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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
1.1 Einführung in die Thematik. 3
1.2 Zielsetzung und Aufbau der Arbeit 5
2. Wissenschaftstheoretische Grundlagen der Kritischen Geopolitik 8
2.1 Philosophische Postmoderne 8
2.2 Poststrukturalismus. 10
2.3 Konstruktivismus. 13
2.4 Postpositivismus 15
3. Methodologische Grundlagen der Kritischen Geopolitik. 17
3.1 Diskursforschung: Diskurstheorie und Diskursanalyse. 17
3.2 Dekonstruktion 20
4. Klassische (positivistische) Geopolitik 22
4.1 Geopolitik zu Zeiten des Imperialismus und bis zum Ende des Zweiten
Weltkrieges. 23
4.2 Geopolitik während des Kalten Krieges. 28
4.3 Geopolitik nach dem Ost-West-Konflikt. 29
5. Kritische (postpositivistische) Geopolitik. 33
5.1 Hintergrund und Anfänge. 33
5.2 Gegenstand, Zielsetzung und Gesamtkonzeption. 34
5.3 Forschungsschwerpunkte. 37
6. Kritik an der Kritischen Geopolitik. 40
6.1 Allgemeine Kritik an postmodernen, poststrukturalistischen, konstruktivistischen
und postpositivistischen Theorien 40
6.2 Spezifische Kritik an der Kritischen Geopolitik. 42
7. Schlussbetrachtung. 45
Literatur 48
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1. Einleitung
1.1 Einführung in die Thematik
Da staatliches Handeln auch nach territorialer Kontrolle und Demarkation gegenüber anderen Staaten trachtet, haben Internationale Beziehungen immer eine ihnen innewohnende territoriale Komponente. Auch wenn geopolitisches Handeln selbstverständlich viel älter ist, als es die aktuelle Terminologie vermuten lässt, wird seit über hundert Jahren die auf territoriale Belange gerichtete Politik mit dem Begriff „Geopolitik“ belegt. Die ungleichen Triebkräfte von wirtschaftlicher Ausdehnung und sozialer Eingliederung von Gesellschaften, die beide eine staatliche Regelung erfordern und territorial verankert sind, sind Grundlagen des modernen Staates. Jeder Staat strebt in seinen Aussenbeziehungen dazu, expansiv gegenüber anderen Staaten vorzugehen, sei es durch Wirtschaftsabkommen, Bündnispolitik oder unvermittelte militärische Einmischung, um seine „nationalen Interessen“ in Gestalt der wirtschaftlichen Interessen der jeweiligen hegemonialen Gruppen durchzusetzen. Die Konstituierung von sozialer Stabilität (Akzeptierung der Reproduktions- und Verwertungsbedingungen von allen) verlangt zugleich eine Homogenisierung nach innen und eine Abgrenzung nach aussen (vgl. Zeiliger/Rammer 2001: 7).
Auch Geopolitik bedarf, wie jede andere Politik, einer weltanschaulichen Legitimation. Raum- und Weltbilder werden entworfen und weltanschaulich aufgeladen, um nationalstaatliche Grenzen zu sichern, territoriale Interessen durchzusetzen, Einflussgebiete abzustecken sowie befreundete von verfehdeten Staaten abzusondern. Dabei müssen politische Weltbilder und Raumkonzepte die Spannungen zwischen der Apologie der räumlichen Ausdehnung und Einfügung in internationale Allianzen sowie der Demarkation gegenüber aussen integrieren. Von den Nationalsozialisten wurde diese Politik in altbewährter Weise ausgeübt: räumliche Ausdehnung nach aussen zur Durchsetzung wirtschaftlicher Hegemonie, Einheit nach innen durch Eliminierung von „Volksfeinden“ sowie ideologische Legitimation über biopolitische Konzeptionen von „Lebensraum“ und „Herrenrasse“ (vgl. ebd.).
