Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 2
2. Schiitischer Islamismus im Libanon: Die Partei Gottes. 4
2.1 Die Entstehung der Hizbu’llah 4
2.2 Ideologie und Zielsetzung 5
2.3 Die Hizbu’llah im Wandel 7
3. Schiitischer Islamismus im Irak: Das Erwachen der Sadristen 10
3.1 Die Geburt der Jaish al-Mahdi 10
3.2 Ideologie und Zielsetzung 14
3.3 Die Zersplitterung der Jaish al-Mahdi 16
4. Zugang zu EFP 17
5. Resümee 20
Quellen und Literatur 23
1
1. Einleitung
Am 11. Februar 2007 bestätigte die US-Armee während einer Pressekonferenz in Bagdad erstmals den Einsatz sogenannter Explosively Formed Projectiles (EFP) gegen die multinationalen Streitkräfte im Irak. Gegenüber herkömmlichen Sprengfallen, hat diese Technologie eine Reihe entscheidender Vorteile: EFP können gegnerische Fahrzeuge selbst bei hoher Geschwindigkeit präzise treffen, schwerste Panzerungen durchdringen und auch über eine größere Distanz zum Ziel wirken 1 . Ihr Gebrauch ist seit Jahrzehnten weit verbreitet. Reguläre Streitkräfte nutzen EFP-Munition kleineren Kalibers beispielsweise in Lenkflugkörpern zur Panzerabwehr, größere Varianten als Richtminen mit bis zu 200 Metern Abstand zum Ziel 2 . Nichtstaatliche Akteure verwenden EFP vor allem in letzterer Rolle. Für den Angreifer minimiert sich so das Risiko einer Entdeckung, da das Deponieren relativ großer Sprengstoffmengen am Straßenrand entfällt, während der Gegner zum Aufspüren der Bedrohung seinen Suchradius erweitern muss. Die Provisional Irish Republican Army nutzte EFP-Sprengfallen bereits in den frühen Siebziger Jahren und gab ihr Wissen an kolumbianische, baskische und palästinensische Terrorgruppen weiter 3 . Auch die libanesische Hizbu’llah 4 setzte EFP während der Neunziger Jahre häufig und mit Erfolg gegen die israelischen Streitkräfte (IDF) im Südlibanon ein 5 . Im Irak ereignete sich der erste dokumentierte EFP-Anschlag im Mai 2004 in der Stadt Basra, dicht gefolgt von zwei ähnlichen Angriffen in schiitischen Gebieten im Südosten und Nordwesten Bagdads. Seither haben sich EFP im Irak nicht nur geographisch verbreitet, ihr Einsatz nahm auch in Qualität und Quantität zu. Zwischen September 2005 und Januar 2006 machten sie nahezu die Hälfte aller im Irak verzeichneten Sprengstoffanschläge auf Koalitionstruppen aus, wobei häufig mehrere Gefechtsköpfe miteinander gekoppelt wurden 6 . Bis ihr Einsatz durch einen Bericht der New York Times am 12. Februar 2007 einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, waren bereits 170 amerikanische Soldaten durch diesen Waffentyp getötet worden 7 . Der Artikel der Zeitung berichtete ausführlich über die Pressekonferenz der US-Armee vom Vortag, auf der ein anonymer Sprecher der Streitkräfte erstmals öffentlich behauptete, dass die Liefe- 1 M.Knights, Deadly developments: Explosively formed Projectiles in Iraq, in: Janes’s Intelligence Review, Volume 19, Number 3, March 2007, S.12.
