Einleitung
„Das ist kein Psycho, das ist ein ganz normaler netter Kerl“
So reagiert in dem Film „Das weiße Rauschen“ eine Schwester auf die Nachricht, ihr Bruder habe Schizophrenie. Durch die Bezeichnung „Psycho“ wird die abwertende Haltung dieser psychischen Erkrankung gegenüber deutlich. Außerdem ist die junge Frau der Meinung, dass Schizophrenie kein „normaler“ Mensch bekommen könne.
Entspricht diese Filmszene der Wirklichkeit in unserer Gesellschaft? Wie wird Schizophrenie in der Gesellschaft wahrgenommen? Welches Wissen, welche Vorurteile bestehen? Diesen Fragen widmet sich diese Seminararbeit. Zuerst werden allgemeine Informationen über Schizophrenie dargelegt. Als Grundlage der folgenden Bewertung der Wahrnehmung von Schizophrenie in der Gesellschaft wurde eine Straßenumfrage durchgeführt, die ausgewertet und interpretiert wird.
Die Seminararbeit entsteht im Seminarfach „Wahrnehmung“. Schizophrenie ist eine psychische Erkrankung, die durch Störungen der Wahrnehmung des Betroffenen gekennzeichnet ist. Zur Wahl dieses Themas kam es durch die Inspiration des Films „Das weiße Rauschen“. Ein Film welcher sich mit einem jungen Mann beschäftigt, der an Schizophrenie erkrankt und sich auf die Suche nach einem Leben mit der Krankheit macht.
1. Schizophrenie
Der Begriff Schizophrenie kommt von den altgriechischen Wörtern schizein, was abspalten und phrēn was in etwa Zwerchfell, Seele bedeutet. 1 Der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler veröffentlichte diesen Begriff im Jahre 1908 und trat so der bis dahin vorherrschenden Auffassung der „Dementia praecox“ (frühzeitige Demenz) von Emil Kraeplin entgegen, der diesen Begriff im Jahr 1896 als ein gemeinsames Merkmal einer Reihe verschiedenartiger psychischer Krankheiten prägte. Bleuler fand jedoch heraus, dass nicht alle unter dem Begriff Kraeplins zusammengefassten Krankheitsbilder wirklich in Demenz enden. 2 Er befand, dass „die elementarsten Störungen in einer mangelhaften Einheit, in einer Zersplitterung und
1 Vgl. DUDEN, Deutsches Universalwörterbuch, Dudenverlag, Mannheim 2007
2 Vgl. Bleuler, Eugen „Dementia praecox oder Gruppe der Schizophrenien“, Minerva 1978
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Aufspaltung des Denkens, Fühlens und Wollens und des subjektiven Gefühls der Persönlichkeit“ (Bleuler, 1978) bestünden. Aus diesem Grund nannte er diese Störungen fortan „Gruppe der Schizophrenien“ (Bleuler, 1978).
1.1 Verlauf und Erscheinungsbild
In Verlauf und konkretem Erscheinungsbild tritt Schizophrenie in vielfältiger Art auf. 3 Allen Erscheinungsformen gemeinsam sind „grundlegende und charakteristische Störungen von Denken und Wahrnehmung sowie inadäquate oder verflachte Affekte“. (WHO ICD-10). Die WHO (1999) nennt als wichtigste Phänomene von Schizophrenie Gedankenlautwerden, Gedankeneingebung oder Gedankenentzug, Gedankenausbreitung (Überzeugung, andere könnten die Gedanken hören), Wahnwahrnehmung, Kontrollwahn, Beeinflussungswahn, Stimmen, die den Patienten kommentieren, Denkstörungen, Negativsymptome (Einschränkungen im normalen Erleben).
Die Symptomatik einer schizophrenen Psychose kann in Phasen gegliedert werden. 4 Zu Beginn steht die sogenannte Prodromalphase (übersetzt „Vorläuferphase“), in der Frühsymptome aber auch uncharakteristische Symptome auftreten. Zeitlich ist diese Phase sehr variabel und kann Jahre oder auch nur Tage dauern. Oft ziehen Patienten sich zurück, leiden unter Schlaf- und Konzentrationsproblemen und Kommunikationsschwierigkeiten. Der Prodromalphase folgt die Akut-Phase (auch floride Phase genannt), in der die psychotischen Symptome, die als Positiv-Symptome bezeichnet werden, auftreten. Positiv-Symptome der akuten Phase sind:
Formale Denkstörungen: Es kommt zu einer Abnahme des Sprachinhaltes sowie des Wortschatzes. Weiterhin kommt es zu einer Lockerung der Assoziationen, bei der Gedanken von einem Inhalt scheinbar nicht nachvollziehbar zu einem anderen wechseln. Somit entstehen nicht oder nur sehr entfernt zusammenhängenden Äußerungen, die der Sprecher nicht bemerkt.
Inhaltliche Denkstörungen: Hierbei handelt es sich um Wahnvorstellungen. Besonders häufig ist Verfolgungswahn zu beobachten, bei dem der Patient der Überzeugung ist, es werde ihm
3 Vgl. „Posininsky/Schaumburg, „Schizophrenie- Was ist das?“, Vandenhoeck& Ruprecht, München 1996, Seite
17
4 Folgende Charakterisierung und Einteilung der Phasen einer Schizophrenie (bis zum Ende des Kapitels 1.1)
sind Hahlweg/ Dose, „Schizophrenie“, Hogrefe-Verlag, Göttingen 1998 entnommen
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nachspioniert oder jemand wolle ihm schaden. Ebenfalls häufig kommt es zu Beziehungswahn, bei dem Gegenstände, Personen oder Ereignisse eine überwiegend negative Bedeutung erhalten. Beispielsweise werden Fernsehnachrichten als auf sich persönlich bezogen wahrgenommen.
