5.1 Forschungsleitende Fragen und Annahmen 62
5.2 Die Gruppendiskussion als Instrument der Datenerhebung. 67
5.2.1 Auswahl der Teilnehmer und Gruppenzusammensetzung. 68
5.2.2 Diskussionsleitfaden, Diskussionsverlauf und Moderatorenrolle. 69
5.2.3 Auswertung der Daten auf Basis der qualitativen Inhaltsanalyse 70
6. Ergebnisdarstellung 72
6.1 Annahmen zu Verbreitung und Ausmaß von Doping im Sport und
(moralische) Bewertung der Doping-Manipulationen 72
6.2 Bewertung des Umgangs verschiedener Medienangebote mit Doping 81
6.3 Erwartungen an den Sportjournalismus 86
6.4 Auswirkung auf das Sportmedien-Nutzungsverhalten. 90
7. Diskussion und Hypothesengenerierung. 94
8. Epos oder Epo - Resümee und Ausblick. 106
9. Literaturverzeichnis. 112
Anhang I: Diskussionsleitfaden. 123
Anhang II: Beispiel für Kategorienbildung. 125
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Zwiebel’-Modell von Siegfried Weischenberg 8
Abbildung 2: Mehr-Klassen-Gesellschaft im Sportjournalismus 20
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Einflussfaktoren auf die Aussagenproduktion zur Doping-Thematik 9
Tabelle 2: Dimensionen bzw. zentrale Subthemen der Diskussionsrunden. 71
Tabelle 3: Hypothesen über die Wahrnehmung und Bewertung der Doping-
Problematik durch den Rezipienten und die Auswirkungen der
Problematik auf die Sportrezeption 110
1. Einleitung
Pünktlich zum Feierabend ist alles für ein packendes Finale angerichtet. Seit über sechs Stunden sitzen die Fahrer nun schon im Sattel, seit einer Stunde quälen sie sich den Schlussanstieg zur in 2000 Meter Höhe gelegenen französischen Ortschaft Tignes hinauf, dem Zielort der achten Etappe. Von Kilometer zu Kilometer ist die Spitzengruppe kleiner geworden: Ausscheidungsfahren nennen die Kommentatoren das. Nur noch eine Hand voll Spitzenfahrer kann das Tempo der Groupe Maillot Jaune mitgehen. Der Zoom einer der unzähligen französischen Kameras ermöglicht das Lesen in den Gesichtern der Fahrer: Sie sind gezeichnet von den unmenschlichen Strapazen. Immer mehr Fans feuern die Fahrer frenetisch, fast schon ekstatisch an. Immer schmaler wird die Schneise durch die vielfarbige, Fahnen schwenkende, brüllende Masse der Zuschauer. Die Spannung nähert sich dem Siedepunkt. Gebannt warten die Fernsehzuschauer auf den Angriff einer der Favoriten, der die Etappe - ja vielleicht sogar die ganze Tour - entscheiden wird.
Die Fernsehbilder der 94. Tour de France, des drittgrößten Sportereignisses der Welt, boten dem Zuschauer die altbewährte Dramatik und Action: Spektakuläre Massensprints, kraftraubende Zeitfahren mit Sturzgefahr und Bergankünfte in schwindelerregender Höhe, die dem Beinamen ‚Tour der Leiden’ alle Ehre machen. Und doch istzumindest für die ARD-Zuschauer - dieses Jahr alles anders: Mit jeder Radumdrehung, die die Protagonisten dem Etappenziel näher bringt, hören die Zuschauer ähnliche Begriffe des ‚Moderatoren-Neusprechs’: ‚Epo-Sünder’, ‚Blut-Doping’, ‚Neuanfang’, ‚Kontrollsystem’, ‚positiv getestet’... Keine Huldigung einer außergewöhnlichen Leistung, eines ‚Bergsprints’ oder ‚furiosen Zeitfahrritts’ mehr ohne eine ernüchternde Einschätzung der Art: „Wir hoffen, dass er sauber ist. Sicher sein können wir nicht“. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben einen Kurswechsel eingeschlagen, für den Südwestrundfunk-Sportchef Michael Antwerpes das Motto ausgibt: „Der Sport muss eine Zukunft haben. [...] Wenn wir den Dopingskandal nicht thematisieren, können wir es auch gleich sein lassen.“ (Dobbert 2007) Doch auf halbem Weg nach Paris fand die neue Art der öffentlich-rechlichen Radsport-Berichterstattung ein plötzliches Ende: Nach dem Bekanntwerden der positiven A-Probe des T-Mobile-Fahrers Patrik Sinkewitz gaben ARD und ZDF den koordinierten Ausstieg aus der Live-Berichterstattung der Tour de France bekannt. Bereits vor Tourstart hatten die ARD und ZDF-
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Verantwortlichen erklärt, über einen Ausstieg aus der Tour de France zu beraten, werde ein neuer Dopingfall, insbesondere bei den deutschen Radställen T-Mobile oder Gerolsteiner, bekannt. Den Ausstieg nutzte ein bis dato nicht gerade für seine Sportkompetenz bekannter Sender zum Einstieg: Die ProSiebenSat.1 Media AG erwarb die freigewordenen TV-Rechte. „Die Tour ist ein großer Wettbewerb. Ich mag nicht einsehen, warum ein TV-Sender da die Zensur einführt. Der Zuschauer soll entscheiden, ob er die Rennen verfolgen will oder nicht. Wir senden, solange die Organisatoren die Tour nicht abbrechen. Parallel thematisieren wir das Doping-Problem“, verkündete der Vorstandsvorsitzende des Konzerns, Guillaume de Posch. (FAZ.NET 2007) Dessen ungeachtet brachte diese Entscheidung Sat.1 viel Kritik ein. Der SPD-Politiker Peter Danckert, Vorsitzender des Sportausschusses im Bundestag, nannte es „schäbig und indiskutabel“ die Übertragung der durch Doping belasteten Tour zu übernehmen. (Vgl. Ahrens 2007) Die WELT konstatierte bezüglich des Umgangs der beiden Sat.1- ModeratorenTimon Saatmann und des ehemaligen Radprofis Mike Kluge mit der Doping-Problematik: „Das Duo verhalf dem unter Dopingverdacht stehenden Jan Ullrich […] zu einem medialen Comeback und mied ansonsten das böse D-Wort“ (Renne 2007). Auch der Zuschauer zeigte der Sat.1-Berichterstattung die kalte Schulter: Gab der Sender kurz nach Einstieg in die Übertragungen noch als Ziel an „schnell zweistellige Quoten zu erreichen“ (FAZ.NET 2007), so ermittelte die Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung bis zum Ende eine durchschnittliche Zuschauerzahl von 0,71 Millionen, was einem Marktanteil von nur 5,7 Prozent entsprach (vgl. Walter 2007). Die voreilige Schlussfolgerung, dass die Zuschauer die Sat.1-Berichterstattung auf-grund ihrer Ignoranz der Doping-Problematik abstraften, verbietet allerdings ein Vergleich zwischen den Quoten der öffentlich-rechtlichen Sender und des Privatsenders Eurosport, der die Rundfahrt ebenfalls von Beginn an übertrug. Bis zum Ausstieg von ARD und ZDF schalteten im Schnitt täglich 1,5 Millionen Sportfans ein (Marktanteil: 13,2 Prozent). In der ersten Tour-Woche erzielten ARD und ZDF sogar nur 8,9 Prozent. Zum Vergleich: Bei der aufgrund des Rauswurfs von Top-Favoriten wie Jan Ullrich und Ivan Basso bereits durch Doping-Belastungen gebeutelten Tour- Übertragung 2006 wurden noch 13,7 Prozent, 2005 sogar noch der Traum-Marktanteil von 23,1 Prozent erreicht (vgl. Leyendecker 2007a). Als großer Profiteur erwies sich dagegen der Sportkanal Eurosport, der die Doping-Problematik weitgehend ignorierte, aber seine Quoten gegenüber dem Vorjahr fast verdreifachen konnte und über die 20 Etappen durchschnittlich einen Marktanteil von 4,9 Prozent erreichte (vgl. Walter 2007).
