Vorwort
Der hier übersetzte Teil des Werkes „Gespräch zwischen einem aus der Stadt und einem vom Land“, Tôhi mondô ( ¥ e Å) von Ishida Baigan (¼ ã K X) ist ein weiteres Puzzlestück in dem gewaltigen Bild der Geisteslandschaft der Tokugawa-Zeit. Ishida Baigan gilt als Begründer der „Herzensschule“ (° Û); eine Bewegung, welche (neo)konfuzianisches Gedankengut mit Ideen des Zen-Buddhismus zusammenführt. Darüber hinaus wird er oftmals auch als Vorreiter des japanischen „Merkantilismus“ angeführt. Wie auch bei den meisten meiner anderen Übersetzungen soll der Text für sich selbst sprechen; weitergehende Informationen finden sich in den gängigen Werken zur Geistesgeschichte der Tokugawa-Zeit.
München, Juli 2010
Tohi-mondô: Übersetzung (I. Teil)
1.
Wenn ich das „Buch der Wandlungen“ (Æ ) sehe, denke ich daran: „Groß führwahr ist die Erhabenheit des Schöpferischen, der alle Dinge ihren Anfang verdanken und die den ganzen Himmel durchdringt. Die Wolken gehen und der Regen kommt, und alle einzelnen Wesen strömen in ihre Gestalt ein. Der Weg des Schöpferischen wirkt durch Veränderung und Umgestaltung, dass jedes Ding seine rechte Natur und Bestimmung erhält.“ 1 Die Bedeutung davon ist: „Der Weg des Himmels ist groß und erhaben. Alle Dinge werden durch die Eine Kraft (M ¼) des anfänglichen Himmels ins Leben gerufen. Der Weg des Himmels (³ () durchdringt und erfüllt alles. Die Wirkkraft (¼) kann sich verdichten und in Form von Wolken am Himmel entlang ziehen, und sie kann als wohltätiger Regen auf Berge und Felder fallen. Auf diese Weise erreicht sie alle Dinge, große und kleine, und verhilft ihnen zu ihrer Gestalt; die vom Himmel empfangene, natürliche Beschaffenheit (Õ è) wird so zur Vollendung geführt.“ Die Freuden, welche einem der Himmel zuteil werden lässt, muss man wahrlich „tiefgründig“ nennen. Denn es geht wohl nichts darüber hinaus, noch kann ihnen etwas hinzugefügt werden.
2.
Es ergab sich einmal, dass ein Besucher aus der Heimat zugegen war. Er sprach folgendes: „Ich mache mich nun wieder auf den Weg nach Hause, nachdem ich einige Zeit bei meinen Verwandten war. Doch traf ich einen Gelehrten und sprach mit ihm, und dabei kam das Gespräch auf Sie. Da kam in mir der Wunsch auf, Sie einmal kurz zu besuchen. Den Gerüchten im Dorf zufolge halten sie Unterricht zu einem Buch namens „Das Kleine Lernen“ (< Û); 2 und es heißt, dass sich mehr und mehr Schüler mit Freuden dazu einfinden. Dabei
1 Die hier leicht verkürzt zitierte Stelle gehört zur „Überlieferung des Urteils“ (Tuanzhuan) des ersten Zeichens des Yijing, dem Hexagramm des „Schöpferischen“. Das Urteil selbst lautet: „Das Schöpferische wirkt erhabenes Gelingen, fördernd durch Beharrlichkeit.“ Die fehlenden Passagen in der Überlieferung des Urteils lauten: „Groß führwahr ... in ihre Gestalt ein. Indem der heilige Mensch große Klarheit hat über Ende und Anfang und die Art, wie die sechs Stufen jede zu ihrer Zeit sich vollenden, fährt er auf ihnen wie auf sechs Drachen gen Himmel. Der Weg des Schöpferischen ... seine rechte Bestimmung erhält und in dauernde Übereinstimmung mit der großen Harmonie kommt: das ist das Fördernde und Beharrliche. Wenn er sich mit seinem Haupt über die Menge der Wesen erhebt, so kommen alle Lande zusammen in Ruhe.“ (Übersetzung von Wilhelm, I Ging).
2 Es handelt sich um ein Zhu Xi zugeschriebenes Buch, welches aber wohl von seinem Schüler Liu Zi-cheng verfasst wurde. Es behandelt die Bildung der Persönlichkeit sowie dao und de im täglichen Leben.
erhob jener Gelehrte den Vorwurf, dass Ishida ein Häretiker ( M ) sei und man ihn keinen Konfuzianer (H ) nennen könne. Auf meine Frage, was denn Häresie sei, sagte er dass es sich dabei um Lehren handle, welche nicht mit dem Weg der Heiligen übereinstimmten. Der Vortragende würde vielmehr seine eigenen Ansichten verkünden und die Einfältigen verführen. Er tue so, als ob er viel von der menschlichen Natur (ö) und vom menschlichen Bewusstsein (°) verstehe. Mit äußerster Anmaßung diskutiert er und führt die Menschen auf Abwege. Denn die alten Heiligen und Weisen wussten zwar um die menschliche Natur, doch wurde dieses Wissen von den Menschen späterer Generationen nur selten erreicht.“
3.
Als ich hörte, dass ich wie ein Räuber oder Bandit die Menschen verschleppen solle, was ja ein schweres Verbrechen ist, musste ich ob dieser Anschuldigungen unentwegt denken, wie lächerlich so etwas doch war, und was ich darauf erwidern könne. Da sagte der Besucher aus der Heimat zu mir gewandt: „Wenn ich nun in unsere Heimat zurückkehre, könnte ich zumindest versuchen, die Menschen davon zu überzeugen dass Ihr keine Leute verführt. Was sind denn Eure werten Gedanken?“
4. Ich antwortete ihm:
„Ihr seid wahrlich über alle Maßen freundlich. Daher werde ich euch gerne darlegen, wie ich zur Schule der Herzens-Lehre (°Û ÔMJ) gelangte, und was ihre Ansichten sind.“ Also erläuterte ich ihm folgendes:
5.
