INHALTVERZEICHNIS
Einleitung. 3
Erster Teil: Vorstellung des Korpus 4
I. Die ausgewählten Werke 4
A. Das Modell: Robinson Crusoe von Daniel Defoe 4
B. Die deutschen Robinsonaden im 18. Jahrhundert: Insel Felsenburg von J.G.
Schnabel und Robinson der Jüngere von J.H. Campe 5
C. Die berühmtesten Robinsonaden im 19. Jahrhundert: das Werk Jules Vernes
in Frankreich 6
II. Hauptmotive der Robinsonade 9
A. Narrationsprozess der Robinsonade 9
B. Die Hauptthemen der Robinsonade. 11
Zweiter Teil: Die Robinsonade als Anwendung für zeitgenössischen Gedanken 14
I. Die Robinsonaden als Erziehungstexte. 14
A. Didaktik und Pädagogik der Robinsonade 14
B. Robinson als Lehrer und Lerner 17
C. Die moralische Besserung 18
II. Von der Verbesserung des einzelnen Menschen zur Verbesserung der
Menschheit. 20
A. Ein neues Gewicht des Individuums in der Gesellschaft? 20
B. Die Robinsonade als Darstellung der Menschheitsgeschichte 21
C. Die Insel als Anwendungsraum europäischer Technik 23
Dritter Teil: Paradoxe und Grenzen der Robinsonaden. 25
I. Die Grenzen der Robinsonaden 26
A. Ein früh kritisiertes Wertsystem 26
B. Die inneren Widersprüche der Robinsonaden 27
II. Die Robinsonade als Utopie? 30
A. Kurze Geschichte und Merkmale der utopischen Gattung. 30
B. Zwischen Utopie und Robinsonade: der besondere Fall der Insel Felsenburg
31
C. Die Grenzen der Utopie. 32
Schlusswort. 34
Literaturhinweise 36
Abbildungen.................................................................................................................... 37
Einleitung
Noch heute gilt Robinson Crusoe als eine mythische Figur der Weltliteratur: seine Geschichte wurde seit fast drei Jahrhunderten immer wieder neugeschrieben, für die Bühne oder für das Kino bearbeitet, auch findet man noch heute den Namen Robinson in der Umgangssprache. Diese Figur von Robinson Crusoe wurde im 18. Jahrhundert erfunden, und mit der Erzählung ihrer Abenteuer entstand die Robinsonade als literarische Gattung.
Es ist kein Zufall, dass die Robinson-Figur kurz vor der Aufklärung entstand. Nach den Entdeckungen des 16. und 17. Jahrhunderts, wurde die Welt größer: ein neuer Kontinent wurde durch die Reisen des Christoph Kolumbus entdeckt, Kopernikus und später Galilei erkannten, dass die Erde nicht das Zentrum des Universums war, dass sie und die anderen Planeten um die Sonne kreisten. Der Europäer wurde mit einer komplexeren Welt konfrontiert, deren Funktionieren manchmal seinem religiösen Glauben widersprach, er erfuhr von der Existenz anderer Völker, deren Wertsystem sich von dem seinen stark unterschied. So wurde das Individuum zum Zentrum der philosophischen und politischen Reflexionen der Moderne und ihres Erbes zur Zeit der Aufklärung: Individualismus entstand, das heißt, dass individuelles Glück eng mit dem allgemeinen Wohlfahrt verbunden wurde, und die Möglichkeit, als Individuum Erfüllung zu finden, sollte zu einer gesellschaftlichen Harmonie führen. Schon im 17. Jahrhundert betrachtete Descartes den Menschen als ein Ganzes, als ein moralisches Wesen, vernunfts- und urteilsfähig. Zur Zeit der Aufklärung kristallisierte sich dieser Glaube der Philosophen an eine moralische Verbesserungsfähigkeit des Individuums, die einer Verbesserungsfähigkeit der ganzen Welt entsprach: das Handeln des autonomen Individuums wirkte direkt auf die Entwicklung seiner Umwelt. Es herrschte echter Optimismus, der noch im 19. Jahrhundert wirkte: durch den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt musste Wissenschaft der positivistischen Theorie zufolge zu einer kompletten Aufklärung der Menschheit beitragen. Die Anwendung der Technik in der Industrialisierung Europas ermöglichte die Entstehung einer liberalen Gesellschaft, in der die individuelle Initiative eine große Rolle spielte. Diese das 18. und 19. Jahrhundert prägende Autonomie des Menschen, der an der Verbesserung seiner Lebensverhältnisse arbeitet, und dessen Handeln seine Umwelt verändert, findet man in der Robinsonade. Können also die Robinsonaden als Beweis der Verbesserung der Menschheit durch die des Individuums gelten? Kann man sie als Modell eines allgemeinen Verbesserungsprozesses betrachten?
