Am Ende seines Römerbriefes schreibt der Apostel Paulus über seine Reisepläne, doch anstatt ausschließlich seine freudigen Erwartungen auszudrücken, 1 bittet er die Adressaten des Briefes um die Unterstützung in intensivem Gebetskampf. 2 Er nennt zwei Bereiche, in denen er ihre Gebete für nötig hält: erstens die Bewahrung vor den Ungläubigen 3 in Judäa 4 und zweitens eine Akzeptanz von Seiten der Heiligen in Jerusalem. Dieser Essay befast sich mit der Frage, warum Paulus in Jerusalem mit Schwierigkeiten rechnet. Um eine fundierte Exegese zu bieten, wird zuallererst der Kontext der Bibelstelle betrachtet, anschließend die Erfahrungen, die Paulus mit Jerusalem bzw. mit „den Heiligen“ 5 assoziiert. Hierbei wird ein Schwerpunkt auf die persönlichen Beziehungen zwischen Paulus und den in Jerusalem als Gemeindeleiter fungierenden Jakobus und Petrus gelegt und deren unterschiedliche Auffassungen in Bezug auf das Amt des Apostels, die Kirche als Berührungspunkt von Juden- und Heidenchristen und das Evangelium betrachtet.
Das Kapitel 15 befindet sich am Ende des Römerbriefes und ist in seinem Aufbau parallel zum Briefbeginn aufgebaut 6 , so dass es sich strukturell und inhaltlich um einen abschließenden Rückbezug und um eine Zusammenfassung des Briefes handelt. Paulus beginnt mit einer subsumierenden Aussage zur Akzeptanz und
Röm 15,23-24. 1 Röm 15,30. 2
„Apeitheō: ungehorsam sein; von peithō, überzeugen, und neg. a-, ohne“ aus: Elberfelder 3
Studienbibel mit Sprachschlüssel (Wuppertal 2005), 2013; damit kann es auch als „die Nichtüberzeugten“ übersetzt werden.
„Ioudaia; ... eigentlich bezeichnet es das Gebiet, in dem der Stamm Juda siedelte; dann, nach der 4
Teilung des israelischen Königreichs (um 930 v.Chr.), war es v.a. der Name für das Südreich. Zur Zeit des Wirkens Jesu war Judäa eine römische Provinz. Teilweise wurde der Name Ioudaia auch als Bezeichnung für das gesamte Gebiet Palästinas verwendet“ aus: ebd.: 2137. „Hagios: heilig, ausgesondert, geheiligt, geweiht“ aus: ebd.: 1984. 5
Sowohl Kap. 1,1-17 als auch Kap. 15, folgen der selben Struktur und betonen die selben Themen: 6
1) Selbstdarstellung des Apostels 2) Sehnsucht nach der galatischen Gemeinde 3) Internationalität des Auftrags 4) Direkte Berufung durch Jesus selbst 5) Bezug zu den Juden/ zu „denen in Jerusalem“.
2
Annahme der „Schwachen“ 7 , die über bestimmte Speiseriten anders denken und erinnert damit an den Konflikt zwischen Juden- und Heidenchristen, 8 der einer der Hauptstreitpunkte zwischen ihm und „den Heiligen“ in Jerusalem ist. Anschließend beschreibt Paulus seinen Dienst für Christus und betont, dass seine Ehre darin besteht, „nicht auf eines anderen Grund“ 9 zu bauen, sondern auf Christus allein. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Sammlung 10 , die er von Mazedonien und Achaja aus nach Jerusalem bringt, denn sie war Teil einer Abmachung, welche enormes Konfliktpotenzial für die Gemeinschaft der Juden- und Heidenchristen barg. Damit beschreibt Paulus in diesen Punkten die bestehende Verbindung zur Gemeinde in Jerusalem, offenbart jedoch ebenfalls die existierenden Schwierigkeiten, die ihn zur Bitte um Gebetskampf veranlassen, damit er nach seinem Besuch in Jerusalem „mit Freuden“ 11 zur Gemeinde in Galatien kommen kann.
b) Erfahrungen in Jerusalem bzw. mit den Heiligen
Im Folgenden wird auf unterschiedliche und wesentliche Begegnungen zwischen Paulus, Jakobus und Petrus in strikt chronologischer Reihenfolge der Ereignisse, 12 jedoch in übergreifender Analyse der Apostelgeschichte und der Briefe eingegangen.
1) Der erste Jerusalembesuch
Den ersten Bericht von Paulus selbst über eine Jerusalemreise finden wir in Gal 1,18-20. Bei der Beschreibung der Zeit nach seiner Bekehrung legt er sehr großen Wert darauf, eine direkte Berufung von Gott erhalten zu haben, 13 wonach er drei Jahre in Arabien und Damaskus verbrachte und nicht sofort nach Jerusalem ging. 14 Anschließend reist er dorthin, „um Kephas kennenzulernen“, 15 nicht aber um eine
Röm 15,1: „Wir müssen als die Starken die Schwäche derer tragen, die schwach sind, und dürfen 7
nicht für uns selbst leben.“.