2 M. Knights, Deadly developments, S. 6.
3 Ebd., S.6.
4 Arab. ̯£ „Partei Gottes“.
5 M. Knights, Deadly developments, S.6.
6 Ebd., S.11.
7 J.Glanz, U.S. Says Arms Link Iranians to Iraqi Shiites, nytimes.com, 12. Februar 2007.
2
rung von EFP-Munition in den Irak direkt durch die Iranische Revolutionäre Garde (Pasdaran) 8 erfolge. Da der Gebrauch von EFP sich nahezu ausschließlich auf schiitische Milizen beschränkt, gilt eine iranische Beteiligung beim Technologietransfer in den Irak seit langem als wahrscheinlich 9 . Weil die Veröffentlichung dieser Information zeitlich mit einer erneuten Verschärfung des Streits um Teherans Nuklearprogramm zusammenfiel, sahen Kritiker der Bush-Administration die Anschuldigungen nicht nur als den Versuch, einen Schuldigen für das Versagen der Amerikaner im Irak zu benennen, sondern ebenfalls als Vorwand für einen möglichen Militärschlag gegen den Iran. Die Tatsache, dass diese Option in den USA öffentlich diskutiert wird, zeigt die Risiken einer allzu offenen Unterstützung schiitisch-irakischer Milizen für Teheran. Eine Alternative bietet das indirekte Wirken im Nachbarland mittels verbündeter Akteure, etwa über die libanesischen Hizbu’llah. Im Folgenden soll der Behauptung, dass der Iran eine Kooperation zwischen Sprengstoffexperten der Hizbu’llah und Mitgliedern der schiitischen Jaish al-Mahdi 10 initiiert hat, nachgegangen werden 11 . Tatsächlich verfügen die im Jahr 2003 von Muqtada as-Sadr gegründete Organisation und die Hizbu’llah auf den ersten Blick über zahlreiche Gemeinsamkeiten. Neben mutmaßlicher iranischer Waffenhilfe, basiert die Reputation beider Bewegungen auf einem radikal-schiitischen Islamverständnis, wobei Israel und die USA als klare Feindbilder auftreten. Zudem berufen sie sich auf eine marginalisierte schiitische Basis und unterhalten soziale Institutionen zu deren Pflege. Obwohl die Hizbu’llah und die Jaish al-Mahdi ihre Ziele mit militärischen Mitteln verfolgen und auch vor Gewalt gegen schiitische Konkurrenten nicht zurückschrecken, nutzen sie die politische Partizipation im Parlament, solange es ihrem Machterhalt dienlich ist. Nach einer genaueren Untersuchung beider Akteure und ihrer Ziele, beschäftigt sich der vorliegende Bericht mit der Frage, wie stichhaltig der Vorwurf einer Kooperation zwischen beiden Organisationen ist und ob das „Hizbu’llah-Modell“ einer langfristigen strategischen Partnerschaft mit dem Iran auch für die Jaish al Mahdi infrage kommt.
8 Persisch: 媳!, „Wächter“.
9 M. Knights, Deadly developments, S.8.
10 Arabisch: ñªìäß ¶ô “Armee des Mahdi”.
11 M. Knights, Deadly developments, S.7.
3
2. Schiitischer Islamismus im Libanon: Die Partei Gottes
2.1 Die Entstehung der Hizbu’llah
Bei der Staatsgründung des Libanon im Jahre 1943 stellten die Schiiten nach maronitischen Christen und sunnitischen Muslimen die drittgrößte Minderheit im Land. Obwohl sie politische Ämter bekleideten, waren sie in entscheidenden Bereichen unterrepräsentiert 12 . Zudem verfügte ihre Gemeinschaft nur über geringen wirtschaftlichen Einfluss, ein Großteil der schiitischen Bevölkerung war in der Landwirtschaft tätig und Analphabetismus war weit verbreitet. Eine langsame Veränderung brachten die Fünfziger und Sechziger Jahre, als ein Modernisierungsschub in den Bereichen Bildung, Verkehr und Kommunikation die Vorrausetzung für eine politische Mobilisierung schuf und sich eine Mittelschicht herausbildete. Die Masse der Schiiten blieb jedoch weitgehend verarmt. Durch die Modernisierung und die wachsende Bevölkerung wurden viele Familien gezwungen, ihre Heimat im Süden des Landes aufzugeben und in den Großraum Beirut zu ziehen. Dort entstand unter dem Einfluss des iranischen Klerikers Musa as-Sadr eine populäre Reformbewegung, die bis 1974 Tausende von schiitischen Anhängern gefunden hatte 13 . Zudem gründete As-Sadr in der spannungsgeladenen Atmosphäre vor dem Bürgerkrieg die libanesische Wider-standsgruppe Amal 14 , die in dem Sieg Ayatollah Khomeinis 1979 in Teheran fortan ein wichtiges Handlungsbeispiel sah. Mit der Gründung der Hizbu’llah 1982 als direkte Reaktion auf den israelischen Einmarsch im Libanon, entstand eine weitere, jedoch radikalere schiitische Bewegung, die dem Vorbild der iranischen Revolution nacheiferte. Sie kritisierte die Amal für ihre Reformvorhaben und warf ihr vor, mit Israel und den USA zu kooperieren. In der Hizbu’llah liefen eine Vielzahl der politischreligiösen Strömungen der Siebziger Jahre, in Form von muslimischen Studentenbewegungen, entfremdeten Amal-Mitgliedern und einzelnen Klerikern mit ihren Anhängern zusammen 15 . Sie brauchte rund zwei Jahre, um ihre Strukturen zu ordnen und ging aus dieser Phase als gut geführte Organisation hervor. In ihren Gremien waren von Anfang an sowohl libanesische als auch iranische Entscheidungsträger vertreten 16 . Auch auf militärischer Ebene erhielt die Hizbu’llah Unterstützung aus Teheran,