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Die hier skizzierten Entwicklungen auf dem Markt der TV-Sportberichterstattung unterstreichen die Relevanz der Doping-Problematik für den Sportjournalismus, doch ergeben sich nicht allein für diesen Konsequenzen. Schlaglichtartig lassen sich anhand des Beispiels Tour de France die Auswirkungen der Doping-Problematik auf eine „Symbiose aus Wirtschaft, Sportsystem und Medien” aufzeigen, deren „empfindliches Gleichgewicht wohl auf dem Streben nach Gewinnmaximierung und positiver Wahrnehmung basiert” (Schauerte/Schwier 2004a: 7). So gaben nach den Doping-Enthüllungen der Tour de France viele Sponsoren bekannt, über einen Rückzug aus dem Radsport nachzudenken, darunter Telekom und Adidas, die Sponsoren des T-Mobile-Teams, aber auch Skoda, Audi, Gerolsteiner oder Milram (vgl. Waldermann 2007). Ausschlaggebend für solche Überlegungen sind dabei nicht nur die durch den Einbruch der Einschaltquoten ausgelösten Reichweitenverluste, sondern auch eine mögliche Schädigung der Markenwerte: „Kommen Sportler oder Veranstaltungen auf-grund von Doping- und Bestechungsvorwürfen in Verruf, birgt dies auch die Gefahr eines negativen Imagetransfers auf den Sponsoren” (Bruhn 2004: 237). So kommentierte aktuell Hartmut Zastrow, Chef der Kölner Marktforschungsagentur Sport+Markt im SPIEGEL: „Das Thema Doping ist nicht mehr beherrschbar - für Sponsoren ist der Radsport erst mal tot.” (Gorris/Hacke 2007: 109) Inzwischen gaben unter anderen die Groß-Sponsoren Adidas, Telekom und Gerolsteiner ihren Rückzug bekannt. Dies hat auch Konsequenzen für den organisierten Spitzensport in Deutschland, der von Einnahmen aus den TV-Übertragungsrechten und Sponsoren abhängig ist. So wird sich etwa das Team Gerolsteiner aller Voraussicht nach Ende 2008 auflösen müssen, zudem hat ein Sterben von Radrennen eingesetzt: Rheinland-Pfalz-, Niedersachsen- oder Hessen-Rundfahrt sind nur die prominentesten Beispiele. (Vgl. Hungermann 2008) Längst hat sich der Spitzensport zu einem Milliarden-Markt entwickelt, von dem alle Parteien profitieren. In den vergangenen Jahren führten regelmäßig Sportsendungen die Ranglisten der meistgesehenen Angebote an - noch vor Unterhaltungssendungen, Nachrichten oder Spielfilmen (vgl. Zubayr/Gerhard 2004: 29). Nicht zuletzt aufgrund dieser beeindruckenden Reichweiten investierten die Unternehmen laut der Studie „Sponsor Visions“ 2007 in Deutschland 2,5 Milliarden Euro in das Sportsponsoring (vgl. Pilot Group 2008). Derlei Einnahmen kommen auch den sportlichen Protagonisten zugute, in den beliebtesten Sportarten werden nicht selten Jahresgehälter in Millionenhöhe gezahlt.
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Wird von einigen Autoren dieses System des Mediensports als „Magisches Dreieck” (Wernecken 2000: 27; Blödorn 1988: 100) bezeichnet oder als „Dreiecksverhältnis zwischen Werbung, Medienveranstaltung und Sport” (Hoffman-Riem 1988: 15) beschrieben, so ergänzt Hagenau dieses Modell um eine weitere Ebene: das Publikum. Wie schon implizit in Bezug auf die Verwerfungen auf dem TV-Markt thematisiert, hat dieses einen zentralen Einfluss auf die Gestaltung des Mediensports: Einschaltquoten und Reichweitenmessungen werden quasi als Medienwährung von allen Beteiligten angesehen. Mit Hilfe des Tausender-Kontaktpreises werden die Kosten für Werbezeiten und -platz berechnet […]. Über diejenigen Medieninhalte, die von möglichst vielen Personen wahrgenommen werden, wird in der Regel auch zukünftig berichtet. (Hagenau 2004a: 22)
Allen Maßnahmen von Sport, Medien und Wirtschaft ist damit ein Ziel gemein: der Rezipient, dessen Aufmerksamkeit die „Geschäftsgrundlage zwischen allen am Sport-Medien-Komplex beteiligten Parteien” (Schauerte/Schwier 2004a: 7) bildet. Wie nun der Rezipient auf die vermehrt auftretenden Doping-Manipulationen reagiert, stellt daher eine für die zukünftige Entwicklung des Mediensport-Komplexes zentrale Frage dar. In Anlehnung an den häufig genutzten emotionalen Treibstoff der Sportberichterstattung, an die Beschreibung von Märchen und Tragödien des Sports und die „Radfahrerdroge“ Erythropoetin (kurz: Epo) wurde diese Fragestellung im Titel der vorliegenden Arbeit zugespitzt.
Fokussierten die bisher erfolgten Beschreibungen meist die Berichterstattung im Fernsehen, so ist zu betonen, dass der Sport auch in den Printmedien, im Hörfunk und im Internet zu einem wichtigen inhaltlichen Pfeiler geworden ist, wie im Rahmen dieser Untersuchung noch an späterer Stelle belegt wird. Für die Sportberichterstattung in allen Medien und potentiell auch von allen Sportarten - nicht nur vom Radsport - ist die Doping-Problematik von höchster Brisanz. Schließlich erfasste die Flut der in den letzten Jahren zustande gekommenen Dopingdemaskierungen eine ganze Reihe von Sportdisziplinen - wie die Sportsoziologen Bette und Schimank unterstreichen: War die Kommunikation über Doping lange Zeit lediglich ein Umweltrauschen, das den Spitzensport als Hauptthema nur peripher berührte, hat sich diese Situation in den letzten Jahren nachhaltig geändert. Das Rauschen ist immer stärker geworden und überlagert die Eigenfrequenz des sportlichen Konkurrenzhandelns so stark, daß sich interessierte Sportbeobachter mittlerweile fragen, ob es nicht schon den Status einer ultrastabilen und systemimmanenten Größe erreicht habe, mit der trotz verstärkter Kontroll-und Eingrenzungsbemühungen fest zu rechnen sei. (Bette/Schimank 2006: 8) Für das Sportjahr 2008 steht so mit den Olympischen Sommerspielen in Peking eine sportliche Großveranstaltung an, bei der Experten aufgrund der vielen Produktionsstätten für Dopingmittel in China, den Problemen internationaler Doping-Kontrolleure im
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Vorfeld und nicht zuletzt Chinas Ehrgeiz, im Medallienspiegel ganz oben zu stehen, massive Doping-Manipulationen, insbesondere chinesischer Sportler, befürchten. Auf Grundlage der bisherigen Beschreibungen lässt sich also festhalten, dass Doping-Manipulationen für die Sportberichterstattung und indirekt auch für die Entwicklung des gesamten skizzierten Mediensportsystems nicht nur ein relevantes, sondern auch äußerst aktuelles Problem darstellen. Dennoch existieren bis dato keinerlei Untersuchungen darüber, was die Rezipienten eigentlich vom Sportjournalismus bezüglich der Thematik erwarten und wie sich diese Erwartungen auf die Sportmediennutzung auswirken könnten. Im Rahmen dieser Untersuchung soll mit Hilfe der folgenden Forschungsfragen ein erster Versuch unternommen werden, diese Forschungslücke zu schließen: 1. Wie schätzen die Rezipienten das Ausmaß und die Verbreitung von Doping-Manipulationen ein und wie bewerten sie diese (moralisch)? 2. Wie bewerten die Rezipienten den Umgang des Sportjournalismus mit der Doping-Problematik? 3. Wie stellen sich die Rezipienten einen adäquaten journalistischen Umgang mit der Doping-Problematik vor? 4. Welche Auswirkung auf ihr Sportmediennutzungsverhalten schreiben die Rezipienten der Doping-Problematik zu?
Da zu dieser Thematik bisher kaum empirische Ergebnisse vorliegen, kann es sich bei der vorliegenden Untersuchung nur um eine erste qualitative Erkundungsstudie handeln. Deren Ziel ist es, erste Hypothesen darüber herauszuarbeiten, wie die Rezipienten die Doping-Manipulationen im Sport und den sportjournalistischen Umgang mit dieser Thematik wahrnehmen und bewerten, sowie erste Hinweise über die Auswirkung der Doping-Problematik auf die Nutzung von Sport in den Medien zu ermitteln. Da sich die Vorgehensweise dieser Untersuchung wesentlich aus dem Forschungsstand zum Mediensport ergibt, soll dieser im Folgenden knapp umrissen werden. Nach Möller und Strauß müssen vier Bereiche unterschieden werden, die die massenmediale Sportkommunikation tangieren: die Kommunikatoren, die Rezipienten, die vermittelten Aussagen und die vermittelnden Medien (vgl. Möller/Strauß 1993: 6). Die vorliegende Arbeit behandelt nach dieser Systematik das Forschungsfeld ‚Rezipienten’. Während allerdings für den Bereich des Mediensports auf der Angebotsseite eine gut ausgebaute Forschung besteht, lassen sich aus den vorliegenden rezipientenorientierten Studien „nur schwerlich differenzierte und empirisch fundierte Aussagen über die psychologischen Prozesse auf Seiten der Rezpienten von Mediensportangeboten ableiten, wie zum Beispiel erwartete oder erhaltene Gratifikationen, die Wahrnehmung sowie kognitive und emotionale Verarbeitung von Sportpräsentationen“ (Gleich 1998: 144).