Bei Menzius heißt es: „Mit den Menschen ist es so: wenn sie genügend Nahrung, warme Kleidung und behagliche Wohnung haben, aber keine Erziehung, so werden sie wie die Tiere. Das tat den Heiligen leid, und sie ernannten den Xie zum Lehrmeister. Er unterwies das Volk in den Verpflichtungen der Menschen, dass zwischen Vater und Sohn die Liebe sei, zwischen Herr und Vasall die Rechtschaffenheit, zwischen Mann und Frau der Unterschied (der Gebiete der Tätigkeit), zwischen Alt und Jung der Abstand, zwischen Freund und Freund die Aufrichtigkeit.“ 3 Sich diesen fünf Hauptforderungen ernsthaft und aufrichtig zu widmen, wird
3 Menzius, Buch Tong Wen Gung. Siehe auch Wilhelm, Mong Dsi - Die Lehrgespräche des Meisters Meng K´o; S.96. In der Übersetzung von Wilhelm fehlt die im Text von Ishida zitierte Beziehung zwischen Herr und Vasall.
„Stärke im Lernen“ genannt. Alles, was in den Lehren der Alten noch darüber hinausgeht, ist doch schon hierin angelegt.
6.
In den „Diskursen“ (= ) heißt es im „Kapitel vom Lernen“: „Das Wichtigste ist es, sich um die Grundlage zu bemühen.“ 4 Die Basis der menschlichen Beziehungen stammt vom Himmel; und so kommt das „gute Herz“ ( °) von Menschlichkeit (Ë), Rechtschaffenheit (O), Sittlichkeit (E) und Weisheit () zustande. 5
7.
Bei Menzius heißt es: „Der Weg des Lernens besteht in nichts anderem, als das verlorengegangene Herz zu suchen.“ 6 Nachdem man dieses Herz wieder hat, erkennt man das Handeln der Weisen und nimmt ihre Vorschriften an. Es war Yao, welcher den Weg der Weisen erschöpfend dargestellt hat. Der Weg der kindlichen Ehrfurcht wurde von Shun erschöpfend dargestellt. 7 Den Weg des Vasallen hat Zhougong vollständig aufgezeigt. 8 Der Weg des Lernens schließlich wurde von dem großen Weisen Konfuzius restlos dargestellt. All dies hat seinen Grund darin, dass in der menschlichen Natur Oben und Unten, Himmel und Erde einander entsprechen. Die Weisen sind die Vollender der menschlichen Beziehungen. Der Edle sieht diese Spuren vollendeter Tugend und nimmt sie sich zum Gesetz. Er studiert die fünf Wege menschlicher Beziehungen (¬ o), erkennt die ihm vom Himmel zugedachte
4 Lunyü, I.2.: „Dem Edlen geht es stets vor allem darum, dem Leben einen festen Grund zu geben. Ist der Grund gefestigt, eröffnet sich der rechte Weg. Ehrfurcht gegenüber den Eltern und Achtung gegenüber den älteren Brüdern - das sind die Wurzeln der Menschlichkeit.“
5 Ein Begriff von Menzius, Kapitel Gau Dsi (siehe Wilhelm, S.160-170)
6 Menzius, Gao-zi: „Menschenliebe ist die natürliche Gesinnung des Menschen. Pflicht ist der natürliche Weg des Menschen. Wie traurig ist es, wenn einer seinen Weg verlässt und nicht darauf wandelt, wenn einer sein Herz verloren gehen lässt und nicht weiß, wie er es wieder finden kann! Wenn einem ein Huhn oder ein Hund verloren geht, so weiß er, wie er sie wieder finden kann; aber sein Herz geht im verloren, und er weiß nicht, wie suchen. Die Bildung dient uns zu nichts anderem als nur dazu, unser verloren gegangenes Herz zu suchen.“ (Wilhelm, Mong Dsi; S.168)
7 Yao und Shun sind zwei der fünf mythischen Urkaiser (¬ ), die als Vorbilder konfuzianischen Lebens gelten und denen zahlreiche kulturelle Erfindungen und Entwicklungen zugeschrieben werden.
8 Zhougong, der Herzog von Zhou, war der Onkel des Königs von Cheng, welcher auf die Könige Wen und Wu folgte. Als es zu einem erneutem Aufflackern von Unruhen der Anhänger des besiegten Hauses Yin unter Wugeng kam, war es Zhougong der den Kampf der Zhou führte und die Yin endgültig schlug.
Aufgabe und strengt seine Kräfte an. Auf diese Weise „gestaltet er sein Selbst, regelt er die Familie, ordnet er das Land und befriedet die ganze Welt“. 9
8.