Im gesamten Testament finden sich Oppositionen zwischen den Juden- und Heidenchristen; 8
dieser Punkt wird später in diesem Essay ausführlicher behandelt. Röm 15,20 (Revidierte Elberfelder Übersetzung). 9
Röm 15,26-28; 1. Kor 16,1-2; 2. Kor 8,4. 10 Röm 15,32. 11
Da die Berichte über die Treffen in Jerusalem und Antiochia in der Apostelgeschichte und in den 12
Paulusbriefen voneinander abweichen, erfolgt diese Strukturierung nach der inneren Chronologie der Briefe Pauli. Gal 1,15-16. 13 Gal 1,17-18. 14
Gal 1,18 (Revidierte Elberfelder Übersetzung); vgl. Apg 9,26-31 (ob es sich hierbei um den 15
selben Besuch handelt, ist aufgrund einiger Unstimmigkeiten fraglich, kann aber nicht ausgeschlossen werden).
3
Erlaubnis oder gar Autorisierung von Petrus oder Jakobus abzuholen. Hier sehen wir den ersten elementaren Unterschied zwischen Paulus und Jakobus/Petrus: Paulus versteht den Begriff „Apostel“ wortwörtlich, 16 als „Gesandter“ und sieht in dem Sender Jesus bzw. Gott selbst, 17 jedoch nicht eine Institution oder eine Personengruppe. Somit kann jeder in seinen Augen Apostel sein, 18 auch er selbst, da er den Auftrag von Jesus persönlich erhalten hat. Dies hat zur Folge, dass es sich um eine demokratische Kirchenstruktur handelt, um eine „heilige Anarchie“, wie es Dietrich Koller in seinem Buch mit dem gleichnamigen Titel bezeichnet. Jakobus und Petrus hingegen messen der Person und einer organisierten Gruppe eine immense Bedeutung zu, es gibt eine feste Kirchenleitung. Ganz oben befinden sich Jakobus, 19 dann die anderen Apostel, dann die Diakone und dann die „normalen Christen“. 20 Daher sind es die Apostel, allen voran Petrus, die nach dem Tode des Judas eine Reihe von Kriterien aufstellen, 21 die Paulus nicht erfüllt, da sie nur auf einen räumlich und zeitlich begrenzten Personenkreis zutreffen. Er gehört somit nicht zum Kreis der zwölf Apostel. 22 Damit resultiert aus diesen unterschiedlichen Auffassungen eine Spannung, da sie zwar darin übereinstimmen, dass Jesus sie gesandt hat, diesen Auftrag jedoch unterschiedlich verstehen und umsetzen.
2) Der zweite Jerusalembesuch - der Apostelkonzil
Sein zweiter Jerusalembesuch knüpft direkt an diesen Punkt an: Paulus zieht nach Jerusalem, um den Angesehenen dort sein Evangelium zu verkündigen. 23 Dieses Apóstolos: Gesandter, Botschafter, Apostel. 16
Gal 1,1; Röm 1,1-7; 1. Kor 1,1; 2. Kor 1,1. 17
Röm 1,5; 1. Kor 1,2; 1. Thess 2,7 im Zusammenhang mit 1. Thess 1,1; 1. Kor 15,7-9; 1. Kor 18
12,27-28 (unterschiedliche Ämter in der Gemeinde im gemeinsamen Dienst für Jesus). Ich vertrete die Ansicht, dass die Macht von Petrus im Laufe seines Wirkens geringer geworden 19
ist - besonders nachdem er Jerusalem verließ - und dass Johannes bereits ab der Entstehung der Gemeinde im Vergleich zu Jakobus keine bedeutende Rolle spielte. Apg 6,1-7. 20
Apg 1,21-22: „Einer von den Männern, die die ganze Zeit mit uns zusammen waren, als Jesus, 21
der Herr, bei uns ein und aus ging, angefangen von der Taufe durch Johannes bis zu dem Tag, an dem er von uns ging und (in den Himmel) aufgenommen wurde, einer von diesen muss nun zusammen mit uns Zeuge seiner Auferstehung sein“.
Einzige Ausnahme in der Apg: Apg 14,14 (kurz vor dem Apostelkonzil): „Apostel Barnabas und 22
Paulus“; wahrscheinlich weil die Größe des Einflussbereichs des Pauli nicht mehr zu leugnen war. Gal 2,2. 23
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Arbeit zitieren:
Benjamin Kannenberg, 2007, Die erwarteten Schwierigkeiten des Apostels Paulus in Jerusalem nach Röm 15,31, München, GRIN Verlag GmbH
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