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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Das Leben der Marie Luise Kaschnitz in Auszügen 6
3. Interpretationen zu einzelnen Gedichten aus „Dein Schweigen - Meine Stimme“ 10
3.1. Breit ist die Ebene 12
3.2. Dein Schweigen 17
3.3. Dreimal 22
3.4. Ein Gedichtvergleich 29
4. Fazit 38
5. Literaturverzeichnis 41
Schreibend Schreibend wollte ich Meine Seele retten. Ich versuchte Verse zu machen Es ging nicht. Ich versuchte Geschichten zu erzählen Es ging nicht. Man kann nicht schreiben Um seine Seele zu retten. Die aufgegebene treibt dahin und singt.
(aus: Dein Schweigen - Meine Stimme, 1962)
Es gibt von Marie Luise Kaschnitz nur zwei literarische Werke, in denen sie die Vokabel „Ich“ - oder ein dazugehöriges Pronomen - im Titel verwendet. Beide Werke sind, nicht zufällig, zu Beginn der 60er Jahre entstanden. Zum einen handelt es sich hierbei um den Gedichtband „Dein Schweigen - Meine Stimme“ (1962) und zum anderen um die Ich-Erzählung „Wohin denn ich“ (1963).
Das erstgenannte Werk, aus dem auch das Gedicht „Schreibend“ stammt, ist stark von der Erfahrung der Trennung und des Todes geprägt. 1 Kaschnitz, die zuvor mit Frauen-, später mit der Trümmerliteratur in Verbindung gebracht wird, hat mit diesem Gedichtband etwas thematisch gänzlich Neues geschaffen. 2 „Die Liebesklage am Ende eines gemeinsamen Lebens, der Schmerz und die Schmerzüberwindung, die Trauer um den einen Menschen - sie sind intellektuell und seelisch vertieft, in der deutschsprachigen Dichtung nicht mehr wiederholt worden.“ 3
Doch warum verwendet Kaschnitz gerade zu dieser Zeit die Ich-Perspektive und verbindet diese mit dem Thema Tod? Bringt man nach dem Lesen des Gedichtbands beide Aspekte in Relation, so lässt sich vermuten, dass sie einen geliebten Menschen verloren hat, den sie in der Literatur und mit Hilfe derer am Leben halten möchte. Die Vermutung wird durch ihre Selbstbeschreibung als „ewige Autobiografin“ zweifelsfrei untermauert. 4 So könnte man noch vor der Analyse ihrer Gedichte und ihrer Biografie zu dem Ergebnis kommen, dass mit dem Ich in ihren Werken Kaschnitz selbst gemeint
1 Vgl. Pulver, Elsbeth: Marie Luise Kaschnitz, S. 76f.
2 Vgl. Kohlhagen, Norgard: Sie schreiben wie ein Mann, Madame, Internet.
3 Gersdorff, Dagmar von: Marie Luise Kaschnitz. Eine Biographie, S. 246.
4 Kaschnitz, Marie Luise: Texte aus dem Nachlaß III, S. 800ff.
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ist. Jedoch gibt es von der Autorin eine Äußerung in „Orte“, die dieser Erkenntnis widerspricht. Entschlossen schreibt sie: „Der Tod ist in meinen Gedichten, Geschichten, Aufzeichnungen überall anzutreffen, aber in meinem Alltag nicht.“ 5 Demzufolge bleibt nach der Gegenüberstellung ihrer Äußerungen weiterhin die Frage offen, ob ihre Werke in dem genannten Gedichtband autobiografisch sind oder nicht.
Da es nur zwei Publikationen von ihr gibt, die so zeitnah aufeinanderfolgend in der Ich-Perspektive erschienen und ihre Zitate sich einander widersprechen, ist es unabdingbar, ihre tatsächliche Schreiberintention zu hinterfragen.
Stellt man sich nun vor, das Gedicht „Schreibend“ hätte autobiografische Züge, so lässt es sehr viele Fragen offen: Warum und wovor möchte die Autorin ihre Seele retten? Aus welchem Grund soll diese Rettung „schreibend“ erfolgen? Welche Erfahrungen bringen sie am Schluss zu der Erkenntnis, dass sie an ihrem Vorhaben scheitern wird? Sollte mit dem Ich in „Dein Schweigen - Meine Stimme“ tatsächlich die Autorin selbst gemeint sein, dann müsste ihre Biografie Antwort auf all die noch offenen Fragen geben können. Ist dies jedoch nicht der Fall, so müsste man weiter nach den Gründen suchen, die sie zur Verwendung der Ich-Perspektive gebracht haben.