Obschon geopolitische Überlegungen die aussenpolitische Praxis weiterhin prägten, war der Begriff „Geopolitik“ nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa als faschistisches Konzept durchgängig verpönt. Mit seiner Abgrenzung von Einflusszonen, der kein Gebiet auslassenden Unterteilung der Welt in Freunde und Widersacher, dem Aufbau von zu
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einem Gebiet gehörenden Feindbildern und der Erzeugung von Welt- und Raumbildern als Legitimationsbasis für eine militärisch-aggressive Aussenpolitik war insbesondere der Ost-West-Konflikt ein aufschlussreiches Beispiel hierfür (vgl. ebd.). Das Kräftefeld von Gesellschaft, Raum und Macht ordnete sich seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes in einer die gesamte Erdkugel umspannenden Umgestaltung neu. Auf allen Massstabsebenen führte dieser Wandel zu Kriegen, Krisen und Auseinandersetzungen, bei denen territoriale Fragen sowie geopolitische Raum- und Leitbilder im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen standen und Rechtfertigungen die Begründungsrhe-torik bildeten (vgl. Reuber 2002b: 4).
Mehr und mehr etablieren sich in der wissenschaftlichen Forschung zu den Internationalen Beziehungen konstruktivistische Ansätze. Raum und Ort werden nach deren Blickwinkel nicht als uneingeschränkte Realitäten begriffen, sondern primär als soziale Konstruktionen, die als Träger von symbolischen Bedeutungen auf der ganzen Welt jeweils regionale Akzentuierungen setzen (Adler 1997; Wendt 1992; Searle 1995; Dodds 1993). Dieser Perspektivenwechsel schlägt sich in der Politischen Geografie und in letzter Zeit auch in den Internationalen Beziehungen u. a. im Ansatz der Kritischen Geopolitik nieder. Diese theoretische Perspektive beschäftigt sich mit dem „making of foreign policy“ (Dodds 1993). Im Zentrum der Analysen stehen dabei „Dekonstruktion und Wirkungsweise geopolitischer Regionalisierungen“ (vgl. Reuber/Wolkersdorfer 2001: 10). Wie Geopolitik als intentionales ‚Geografie-machen’ eingesetzt wird, um spezifische politische Intentionen zu rechtfertigen, legen Dalby für den Kalten Krieg (Dalby 1990), Syer für den Falkland-Malvina-Konflikt (Ó Tuathail 1996) sowie Redepenning für das Dayton-Abkommen (Redepenning 2001) dar (vgl. dazu auch Sharp 2000). Anhand kartografischer Darstellungen weist beispielshalber Redepenning die Dekonstruktion „strategischer Regionalisierungen“ (Reuber 1999) und geopolitischer Ordnungsvorstellungen nach (vgl. Helmig 2008: 16).
Die erkenntnistheoretischen Trennlinien in den Theorien der Internationalen Beziehungen werden bezüglich der momentanen Situation sehr grob zwischen „positivistischen“ und „postpositivistischen“ Theorien gezogen (vgl. Schieder/Spindler 2006: 22). Eine Fülle von kritischen, postmodernen, konstruktivistischen oder poststrukturalistischen Ansätzen wurde hauptsächlich in den 1990er-Jahren produziert, die vielfach unter dem Sammelbegriff „Postpositivisten“ zusammengefasst werden und sich bei allen Differenzen auf der ontologischen Ebene in der Ablehnung der positivistischen Methodenlehre einig sind (vgl. ebd.: 23 f.). „Postmoderne“ bzw. „poststrukturalistische“ Theorien ge-
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hen von einem erkenntnistheoretischen Standpunkt aus, wonach „Wissen“ abhängig von kulturellen, geschichtlichen und weltanschaulichen Zusammenhängen ist. Bedeutung erhält die Realität, die jeweils eine Konstruktion ist, erst in einem grösseren Kommunikations- und Diskurszusammenhang. Forscher bilden mit ihren wissenschaftlichen Erkenntnisverfahren nicht einfach eine externe, erkenntnisunabhängig bereits gegebene oder zugängliche Welt ab, sondern zeichnen eher ein aktiv konstruierendes Bild von der Welt, vermittelt über Begriffe und sprachliche Bilder, von dem niemals mit Sicherheit gesagt werden kann, inwieweit es der „realen Welt“ entspricht (vgl. ebd.: 24 f.). Erkennbar werden infolgedessen zwei zentrale Charakteristika postmoderner, poststrukturalistischer, konstruktivistischer und postpositivistischer Ansätze: die Aufmerksamkeit auf die Untersuchung von Texten und anderen Darstellungen von Ereignissen (mittels Bilder oder Symbolen) statt auf die Ereignisse selbst. Des Weiteren sind die Bedenken gegenüber „objektiven“ Wahrheiten und