Bei Menzius heißt es: „Wenn man den Geboten der alten Könige folgt, gibt es keine Verfehlungen.“ Und weiter: „Alles unter dem Himmel hat sein eigenes Wesen (ö). Wenn man diesem Wesen folgt, gelangt man zur Wurzel.“ Dieses „Wesen“ ist allen Dingen -Menschen, Tieren und Pflanzen - von Geburt an als ein vom Himmel stammendes Prinzip (.) zu eigen. Das Grün der Kiefer und die Früchte des Kirschbaums, dass was Flügel hat sich in die Luft erhebt und was Schuppen hat ins tiefe Wasser abtaucht und ebenso die Abfolge der Tage in Sonne und Mond: all dies ist ein Prinzip. Betrachtet man den Verlauf der früheren Jahre, weiß man um die jetzige Zeit; betrachtet man die vergangenen Tage, weiß man um die Gegenwart. Das bedeutet, die Gründe zu sehen und das Wesen aller Dinge unter dem Himmel zu verstehen. Das Wesen verstehen bedeutet, in der Mitte der Fünf Ewigwährenden (¬ ), d.h. der fünf Wege menschlicher Beziehungen, zu weilen. 10 In der Schrift „Maß und Mitte“ (p ä) heißt es: „Was der Himmel dem Menschen bestimmt hat, ist sein Wesen. Was dieses Wesen zum Rechten leitet, ist der Weg.“ 11 Wenn man das Wesen nicht kennt, kann man ihm auch nicht folgen. Das Wesen zu erkennen ist daher die dringlichste Angelegenheit des Lernens.
9 Ein Satz aus dem „Großen Lernen“ (± Û). Darin wird beschrieben, wie der Weise in immer tieferen Schichten zunächst sich selbst erkennt, um dann wieder nach außen zu wirken: „Die Alten, die diese Kräfte im ganzen Reich klären wollten, regelten zuerst ihren Staat; um den Staat zu regeln, ordneten sie die Familie; um die Familie zu ordnen, arbeiteten sie an ihrem inneren Selbst; um ihr inneres Selbst zu bilden, läuterten sie ihr Herz; um ihr Herz zu läutern, machten sie ihre Gedanken wahr; um zur Wahrheit der Gedanken zu gelangen, brachten sie ihre Erkenntnis aufs Höchste. Die Höchste Erkenntnis bestand im Wissen um die Dinge. Hatten sie Wissen um die Dinge, war die Erkenntnis am Höchsten; war die Erkenntnis am Höchsten, wahren die Gedanken wahr; wahren die Gedanken wahr, wurde das Herz aufrecht; war das Herz aufrecht, wurde das Selbst ausgebildet, war das Selbst ausgebildet, wurde die Familie geordnet; war die Familie geordnet, wurde der Staat geregelt; war der Staat geregelt, gab es Frieden unter dem ganzen Himmel.“
10 Die „Fünf Ewigwährenden“ sind eine andere Bezeichnung für die fünf konfuzianischen „Haupttugenden“, d.i. Menschlichkeit/Güte, Rechtschaffenheit, Sittlichkeit, Wissen/Weisheit und Aufrichtigkeit. Sie sind seit Menzius ein wesentliches Thema des konfuzianischen Denkens. Siehe auch die beiden Abhandlungen „Die Fünf Ewigwährenden“ (Gojôkun) von Kaibara Ekken und „Schlüssel des Wegs“ (Gakumon kanken) von Itô Togai (Übersetzungen durch den Autor).
11 Die kurze Abhandlung „Maß und Mitte“ bildet mit dem „Großen Lernen“, den „Diskursen“ des Konfuzius und dem Werk des Menzius die sogenannten „Vier Schriften“.
9.
Was mich betrifft, so erzähle ich nichts seltsames oder davon abweichendes. Yao, Shun und die allen Dingen innewohnende Gesetzlichkeit zu berücksichtigen bedeutet nur, dem Wesen zu folgen. Darum sage ich, dass das Herz zu erkennen am Anfang allen Lernens steht. Denn wenn man die Weisungen von Herz und Wesen außer acht lässt, dann kann man keine äußere Meisterschaft des Lernens erlangen; denn alles kommt aus dem Herzen. Das Herz ist der Herrscher des Körpers/des Selbst (). Ein Mensch ohne Herz ist wie tot, oder wie ein Tier. Wie kann man Unterweisungen, welche einen diesen Herrscher erkennen lassen, als Häresie bezeichnen?“
10. Der andere antwortete:
„Das war noch nicht alles, was jener Gelehrte gegen Euch erhoben hatte. Er erzählte außerdem von einem Zen-Mönch. Dieser sagte, dass er seit nunmehr fünfzehn Jahren danach trachte, die Selbst-Natur zu schauen (bö), und dazu Sitzmeditation praktiziere; doch bis heute sei es ihm noch nicht gelungen. 12 Wenn man es aber erreiche, dann müsse man vor Freude wohl in die Luft springen. Wenn jetzt aber jemand kommt und erzählt, das Herz sei leicht zu verstehen, dann müsse dieser jemand wohl ein Blender sein. Das aber ist es doch, was Ihr behauptet. Ihr sagt, dass keine besonderen Anstrengungen nötig sind; es reiche, dem natürlichen Lauf der Dinge zu folgen. Auf diese Weise versammelt ihr Tag für Tag mehr Menschen um euch, die nun ihre Zeit verschwenden. Auch sagt ihr, dass ihr die Gründe (d.i. Ursachen und Wirkungen) sehen könnt (vgl. §8). Doch sagte dieser Zen-Mönch, dass es ihm selbst nach fünfzehn Jahren noch nicht gelungen sei, das Wesen zu schauen. Wie kann jemand wir Ihr, der ohne Bildung ist, behaupten solches Wissen zu haben? Derart waren die Zweifel dieses Gelehrten; würdet Ihr dazu etwas sagen?“
12 Die „Schau der Selbst-Natur“ (kenshô) ist ein zentrales Anliegen des Zen-Buddhismus und Teil seines in vier Leitsätzen zum Ausdruck gebrachten Selbstverständnisse, nämlich (1) „eine besondere Lehre außerhalb der orthodoxen Überlieferung zu sein“ (kyôge-betsuden), (2) „Unabhängigkeit von den Schriften“ (furyû-monji), (3) direkt auf den Geist des Menschen zu verweisen (jikishin-ninshin) und (4) „Buddhawerdung durch Einsicht in die Selbst-Natur zu erlangen“ (kenshô-jôbutsu).