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Um diese Frage zu beantworten werde ich in einem ersten Teil den ausgewählten Korpus von Robinsonaden vorstellen: es handelt sich um europäische Texte des 18. und 19. Jahrhunderts aus England, dem deutschsprachigen Raum und Frankreich. Im folgenden Teil wird untersucht, wie die Überlegung an Individuum und Menschheit in der Robinsonade zum Ausdruck kommt. Schließlich werde ich die Paradoxe und Grenzen der Robinsonaden untersuchen.
Erster Teil: Vorstellung des Korpus
I. Die ausgewählten Werke
Hier werden die verschiedenen Werke des 18. und 19. Jahrhunderts in der Reihenfolge ihrer Erscheinung vorgestellt. Wie in der Einleitung schon erwähnt, handelt es sich um ein europäisches Phänomen, das eine dauerhafte Nachwirkung in der Literatur hatte.
A. Das Modell: Robinson Crusoe von Daniel Defoe
Mit dem Werk Defoes anzufangen, scheint für eine Untersuchung über die Robinsonaden notwendig. Einerseits wird der Autor als einer der Väter des englischen Romans betrachtet, andererseits ist Robinson Crusoe (The Life and strange surprising Adventures of Robinson Crusoe of York, Mariner) noch heute sein berühmtestes Werk. Um diesen Roman zu schreiben, ließ sich Defoe von den Berichten über den Matrosen Alexander Selkirk inspirieren, der nach einem Konflikt mit seinem Kapitän auf einer Insel vor der chilenischen Küste ausgesetzt wurde, und der dort vier Jahre und vier Monate (1704-1709) allein lebte 1 .
Defoe stellte Robinson Crusoe vor, als ob es sich um die von Robinson selbst geschriebenen Erinnerungen handelte. Nachdem er als junger Menschen das Haus seiner Eltern ohne Erlaubnis verlassen hat, um durch die Welt zu reisen, erlebt Robinson mehrere Abenteuer in Afrika oder Portugal, und er lässt sich in Brasilien nieder. Dort ist er Besitzer einer Zuckerplantage, und sein Geschäft läuft ziemlich gut. Aber bei einer Geschäftsreise nach Afrika, erleidet Robinson Schiffbruch. Als einziger Überlebender findet er Asyl auf einer karibischen Insel, wo er achtundzwanzig Jahre verbringt. Durch die Benutzung der Dinge, die er von dem Wrack gerettet hat, durch seine eigenen Kräfte und seine Vernunft, macht er aus der Insel ein fruchtbares Land und lebt nach mehreren Jahren im Überfluss. Obwohl seine Bedürfnisse zufrieden
1 Naugrette, Jean-Pierre, im Vorwort von Daniel Defoe, Robinson Crusoe, Paris, Le Livre de poche, 2003, S 9-10.
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gestellt sind, und obwohl er Gott ständig dafür dankt, fehlt ihm eine menschliche Gesellschaft. Diese Gesellschaft findet er nach sechsundzwanzig Jahren in der Person von Freitag, dem guten karibischen Wilden, den er seine Sprache und die christliche Religion lehrt. Schließlich kehren sie zur „Zivilisation“ zurück, nachdem sie einen spanischen Schiffbrüchigen und Freitags Vater von den Kannibalen gerettet und einem englischen Schiffskapitän, dem Opfer einer Meuterei, geholfen haben. Robinson reist mit Freitag nach Europa zurück, reicher und moralisch besser. 1719 erschienen, war das Buch ein so großer Erfolg, dass es schon in diesem ersten Erscheinungsjahr mehrere Ausgaben gab. So entstand die Robinsonade.
