Inhaltsverzeichnis
EN U XQJVYHU HLFKQLV iv
EELOGXQJVYHU HLFKQLV v
(LQOHLWXQJ 1
1. )XQGDPHQW
1.1. 6 VWHPWKHRUHWLVFKH UXQGEHJULIIH 6
1.1.1. RQWLQJHQ LQVR LDOHQ6LWXDWLRQHQ
1.1.2. XWRSRLHVLVXQG HREDFKWXQJ
1.1.3. Kommunikation. 12
1.1.4. Struktur. 17
1.2. Erkenntnistheoretische Überlegungen. 21
1.2.1. Die Welt als Vorstellung des Beobachters. 21
1.2.2. Zwei widerstreitende Wege der Erkenntnis. 23
1.2.3. Der evolutionäre Schraubenprozess. 26
1.2.4. Erkennen durch Programme. 28
2. Methodologie. 32
2.1. Epistemologische Grenzen und Möglichkeiten der Ökonomie. 32
2.1.1. Das ökonomische Paradigma. 32
2.1.2. Die Nutzbarmachung mathematischer Modelle. 35
2.1.3. Limitationen der ökonomischen Weltsicht. 39
2.1.3.1. Ökonomischer Reduktionismus und soziale Realität. 39
2.1.3.2. Ökonomische Aggregationslogik und soziale Komplexität. 45
2.1.4. Eine systemtheoretische Methodologie der Wirtschaft. 48
2.2. Die Ökonomie aus systemtheoretischer Perspektive. 54
2.2.1. Das Wirtschaftssystem. 54
2.2.2. Der Markt. 57
2.2.3. Der Finanzsektor. 59
3. Empirische Analyse. 64
3.1. Typenbildung nach Informationen des Aktienmarktes. 64
3.1.1. Quellenauswahl. 64
3.1.2. Methodische Vorgehensweise. 66
3.1.3. Typische Informationen. 70
3.1.3.1. Recht auf dem Aktienmarkt. 70
3.1.3.2. Politik auf dem Aktienmarkt. 73
ii
3.1.3.3. Unternehmen auf dem Aktienmarkt. 74
3.1.3.4. Das Raunen auf dem Aktienmarkt. 81
3.2. Quantifizierung der Typen. 85
3.2.1. Die Berechnung der abnormalen Rendite. 85
3.2.2. Der Umgang mit methodischen Problemen. 90
3.2.3. Maßzahlen für abnormale Renditen. 92
3.2.4. Programme der Informationsverarbeitung. 95
3.2.4.1. Ökonomisches Zentrum und Peripherie. 96
3.2.4.2. Beat-the-market. 104
3.2.4.3. Rebound-Effekt. 109
3.2.4.4. Antizipation. 111
3.3. Ein empirisches Fazit der Programme. 114
Schlussbetrachtung. 118
Literaturverzeichnis. 122
Anhang. 133
iii
Abkürzungsverzeichnis
bzw. beziehungsweise d.h. das heißt DAX Deutscher Aktienindex Dpa-AFX Deutsche Presse Agentur (Wirtschaftsabteilung) Ddp Dow Jones Deutscher Depeschendienst (Wirtschaftsabteilung) DIW Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung EU Europäische Union HDAX Deutscher Hundert-Aktienindex MDAX Deutscher Mid-Cap-Aktienindex TecDAX Deutsche Technologieindex vgl. vergleiche VPN Virtual Private Network z.B. zum Beispiel URL Uniform Resource Locator
iv
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Operationsweise eines Systems
Abbildung 2: Epistemologische Vorgehensweise
Abbildung 3: Anforderungspyramide
Abbildung 4: Wirtschaftsoperationen
Abbildung 5: Typisierungsübersicht
Abbildung 6: Zeitliche Kursentwicklung bei Ad hoc Mitteilungen
v
Einleitung
Ä:KHQWKHUHVWRIWKHZRUOGDUHPDGZHPXVWLPLWDWHWKHPLQVRPHPHDVXUH³ 1
Das Zitat entstammt nicht der Wall Street der vergangenen Jahre, sondern fiel bereits im Verlauf GHUÄ6RXWK 6HD%XEEOH³ im Jahr 1720. Dennoch erweist es sich von ungebrochener Aktualität, unterscheidet sich die aktuelle Finanzkrise semantisch doch nicht sehr von der lang vergangenen, ÄHUVWHQ LQWHUQDWLRQDOHQ .ULVH³ 2 Der ehemalige Citigroup-Vorstands-vorsitzende Chuck Prince, immerhin die größte Bank der Welt zur zitierten Zeit, sagte noch 2007, dass man eben solange zum Tanz aufstehen müsse, wie die Musik spiele. 3 In Anbetracht des folgenden Jahres und den Verlusten gerade auch der von ihm geführten Bank, ähneln sich die Zitate auffallend hinsichtlich ihres Wunsches, die allgemeinen Erwartungen zu imitieren und davon zu profitieren.
Dieses kurze Beispiel illustriert, dass wirtschaftliche Notlagen oft über völlig XQWHUVFKLHGOLFKH KLVWRULVFKH .RQWH[WH KLQZHJ *HPHLQVDPNHLWHQ DXIZHLVHQ N|QQHQ Ä'LHVHV 0DO LVW DOOHV DQGHUV³ 4 ist denn auch der ironische Titel einer kürzlich erschienen Langzeitstudie über finanzielle Krisen. Trotzdem schienen die meisten wissenschaftlichen Beobachter der weltweiten Ökonomie von der Wucht der Ereignisse überrascht. Seitdem herrscht hektische Betriebsamkeit bei den Vertretern der Wirtschaftswissenschaft: Ä'LH gNRQRPHQ LQ GHU 6LQQNULVH³ 5 lautete dDV 8UWHLO GHU Ä)UDQNIXUWHU $OOJHPHLQHQ =HLWXQJ³LP$SULODQJHVLFKWVGHU]XQHKPHQGHQ|NRQRPLVFKHQ5DWORVLJNHLW.XU]GDUDXI sorgte ein offener Brief von 83 Professoren für den Beginn einer Debatte, die seitdem als |NRQRPLVFKHUÄMethodenstreit³ 6 firmiert. Darin streiten deutsche Wirtschaftswissenschaftler ± neben der Verteilung von Lehrstühlen an der Kölner Universität ± um die zukünftige inhaltliche Ausrichtung ihrer Disziplin. Eine Mehrheit befürwortet formal-logische Modelle zur exakten Theoriebildung, die Initiatoren des Schreibens dagegen setzen eher auf pragmatische Handlungsempfehlungen für die Politik.
1 Carswell (1960), S. 161. Zitiert nach: Kindleberger (1978), S. 29.
2 Kindleberger (1978), S. 120.
3 Vgl. Wiebe (2008). In: Onlineausgabe des Handelsblatts. Gefunden unter:
http://www.handelsblatt.com/politik/nachrichten/maerkte-und-monster;2079756;2 am 12.02.2010, S. 2.
Anm.: Im Folgenden werden die URLs LP/LWHUDWXUYHU]HLFKQLVXQWHUGHU5XEULNÄVerzeichnis der Online-
/LWHUDWXU³JHVDPPHOWXQGNRPSOHWWDQJHJHEHQ,QGHU)XQRWHZHUGHQGLH7LWHOYHUNU]WXQGPLWGHU6LJOH>2/@
als Hinweis auf das Verzeichnis zitiert.
4 Vgl. Rogoff/Reinhart (2010).
5 Nienhaus/Siedenbiedel (2009) in Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 14, S. 44.
Anm.: Im Folgenden werden zitierte Zeitungsartikel LP/LWHUDWXUYHU]HLFKQLVXQWHUGHU5XEULNÄVerzeichnis der
Zeitungen³JHVDPPHOWund komplett angegeben. In der Fußnote werden die Titel verkürzt und mit der Sigle [ZV]
als Hinweis auf das Verzeichnis zitiert.
6 Aberle (2009) in Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 97, S. 12 [ZV].
1
Entlang dieser groben Konfliktlinie bewegt sich auch die vorliegende Arbeit. Allerdings geht es nicht um die Details der ökonomieinternen Debatte, sondern es stellt sich die Frage, inwieweit die Soziologie einen relevanten Beitrag zu wirtschaftlichen Zusammenhängen wie der Finanzkrise leisten kann. Das erste Ziel ist daher die Entwicklung einer soziologisch motivierten Methodologie, die auf den Gegenstandsbereich der Ökonomie zugeschnitten ist. Zu deren Umsetzung wird eine bisher nur sehr spärlich empirisch angewandte Grundlage zu Rate gezogen ± die Systemtheorie. In der Sozialwissenschaft trieb vor allem Niklas Luhmann deren Entwicklung voran. Sein umfangreiches, theoretisches Werk scheidet bis heute die soziologischen Geister: Die einen, wie der von ihm promovierte Dirk Baecker, führen die theorielastige Arbeit über das Soziale weiter, während andere die mangelnde empirische Rückkopplung kritisieren. 7
In dieser Untersuchung soll keine Partei für oder wider der Luhmannschen Systemtheorie bezogen werden. Stattdessen wird ein eigenes systemtheoretisches Konzept erstellt, mit deutlichen Anleihen bei den Vertretern derselben aus Biologie und Physik. Die theoretischen Ausarbeitungen über soziale Zusammenhänge von Luhmann oder Baecker finden dennoch Anwendung. Trotzdem ist es eine wichtige Einschränkung, dass keine exhaustive Darstellung der sozialen Systemtheorie angestrebt wird. Aus diesem Grund wird auch keine Diskussion über die Ausdifferenzierung der einzelnen Funktionssysteme geführt und diese Haltung entsprechend nicht kritisiert. 8
Vielmehr zielt der Ansatz auf eine empirische Anwendung im wirtschaftlichen Fachbereich ab. Zu diesem Zweck muss die aus der Systemtheorie zu entwickelnde Methodologie ihre Eignung unter Beweis stellen, indem sie Schwächen der ökonomischen Vorgehensweise ausmerzt. Es ist eigentlich eine paradoxe Situation, dass die Soziologie Verbesserungen in der Ökonomie anmahnt, gelten doch die Wirtschaftswissenschaften als formal exakter, an die Naturwissenschaft angelehnter Bereich der Sozialwissenschaften. Das System der Ökonomie erscheint mit Hilfe komplexer mathematischer Modelle und Axiomen der Rationalität bis auf die Dezimalstelle genau vorhersehbar oder zumindest erklärbar. Aber ± wie jede neue Krise beweist und auch prominente Vertreter der Wirtschaftsfächer wie Leontief seit langer Zeit kritisieren ± VFKHLWHUQ VLH DQ GHU ÄEHUNRPSOH[HQ³ :LUNOLFKNHLW Letzterer stellte beispielsweise fest, dass über die Hälfte der Beiträge im bedeutendsten
7 Anm.: Für eine Weiterentwicklung der Systemtheorie vgl. Baecker (1988) und zu erwähnter Kritik vgl. Knorr-
Cetina (1992), deren Aufsatz nur als besonders relevantes Beispiel für die umfangreiche Liste an Kritikern
stehen soll.
