1. Einleitende Worte
Im Studienbereich „Theorien der sozialen Arbeit“ habe ich mich im Fach „Sozialmedizin/Medizinsoziologie“ für das Thema „Schizophrene Erkrankung“ entschieden. Die sozialarbeiterische Tätigkeit im psychiatrischen Krankenhaus hatte mein Interesse an psychotischen Erkrankungen geweckt. Ich fragte mich, ob diese Menschen hilflos der Medikation ausgeliefert sind, oder ob darüber hinaus adäquate Möglichkeiten bestehen, eine Akuterkrankung zu verhindern. Wie bereits 1986 in der Ottawa-Charta festgeschrieben wurde, ermöglicht die Gesundheitsförderung allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Lebensumstände und ihre Umwelt. Gesundheit zu fördern oder gesundheitliche Beeinträchtigungen zu lindern, ist ein wichtiger Beitrag der professionellen Sozialarbeit. Ziel ist es, die Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe zu fördern.
Schizophrenie wird als ein Norm abweichendes Verhalten definiert. Solche Normen, für die Beurteilung des Seelenlebens, sind in der Psychiatrie entwickelt worden und unterliegen jeweils zeitbedingten und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Kulturelle und subjektive Einflüsse, weltanschauliche und religiöse Ideologien können Normen beeinflussen und verändern (Grubitzsch 1998, S. 205 f).
Über psychisches Leid zu sprechen, ist in unserer Gesellschaft immer noch verpönt, denn im Gegensatz zu den körperlichen Krankheiten, weiß die Gesellschaft mit psychischen Problemen nicht adäquat umzugehen. Abweichendes Verhalten mit Medikamentengabe zu behandeln, ist eine Kritik an der kulturellen Medikalisierung. Mit einem solchen Krankheitsverständnis tragen wir dazu bei, dass psychisch Kranke scheinbar nicht ernst genommen und abgestempelt werden, denn Psychopharmaka haben oft starke Nebenwirkungen und können somit die Lebensqualität der Betroffenen erheblich einschränken. Ich stelle mir die Frage, ob eine psychische Störung als Krankheit zu beschreiben ist, und ob Verhalten, welches die Gesellschaft nicht akzeptiert, überhaupt in ein biomedizinisches Krankheitsmodell einzugliedern ist. Insbesondere sollten wir danach fragen, wie der Betroffene selbst seine psychische Störung erlebt, und welche Form von Behandlung angemessen ist (Vorlesung Dörr 2004).
In folgender Ausarbeitung wird zunächst der Begriff Schizophrenie, die Ursachen und die Symptome der Erkrankung erklärt. Ich werde den Begriff der Identität und den Verlust der Ich-Identität, als zentrales Merkmal der Schizophrenie, beschreiben.
Im dritten Kapitel wird der Mensch als Subjekt und als soziales Wesen erörtert. Der vierte Teil zeigt Hilfsangebote einer psychosozialen Therapie. Es werden konkret Handlungen und
Verhaltensweisen aufgezeigt, die den Betroffenen in seinem Alltag unterstützen, und ihn vor einem möglichen Rückfall schützen können.
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2.1. Geschichte und Überblick
In der Heilkunde, der vorwissenschaftlichen Medizin, hatte Krankheit etwas mit Schuld zu tun. Das Geheimnisvolle und Rätselhafte wurde den Dämonen zugesprochen, die die Kranken mit Zauberformeln behandelten. Es herrschte die Meinung: Verrücktheit und Wahn seien das Werk teuflischer Mächte bzw. göttlicher Erleuchtung. Die vermeintlich übernatürlichen Mächte nahmen den Geist oder die Seele des Betroffenen in Besitz. Sie vertrieben, so die Annahme, die Seele aus dem Körper.
Seit der Antike wird Medizin als etwas Rationales, Erklärbares und Begründbares gesehen. Einbezogen wurde die Natur, als auch das Wohlbefinden des Menschen, als auch wie Menschen miteinander lebten. Hippokrates erklärte die Medizin als etwas Natürliches; somit konnten Krankheiten auch nur natürlich geheilt werden. Was jedoch nicht erklärbar war, wurde den Schamanen und Priestern überlassen (Vorlesung Dörr 2004).