B. Die deutschen Robinsonaden im 18. Jahrhundert: Insel Felsenburg von J.G.
Schnabel und Robinson der Jüngere von J.H. Campe
Robinson Crusoe war auch in Deutschland ein Erfolg: sehr früh schon übersetzt wurde die Geschichte Robinsons ab den 1720er Jahren mehrmals bearbeitet. Die zwei ausgewählten deutschen Texte sind Insel Felsenburg (Wunderliche Fata einiger See-Fahrer) von J.G. Schnabel (1692-wahrscheinlich zwischen 1751 und 1758 gestorben), dessen verschiedene Teile zwischen 1731 und 1743 erschienen, und Robinson der Jüngere von J.H. Campe (1746-1818), dessen zwei Teile 1779 und 1780 erschienen. Diese beiden Texte wurden aufgrund ihrer Popularität und auch ihrer inhaltlichen Unterschiede ausgewählt und untersucht.
Das Werk Schnabels ist merkwürdig, und wird im dritten Teil dieser Untersuchung gründlicher behandelt. Die Insel Felsenburg war ein sehr populärer Roman, wurde aber ab dem 19. Jahrhundert fast vergessen, bevor eine von Ludwig Tieck initiierte neue Ausgabe 1828 erschien. In seinem Werk bot Schnabel den Lesern eine originelle Bearbeitung der Robinsonade. Wie viele Romane dieser Epoche beginnt das Buch mit der Vorrede eines fiktiven Herausgebers, eines gewissen Gisanders, der eine bearbeitete und in Ordnung gebrachte Veröffentlichung der Notizen von Eberhardt Julius vorstellt 2 . Nachdem seine Familie ruiniert worden war, bekommt der Ich-Erzähler Eberhardt eine schriftliche Einladung von einem Urgroßonkel, Albertus Julius, den er nicht kennt, auf eine Insel, wo dieser lebt und herrscht. So verlässt der junge Eberhardt Europa und fährt nach der so genannten Insel Felsenburg. Er beschreibt eine idyllische und fromme Gesellschaft, die Albertus Julius nach einem Schiffbruch auf dieser Insel mit seiner Ehegattin Concordia und den neu Ankommenden gegründet hat. Durch die Erinnerungen verschiedener Einwohner der Insel erfährt der junge Eberhardt Julius von
2 Johann Gottfried Schnabel, Insel Felsenburg, Stuttgart, Reclam, 1998. S 5-13
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der Vorgeschichte eines neuen und geheimen Staats, der weit von der Korruption und Heuchelei der europäischen Gesellschaft entstanden ist. Robinson der Jüngere von Campe ist hingegen ganz anders: schon in der Vorrede drückt der Autor seine Absicht klar aus, mit seinem von Rousseauismus und Aufklärungsgeist stark geprägten Buch ein nützliches Unterhaltungsbuch und angenehmes Erziehungsmittel für Kinder zu machen 3 . Der Leser kann nämlich feststellen, dass Geschichte und Handlung des Robinsons von Defoe fast exakt übernommen wird. Die Varianten, die hier von Campe eingeführt werden, sind sicherlich für Kinder und ihre Erziehung bestimmt: hier ist die Hauptfigur jünger, Robinson ist ein Hamburger und doch kein Engländer 4 , nach dem Schiffbruch hat er aus dem Wrack nichts retten können, und er hat „ zur seiner Erhaltung nichts, als seinen Kopf und seine Hände” 5 , er bleibt nur zwölf Jahre auf der Insel und ist noch jung, als er in Begleitung seines Freundes Freitag nach Europa zurückkehrt. Dieses von Campe selbst so genannte „Lesebuch für Kinder” 6 besteht nicht nur in einer Erzählung der Abenteuer Robinsons: Es stellt sich in der Form von einem Dialog zwischen einem Familienvater, der die Geschichte erzählt, und den Kindern, die ihm zuhören, und deren Reaktionen und Fragen moralische oder praktische Diskussionen hervorrufen. Durch die Geschichte der moralischen Verbesserung Robinsons, der allein auf seiner Insel den Wert der Arbeit und der Vernunft und die Furcht vor Gott lernt, handelt es sich darum, vernunftfähige und fromme Kinder zu erziehen, die als Erwachsene dank ihrer Erziehung und ihrer Urteilsfähigkeit an der Verbesserung der Welt teilnehmen können. Aber auch nach der Aufklärung blieb die Robinsonade in der Literatur, und insbesondere in der Kinderliteratur bestehen.
C. Die berühmtesten Robinsonaden im 19. Jahrhundert: das Werk Jules Vernes in Frankreich
Im 19. Jahrhundert blieb die Robinsonade ein beliebtes Thema der Kinderliteratur. Nach der Robinsonade des Individuums entstand die Robinsonade der Gemeinschaft 7 : das heißt, dass nicht nur ein Individuum sich um sein Überleben kämpfend allein auf
3 Dieser Punkt wird im zweiten Teil dieser Arbeit gründlicher untersucht, als die Frage der Erziehung in den
Robinsonaden behandelt wird.