8 Vgl. Schwinn (1995), S. 198f. zu einer grundsätzlichen Kritik des Luhmannschen Funktionalismuskonzepts.
2
Magazin seiner $UWGHPÄ$PHULFDQ(FRQRPLF5HYLHZ³VLFKQXUPLWIRUPDOHQ.RQVWUXNWHQ beschäftige, ohne aber eine Rückkopplung zu empirischen Daten aufzuweisen. 9 Um diese Unterlassung der Ökonomie sowie die Fixierung auf einzelne Methoden zu vermeiden, wird die angestrebte systemtheoretische Methodologie epistemologisch als holistisch zu klassifizieren sein. Damit soll den ÄScheuklappen³DXIHLQ]HOQH7HLOHHQWJDQJHQ werden, die die Zusammenhänge des Ganzen ausblenden. Die Haltung dieser Arbeit strebt deshalb nach einem iterativen Wechselspiel, dass induktive und deduktive Erklärungsansätze verbindet, ohne dass das Ganze der Summe seiner Teile untergeordnet wird oder jene über das Ganze erhebt.
Auf diese Weise könnte eine methodologisch interpretierte Systemtheorie hilfreich für die Ökonomie sein, insofern, dass nicht nur einzelne Krisenherde, sondern ebenfalls der dazugehörige Kontext in den wissenschaftlichen Beobachtungsraum rücken. Die 1RWZHQGLJNHLW ÄDQGHUV³ DQ |NRQRPLVFKH XQG GDPLW GH]LGLHUW VR]LDOH 3KlQRPHQH heranzugehen macht eine 5JH YRQ K|FKVWHU 6WHOOH IU gNRQRPHQ GHU Ä/RQGRQ 6FKRRO Rf (FRQRPLFV³ GHXWOLFK Queen Elizabeth II. persönlich bat dort um Aufklärung über die fehlende Prognostizierbarkeit der Finanzkrise und soll zumindest einem Pressebericht nach ÄQRWDPXVHG³JHZHVHQVHLQ 10
Zentrales Thema dieser Arbeit ist aber nicht nur die Ableitung einer systemtheoretischen Methodologie des Gegenstandsbereichs der Wirtschaft im Allgemeinen, sondern im Besonderen für die Untersuchung des deutschen Aktienmarktes. Notwendigerweise muss sich auf einen kleinen Ausschnitt des Komplexes Wirtschaft fokussiert werden, um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen. Das zweite große Ziel der Untersuchung ist demnach ein konkretes, inhaltliches Erkenntnisinteresse ± die Informationsverarbeitung auf dem deutschen Aktienmarkt.
Die Entscheidung für dieses Thema bei der empirischen Umsetzung der Methodologie ist dreigeteilt: Erstens klafft in dem Verständnis von Finanzmärkten im Allgemeinen eine große Lücke, die nicht erst die momentane Krise zum Vorschein bringt. Sowohl die Vertreter der Ä%HKDYLRUDO (FRQRPLFV³ DOV DXFK YHUHLQ]HOWH Rufe aus der Soziologie weisen seit einigen Jahren verstärkt auf die Mängel in den klassischen Marktmodellen hin. 11 Gerade der Finanzmarkt, wie im weiteren Verlauf noch en detail herausgearbeitet wird, stellt eine Art ÄBlack BR[³für die Sozialwissenschaft dar.
9 Vgl. Leontief (1971).
10 Vgl. Heß (2010) in Handelsblatt Nr. 36, S. 22f. [ZV].
11 $QP(LQHQ$EULVVEHUGLHGLHVEH]JOLFKHQ8QWHUVXFKXQJHQGHUÄ%HKDYLRUDO(FRQRPLFV³ILQGHWVLFKEHL
Shefrin (2002), S. 45ff. In der deutschen Soziologie verwies vor allem Windolf (2005, 2008) auf die Eigen-
dynamik des Finanzmarktes.
3
Der zweite Grund für die nähere Untersuchung des Finanzsystems liegt in der weiterhin wachsenden Bedeutsamkeit dessen für die Wirtschaft als Ganzes. Die US-Soziologin Greta Krippner bemerkte hierzu Ä3rofits accrue primarily through financial channels rather than WKURXJK WUDGH DQG FRPPRGLW\ SURGXFWLRQ³ 12 Traditionelle Arten der Geldvermehrung verlieren also an Bedeutung, wohingegen die Aktivitäten an den vom Gütermarkt entkoppelten Finanzdienstleistungen stetig wachsen. Zwei Zahlen sollen dies numerisch unterlegen: Allein am ÄDerivatemarkt³ 13 waren im Juni 2007 etwa 516 Billionen Dollar investiert. Zum Vergleich: Das Bruttoinlandsprodukt des gesamten Planeten betrug im Jahr 2006 vergleichsweise bescheidene 66 Billionen. 14
Der dritte Grund der Entscheidung den deutschen Aktienmarkt näher zu untersuchen ist pragmatischer Art und wird durch die Zugänglichkeit zu geeignetem Datenmaterial geprägt. Deshalb handelt die folgende Untersuchung nicht über die Operationalisierbarkeit und methodische Eignung von Verfahren für beispielsweise Anleihe- oder Derivate-Märkte. Damit soll aber nicht dessen inhaltliche wie methodische Qualität unterminiert werden. Der Aktienmarkt ist von Seiten der Informationsverarbeitung her gesehen der vielversprechendste Bereich, da gerade die für die vorliegende Stichprobe ausgewählten Unternehmen des DAX von einer wahren Flut an Nachrichten bedacht werden. Dies bietet demnach eine fruchtbare Grundlage, um die Vorteile einer aus ökonomischen Schwächen und Stärken synthetisierten Methodologie zu testen und dabei gleichzeitig inhaltliches Neuland zu betreten. Die zwei zentralen Fragestellungen dieser Arbeit lassen sich obigen Ausführungen folgend zu einer Leitidee summieren: Kann aus der abstrakten Systemtheorie ein adäquates, empirisch anwendbares Forschungsgerüst für das ökonomische und damit soziale Phänomen der Informationsverarbeitung auf Aktienmärkten generiert werden? =XU%HDQWZRUWXQJGLHVHU)UDJHZLUGDOVÄ)XQGDPHQW³GHU$UEHLW]XQlFKVWHLQ.RQ]HSWder Systemtheorie erstellt, welches insbesondere die Informationsverarbeitung fokussiert. Dort werden einige Grenzen von Luhmanns Theorie aufgezeigt. Zudem wird ein eigenständiger Ansatz in wichtigen Details der Kommunikationsinkorporation entwickelt. Die ]ZHLWH 6lXOH GHV Ä)XQGDPHQWV³ LVW GHU HSLVWHPRORJLVFKH 7HLO GHU PLW GHP vorhergegangenen systemtheoretischen Gerüst EHVWULWWHQ ZLUG 'RUW VROO HLQH ÄVNHSWLVFKH +DOWXQJ³ 15 begründet werden, welche vor allem auf die Relativität von Erkenntnis hinweist und sich dementsprechend eher als notwendiges Vorwissen, als eine allumfassende, bis in
12 Krippner (2005), S. 174.
13 Anm.: Derivate sind Ableitungen von Basiswerten wie Aktien, die zu einem festen Preis gehandelt werden
können und somit als Risikoversicherung gegen Marktschwankungen dienen sollen.
14 Vgl. Dore (2008), S. 1099.
15 Von Foerster/Pörksen (2004), S. 45.
4
jeden sozialen Winkel reichende Theoriekonstruktion versteht. Darüber hinaus wird eine P|JOLFKH /|VXQJ GHU Ä6SDOWXQJ GHV :HOWELOGHV³ 16 mittels des zentralen Konzepts dieser Arbeit, den Programmen, angestrebt. Jene Synthese aus Induktion und Deduktion, einem Brückenschlag zwischen Teil und Ganzem gleich, strukturiert die gesamte restliche Arbeit. Mit den aus der epistemologischen Perspektive abgeleiteten Kriterien wird im Folgenden konstruktive Kritik an der Vorgehensweise des vorherrschenden Paradigmas der Ökonomie geübt. Das bedeutet, dass nicht nur Mängel der wirtschaftlichen Methodologie aufgezeigt werden sollen, sondern auch deren Vorteile Erwähnung finden. Beides kulminiert in einem systemtheoretisch angeleiteten Forschungsprogramm des Gegenstandsbereichs Aktienmarkt, mit dem Ziel, die tendenziell induktiven Vorzüge qualitativer Methoden mit denen deduktiv ausgerichteter, quantitativer Verfahren zu verbinden.
Aus diesem Bild der Welt heraus wird daraufhin die empirische Analyse geleistet. Theorieangeleitet und zwischen Teil und Ganzem wechselnd wird zunächst eine Typologie von Informationen gebildet, die auf dem deutschen Aktienmarkt auftauchen. Dadurch wird zum einen die Masse an Informationen einer Klassifizierung unterzogen, wodurch die gesamte Komplexität des Aktiensystems ein erstes Mal reduziert und somit handhabbar geformt wird. Zum anderen entstehen auf diese Weise qualitative Codes, die als unabhängige Variablen in den anschließenden quantitativen Teil dienen sollen. Bei dem Vorhaben die Wirkung einzelner Informationen auf den Aktienkurs der Unternehmen zu kalkulieren, wird die Konstruktion einer abnormalen Rendite im Mittelpunkt der Methodik stehen. Darunter wird der Anteil einer Kursentwicklung verstanden, der nicht auf allgemeine Marktbewegungen zurückzuführen ist. Auf diese Weise wird sich mit Hilfe der relativ feingliedrigen zeitlichen Aufspaltung der Kursdaten erhofft, möglichst eindeutige Zuweisungen zwischen der Marktreaktion und den jeweiligen Informationskategorien treffen zu können.