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Allerdings ist unstrittig, dass zwischen dem sportjournalistischen Angebot und der Nachfrage der Rezipienten eine enge Wechselbeziehung besteht. Die Frage, welche Sportberichterstattung die Rezipienten erwarten, ist daher nicht losgelöst von der vor-handenen Sportberichterstattung zu betrachten. Schmidt und Zurstiege stellen fest, dass Journalismus über das berichtet, wofür er öffentliches Interesse unterstellt, gleichzeitig aber dieses öffentliche Interesse selbst in erster Linie durch das bedingt sei, worüber der Journalismus eben berichtet (vgl. Schmidt/Zurstiege 2000: 180). Möller und Strauß folgen bei ihrer Beschreibung der Zusammenhänge im Forschungsfeld ‚Me-diensport’ diesem Standpunkt:
Der Komplex der Mediensportproduktion schafft die Information, die durch die Sportjournalisten in verschiedenen Medien als vermittelte Sportinhalte an die Rezipienten herangetragen werden, die auf dieser Grundlage ihre eigene Rezipientenrealität erzeugen. Diese dokumentiert sich in Rezipientenmerkmalen wie Kognitionen, Emotionen und Verhalten. Mediensportproduktion wird durch die Rezipientenmerkmale wie beispielsweise Konsumverhalten, bestimmte Einstellungen, Einschaltquoten wiederum beeinflußt. Der Rahmen wird durch die jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen (Mediengesetzgebung, Monopolstellungen, Moralvorstellungen usw.) gesetzt. (Möller/Strauß 1993: 6)
Die geschilderten Zusammenhänge machen deutlich, dass auch Studien, die sich mit der Seite des sportjournalistischen Angebots wie etwa den inhaltlichen und formalen Merkmalen der Sportberichterstattung, Einstellungen der Sportjournalisten sowie der gesellschaftlichen Position des Berichterstattungsgegenstands Sport beschäftigen, Anhaltspunkte hinsichtlich der Erwartungen und Wünsche des Publikums liefern können. Um einen Überblick über diese sportjournalistische Angebotsseite zu erhalten, bietet sich eine Übertragung des ‚Zwiebel’-Modells von Weischenberg auf den Sportjournalismus an, da sich unter Betrachtung von Normenkontext, Strukturkontext, Funktionskontext und Rollenkontext, die die verschiedenen Dimensionen des Modells darstellen, nachvollziehen lässt, wie sportjournalistische Aussagen zur Doping-Problematik entstehen. Hierbei sollen (auch) konsequent die entsprechenden relevanten Publikumsbilder und -vorstellungen herausgearbeitet werden, die erste Anhaltspunkte zur Anlage der Rezipientenstudie liefern sollen. Gleichzeitig kann dieses Anfangskapitel den Hin-tergrund bilden, vor dem die Ergebnisse der Rezipientenbefragung, also die Bewertungen und Einschätzungen zum Thema Doping und dem sportjournalistischen Umgang mit der Doping-Problematik, später eingeordnet werden können. Da der größte Teil der Rezipienten wohl keine persönliche Erfahrung mit dem hat, was unter sportjuristischen Bedingungen als ‚Doping’ bezeichnet wird und diese Thematik nur aus den Medien kennt, ist anzunehmen, dass die medial vermittelten Aspekte der Doping-
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Problematik den öffentlichen Diskurs wesentlich prägen. Im nächsten Schritt muss daher unter 3.1 genauer auf die wenigen Forschungsergebnisse zu Umfang und Art der Doping-Thematik in der Sportberichterstattung eingegangen werden. Anschließend möchte ich in Kapitel 3.2 darstellen, wie die Rolle des Sportjournalismus in der Doping-Problematik innerhalb der Printmedien reflektiert wurde und auf welche der unter 2. skizzierten Kontextbedingungen die Beiträge sich beziehen. Mit Hilfe dieser Vorgehensweise sollen die aus der Perspektive der Rezipienten zentralen relevanten Sachverhalte der Doping-Problematik antizipiert werden, um sie zur Konzeption der Befragungen zu nutzen. Im anschließenden vierten Kapitel erfolgt dann der Wechsel auf die weniger gut erforschte Rezeptionsseite. Durch die Betrachtung des Umfangs und der Motive von Sportmediennutzung sowie des Rezeptionsverhaltens sollen wesentliche Anhaltspunkte hinsichtlich der Auswirkung der Doping-Problematik auf das Sportmedien-Nutzungsverhalten ermittelt werden. Sowohl Kapitel drei als auch Kapitel vier ließen sich nach dem Weischenberg-Modell durchaus auch unter der Dimension ‚Funktionskontext’ behandeln. Aufgrund der Wichtigkeit für die Konzeption der Re-zeptions-Erkundungsstudie und einer besseren Leserführung sind diese Aspekte des Funktionskontextes aber in eigene Gliederungspunkte ‚ausgegliedert’. Im empirischen Teil der Arbeit werden zunächst unter Gliederungspunkt 5.1 die auf Basis der theoretischen Erörterungen identifizierten forschungsleitenden Annahmen zu den einzelnen Fragestellungen der Studie zusammengefasst und damit das spezifische Erkenntnisinteresse der Untersuchung expliziert. Hierauf folgt eine kurze Darstellung der Gruppendiskussion als angewandter Methode zur Datenerhebung sowie der qualitativen Inhaltsanalyse, auf deren Basis die Auswertung der gewonnenen Daten erfolgte. In Kapitel sechs werden die Ergebnisse der Studie zunächst ausführlich dargestellt, bevor sie im folgenden siebten Kapitel mit Bezug auf die forschungsleitenden Fragen und Annahmen kurz diskutiert werden. Die Evaluierung der Ergebnisse schließt mit der Generierung von zehn Hypothesen zum angenommen Ausmaß und der Verbreitung von Doping-Manipulationen im Sport, zur Bewertung des sportjournalistischen Umgangs mit der Doping-Thematik sowie zu den themenspezifischen Rezipienten-Erwartungen und den Auswirkungen auf das Sportmedien-Nutzungsverhalten ab. Im achten Kapitel werden die Ergebnisse der Studie in Bezug auf das grundlegende Erkenntnisinteresse der Arbeit abschließend bewertet und zukünftige Forschungsperspektiven identifiziert.
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2. Die Systemkontexte des Sportjournalismus und ihr Einfluss auf die
journalistische Bearbeitung der Doping-Thematik
Sportberichterstattung entsteht innerhalb des komplexen, spezialisierten sozialen Systems des Sportjournalismus, das sich als Subsystem des Journalismus auffassen lässt. Auf die Aussagenproduktion dieses Systems Sportjournalismus nehmen dabei eine Vielzahl von Faktoren Einfluss. Zur systematischen Erfassung dieser Faktoren eignet sich in besonderer Weise das heuristische ‚Zwiebel’-Modell von Siegfried Weischenberg, da es die Möglichkeit bietet, unterschiedlich theoretisch orientierte und methodisch konzeptionierte Studien zu integrieren und so Einflüsse auf verschiedenen Ebenen sichtbar zu machen. Diese Ebenen bilden im Weischenberg-Modell die Mediensysteme, Medieninstitutionen, Medienaussagen und Medienakteure (vgl. Abbildung 1).
Abbildung 1: ‚Zwiebel’-Modell von Siegfried Weischenberg
Im Folgenden soll dieses für den Journalismus entwickelte Modell nun auf den ausdifferenzierten Bereich des Sportjournalismus übertragen werden, wobei die bereits vor-handenen Transfers, die Wiebke Loosen und Michael Schaffrath mit leicht differierenden Ergebnissen geleistet haben, Orientierung bieten (vgl. Loosen 2001: 134ff.; Schaffrath 2006: 175f.). Auf Grundlage dieser Deklinationen lassen sich - nach Sichtung der Forschungsliteratur - folgende Kontextfaktoren des Sportjournalismus als maßgeblich für die Aussagenproduktion zur Doping-Thematik verstehen (vgl. Tabelle 1).
Der Normenkontext umfasst die gesellschaftlichen Bedingungen, rechtlichen Grundlagen sowie die professionellen und ethischen Standards für journalistische Berufstätigkeit, die den Sport zu einem besonderen Berichterstattungsgegenstand machen und sich so auch auf die Doping-Berichterstattung auswirken. Auf der Ebene der Sportmedieninstitutionen lassen sich ökonomische, organisatorische und technologische Einflüsse beschreiben, die den strukturellen Kontext für sportjournalistisches Handeln bilden und bis zu einem bestimmten Grad determinieren, welche Wirklichkeitsentwürfe der Sportjournalismus - auch zu einem komplexen Phänomen wie Doping - liefert. Der Funktionskontext umfasst die Leistungen und Wirkungen des Systems Sportjournalismus. Zentrale Frage ist hier, aus welchen Quellen Sportjournalisten Informationen beziehen und mit Hilfe welcher Berichterstattungsmuster und Darstellungsformen sie Doping-Manipulationen thematisieren. Die innere Schicht bildet schließlich der Rollenkontext. Eingeschlossen in Normen-, Struktur- und Funktionszusammenhänge sind die Sportjournalisten doch „letztlich autonom bei ihren Wirklichkeitskonstruktionen“ (Weischenberg 1998: 70). Hinsichtlich der Medienakteure sind die zu untersuchenden Themen die Qualität der sportjournalistischen Ausbildung, das Selbstbild der Sportjournalisten und ihr Rollenselbstverständnis zwischen Informator und Unterhalter. Diese skizzierten Faktoren, die auf das System Sportjournalismus wirken und die Aussagenentstehung zur Doping-Thematik prägen, sollen im Folgenden also näher beschrieben werden.