4 Bei Defoe ist die Familie Crusoe deutscher Herkunft.
5 Johachim Heinrich Campe, Robinson der Jüngere, Stuttgart, Reclam, 2000, S 9. Hier widerspricht er der
Behauptung Rousseaus, dass die von Defoe erfundene Figur nur seine Vernunft gebraucht: In der Tat hat Robinson
Crusoe viele Lebensmittel und Werkzeuge, die er aus dem Wrack gerettet hat. Durch den jüngeren Robinson zeigt
der Autor alle Möglichkeiten der menschlichen Vernunft.
6 Das Buch erschien nämlich 1779 unter dem Titel: Robinson der Jüngere. Lesebuch für Kinder.
7 Yveline Beaup, Robinsonnades de Defoe à Tournier, Paris, GF Flammarion, 2001, S 9.
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einer Insel befindet, sondern eine ganze Gruppe von Menschen. Der erste große Erfolg dieser Gattung wurde der 1812 veröffentlichte Schweizerische Robinson von J.D. Wyss (1743-1818), der in gleicher Weise wie Defoes Werk zum Modell wurde. Es handelt sich um eine schweizerische Familie, die bei der Fahrt nach Australien Schiffbruch erleidet 8 , und die auf einer Insel überlebt.
Dieses Werk und das von Defoe waren die Kinderlektüren des berühmten französischen Autors Jules Verne (1828-1905), dessen Werk noch heute weltweit bekannt ist. Die Robinsonade wurde eines seiner Lieblingsthemen, und er schrieb mehrere Robinsonaden in verschiedenen Stilen. Er gestand in seinen Erinnerungen, dass er sich trotz der philosophischen Wirkung von Robinson Crusoe viel mehr von den Abenteuern der schweizerischen Familie inspirieren ließ, weil die Anwesenheit mehrerer Figuren auf einem isolierten Land eine spannendere Handlung ermöglichte 9 . Die verschiedenen in dieser Arbeit untersuchten Werke Jules Vernes wurden aufgrund ihrer Popularität und ihrer Vielfältigkeit ausgewählt, und sie ermöglichen, die verschiedenen Behandlungsweisen der Robinsonade zu untersuchen. Sie sind Der Onkel Robinson (L’Oncle Robinson, 1861) Die geheimnisvolle Insel (L’Ile mystérieuse, 1874-1875), Die Schule der Robinsons (L’Ecole des Robinsons, 1882).
Das erste Werk, Der Onkel Robinson, ist unvollendet geblieben, weil es von Vernes Verleger Hetzel abgelehnt wurde, und es war vom Schweizerischen Robinson stark inspiriert. In diesem Buch werden die Frau und die vier Kinder des amerikanischen Ingenieurs Harry Clifton bei einer Schifffahrt nach Amerika nach einer Meuterei auf einer Pazifik-Insel ausgesetzt, wo der Matrose Flip ihnen folgt, um ihnen beim Überleben zu helfen. Sie haben nichts, keine Werkzeuge oder Essen, außer Flips Messer. Dank Flips gesundem Menschenverstand und der Ankunft auf der Insel von Harry Clifton, der den Meuterern auf dem Schiff entflohen ist, verbessert sich das Leben der kleinen Gemeinschaft. Die Kinder genießen diese Situation, die sie an die Abenteuer des Schweizerischen Robinsons erinnert, und zärtlich nennen sie Flip den „Onkel Robinson”: die Intertextualität dient hier dazu, die Schwierigkeiten der anwesenden Figuren zu unterstreichen, und den Leser an die Inspirationsquelle des Autors zu erinnern. Die Handlung bricht bei der Entdeckung einer Schrotkugel im Fleisch ab, was das Zeichen einer anderen menschlichen Präsenz ist.
8 Die Handlung des Schweizerischen Robinsons wird hier stark vereinfacht. Sie wird als Modell für die folgenden
Werke erwähnt, aber wird nicht gründlich untersucht.
9 Von Christian Robin zitiert im Nachwort von: Jules Verne, L’Oncle Robinson, Paris, Le Livre de poche, 2005, S
279
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Arbeit zitieren:
Eva Avrillon, 2010, Die Robinsonaden im 18. und 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag GmbH
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