Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 2
2. Die Partei Gottes: Entstehung, Ideologie und Zielsetzung. 3
3. Israels Vietnam: Die IDF im Südlibanon. 6
4. Die Hizbu’llah und die zweite Intifada 8
5. Die Medien im Julikrieg 2006 10
6. Resümee 12
1
1. Einleitung
Die libanesische Hizbu’llah 1 feierte den Triumph über ihren Erzfeind Israel gleich zweimal. Rund sechs Wochen nach dem Ende des Krieges im Sommer 2006, verkündete ihr Generalsekretär Hassan Nasrallah auf einer Großkundgebung im Süden Beiruts vor zehntausenden von Anhängern einen „göttlichen Sieg“. Tatsächlich hatte sich ihr militärischer Arm, die Muqawama al-Islamiya 2 (IR) angesichts der erdrückenden Übermacht der israelischen Streitkräfte (IDF) überraschend gut geschlagen. Dennoch ging die Organisation taktisch geschwächt aus den Kämpfen hervor. So hinderte die Verlegung von rund 20000 Mann der libanesischen Armee und die verstärkte Präsenz der internationalen Beobachtertruppe UNIFIL nach dem Waffenstillstandsabkommen vom 14. August 2006 die Hizbu’llah daran, ihre militärische Infrastruktur in der südlichen Grenzregion zu Israel wiederaufzubauen 3 . Während sich die IR weiter nördlich der „Blauen Linie“ 4 neu gruppierte, konzentriert sie ihre Anstrengungen vor allem auf die Wiederbewaffnung ihrer Truppen. Einer erneuten Auseinandersetzung mit der IDF, der UNIFIL oder der libanesischen Armee ging sie in dieser Phase konsequent aus dem Weg 5 . Auch wenn Schätzungen über die tatsächlichen Verluste der Hizbu’llah kaum zu verifizieren sind, dürften sie die der IDF um ein vielfaches übersteigen. Dass sie den jüngsten Konflikt mit der Entführung zweier israelischer Soldaten am 12. Juli 2006 und der Tötung acht ihrer Kameraden auf israelischem Staatsgebiet gezielt provoziert hat, wird von ihrer Führung indes bestritten: „Hätten wir gewusst, dass die Gefangennahme der Soldaten all dies nach sich ziehen würde“, so Nasrallah am 27. August 2006 im libanesischen Fernsehen, „hätten wir es nicht getan" 6 . Interpretiert man die massive Befestigung des Grenzgebietes zu Israel und die Ansammlung eines beträchtlichen Arsenals von Boden-Boden Raketen als Teil einer Abschreckungsstrategie, welche die IDF von einer unverhältnismäßigen Reaktion auf die sporadischen Attacken abhalten sollte, hat sich die Hizbu’llah mit der Entführung der Soldaten tatsächlich verkalkuliert 7 . Israel antwortete auf die Operation der IR mit massiven Vergeltungsschlägen, denen auf libanesischer Seite rund 1200 Menschen
1 Arab. ̯£ „Partei Gottes“.
2 Arab. ôãü³ù ãíØäß „The Islamic Resistance“, IR.
3 N. Blanford, Call to Arms: Hizbullah’s efforts to renew weapons supplies, in: Jane’s Intelligence
Review, Volume 19, Number 5, May 2007, S.27.
4 Von der UN gezogene Demarkationslinie zwischen Libanon und Israel.
5 N. Blanford, Call to Arms, S.26.
6 "Hätten wir das gewusst…“, Artikel auf ZEIT online, August 2006.
7 N. Blanford, Call to Arms, S.26.
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zum Opfer fielen, darunter zahlreiche Zivilisten. Aus humanitärer Sicht ein Desaster und militärisch bestenfalls eine teuer erkaufte Pattsituation, trug die Hizbu’llah dennoch einen vollständigen politischen Sieg davon. Der tatsächliche Ablauf der Kampfhandlungen war dabei weniger entscheidend, als dessen öffentliche Wahrnehmung im In- und Ausland. Diese Wahrnehmung des Krieges hat die Hizbu’llah mittels höchst effizienter Propagandakampagnen schon während des Julikrieges, aber auch weit darüber hinaus maßgeblich dominiert. So erfolgte die eigentliche Vollendung der israelischen Niederlage erst zwei Jahre nach Ende der Kämpfe auf diplomatischem Weg. Medial aufbereitet, zog die Hizbu’llah mit dem Austausch von fünf libanesischen Gefangenen gegen die Leichname der zwei entführten Soldaten im Sommer 2008 einen dramaturgischen Schlussstrich unter den Konflikt, dessen Botschaft unmissverständlich war. Während man in Israel trauerte, feierten in Beirut Tausende die Rückkehr des Terroristen Samir Kuntar sowie vier freigelassener Hizbu’llah-Kämpfer vor laufenden Kameras mit frenetischem Jubel 8 . Selbst der eigentlich im Untergrund lebende Hassan Nasrallah ließ es sich nicht nehmen, die Freigelassenen persönlich zu begrüßen. Betrachtet man die geschichtliche Entwicklung der Hizbu’llah, ist diese professionelle Inszenierung innerer und äußerer Stärke wenig erstaunlich. Schon während früherer Konflikte erwies sich die Gruppe als äußerst geschickt in der Kunst der Propaganda und Medienmanipulation und konnte daher auf entsprechende Erfahrungswerte zurückgreifen. Mit dem Julikrieg erreichte die Beeinflussung freundlicher, neutraler und feindlich gesinnter Zielgruppen durch die Hizbu’llah jedoch einen quantitativ und qualitativ neuen Höhepunkt. Nach einem Überblick über die Entstehung der Organisation und ihrer Ziele, beschäftigt sich der vorliegende Bericht mit den Inhalten ihrer verschiedenen Propagandakampagnen von etwa 1985 bis heute. Abschließend steht die Frage im Vordergrund, welche Faktoren den Propagandasieg der Gruppe im Julikrieg 2006 am stärksten beeinflusst haben.