2.1 Die Ebene der Sportmediensysteme
Den äußeren Kreis im ‚Zwiebel’-Modell bilden die Normen, welche im Mediensystem Gültigkeit besitzen. Im System Sportjournalismus sind hier insbesondere die gesellschaftliche Bedeutung des Sports und die daraus resultierenden gesetzlichen Regelungen zur sogenannten ‚Schutzliste’ und zur ‚Kurzberichterstattung’ relevant sowie die weniger formalisierten professionellen und ethischen Standards für sportjournalistische Berufstätigkeit, etwa der Kodex des Verbandes Deutscher Sportjournalisten (VDS).
2.1.1 Gesellschaftliche Bedeutung des Sports und rechtliche Grundlagen der Berichterstattung
Sind Bezeichnungen wie „Sportgesellschaft“ (Hackforth 2001: 33) auch etwas hoch gegriffen, so ist die große gesellschaftliche Bedeutung des Sports doch unbestritten. Denn zunächst lässt sich festhalten, dass der Sport in seinen unterschiedlichen Er-
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scheinungsformen eine wichtige Rolle für die Freizeitgestaltung spielt. Wernecken konstatiert aus verschiedenen Erhebungen, dass der Anteil der Sportaktiven von 1950 bis 1980 stetig zugenommen hat (vgl. Wernecken 2000: 18ff.). Für die 1990er Jahre zeigt sich dagegen ein anderes Bild. Während 1987 noch 45 Prozent der Bevölkerung zu den aktiven Sportlern gehörten, sind es im Jahr 2000 nur noch 34 Prozent. Der Frei-zeitforscher Opaschwowski sieht die Deutschen in der Zukunft sogar auf dem Weg zu einem „Volk von Sportmuffeln“ (Opaschwoski 2001: 82). Im Unterschied zur Zahl der Sportaktiven steigt die Zahl der Sportinteressierten dagegen seit den 1980er Jahren stetig an. So bezeichnen sich etwa nach einer Umfrage von 1998 87 Prozent der Bevölkerung als sportinteressiert, nur 13 Prozent als völlig desinteressiert (vgl. Wernecken 2000: 23). Es gilt hier also zu bedenken, dass „viele sportbegeisterte Fernsehzuschauer sich selbst als Sportler verstehen, selbst wenn für manche sich diese Begeisterung auf den Konsum medial aufbereiteter Angebote beschränkt“ (Rademacher 1998: 9). So gehört der passive Sportkonsum inzwischen für mehr Menschen zum festen Freizeitrepertoire als das eigene Sporttreiben (vgl. Opaschowski 2001: 81ff.). Einen zunehmenden Einbruch erhebt nach Opaschowski insbesondere der organisierte Vereinssport. So ging zum Beispiel der Anteil an Sportvereinsmitgliedern zwischen 1990 und 2000 von 29 Prozent auf 21 Prozent zurück. Dies ist für die gesamtgesellschaftliche Stellung des Sports von besonderer Relevanz, da insbesondere dem Brei-ten-Vereinssport eine in vielfacher Hinsicht „integrierende Funktion“, sogar eine „herausragende soziale Bedeutung“ (Dörr 2000: 40) zugeschrieben wird, die auch den Grund für umfassende staatliche Förderungsleistungen darstellt 1 . Diese unterstützende Funktion für das gesellschaftliche Zusammenleben betont auch der 11. Sportbericht der Bundesregierung aus dem Dezember 2006:
Der gemeinsam betriebene Sport ist dabei zugleich ein geselliges verbindendes Erlebnis jenseits anonymer Wohnviertel oder kultureller, sozialer und sprachlicher Unterschiede. Wie kaum eine andere Freizeitbeschäftigung ist „Sport vor Ort“ in der Lage Menschen unterschiedlichster Herkunft, aber auch unterschiedlichen Alters zusammenzuführen. (Deutscher Bundestag 2006: 11)
Zudem wird der Sport als stabilisierende und Werte vermittelnde Institution für das Gemeinwesen verstanden:
Sport fördert nicht nur Gesundheit und Gemeinschaftssinn; fairer Wettkampf steht für Werte, die auch außerhalb des Sports wichtig sind, wie z.B. Leistungswillen, Ausdauer, Teamgeist, Fairness und regelgerechtes Verhalten. (Vgl. Deutscher Bundestag 2006: 11)
1 Länder und Kommunen sind für die finanzielle Förderung des Breitensports zuständig. Der Bund tritt dagegen als Förderer des Spitzensports auf: In den Jahren 2002 bis 2005 stand hierfür ein Gesamtbetrag von rund 920 Millionen Euro bereit. (Vgl. Deutscher Bundestag 2006: 17)
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Bezog sich die oben erläuterte Integrationsfunktion hauptsächlich auf den Breitensport, so wird als gesellschaftliche Leistung des Spitzensports hauptsächlich die Verkörperung dieser ‚sportlichen’ Werte gesehen. Denn erfolgreiche Spitzensportler fungieren als Vorbilder und transportieren sozial erwünschte Werte. Der Sport bietet so Identifikationsmöglichkeiten im lokalen und nationalen Rahmen und ermöglicht Anschlusskommunikation in der Bevölkerung (Vgl. Dörr 2000: 47ff.). Nicht zuletzt wird die Anregungs- und Animationsfunktion von sportlichen Spitzenleistungen betont, die verstärktes Interesse an sportlicher Betätigung auslösen und damit dem Breitensport zugute kommen kann. (Vgl. Deutscher Bundestag 2006: 11)
Diese vielfältigen Funktionen für das Gemeinwesen bilden auch die Grundlage für die Gesetze zur sogenannten ‚Schutzliste’ und zur ‚Kurzberichterstattung’. Denn in diesen kommt zum Ausdruck, dass der Staat - vor dem Hintergrund des in Kapitel 2.2.1 noch näher geschilderten Anstiegs der Preise für bestimmte Übertragungsrechte - nicht gewillt ist, die Berichterstattung über sportliche Großveranstaltungen vollständig dem freien Spiel der Marktkräfte auszusetzen. Folglich bildet der mit dem 4. Rundfunkstaatsvertrag vom 1.4. 2000 eingefügte § 5a RStV die gesetzliche Grundlage für eine sogenannte ‚Schutzliste’ an sportlichen Großereignissen. Er regelt, dass die bedeutendsten sportlichen Großereignisse im Free-TV frei, d. h. von mindestens zwei Dritteln aller Haushalte empfangbar bleiben müssen. 2 (Vgl. Schauerte 2004a: 43) Darüber hinaus steht seit 1989 nach § 5 RStV (Fassung vom 1.4. 2000) jedem Fernsehveranstalter das Recht auf eine Kurzberichterstattung über sportliche Großereignisse in bewegten Bildern von bis zu 90 Sekunden unentgeltlich zu, unabhängig von verwertungsrechtlichen Verträgen des Sportveranstalters mit anderen Sendern (vgl. Kruse 2000: 14).
Es lässt sich also festhalten, dass der Sport seine gesellschaftliche Bedeutung zunächst durch seine wichtige Rolle bezüglich der Freizeitgestaltung - sei es als aktive Betätigung oder als passive Sportrezeption - gewinnt. Erfüllt der aktive Breitensport insbesondere vielfältige Integrationsfunktionen, trägt zu einer gesunden Lebensweise bei und vermittelt sozial erwünschte Werte, ermöglicht demgegenüber der Spitzensport Identifikationsprozesse, stellt Vorbilder und kann so wiederum positive Einflüsse für
2 Zu diesen sportlichen Großereignissen zählen: Olympische Sommer- und Winterspiele, bei Fußball-Europa- und -Weltmeisterschaften alle Spiele mit deutscher Beteiligung sowie, unabhängig von einer deutschen Beteiligung, das Eröffnungsspiel, die Halbfinalspiele und das Endspiel, die Halbfinalspiele und das Endspiel um den Vereinspokal des Deutschen Fußballbundes, Heim- und Auswärtsspiele der deutschen Fußballnationalmannschaft sowie Endspiele der europäischen Vereinsmannschaften im Fußball (Champions League, Uefa-Cup) bei deutscher Beteiligung. (Vgl. Schauerte 2004a: 43)
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die Entwicklung und Verbreitung sportlicher Aktivitäten und Werte ausüben. Vor dem Hintergrund dieser Funktion sind die im Spitzensport vermehrt auftretenden Doping-Manipulationen von besonderer Relevanz, da sie zu einer Erosion der zu vermittelnden ‚sportlichen’ Werte führen können. So widerspricht Doping etwa der grundlegenden Idee einer Leistungsgerechtigkeit:
Durch Doping werden diese Grundwerte in Frage gestellt. Der faire Wettkampf, in dem die Besten gewinnen und die Verlierer die Leistungen der anderen Athletinnen und Athleten respektieren, ist durch Doping gefährdet. Im Falle von Doping gewinnen nicht mehr diejenigen mit der besten Leistung, sondern diejenigen, die bereit sind, die größeren gesundheitlichen Risiken auf sich zu nehmen. Doping stellt die dem fairen Wettkampf zugrunde liegenden Werte „auf den Kopf“ - der Wert der sportlichen Leistung wird dem Ergebnis des erfolgreicheren Dopings untergeordnet. Doping widerspricht dem Geist des Fairplays, da es die Chancengleichheit aufhebt. (Nationale Anti Doping Agentur o. J.)