Descartes schaffte mit dem Seelen- und Ich-Begriff bereits eine Dualität von Körper und Seele. Er entdeckte die Zwirbeldrüse als Mittler dieser Instanzen. Descartes war der Auffassung, dass von ihr die „Lebensgeister“ ausgehen, die in alle Teile des Körpers eindringen können und die Botschaften der Seele artikulieren. Geisteskrankheiten wurden Anfang des 19. Jahrhunderts als Gehirnkrankheiten erkannt, jedoch bereits damals mit der Erkenntnis, dass sie durch soziale oder seelische Einwirkungen verursacht werden. Für viele Wissenschaftler gilt dasjenige als psychisch krank, was entweder im Körper selbst beginnt oder durch Einwirkung auf das Gehirn hervorgerufen wird. So setzte sich bis heute der psychiatrische Krankheitsbegriff aufgrund gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Interessen und Machtverhältnisse durch (vgl. Sozialpsychiatrische Informationen 3/2004, Wulff 1988).
Eine Gegendarstellung erreichte man mit der Sozialwissenschaft im 19. Jahrhundert. Diese erlaubt es, Gesundheit und Krankheit nicht als Natur gegeben, sondern als das Ergebnis psychischer und gesellschaftlicher Prozesse zu sehen, d.h. Krankheit ist ein gesellschaftliches Produkt. Im Jahre 1911 prägte der Schweizer Eugen Bleuler den Begriff „Schizophrenie“, der damals, nach Auffassung von Rufer (1991), lediglich den Hospitalismus der Patienten in psychiatrischen Anstalten beschrieb. Seit den 60er Jahren haben sich die Ansichten über, als schizophren zu diagnostizierende Patienten, verändert (Grubitzsch 1988, S. 530 f). Außergewöhnliche Bewusstseinszustände sind bspw. durch Schlafentzug bei jedem Menschen auszulösen. Durch psychische Belastungen kommt es zu Regressionen d. h. Abwehrmechanismen des Ichs, wodurch Orientierungslosigkeit und Wahrnehmungsverzerrungen entstehen können. Nach neueren Erkenntnissen ist also die Entstehung der Symptome der Schizophrenie verständlich und nachvollziehbar (vgl. Ciompi 1980, in Grubitzsch 1988, S. 532).
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Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definierte 1946 den Begriff der Gesundheit als einen Zustand vollständig körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens. Dies bedeutet, dass die Wissenschaft von einem ganzheitlichen Gesundheitsverständnis ausgeht, bei dem nicht nur die biologischen, sondern auch die psychischen und sozialen Komponenten von Bedeutung sind. Gesundheit ist somit nicht bloß Abwesenheit von Krankheit. Aber auch Krankheit ist nicht als fixe Größe zu erfassen. Krankheit spiegelt die Widersprüche der Lebensumstände und ist Ausdruck eines aufkeimenden Prozesses. Das Soziale strahlt auf Psyche und Körper, denn der Mensch ist kein reines Naturwesen, und Gesundheit, als Zustand von Individuen, kann nur als gesellschaftlich hergestellt verstanden werden (Vorlesung Dörr 2004).
2. 2. Was versteht man unter Schizophrenie?
Nach Internationaler Klassifikation der Krankheiten (ICD-10: Gruppe F20) wird Schizophrenie wie folgt klassifiziert: „Die schizophrenen Störungen sind im allgemeinen durch grundlegende und charakteristische Störungen von Denken und Wahrnehmung sowie inadäquate oder verflachte Affekte gekennzeichnet (...)“.
Wahrnehmung ist ein Vorgang der Reizverarbeitung. Das Ergebnis ist ein Abbild der Umwelt und der eigenen Person. Die Wahrnehmung ist jedoch aufgrund der individuellen Verarbeitung eines Reizes stets eine Interpretation und Bewertung. Eine Störung der Wahrnehmung führt zu einer veränderten Deutung der Realität.
Unter inadäquater oder verflachter Affekte versteht man, ein nicht angemessener Ausdruck von Gefühlen und Stimmungen. Die Reaktionen und Affekte können ambivalent, übertrieben oder fast nicht vorhanden sein.