Die Ergebnisse sowohl der Typisierung als auch Quantifizierung sollen in der Identifikation von Programmen der Informationsverarbeitung gipfeln. Falls sich die Methodologie als tragfähig erweist, müssten sich wiederholende, relativ stabile Reaktionsmuster zeigen, auf welche Art und Weise Informationen in Aktienkurse inkorporiert werden. Hingegen wären durchweg chaotische, inkonsistente Ergebnisse ein Zeichen für die Unangemessenheit des Forschungsprogramms. Damit würde die zentrale Fragestellung inhaltlich wie methodologisch scheitern, einen Beitrag zum besseren Verständnis des Finanzsystems zu leisten. Zur Vermeidung dieses negativen Szenarios und um einen kleinen
16 Riedl (1985).
5
Ausschnitt der komplexen Wirtschaftswelt greifbar machen zu können, dienen die folgenden Ausführungen.
1. Fundament
1.1. Systemtheoretische Grundbegriffe
1.1.1. Kontingenz in sozialen Situationen
Die meisten Individuen, denen man im Laufe seines Lebens begegnet, bewegen sich mit erstaunlicher Leichtigkeit durch die täglichen Irrungen der sozialen Welt. Menschen gehen wie selbstverständlich in die Schule und nehmen an der Universität oder sonstigen weiterführenden Einrichtungen teil, um zu lernen, üben einen Beruf aus, reproduzieren ihr Genmaterial, kaufen zwischendurch Brot beim Bäcker und freuen sich zeitlebens auf die Rente.
An diesem stark simplifizierten Prototyp eines modernen Lebens schließen sich einige weitreichende soziologische Fragen an, zum Beispiel, was die semantische Abbildung Ä6FKXOH³EHUKDXSWDXVPDFKW"'HQNWPDQGLHVH3UREOHPDWLVLHUXQJZHLWHUIKUWVLHGLUHNW]X GHV Ä3XGHOV .HUQ³ GHU 6R]LRORJLH :LH LVW VR]LDOH 2UGQXQJ EHUKDXSW möglich? Oder umgedreht: Wieso stellt sich das Zusammenleben nicht völlig anders dar? Wieso laufen Menschen in Fußgängerzonen aneinander vorbei und kollidieren nicht fortlaufend, wie es wiederum bei einigen Formen des Tanzes erforderlich ist?
Der Erforschung sozialer Ordnung nähert man sich vielleicht am besten von der anderen 6HLWH GHV .RQWLQXXPV PLW +LOIH GHV 3KlQRPHQV GHU Ä.RQWLQJHQ]³ XQG GHU GDPLW verbundenen Nicht-Ordnung, dem Chaos. Luhmann beschreibt dies wie folgt:
Ä.RQWLQJHQW LVWHWZDV ZDV ZHGHU notwendig ist, noch unmöglich ist; was also so wie es ist (war, sein,
wird), sein kann, aber auch anders möglich ist. Der Begriff bezeichnet mithin Gegebenes (Erfahrenes,
Erwartetes, Gedachtes, Phantasiertes) im Hinblick auf mögliches Anderssein; er bezeichnet Gegenstände
LP+RUL]RQWP|JOLFKHU$EZDQGOXQJHQ³ 17
Damit wird die Vorstellung bezeichnet, dass ein jedes Ereignis nicht hätte eintreten müssen und an dessen Stelle ein anderes Ereignis stattfinden hätte können. Ein Beispiel auf sprachlicher Ebene veUGHXWOLFKW GHQ =XVDPPHQKDQJ Ä6FKXOH³ PXVV QLFKW ]ZDQJVOlXILJ Einrichtungen zur Schärfung kognitiver Fähigkeiten von Heranwachsenden meinen, wie es im Alltagsgebrauch meist assoziiert wird. In der Wissenschaft verbindet man damit auch relativ einheitliche intellektuelle Strömungen zu einem bestimmten Thema, wohingegen Tierfreunde
17 Luhmann (1984), S. 152.
6
wohl an Gruppen von Delphinen denken dürften. Allein diese Möglichkeiten verdeutlichen, dass Kontingenz unser ständiger Begleiter in einer unendlich komplexen Welt ist. Mit diesem Gedanken kann man die grundlegende Frage angehen, wie Menschen überhaupt miteinander in Beziehung treten können, wie also das Fundament jeder sozialen Ordnung beschaffen ist. Die einfachste Form menschlicher Beziehung ist der kleinstmögliche Plural, die Interaktion zweier Personen. Beide haben das obige Problem der Kontingenz, d.h. HLQH3HUVRQGLHLP)ROJHQGHQÄ(JR³JHQDQQWZLUGweiß nicht sicher, ob eine andere Person PLW GHP 1DPHQÄ$OWHU³ seine Handlung genauso wahrnimmt, wie Ego es intendiert. Dieser =XVDPPHQKDQJJLOWYLFHYHUVDZHVKDOEPDQYRQÄGRSSHOWHU.RQWLQJHQ]³ 18 sprechen kann. Zur Illustration genügt eine alltägliche Situation: Ego bewegt sich auf einem Gehweg von Punkt A zu B. Dabei kommt ihr Alter entgegen. Entsprechend dem Wissen um die Kontingenz der Situation aneinander vorbei zu gehen, versetzt sich Ego in Alter hinein. Als JHGDQNOLFKHU Ä$OWHU (JR³ ZHLFKW HU HLQHQ 6FKULWW ]XU 6HLWH DXV 'LHVHU 3UR]HVV YHUOlXIW umgekehrt auch bei Alter. Durch die gedankliche Vorwegnahme wissen beide um die JHQHUHOOHhEHUIRUGHUXQJGHVMHZHLOVDQGHUHQGXUFK.RQWLQJHQ]'HU$N]HQWOLHJWDXIÄEHLGH³ denn daraus ergibt sich eine erste Regelhaftigkeit in der überkomplexen Welt: Die Unwahrscheinlichkeit von Ordnung als Schwierigkeit Anknüpfungspunkte an eigene Handlungen zu schaffen mündet im gemeinsamen Streben von Ego und Alter nach einer Lösung ± sie klammern sich an den Strohhalm der doppelten Kontingenz, welche zumindest gemeinsame Sicherheit über die Unsicherheit bietet. Daraus ergibt sich folgendes Ä,FK WXH ZDV 'X ZLOOVW ZHQQ 'X WXVW ZDV LFK ZLOO³ 19 Denkt man obige Situation als erfolgreiches VR]LDOHV%HLVSLHO]X(QGHVRKlWWHGLH9RUZHJQDKPHÄ$OWHU(JR³]XHLQHP$XVZHLFKHQXQG GLHVSLHJHOELOGOLFKH$QWL]LSDWLRQÄ(JR$OWHU³]XPJHUDGHDXVODXIHQJeführt. Die überraschend komplexe Situation des gegenseitigen Vorübergehens kann auf diese Weise gelöst werden. Eine erste Ordnung entsteht somit aus Unordnung. Dieser Aspekt ist nun aber keineswegs eine exklusive Erkenntnis der Systemtheorie. Gerade die 6FKXOHGHUÄ,QWHUDNWLRQLVWHQ³KDWLQ der Soziologie auf die Bedeutung kontingenter Wechselwirkungen von Akteuren verwiesen. 20 6ROFKHÄIndividuen³Ä0HQVFKHQ³RGHUÄ$JHQWHQ³ finden in der Systemtheorie jedoch keinen Platz. 21 Individuen können nicht als Systeme fungieren, da sie nicht die Möglichkeit der Beobachtung ihrer lebenserhaltenden Prozesse besitzen und somit die Differenz System/Umwelt nicht nachvollziehen können. Mit anderen Worten: Systemtheoretisch muss
18 Luhmann (1984), S. 148.
19 Ebd., S. 166.
20 Anm.: Exemplarisch für den symbolischen Interaktionismus soll Mead (1975) stehen.
21 Anm.: Reichhaltige Kritik an dieser nicht-individualistischen Sichtweise findet sich bei Sven Papke (1990)
und vor allem Jürgen Habermas (1985), S. 426ff.
7
ein System sich selbst beobachten können, weil es sonst keine Unterscheidung zur Umwelt aufbauen kann. Der Mensch erhält damit konsequenterweise keinen systemischen Status, weil es ihm unmöglich ist, seine physischen und noch weniger seine psychischen Aufrechterhaltungsprozeduren beobachten zu können. 22
Die basale Kategorie vieler soziologischer Theorien verschwindet damit aus der zentralen Betrachtung. Stattdessen wird der Mensch als semantische Einheit psychischer und biologischer Systeme wahrgenommen, die durch Kommunikation wiederum sozial verankert ist. 23 Psychische Systeme sind nach dieser Sichtweise ko-evolutionierte, notwendige Bedingungen VR]LDOHU 6\VWHPH 6ROFKH 3HUVRQHQ HQWVSUHFKHQ DEHU QLFKW GHP ÄJDQ]HQ³ Menschen, dazu fehlt das physische System. Die Leitdifferenz System/Umwelt erfordert zwangsläufig eine theoretische Verschiebung dieser Personen in die Peripherie eines sozialen 6\VWHPV DOVR LQ GLH 8PZHOW (V JLEW GHPQDFK Ä9RUDXVVHW]XQJHQ GHU $XVGLIIHUHQ]LHUXQJ sozialer Systeme (unter anderem: Personen als BeZXWVHLQVWUlJHU >«@ GLH QLFKW PLW DXVGLIIHUHQ]LHUWZHUGHQ³ 24
Nichtsdestotrotz sind soziale und psychische Systeme als wechselseitige Prämissen nicht voneinander zu trennen. Die Ko-Evolution generiert eine wichtige und konstituierende gemeinsame Errungenschaft: den Sinn. Dessen Einheit zeigt sich im Spannungsfeld von Potentialität und Aktualität und ist die erste und rudimentärste Form der Komplexitätsreduktion. Sinn selegiert somit Auswahlmöglichkeiten der Umwelt. Der König DXV Ä$OLFH LP :XQGHUODQG³ GUFNt diesen Vorgang sehr anschaulich aus, nachdem er das *HGLFKWGHVZHLHQ.DQLQFKHQVJHOHVHQXQGHVIUXQVLQQLJEHIXQGHQKDWÄ:HQQHVNHLQHQ Sinn hat, können wir uns sehr viel Mühe sparen, denn dann brauchen wir ihn gar nicht erst zu VXFKHQ³ 25 So ähnlich verhält es sich bei sozialen Systemen auch: Gibt es keinen Sinn, existiert auch keine Selektion und damit kein System.