Darüber hinaus vertreten Spitzensportler die Bundesrepublik Deutschland bei internationalen Sportgroßveranstaltungen. Ihr positives Auftreten und ihre Erfolge können sich auf den Ruf und das Ansehen Deutschlands in der Welt auswirken. In dem Maße wie Auftritte und Erfolge der einheimischen Sportler „zu einer wesentlichen Facette nationalen Ehrgeizes, nationalen Stolzes und nationaler Identität“ (Dörr 2000: 40f.) geworden sind, können bei internationalen Sportveranstaltungen des Dopings überführte deutsche Sportler auch zur ‚nationalen Schande’ werden.
2.1.2 Ethische Standards der Sportberichterstattung
Während die oben erläuterten Regelungen zur Berichterstattung über sportliche Großereignisse in den Rundfunkstaatsverträgen grundsätzliche Rechtsnormen zum Schutz des mit hoher gesellschaftlicher Bedeutung versehenen Bereichs des Sports darstellen, existieren ergänzend auch berufsethische Ehrenkodizes in Form freiwilliger Selbstverpflichtungen, die nur schwaches Sanktionspotenzial für Zuwiderhandeln beinhalten. Sie liefern keine absoluten Handlungsimperative, sondern bieten lediglich publizistische Grundsätze als „Maßstäbe für das Nachdenken über journalistisches Handeln“ (Weischenberg 1998: 224) an. Für die Profession Journalismus ist als bedeutendster Kodex in Deutschland der Ehrenkodex des Deutschen Presserates zu nennen. Für den Sport als Gegenstand der Berichterstattung entstand allerdings schon früh der Gedanke, dass seine Besonderheit auch ein besonderes Ethos erfordere (vgl. Meinberg 2004: 42). So kreierte der Internationale Sportpresseverband anlässlich seines 1. Kongresses in Paris 1924 eine erste Fassung ethischer Leitlinien für Sportjournalisten. Auffällig ist in dieser insbesondere das umfangreiche pädagogische Motiv:
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Die Sportpresse will eine erzieherische Rolle spielen. Die Sportjournalisten betrachten die Pflege und Förderung aller der Verständigung und dem Frieden unter den Völkern dienenden fortschrittlichen und erzieherischen Bestrebungen als ihre Hauptaufgabe. Berichterstattung und Kritik sollen immer vom Geiste größter Verantwortung und Wahrheitsliebe getragen sein. Die Sportjournalisten sind insbesondere bestrebt, durch unvoreingenommenes und unparteiliches Urteil der Jugend ein nachahmenswertes Beispiel zu geben. Indem sie die vielfach durch sportlichen Übereifer verursachte unsachliche oder unfaire Rivalität bekämpfen, wollen sie den Sport einem höheren Ziel näher bringen: Den Menschen besser zu machen und ein Gemeinschaftsgefühl zu wecken. (Zitiert nach Haffner 1990: 61)
So sieht etwa Meinberg in diesem Kodex auch die Manifestation eines ideologischen Sportverständnis, das „Sport als moralische Besserungsanstalt glorifiziert und starke Anklänge an Coubertins Olympische Idee verrät, die eine pädagogische war“ (Meinberg 2004: 42). Court schreibt dem frühen im Kodex zum Ausdruck kommenden ideologischen Sportverständnis dabei eine weitreichende Wirkung zu. Er sieht in dieser Idealisierung des Sports als „Insel der Seligen“ (Haffner 1990: 58) den Ausgangspunkt einer „Vogel-Strauß-Politik“, die dann entstehe, wenn „eine an sich lautere Absicht dazu führt, politische, ökonomische oder andere Instrumentalisierungen zu übersehen“ (Court 2001: 272). Dabei schlägt er einen historischen Bogen bis zur heutigen - seiner Einschätzung nach von Unterhaltungs- und Inszenierungsszenarien dominierten -Sportberichterstattung:
Vor diesem Hintergrund werden die Gründe verständlich, weshalb die Sportberichterstattung heute als „eine Art permanenter Unterhaltungsschau“ auftritt: Wenn sich die Kluft zwischen dem Sport als idealisiertes Gebilde und den ihn tragenden gesellschaftlichen Erscheinungen auftut, dann ist der Sportjournalismus damit überfordert, ihn nach ethischen Kriterien zu präsentieren, die der Gesellschaft selbst nicht deutlich sind. (Court 2001: 272)
Analog zu den weitreichenden Auswirkungen hatte der 1924er-Kodex auch formal über einen langen Zeitraum Bestand. Erst 1994 verfasste der Club of Cologne in Zusammenarbeit mit dem Verband Deutscher Sportjournalisten und der Deutschen Sportjournalisten-Schule eine Neufassung sportjournalistischer Grundsätze. Dieser neue Ethikkodex hält zwar an zentralen Ideen der 1924er-Deklaration wie einem ‚humanen’ Sport, fairer Berichterstattung und der Abwehr von Diskriminierung fest, trägt aber der Entwicklung Rechnung, dass der Sportjournalist heute in seinem Handeln immer stärker von institutionellen und systembedingten Zwängen beeinflusst wird. So heißt es in Absatz zwei:
Im Umgang mit Beteiligten und Betroffenen sind die Würde des einzelnen, der Schutz seiner Persönlichkeits- und seiner Intimsphäre zu achten. In jedem Fall sind die Folgen der Berichterstattung mitzubedenken. Eine institutionalisierte Selbstkontrolle im Sportjournalismus ist deshalb anzustreben. (Zitiert nach: Schaffrath 2006: 137)
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Court hebt insbesondere diese letztgenannte Forderung nach einem institutions- und folgenethischen Gewand hervor, die sich gegen die alte, rein individuumszentrierte Fassung wendet (vgl. Court 2001: 274). Auffällig ist außerdem, dass eine umfassende Berichterstattung, die „alle Facetten des modernen Sports vom internationalen Spitzen-sport bis zum individuell betriebenen Sport“ beschreibt, proklamiert wird. Anspruch ist zusätzlich, dass diese „negative Entwicklungen im Sport kritisch und kontrollierend kommentiert“. Auch zur erwünschten Art der Präsentation werden Aussagen getroffen, die sich gegen eine unterhaltende Darstellung wenden: „Nicht der (die) Sportjournalist(in) ist die Botschaft, sondern allein das sportliche Ereignis und der sportliche Sachverhalt haben im Zentrum der Veröffentlichung zu stehen“ (Zitiert nach: Schaffrath 2006: 137).
Über die Wirksamkeit dieses Ethikkodexes können nur sehr beschränkt Aussagen getroffen werden. Studien zur Handlungsrelevanz sportjournalistischer Berufsethik, also zur Frage inwieweit Sportjournalisten den Kodex des deutschen Presserates und den sportjournalistischen Ethikkodex kennen, akzeptieren und auch noch einhalten, liegen bislang nicht vor. (Vgl. Schaffrath 2006: 138) Stellt Schaffrath jedoch fest, dass „unbewusste oder auch gezielte Verstöße gegen derartige Selbstverpflichtungen […] immer wieder zu beobachten“ seien, wird auch von Berufsvertretern mitunter selbstkritisch bemerkt, dass der steigende Konkurrenzdruck ethische Richtlinien stark untergräbt. So konstatiert etwa der Redaktionsleiter Fußball beim Südwestrundfunk, Thomas Wehrle: „Die Fragen nach der Moral im Sport, der journalistischen Ethik und der Eigenverantwortung sind nicht unbedingt mehrheitsfähig. Weder beim Publikum noch bei den Programmverkäufern, noch unbedingt bei der Mehrheit der Kollegen” (Wehrle 2001: 209).
Sowohl Court als auch Meinberg verweisen hinsichtlich einer ethisch orientierten Berichterstattung auf die besondere Relevanz des Themas Doping: Bei ihren Ausführungen bleibt aber offen, welche Konsequenzen und Problematiken die im Sportjournalisten-Kodex aufgeführten ethischen Ansprüche und beruflichen Zielsetzungen für die sportjournalistische Berichterstattung über Doping nach sich ziehen, weshalb ich mich im Folgenden kurz diesem Aspekt widmen möchte. Die Thematisierung von ethisch diskussionswürdigen Leistungsmanipulationen unterstreicht zunächst den im Kodex formulierten Anspruch auf eine Kritik- und Kontrollfunktion gegenüber den Entwicklungen des Sports. Von großer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang aber auch die in Abs. 2 formulierte Forderung, die Würde des Einzelnen zu achten, der Schutz der
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Persönlichkeits- und der Intimsphäre, sowie der Verweis, in jedem Fall die Folgen der journalistischen Berichterstattung mitzubedenken. Denn kaum eine Anschuldigung bringt wohl eine größere Gefahr für die Integrität, Intimsphäre und das Ansehen von Sportlern in der Öffentlichkeit mit sich als der Doping-Vorwurf. Der im Kodex formulierte Appell „ethisch vertretbare Richtlinien“ nicht Einschaltquoten und Auflagen zu opfern, ist dabei für die Berichterstattung über Manipulationen im Sport von höchster Relevanz. Denn die Implikationen und Folgen einer offensiven Thematisierung von Doping-Manipulationen stehen in einem Spannungsverhältnis zueinander: Unterstreicht die offensive Berichterstattung zwar die Kritik- und Kontrollfunktion des Sportjournalismus, so birgt sie zugleich das Risiko, dass die Seriosität und das Ansehen von Sportlern oder ganzen Sportarten so stark geschädigt werden, dass das Interesse an ihnen stark zurückgeht, also Einschaltquoten und Auflagen sinken. Umgekehrt verspricht allerdings gerade die (boulevardeske) Skandalisierung von einzelnen Doping-Fällen kurzfristig höchste Aufmerksamkeit und damit eine direkte Steigerung von Einschaltquoten oder Auflagen.
