Inhaltsverzeichnis
1. Ernst Jünger: Fachwissenschaftler, Amateurwissenschaftler oder Sammler ? 3
2. Ernst Jünger: Faunistiker und Taxonom. 4
3. Von Linné bis Darwin 6
4. Wissenschaft 8
5. Entomologische Zeitschriften und Bestimmungswerke. 9
6. Die entomologische Karriere 10
7. Motive. 14
8. Fazit 16
9. Bibliographie. 18
9.1 Primärliteratur 18
9.2 Sekundärliteratur. 18
2
Mit dem Seneca - Zitat "res severa est verum gaudium" 1 leitete Ernst Jünger seine Ansprache "Forscher und Liebhaber" vor den Bayerischen Entomologen ein. Das kann sowohl mit "Eine ernste Sache ist ein wahres Vergnügen." als auch "Ein wahres Vergnügen ist eine ernste Sache." übersetzt werden. Während die eine Übersetzung den Standpunkt des Wissenschaftlers wiedergibt, drückt die andere die Auffassung des Liebhabers aus. Diese Seminararbeit untersucht, welche Bedeutung Ernst Jünger seiner entomologischen Tätigkeit beimaß und wodurch sie motiviert wurde.
1. Ernst Jünger: Fachwissenschaftler, Amateurwissenschaftler oder Sammler ?
Wissenschaft wird in erster Linie von Wissenschaftlern betrieben. Eine Feststellung, die der Erwähnung nicht wert wäre, gäbe es nicht auch Menschen, die aus Liebe zum Objekt wissenschaftlich arbeiten, ohne kommerzielle Zwecke zu verfolgen. Getrieben von wissenschaftlichem Interesse pflegen sie ein "libidinöses" Verhältnis zu ihrer "scientia amabilis" 2 .
Ernst Jünger, nach dem 5 Käfer, 2 Schmetterlinge und ein Sporentierchen 3 benannt wurden, schreibt vom Eros, der das Handeln des Entomologen bestimme und von den "Entomophilen" 4 zu denen er sich selbst zählt. So zieht er, in das Liebesspiel zweier Canthariden versunken, den Vergleich: "Da ist das Reich der Gürtel, Schleier, Vorhänge, der Haremsgitter und Balkone, doch auch des kühnen Freiers, den Schloß und Riegel nicht aufhalten. Da ist Casanovas Abenteuer mit der schönen Griechin in der Quarantäne und Maimons Schilderung der orthodoxen Brautnacht, in der das Paar sich durch die Hemdschlitze erkennt." 5 Fraglos gibt es auch hauptberufliche Wissenschaftler, die ihrer Arbeit so lustvoll wie Ernst Jünger nachgehen, doch empfinden Amateure 6 ihre Arbeit schon definitionsgemäß niemals als zwingendes Übel, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Das Verhältnis zwischen Fachwissenschaftlern und Amateurwissenschaftlern beschreibt der Zoologe Illies anlässlich der Verleihung des Preises für hervorragende Leistungen in der Entomofaunistik an Dr. h.c. Adolf Horion wie folgt: "Wir haben uns daran gewöhnt - das haben wir wahrscheinlich von den Musikern übernommen - als Hauptberufliche, als akademisch Gebildete oder irgendwie Diplomierte, ein wenig mit Herablassung auf Amateure und Dilettanten herabzublicken. Wir müssen wieder auf den alten Wortsinn zurückkommen!
1 Zitat aus dem 23. Brief Senecas
2 Anm. d. Verf.: "scientia amabilis" ein von Linné geprägter Begriff für die Botanik
3 Zissler , P.: In der Mannigfaltigkeit die Einheit zu erkennen, S. 138
4 Jünger, E.: Forscher und Liebhaber. S.337
5 Jünger, E.: Subtile Jagden, S. 123
6 Anm. d. Verf.: Amateur franz. für "Liebhaber"
3
Amateur ist der, der mit Liebe bei der Sache ist. Dilettant ist der, der sich delektiert an einer Sache. In diesem Sinn ist Adolf Horion ein Amateur, also jemand, der nie für seine Wissenschaft bezahlt worden ist, sondern sie immer so betrieben hat, wie man eben etwas betreibt, das man aus Liebe tut, aus innerem Ansporn und Engagement." 7
2. Ernst Jünger: Faunistiker und Taxonom
Ernst Jünger verfügte über eine der weltweit größten entomologischen Privatsammlungen und investierte bedeutende Geldbeträge in seine Leidenschaft. Da die wenigsten Amateure über diese finanziellen Mittel und eine fachwissenschaftliche Ausbildung verfügen, beschränkt sich ihr Beschäftigungsgebiet auf die traditionellen Zweige der Wissenschaft. Das Sammeln, Beschreiben und Klassifizieren von Objekten erfordert weniger kostspielige und komplizierte Techniken als das Experimentieren und Analysieren. Im Bereich der Zoologie arbeiten Amateure daher zumeist in der Faunistik und in der Taxonomie. Während die Faunistik die Arbeit im Feld umfasst und den Tierartenbestand eines bestimmten geographischen Gebietes untersucht, fragt die Taxonomie nach den verwandtschaftlichen Beziehungen, d.h. zu welcher Art, Gattung, Familie usw. ein gefundener Organismus gehört und wie er heißen muss. Ernst Jünger arbeitete in beiden Disziplinen.
