A) Einleitung
1928 schreibt Adolf Hitler ein Buch mit dem Titel „Politik ist Geschichte im Entstehen“. Es wird in einer geringen Anzahl von nur 200 Stück produziert und zudem geheim gehalten. Erst 1945 findet ein Offizier der US-Armee die Manuskripte dieses Buches in einem Berliner Luftschutzkeller, wo es 1935 auf Befehl Hitlers hingebracht wurde. 1958 wird das Buch wiederentdeckt und ein ehemaliger Mitarbeiter des „Ehler Verlages“, Josef Berg, bestätigt die Authentizität der Manuskripte. 1961 veröffentlicht Gerhard L. Weinberg diese Quelle und sie wird bekannt unter dem Namen „Hitlers Zweites Buch“.
In diesem so genannten „Zweiten Buch“ 1 geht Adolf Hitler in den Kapiteln XII und XIII darauf ein, wie er die Grundsätze der deutschen Außenpolitik und deren mögliche Ziele für sich und die nationalsozialistische Bewegung sieht. Er skizziert grob seine Ansichten über die 1928 herrschende außenpolitische Situation für Deutschland und beschreibt seine Vorstellungen, wie die kommende deutsche Außenpolitik zu gestalten sei. Zudem vertieft Hitler in diesem Buch seine politischen Ansichten, die er zuvor bereits in „Mein Kampf“ erläutert hat, besonders die der zukünftigen deutschen Bodenpolitik und der damit zusammenhängenden Germanisierungspläne. 2 In aller Deutlichkeit formuliert er im Zweiten Buch seine rassistischen Pläne, den Osten Europas als deutschen Lebensraum zu gewinnen. Auf die Frage, warum er dieses Buch geheimhalten wollte, möchte ich am Ende meiner Arbeit kurz eingehen.
Ziel dieser Arbeit soll es sein, Hitlers „außenpolitische Diagnose“ in direkten Bezug mit der tatsächlichen Situation um 1928 zu stellen und herauszufinden, inwiefern seine Behauptungen mit der Realität übereinstimmten. Gab es überhaupt solche Übereinstimmungen oder waren seine formulierten Grundsätze an der Wirklichkeit vorbeigeschrieben? Wie schätzte Hitler die außenpolitische Situation Deutschlands in Europa ein und wie war sie tatsächlich? Des weiteren möchte ich versuchen zu ergründen, inwiefern Unterschiede bestehen zwischen dem, was Hitler im XII. Kapitel seines „Zweiten Buches“ schreibt und dem, was er an anderen Stellen uns überlieferter Dokumente (z.B. Mein Kampf) formuliert. Im Mittelpunkt soll dabei die Auseinandersetzung mit Hitlers zentralen Themen des Lebensraums im Osten, seiner Rassentheorie und seine Vorstellungen über Bündnispolitik stehen. Die textliche Grundlage für meine Arbeit bildet Hitlers Zweites Buch, speziell das XII. Kapitel „Grundsätze der deutschen Außenpolitik“. Um so nah wie möglich an Hitlers
1 Hitlers Zweites Buch. Ein Dokument aus dem Jahr 1928, eingeleitet und kommentiert von Gerhard L. Weinberg, Stuttgart 1961
2 Vgl. Deutsches Historisches Museum - http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/innenpolitik/meinkampf/
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Äußerungen zu bleiben, werde ich zudem mit einer kommentierten Auswahl von Hitlers Mein Kampf arbeiten, die von Christian Zentner herausgegeben wurde. Aus der unüberschaubar großen Menge an Sekundärliteratur zu diesem Thema stütze ich mich besonders auf Das Dritte Reich von Martin Broszat und Horst Möller (genaue Literaturangaben als Anhang in der Auswahlbibliographie), auf Werner Masers Zwischen Kaiserreich und NS-Regime und auf das Buch Der Nationalsozialismus von Wolfgang Benz, Hans Buchheim und Hans Mommsen. Einen guten Einstieg zum Thema Nationalismus in der Weimarer Republik habe ich in Kurt Sontheimers Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik gefunden, zur Außenpolitik in der Weimarer Republik in Gottfried Niedharts Die Außenpolitik der Weimarer Republik.