12 A.R. Norton: Hizballah: From Radicalism to Pragmatism? in: Middle East Policy, Washington 1998, S. 149.
13 Ebd., S.149
14 Arabisch: Þã „Hoffnung“. Acronym abgeleitet von ôçèàß ãíØäß îÓ, “Liban. Widerstands-Bataillon”.
15 A. Saad- Ghorayeb, Hizbu’llah: Politics and Religion, London, 2002, S.15.
16 A.R. Norton, From Radicalism to Pragmatism? S. 151.
4
etwa durch die Entsendung von 1500 Pasdaran in das südlibanesische Biqa’-Tal 17 . Während des Bürgerkrieges wuchs die Stärke der Miliz kontinuierlich an, sodass es ihr gelang, die Amal in heftigen Kämpfen und unter dem Einsatz schwerer Waffen aus den Vororten Beiruts zu verdrängen. Weltweite Bekanntheit erlangte die Hizbu’llah 1983 durch Anschläge auf die US-Botschaft in Beirut und Unterkünfte der im Libanon stationierten amerikanischen und französischen Streitkräfte. Weiter wird der Gruppe eine Beteiligung an der Entführung von über 80 westlichen Staatsbürgern während der Achtziger Jahre nachgesagt 18 . Ab 1985 operierte sie in der von den israelischen Streitkräften (IDF) geschaffenen Sicherheitszone im Südlibanon, wo es ihr gelang, dem Gegner kleine aber ständige Verluste zuzufügen. Vor allem das militärische Vorgehen gegen die IDF steigerte ihre Popularität in weiten Teilen der Bevölkerung 19 . Nach Beendigung des libanesischen Bürgerkrieges 1989 durch das Abkommen von Ta’if zog die Hizbu’llah 1992 ins Parlament ein. Unabhängig von den Gefühlen über die Machtverteilung der Nachkriegslandschaft oder dem Misstrauen wegen der islamistischen Pläne der Hizbu’llah für das Land, herrschte ein weitreichender Konsens, dass ihr militärischer Flügel gute Arbeit auf dem Schlachtfeld gegen die Israelis leistete und seine Operationen fortführen sollte 20 . Dabei spielten die auf den destruktiven israelischen Invasionen von 1978 und 1982 beruhenden Antipathien der Libanesen gegenüber Israel eine bedeutende Rolle.
2.2 Ideologie und Zielsetzung
Kennzeichnend für das ideologische Konzept der Hizbu’llah ist die an Ayatollah Khomeini angelehnte Zweiteilung der Menschheit in „Unterdrücker“ und „Unterdrückte“, die sich in einem ewigen Ringen gegenüberstehen, eine Vorstellung, die sich sowohl aus marxistischen Theorien als auch aus Koranmotiven speist 21 . Die Dichotomie des Guten und Bösen findet sich in nahezu jeder offiziellen Rede der Gruppe, sowohl ein offener Brief aus dem Jahr 1985 als auch das Wahlprogramm aus dem Jahr 1992 richten sich an die „Unterdrückten“ 22 . Der Anspruch, für „Bauern und Landarbeiter, Arbeiter und Arme, die Vertriebenen und Beraubten, die Tagelöhner