II. Teil
1. Ich antwortete:
„Dass dieser Mönch noch nicht weit fortgeschritten ist, steht außer Frage. Sein Denken richtet sich nur darauf, wie das Mysterium () zu erkennen sei. Als Sakyamuni bei Tagesanbruch den Morgenstern erblickte, erlangte er die große Erleuchtung (E). Als jedoch Ling Yun aus China die Pfirsichblüten sah, erlangte er dadurch keine Erleuchtung. Nach der Erleuchtung sieht man den Mond als Stern; aber wie könnte man einen Pfirsichbaum wie einen Kirschbaum ansehen, solange man noch nicht erleuchtet ist? Ist es darum etwas Bedeutendes, wenn man ohne lebendige Erfahrung ist und das Herz noch nicht im Stand der Aufrichtigkeit steht; fünfzehn Jahre lang seinen Geist und seine Energie zu vergeuden? Zudem nennt ihr mich ungebildet, was zeigt dass ihr selber den Schriften fern steht.“
2.
Der Mann aus meinen Dorf antwortete: „So ist es .“ Ich sprach weiter:
„Ich habe gehört, dass der sechste Patriarch kein einziges Schriftzeichen gelernt hatte. Dennoch ist es nach Bodhidharma vor allem der Stärke des sechsten Patriarchen zu verdanken, dass die Zen-Lehre bis heute lebendig geblieben ist. 13 Doch das ist natürlich die Sicht der Zen-Schule. Aber in unserer eigenen, konfuzianischen Tradition finden sich folgende Worte von Zi Xia: 14 ´Verehrt man aufrichtig die Weisen, wird sich das begehrliche Herz verwandeln. Das bedeutet nicht nur, das Gute zu lieben, sondern auch Wahrhaftigkeit; auf diese Weise dient man auch den Eltern. Man mühe sich redlich, dadurch dient man seinem Fürsten. Man kümmere sich sorgfältig um seinen Körper/seine Persönlichkeit, dadurch
13 Bodhidharma (Daruma, Tamo) ist der legendäre Begründer des Zen-Buddhismus in China. Er lebte im 5./6.Jh. und gilt der Zen-Tradition zufolge als 28. Patriarch des Zen in Indien, von wo aus er nach China ging. Um sein Leben und sein Wirken (insbesondere auch sein Beziehung zum Shaolin-Kloster und den Kampfkünsten) ranken sich viele Legenden. Der sechste Patriarch, Hui-neng (638-713), ist eine zentrale Figur in der Genese des chinesischen Chan-Buddhismus, als deren eigentlicher Begründer er gilt. Von ihm stammt eine der wenigen chinesische Schriften, welche in den Rang eines Sutra erhoben wurde, das „Sutra vom Hohen Sitz des Dharma-Schatzes“ (Übersetzung in Muralt, Meditationssutras des Mahayana-Buddhismus, Bd.3)
14 Ein Schüler des Konfuzius, der nach traditioneller Auffassung von 507-420 (v.u.Z.) lebte. Er soll sich v.a. durch seine Bildung und literarischen Fähigkeiten ausgezeichnet und die Lehre des Meisters niedergeschrieben haben. Zu seinen Ansichten siehe v.a. Lunyü, Kap.19
bewahrt man die Basis für die Freundschaft. Die Rede sei wahr. Auch wenn man kein Gelehrter sein mag, so würde ich so jemanden doch unbedingt einen Gelehrten nennen.´
3.
Der Weg der Heiligen kommt vom Herzen. Auch ohne Bildung kann man den Eltern gegenüber ehrerbietig, dem Fürsten gegenüber treu und dem Freund gegenüber beständig sein. Obwohl sie kein einziges Schriftzeichen kannten, waren Fu Xi und Shen Nong doch Heilige. 15 Wenn jemand sein Herz erforscht und die fünf Wege einhält, dann will ich ihn einen echten Gelehrten nennen, mag er auch kein einziges Schriftzeichen beherrschen.
4.
Außerdem: Obwohl der Gebildete, bei dem Inneres und Äußeres übereinstimmen (e ) o o), ein Edler genannt wird, so ist dies für die gewöhnlichen Menschen doch nur schwer zu erreichen. 16 Und es gibt viele Menschen, die durch ihren Lebenserwerb kaum Zeit haben und deren Gedächtnis schlecht ist. Daher heißt es beim Meister [Konfuzius]: ´Zuerst kommt das Handeln; wenn man dann noch Kräfte übrig hat, widme man sich der Bildung.´ Man muss wissen, dass der Weg der Weisen das Handeln zur Grundlage hat; das Studieren bildet (nur) die Zweige und Blätter.“ 17
5. Mein Besucher sprach:
„Was Ihr über die Bildung als Späteres gesagt habt, ist einleuchtend. Dennoch sagte jener Gelehrte: ´In einem Wort ausgedrückt, geht es um die Bildung des Selbst ( ). Wie kann dann jemand wie Ihr, der die Schriften nicht kennt, behaupten etwas über den Weg der Weisen zu wissen? Ist das nicht wie vulgäres Geflüster, welches erst gar nicht in die Ohren gelangen sollte?´ Und das ist nicht nur die Meinung dieses Gelehrten, sondern auch vieler
15 Fu Xi und Shen Nong sind die beiden ersten der „Drei Erhabenen“ (U Ú), mythologischen Kulturheroen, welche nach traditioneller Auffassung etwa zwischen 2900 und 2600 v.u.Z. gelebt haben sollen und als Vermittler einer Vielzahl zivilisatorischer Fortschritte gelten (Jagd, Winkelmaß, Seidenraupenzucht, Fischnetz, Ackerbau, Pflug, Arznei etc.).