Die beiden obigen Systemarten werden über Sinn strukturell gekoppelt. 26 Personen zeigen dabei eine ständige Tendenz den psychischen Sinn mit dem des Sozialen zu verwechseln und umgekehrt. Insofern dient solch eine theoretisch fundierte Begrifflichkeit als Heuristik zur Auffindung von Ordnungsmustern. Deshalb wird auch der grundsätzlichen Kritik an solch einer Akteurs-ungebundenen Sinn-Konzeption widersprochen. Sinn ist nämlich nicht wie beispielsweise von Haferkamp behauptet per se an Akteure gebunden, sondern stellt lediglich eine Kategorie dar, die den Akteuren (oder eben Systemen) aus einer realitätskonstruierenden
22 Vgl. Luhmann (1984), 67f.
23 Vgl. Luhmann (2005), S. 171ff.
24 Luhmann (1984), S. 244.
25 Caroll (1963), S. 123.
26 Vgl. Luhmann (1997), S. 101f.
8
Perspektive zugeschrieben wird. 27 Nahezu jede Theorie besitzt solch einen Letztbezugspunkt, der metaphysisch begründet werden muss. Unter metaphysisch wird hier eine ÄXQHQWVFKHLGEDUH(QWVFKHLGXQJ³YHUVWDQGHQ'DPLWLVWHLQH)HVWOHJXQJDXIHLQHQQLFKWPHKU begründbaren Zusammenhang gemeint, der konstitutiv für alle, dann zumindest logisch nachprüfbaren, theoretischen Ableitungen innerhalb eines kognitiven Gebildes ist. 28 Ebendieser Fluchtpunkt ist in der soziologischen Systemtheorie der Sinn. Bevor nun genauer darauf eingegangen werden kann, was ein soziales System ausmacht, soll die folgenreiche Individuen-Ausklammerung nochmals kurz aus einer allgemeinen Perspektive reflektiert werden. Eigentlich scheint es nämlich innerhalb der Soziologie nie ein Problem gewesen zu sein, die Dynamiken und Gesetzmäßigkeiten des Sozialen mittels einer Rekonstruktion des sozialen Sinns, ohne irgendeinen Verweis auf Menschen, zu untersuchen. Dies entspricht exakt dem Gegenstandsbereich der Soziologie, die sich für die Relationen zwischen einzelnen Elementen des gesellschaftlichen Ganzen und nicht für die Beschaffenheit von singulären Teilen davon interessiert. 29
Die Arbeiten von Max Weber zeigen dies auf eindrucksvolle Art und Weise. Zwar beruft er sich in seinen methodologischen Ausführungen auf verstehende Interpretation durch eine Rekonstruktion des subjektiv gemeinten Sinns, seine empirischen Werke weisen davon jedoch nur noch Spurenelemente auf ± wohl auch aufgrund der Schwierigkeit, subjektiven Sinn zu operationalisieren. Spricht Weber beispielsweise von Herrschaftsformen, beschreibt er diese als bestimmte Ordnungen, die mit spezifischen Unterscheidungen operieren, welche letztlich relativ unabhängig von den Gehalten der individuellen Gemüter sind. Seien es die Anschauungsformen dessen was Charisma ist oder die Prinzipien einer rationalen Hierarchie. Die Logik der Herrschaftsformen erscheinen in einem Maße unabhängig von den sie konstituierenden Menschen, dass sie ohne Probleme über kulturelle Räume und historische Zeitalter hinweg analysiert werden können. 30 Das in der Methodologie noch zentrale Individuum scheint jedenfalls weder für die Methode noch für die sinnhafte Interpretation der Daten von entscheidender Bedeutung gewesen zu sein.
In diesem prominenten Beispiel erkennt man die Schwierigkeit mit subjektiv gemeintem Sinn zu laborieren. Man ist gezwungen zu erklären, wie individuelle Bedeutungs-
27 Vgl.Haferkamp (1987), S. 66f.
28 Anm.: Eben dieser Letztbezug ist bei den Interaktionisten wie Haferkamp das Individuum. Man könnte dort
DEHUDXFKGLH%HVLQQXQJDXIQHXURQDOHRGHUQRFKÄWLHIHUOLHJHQGH³3UR]HVVHIRUGHUQZRPLWPDQDEHUGHPcirculi
vitiosi nicht entkommt.
29 Anm.: Man könnte für diesen Gedanken Emile Durkheim (1995XQGGLHÄ'LQJOLFKNHLW³GHV6R]LDOHQDOV
Urvater anführen.
30 Vgl. zur Definition von Sinn Weber (1985), S. 1 und zu den verschiedenen Herrschaftstypen, ebd., S. 122ff.
9
zusammenhänge sozial relevant und wie diese als genuin soziale Phänomene zu beschreiben wären. Ist es der durchschnittliche Sinn aller Individuen, der die soziale Welt entstehen lässt? Und was ist mit bereits verstorbenen Gesellschaftsmitgliedern, ist ihr Sinn ebenfalls entscheidend, und falls ja, wie stark gewichtet man diesen?
Vor allem methodisch taucht hier ein Paradox auf, denn gemeinhin beobachten Soziologen nicht die Ebene psychischer Systeme, sondern schließen indirekt auf deren Identität, unter Verweis auf sprachliche Kommunikationen, nur um davon erneut auf die Abläufe des Sozialen zu schließen. Die systemtheoretische Perspektive erlaubt es, diesen Mittelsmann zu übergehen und sich von vornherein den Ordnungen der sozialen Welt zu widmen, also Kommunikationen und ihre fortlaufende Anschlussfähigkeit zu betrachten. Nicht mehr die einzelnen Elemente sind dieser Haltung nach entscheidend, sondern deren Relation, ihre Zusammensetzung.
1.1.2. Autopoiesis und Beobachtung
Jene Anschlussfähigkeit von Kommunikation ist das Zentralproblem eines sozialen Systems. Dementsprechend ist ihr wichtigstes Charakteristikum die Herstellung dieser Verknüpfung LP /DXIH GHU Ä$XWRSRLHVLV³ 6FKRQ GLH =XVDPPHQVHW]XQJ GHV %HJULIIV LOOXVWULHUW GDEHL VHLQH %HGHXWXQJ Ä$XWR³ PHLQW Ä6HOEVW³ XQG Ä3RLHVLV³ VWHKW IU Ä3URGXNWLRQ³ 31 Ein System ist demnach als autopoietisch zu bezeichnen, sobald sich die Elemente, aus denen es besteht, durch eine selbstgeschaffene Relation genau dieser Elemente selbst (wieder) erzeugen, wenn also die Produktion der Elemente eines Systems aus eben diesen Elementen erfolgt.
Verdeutlicht werden kann diese an die Biologie angelehnte Definition durch die Abgrenzung zu nicht-DXWRSRLHWLVFKHQ ÄWULYLDOHQ 0DVFKLQHQ³ 32 Solche von Menschenhand konstruierten Maschinen sind auf den ersten Blick ebenfalls eine bestimmte Relation von Elementen und deren Verkettung. Der entscheidende Unterschied zu sich selbsterhaltenden Systemen liegt jedoch darin, dass sie ihren operationalen Eigenzustand nicht verändern und somit ihre Elemente nicht aus sich selbst heraus erzeugen, sondern von anderen Elementen XQGGHUHQ5HODWLRQHQDEKlQJLJVLQG%HL0DVFKLQHQGHV7\SVÄ$XWRPRELO³LVW]XP%HLVSLHO eine Werkstatt zur Wartung notwendig, wohingegen nicht-triviale, lebendige und DXWRSRLHWLVFKH6\VWHPHVHOEVWGHQÄ9HUVFKOHL³GHU=HLWNXULHUHQ Deshalb ist Anschlussfähigkeit bzw. (Selbst-)Reproduktion das Grundproblem von Systemen ± ohne diese hören sie auf zu existieren. Ein operatives Systemelement muss die
31 Vgl. Maturana (1981), S. 21.
32 Von Foerster (1997), S. 357.
10
Hervorbringung eines weiteren ermöglichen. Diese Selbstverweisung wird im Allgemeinen als Ä6HOEVWUHIHUHQ]³ EH]HLFKQHW 33 Selbstreferenz ist aber keine hinreichende Bedingung zur Schließung von Systemen, sondern eine notwendige. Das Verhältnis eines Systems zur 8PZHOWPXVVPLWLQGLH%HWUDFKWXQJHLQEH]RJHQZHUGHQZDVLQ)RUPYRQÄ)UHPGUHIHUHQ]³ geschieht. Diese beiden Verweisungsmöglichkeiten spiegeln wiederum die Leitdifferenz System/Umwelt wider. Komplexität und Kontingenz anderer Systeme (bzw. der Umwelt selbst) werden auf diesem Weg nach systeminternen Gesetzen erfasst und verarbeitet. Ein ÄIHHGEDFN ORRS³ 34 mit der gekoppelten Umwelt setzt ein, in dessen Verlauf durch die Inkorporation von Umweltkomplexität die systeminterne Komplexität gesteigert wird. Während dieses Prozesses sind die Systeme geschlossen, aber gewinnen gleichzeitig an Offenheit, denn die mögliche Bedrohung ihrer Autonomie von außen wird innerhalb des Prozesses zu einer systeminternen Ressource gewandelt, welche wiederum die Autonomie des Systems stärkt. 35 Hier erkennt man die Einheit, die dieser Unterscheidung innewohnt, denn SHOEVWUHIHUHQ]NDQQÄQXUPLWODXIHQZHLOVLHQLFKWDEVFKOLHWQLFKW]XP(QGHIKUWQLFKWGDV WHORVHUIOOWVRQGHUQJHUDGH|IIQHW³ 36 Die operative Geschlossenheit, die ein autopoietisches System erreicht, ist deshalb nicht als absolut zu sehen, sondern ist vielmehr ein wechselseitiges Phänomen. Geschlossenheit kann nur in Abgrenzung zu Offenheit auftreten, und umgekehrt.