demzufolge ebenfalls gegenüber Kategorisierungen zu nennen. Es gibt jeweils mehr als eine Fassung von Ereignissen, wenn das, was wir von Ereignissen wissen, diskursiv vermittelt ist. Es ist daher eine Frage der Macht, welche Version sich schliesslich durchsetzt (vgl. Diez 2006: 473 f.). Die „Kritische Geopolitik“ ist ein Ansatz, der die epistemologischen und ontologischen Erklärungsversuche einer gängigen positivistischen Geopolitik zu problematisieren versucht. Der weltanschauliche Gehalt der Legitimation von Weltpolitik wird durch die Kritische Geopolitik transparent gemacht, die auf die Bindung an die Interessen gewisser Staaten hinweist. Die Kritische Geopolitik wird dadurch selbst zu einer Form von Geopolitik, indem sie an der Auseinandersetzung um die Deskription der geopolitischen Rahmenbedingungen teilnimmt. Im Gegensatz zur klassischen Geopolitik dekonstruiert die Kritische Geopolitik die hegemonialen geopolitischen Diskurse und hinterfragt die aus der geopolitischen Betätigung der Staaten herrührenden Machtverhältnisse (vgl. Ó Tuathail 2001b: 120).
1.2 Zielsetzung und Aufbau der Arbeit Zielsetzung der Arbeit
Untersuchungs- oder Erkenntnisgegenstand der vorliegenden Arbeit ist der Theorieansatz der Kritischen Geopolitik. Es handelt sich im Wesentlichen um eine theoretische Arbeit im Fach der Internationalen Beziehungen. Das Interesse der Arbeit liegt u. a. in
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der theoretischen Systematisierung eines noch relativ unbekannten Ansatzes in den Theorien der Internationalen Beziehungen. Zielsetzung der Arbeit ist die Beantwortung folgender Leitfragen:
- In welcher wissenschaftshistorischen und wissenschaftstheoretischen Tradition steht die Kritische Geopolitik?
- Welches sind die methodologischen Grundlagen der Kritischen Geopolitik?
- Welcher historisch-politische Kontext ist zentral für die Herausbildung der Kritischen Geopolitik?
- Welches sind die konkreten Frage- und Problemstellungen der Kritischen Geopolitik?
- Welche Erklärungsfaktoren werden herangezogen?
- Auf welcher Analyseebene werden Erklärungen herangezogen?
- Was sind die wichtigsten Einwände der aus anderen theoretischen Strömungen heraus geäusserten Kritik?
- Welche Relevanz hat die Theorie für die aktuelle Diskussion in den Internationalen Beziehungen? Aufbau der Arbeit
Zu Beginn der Arbeit („Wissenschaftstheoretische Grundlagen der Kritischen Geopolitik“) geht es um ein prinzipielles Verständnis des wissenschaftstheoretischen Entstehungszusammenhanges durch ein Verorten der Kritischen Geopolitik in den wissen-schaftstheoretischen Traditionen, aus denen sie hervorgegangen ist. Im Anschluss („Methodologische Grundlagen der Kritischen Geopolitik“) wird den methodologischen Ursprüngen der Kritischen Geopolitik nachgegangen - mit anderen Worten: der wissen-schaftstheoretischen Grundlage und Methode der Erkenntnisgewinnung. Im folgenden Kapitel („Klassische [positivistische] Geopolitik“) wird der historisch-politische Kontext der Kritischen Geopolitik erörtert. Wie in allen sozialwissenschaftlichen Disziplinen so ist die Theoriebildung auch in diesem Fall eng an realhistorische Ereignisse (weltwirtschaftliche Krisenerscheinungen, militärische Konflikte u. a. m.) sowie an die Besonderheiten des akademischen Diskurses rückgebunden. Um die Rekonstruktion und Entfaltung der Theorie der Kritischen Geopolitik geht es im nächsten Teil („Kriti- sche [postpositivistische] Geopolitik“). Dort werden folgende Fragen erörtert: Durch
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welches Grundverständnis zeichnet sich die Theorie aus? Welches sind die konkreten Frage- und Problemstellungen der Theorie, wie wird erklärt, welche Erklärungsfaktoren werden herangezogen und auf welcher Analyseebene? Daran anschliessend („Kritik an der Kritischen Geopolitik“) geht es um die Darstellung und Rezeption der internen und externen Kritik am Ansatz der Kritischen Geopolitik. Was sind die zentralen Einwände und Kritikpunkte insbesondere der aus anderen theoretischen Strömungen heraus geäusserten Kritik? Zum Schluss der Arbeit („Schlussbetrachtungen“) wird u. a. der Frage nachgegangen und zu beantworten versucht, welche Relevanz der Ansatz der Kritischen Geopolitik für die Theorien der Internationalen Beziehungen besitzt.