Bei meiner Literaturauswahl habe ich mich bemüht, viele verschiedene Werke von unterschiedlichen Autoren nach Antworten zu durchsuchen. Eine herrschende Meinung habe ich zu meinem Thema nicht gefunden, eher schon Übereinstimmungen in Einzelfragen, wie zum Beispiel der Bewertung von Hitlers „Lebensraumvisionen“ und seiner „Rassentheorien“. Hitlers Hauptaugenmerk in diesem Zweiten Buch liegt auf der Außenpolitik, auf deren Grundsätze ich nun eingehen möchte.
B) Hitlers außenpolitische Grundsätze
Betrachtet man die acht Punkte, die Adolf Hitler als die „Grundsätze der deutschen Außenpolitik“ 3 bezeichnet, wird recht schnell deutlich, daß Außenpolitik für ihn in erster Linie Krieg bedeutet. Doch auch der Krieg soll nur als Mittel zum Zweck dienen, wie Hitler selbst in seinem Zweiten Buch formuliert, denn das eigentliche Ziel der Außenpolitik müsse es sein, „einem Volke dem jeweils notwendigen Lebensraum in Größe und Güte zu sichern.“ 4 Es geht ihm im Grundsatz nicht um diplomatische Beziehungen zu anderen Staaten, um Verträge und Koalitionen. Vielmehr läßt sich aus seinen Punkten eine dezidierte Kriegshaltung herauslesen und die außenpolitischen Maximen, die er aufstellt, dienen vorrangig einer Vorbereitung auf diesen kommenden Krieg. Dazu kommt jedoch, daß Hitler einen Krieg nicht als etwas negatives ansieht, sondern als etwas grundsätzlich notwendiges, um das Überleben des eigenen Volkes zu sichern. „Kriege“, so Hitler, „gliedern sich in ein
3 Hitlers Zweites Buch, S. 160
4 Ebd., S. 62
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natürliches, ja selbstverständliches System einer gründlichen, gut fundierten, dauerhaften Entwicklung eines Volkes“ ein. 5
Die Auffüllung des Topos „Außenpolitik“ mit militärischen Inhalten beginnt sofort im ersten Satz dieses XII. Kapitels:
„Bei der Gestaltung der kommenden deutschen Außenpolitik steht angesichts der aussichtslosen militärischen Lage Deutschlands folgendes zu bedenken:“ 6 Bereits hier wird deutlich, daß es in Hitlers Sinne ist, in der Außenpolitik militärische Wege zu bestreiten, anstatt sie auf Verträge basierend zu gestalten. Dafür braucht er natürlich eine starke, einsatzfähige Armee, die aufgrund der Versailler Abrüstungsbestimmungen seit 1919 nicht mehr vorhanden ist. Insofern hat er möglicherweise sogar Recht damit, wenn er von einer „aussichtslosen militärischen Lage“ spricht. Die Frage ist aber, inwiefern es notwendig ist, Deutschlands Außenpolitik militärisch zu bestreiten. Rechtfertigt die Stellung Deutschlands in Europa um 1928 eine militärische Vorgehensweise, um aus einer eventuellen Isolation herauszutreten, oder ist Deutschland vielmehr schon auf dem Weg heraus aus der Isolation, auf dem Weg politisch und diplomatisch anerkannt zu sein? Dafür ist es sinnvoll, sich knapp und in kurzen Etappen die außenpolitischen Ereignisse zwischen 1920 und 1928 vor Augen zu führen. Auch in Anbetracht von Hitlers Äußerung, es müsse eine Wandel der „heutigen Lage“ 7 herbeigeführt werden. Wie genau sieht diese Lage aus, die Hitler ändern möchte?
Nachdem am 28. Juni 1919 der Vertrag von Versailles unterzeichnet wurde, war man in Deutschland fast einstimmig der Meinung, daß es sich bei diesem Vertrag um ein Diktat handele. (Heute ist man in der Forschung zu einer vergleichsweise positiveren Einschätzung des Versailler Vertrages gelangt 8 ) Man glaubte in Deutschland, speziell in der OHL, noch bis Sommer 1918 an einen deutschen Siegfrieden und war dementsprechend um so entrüsteter, als die englischen und französischen Machthaber diesem ihren Vernichtungsfrieden entgegensetzten. 9 Deutschland verlor ein Siebtel seines Territoriums und ein Zehntel seiner Bevölkerung. Dazu kam die Reduzierung des Heeres auf 100.000 Mann, der Marine auf 15.000 Mann und das Verbot von schweren Waffen sowie von Luftstreitkräften. Schließlich wurde Deutschland noch die alleinige Kriegsschuld zugeschrieben und die alliierten Verbündeten erhoben hohe Reparationsforderungen. International war Deutschland damit von