16 Lunyü, VI.18: „Konfuzius sprach: Siegt die Natur über die Bildung, dann ist man unkultiviert. Siegt die Bildung über die Natur, dann ist man ein Schreiberling. Nur wenn Bildung und Natur ausgeglichen sind, ist man ein Edler.“
17 Daxue („Das große Lernen“): „Die Dinge haben Wurzeln und Verzweigungen, die Aufgaben haben Ende und Anfang. Zu wissen, was früher und was später kommt bedeutet, sich dem Weg zu nähern.“ (Vgl. Fn.9)
gewöhnlicher Leute. Darum glauben sie auch, dass es falsch ist was Ihr zu diesen Dingen sagt. Ohne Bildung kann es kein Wissen (um den Weg der Weisen) geben. Egal was Ihr sagt, dieser Punkt bleibt fraglich. Wie aber könntet Ihr also eine Lehre verkünden, welche von derjenigen der Gelehrten dieser Welt abweicht?“
6. Ich antwortete:
„Es handelt sich gar nicht um eine andere Lehre. Ich werde etwas zu den fraglichen Punkten sagen. Obwohl ich keinem bestimmten Lehrer folge, bin ich doch lange Zeit im Land herumgereist und habe viele Lehren vernommen. Dabei habe ich mich redlich bemüht, offen und unwissend zu sein; doch konnte ich unter all den Lehren nichts finden, was mir als das Wesentliche erschien. Ich wollte schon verzweifeln, als ich schließlich einen zurückgezogen lebenden Gelehrten fand. Mit ihm führte ich lange Gespräche, bis wir bei der Natur des Herz-Geistes anlangten; und auch hier konnte er mich mit wenigen Worten zum Verstehen leiten, indem er sagte:
7.
´Ihr meint wohl, bereits den Herz-Geist zu kennen; doch habt Ihr ihn noch nicht wirklich verstanden. Auch besteht zwischen Eurem Lernen und dem wahren Lernen ein himmelweiter Unterschied. Ohne den Herz-Geist verstanden zu haben sich dennoch mit den Schriften der Heiligen und Weisen zu beschäftigen mag zunächst nicht problematisch erscheinen, wächst sich aber zu einem Fehler von tausend Meilen aus.´
Ich verstand jedoch nicht, was er damit meinte, und trotz langer Diskussionen gelang es mir nicht, den Sinn seiner Rede zu erfassen. Schließlich sprach er zu mir:
8.
´Mir geht es darum, die Menschen mit Hilfe der fünf Beziehungen und der fünf Ewigwährenden folgendermaßen zu belehren: Das, was dao genannt wird, heißt auch Bewusstsein des Weges (( °) und meint den Herz-Geist. Konfuzius hat gesagt, man solle das Alte kennen und sich um das Neue bemühen; so jemand mag man einen Lehrer nennen. 18 Das Alte lernt man durch den Lehrer, das Neue bringt man sich selbst zur Klarheit. Wenn man zur aus sich selbst stammenden Klarheit gelangt ist, hat man zugleich das Lernen vollendet. So ein Lehrer scheint, als ob er vom Herz-Geist nichts wüsste, und sich selbst und andere auf
18 Lunyü, II.11
Abwege führt. Der Herz-Geist ist der Herrscher des Selbst [vgl. I.9]. Wenn man aber den Herrscher des Selbst nicht kennt, dann ist man wie der Wind, der ohne feste Bleibe mal hierhin und mal dorthin weht. Wenn man nun selbst kein Bleibe hat, aber dennoch anderen helfen möchte, dann ist dies zweifelhaft.´
So also sprach dieser alte Gelehrte zu mir, und seine Überzeugung war von solcher Wucht, wie wenn man mit einem Stein auf ein Ei schlägt. 19 Mir selbst jedoch war nicht einmal die Hälfte dessen was er sagte klar.
9.
An dieser Stelle wurde ich zutiefst bestürzt, und es stiegen Zweifel in mir auf. Aber wenn etwas wirklich erlangt worden ist, dann kann es keine Zweifel geben. Also bedeuteten meine Zweifel, dass ich noch nicht wirklich klar sah. Von da an sollten für eineinhalb Jahre keine anderen Dinge mehr meinen Geist beschäftigen; von morgens bis abends dachte ich nur hierüber nach und gelangte an meine körperlichen und geistigen Grenzen.
10.
Dann wurde meine liebe Mutter krank, und ich blieb zwanzig Tage bei ihr um sie zu pflegen. Bei dieser Gelegenheit geschah es ganz plötzlich, dass meine Zweifel sich klärten, so schnell wie Rauch durch Wind zerstreut wird. Der Weg von Yao und Shun besteht einfach nur in kindlicher Achtung und geschwisterlichem Verhalten. Die Fische tauchen ins Meer hinab, die Vögel fliegen zum Himmel auf. (Sie tun dies, weil es in ihrer Natur liegt.) So heißt es im „Buch der Lieder“ (ê ): ´Der Falke fliegt hoch zum Himmel, die Fische tauchen tief zum Grund.´ Der Weg kennt Oben und Unten. (Diese beiden sind Falken und Fischen bestimmt.) 20 Wie kann es da noch Zweifel geben? Der Mensch hat kindliche Achtung, geschwisterliches Verhalten, Treue und Rechtschaffenheit; darüber hinaus braucht er nichts weiter. Damit werden die Zweifel von zwanzig Jahren ausgeräumt. Dies nenne ich wirkliche Bildung; dies ist die eigentliche Übung.“
19 Vgl. Sunzi, V.4: „Der Vorstoß eines Heeres muss so sein, als ob man mit einem Stein auf ein Ei schlägt: Das ist die Fülle und die Leere.“ Das Shinjigen gibt als locus classicus für dieses Bild eine Stelle aus dem Xunzi an.