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2. Wissenschaftstheoretische Grundlagen der Kritischen Geopolitik
Die Wahrheit ist nicht von dieser Welt; in dieser Welt wird sie aufgrund vielfältiger Zwänge produziert, verfügt sie über geregelte Machtwirkungen. Jede Gesellschaft hat ihre eigene Ordnung der Wahrheit, ihre ‚allgemeine Politik’ der Wahrheit: d. h. sie akzeptiert bestimmte Diskurse, die sie als wahre Diskurse funktionieren lässt; es gibt Mechanismen und Instanzen, die eine Unterscheidung von wahren und falschen Aussagen ermöglichen und den Modus festlegen, in dem die einen oder anderen sanktioniert werden; es gibt einen Status für jene, die darüber zu befinden haben, was wahr ist und was nicht. (Foucault 1978: 51)
Die Kritische Geopolitik bezieht sich theoretisch auf postmoderne, konstruktivistische, poststrukturalistische und postpositivistische Ansätze. Ganz im Sinne der Postmoderne hat die Kritische Geopolitik kein klares Theoriefundament, sondern sie setzt sich aus heterogenen Herangehensweisen zusammen, und dies mit einem Theorie- und Methodenpluralismus, der gesellschaftliche Phänomene in ebendieser Pluralität zu verstehen versucht, da postmoderne Gesellschaften in dieser Sichtweise ebenfalls nicht mehr aus einem Erklärungsmodell heraus beschrieben werden können.
2.1 Philosophische Postmoderne
Gegenüber den traditionellen Begriffen wie Wahrheit, Objektivität, Vernunft, universeller Fortschritt sowie ‚grossen Erzählungen’ oder letzten Erklärungsversuchen ist die philosophische Postmoderne generell misstrauisch. Im Gegensatz zu diesen Leitvorstellungen der Aufklärung betrachtet sie die Welt als offen, mannigfaltig, zufällig und unbegründet (vgl. Seppmann 2000: 28 f.). Insofern sich die philosophische Postmoderne skeptisch gegen Tendenzen der Verallgemeinerung, der Totalisierung und der Verabsolutierung wendet, beinhaltet sie eine radikale Meinungsvielfalt und einen Antitotalitarismus. Entsprechend dienen besonders die Schriften von Jean-Francois Lyotard vielen Verfechtern der Postmoderne als philosophische Basis. Die grossen Metanarrative dieser Epoche haben gemäss Lyotard ausgedient, das Projekt der Moderne sei demzufolge gescheitert (vgl. Schmitt 2005: 7). Da die philosophische Postmoderne Pluralismus und
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Universalismus als unversöhnliche Gegensätze begreift, sieht sie in jedem Beitrag einer philosophischen Synthese und einheitlichen Gestaltung der zu erkennenden Welt die Gefahr totalitärer Tendenzen des Denkens (vgl. Goebel/Müller 2007: 11). Ein weiteres Merkmal der philosophischen Postmoderne ist die Verabsolutierung der Sprache, die im Zusammenhang mit den Bedenken gegenüber Vernunft, Wahrheit, Rationalität etc. immer als kritisches Regulativ angeführt wird. Eine der radikalsten Formen des modernen linguistic turn findet somit in der postmodernen Philosophie statt. Feste universale Bedeutungen hinter der Sprache gibt es nicht: Demzufolge sind alle „Gegenstände“ und „Objektivierungen“ letztlich sprachliche Interpretationen. Ein solcher