So wie offen und geschlossen Hand in Hand gehen, verhält es sich auch mit der Differenz DQVLFKÄ:HFDQQRWPDNHDQLQGLFDWLRQZLWKRXWGrawing a dinstinction [...] Once a distinction LVGUDZQ>«@HDFKVLGHRIWKHERXQGDU\EHLQJGLVWLQFWFDQEHLQGLFDWHG´ 37 Unterscheidungen zu setzen ist Spencer-Brown zufolge die Fähigkeit eines Systems zu diskriminieren und zu bezeichnen. Dieses Unterscheiden und Bezeichnen stellt dabei eine operative Einheit dar, da man stets etwas bezeichnet, wenn man es unterscheidet und wiederum etwas von allem anderen unterscheidet, wenn man es bezeichnet. Dies führt zu einem weiteren zentralen theoretischen Aspekt, der Beobachtung.
Wenn Systeme unterscheiden (und somit bezeichnen), beobachten sie gleichzeitig, da in der Differenz sowohl die Grundlage der Umwelt als auch der erst auf diesem Wege mögliche Unterschied zwischen System und Umwelt besteht. Es ist allerdings nicht direkt die Umwelt, die beobachtet wird, sondern immer nur die Irritation, welche die Umwelt im System auslöst. Das System verwendet die Unterscheidungen, die in jenem Prozess getroffen werden
33 Vgl. Luhmann (1984). S. 182f.
34 Maturana/Varela (1973), S. 78.
35 Vgl. Luhmann (1984), S. 60.
36 Vgl. ebd., S. 606.
37 Spencer-Brown (1979), S. 1.
11
dahingehend, dass es mit ihnen umgehen kann und infolgedessen die Irritationen zu Ressourcen des Systems werden. Diese Beobachtung erster Ordnung folgt dabei der Logik des beobachtenden Systems, da die Umweltirritationen nach den eigenen, autopoietischen Regeln verarbeitet werden und nicht nach jenen des beobachteten Systems bzw. der Umwelt im Allgemeinen. 38
In dem Moment der Beobachtung kann das System sich selbst jedoch nicht sehen, was zu HLQHP ÄEOLQGHP )OHFN³ IKUW :LH GDV PHQVFKOLFKH $XJH DQ EHVWLPPWHQ )OlFKHQ GHU Netzhaut keine Stäbchen und Zäpfchen besitzt, die das Sehen erst ermöglichen, so sind auch soziale Systeme nicht mit einem 360°-Blickwinkel ausgestattet. Dieser Blindheit kann durch eine Beobachtung zweiter Ordnung HLQHP Ä5H-HQWU\³ 39 , begegnet werden, indem man als Beobachter einen unterscheidbaren anderen Beobachter beobachtet. Man wird zu einem Beobachter des Beobachteten. Notwendigerweise wird dabei eine Unterscheidung in der Unterscheidung getroffen.
Obiges Beispiel hilft dabei diese Paradoxie zu veranschaulichen: Ego traf darin eine Unterscheidung, auszuweichen oder nicht. In der gewählten und damit beschriebenen Hälfte der Unterscheidung ± in oben genannten Fall auszuweichen ± kann eine erneute Unterscheidung gemacht werden, nachdem auch Alter eine Unterscheidung getroffen hat, beispielsweise auf die gleiche Seite auszuweichen. Der ÄRe-entry³ wäre in diesem Fall die Unterscheidung der Unterscheidung, also nochmals auszuweichen oder nicht. Entscheidet Ego sich diesmal dafür nicht auszuweichen, kann man der paradoxen Formulierung nicht entfliehen: Man weicht aus, nur um nicht auszuweichen. Das aber rettet Ego vor einem Zusammenstoß, falls Alter sich ebenfalls für die andere Möglichkeit der Unterscheidung, dem nochmals (spiegelbildlich) gleichgerichteten Ausweichen entschieden hätte.
1.1.3. Kommunikation
Das Beispiel des letzten Abschnitts zeigt den Zusammenhang der Leitdifferenz System/Umwelt mit der Idee der doppelten Kontingenz. Beobachten ermöglicht allerdings nur die wechselseitige UnteUVFKHLGXQJ YRQ $OWHU XQG (JR (LQH NRQNUHWH Ä,QQHQDQVLFKW³ GHV jeweils Anderen kann nicht vorgenommen werden. Bis zu diesem Punkt handelt es sich somit um sich selbst beobachtende und reproduzierende Systeme. Erst Kommunikation ändert dieses VerständigungsSUREOHPÄ'HQQQXU.RPPXQLNDWLRQNDQQ6\VWHPHPLWJHVFKORVVHQHU ]LUNXOlUHU6HOEVWUHIHUHQ]EHUVLFKKLQDXVIKUHQ³ 40
38 Vgl. Maturana (1984), S. 64.
39 Spencer-Brown (1979), S. 56.
40 Luhmann (1981), S. 15.
12
'DEHL UHNXUULHUW .RPPXQLNDWLRQ DXI GHQ HUVWHQ Ä.RPSOH[LWlWVKHPPHU³ 6LQQ 1XQ ZLUG auch deutlicher, was es mit der dort aufgespannten Unterscheidung von Aktualität und Potentialität auf sich hat: Jede aktuelle Kommunikation ist eine Selektion aus allen möglichen Kommunikationen und eröffnet durch ihre Aktualisierung in der Anwendung zugleich einen neuen Möglichkeitsraum, an dem sich wiederum neue, kommunikative Selektionen anschließen können. Anhand dessen lässt sich die Selbstreferentialität des Prozesses, seine autonome Reproduktion, erkennen.
Wohlgemerkt: Autonom, nicht autark. Die Reduktion von Komplexität durch Selektion ist nicht unabhängig von der Umwelt, sondern vielmehr eng damit verknüpft. Es sind eben Sinnverweisungen auf die Systemumwelt, was Kommunikation auszeichnet. Deshalb fällt der Kommunikation auch die Schlüsselrolle in der Theorie sozialer Systeme zu, da sie die Einheit der Differenz von Umwelt und System bereits in sich trägt. 41 Bei Kommunikation handelt es sich um einen Prozess der Selektion, um eine zeitlich geordnete Abfolge einzelner Ereignisse. Luhmann sieht die Einheit der Kommunikation in einer Trias von Mitteilung, Information und Verstehen. 42 Die Dreiteilung sowie die ersten beiden Schritte werden in der vorliegenden Arbeit Verwendung finden, während der dritte, das Verstehen, substituiert wird. Durch diese Fokussierung wird zugleich eine Gegenposition zu der populäreQ =ZHLWHLOXQJ YRQ .RPPXQLNDWLRQ QDFK GHP Ä6HQGHU-(PSIlQJHU³-Modell von Stuart Hall eingenommen. 43 Zu kritisieren ist an dieser simplizistischen Konzeption vor allem, dass die Aufmerksamkeit weg vom eigentlichen Prozess der Relation hin zu den daran BeteiligWHQYHUODJHUWZLUG*HUDGHGHUDOV LQWHQWLRQDO YHUVWDQGHQHÄ6HQGHU³LVWRIWPDOV QLFKW zu identifizieren, man denke an physikalische Schwingungen oder im Sozialen an Gerüchte und unbewusste Gesten. Deshalb wird hier ein Konzept formuliert, dass den Schwerpunkt auf die Selektivität des Kommunikationsprozesses an sich und auf die daran im Anschluss erfolgenden Reaktionen legt. 44
41 Anm.: Luhmann vertritt diese Auffassung nicht allein. Die überwiegende Mehrzahl an sozial-
wissenschaftlichen Forschern stellt Kommunikation in seiner allgemeinen Form als Beziehung zwischen
verschiedenen sozialen Aggregaten mehr oder weniger explizit in den Mittelpunkt. Beispiele hierfür finden sich
zuhauf, deshalb seien stellvertretend drei prominente Beispiele aus der Soziologie genannt: Georg Simmels
Ä:HFKVHOZLUNXQJHQ³*RIIPDQV6FKDXVSLHOPHWDSKHUQRGHUHWZDVDNWXHOOHUXQG|NRQRPLVFKer,
Streecks (1999) Ausführungen über geänderte institutionelle Verknüpfungen in Deutschland.
42 Vgl. Luhmann (1984), S. 194 ± 199.
43 Vgl. Hall (1994), S. 107ff.
44 Anm.: Aus diesem Grund wird die Unterscheidung Handlung / Kommunikation wie Luhmann sie trifft hier
nicht vollzogen (vgl. Luhmann 1984: S. 225f.). .RPPXQLNDWLRQZLUGDOVRQLFKWGXUFKÄ=XUHFKQXQJDOV
+DQGOXQJ³HEG: S. 240) ermöglicht. Die Trennung erscheint artifiziell und weist lediglich semantischen
Charakter auf. Erstens ist Handlung immer Kommunikation. Dies gilt natürlich nur sobald ein Beobachter
vorhanden ist. Ansonsten würde man in die Problematik involviert, ob ein umfallender Baum Lärm macht, wenn
es niemand hört? Diese Frage aber ist mit der (Selbst-)Konstruktion der Wirklichkeit verbunden und daher
weniger eine Verstandes- als Einstellungsfrage und kann somit für das zu untersuchende Feld keine Geltung
13
Die Umwelt eines Systems muss man sich dabei als unendlich komplexes Feld von eventuell relevanten Ereignissen vorstellen. Nun müssen diese Ereignisse aber erst einmal an das System herangetragen werden. Solch einen Selektionsvorschlag stellt die Mitteilung dar, die somit eine Anregung ist. Ihre Aufgabe besteht darin, die von ihr mitgeteilte Information zu transportieren und sie verständlich zu machen, sie zu codieren. Darin liegt eine erhebliche Beschränkung, was überhaupt mitgeteilt werden kann. Nur auf diesem Wege können in Ä=ZHLWIRUP³YHUZDQGHOWH,UULWDWLRQHQGHU8PZHOWVHLHVGXUFK6SUDFKH0LPLN*HVWLNRGHU sonstige Zeichen, überhaupt für ein soziales System als Information erscheinen. 45 Mitteilungen sind somit mögliche Informationen. Man muss sie sich allerdings von jenen getrennt vorstellen und als Vehikel von Informationen betrachten. Bücher, Vorträge oder Filme sind beispielsweise an sich noch keine Informationen, sondern nur Träger, die als Anregungen für ein System aufgefasst werden.