Wurde bisher festgehalten, wie sich der Normenkontext des Sportjournalismus auf die Aussagenproduktion zur Doping-Problematik auswirkt, soll im folgenden Kapitel nun skizziert werden, welche Zwänge der Medieninstitutionen hinsichtlich der Thematisierung von Doping relevant sind.
2.2 Die Ebene der Sportmedieninstitutionen: Strukturkontext
Auf der Ebene der Sportmedieninstitutionen lassen sich ökonomische, organisatorische und technologische Einflüsse beschreiben, die den strukturellen Kontext für sportjournalistisches Handeln bilden. In Folgendem soll dementsprechend herausgestellt werden, inwiefern die Produktions- und Distributionsmöglichkeiten der verschiedenen Medien, die Struktur- und Organisationsmuster in Medieninstitutionen und die mit dem Sportrechtehandel, Verwertungsketten und Refinanzierungsmaßnahmen verbundenen ökonomischen Imperative determinieren, welche Wirklichkeitsentwürfe der Sportjournalismus zu dem komplexen Phänomen Doping liefert.
2.2.1 Ökonomische Imperative der Sportberichterstattung
Galt der Sport bei den Verantwortlichen des Fernsehens lange Zeit als kostengünstiger Programmpunkt, da er Visualisierung und Dramaturgie inhärent mit sich führte und
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deshalb keine allzu große Planung und Inszenierung verlangte (vgl. Rademacher 1998: 33), ist er mittlerweile zur teuersten Programmware geworden (vgl. Crott 2000: 61). Denn während die Medien für den Sport früher ein willkommenes Mittel zur Popularisierung darstellten, wird die Berichterstattung im professionalisierten Sportmanagement inzwischen zunehmend als wirtschaftlicher Verwertungsprozess verstanden: „An der Verbreitungsleistung machen die Veranstalter eigentumsähnliche ‚Rechte’ geltend und bestreiten den Medien zunehmend das Recht, dem Publikum über die Sportwettkämpfe zu berichten“ (Brinkmann 2001: 43). Daher ist für eine Aufnahme der Berichterstattung inzwischen in vielen Fällen notwendig, dass die Unternehmensführung eines Medienanbieters die jeweiligen Übertragungsrechte von einem bestimmten Verband bzw. Verein oder (häufiger) einer beauftragten Vermarktungsagentur erwirbt. Die zentrale Frage, welche Sportredaktion was, wann und vor allem in welcher Form vom Spitzensport berichten darf, wird folglich immer häufiger außerhalb der Sportabteilung und damit auch nach nicht-journalistischen Kriterien entschieden. (Vgl. Schaffrath 2006: 76)
Den zentralen Wendepunkt in der Entwicklung des Sportrechtehandels stellte die Einführung des dualen Rundfunksystems 1984 dar. Bis dato existierte kein Markt für Sportrechte, da den Sportverbänden nur ARD und ZDF als Verhandlungspartner gegenüber saßen, das öffentlich-rechtliche Fernsehen also eine Monopolstellung innehatte. So wurden die Preise für Sportrechte über lange Zeiträume und mit moderaten Steigerungsraten ausgehandelt. Mit dem Markteintritt der privaten Sender entstand nun eine Konkurrenz auf dem Beschaffungsmarkt, die sich nachhaltig auf die Preisentwicklung der Sportrechte auswirkte (vgl. u.a. Schauerte 2002: 79ff.; Thies 1999: 167ff.; Brinkmann 2001: 44f.) Da eine schnelle Steigerung des Bekanntheitsgrades und der Einschaltquoten nötig war, um der werbetreibenden Wirtschaft ein geeignetes Umfeld anbieten zu können, stellten die Privatsender den Handlungsgrundsatz auf, sich fortan die Übertragungsrechte an publikumsattraktiven Sportereignissen zu sichern (vgl. Amsinck 1997: 63). Nun konkurrierte also eine ausdifferenzierte Medien-landschaft um ein begrenztes Angebot an Spitzensport-Ereignissen 3 , wodurch die Rechtekosten mitunter Steigerungsraten von mehreren tausend Prozent erlebten 4 . Auf-
3 DieBegrenztheit des Angebots resultiert daraus, dass nur eine Hand voll Sportarten für die breite Masse der Zuschauer attraktiv ist, bzw. die Kommunikatoren nur wenigen Sportarten diese Attraktivität zuschreiben (siehe hierzu auch Kapitel 2.3.2).
4 Während ARD und ZDF etwa für die Fußball-Bundesligasaison 1985/86 noch 12 Millionen DM überwiesen, schloss die Deutsche Fußball Liga für die Spielzeiten von 2009 bis 2015 einen Kontrakt ab, der ihr Einnahmen von 500 Millionen Euro pro Spielzeit zusichert. (Vgl. Hülsen/Wulzinger 2007: 123) Eine
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Aufgrund dieser Preisexplosion wurde die Übertragung von vielen Spitzensport-Ereignissen für die Sender schnell zu einem Verlustgeschäft, da eine unmittelbare Refinanzierung durch die Werbeeinnahmen aus den Übertragungszeiten unmöglich war (vgl. Schauerte 2004a: 42). Allerdings lagen und liegen die medienökonomischen Handlungsmotive zum Rechteerwerb allgemein auch im positiven Effekt auf das Senderimage (vgl. Schauerte 2004a: 42), der Profilierung in der Öffentlichkeit und gegenüber der werbetreibenden Wirtschaft, die mit dem prestigeträchtigen Rechteerwerb einhergeht, sowie im Interesse der Lenkung von Publikumsaufmerksamkeit auf andere Programmbestandteile des betreffenden Senders, etwa durch Programmtrailer (vgl. Siegert/Lobigs 2004: 175f.). Dennoch stehen die Sender vor dem Hintergrund des kostenintensiven Rechteerwerbs unter dem Druck, diese Rechte nun auch möglichst intensiv zu verwerten, weshalb eine immer stärkere Ausdehnung der Sendezeit im Umfeld des eigentlichen Wettbewerbs zu beobachten ist. So bietet die Rahmenberichterstattung, etwa in Form von Features, Gewinnspielen und Interviews die Möglichkeit, die Sportinteressierten möglichst lange vor und nach der eigentlichen Übertragung des Sportereignisses zu binden und mit verschiedenen Formen der Werbung Einnahmen zu erzielen. (Vgl. Stiehler/Marr 2001: 112; Schwier/Schauerte 2002: 33; Schierl 2004: 108).