Nominalismus führt bei gewissen postmodernen Philosophen und Sozialwissenschaftler häufig zu einem anti-empiristischen Konstruktivismus und Anti-Realismus (vgl. ebd.: 19). Postmoderne Theoretiker wie Foucault, Derrida, Lyotard und Rorty betrachten alle Wissenschaften und Philosophien, einschließlich der eigenen Diskurse, als narrative Systeme, die keinen Anspruch auf objektive Wahrheit erheben können. (ebd.: 21) Die Sprache konstruiert die Welt, die Welt wird folglich nicht von der Sprache schlicht widerspiegelt. Wenn die ‚Realität’ prinzipiell als konstruiert gedacht wird, lässt sich jedoch nicht mehr bestimmen, welches Konstrukt besser ist (vgl. Jandl 1999: 192). Entscheidungen sind infolgedessen unabdingbar an Machtbeziehungen geknüpft, unter deren Massgabe dann eine diskursive Auswahl getroffen wird. Universelle Geltungsansprüche sind für die postmoderne Philosophie deshalb totalisierend, da mit ihnen bestimmte Diskurse marginalisiert und ausgeschlossen und andere favorisiert werden. Zwischen Erkenntnis und Macht wird durch die philosophische Postmoderne insofern eine unvermeidliche Beziehung postuliert (vgl. Wolkersdorfer 2001: 17). Die zentrale Idee der Moderne, dass ein allgemeingültiges Wissen mittels geordneter Vernunft denkbar sei, wird skeptisch bemängelt. Gemeint ist mit Erkenntnis und allgemeingültigem Wissen dabei zumeist die eine immediate und unverfälschte Repräsentation der dem Subjekt externe Realität. Entsprechend der Korrespondenztheorie der Wahrheit sei die äussere Realität dem vernunftmässigen Subjekt dank des Verstandes zugänglich, und der universal gedachte menschliche Verstand gestatte eine unverzerrte Abbildung, unabhängig vom historischen, sozialen, politischen und kulturellen Kontext des erkennenden Subjekts - so wird die unhaltbare realistische Vorstellung von Er- kenntnis ganz generell aus der Sicht der Postmoderne gedacht.
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Die philosophische Postmoderne ersetzt den Wahrheitsbegriff stattdessen durch den Diskursbegriff. Betrachtet und analysiert werden die gesellschaftlichen Machtbeziehungen, die sich durch die Sprache artikulieren. Der Sprache kommt insofern grösste analytische Bedeutung zu (vgl. ebd.: 50 f.).
Der Anspruch postmoderner Ansätze in den Internationalen Beziehungen, wozu auch die Kritische Geopolitik gehört, besteht u. a. darin, eine neue Sicht zu ermöglichen, die die Zusammenhänge von Macht und Erkenntnis bzw. Wahrheitsproduktion mittels Diskursanalyse aufzuzeigen versucht. Ersichtlich werden somit zwei Merkmale postmoderner Ansätze in den Internationalen Beziehungen:
Erstens die Konzentrierung auf die Untersuchung von Schriften und anderen Darstellungen von Begebnissen (z. B. Bilder oder Symbole) anstatt auf die Ereignisse selbst. Zweitens die bereits weiter oben erwähnten Bedenken gegenüber „objektiven“ Realitäten und die damit dazu gehörenden Kategorisierungen; es gibt jeweils mehr als eine Darstellung eines Ereignisses, wenn das, was wir von Ereignissen wissen, diskursiv vermittelt ist. (Diez 2006: 473 f.)