Nichtsdestotrotz sind Informationen abhängig von diesen Trägern, genau wie vom verarbeitenden System. Ein System, das erst in der Differenz zur Umwelt entsteht, definiert mit dieser Unterscheidung gleichzeitig, was Information überhaupt sein kann. Mögliche Informationen befinden sich nämlich QLFKWHLQIDFKLQGHU8PZHOW0LWÄWKHHQYLURQPHQWLVDV LW LV³ 46 erläutert Heinz von Foerster in seiner eigentümlichen Präzision diesen komplexen Gedankengang. Akzeptiert man dies, folgt daraus, dass erst in der Differenz System/Umwelt Mitteilungen und schließlich Informationen existieren können. Informationen warten also nicht darauf mitgeteilt und verarbeitet zu werden, sondern sind nur im Zusammenhang mit der theoretischen Leitdifferenz überhaupt denkbar.
Von Information soll deshalb im Folgenden die Rede sein, wenn ein mitgeteiltes Ereignis ± als einmaliges Elementarteilchen verstanden ± eine Änderung des Systemzustands auslöst. 47 Es wird also ein Zustand erreicht, der ohne diese Information nicht vorhanden wäre. Die zeitliche Beschaffenheit der Ereignisse ± Einmaligkeit ± impliziert eine weitere wichtige Konsequenz: Wiederholungen sind keine Informationen. Sie sind zwar grundsätzlich an das System koppelbar, falls sinnvoll, erzeugen aber keine Irritation, keine Änderung mehr. Liest
beanspruchen (vgl. von Foerster 2002: S. 38f.). Zweitens ist Kommunikation immer auch Handlung, sie läuft als
Konkretisierung der Kommunikation mit, als deren Manifestation. Diese relative Deckungsgleichheit der
Begriffe soll genutzt werden, um die recht komplexe semantische Struktur der Arbeit nicht noch weiter
aufzuladen und lediglich den Begriff der Kommunikation zu gebrauchen. Die theoretisch notwendige
Unterscheidung (Kommunikation als Selbstkonstitution, Handlung als Selbstbeobachtung) einer von Luhmann
angestrebten allgemeinen Sozialtheorie wird durch die hier einzunehmende, empirische Beobachterrolle ±
wodurch die Differenz Handlung / Kommunikation zwangsläufig als Einheit wahrgenommen würde ± im
weiteren Verlauf als obsolet betrachtet.
45 Vgl. Luhmann (1984), S. 208f.
46 Von Foerster (1984), S. 254. Zur Herleitung vgl. ebd., S. 250ff.
47 Vgl. Luhmann (1984), S. 102f.
14
beispielsweise Ego eine Zeitung und schreckt wegen fallender Aktienkurse auf, so ist das eine Information. Erzählt ihm aber sein Freund Alter dasselbe Ereignis nochmals, so bleibt es zwar sinnvoll und prinzipiell anschlussfähig, verliert aber seinen Informationswert. Der dritte Schritt um von einer gelungenen Kommunikation sprechen zu können ist VFKOLHOLFKQDFK/XKPDQQGDVÄ9HUVWHKHQ³GHPGDEHLHLQHÄVHKUZHLWWUDJHQGH%HGHXWXQJ³ 48 für den gesamten Kommunikationsprozess unterstellt wird. Luhmann präsentiert für den dritten kommunikativen Teilschritt nur ein stark verknapptes und damit eher vage erscheinendes Konzept. Lediglich das Erkennen der Differenz von Mitteilung und Information sowie die dann schon tautologische Konfirmation des Verstandenwerdens in der Anschlusskommunikation werden als Inhalt des Verstehens expliziert. 49 Gerade für empirische Anwendungen ist aber eine nicht eindeutige Begrifflichkeit an zentraler Stelle ein erkenntnishemmender Stolperstein. Systemtheoretisch kongruent bleibt diese Arbeit zwar an Anschlussfähigkeit orientiert, jedoch dergestalt, dass Information als ]XQlFKVWÄQHXWUDO³HLQHQLFKWspezifische Veränderung im System verursacht. Dieser Prozess bezeichnet die Informationswerdung als solche.
Daran anschließend und als die Kommunikation abschließend wird hier die Relationierung gesehen, d.h. die ankommende Information wird im Verhältnis zu vorhergehenden bzw. noch zu erwartenden Informationen des jeweiligen Systems gesetzt. Der Vergleich mit systemwirksamen Informationen, seien es vergangene oder zukünftige, ist aus systemtheoretischer Perspektive zwingend erforderlich, da ihre Wirkung von der Fähigkeit bzw. der Erfahrung des beobachtenden Systems abhängt. Eine systemische Differenz als Kommunikation generiert eine Information somit erst in diesem dritten Schritt, der als Einordnung firmieren soll. Informationen können dadurch affirmiert oder negiert werden, je nach Erfahrung bzw. Erwartung, wobei letzteres eng mit der Struktur eines Systems zusammenhängt. 50
Die Ä7UL-fferenz³ GHV VHOHNWLYHQ .RPPXQLNDWLRQVSUR]HVVHV HUODXEW HLQH lXHUVW flexible Handhabung des Themas Kommunikation. Viele Differenzen können durch diesen Ansatz in der Einheit des oft definierten Begriffs erfasst werden. 51 Auf diese Weise kann man sowohl erfolgreiche Verständigungen, die beiden Teilnehmern gerecht werden (in der Intention sowie
48 Luhmann (1984), S. 198.
49 Vgl. ebd., S. 198f.
Anm.: Zusätzlich muss kritisch ergänzt werden, dass Luhmann den Begriff in verwirrender Vielfalt einsetzt,
besonders im kommunikativen Sinne (vgl. Luhmann 1981: S. 26), aber unter anderem auch bzgl. der
System/Umwelt-Differenz (vgl. Luhmann 1984: S. 256f.).
50 $QP=XU%HGHXWXQJYRQÄ(UZDUWXQJ³IUGDVYHUZHQGHWHV\VWHPWKHRUHWLVFKH.RQ]HSWVLHKH Kapitel 1.1.4.
51 Anm.: Der Soziologe Klaus Merten (vgl. Merten 1977: S. 168ff) fand in seiner Dissertation die beachtliche
Zahl von 160 verschiedenen Definitionen des Begriffes. Es dürften kaum weniger geworden sein.
15
Inkorporation entsprechend sind) als auch missverständliche kategorisieren. Des Weiteren finden sich realistische wie erfundene, erwartete und unerwartete, explizite wie implizite sowie reflexive als auch einmalige soziale Austauschversuche in dem Begriff wieder. .RPPXQLNDWLRQ DOV (LQKHLW GHU Ä7UL-IIHUHQ]³ GDUJHVWHOOW ELHWHW GLH 0|JOLFKNHLW DOO GLHVH Spielarten im Rahmen der notwendigen Prozesshaftigkeit sozialer Phänomene und der damit verbundenen Anschlussfähigkeit zu erklären. Mit jenem Konzept zeigt sich die Offenheit der hier erarbeiteten Systemtheorie: Es geht darum, nicht a priori zu wissen, wie Ereignisse auf 6\VWHPHZLUNHQXQGHQWVSUHFKHQGÄEHUUDVFKW³YRQGHQ5HDNWLRQHQVHLQ]XN|QQHQWie ein konkretes System konstituiert ist und vor allem, wie es die Anschlussfähigkeit seiner Kommunikationen organisiert, ist eine empirische Frage, deren Bedeutung in Form von Ä3URJUDPPHQ³ in einem eigenen Kapitel (1.2.4) Rechnung getragen wird. Der erste Vorteil der systemtheoretischen Perspektive, der hier festgehalten werden kann, ist damit die ermöglichte Fokussierung auf die Invarianz nur eines Ausschnittes der Realität ± die Kommunikation. So werden diese theorieimmanent schon zeitextensiv und in Relation betrachtet, ohne auf eine enge Begriffsdefinition angewiesen zu sein. Komplementär zu solchen überraschenden Kommunikationen werden soziale Systeme als emergente Ordnungen aufgefasst. 6R]LDOH 6\VWHPH VLQG ÄQLFKW EOR HLQH 6XPPH YRQ Individuen, sondern das durch deren Verbindung gebildete System stellt eine spezifische 5HDOLWlWGDUGLHHLQHQHLJHQHQ&KDUDNWHUKDW³ 52 In einem System sind also nicht nur die Teile, sondern vor allem ihre Beziehungen zueinander von Bedeutung. Konstituiert sich auf diese Weise ein allgemeines System von Relationen, dann zeigt es Eigenschaften, von denen einige nicht mehr allein aus den Dispositionen der Konstituenten erklärbar sind. Es taucht folglich nicht nur etwas schon Bekanntes auf, sondern etwas genuin Neues entsteht, d.h. aus der Vielzahl von Relationen einzelner Teile bildet sich eine neue und eigengesetzliche Ordnung heraus.
