1) Einleitung:
Das sogenannte „Doppelte Liebesgebot“ 1 ist ein Kerngebot des christlichen Glaubens, da darüber ausgesagt wird, dass es das größte Gebot im Gesetz sei und das gesamte Gesetz in diesem Gebot zusammengefasst würde. Damit ist das Verständnis dieses Gebotes essentiell für das Verständnis des Zusammenhangs zwischen dem Gesetz und der christlichen Liebe.
2) Hauptteil :
Da einzelne Verse nicht ohne Blick und Rückbezug auf den Kontext zu verstehen sind, muss die literarische Exegese eine umfassende Gesamtschau bieten. Den Kontext zu Röm 13,9 bildet der praktische Teil des Römerbriefes (Kapitel 12-16), der als Umsetzung der in den Kapiteln 1-8 entwickelten theoretischen Gedanken und der in den Kapiteln 9-11 im historischen Hinblick auf Israel entwickelten Analysen verstanden wird. 2 Dieser Vers wurde folglich im Hinblick auf das praktische Miteinanderleben der Christen geschrieben, um ihre Beziehung zueinander, zur Obrigkeit und zu Gott zu bestimmen. Die Verse 7 und 8 unmittelbar vor dem Vers 9 sprechen die einzige Schuld an, die der Mensch anderen Menschen gegenüber schuldig ist: Die Schuldigkeit, die anderen zu lieben; wer dies tut, hat das Gesetz erfüllt. Hier wird das Perfekt benutzt, um die Abgeschlossenheit und Absolutheit der Liebes- Handlung zu demonstrieren. 3
Vers 9 ist somit eine Ergänzung des vorangehenden Verses und spezifiziert, inwiefern das Gesetz durch die Liebe erfüllt wird. In diesem Vers werden vier der 10 Gebote genannt 4 und es handelt sich interessanterweise ausschließlich um Gebote, die das Zusammensein zwischen den Menschen regeln, nicht aber das Verhältnis zu Gott. 5 Es zeigt somit auch auf, dass die Liebe, über die er hier spricht, die horizontale Ebene bestimmt, jedoch als Erfüllung der vertikalen Beziehung fungiert, da die Gesetzesanforderungen von Gott an die Menschen gerichtet sind und sich die Erfüllung dieser Anforderungen sich im Verhalten der Menschen zueinander finden.
„Doppeltes Liebesgebot“: 1) Liebe für Gott 2) Liebe für Mitmenschen; Begriff häufig in biblischer 1
Sekundärliteratur gebraucht
Die Einteilung in a) lehrmäßiger/ theoretischer, b) historischer und c) praktischer / angewandter Teil findet 2
sich in vielen Kapiteleinteilungen in diversen (Studien)Bibeln, aber auch in Fachliteratur wie z.B. in De Koning, M.G. Eine Erklärung des Briefes von Paulus: Der Brief an die Römer. Retzow: Daniel 2001 „plēroō“ (Röm 13,8) 3
10 Gebote: a) 2. Mose 20,1- 17 b) 5. Mose 5,6- 21 4
allgemein folgt man der Aufteilung der Gebote in „vertikale“ Gott- Mensch- Beziehungen (Gebote 1-4) und 5
„horizontale“ Mensch- Mensch- Beziehungen (5-10)
Paulus ergänzt die Aufzählung der vier Gebote durch den Zusatz „und wenn es ein anderes Gebot
Das Wort für „lieben“ ist agapaō, das sich von dem Gebrauch von phileō insofern unterscheidet, als dass agapaō im biblischen Gebrauch in der Regel die Liebe von Gott zu den Menschen und umgekehrt beschreibt, phileō hingegen die menschliche Liebe untereinander. Das Verständnis der christlichen Liebe, der agapē, basiert auf der Gleichsetzung von Liebe und Gott, 8 damit muss die Aufforderung „du sollst lieben“ als ein „du sollst Gottes Liebe weitergeben“ verstanden werden. Diese Weitergabe erfolgt an den individuellen Nächsten, den eigenen to plēsion, der Mensch der einem nahe (plēsion) steht. 9
Die drauf folgenden Verse schließen Böses als Folge der Liebe aus, was bei dem Verständnis, dass Gott die Liebe ist, auch logisch bedingt sein muss, da er das unbedingt Gute ist. Noch einmal betont Paulus, dass die Erfüllung des Gesetzes die Liebe ist. Da das Zitat aus dem Alten Testament stammt, wollen wir uns auch dieser Quelle zuwenden. Der Vers 18 in Levitikus 19 steht im Kontext von Geboten, die das menschliche Zusammenleben betreffen. 10 Auch hier geht es also um einen Teil des Gesetzes Gottes, der den Bund mit Gott spezifiziert und dies im Hinblick auf Gott und im Hinblick auf das menschliche Zusammenleben darlegt. Röm 13,9 6
Elberfelder Studienbibel mit Sprachschlüssel. Wuppertal: R. Brockhaus 2005: 2343 7
1. Joh 4,8.16: „Gott ist Liebe“; „Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in 8 ihm“ Luk 10,29- 37 9 Lev 19,3- 37 10
Arbeit zitieren:
Benjamin Kannenberg, 2007, Vergleich des Liebesgebots in Römer 13,9 mit Matthäus 22,37- 40 und der Parallelstelle Lukas 10,25- 28, München, GRIN Verlag GmbH
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