5 Zit. nach Jäckel, Eberhard; Hitlers Weltanschauung. Entwurf einer Herrschaft, 4.Aufl., Stuttgart 1991, S. 105 / 106
6 Hitlers Zweites Buch, S. 160
7 Hitlers Zweites Buch, S. 160; 1.)
8 Vgl. Niedhart, Gottfried. Die Außenpolitik der Weimarer Republik, München 1999, S. 71
9 Vgl. Maser, Werner; Zwischen Kaiserreich und NS-Regime, Bonn, Berlin; 1992, S. 39
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vornherein erst einmal isoliert. Weder waren sie im neugegründeten Völkerbund vertreten, noch hatten sie bilaterale Verträge mit anderen europäischen Staaten. Das änderte sich aber im Laufe der kommenden Jahre.
1921 gab es in Oberschlesien eine Volksabstimmung, die vom Versailler Friedensvertrag vorgesehen wurde und über die Zugehörigkeit der dort ansässigen Bevölkerung entscheiden sollte. Die Mehrheit der Abstimmenden entschied sich damals für einen Verbleib bei Deutschland. Trotzdem wurde nach einigen Auseinandersetzungen Oberschlesien an Polen abgetreten, was der deutschen außenpolitischen Motivation, sich an Sowjetrußland anzunähern, einen neuen Schub verlieh. Denn ebenso wie Deutschland war Rußland international isoliert. 1922 kam es dann zum Vertrag von Rapallo 10 , was gleichbedeutend mit Deutschlands erstem aktiven Schritt heraus aus der Isolation war. 1923 wurde Gustav Stresemann zum Außenminister ernannt und bis 1929 gelang es ihm, mit steter Verständigungspolitik, Deutschland wieder in das internationale System zu integrieren. Bereits die Neuregelung der Reparationen im Dawes - Plan 11 von 1924 war ein wichtiger Schritt hin zur Kooperation mit den Siegermächten des Ersten Weltkrieges. Im Zuge dieses Planes kam es in Deutschland erstmals wieder zu einem wirtschaftlichen Aufschwung.
1925 bedeuteten dann die Verträge von Locarno 12 eine weitere Entspannung mit den Westmächten. Das französische Sicherheitsbedürfnis wurde befriedigt und die Position Deutschlands in Europa festigte sich zunehmend. Die Westgrenzen wurden stabilisiert, auch wenn es für die Grenze im Osten keine militärische Garantie und verbindliche Festlegung gab. Angesichts der schwierigen internationalen Lage schaffte Stresemann zudem etwas, das noch im Frühjahr 1925 für unmöglich gehalten wurde: die Räumung des Ruhrgebietes durch die alliierten Kräfte. 13
Dank der Verständigungspolitik Stresemanns wurde Deutschland 1926 in den Völkerbund aufgenommen und erhielt einen ständigen Sitz im Völkerbundrat. Zusätzlich wurde der 1922 abgeschlossene Vertrag von Rapallo durch den Berliner Vertrag erweitert. Damit war Deutschland wieder auf dem Weg zu politischer Mitsprache und Normalität. Werner Maser schreibt, daß sich in „...Folge der Verträge von Rapallo und Locarno, des Abzuges der französisch-belgischen Besatzungstruppen, des Dawes-Planes und der Aufnahme
10 Vertrag zwischen Deutschland und Rußland mit der Vereinbarung der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen und dem gegenseitigen Verzicht auf Kriegsentschädigungen
11 Anpassung der Reparationszahlungen an die wirtschaftliche Realität Deutschlands + Sofortkredit von 800 Mio. Reichsmark
12 Verzicht Deutschlands auf gewaltsame Änderung der Westgrenze
13 Vgl. Maser, Werner; Zwischen Kaiserreich und NS-Regime, Bonn, Berlin; 1992, S. 201
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Arbeit zitieren:
Holger Radke, 2003, Hitlers außenpolitische Grundsätze, München, GRIN Verlag GmbH
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