Orientiert man sich an der Leitdifferenz System/Umwelt wird der Zusammenhang deutlicher. System und Umwelt unterscheiden sich in ihrem Komplexitätsniveau, denn gerade die Reduktion von Komplexität ist ein wichtiger Grund zur Systemgenese. Ein System ist demnach nicht nur akkumulierte Komplexität, sondern vielmehr wird der Komplexitätsstrom der Umwelt durch systemische Selektionen nur unterbrochen. 53 Und genau das ist die von Durkheim gemeinte sui generis Qualität von Systemazität. Ein solches systemeigenes
52 Durkheim (1995), S. 187.
53 Vgl. Luhmann (1984), S. 47 ± 50.
16
Selektionsschema wird zwangsläufig durch mehr als die pure Addition der Eigenschaften der beteiligten Elemente generiert, sonst wäre es nur die Umwelt von anderen Systemen. Diesen zentralen Gedanken der Systemtheorie kann man sich am Beispiel eines Sturmes anschaulich vor Augen führen. Ein Sturm besteht letztlich aus nichts Anderem als einer Menge sich bewegender, verschiedener Luftmoleküle. Die Bewegung der Luftmoleküle ist eine der ständigen Energieübertragung, die sie durch die anderen Moleküle erfahren und die sie an ihre Nachbarn weitergeben. Systemtheoretisch gesagt herrschen auf der Ebene der einzelnen Elemente und ihrer hochdynamischen Relationen große Komplexität und Kontingenz. Deshalb ist es physikalisch unmöglich, die Bahnen dieser einzelnen Luftmoleküle über eine größere Anzahl von Kollisionen hinweg zu verfolgen, geschweige denn das Ausmaß und die Richtung des Sturms daraus zu berechnen. 54 Dennoch existiert die Meteorologie und ist durchaus in der Lage Voraussagen über Phänomene wie Stürme und sogar ganze Wetterlagen zu erstellen. Betrachtet man Stürme nämlich als emergentes Ganzes, werden sie durchaus prognostizierbar, weil das Ganze eben mehr als seine einzelnen Teile ist. Emergenz sorgt auf der Ebene der Elemente für Unschärfe, schafft aber als systemisches Phänomen Prognostizierbarkeit.
Im Rückgriff auf die doppelte Kontingenz kann man das dort verwendete Zitat somit um die Rolle der (PHUJHQ]HUZHLWHUQÄIch tue, was du willst, wenn du tust, was ich will. Dieser Zirkel ist, in rudimentärer Form, eine neue Einheit, die auf keines der beteiligten Systeme ]XUFNJHIKUWZHUGHQNDQQ³ 55 Demnach ist doppelte Kontingenz und somit auch Kommunikation ein emergentes Phänomen. Allerdings bildet nichts anderes als diese gegenseitige, emergente und damit schwer prognostizierbare Kontingenz eine Art Pontonbrücke aus dem Chaos der Weltkomplexität in geordnete Bahnen eines Systems. Das Zustandekommen von Kommunikation erscheint demnach als sehr unwahrscheinlich. 56 Trotzdem wird die empirische Welt von den meisten als relativ beständig empfunden. Dieser ambivalente Gedanke von prinzipieller Unwahrscheinlichkeit und täglich praktizierter kommunikativer Anschlusssicherung wird im abschließenden Abschnitt des ersten Kapitels in die Theorie integriert.
1.1.4. Struktur
Unwahrscheinlichkeit ist folglich der ständige Begleiter von Kommunikation. Man ist andauernd der Gefahr ausgesetzt falsch oder überhaupt nicht verstanden zu werden. Die
54 Anm.: Die hierbei auftretende Unschärfe ist nicht auf mangelnde Messgeräte zurückzuführen, sondern ein
Ergebnis der real existierenden Unschärfe dieser Welt, wie sie zum Beispiel in der Heisenbergschen
Unschärferelation auftritt.
55 Luhmann (1984), S. 166. Der kursive Teil wurde schon auf S. 7 zitiert.
56 Vgl. Luhmann (1981), S. 26ff.
17
Notwendigkeit eines tragfähigen Mediums, um überhaupt den Bereich von Wahrnehmungen verlassen zu können, verdeutlicht diesen Umstand. Die Sprache ist dabei die zentrale soziale Mitteilungsform, welche es ermöglicht, die Ausprägung von systemischen Codierungen zu generieren und zu verstehen. Dabei besitzen Codes zweiseitige, jeweils mit entgegengesetzten Werten versehene (Nicht-)Präferenzen, die die Anschlussfähigkeit von Kommunikationen in einem System regeln. 57 Mit Hilfe von Artikulationen lassen sich diese Codes bilden, z.B. falsch/richtig, recht/unrecht oder schön/hässlich.
Trotz der Sprache wäre Kommunikation auf einen engen Kreis von direkt interagierenden Personen beschränkt, würde es nicht Verbreitungsmedien geben. 58 Darunter fallen verschiedene Medien, die durch bestimmte Technologien wie den Buchdruck, Rundfunk oder Internet möglich wurden. Die komplette Trias von Kommunikation wird systemtheoretisch JHGDFKW DEHU HUVW GXUFK GLH ÄV\PEROLVFK JHQHUDOLVLHUWHQ .RPPXQLNDWLRQVPHGLHQ³ HUUHLFKW Beide vorangegangenen Reduktionsschritte der Unwahrscheinlichkeit sind Voraussetzung für die Ausdifferenzierung jener dritten und mächtigsten Art. Diese transformiert Nein- in Ja-Wahrscheinlichkeiten und koordiniert die drei einzelnen, nur lose verknüpften Selektionen der Kommunikation zum Ziel der Anschlussfähigkeit. Geld, das im späteren Verlauf der Arbeit noch detaillierter präsentiert wird (2.2.1), transportiert beispielsweise die kommunikativen Verweisungen des Wirtschaftssystems und erhöht die Anschlussfähigkeit zu dessen Code Zahlung. 59
Ungeachtet der Existenz von Medium und Code wären Kommunikationen einem Dauerzerfall ausgesetzt, da sie, wie oben erläutert, auf einmalige Ereignisse verweisen. Die Perspektive muss deshalb auf die Zeitlichkeit von Systemen gerichtet werden, um zu erkennen, was relative Ordnungen ausmacht. Dabei liegt schon in der Grundaktion jedes Systems, der Differenzerzeugung durch Selektieren, seine Temporalisierung begründet ± jeder selektive Schritt ist nichts anderes, als die Hervorbringung eines Vorher und eines Nachher, eines prä- und eines post-selektiven Status.
Eine Struktur geht aus systemischer Historizität dann hervor, wenn auf schon vergangene Selektionen Bezug genommen wird und dadurch eine grundsätzliche Einschränkung der Auswahl anschlussfähiger Möglichkeiten vollzogen wird. 60 Zeitlichkeit ist dabei kein absoluter Bezugspunkt, sondern wird im System nur erkennbar, weil sich auf andere Vorgänge bezogen wird. Damit implizieren Strukturen eine relative Stabilität zwischen den
57 Vgl. Luhmann (1997), S. 359f.
58 Vgl. ebd., S. 202f.
59 Vgl. ebd., S. 320f.
60 Vgl. Luhmann (1984), S. 74f.
18
systemischen Relationen, weil sie nur einen Ausschnitt aktuell greifbarer Alternativen fixieren. Auf diese Weise wird wiederum Komplexität reduziert. Strukturen sollen also bestimmte Invarianzen von Selektionen sein, die im Zeitablauf wieder abrufbar sind. Damit verbunden ist eine Limitation der Optionen, welche einer Komplexitätsreduktion und somit einer Vereinfachung gleichkommt.
Manifestiert werden Strukturen in den Erwartungen eines Systems, die aufgrund seiner Vergangenheit entstehen und sich sehr variabel an veränderte Umweltbedingungen anpassen. So wird im Laufe der Zeit aus Zufallsereignissen Ordnung, indem ein System lernt, Erwartungen über die Selektivität und Differenzwirkung von Ereignissen zu bilden. 61 Ein so entwickeltes Schema ist im hohen Maße veränderbar, d.h. es werden durch System-Irritationen ständig neue Erwartungen gebildet, die wiederum die Strukturen verändern. Dies geschieht über die binäre Unterscheidung von abweichend und konform. Eine Erwartung wird erfüllt oder eben nicht. Wichtig für ein System ist dabei die Fähigkeit einteilen zu können und darauf aufbauend die systemische Struktur reflexiv weiterzuentwickeln. Störungen können auf diese Weise als solche identifiziert werden, ohne die genauen Gründe dafür zu kennen. Es genügt, dass sie von den Erwartungen abweichen ± eine höchst effektive Version der Komplexitätsreduktion. Wenn beispielsweise Ego ein englischer Zeitgenosse wäre, würde er sich als normativ folgsamer Verkehrsteilnehmer eher OLQNV DXI HLQHU 6WUDH EHZHJHQ GD GLH 6WUXNWXU GHV 6\VWHPV Ä9HUNHKU³ VFKRQ ]HLWOHEHQV entsprechende Erwartungen an ihn herantragen hätte.
Strukturen verfestigen sich demnach in solchen Erwartungen. Nun lohnt sich noch einmal ein Blick auf den Ausgangspunkt von Strukturen zu werfen, die Zeitlichkeit. Wie jedes System auch operieren Strukturen in der Gegenwart. Sie transzendieren die gegenwärtige Welt jedoch insofern, als dass sie auf die Vergangenheit (durch Rückbezug auf Erfahrungen) sowie auf die Zukunft (durch Erwartungen) verweisen. Dies geschieht aber aus einer zwangsläufig gegenwärtigen Perspektive, aus der Veränderungen beschrieben werden. Genau in der unterschiedlichen momentanen Beschreibung eines Zustandes liegt sodann Wandel begründet. Systemisch betrachtet kann Wandel dabei auf zwei Ebenen ansetzen: Zum einen endogen, falls Veränderung innerhalb des Systems erzeugt wird. Diese ist unabhängig von Strukturbildung und liegt im Konzept der Autopoiesis begründet. Die Stabilität eines Systems ist somit gleichzeitig dynamisch, weil Stillstand das Aussetzen von Anschlussfähigkeit und damit das systemische Ende bedeuten würde.
61 Vgl. Luhmann (1984), S. 442f.
19
Der zweite Fall von Wandel wird durch die System/Umwelt Differenz möglich, wird also von Außen an das System herangetragen. Dabei gilt es zu beachten, dass Systeme keine trivialen Maschinen sind, d.h. bestimmte Inputs zeitigen nicht unbedingt einen bestimmten Output. Vielmehr verändern Irritationen Strukturen im System und werden damit nach den Regeln ± dem Code ± der jeweiligen Relation verarbeitet. Anders ist es in der Systemtheorie auch nicht denkbar, denn Systeme erzeugen ihre Elemente, und darunter fallen auch ihre Strukturen, selbst. Nichtsdestoweniger wird diese zweite Variante durch die Umwelt angeregt. Wichtig festzuhalten bleibt, dass die tatsächliche Veränderung nach den spezifischen Kriterien eines jeden Systems erfolgt. Beide Varianten systemischen Wandels sind somit keine Gegensatzpaare, sondern bedingen einander. 62 Das bisher erarbeitete theoretische Konstrukt soll zum Abschluss des Grundlagenkapitels zur besseren Übersicht nochmals grafisch zusammengefasst werden:
Abbildung 1: Operationsweise eines Systems
62 Anm.: Diese zweiseitige Betonung von Dynamik in der sozialen Systemtheorie weist den prominenten
Konservatismusvorwurf (besonders energisch vertreten von Habermas 1971: S. 241 ± 245) quasi theorie-
intrinsisch zurück.
