1. Einleitende Worte
In der Literatur ›Erziehung zur Mündigkeit‹ bezieht sich Adorno auf Kant ›Was ist Aufklärung?‹, der die Unmündigkeit als selbstverschuldet betrachtet, wenn deren Ursache nicht am Mangel des Verstandes, sondern an der Entscheidung und dem Mut liegt, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Adorno betrachtet das Programm von Kant als ›heute noch außerordentlich aktuell‹ (Adorno 1971, S. 133) und bestätigt, dass Demokratie auf der Willensbildung eines jeden Einzelnen beruht, welche die Fähigkeit und den Mut den eigenen Verstand zu nutzen, voraussetzt. Solange die Gesellschaft heteronom ist, kann kein Mensch wirklich autonom leben, denn die Individuen werden so geformt, dass sie das vermeintliche Sein akzeptieren und der Ohnmacht ihres entrückten Bewußtseins unterliegen. Das Kernproblem der Mündigkeit ist die Frage, ob und wie der Mensch sich der überwältigenden Kraft des Seins, die sein Bewußtsein determiniert, entziehen kann. Adornos Gedanken verdeutlichen, dass ein bildungspolitischer Untergrund zum Aufbau von Identität und Freiheit nicht gegeben, und der Bann der Unvernunft und Barbarei ungebrochen ist. Theodor Wiesengrund Adorno war Skeptiker gegenüber Massenmedien und Kritiker der gesellschaftlichen Kultur der Postmoderne. Er zweifelte an der Aufklärung des Menschen und diagnostizierte, dass eine demokratische Gesellschaft nur mit mündigen Mitgliedern realisierbar sei. Erziehung ist für ihn eine Erziehung zum Widerspruch und Widerstand antagonistischer und menschenunwürdiger Gesellschaftsverhältnisse. Hartmut von Hentig beschreibt den Zustand der gegenwärtigen Gesellschaft treffend mit den Worten, dass das Schwierigste sei, eine Gesellschaft aufzuklären, die sich für aufgeklärt hält. Auch im 21. Jahrhundert leben die Menschen nicht in einem aufgeklärten Zeitalter; demnach kann Aufklärung nicht als Bestehend, eher als Hoffnung auf Werdendes erfahren werden. Diese offensichtliche Tatsache verknüpft mit den Kernpunkten der Erkenntnisse Kants über Pädagogik sind Gegenstand meiner Ausarbeitung. Meine Fragestellung bezieht sich auf den Weg aus der Unmündigkeit und das Thema der Arbeit ist Adornos Verständnis von der ›Erziehung zur Mündigkeit‹. In meinen Ausführungen möchte ich zunächst die Persönlichkeit Adornos darstellen und meinen Eindruck illustrieren, wie der damalige Zeitgeist Adornos Arbeit beeinflusste und hervorheben, dass Theodor Wiesengrund Adorno als empirischer Sozialforscher verstand, den Schleier von der Welt zu heben und die soziale Wirklichkeit kompromisslos aufzuzeigen.
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Seine Biographie zeigt einen Menschen, der das Glück wahrgenommen haben muss und in seiner Jugend in den Genuss kam, in einer liberalen bildungsbürgerlichen Atmosphäre, seine intellektuellen Fähigkeiten entwickeln zu können. Die Kritische Theorie und die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Frankfurter Schule helfen zu verstehen, dass es gesellschaftliche Wirklichkeit gibt, welche die Individuen nicht zur Gewinnung des eigenen Verstandes kommen läßt, sondern sie verblendet und verzweckt.
Im darauf folgenden Absatz werden die Grundlagen der elementaren Begriffe des Referats ›Erziehung‹ und ›Mündigkeit‹ erörtert. Ich möchte die Vorstellung Kants hervorheben, die verdeutlicht, dass der Mensch nichts ist, als das was Erziehung aus ihm macht, und darlegen, dass die menschliche Entwicklung grundsätzlich ein zunächst offener Prozess darstellt.
Im Abschnitt ›Der mühsame Weg zur Mündigkeit‹ wird diskutiert, dass allgemeine Aufklärung ein geistiges, kulturelles und gesellschaftliches Klima schafft, das moralisches und vernünftiges Handeln ermöglicht und demokratische Verhältnisse sichert. Adorno betont, dass der Gebrauch des Verstandes keine psychologische, sondern eine gesellschaftliche Frage ist, und weist auf die Bedeutung der Frühförderung hin, welche sowohl Seelenmord sein kann als auch das Potential, einer gelingenden Identitätsbildung der jüngeren Generation, entwickeln helfen kann. Sie stellt die Phase des Sozialisationsprozesses dar, in der die Grundstruktur des Charakters des Menschen ausgebildet wird.