Aufgrund des geschilderten ‚Handels’ mit der ‚Ware’ Sport ist eine Interessenskon-formität zwischen berichtenden Rechteinhabern und Sportveranstaltern entstanden. Der professionalisierte Spitzensport benötigt zur Finanzierung die Einnahmen aus dem Rechtehandel, das Fernsehen ist darauf angewiesen, mit den teuer erworbenen Rechten möglichst hohe Einschaltquoten zu erzielen. Sinkt das Publikumsinteresse an der medialen Aufbereitung einer Sportart - etwa aufgrund des Bekanntwerdens von Doping-Manipulationen - so versiegen zunächst die oben geschilderten Refinanzierungsquellen der Rechteinhaber, im nächsten Schritt fällt aber auch der Marktwert der Rechte: Um die Qualität der Ware Sport in der öffentlichen Meinung zu sichern, sind sowohl die Sportveranstalter und -verbände als auch die Sportberichterstattung im Fernsehen bemüht, das Thema Doping weiträumig zu umgehen bzw. nur bei aktuellen und unausweichlichen Anlässen aufzunehmen. (Schauerte/Schwier 2004b: 179) Während die Sportberichterstattung des Fernsehens also wesentlich durch den ökonomischen Imperativ zur Refinanzierung der Lizenzkosten wesentlich geprägt wird, war
ähnliche Entwicklung nahmen die Preise für die Sportrechte an internationalen Sportereignissen: Die Lizenzgebühren für die Fußball-WM stiegen von 13,3 Millionen DM im Jahre 1982 auf 915 Millionen DM im Jahre 2006, die Lizenzgebühren an den Olympischen Sommerspielen erhöhten sich von 9,1 Millionen im Jahr 1980 auf 702,3 Millionen im Jahr 2008. (Vgl. Schauerte 2002: 80)
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die Hörfunk-Berichterstattung lange Zeit von vertraglichen Reglementierungen unbelastet. Allerdings wird auch hier seit einigen Jahren - abhängig von der Popularität der jeweiligen Sportart - über Lizenzgebühren diskutiert. Die diesbezügliche rechtliche Grundlage ist allerdings umstritten 5 (vgl. Brinkmann 2001: 47). Die zunehmende Tendenz, Sportveranstaltungen wirtschaftlich zu verwerten, zeigt sich auch im Bereich der Online-Kommunikation: Durch die Zunahme der technischen Möglichkeiten des Internets und seiner Verbreitung in der Bevölkerung wurden von den TV-Rechteinhabern und Sportveranstaltern schon bald Substitutionseffekte befürchtet, die die Exklusivität ihrer Produkte zerstören könnten. Deshalb wurde bei den Olympischen Sommerspielen 2000 in Sidney allen Online-Journalisten die Akkreditierung verweigert. (Vgl. Frütel 2005: 139) Inzwischen werden die Internet-Rechte an massenattraktiven Sportereignissen auch separat vergeben und Online-Journalisten wieder zugelassen. (Vgl. Schauerte 2004b: 100) Ohnehin ist eine ähnliche Rechtsposition wie beim Fernsehen, die die Verwertung von Lizenzrechten erlaubt, nur im Fall einer „aktuellen Wiedergabe von Sportwettkämpfen in bewegten Bildern im Internet“ (Brinkmann 2001: 50) gegeben. Während die Bereitstellung von Tonmaterial aus dem Stadion in der Art eines Radiokommentars wie oben geschildert rechtlich zur Zeit noch umstritten ist, bleibt die Bereitstellung von Texten, Fotos und sonstiger bildlicher Darstellungen natürlich auch im Internet der freien Berichterstattung vorbehalten. Ebenso wie die Internet-Redakteure sind auch die Sportredakteure von Tageszeitungen und Sportzeitschriften in der Auswahl der Berichterstattungsgegenstände und der Art der Darstellung frei. Dass Sportveranstalter zukünftig auch für die schriftliche Berichterstattung von Tageszeitungen, Sportzeitschriften und Internetseiten Honorare oder Lizenzgebühren verlangen könnten, bleibt also ein „verfassungswidriges Horrorszenario ohne Realitätsbezug“ (Schaffrath 2006: 78). Dennoch ist die schreibende Zunft, ob aus dem Bereich Print, Online oder Agentur, in ihren Berichterstattungsmöglichkeiten stark benachteiligt, denn sie wird buchstäblich auf die schlechteren Plätze verwiesen. Hinsichtlich der Berichterstattungswünsche und Interviewanfragen räumen Vereine und Sportveranstalter zunächst den Lizenzinhabern vom Pay-TV den Vorrang ein. Dann sind die Erstverwer-
5 ImJuni 2003 entschied das Oberlandesgericht Hamburg, dass künftig auch private Hörfunksender für die Berichterstattung von der Fußball-Bundesliga zahlen müssen. Der damalige Kläger Radio Hamburg hat eine Verfassungsbeschwerde gegen das BGH-Urteil eingereicht, eine Klärung durch das Bundesverfassungsgericht steht noch aus. (Vgl. Schaffrath 2006: 78) Trotz der unklaren Rechtslage beauftragte allerdings etwa die Deutsche Fußball Liga (DFL) bereits den aktuellen Rechte-Zwischenhändler, den Medienunternehmer Leo Kirch, ab 2009 auch kostenpflichtige Hörfunk-Rechte an der Fußball-Bundesliga zu vergeben (vgl. Werben & Verkaufen 2007).
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ter im freien Fernsehen und die zahlreichen Nachverwerter im öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehen an der Reihe. Erst wenn die Bedürfnisse der Fernsehjournalisten befriedigt sind, können Radiojournalisten, die Redakteure von Sportzeitschriften und Tageszeitungen, Agenturredakteure oder Online-Journalisten die nötigen Informationen sammeln. (Vgl. Schaffrath 2002a: 15) So stehen etwa bei den meisten bedeutenden Sportveranstaltungen alle Sportjournalisten genau in dieser Rangfolge aufgereiht in der Mixed Zone, woraus sich gravierende Nachteile für die am unteren Ende der Hierarchie einzustufenden Journalisten ergeben: Sie sind im Rennen um die aktuellsten Informationen nicht konkurrenzfähig, geraten aufgrund ihres Redaktionsschlusses unter enormen Zeitdruck und haben Schwierigkeiten, die schon befragten Sportler überhaupt noch zu Interviews zu motivieren. Dies alles führt wiederum dazu, dass die betroffenen Journalisten oft auf eine selbstständige Recherche verzichten und am Bildschirm die Arbeit der Fernseh-Kollegen verfolgen, um Statements zu übernehmen. (Vgl. Wipper 2003: 152ff.) Aufgrund der geschilderten unterschiedlichen Verwertungsrechte und Verwertungsstufen spricht Schaffrath auch von einer „Mehr-Klassen-Gesellschaft des Sportjournalismus“ (Schaffrath 2002a: 15). Diese Hierarchie auf der Basis von Lizenzrechten ist im folgendem Schaubild zusammengefasst:
Abbildung 2: Mehr-Klassen-Gesellschaft im Sportjournalismus
Abschließend betrachtet, lässt sich festhalten, dass bei den übertragenden Fernsehanstalten aufgrund der enormen Rechtekosten für die beliebtesten Mediensportarten ein starker ökonomischer Imperativ besteht, negative Aspekte des Sports wie Doping-Manipulationen, die den ‚Wert’ der Berichterstattung potenziell gefährden könnten, auszublenden. Für die in der Hierarchie weiter unten angesiedelten Sportjournalisten besteht dieser Zusammenhang nicht. Da Sportveranstalter- und Verbände aber inzwischen die Berichterstattung als wirtschaftlichen Verwertungsvorgang verstehen und nicht mehr als Mittel der Popularisierung, sind sie auf ein Entgegenkommen dieser angewiesen. Berichten Sportjournalisten von Medien, die keine Rechte-Inhaber sind, kritisch über Sportveranstaltungen oder Protagonisten, zum Beispiel in Bezug auf Doping-Manipulationen, müssen sie befürchten durch Interviewboykotts, Stadionverbote oder ähnliche Maßnahmen stark benachteiligt zu werden.
2.2.2 Organisatorische Imperative der Sportberichterstattung
Die Struktur- und Organisationsmuster in Medieninstitutionen manifestieren sich in bestimmten Rollen. Als Rolle können „die mit der Position in einer Gruppe oder Institution verbundenen Verhaltenserwartungen“ (Weischenberg 1998: 293) bezeichnet werden. Im Journalismus kam es im Zuge seines Größenwachstums zu einer „vertikalen Differenzierung” (Blöbaum 2000: 175) von Handlungsrollen im Sinne einer Hierarchie. Diese Hierarchie ist auch im Subsystem Sportjournalismus zu finden: Chefredakteur (bei speziellen Sportspartensendern oder Sportzeitschriften), Sportchef (Leiter einer bestimmten Sportredaktion), Chef vom Dienst, Abteilungsleiter (zuständig für bestimmte Sportarten), Sportredakteur, Moderator, Sportkommentator, Fieldreporter (vgl. Schaffrath 2006: 140). An der Spitze der Redaktionsorganisation steht also der Chefredakteur. Er ist als Führungsfigur die Schaltstelle zwischen Redaktion und Unternehmensleitung (zum Beispiel bei der Presse der Verleger), er vertritt die Redaktion gegenüber der Öffentlichkeit und übernimmt die Anleitung und Überwachung der redaktionellen Arbeitsabläufe. Im Sportjournalismus ist nach der repräsentativen Studie „Journalismus in Deutschland II“ der Einfluss des Chefredakteurs jedoch nur gering: „Sport ist weniger Chefsache als Angelegenheit des Ressorts“ (Weischenberg/ Malik/Scholl 2006: 88). Dies lässt sich unter anderem an der redaktionellen Praxis des Gegenlesens, der beim Rundfunk die ‚Abnahme’ von Beiträgen entspricht, ablesen (vgl. Weischenberg 1998: 330). Im Sportressorts lassen 82 Prozent der Journalisten ihre Artikel oder Beiträge immer oder meistens gegenlesen oder abnehmen (vgl. Wei-
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Weischenberg/Malik/Scholl 2006: 274). Vom Chefredakteur kontrolliert wird dabei allerdings nur ein Viertel der Sportjournalisten, dagegen zum Vergleich im Politikres-sort 48 Prozent und im Wirtschaftsressort 56 Prozent (vgl. Weischenberg/Malik/Scholl 2006: 88). Kontroll- und Koordinationsaufgaben für ein bestimmtes Ressort, das heißt einen nach spezifisch sachbezogenen Gesichtspunkten abgegrenzten Arbeitsbereich (zum Beispiel eben das Sportressort), übernimmt zudem der Ressortleiter (vgl. Weischenberg/Malik/Scholl 2006: 75f.). Doch auch vom Ressortleiter werden Artikel oder Beiträge deutlich weniger gegengelesen oder abgenommen als in anderen Ressorts, dafür aber deutlich häufiger von gleichrangigen Kollegen (vgl. Weischenberg/ Malik/Scholl 2006: 274). Dementsprechend schreiben die Sportjournalisten der mittleren redaktionellen Führungsebene im Unterschied zu anderen Ressorts auch einen größeren Einfluss als der oberen redaktionellen Führungsebene zu (vgl. Weischenberg/ Malik/Scholl 2006: 294).