20 Das „Buch der Lieder“ zählt zu den „Fünf Klassikern“, gemeinsam mit dem „Buch der Wandlungen“ (Yijing), dem „Buch der Urkunden“ (Shujing), dem „Buch der Riten“ (Liji) sowie den „Frühlings- und Herbstannalen“ (Chunqiu). Übersetzung von Victor von Strauss; Schi-King - Das kanonische Liederbuch der Chinesen; Heidelberg 1880 (Nachdruck Wissenschaftliche Buchgesellschaft; Darmstadt 1969)
11. Daraufhin fragte mein Gast: „Was bedeutet das genau?“ Ich antwortete:
„Was ich zu dieser Zeit erlangte, ist mit Worten schwer auszudrücken. Darum will ich versuchen, es anhand eines Beispiels zu verdeutlichen. Wenn die Menschen Dokumente und Siegel gebrauchen, dann sehen sie wohl noch den Behälter, aber nicht mehr den Inhalt; denn von außen kann man das Innere nicht beurteilen. Auch wenn man heute, morgen und an allen folgenden Tagen danach sucht, kann man es [das wahre Verständnis] so nicht finden. In der Folge kommen Zweifel auf, ob es denn überhaupt jemand erlangen kann, ob all die Beweisdokumente nicht einfach Makulatur sind, die man wegschmeißen sollte und ob man nicht einfach aufhören sollte, sich damit zu beschäftigen. So kommt es zu allerlei Zweifeln. Weil man nichts gefunden hat, meint man schließlich, dass es gar kein Richtig oder Falsch gäbe; aber wenn man dann bei einer anderen Sache vom Weg abkommt, erinnert man sich wieder daran. Doch ein solches Erinnern ist noch nicht die echte Bildung. Es führt aber dazu, dass die früheren Zweifel sich klären. Mit dem Verstehen des Herzen ist es, wie wenn die Dunkelheit der Nacht plötzlich verschwindet und der ganze Himmel klar erleuchtet ist.“
12. Mein Gast sagte:
„Wenn man also das Herz verstanden hat, ist man unmittelbar ein Weiser?“ Ich antwortete ihm:
„Nein. Ohne dass man auch danach handelt, ist man kein Weiser. Das Wissen um das Herz ist das eine, Tatkraft und Erfolg sind das andere. Die Heiligen und Weisen haben Tatkraft und Erfolg. Das ist damit gemeint, wenn es in der Schrift „Maß und Mitte“ [vgl. Fn.11] heißt: ´Friedvolles Handeln ist den Heiligen zu eigen; erfolgreiches Handeln ist den Weisen zu eigen.´ Ohne Kraft hat man keinen Erfolg. Dies ist nicht durch reines Studium zu erreichen. Wenn man also zwar das Herz kennt, aber nicht entsprechend handelt, dann ist das ein Problem. Wenn man aber dieses Problem durch entsprechendes Handeln bezwingt, dann wird man in Kraft und Erfolg den Heiligen und Weisen gleich.“
13. Sprach mein Gast:
„Wie geht es, dass man den WEG sowohl als etwas Erfreuliches, als auch als etwas Schmerzhaftes kennen lernt?“ Ich antwortete ihm:
„Es ist wie mit zwei Sänftenträgern, von denen der eine kräftig und der andere schwach ist. Der Starke hat keine Schmerzen, der Schwache leidet. Trotz der Schmerzen jedoch trägt er die Sänfte, und so (d.h. weil er etwas Geld verdient) muss er nicht hungern. Würde er die Sänfte nicht tragen, würde er ein Bettler am Straßenrand werden. Mit dem Handeln nach dem WEG ist es ebenso. Ich bin wie der schwache Sänftenträger. Auch wenn es schmerzt, richte ich mich in meinem Handeln doch danach; und so falle ich nicht in Unredlichkeit. Auf diese Weise wird mein Herz ruhig. Und dann gibt es Menschen, die ihr Herz nicht kennen, ständig leiden und nur an den Worten hängen. Weil sie darüber hinaus sich dieser Schande nicht bewusst sind, bringen sie auch keinen Willen zum Lernen auf.“
III. Teil
1. Mein Gast sagte:
„Das Verhalten von dem ihr sprecht ist wahrlich durch und durch rechtschaffen, sittlich und würdevoll. Aber für einfache Bauern wie mich scheint ein solches Leben nicht möglich. Es ist, wie jener Gelehrte gesagt hat: Der WEG ist für Ungebildete nicht zu erreichen.“ Ich antwortete:
„Nein, so ist es nicht. Was ihr da sagt, findet sich bei Konfuzius, wenn er zu Zi Zhang sagt: ´Der Lehrer ist der Verantwortliche.´ Dabei bedeutet ´Verantwortlicher´ (¢) einen Lehrer, der zwar vom Rechten spricht, aber nicht davon wie es umgesetzt wird. Über das rechte Verhalten kann leicht gesprochen werden. Das rechte Verhalten für einen Bauern ist: Morgens vor Sonnenaufgang auf das Feld zu gehen und am Abend, wenn die Sterne an Himmel stehen, nach Hause zurückzukehren; sich zu bemühen und den Menschen zu nützen, im Frühling das Feld bestellen, im Sommer Unkraut jäten und im Herbst die Ernte einbringen; von allem Getreide auf seinen Feldern geht ihm kein einziges Korn verloren. Darüber hinaus sorgt er dafür, dass seine Eltern genügend Kleidung und Nahrung haben, und dass es ihnen insgesamt gut geht. In all diesen Dingen ist er unermüdlich und ohne Nachlässigkeit; und obwohl es ein beschwerliches Dasein ist, tut er doch nichts Falsches und sein Herz kommt zur Ruhe. Und außerdem: wer eigenwillig ist, nur tut was ihm gefällt und seine Steuern nicht zahlen kann, dessen Leiden nimmt kein Ende. Meine Lehre handelt davon, die Wesensnatur des Herzens zu verstehen, körperliche Mühsal nicht zu scheuen, zu lernen, und so Tag für Tag ein friedliches Leben führen zu können. Wenn man die Natur des Herzens verstanden hat und sich im Handeln danach richtet, dann ist man würdevoll und rechtschaffen; und wenn das Herz zur Ruhe gekommen ist, was könnte es dann noch für Zweifel geben?“