Zur Verbildlichung der unmündigen Gesellschaft, werde ich das Höhlengleichnis von Platon verlebendigen, das sowohl den derzeitigen Zustand der vermeintlichen Wissensgesellschaft illustriert, als auch den einzigen Weg zur Erkenntnisgewinnung und Wahrheit umschreibt. Die Sprache ist die einzige Möglichkeit der Bedeutungserzeugung und Wirklichkeitserzeugung, und nur mit Hilfe dieses Mediums kann es den Menschen gelingen, zu einem ›richtigen Leben im Richtigen‹ zu kommen. In der letzten Passage versuche ich die Konstitution der postmodernen Gesellschaft zu charakterisieren. Ich möchte aufzeigen, dass die Menschen, da sie Mitglieder einer vernunftlosen Gesellschaft sind, einer Ohnmacht gegen die Missstände der gesellschaftlichen Ordnung unterliegen, und die Kälte des ökonomischen Prinzips, welches die Seelen der Individuen gefrieren lässt, die Verzweckung des Menschen im kapitalistischen System widerspiegelt.
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2. Theodor Wiesengrund Adorno - Aufklärer,
Intellektueller, Sozialwissenschaftler und kritischer Denker
2. 1 Zur Biographie
Theodor Wiesengrund Adorno wurde am 11.09.1903 in Frankfurt am Main geboren und im Klima des großstädtisch-bildungsbürgerlichen Frankfurts der Jahrhundertwende sozialisiert. Sein Vater, ein wirtschaftlich erfolgreicher Weinhändler, ermöglichte ihm in liberaler Atmosphäre seine intellektuellen Fähigkeiten zu entfalten. Adornos Mutter, eine Opernsängerin förderte seine musikalische und künstlerische Begabung und trug so zu seiner Persönlichkeitsentwicklung bei. Seine Liebe zur Musik ließen ihn Fragen zur allgemeinen Ästhetik, speziell zur Musiksoziologie stellen, und den Doppelcharakter der Kunst erkennen; in der Kunst, so Adorno, spiegelt sich die Sozialstruktur der Gesellschaft wider. Das gesellschaftlich Vermittelte objektiviert sich in der Beschaffenheit der Kunstwerke einer Kultur. Adornos ästhetische Wahrnehmung und sein philosophisch sprachliches Geschick machen deutlich, dass er seine Zeilen aus tiefstem Herzen schrieb und sein durchdringender Verstand versetzte ihn in die Lage, die Notwendigkeit von Humanität und Freiheit zu publizieren. Nach Adorno ist die Kindheit das Moment des Glücks, das das Potential gegen eine zerstörende Gesellschaft darstellen und das Vertrauen in utopische Entwürfe einer freien Gesellschaft entfachen könnte. Wenn er von der Sehnsucht nach dem Glück spricht, verdeutlicht er, dass jeder der danach sucht, es in seiner Kindheit erfahren haben muss, Glück somit Realität ist, und es in den Seelen aufleben könnte, gäbe es nur die Möglichkeit dazu.
Adorno besuchte die unkonventionelle liberale Universität Frankfurts und belegte die Fächer Philosophie, Psychologie und Soziologie. Beeinflusst wurde er von der Transformation der Agrargesellschaft in die Industriegesellschaft, dem Ende der Monarchie und dem Umbruch zur demokratisch parlamentarischen Staatsform. Die Geisteshaltung seines Vaters orientierte sich an liberalen Idealen und lehnte die nationalistische Bornierung und patriotische Kriegsbegeisterung ab. Der Zweifel am Optimismus an der gesellschaftlichen Aufklärung führten ihn und seinen Freund Max Horkheimer, Intellektueller und Sohn eines Textilfabrikanten, zur Literatur von Karl Marx und ließ sie erkennen, dass die wirtschaftliche Krise zu mehr
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führt, als zu einer Krise der menschlichen Persönlichkeit. 1930 wurde Max Horkheimer Leiter des, von Felix Weil gestifteten Instituts für Sozialforschung, welches sich damals mit Marxismus und der Arbeiterbewegung beschäftigte, und sich später zum Forschungsinstitut der Kritischen Theorie der Gesellschaft entfaltete. Freuds Psychoanalyse, als auch die theoretische marxistische Philosophie wurden von den Forschern zur kritischen Analyse der Gesellschaft angewandt. Verstummt war Adorno von der nationalsozialistischen Propaganda, den Massenaufmärschen der Armee und der Bücherverbrennung; fast naiv erscheint im Nachhinein sein Glaube an den Widerstand gegen den Faschismus. Im Exil beschäftigte sich Adorno anfangs mit Musikkritik, weniger mit den gesellschaftlichen und politischen Entwicklungsprozessen in Europa. Verdrängte er die Tatsache, dass seine geliebte Heimat zur Hölle mutierte, oder war es das Entsetzen darüber, Deutschland nur unter Lebensgefahr betreten zu können?
