Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 2
2. Forschungsstand. 3
3. Feindbild Islam 5
4. Die Milli Gazete. 5
5. Resümee. 6
Quellen und Literatur. 7
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1.Einleitung
Bei der aktuellen Debatte um die Integration in Deutschland lebender Muslime kommt den islamischen Organisationen eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu. Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs 1 (IGMG) nimmt dabei als mitgliedsstärkste Organisation 2 einen Spitzenplatz ein. Nach eigener Darstellung legt die IGMG neben dem Angebot religiöser und sozialer Dienste für Muslime besonderen Wert auf die Förderung eines interreligiösen Dialoges zur Wahrung des gesellschaftlichen Friedens 3 . Konträr dazu steht die Organisation seit Jahren unter Beobachtung des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV). Der Vorwurf: Die IGMG vertritt ein politisches Islamverständis, das im Widerspruch zu grundlegenden Prinzipien der freiheitlich-demokratischen Grundordnung steht. Als Grund nennt das BfV in seinem jüngsten Jahresbericht unter anderem die engen Verbindungen zu Parteien des Gründungsvaters der Milli-Görüs-Bewegung in der Türkei, Necmettin Erbakan. Diese treten für die Abschaffung des Laizismus und die Errichtung einer islamischen Gesellschaftsordnung ein. Auch entspreche die Selbstdarstellung als integrationsfördernde Institution nicht den Tatsachen. So verlange die IGMG von ihren Mitgliedern die kompromisslose Beibehaltung der eigenen religiösen und kulturellen Identität 4 . Der hier anklingende Verdacht der Täuschung der
Öffentlichkeit ist ein oft verwendetes Argument ihrer Kritiker. Die IGMG ihrerseits begegnet unliebsamen Aussagen häufig mit dem Vorwurf der „Islamfeindlichkeit“ 5 . Tatsächlich erschwert die komplexe und wechselvolle Geschichte der IGMG, ihre Verbindungen in die Türkei, ihre Struktur mit über 2000 Vereinen 6 und ein häufig emotionsgeladener Umgang mit dem Thema eine klare Beurteilung dieser Gruppierung erheblich. In dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, ob das von der IGMG gegenüber der deutschen Öffentlichkeit präsentierte Bild mit der Darstellung nach Innen im Einklang steht. Der Schwerpunkt der Betrachtung liegt hierbei auf der Reaktion auf den 11. September 2001, da die IGMG zu diesem Zeitpunkt schlagartig in den Focus der deutschen Öffentlichkeit rückte und ein Wechsel in der Führungsspitze zugunsten der „Reformer“ innerhalb der Organisation stattfand 7 .
1 Wörtlich: Nationale Weltsicht
2 L. Tezcan, Inszenierungen kollektiver Identität, Artikulation des politischen Islam - beobachtet auf den Massenveranstaltungen der türkisch-islamistischen Gruppe Milli Görüs, in: Soziale Welt, 53. 2002, S.305.
3 Artikel auf www.igmg.de, 2006.
4 Verfassungsschutzbericht 2004, Hg. v. Bundesministerium des Innern, S.215.
5 E. Seidel, C. Dantschke und A.Yildirim, Politik im Namen Allahs, Der Islamismus - eine Herausforderung für Europa, Hg. v. Ozan Ceyhun, MdEP. 2. Aufl. Brüssel 2001, S.32.
6 L. Tezcan, Inszenierungen kollektiver Identität, S.306.
7 W. Schiffauer, Die islamische Gemeinschaft Milli Görüs - ein Lehrstück zum verwickelten Zusammenhang von Migration, Religion und sozialer Integration, in: Klaus J. Bade/Michael Bommes/Rainer Münz (Hg.), Migrationsreport 2004. Fakten - Analysen - Perspektiven, Frankfurt a.M./New York 2004, S.88.
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1. Forschungsstand
E. Seidel, C. Dantschke und A. Yildirim vermerken, dass die IGMG seit Jahrzehnten konspirativ arbeitet um ihre Organisationsstruktur, ihre politischen Ziele und ihre Verbindungen zu Necmettin Erbakan zu verschleiern. In Westeuropa fördere Milli Görüs vor allem ein neues Selbstwert- und Überlegenheitsgefühl der Muslime gegenüber dem als dekadent betrachteten Westen und betreibe gesellschaftliche Abgrenzung. Als Beispiel führen die Autoren Botschaften wie die des Präsidenten der Islamischen Föderation Berlin, Nail Dural an, der am 4. Dezember 1999 im Türkischen Fernsehen in Deutschland (TFD) verkündete: „Wir leben in einer Gesellschaft, die unsere heiligen Werte verbrennen will“. Nach Seidel, Dantschke und Yildirim wird der Fernsehsender TFD von der Milli Görüs betrieben 8 . Gegenüber der deutschen Öffentlichkeit vermittle die gebildete Führungsspitze der IGMG hingegen das Bild einer am multikulturellen Dialog interessierten Organisation. Die Offenheit der IGMG-Funktionäre gelte dabei nicht für die Mehrheit ihrer Anhänger. Die Masse werde mit einfachen Parolen bedient und von der deutschen Öffentlichkeit abgeschirmt 9 .
Auch nach L. Tezcan wird der Integrationsanspruch der IGMG auf den von ihr organisierten Großveranstaltungen in Frage gestellt 10 . Die Milli Görüs konstituiere sich im frenetischen Jubel bei Auftritten Necmettin Erbakans und verkläre die profan erfolgte Auswanderung nachträglich in einen Hicret 11 , einen mit Entbehrungen verbundenen Exodus, um die Rolle der Gastarbeitergeneration aufzuwerten. Dieser religiöse Aspekt werde verstärkt durch die Hervorhebung der türkischen Nation für die siegreiche Verbreitung des Islam. Der dafür notwendige Antagonismus „Islam“ gegen „Westen“ diene dabei der eigenen Identitätsvergewisserung. Die Inhalte dieser Identität verdeutlicht ein Gedicht, dessen Rezitation fester Bestandteil auf Versammlungen der Milli Görüs war: „Im Universum wird unser Vaterland nicht erlöschen, Diese Fahnen werden nicht von dieser Burg eingeholt / Die Helden werden nicht von ihrem Weg abweichen / Wir sind die Milli Görüs- Jugend, haben einen glorreichen Ruf / Auf Gottes (rechtem) Weg geben wir unser Leben hin “. Nach den Anschlägen von 2001 wurde durchgehend auf das Gedicht verzichtet. Die Entschärfung des öffentlichen Sprachgebrauchs und der Ausfall kämpferischer Ausdrücke hinterließen eine große Motivationslücke, da politischer Kampf und religiöses Heil bei Milli Görüs unmittelbar zusammengehören 12 .
Nach W. Schiffauer ist die Geschichte der Milli Görüs-Bewegung gekennzeichnet von vielen Kursänderungen gegenüber der deutschen Gesellschaft, den türkischen
8 Seidel, C. Dantschke und A.Yildirim, Politik im Namen Allahs, S.38-39.
9 E. Seidel, C. Dantschke und A.Yildirim, Politik im Namen Allahs, S.31.
10 L. Tezcan, Inszenierungen kollektiver Identität, S.306.
11 Auszug Mohammeds aus Mekka nach Medina im Jahre 622, türkisch Hicret.
12 L. Tezcan, Inszenierungen kollektiver Identität, S.322.
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Arbeit zitieren:
Daniel Timm, 2005, Politischer Islam: Milli Görüs in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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