2. Die Partei Gottes: Entstehung, Ideologie und Zielsetzung
In der spannungsgeladenen Atmosphäre vor dem Beginn des libanesischen Bürgerkriegs entstanden zahlreiche schiitische Reformbewegungen, unter ihnen die Amal 9 , eine Widerstandsgruppe, die in dem Sieg Ayatollah Khomeinis 1979 in Teheran fortan ein wichtiges Handlungsbeispiel sah. Mit der Gründung der Hizbu’llah
8 „Jubel bei der Hisbollah, Trauer in Israel“, Artikel auf FTD online, Juli 2008.
9 Arabisch: Þã „Hoffnung“. Acronym abgeleitet von ôçèàß ãíØäß îÓ, “Liban. Widerstands-Bataillon”.
3
1982 als direkte Reaktion auf den israelischen Einmarsch im Libanon, entstand eine weitere, jedoch radikalere schiitische Bewegung, die dem Vorbild der iranischen Revolution nacheiferte. In ihr liefen eine Vielzahl der politisch-religiösen Strömungen der Siebziger Jahre in Form von muslimischen Studentenbewegungen, entfremdeten Amal-Mitgliedern und einzelnen Klerikern mit ihren Anhängern zusammen 10 . Sie brauchte rund zwei Jahre, um ihre Strukturen zu ordnen und ging aus dieser Phase als gut geführte Organisation hervor. In ihren Gremien waren von Anfang an sowohl libanesische als auch iranische Entscheidungsträger vertreten 11 . Auch auf militärischer Ebene erhielt die Hizbu’llah Unterstützung aus Teheran, etwa durch die Entsendung von 1500 Pasdaran 12 in das südlibanesische Biqa’-Tal 13 . Während des Bürgerkrieges gelang es ihr, die Amal in heftigen Kämpfen und unter dem Einsatz schwerer Waffen aus den Vororten Beiruts zu verdrängen. Weltweite Bekanntheit erlangte die Hizbu’llah 1983 durch Anschläge auf die US-Botschaft in Beirut und Unterkünfte der im Libanon stationierten amerikanischen und französischen Streitkräfte. Weiter wird der Gruppe eine Beteiligung an der Entführung von über 80 westlichen Staatsbürgern während der Achtziger Jahre nachgesagt 14 . Kennzeichnend für ihr ideologisches Konzept ist die an Ayatollah Khomeini angelehnte Zweiteilung der Menschheit in „Unterdrücker“ und „Unterdrückte“, die sich in einem ewigen Ringen gegenüberstehen, eine Vorstellung, die sich sowohl aus marxistischen Theorien als auch aus Koranmotiven speist 15 . Obwohl die muslimische Umma von der Hizbu’llah generell als „unterdrückt, arm und beraubt“ dargestellt wird, ist die Klassifizierung der Schiiten als „Unterdrückte“ nicht religiös begründet. Vielmehr wurde sie von der Organisation aus der Perspektive einer Klassenanalyse betrachtet 16 . Somit steht der Unterdrücktenstatus theoretisch auch anderen Religionsgemeinschaften offen und erklärt die Sympathien der Hizbu’llah für säkulare Christen wie Nelson Mandela oder sogar marxistische Führer wie etwa Fidel Castro. Dies ändert nichts an der Tatsache, dass die Idealform eines gerechten Staates aus ihrer Sicht allein die islamische Republik ist. Der Islam fungiert hierbei als vollständiges und umfassendes „Lebenssystem“, dessen diverse soziale, politische und ökonomische Gesetze in der Shari’a fest verankert sind. Entsprechend
10 A. Saad- Ghorayeb, Hizbu’llah: Politics and Religion, London, 2002, S.15.
11 A.R. Norton, From Radicalism to Pragmatism?, in: Middle East Policy, 1998, S. 151.
12 Persisch: 媳!Ä:lFKWHU³,UDQLVFKH5HYROXWLRQVJDUGH
13 A. Saad- Ghorayeb, Politics and Religion, S.14.
14 Ebd., S.1.
15 Ebd., S. 16.
16 Ebd., S.18.
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Arbeit zitieren:
Daniel Matthias Timm, 2007, Strategische Propaganda der Hizbu'llah im Julikrieg 2006, München, GRIN Verlag GmbH
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