20
Zur Erklärung der einzelnen Elemente:
a) Sinn als durchlässige Außenmembran und konstitutiver Bezugspunkt eines Systems b) Autopoiesis öffnet/schließt das System und reproduziert dessen Grenze c) Ein System als eine bestimmte Relation kommunikativer Elemente d) Der Code liefert die binäre Unterscheidungsformel für Selektionen e) Durch bisherige und zukünftig erwartete Selektionen werden Strukturen gebildet f) 6HOHNWLRQHQHUIROJHQLQGHU'LIIHUHQ]]XPÄ$XHQ³GHUUmwelt
g) Ein Kommunikationsprozess zur Verarbeitung von beobachteten Umweltirritationen besteht aus: g1: Mitteilungen, sie tragen sinnhafte Anregungen an das System heran g2: Informationen, die den Systemzustand ändern und g3: Einordnungen, die Kommunikation abschließen, indem sie in Relation zu bisherigen und noch zu erwarteten Elementen gesetzt werden h) Ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium transportiert die Kommunikation.
Die im Folgenden benutzten, theoretischen Begrifflichkeiten und ihre Zusammenhänge wurden im vorangehenden Kapitel geklärt. Sie bilden das Grundgerüst der gesamten Arbeit. Der nächste Schritt besteht nun darin, mit ihrer Hilfe Überlegungen anzustellen, unter welchen Prämissen die hier angestrebte wissenschaftliche Erkenntnis überhaupt möglich ist. Auf diese Weise werden grundlegende epistemologische Kriterien erarbeitet, die im anschließenden Kapitel das ÄFundament³ für die methodologische Kritik an der Ökonomie bilden.
1.2. Erkenntnistheoretische Überlegungen
1.2.1. Die Welt als Vorstellung des Beobachters
Nachdem die erste Hälfte des ÄFundaments³ der Arbeit die Frage nach dem Zustandekommen sozialer Ordnung und die systemtheoretische Antwort darauf verhandelt hat, gilt es nun einen zweiten Grundpfeiler zu errichten. Zu diesem Zweck wird eine nicht weniger grundlegende Frage gestellt: Wie und in welcher Form ist Erkenntnis überhaupt möglich? Die Klärung dieses Problems wird mit den bisher erarbeiteten Termini erfolgen und den Aufbau der restlichen Arbeit strukturieren.
Um sich dem ZHLWUHLFKHQGHQ7RSRVÄ(UNHQQWQLV³EHUKDXSWDQQlKHUQ]XN|QQHQwird an die obigen Ausführungen über das Beobachten angeknüpft. Dort wurde konstatiert, dass jede Beobachtung abhängig von ihrem jeweiligen Beobachter und nie absolut ist. Egal wie naiv
21
und unvoreingenommen man versucht an die Erforschung der Welt zu gehen, immer hängt es von der eigenen Perspektive ab, was man sieht. Schon ein einfaches Blatt Papier ist aus einer etwas entfernten seitlichen Sichtweise nur mehr ein Strich. Man erkennt also lediglich das vom eingenommenen Standpunkt aus Wahrnehmbare. In systemtheoretischer Semantik ausgedrückt ist die Verarbeitung einer Umweltirritation von den Beobachtungstheorien, die einem beobachtenden System zugrunde liegen, abhängig. Je nach Selektionskriterium kann die Interpretation einer Tatsache daher völlig unterschiedlich ausfallen. 63 Erste Evidenz für diese Sichtweise findet sich auf personaler Ebene in der alltäglichen 8PZHOW XQG PDFKW %HJULIIH ZLH Ä*HVFKPDFN³ RGHU Ä,QGLYLGXXP³ HUVW QRWZHQGLJ XQG denkbar. Das Phänomen potenziert sich auf der komplexeren Stufe eines sozialen Systems. Gegenwärtig kann man solche verschiedenen Beobachtungsstrategien an den recht konträren Standpunkten von Wirtschaft und Politik zur Belohnung von leitenden Angestellten verfolgen ± die einen sehen darin einen vorab definierten Preis für bestimmte Leistungen, die anderen einen moralischen Affront gegen ihre Wähler. Der Code Zahlung trifft auf sein Pendant Macht und verursacht unterschiedliche Ergebnisse der Realitätskonstruktion, woraus Verständnisschwierigkeiten erwachsen.
Nun könnte man fordern, die jeweiligen Beobachtungstheorien zu beobachten, um so intersubjektiv Aufschluss über Beobachtungen erster Ordnung zu gewinnen. Man muss also zur Beobachtung des Beobachters schreiten, zu einer Beobachtung zweiter Ordnung. Die Crux ist jedoch, dass die zweite Beobachtung wiederum aus einer bestimmten, nicht mitbeobachtbaren Perspektive erfolgt und man eine Beobachtung dritter Ordnung bräuchte, um diese erneut beobachten zu können. Man kann diese Reihe beliebig weiter fortsetzen, aber der blinde Fleck eines Systems wird nie ganz verschwinden.
Nichtsdestotrotz ist die Beobachtung anderer Beobachter von herausragender Bedeutung für diese Arbeit, die einen erkenntniserweiternden Beitrag liefern möchte. Die Wissenschaft, der Hort der Erkenntnis schlechthin, ist dieser Haltung folgend aber zunächst selbst nur eine Figur im Labyrinth der Welt. Allerdings eine, die mehr als andere reflektieren muss, von welchem Standpunkt aus die Tatsachen wahrgenommen werden. Professionelles Wissen zeichnet sich also vor allem durch eine höhere Beobachtungsstufe als bei alltäglichem Verständnis aus.
Bei der Suche nach dem Ursprung von Erkenntnis gelangt man deshalb bald in eine Schleife, dergestalt, dass eine Beobachtung eine Beobachtung einer Beobachtung und so
63 Anm.: Die Gesamtheit aller Tatsachen wird hier im Sinne Wittgensteins als Welt gesehen, vgl. Wittgenstein
(1963), S. 11, Satz 1.1.
22
weiter ist. Man kann also nur Beschreiben, wie die Welt sein könnte, oder, wie Varela meint, man befindet sich LQHLQHUÄHQGORVHQ0HWDPRUSKRVHYRQ,QWHUSUHWDWLRQHQ³ 64 Das heißt, jede Ordnung ist letztlich eine Interpretation, eine Wahrnehmungssache. Es bedeutet aber auch, GDVV2UGQXQJQLFKWHLQIDFKYRUKDQGHQLVWXQGPDQVLHÄQXU³]XHQWGHFNHQ braucht, sondern dass man sie mit und aus den zur Verfügung stehenden Mitteln heraus verstehen muss. Das fängt schon auf der Wahrnehmungsebene an und verschärft sich auf dem Level der geistigen Instrumente nochmals.
Als Beispiel für die Relativität vermeintlich objektiver Beobachtungen kann die Musik dienen. Diese wäre nämlich eine andere, wenn Menschen wie Fledermäuse Ultraschall wahrnehmen könnten, also hochtonige, für Personen unhörbare Geräusche. Genauso entscheidend für die Einordnung des Wahrgenommenen ist allerdings auch das jeweilige sozial erlernte Selektionskriterium eines Beobachters: So werden die wenigsten Konzertpianisten ein Hip-Hop-Konzert genießen können und vice versa. Ordnungsmuster bzw. die Wahrnehmung davon sind somit überall und nirgendwo.
1.2.2. Zwei widerstreitende Wege zur Erkenntnis
Wenn Tatsachen aber nur perspektivische Repräsentationen sind und man sich in einer fortwährenden Schleife der Interpretation darüber befindet, wie kann man dann von ± auch noch möglichst objektiver ± Erkenntnis sprechen? Divergierende Auswahlmechanismen implizieren der systemtheoretischen Haltung nach unterschiedliche Verarbeitungsergebnisse, unterschiedlich konstruierte Welten. Existieren also QXU Ä%LOGHU GHU 7DWVDFKHQ³ 65 , wie Wittgenstein meint? Zu Ende gedacht hätte dies zur Konsequenz, dass die Welt eine gedankliche Simulation ist. Tatsächlich treiben ähnliche Überlegungen Menschen seit mehr als zweitausend Jahren um und münden heutzutage LQ+ROO\ZRRGILOPHQZLHÄ0DWUL[³. Dort wird dieselbe Idee auf die Spitze getrieben: Unsere Welt existiert als solche gar nicht, sondern ist nur eine Illusion innerhalb derer die Menschen einen kollektiven Traum nachhängen ± der Welt wie wir sie kennen.
Ist demzufolge an diesem Punkt das Ende dieser und jedweder wissenschaftlicher Untersuchung erreicht? Wenn nicht einmal Sicherheit über die Existenz der Welt besteht, dann muss Erkenntnis darüber erst recht ausgeschlossen sein. Popper nannte genau diese Ur- hEHUOHJXQJGHQ ÄJU|WH>Q@ 6NDQGDO der Philosophie.³ 66 Damit meinte er die ausufernde
64 Varela (1985), S. 308.
65 Wittgenstein (1963), S. 16, Satz 2.1.
66 Popper (1974), S. 44.
23
Arbeit zitieren:
Raphael Heiberger, 2010, Programme der Informationsverarbeitung, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Raphael Heiberger hat einen neuen Text hochgeladen
Was leisten Systemtheorien in der Sozialen Arbeit?
Ein Vergleich der systemischen...
Michael Klassen
Kulturtheoretische Analyse zum...
Albrecht Koschorke, Cornelia Vismann
Backsteingiebel und Systemtheorie. Niklas Luhmann - Wissenschaftler au...
NEXUS, Lüneburg
Lilli Nitsche, Johanna Lutteroth, Andreas J. Meyer
0 Kommentare