Damit das psychische Wohlbefinden gewährleistet ist, müssen die Entwicklungsphasen der ersten Lebensmonate adäquat bewältigt werden. Ein intaktes internes Regulationssystem, das sich in der Entwicklung der Objektbeziehung und des Selbstwertgefühls prägt, führt zu Selbstvertrauen, Kohärenz und einem konstanten Selbstbild (Berger, S. 450). Patienten mit einer schizophrenen Psychose können, aufgrund mangelnder elterlicher Regulationshilfen die Unterscheidung zwischen Selbst und Objekt nicht begreifen (vgl. Wolf 1992, S. 234).
Das Selbst, als personinhärentes Entwicklungsprinzip, hat als Ziel, den Menschen zur Person werden zu lassen. Das soziale Selbst steht in Abhängigkeit vom Urteil der Interaktionspartner. Dies erklärt sich in der Betrachtung, dass eine Person in vielfältiger Weise in soziale Kontexte eingebunden ist, und somit das Selbst nicht ein individuelles Konstrukt sein kann, sondern nur Ausdruck von Beziehung. Der Mensch ist so, wie er sich selbst wahrnimmt, und andere ihn sich
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vorstellen. Sprache ist in diesem Prozess wichtigstes Medium, denn sie ist „sowohl Produkt als auch Produzent menschlicher Wirklichkeit“ (Schlippe 2003, S. 78 ff). Das Objekt ist der reagierende Partner, der die „Verhaltensweisen mit seinem Verhalten beantwortet, der geliebt, herbeigesehnt, gebraucht und gehasst wird“ (Mertens 1981, in Berger, S. 450), d. h. das Objekt ist alles, was zur Außenwelt gehört.
Aus psychosozialer Sicht stellen die Ich-Schwäche und der Strukturmangel die wesentlichen Merkmale schizophrener Erkrankungen dar (vgl. Mentzos 1995, S. 9).
Das Ich ist der bewusste Anteil der Persönlichkeit, mit dem sich der Mensch von seiner Umwelt abgegrenzt erlebt. Das Ich stellt ein System von bewußten (Denken Wahrnehmung und Erinnerung) und unbewußten (bspw. Abwehr gegenüber dem Es) Funktionen dar. Gefühle und Stimmungen, Wünsche und Befindlichkeiten werden als dem eigenen Ich zugehörig und unabhängig von Stimmungen anderer erlebt. Das psychische und körperliche Ich-Erleben, die kognitive Ich-Leistungen und die Steuerung der Affekte sind Strukturanteile des Ichs und bilden ein komplexes Zusammenspiel. Aus diesem Zusammenspiel entsteht das Spüren des eigenen Körpers, das Beherrschen der eigenen Gedanken und das Erleben und Steuern der eigenen Gefühle (vgl. Berger, S. 450).
Um sich orientieren zu können, muss sich der Mensch ein Konzept über die Welt entwickeln. Dabei darf er dieses Konzept, das er sich konstruiert hat, um sich zurechtzu- finden, nicht mit der Wirklichkeit verwechseln, denn „die Umwelt, so wie wir sie wahrnehmen, ist unsere Erfindung“ (Foerster, 1981). Was Menschen für wirklich halten, haben sie in einem Sozialisierungsprozess mit Hilfe der Sprache anerkennen gelernt. Die gemeinsame Sichtweise der Dinge, der Konsens, wird als Realität erlebt (vgl. Schlippe 2003, S. 88 f).
Es besteht die Annahme, dass es zwischenmenschliche Konstellationen gibt, bei denen der Körper und das Ich ihre Autonomie verlieren und fremd steuerbar werden. Der Erkrankte bringt das Verhältnis zwischen Innen- und Außenwelt nicht in Einklang, was zur Realitätsverzerrung führt. Die Werkzeuge, die den Zugang zur Realität erzeugen, stehen dem Schizophrenen nicht mehr zur Verfügung. „...das Ich verliert die Kontrolle über das, (...), was der moderne Mensch seit Descartes als Grundlage seiner Selbstgewissheit ansieht“. Bereits Freud beschreibt das Ich als etwas körperliches, die Ich-Entwicklung sieht er als Reifung autonomer Funktionen. Um Orientierung zu gewinnen, muss der Mensch in der Lage sein, Unterscheidungen zu machen und auf Reize seiner Außenwelt zu reagieren (vgl. Mentzos 1995, S. 44 ff).
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Arbeit zitieren:
Sabine van Rissenbeck, 2006, Psychische Erkrankungen und psycho-soziale Rehabilitationsmaßnahmen, München, GRIN Verlag GmbH
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