Halluzinationen/ Wahrnehmungsstörungen: Während schizophrener Psychosen kommt es häufig zum Stimmenhören. Hierbei hört der Patient Stimmen, die von außen zu kommen scheinen, den Patienten ansprechen und sein Verhalten kommentieren oder auch Befehle geben, die bei der Befolgung durchaus zu Gefahren führen können. Halluzinationen treten nicht nur akustisch auf, sondern können ebenso alle anderen Sinne betreffen. Affektstörungen: Der Patient ist nicht mehr oder nur in sehr abgeschwächter Weise in der Lage Gefühle zu empfinden. Bei inadäquaten Affekten kommt es zu unpassenden Gefühlsäußerungen wie Weinen bei lustigen Ereignissen.
Selbstgefühlsstörungen: Der Patient zweifelt an der Bedeutung seiner Existenz und ist unsicher worin seine persönliche Identität besteht.
Psychomotorische Probleme: Es kommt zu einer Verminderung der Reaktion auf die Umgebung und/oder einer Verminderung von spontaner Bewegung und Reaktion. Der Patient kann vermeintlich absurde und sich wiederholende Bewegungen ausführen. Zwischenmenschliche Beziehungen: Während der gesamten Psychose hat der Patient Schwierigkeiten soziale Kontakte zu pflegen und aufrecht zu erhalten. Diese Symptome werden von den Patienten nicht als krankhaft beurteilt, sondern als Realität empfunden, sodass in dieser Phase eine Einsicht der Krankheit nur schwer möglich ist. Der akuten Phase folgt die Residualphase (residual= zurückbleibend, restlich), in der die sogenannten Negativ-Symptome auftreten. Diese bestehen in sozialem Rückzug, affektiver Verflachung (Verflachung von Gefühlen), Verlust von Interessen, Antriebslosigkeit sowie in sprachlicher Verarmung.
Schizophrene Störungen können entweder einen permanenten Verlauf haben oder in Episoden auftreten. Diese Episoden bestehen entweder aus dauerhaften und zunehmenden Symptomen oder aber auch aus dauerhaften Symptomen mit temporärer unvollständiger oder vollständiger Remission (Nachlassen der Symptome ohne Heilung).
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Circa 25% aller Patienten haben lediglich eine schizophrene Phase und sind in der Lage ein normales Leben zu führen. Bei circa 50% der Patienten kommt es zu mehreren Phasen. Hierbei sind die Patienten, anhängig von der erhaltenen Hilfe, sozial mehr oder minder integriert. Unter einem chronischen Endzustand der Schizophrenie, welcher einen langwierigen stationären Aufenthalt erforderlich macht, leiden nur circa 25% der Erkrankten. Hierbei kann es nach 10-20 Jahren zu einer vernehmlichen Besserung von Symptomatik und Wohlbefinden kommen. Allerdings weist der chronische Verlauf eine hohe Suizidgefahr von 10% auf.
1.2 Ursachen von Schizophrenie
Schizophrenie ist eine relativ häufige Erkrankung. Die Lebenszeitprävalent liegt bei 1:100, dies bedeutet, dass von einer von 100 Erwachsenen Menschen im Laufe seines Lebens an einer schizophrenen Psychose erkranken wird. Männer und Frauen erkranken gleich häufig und auch zwischen unterschiedlichen Kulturen bestehen keine Unterschiede. Schizophrenie tritt ab dem 17. Lebensjahr auf, jedoch gehäuft im Alter von 20-30 Jahren sowie nach dem 45. Lebensjahr. 5
Die genauen Ursachen von Schizophrenie sind trotz intensiver Forschung bis heute unklar. Als gesichert gilt nach langfristigen und umfangreichen Familienstudien eine genetische Vorprägung. So haben Menschen mit an Schizophrenie erkrankten Eltern ein erhöhtes Erkrankungsrisiko von circa 12%. 6
Ein Modell für die Entstehung schizophrener Psychosen ist das „Vulnerabilitäts-Stress-Modell zur Entstehung schizophrener Psychosen“ (VSM). 7
Überlastung und Stress werden von den Betroffenen selbst oft als Hauptgründe für die psychischen Beschwerden empfunden. Bei der Entstehung psychischer Krankheiten spielen diese Faktoren eine Rolle, können jedoch nicht als alleinige Erklärung herhalten. Es müssen auf der einen Seite Belastung und auf der anderen Seite auch eine Vulnerabilität (= Anfälligkeit, Erkrankungsbereitschaft) an einer schizophrenen Psychose zu erkranken zusammenkommen, bevor der Patient tatsächlich erkrankt. Als Folge einer gesteigerten
5 Hahlweg/ Dose, „Schizophrenie“, Hogrefe-Verlag, Göttingen 1998, S. 21
6 Siehe 5
7 Hahlweg/ Dose, „Schizophrenie“, Hogrefe-Verlag, Göttingen 1998, S. 27ff.
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Arbeit zitieren:
Berit Weihe, 2010, Wahrnehmung von Schizopherenie in der Gesellschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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