17 A. Saad- Ghorayeb, Politics and Religion, S.14.
18 Ebd., S.1.
19 J. Palmer Harik, Hezbollah: The Changing Face of Terrorism, London 2005, S. 48.
20 Ebd. S.48.
21 A. Saad- Ghorayeb, Politics and Religion, S. 16.
22 Ebd., S.16.
5
und Obdachlosen“ 23 einzutreten, ist ein deutlicher Bezug zu den durch die israelische Besatzung vertriebenen Schiiten des Südlibanons. Obwohl die muslimische Umma von der Hizbu’llah generell als „unterdrückt, arm und beraubt“ dargestellt wird, ist die Klassifizierung der Schiiten als „Unterdrückte“ nicht religiös begründet. Vielmehr wird sie von der Organisation als direkte Folge der israelischen Besatzung und aufgrund ihrer geringen Bildung, ihrer wirtschaftlichen Schwäche und ihres beruflichen Status im Libanon aus der Perspektive einer Klassenanalyse heraus betrachtet 24 . Somit steht der Unterdrücktenstatus theoretisch auch anderen Religionsgemeinschaften offen und erklärt die Sympathien der Hizbu’llah für säkulare Christen wie Nelson Mandela oder sogar marxistische Führer wie etwa Fidel Castro. Dies ändert nichts an der Tatsache, dass die Idealform eines gerechten Staates aus ihrer Sicht allein die islamische Republik ist. Der Islam fungiert hierbei als vollständiges und umfassendes „Lebenssystem“, dessen diverse soziale, politische und ökonomische Gesetze in der Shari’a fest verankert sind. Entsprechend islamistischer Logik ist er das einzige Glaubenssystem, das in der Lage ist, in einer Gesellschaft perfekte Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit zu bewirken 25 . Aus diesem Grund verfolgte die Hizbu’llah ursprünglich das Ziel einer Vereinigung aller Länder der Region zu einem allumfassenden islamischen Staat, mit dem Libanon als innerem Teil des Gebildes. Für den Fall des Scheiterns, sollte eine islamische Republik innerhalb der Grenzen des Landes entstehen 26 . Eine weitere, tragende Säule der Ideologie der Gruppierung ist die Ablehnung der westlichen Zivilisation. Die Antipathie wird mit der historischen Konfrontation zwischen dem Islam und dem Westen begründet, beginnend im frühen Mittelalter über die Epoche der Kreuzzüge und den Kolonialismus des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts bis heute. Die USA gilt hierbei als zeitgenössische Führungsmacht einer gegen den Islam arbeitenden westlichen Verschwörung, als „Quelle allen Übels“ und Alleinschuldige für „alle muslimischen Katastrophen“ 27 . Die für die dichotome Weltanschauung der Hizbu’llah wichtige Rolle des Antagonisten der „gerechten islamischen Ordnung“ teilen sich die USA mit Israel. Die Organisation betrachtet den „illegitimen“ israelischen Staat und seine Gesellschaft als ideologisch homogen und bezeichnet die von Israel begangenen „rassistischen Verbrechen“ als
23 M. Kramer, Redeeming Jerusalem: The Pan-Islamic Premise of Hizballah, in: The Iranian Revolution and the Muslim World, ed. David Menashri, San Francisco 1990, S.12.
24 A. Saad- Ghorayeb, Politics and Religion, S.18.
25 Ebd., S.35.
26 Ebd., S.35.
27 Ebd., S.90.
6
Arbeit zitieren:
Daniel Matthias Timm, 2007, Waffenhilfe für Iraks Schiiten: Sadristen und der Einsatz von Explosively Formed Projectiles (EFP), München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Daniel Matthias Timm hat einen neuen Text hochgeladen
Handlungsmuster und Bildroutinen der Berichterstattung über den Irak-K...
Eine Untersuchung der Hauptfer...
Axel Niclas
PRESSE ET LIBERTE AU KURDISTAN D'IRAK (1991-2004)
La presse kurde irakienne: une...
Zubeida Abdulkhaliq
La politique de la Turquie vis-à-vis de l'Irak depuis 2003
Conflit ou coopération?
Merve OZDEMIRKIRAN
Zerstörter Irak - Zukunft des Irak?
Der Krieg, die Vereinten Natio...
Johannes M. Becker, Herbert Wulf
0 Kommentare