2.2 Poststrukturalismus
Entstanden ist der Poststrukturalismus in den 1960er-Jahren in Frankreich. Darunter können divergent ausgebildete Theoriekonzepte subsumiert werden, die sprachtheoretische Grundannahmen des Strukturalismus aufnehmen und sich gleichzeitig kritisch von bestimmten Ausprägungen desselben entfernen. Der Poststrukturalismus ist ein Durcharbeiten und eine Radikalisierung des Strukturalismus, auch eine kritische Weiterentwicklung, jedoch kein gänzlicher Bruch mit dem strukturalistischen Denken, wie es das Präfix „Post“ nahelegt (vgl. Moebius/Reckwitz 2008: 11). Zu den Personen, die dem Poststrukturalismus zugerechnet werden, gehören u. a. so bekannte, aber auch unterschiedliche Autoren wie Jacques Derrida, Gilles Deleuze, Jean Francois Lyotard und Michel Foucault (Münkler/Roesler 2000: 8).
In der Linguistik von Ferdinand de Saussure wird das Modell strukturalistischen Denkens zum ersten Mal konsequent methodisch formuliert und angewandt, auf den Ge-genstand der Sprache. In den 1960er-Jahren avancierten die nach seinem Tode publi- zierten Vorlesungsmitschriften (1905-1919) zum Gründungstext für ein neues diffe-
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renztheoretisches Denken, das sich dann auch auf andere Disziplinen erstreckte (vgl. Stäheli 2000: 17 f.). Sprache lässt sich entsprechend der linguistischen Theorie des Strukturalismus von Ferdinand de Saussure, der Grundlage des Poststrukturalismus, in „parole“, im Sinne von gesprochener Sprache, und in „langue“, als das dem Sprechen zugrunde liegende System von Zeichen - mit struktural zu beschreibenden Gesetzmässigkeiten -, unterteilen (vgl. MOREL et al. 1999: 116 ff.). Zwei Annahmen der Theorie de Saussures sind im Kontext von poststrukturalistischen Ansätzen in den Internationalen Beziehungen grundlegend: 1) Die Beliebigkeit des sprachlichen Zeichens im Hinblick auf die Zusammengehörigkeit von Signifikant und Signifikat (Arbitrarität): Das sprachliche Zeichen vereinigt nach de Saussure das Bezeichnende (den Signifikanten, das Zeichen als äusseres, auch materielles Zeichen) und das Bezeichnete (das Signifikat, das Zeichen als Konzept). Die in unterschiedlichen Sprachen stattfindende Verbindung zwischen Signifikant und Signifikat geht allein aus Übereinkünften hervor. Warum beispielsweise die Buchstabenfolge „B-a-u-m“ eine Pflanze mit Verholzung und Blättern bezeichnet und kein Haus, beruht auf Konventionen und hat keinen „inneren“ (auf Basis von Ähnlichkeit motivierten Grund). Anschaulich machen lässt sich das Konzept de Saussures mit einem Vergleich unterschiedlicher Sprachen. Dass Signifikant und Signifikat arbiträr sind, offenbart das Faktum, dass das Konzept „Hund“ (Signifikat) in unterschiedlichen Sprachen mit jeweilig anderen Signifikanten verknüpft ist (z. B. engl. dog, frz. chien, russ. cобака). Und auch das Signifikat (Konzept) geht dem Sprachsystem nicht voraus. Wenn dies der Fall wäre, müssten in allen Sprachen ansonsten gleichbedeutende Konzepte existieren, die dann nur mit jeweilig anderen Signifikanten verknüpft wären. Übersetzungen von unterschiedlichen Sprachen wären dann immer einfach und präzise und ohne Bedeutungsverschiebungen. Dementgegen gibt es beispielsweise für die deutschen Begriffe „Heimat“ und „spiessig“ keine Parallelen im Englischen; bestimmte Konzepte existieren demzufolge nur in gewissen Sprachen, in anderen dagegen nicht. Übersetzungen von Sprachen sind also immerzu mit Schwierigkeiten verbunden (vgl. Glasze/Mattissek 2009b: 21 f.).
Arbeit zitieren:
B.A. Daniel Reinhard, 2010, Kritische Geopolitik, München, GRIN Verlag GmbH
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