Zur Bedeutung der Amateure auf diesen Gebieten schreibt Mayr: "Die Bedeutung der Amateure in der Systematik hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. Als das Sammeln und benennen als wesentlichster Teil der Systematik angesehen wurde, konnte fast jeder ohne besondere Ausbildung Spezialist für eine Tiergruppe werden, bei der sich der Stand der Kenntnisse noch auf der Ebene der Alpha-Taxonomie [Anm. d. Verf.: Alpha-Taxonomie meint die reine Beschreibung der Arten] befand. Indessen haben jedoch Amateure vom Typ des "Briefmarkensammlers" in dem Maße an Boden verloren, in welchem die Anforderungen an die Qualität taxonomischer Forschung anstiegen. Als sich dann aber die systematische Forschung im Gelände zu einem zunehmend bedeutungsvollen Zweig der Taxonomie entwickelte, entstand eine neue Nische für den Amateur-Naturforscher. Er liefert Informationen zum Verhalten und zur Ökologie, die in taxonomischer Hinsicht sehr wichtig sein können. Die Arbeit der "gehobenen" Amateure zeigt oft das gleiche hohe Qualitätsniveau wie diejenige eines guten hauptberuflichen Bearbeiters. Betrachtet man den enormen Umfang der noch durchzuführenden taxonomischen Arbeit, dann wird klar, daß die Taxonomie nur langsam vorankommen würde, gäbe es nicht die oft hingebungsvoll tätigen Amateure." 8 Die beinahe ausschließliche Beschäftigung mit diesen beiden Teilgebieten führt jedoch zu einer
7 Illies, J.: Zur Verleihung des Preises für hervorragende Leistungen in der Entomofaunistik S.17f.
4
besonderen Problematik, dem "Amateurstatus". Da Faunistik und Taxonomie nicht dem heutigen, von Experimenten und komplizierten Apparaturen geprägten Wissenschaftsbild entsprechen, genießen sie das wenigste Ansehen. In "Subtile Jagden" heißt es dazu: "Die große Zeit für solche Neigungen war schon vorbei. Die eigentliche Naturkunde, das liebevolle Betrachten, Vergleichen, Ordnen und Beschreiben von Objekten, galt kaum noch als Wissenschaft. Dem Behagen an der Anschauung war der Genuß an der exakten, gezielten und messenden Beobachtung gefolgt." 9 und "Auch ihr Verhalten wird mit schärferem und zugleich kälterem Auge verfolgt, und immer mit messenden, quantifizierenden, statistischen Absichten. [...] Was bedeuten all diese Kurven und Tabellen gegenüber der Liebe, mit der ein Wallace das Spiel der Paradiesvögel in den Baumwipfeln der Urwälder Neuguineas oder ein Fabre Aufstieg und Untergang eines Scarabaeus in der Provence belauscht? Das kann nicht durch Maschinen ersetzt werden. Da ist noch innerste Anteilnahme, etwas vom großen Erstaunen des »Das bist Du«, eines menschlichen, zeitlosen Grundgefühls, das im Barock eine besondere Prägung erfuhr." 10 .