2. Mein Gast fragte:
„Ich glaube ich verstehe, was Ihr mit dem Glück eines Menschen meint, der die Natur des Herzens verstanden hat. Doch könnte man noch fragen wie es kommt, dass es den Anschein hat, als ob Ihr selbst eher dem Müßiggang frönt als tätig zu sein?“ Ich antwortete ihm:
„Auch solche Menschen gibt es. Doch wenn solche Menschen, die bislang nur auf Vergnügen und ihren eigenen Vorteil auswaren, zu mir kommen und weiter nachdenken, dann findet ihre
Schwäche ganz plötzlich ein Ende. Ihr Herz wird ruhig und klar, sie beschäftigen sich mit erlaubten Freuden, sie richten ihre Energie auf Loyalität, kindliche Ehrfurcht und den Lebenserwerb. Zugleich fällt es ihnen schwer, ihr Handeln zu ändern; sie betrügen sich selbst, und weil das Herz des Weges und das menschliche Herz miteinander kämpfen leiden sie. Später scheint es gut [diese Leiden für den rechten Weg durchgemacht zu haben], aber vorläufig sind sie starr und eingeschränkt, weshalb sie nicht vorankommen. Das ist es, was Konfuzius meint, wenn er sagt: ´Schwierigkeiten haben und nicht lernen - das sind die Leute der untersten Stufe.´“ 21
3. Mein Gast fragte:
„Wenn man nun die Natur des Herzens erkannt hat, aber nicht wie Ihr so weit gelangt, sich zu freuen - hat es dann auch einen Nutzen?“ Ich antwortete:
„So jemand denkt zunächst, dass er nicht aufhören kann unredlich zu handeln, und sein Bemühen zeigt keinen Erfolg. Sein menschliches Herz und das Herz des Wegs sind miteinander vermischt, und er kann sie nicht voneinander unterscheiden. Wenn er aber erst einmal vom Weg hört und das Unredliche verachtet, dann hat er in dem Ausmaß in dem er davon weiß auch einen Nutzen. Das Unredliche verachten ist das Gute. Wenn man nicht schnelle Fortschritte macht, liegt es an den eigenen Unzulänglichkeiten. Das ist es auch, was Zengzi und Menzius getan und gelehrt haben, und dadurch auch Fortschritte gemacht haben. 22 So heißt es: „Durch Menschlichkeit bekommt man Vertrauen.“ Und es heißt auch: „Die überströmende Lebenskraft nähren.“ 23
21 Lunyü, XVI.8: „Konfuzius sprach: Von Geburt an Wissen haben - das ist die höchste Stufe. Durch Lernen Wissen erwerben - das ist die nächste Stufe. Große Schwierigkeiten haben und dann trotzdem lernen - das ist die folgende Stufe. Schwierigkeiten haben und nicht lernen - das sind die Leute der untersten Stufe.“
22 Zengzi (Zeng-chen, Zi-yu) ist ein Schüler des Konfuzius, der den „Klassiker der Kindesehrfurcht“ (Xiao-jing) verfasst haben soll.
23 „Der Schüler sprach: ´Darf ich fragen, was mit der flutenden Lebenskraft gemeint ist?´ Mong Dsi sprach: ´Darüber lässt sich schwer reden. Was man unter Lebenskraft versteht, das ist etwas höchst Großes, höchst Starkes. Wird sie durch das Rechte genährt und nicht geschädigt, so bildet sie die Vermittlung zwischen unsichtbarer und sichtbarer Welt.“ (Wilhelm, Mong Dsi - Die Lehrgespräche des Meisters Meng K´o; S.69)
4.
Das bisher Gesagte stellt die Kenntnis der menschlichen Natur an erste Stelle. Wenn man die Natur erkannt hat, ist es leicht, auch entsprechend zu Handeln. Auch Menzius hat gesagt, dass man um die Menschen zu leiten, ihnen zuerst die Kenntnis der menschlichen Natur lehren soll. So heißt es gleich am Anfang: „Die menschliche Natur ist gut.“ 24 Dies ist etwas, was Menzius entdeckt und offengelegt hat, und was von den früheren Weisen noch nicht verkündet worden war. Durch die Erkenntnis kommt man schnell zum Handeln. Wenn man sich zuerst aufs Handeln konzentriert, dann kommt man spät zur Erkenntnis. Darum ist das Erkennen der menschlichen Natur vorrangig.
5.
Auch ich, wenn ich heute eine Lehre aufstelle, richte mich danach. Ohne Ordnung ( ) kann der Weg nicht verbreitet werden. Ich stütze mich auf Menzius, der sagt: „Wenn man das Herz ausschöpft und die menschliche Natur kennt, dann wird der Himmel wie von selbst klar.“ 25 Daran habe ich nicht den geringsten Zweifel, und darauf gründe ich meine Lehre. Wer den Weg der Weisen sehen will, muss unbedingt mit Menzius beginnen - so heißt es auch bei Zhu Xi in seinem Werk „Einleitung und Kommentar in das Werk des Menzius“. 26
6. Mein Gast sagte:
„Ihr als Konfuzianer scheint euch nicht mit Gedichten und Literatur zu beschäftigen. Wenn Ihr nun so von verschiedenen Fürsten eingeladen würdet, wie könnte es da gehen, dass ihr Euch nicht für Gedichte und schöne Literatur interessiert? Wie kann man Konfuzianer sein, wenn man sich nicht mit Literatur auskennt?“
24 Die Lehre des Menzius von der „guten Natur des Menschen“ (ö ) setzte sich gegenüber der seines Konkurrenten Xunzi durch, welcher von einer verderbten menschlichen Natur ausging (ö O ).
