I
Ich bin davon überzeugt, dass Worte nicht nur Wirklichkeit abbilden, sondern auch selbst Realität schaffen. 1 Die Sprechakttheorien von John AUSTIN und John SEARLE haben diesen Gedanken aufgenommen, wissenschaftlich formuliert und zu großem Ansehen verholfen. 2
Unzählige Jahre hindurch wurden Frauen, selbstverständlich auch in der Theologie, sprachlich „mitgemeint“. Dafür ist das bekannte und in Kritik geratene generische Maskulinum verantwortlich, sowie jene Personen, die es immer noch konsequent verwenden, ohne sich der Problematik bewusst zu sein. Das Weibliche wird durch diesen Vorgang des (sowohl unbewussten, als auch bewussten) Mitmeinens zum Unsichtbaren bzw. zum Abwesenden. 3 Diese sprachliche Unterdrückung, die selbstverständlich auch psychologische und gesellschaftliche Folgen haben kann, die auch heute noch relevant sind, könnte überwunden werden.
Wenn man davon ausgeht, dass die Sprache tatsächlich unser Denken beeinflusst 4 oder bestimmt 5 und diese Erkenntnis nicht fruchtlos bleibt, sondern Auswirkungen auf unseren Gebrauch und (gezielten) Einsatz von Sprache hat, sodass man sprachlich sensibel mit der Kategorie Geschlecht umgeht, so könnte eine Veränderung der realen Unterdrückung des Weiblichen bewirkt werden, da Sprache Wirklichkeit nicht nur abbildet, sondern sie auch erst schafft.
Die feministische Sprachkritik fußt u.a. auf obigen sprachphilosophischen Erkenntnissen. Sie kann mit verschiedensten sprachlichen Neuerungen, die in den letzten
* Dieses Kapitel orientiert sich grundlegend an Gedanken, die ich bereits in einer anderen Arbeit ausführlich erörtert habe. Vgl. KIRCHMEIER, Täter, I-III.
1 Die Performanz von Sprachäußerungen ist von einer großen Mehrheit der Wissenschaftler anerkannt. Dennoch gibt es immer wieder Kritik an der These. So meint etwa Hans DURRER, ein Journalist, dass es nicht wahr sei, dass sich die Realität mittels der Sprache verändern könne. Vgl. http://www.titel-magazin.de/artikel/2370.html [letzter Zugriff: 08.05.10]
Die Theorien von John L. AUSTIN und John R. SEARLE werden von dem Germanisten 2
Peter ERNST einführend und doch recht umfangreich skizziert und beschrieben. Vgl. ERNST, Pragmalinguistik, 91-106.
3 Zur Problematik des Mitgemeintseins von Frauen, welche eine Unsichtbarkeit des Weiblichen schafft, auch in der protestantischen Theologie oder der Volksgeschichte Israels, äußert sich Annabelle PITHAN. Vgl. PITHAN, Differenz, 159-161.
4 Von der Mehrheit der Wissenschaftlern wird zur Zeit eine Wechselwirkung von der Sprache auf das Denken und umkekehrt angenommen. Damit ist jedenfalls von einem Einfluss der Sprache auf das Denken auszugehen. Vgl. LEHR, Sprache, 575.
5 Die Idee, dass die Sprache unser Denken bestimmt, verdanken wir Edward SAPIR und Benjamin L. WHORF. Vgl. DOTTERWEICH, Überlegungen, 2-5.
I
Jahren bekannt geworden sind, und den insgesamt stets größer werdenden Bemühungen um eine gerechte Sprache bereits große Erfolge vorweisen. In der Verwaltungs-und Gesetzessprache haben bereits unterschiedlichste geschlechtersensible Sprachvarianten Einzug gehalten. 6
Sehr verbreitet ist die Paarformulierung bzw. Doppelschreibweise, welche Männer und Frauen gesondert nennt und auf diese Weise versucht, sichtbare Gleichheit zu schaffen. Die Betonung der (Zwei-)Geschlechtlickeit sowie die getrennten und starr abgegrenzten Mann-Frau-Antipoden, die quasi zum maßgeblichen Kriterium der Sprache werden, bleiben allerdings problematisch. 7 Nicht zuletzt deswegen, weil der starre und schier omnipräsente Mann-Frau-Dualismus die Tatsache eines vergeschlechtlichten gesellschaftlichen Lebens nicht aufgibt, sondern stützt. 8
Das Mann-Frau-Denken ist wohl spätestens nach Judith BUTLER 9 und ihrer “kritischen Genealogie der Geschlechter-Kategorien“ 10 aufzugeben, da sie deutlich gemacht hat, dass selbst die biologische Zweigeschlechtlichkeit nur eine soziale bzw. diskursive Produktion ist. Das müsse konsequenterweise auch sprachliche Folgen haben. 11 Diese könnten möglicherweise im mancherorts gebräuchlich gewordenen Umschreiben durch Partizipien bzw. durch geschlechtsneutrale bzw. -abstrakte Sprachstrukturen gesehen werden, wodurch allerdings die Kategorie Geschlecht völlig ausgeblendet wird, was m.E. auch nicht Ziel der Sache sein kann. Problematisch ist nicht zuletzt auch die Binnen-I-Schreibung, welche eher eine weibliche Priorität signalisiert.