Dass die Faunistik bei den Fachwissenschaftlern keine Anerkennung genießt, soll an dieser Stelle noch einmal durch ein Zitat von Illies belegt werden: "Faunistik ist eine bescheidene Wissenschaft am Rande, in den Augen der Wissenschaftsgläubigen wird sie niedergewalzt durch die großen chromglänzenden Apparate. Man braucht zur Faunistik kein Elektronenmikroskop, man brauchte bis vor kurzem auch keinen Computer dafür und kein Labor, sondern im wesentlichen einen klaren Kopf, eine gute Bibliothek, ein systematisches Talent, einen Bleistift und ein Notizbuch. Das alles sind nicht Dinge, mit denen man heutzutage glänzen kann in der Wissenschaft." 11
Zumeist ist der Amateur "Bittsteller": Er bittet um finanzielle Unterstützung seiner Arbeit, er ersucht um die Ausnahmegenehmigung zur Erforschung eines schutzwürdigen Gebietes oder beantragt, dass ein Gebiet nach seinen Untersuchungen von den Naturschutzbehörden als schützenswert ausgewiesen wird. Seine wichtigsten Aufgaben sind und bleiben die Beschreibung neuer Arten und deren Eingliederung in das System. Geändert haben sich lediglich die Untersuchungsmethoden.
8 Mayr, E.: Grundlagen der zoologischen Systematik, S. 26f.
9 Jünger, E.: Subtile Jagden, S. 7
10 Ebd.: S. 110
11 Illies, J.: Zur Verleihung des Preises für hervorragende Leistungen in der Entomofaunistik, S.16
5
3. Von Linné bis Darwin
"Die liebevolle Beschäftigung mit den Insekten ist kaum mehr als zweihundert Jahre alt. Zuvor waren diese Tiere auch für den, den sie ansprachen, nicht als Kategorie, nicht in der Ordnung, sondern nur als Individuen zugänglich." 12 Ein Blick auf die Geschichte der Entomologie offenbart die zunehmende Professionalisierung. Heißt es in der "Zoologia physica" von 1661 noch: "Die Zoologie ist eine sehr schwierige Wissenschaft. Sie erfordert sehr viel Arbeit sowohl wegen der Menge als auch wegen der Feinheit ihrer Objekte. Es ist äußerst mühselig, sich durch alle Tier-Arten durchzuarbeiten. Kennt man doch allein 40 Käfer-, 50 Raupen-, 70 Fliegen- und mehr als 100 Schmetterlings- Arten." 13 , so spricht man heute von mehr als 350.000 Käfer-, 120.000 Fliegen- und 180.000 Schmetterlingsarten. Statt der Zoologie und Botanik gab es im 18. Jahrhundert zwei Disziplinen, die sich mit den "Naturkörpern" der drei "Reiche" (Mineralien, Pflanzen, Tiere) aus verschiedenen Perspektiven beschäftigten. Die Naturgeschichte, welche alles Wissenswerte über die einzelnen Naturkörper behandelte und die Systemkunde, die der Klassifizierung und Diagnostizierung der Naturkörper diente. 14 Mit dem, von Jünger viel zitierten, Carl von Linné (1707- 1778) fand sich ein Forscher, der es sich zur Aufgabe machte, alle von Einzelnen gewonnenen Ergebnisse zusammen zu fassen. In seinem Werk "Systema Naturae" 15 normierte er die Terminologie (binäre Nomenklatur) mit dem Ziel, die Arten zu katalogisieren und ihre Bestimmung zu ermöglichen. "Linné gibt uns ein Musterbeispiel dessen, was der Geist vermag. Er ist der Zermalmer aller Ordnungsversuche, die vor ihm sich gegen das Chaos der andrängenden natura naturans wandten, von Aristoteles bis zum Älteren Plinius, von Albertus Magnus bis zu Geßner und Swammerdam. Bis dahin glichen auch die besten Übersichten einer Art von Gärtnerkatalog. Von nun an werden die Namen sowohl dem Belieben anheim gestellt als auch, sowie das Wort gefallen ist, ihm entzogen; die Fülle wird souverän beherrscht." 16
1859 kam Charles Darwin, der "mit seinem durch ein reiches Tatsachenmaterial belegten Werke über die Entstehung der Arten vor die teils erstaunte, teils durch die Zumutung, einen Affen in die eigene Ahnenreihe aufnehmen zu sollen, ehrlich entrüstete, teils durch den Dogmenglauben abgestumpfte, teils sogar von den Trägern des Rückschritts fanatisierte Welt
12 Jünger, E.: Subtile Jagden, S. 105
13 Sperling, J.: Zoologia physica. - Lipsiae 1661
14 Baron, W.: Die Entwicklung der Biologie im 19. Jahrhundert und ihre geistesgeschichtlichen
Voraussetzungen, S.73
15 Linné, C.: Systema Naturae, 1758
16 Ernst Jünger: Subtile Jagden, S. 105
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Arbeit zitieren:
Evelyn Gbureck, 2009, Entomophilie, München, GRIN Verlag GmbH
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