25 „Mong Dsi sprach: Wer seinem Herz auf den Grund kommt, der erkennt sein eigentliches Wesen. Erkenntnis dieses eigentlichen Wesens ist Erkenntnis des Himmels. Wer sein Herz bewahrt, der nährt sein eigentliches Wesen und dient dem Himmel. Früher Tod oder langes Leben machen für ihn keinen Unterschied. Er veredelt sein Leben und erwartet, was kommt. Dadurch verwirklicht er das ihm bestimmte Geschick.“ (Wilhelm, Mong Dsi - Die Lehrgespräche des Meisters Meng K´o; S.184)
26 Zhu Xi (1130-1200) gilt als einer, wenn nicht die führende Persönlichkeit des Neokonfuzianismus der Song- Zeit. Siehe z.B. Chan, A Source book in chinese philosophy.
7. Ich antwortete:
„Leute wie ich können keine gehörige Literatur oder eleganten Briefe verfassen. Darum werden wir auch nicht zu Hof geladen. Aber weil wir wissen, dass wir davon nichts verstehen, und weil wir darum auch nicht eingeladen werden, gibt es auch nur wenig Anlass dass wir uns schämen müssten. Ursprünglich waren Konfuzianer mit Staatsangelegenheiten beschäftigt. Auch in den „Diskursen“ finden sich viele Fragen zu den Staatsgeschäften, aber nur wenige die Gedichte und Literatur betreffen. Konfuzius lehrte, die Tugendkraft bestehe in der vollständigen Menschlichkeit; Menzius hat gelehrt, dass es darum geht die Menschlichkeit zu erkennen. Er erklärte, es gehe darum das Herz zu ergründen und die Wesensnatur zu verstehen. Dann wird auch die Literatur als das Spätere [wörtlich: die Zweige und Äste] klar werden. Zu meinen, die Aufgaben eines Konfuzianers bestünden nur in Literatur und Gedichten, wäre eine Voreingenommenheit. Konfuzius sagte: „Nehmen wir an, jemand kann alle dreihundert Stücke des Buchs der Lieder auswendig hersagen. Wird ihm aber eine verantwortungsvolle Aufgabe übertragen, dann versagt er; in diplomatischer Mission ins Ausland entsandt, zeigt er sich unselbständig und hilflos. Ein solcher Mensch hat zwar viel gelernt, aber welchen Nutzen hat es?“ 27 Diese Fähigkeiten kommen allein vom Herzen her. Die dreihundert Lieder zu durchdringen ist Gelehrsamkeit. In Japan ebenso wie in China gibt es aber nur wenige Menschen, welche Wichtiges und Unbedeutendes voneinander unterscheiden können. Ist das nicht bedauerlich? Doch wäre es natürlich auch verkehrt, die Literatur als Helfer auf dem WEG zu verwerfen. Ich selbst habe es zwar bereut, nur wenig Bildung zu haben und mich in den Liedern nicht auszukennen, aber weil ich in einer armen Familie des Volks geboren wurde, hatte ich nur wenig Zeit zum studieren. Erst als ich die vierzig überschritten hatte, richtete ich mein Streben endlich auf den WEG aus, und ich bemühte mich die Literatur zu ergreifen. Ich schäme mich nur für die vielen Fehler, welche ich in meinen Briefen mache. Mögen diejenigen die sie sehen, nachsichtig sein.“
27 Lunyü; XIII.5
Glossar
Bodhidharma: II.2 Daxue (Daigaku, das „Große Lernen“): I.7 Dôshin: II.8; III.2,3 Fu Xi: II.3
gojô (die „fünf Ewiggwährenden“): I.8; II.8 gorin („fünf Wege menschlicher Beziehung“): I.7,8; II.8 hôshin (das „verlorene Herz“): I.7 Hui-neng: II.2
kenshô (die „Schau der Selbst-Natur“): I.10 ki (qi, ch´i; „Wirkkraft, Vitalkraft”): I.1 kokoro („Herz, Herz-Geist, Bewusstsein“): I.2,9 Konfuzius: I.7; II.4,8; III.1 Ling Yun: II.1
Lunyü („Diskurse“ des Konfuzius): I.6; II.4,8; III.2, 7 Menzius: I.5,7,8; III.3,4,5,7 ryôshin (das „gute Herz“): I.6 Sakyamuni: II.1 satori („Erleuchtung“): II.1
sei/shô/xing (Wesen, menschliche Natur): I.8,9; ...; III.4 Shen Nong: II.3
Shijing („Buch der Lieder“): II.10; III.7 Shun: I.7,9; II.10 Xie: I.5
xing (sei/shô; die „Natur der Dinge“): I.2; III.1 Yao: I.7,9; II.10 Yijing („Buch der Wandlungen“): I.1 Zengzi: III.3
Zhongyong („Maß und Mitte“): I.8; II.12 Zhougong: I.7 Zen: I.10; II.2 Zhu Xi: III.5 Zi Xia: II.2 Zi Zhang: III.1
Arbeit zitieren:
Dr. Julian Braun, 2010, Ishida Baigan (1685-1744): „Gespräch zwischen einem aus der Stadt und einem vom Land“ (Tohi-mondô), München, GRIN Verlag GmbH
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