Adornos bedeutende empirisch-soziologische Forschung in den USA zur ›Autoritären Persönlichkeit‹ brachte, neben methodologischen Beiträgen, auch Erkenntnisse hervor, die Rückschlüsse auf latent faschistische Strukturen der Menschen zuließen. Um die Barbarei verstehen zu können, wurden Skalen konstituiert, an denen die Einstellung zum Faschismus zu ermitteln war. Aussagen über die Grundbefindlichkeiten der Menschen oder mit allgemeinen Aussagen wie ›die Menschen ändern sich nicht‹ wurde das autoritäre Potential ermittelt. In der Konsequenz illustrierten die Ergebnisse, dass sich im Stalinismus, Faschismus und in der amerikanischen Kulturindustrie das Potential der autoritären Persönlichkeit bestätigte und weiter fortgeführt wird. Adornos Verbundenheit mit dem intellektuellen Frankfurt der Jahrhundertwende, wo er eine glückliche Kindheit erleben durfte, ließen ihn nach siebzehn Jahren Exil in seine Heimat zurückkehren, die Kritische Theorie nach Deutschland reimportieren und mit Methoden der empirischen Sozialforschung der USA seine Soziologie weiter forschen. Adorno, der am 6.8.1969 verstarb, hielt die Welt in der er lebte für eine nicht Menschliche. Seine größte Sorge am Unvermögen Vernunft zu erlangen war die Kälte der Verdrängung, die, solange das Vergangene nicht aufgearbeitet ist, die Menschen nicht aus dem Kreislauf der Gewalt und Unterdrückung herausfinden lässt (vgl. Müller-Dohm 2001, S. 10ff).
Gründe für die Kälte der Gesellschaft ergeben sich aus seinen Überlegungen und Forschungen, die in der kritischen Theorie dargestellt sind. In seinen soziologischen Studien verließ er den Elfenbeinturm der Wissenschaft, um empirisch seine
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philosophisch gedanklichen Konstrukte zu belegen und den wahren Charakter der verzauberten Welt aufzudecken.
Die Aufarbeitung der Vergangenheit und der Einbezug der historisch-kulturellen Ereignisse verhelfen dem Menschen sich Gegenwärtiges bewußt zu machen, seine eigene Lebensführung zu reflektieren und der Zerstörung von Erinnerung zu begegnen. Die Selbstentfremdung spiegelt sich in der Kälte der Gesellschaft wider und fordert latent sowohl einen kollektiven Narzissmus, als auch Realitätsverlust. Adornos Soziologie zeigt, dass die objektiven gesellschaftlichen Voraussetzungen, die Abhängigkeit, Anpassung und Unmündigkeit produzieren, fortbestehen, und somit ein bildungspolitischer Untergrund zum Aufbau von Identität und Freiheit nicht gegeben ist; der Bann der Unvernunft und Barbarei ist ungebrochen. Erziehung ist nach Adorno nur sinnvoll, wenn sie zur kritischen Selbstreflektion führt und die Mechanismen und die Folgen der Entfremdung bewußt macht. Da sich die Charaktere, nach tiefenpsychologischen Kenntnissen bereits in früher Kindheit entwickeln, ist es unabdingbar sich auf Entwicklungspotentiale einer frühkindlichen Erziehung zu konzentrieren.
2.2 Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule
In der Kritischen Theorie weist Adorno zentral auf die Basis der Unmündigkeit der Gesellschaft hin. Grundlage der Theorie war Karl Marxs ›Kritik der politischen Ökonomie‹. Die Anarchie der Warenproduktion schafft einen Zustand, einen gesellschaftlichen Prozess, für den die Menschen blind sind. Die Idee ist die Kritik an dem über die Menschen herrschendem System. Das zentrale Organisationsprinzip der Gesellschaft - der Tausch - determiniert die Menschen bis in ihr Innerstes. Es sieht vom Besonderen ab, indem es alles gleich macht und alle Beziehung auf Tauschbeziehung reduziert. Die Charakterstruktur der Gesellschaft produziert Gleichgültigkeit, demgegenüber was mit allen anderen geschieht. Sie produziert eine Kälte, eine gesellschaftliche Monade, die einen Mangel an Liebe zur Folge hat und zum Verfalldem Verlust der Ich-Identität - führt.
Adornos zentrale These, dass eine demokratische Gesellschaft nur aus mündigen Menschen bestehen kann, setzt jedoch voraus, dass es eine Wirklichkeit gibt, in der mündige Menschen leben dürfen. Antagonistische Verhältnisse sind Bedingungen, unter denen eine Herausbildung einer Identität nicht gelingen kann.
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Arbeit zitieren:
Sabine van Rissenbeck, 2006, Erziehung zur Mündigkeit - Adorno, München, GRIN Verlag GmbH
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