Aufgrund der dargelegten Tatsachen halte ich es für unumgänglich, auch in dieser Arbeit eine Schreibweise zu wählen, die das generische Maskulinum vermeidet und den ihm innewohnenden unreflektierten Patriarchalismus nicht einfach übernimmt.
6 Vgl. LINKE, Wort, 121ff.
Wolfgang KLEIN, der Leiter des Max-Planck-Instituts für Psycholinguistik, meint, dass 7
Doppelnennungen jenen Gegensatz, den sie angeblich beseitigen wollen, erst recht erst aufrichten. Vgl. http://www.wissenschaft.de/wissenschaft/hintergrund/drucken/287303 .html [letzter Zugriff: 08.05.10]
8 Sandra HARDING spricht nicht vom Mann-Frau-Dualismus sondern von der Zuschreibung dualistischer Geschlechtsmetaphern zu verschiedenen wahrgenommenen Dichotomien, die im Grunde nichts mit sexueller Differenz zu tun haben, was dasselbe meint. Sie führt auch den Begriff des vergeschlechtlichten gesellschaftlichen Lebens ein und sieht Geschlecht als ein dreiteiliges Konzept an. Vgl. HARDING, Wissenschaftstheorie, 14.
9 Judith BUTLER ist eine bekannte Vertreterin der Queer-Theorie und geht davon aus, dass geschlechtliche und sexuelle Identität nicht von Natur aus besteht, sondern „nur“ ein soziokulturelles Konstrukt ist. Vgl. HARK, Lesbenforschung, 110-112.
10 BUTLER, Unbehagen, 10.
11 Vgl. LADNER, FrauenKörper, 96.
II
Dass durch dieses Vermeiden andere Folgeprobleme, wie etwa oben skizziert, auftreten können und werden, ist dabei natürlich in Kauf zu nehmen. Ich werde im Folgenden versuchen, eine Mischung aus Paarformulierungen, Partizipialkonstruktionen und geschlechtsneutraler Ausdrücke zu verwenden.
Die Vision, dass irgendwann jeder Mensch eine Sprache verwenden könnte, die seiner oder ihrer Realität angemessen ist, motiviert m.E. zu einem kreativen Umfang mit Sprache. Nicht zuletzt ist Sprache ja ohnedies Ausdruck der individuellen Kreativität. 12 Diese individuelle Kreativität bereichert die Sprache und schafft neue Möglichkeiten. 13
Eine gewisse Beliebigkeit im Umgang mit der Problematik um die Verquickungen von Genus und Sexus, die eventuell mit der Verbreitung oder Verwirklichung dieser Vision einhergehen würde, wäre m.E. wünschenswert. Durch die performative Wirkung dieser erhofften Vielfalt an Sprach- und Ausdrucksweisen könnte eine Wirklichkeit geschaffen werden, in der Geschlecht als Kategorie nicht mehr bestimmend ist. Damit wäre gleichsam auch der Zwang des Strebens nach geschlechtergerechter Ausdrucksweise, der teilweise zu beobachten ist, ebenso wie die kopflose Ergebenheit mit alten patriarchalen Sprachmustern überwunden.
In Anlehnung an den Apostel Paulus (1Kor 6,12) hoffe ich, dass mir diese Ausführungen und meine Umsetzung nicht nur erlaubt seien, sondern dass beides - nicht nur mir, sondern v.a. auch der Sache - nütze.
12 MÜLLER, Skepsis, 539.
13 ECO, Suche, 51.
III
II INHALTSVERZEICHNIS
VERZEICHNISSE UND ANHÄNGE
I SPRACHLICHE VORBEMERKUNGEN. I
II INHALTSVERZEICHNIS. IV
III LITERATURVERZEICHNIS. V
HAUPTTEIL
1 EINLEITENDE WORTE. 1
1.1 EINE HERAUSFORDERUNG. 1
1.2 THEMA UND SCHWERPUNKTSETZUNG. 1
1.3 FORSCHUNGSFRAGEN. 2
1.4 INTENTION UND ZIEL. 2
2 GEWALT IM ERSTEN TESTAMENT. 3
2.1 EIN TEXT ÜBER TAMAR UND AMNON. 4
2.2 BEOBACHTUNGEN ZUM AUFBAU UND ZUR STRUKTUR DES TEXTES. 5
2.3 TATHERGANG UND BESCHREIBUNG. 6
2.4 NUR SCHWEIGEN BLEIBT ZURÜCK? 8
3 KIRCHLICHE STELLUNGNAHMEN. 9
3.1 EINE ERKLÄRUNG SCHÖNBORNS. 9
3.2 EINE ERKLÄRUNG DER JUNGSCHAR 12
3.3 RESOLUTION DER EVANGELISCHEN SYNODE. 12
3.4 GEWALT DURCH HOMOSEXUELLE ORIENTIERUNG? 13
4 ZUSAMMENFASSUNG. 15
IV
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