So lässt sich also konstatieren, dass insgesamt offenbar gerade im Sportressort eher dezentral-kollegiale Kommunikationsmuster dominierend sind. Die auffallend geringe Einflussnahme des Chefredakteurs leistet dabei Interpretationen Vorschub, dass dem Sportjournalismus eine nachrangige Wichtigkeit für die Rezipienten zugeschrieben wird oder dieser zumindest als Sparte gesehen wird, dessen Ausrichtung für die publizistische Linie nicht ausschlaggebend ist:
Zwar ist Sport die wichtigste und am meisten beachtete Gesellschaftssparte, die Sportjournalisten aber bilden in ihren Verlagshäusern meist die Schlusslichter der internen Hierarchie. In den Tageskonferenzen trägt der Sport am Ende vor, wenn sich manche Kollegen schon auf den Rückweg in ihre Büros machen. (Kistner 2004: 13) Werden etwa aufgedeckte Affären und Skandale in den Bereichen Politik und Wirtschaft als Werbung für die publizistische Qualität eines Medienangebots betrachtet, werden Problemen des Sports wie der Doping-Problematik, die zweifelsohne ja auchwenn nicht unter politischen, so zumindest unter sportpolitischen Gesichtspunkten - zu behandeln wäre, anscheinend nicht ausreichend Relevanz zugeschrieben, um investigative Arbeit gebührend zu fördern.
Eine Ausnahme von den bereits geschilderten Organisations- und Kommunikationsmustern bilden allerdings die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. In diesen übernimmt der Intendant die Leitung, das heißt er trifft Sachentscheidungen über die Gestaltung des Programms und den sonstigen gesamten Anstaltsbetrieb. Besondere Bedingungen schaffen aber die spezifischen Formen der Einflussnahme, die in den Gremien Verwaltungsrat und Rundfunkrat (beim ZDF der Fernsehrat) angelegt sind.
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Während der Verwaltungsrat vor allem die wirtschaftliche Tätigkeit der Rundfunkanstalt einschließlich der Geschäftsführung des Intendanten kontrolliert, überwacht der aus verschiedenen gesellschaftlich relevanten Gruppen wie zum Beispiel Gewerkschaften und Kirchen, aber vor allem auch den Fraktionen des Bundestags zusammengesetzte Rundfunkrat die Ausgestaltung des Programms. Zusätzlich wählt er in der Regel die Mitglieder des Verwaltungsrats und auf dessen Vorschlag hin den Intendanten. (Vgl. Ricker 2002: 259) Als auffälliges Kennzeichen der Rundfunkorganisation hält Weischenberg dabei fest, dass „mit der Höhe einer Position in der Hierarchie die administrativ-organisatorischen Aufgaben in besonderem Maße zu- und die spezifisch journalistischen Funktionen abnehmen“, das heißt dass Aufstieg in der Anstaltshierarchie also zu einer „journalistischen Deprofessionalisierung“ (Weischenberg 1998: 295) führt. Zugleich geht mit der Höhe der Position auch ein steigender Einfluss außerorga-nisatorischer Gruppen einher, das heißt dass sich im Falle des öffentlich-rechtlichen Rundfunk im besonderem Maße „leitende Redakteure an den politischen Gruppierungen orientieren, die über die Besetzung leitender Positionen entscheiden“ (Weischenberg 1998: 295). Aus diesen Umständen resultiert die Möglichkeit einer besonderen Einflussnahme von Sportpolitikern und verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen auf den Umgang mit der Doping-Thematik. So stimmte etwa Anfang Juni mit 20 Mitgliedern auch die knappe Mehrheit des für Grundsatzfragen zuständigen ZDF-Fernsehrats gegen die Übertragung der Tour de France 2007, 19 votierten für einen Forderungskatalog, der an die Veranstalter gerichtet wurde. Diese Einflussnahme war für die spätere Entscheidung zum Ausstieg aus der Live-Berichterstattung, auf die in Kapitel 3.2 noch näher eingegangen werden soll, nicht unerheblich. (Vgl. SPIEGELONLINE 2007a) Bevor sich im nächsten Kapitel näher mit den technologischen Gegebenheiten der verschiedenen Medien beschäftigt werden soll, bleibt folglich festzuhalten, dass die geschilderten Organisationszusammenhänge von Medieninstitutionen durchaus relevant für die Aussagenproduktion zur Doping-Thematik sind.
2.2.3 Technologische Imperative der Sportberichterstattung
Als weiterer Faktor wirken sich bereits die technologischen Bedingungen der Produktion auf die Thematisierungsmöglichkeiten der Medieninstitutionen aus. So beinhalten etwa die Produktions- und Distributionsmöglichkeiten der audiovisuellen Medien (Hörfunk, Fernsehen) und des Internets im Gegensatz zu den Printmedien zeitnahe oder sogar zeitgleiche Berichterstattung. Dies ist für den Sportjournalismus in beson-
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derem Maße relevant, denn dessen Berichterstattungsgegenstand bietet in enger zeitlicher Abfolge eine Vielzahl von Wettbewerben, weshalb „die ‚medienökonomische Halbwertzeit’ von Sportveranstaltungen [.] in der heutigen Zeit, je nach Anlass, nur wenige Tage oder gar Stunden [beträgt], da es Ereignisse von primärer Aktualität sind“ (Schauerte 2004a: 42f.). Der Faktor Aktualität als Zeitgröße ist dabei maximal, wenn sich die zeitliche Differenz zwischen zu berichtendem Ereignis und der tatsächlichen Berichterstattung Null nähert, wie es bei der Livereportage im Sport der Fall ist (vgl. Scholl/Weischenberg 1998: 184). Haben sowohl der Hörfunk als auch Onlinemedien die technologischen Möglichkeiten zur Live-Berichterstattung, vermittelt das Fernsehen allerdings die größte Authentizität. Die „vermeintlichen Gütekriterien und Qualitätsparameter medialer Sportpräsentation“ wie „brandaktuell“, „hautnah dabei“ und „am besten live“ (Schaffrath 2002b: 105) zu erfüllen, ermöglichen also exklusiv die technologischen Gegebenheiten des Fernsehens. So ist es auch einerseits möglich den Verlauf und die Dynamik möglichst genau abzubilden, gleichzeitig aber auch den Zuschauer „sprichwörtlich näher heran an das aktuelle Sportgeschehen“ (Rademacher 1998: 40) zu bringen, etwa durch Nahaufnahmen und Zeitlupen. Das Sportfernsehen transportiert Informationen dementsprechend vornehmlich durch visuelle Abbildung. Dies ist in Bezug auf die journalistische Bearbeitung der Doping-Thematik von hoher Relevanz, da „sich Doping nicht unmittelbar bzw. ohne größeren Aufwand visualisieren lässt“ (Philipp 2002: 8). Allenfalls eine Bearbeitung der Doping-Thematik unter Ausrichtung auf Subjekte halten Bette und Schimank für möglich. Andernfalls prognostizieren sie, dass das Publikum sich abwende:
Für das Fernsehen ist die Ausrichtung auf Personen bzw. die Personalisierung von Neuigkeiten noch bedeutsamer als für die Printmedien. Dies lässt sich aus der Logik des Mediums selbst erklären. Das Fernsehen braucht interessante Bilder, um informativ zu sein. Neuigkeiten müssen auf dem Bildschirm vornehmlich visuell präsentiert werden können. Im Umkehrschluss erweckt das Fehlen von laufenden Bildern mit sich permanent verändernden Inhalten den Eindruck der Nichtauthentizität der Informationen und des Stagnierens. Ungeduld und Umschalten auf einen anderen Sender sind Reaktionen, mit denen Fernsehzuschauer auf das Fehlen informativer Bilder reagieren. (Bette/Schimank 2006: 27)
Anders stellt sich die Logik der Printmedien dar: Die Aktualität und die Exklusivität einer Sportnachricht ist meist bereits durch die Berichterstattung der elektronischen Medien erschöpft. Die Sportpresse muss daher in der Rolle als sportjournalistisches „Sekundärmedium“ (Wipper 2003: 134) eine ergänzende Funktion erfüllen, indem sie zusätzliche vertiefende oder hintergründige Informationen liefert (vgl. Loosen 1998: 14f.; Fischer 1993: 87; Wernecken 2000: 60). Diesbezüglich eignet sich die Doping-
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Arbeit zitieren:
Tobias Köbberling, 2008, Epos oder Epo – Sportjournalismus und Doping, München, GRIN Verlag GmbH
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