soll und sich zurückziehen wenn man sich nicht zurückziehen soll: diese vier sind zwar bezüglich Mut und Zaudern nicht identisch, doch bedeuten sie für die Truppenführung allesamt Schaden. Wird der Truppenführung Folge geleistet, dann schreitet der Mutige nicht selbstständig voran und der Zögerliche zieht sich nicht selbstständig zurück. Bei einem fähigen Feldherren sind die Kräfte der Soldaten immer vereint.
33.
Kakaru bedeutet, mutig an die Spitze zu gehen; hiku bedeutet, hinten mutig abzuwarten. Aber weil das an die Spitze schreiten zuerst kommt, ist es leicht. Hinten abzuwarten hingegen ist äußerst schwer.
55 Eines der drei Hauptwerke der Überlieferung zur Frühlings- und Herbstzeit (Zuoshichuan, Gongyangchuan und Guliangchuan).
34
34.
Ein großer Feldherr, der auf dem Weg der Schlacht seine Soldaten einsetzt, verfügt über vier Dinge, nämlich: Rechtschaffenheit, Kunstfertigkeit, Mut und Einsicht. Erstens muss er sich die Qualität der Rechtschaffenheit zu eigen machen. Wenn es zum Kampf kommt, gilt es über Rechtschaffenheit und Unredlichkeit zu reflektieren. Wenn durch die Vorbereitung in der Truppenführung die Soldaten stark sind, dann werden sie den Feind zweifellos besiegen. Einen Kampf zu beginnen wenn es keinen echten Feind gibt ist Unredlichkeit. Einen solchen Kampf darf man nicht beginnen. Darin besteht die Qualität der Rechtschaffenheit. Zweitens, wenn es einen Kampf gibt, braucht es unbedingt Kunstfertigkeit. „Kunstfertigkeit“ meint die Vorbereitung der Truppen und die Beherrschung der Methoden um den Feind zu besiegen. Wer diese Kunstfertigkeit nicht hat, der kann nur schwer seinen Feind besiegen. All die zehntausend Optionen entwickeln sich aus der Kenntnis der Kunstfertigkeit. Insbesondere da der Kampf der Ort ist, „an welchem über Leben und Tod, Fortbestand und Untergang entschieden wird“, ist es äußerst wichtig diese Kunstfertigkeit zu besitzen. 56 Drittens, im Kampf, braucht es Mut. Ohne Mut hat man nicht die notwendige Kraft und Stärke, um den Gegner zu bezwingen. Schließlich ist noch Einsicht vonnöten. Ohne Einsicht kann der Weg des Militärs zu keiner Zeit erfolgreich gegangen oder abgeschlossen werden. Darum beginnt und endet der Weg des Kampfes mit Einsicht. Der Edle auf dem Weg des Kampfes darf nicht ohne diese vier sein.
35.
Unter den fünf Arten von Soldaten gebraucht der Edle die rechtschaffenen und anpassungsfähigen. Heuchlerische, prahlerische und gierige Soldaten setzt der Edle nicht ein; ihrer bedient sich nur der gemeine Mann.
36.
Fan Zhongyan hat gesagt: „Feldherren, welche nicht das Alte und Neue kennen, haben nur gewöhnlichen Mut. Große Feldherren haben ein breites Wissen und kenne das Alte und Neue.“ Man soll sich nicht auf den Mut eines einzigen verlassen; das ist die Art der gewöhnlichen Leute. 57
56 Sunzi, I.1.: „Der Krieg ist für den Staat ein großes Wagnis, er ist der Ausgangspunkt des Lebens oder des Todes, ist der Weg zum Weiterbestehen oder zum Untergang. Dies zu begreifen, ist notwendig.“
57 Ein Politiker und Schriftsteller der Song-Zeit; 1041 wurde er zum stellvertretenden Militärbeauftragten im Krieg gegen die Tanguten ernannt.
35
37.
Bei der Aufstellung der Truppen und im Einsatz der Soldaten soll man mit Güte und Rechtschaffenheit vorgehen. Das bedeutet, Schwert und Pinsel zu gebrauchen. Wenn man ohne Schwert und Pinsel zu gebrauchen Soldaten einsetzt, lässt es sich schwerlich vermeiden, zu einem Räuber und Dieb zu werden. Man soll durch den Einsatz von Soldaten nicht gegen die alles Leben leitende Güte verstoßen. Der Weise gebraucht Soldaten nur, wenn es unvermeidbar ist. Das bedeutet, dem Weg des Himmels zu folgen. Die Soldaten eines Weisen folgen der Rechtschaffenheit. In ihrem Innern tragen sie die Güte. Das ist es, was bei den Brüdern Cheng bezüglich des Maulbeerbaum-Schädlingskäfers heißt: „Ihn zu töten verstößt gegen die Güte, ihn am Leben zu lassen verstößt gegen die Rechtschaffenheit.“ So ist das Bewusstsein eines Weisen wenn er Soldaten einsetzt.
36
Glossar
36 Strategeme: I.6,17 Akechi Mitsuhide (1526-1582): I.28 Asai: II.5 Asikaga Takauji (1305-1358): I.17 Cao Cao (Meng De, Wu Ti, 155-220): I.17 Chen Yüan Bin (1587-1671): I.7 Ch´eng I (1033-1107)/Ch´eng Hao (1032-1085): I.1; II.37 Fan Zhongyan (989-1052): II.36 Guoyu („Reden über die Länder”): I.29 hon-matsu („Zweige und Wurzeln“): I.1,4,14; II.3 Kobayakawa Takakage (1532-96): II.5 Kôyô gunkan („Kriegschronik der Takeda“):I.18 Kudô Suketsune (gest. 1193): II.4 Kusunok Masashige (1294-1336): I.17 Li Tai-po (701-762): I.13 Liu Bang (256-195): II.15 Lun yü („Diskurse“): I.1,24; II.2,6 Lü Buwe („Frühling und Herbst des Lü Buwe“): I.28 Menzius: I.2,17,20; II.9 Naitô Shuri (1522-1575): I.18 Nihongi („Japanische Aufzeichnungen“): II.22 Oda Nobunaga (1534-1582) : I.28; II.5
Soga no Sukenari (1172-1193) und Soga no Tokimune (1174-1193): II.4 Sanryaku („Drei Strategien“) II.7 Shibata Katsuie (1530-1583): II.23 Shiji („Historische Aufzeichnungen“): II.14 Sogaki („Aufzeichnung über die Soga”): II.4 Sunzi: I.17; II.5,14,20,26,34 Toyotomi Hideyoshi (1536-1598): II.5,23 Wu Yun (Wu Zixu; ?-484v.u.Z.): II.4 Wuzi: II.30 Xiang Ji (232-202): II.15
37
Xuan Zong (15.Jh.): II.15 Xunzi: II.10
Yantielun („Aufzeichnungen über Salz und Eisen“): II.20 Yijing („Buch der Wandlungen“): I.17,18 Ying Zong (15.Jh.): II.15
Yoshisada gunki („Kriegsaufzeichnungen von Yoshisada“): II.4 Zhang Liang (gest. 189 v.u.Z.): II.4 Zhang Nan-xuan (1133-1180): I.16 Zhuge Liang (181-234): I.17
Zuochuan („Frühling und Herbst der Zuo-Überlieferung“): II.31
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Arbeit zitieren:
Dr. Julian Braun, 2009, Kaibara Ekken (1630-1714): "Abhandlung zum Kämpferischen" (Bukun), München, GRIN Verlag GmbH
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