Weil die Fragestellung nach der Schreiberintention weiterhin offen ist, wird in den folgenden Ausführungen versucht, eine Antwort darauf zu finden, inwiefern Kaschnitz’ Gedichte aus dem Band „Dein Schweigen - Meine Stimme“ autobiografische Merkmale aufweisen. Zudem soll untersucht werden, ob die in den lyrischen Werken ausgedrückte Trauer, Verzweiflung und der Schmerz sich in ihrem Leben widerspiegeln. Ein zentrales Thema ist hierbei das Todesmotiv in Kaschnitz‘ Literatur als auch in ihrem privaten Leben.
Um diese Problematik ausreichend analysieren zu können, wird sich jene Arbeit zu Beginn mit den für die Interpretation wichtigsten Lebensdaten der Autorin beschäftigen. Im Anschluss daran werden - stellvertretend für den gesamten Gedichtband - drei ausgewählte lyrische Werke in Hinblick auf Kaschnitz‘ Biografie interpretiert. Danach sollen diese, bei denen es sich um „Dein Schweigen“, „Breit ist die Ebene“ und „Dreimal“ handelt, miteinander verglichen und dabei auf Gemeinsamkeiten sowie Gegensätze untersucht werden. Nach der Beschäftigung mit Kaschnitz‘ Leben und den
5 Kaschnitz, Marie Luise: Orte, S. 179.
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verschiedenen Gedichtinterpretationen wird abschließend versucht, auf die eingangs gestellte Frage eine ausreichend begründete Antwort zu finden. Möglicherweise lässt sich dann auch klären - falls die Gedichte autobiografisch sind, wovor die Autorin ihre Seele in „Schreibend“ retten wollte.
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2. Das Leben der Marie Luise Kaschnitz in Auszügen
Die Frage nach einer autobiografischen Schreiberintention lässt sich erst beantworten, wenn man sich näher mit Kaschnitz‘ Leben auseinandersetzt. Aus diesem Grund wird sich jenes Kapitel mit einzelnen Lebensdaten der Autorin beschäftigen, die für die anschließende Gedichtinterpretation relevant sind. Zu berücksichtigen ist hierbei, dass es sich jeweils um Auszüge aus ihrem Leben handelt und eine vollständige Wiedergabe ihrer Biografie daher nicht angestrebt werden soll.
Marie Luise Kaschnitz, die am 31. Januar 1901 geboren wird, wächst behütet in einer adeligen Familie auf. Sie lernt den österreichischen Archäologen und Kunsthistoriker Guido Kaschnitz von Weinberg kennen und heiratet ihn im Jahre 1925. Er nimmt sie mit auf seine geschäftlichen Studienreisen nach Frankreich, Italien wie auch Griechenland und bezieht sie mit in das Universitätsleben ein. So nimmt die Autorin an zahlreichen wissenschaftlichen Gesprächen teil und begleitet ihn auf seine Reisen nicht nur in in- und ausländische Museen, sondern auch an Ausgrabungsorte. Da ihr Mann in den Jahren von 1953 bis 1956 Leiter des Deutschen Archäologen Instituts in Rom ist, führt auch ihr Weg dorthin. 6
Bei der Beschäftigung mit Kaschnitz‘ Werken ist sehr auffällig, dass die Schriftstellerin oft antike mythologische Stoffe thematisiert. 7 Ihr ausgeprägtes Interesse an der Mythologie in literarischen und bildkünstlerischen Darstellungen ist vermutlich in der Arbeit ihres Mannes begründet, der sie in diese Thematik einführt. „Marie Luise Kaschnitz ist eine intensive Leserin, Betrachterin und Gesprächspartnerin, darüber hinaus ist sie im Bereich der antiken Mythologie Interpretin, Weiter-Schreibende und Neu-Gestalterin mythischer Geschichten.“ 8
Betrachtet man nur die Bedeutung der Mythologie in ihrem Leben als auch in ihren Werken, so lassen sich erste Parallelen erkennen, die bei der Gedichtinterpretation relevant sein werden.
Während einer Studienreise, bei der sie ihren Mann begleitet, entstehen erste literarische Aufzeichnungen. Kaschnitz‘ ersten Roman „Liebe beginnt“ reicht sie im Jahre 1933 bei
6 Vgl. Kreutzwald, Andrea: Das Unsagbare zum Ausdruck bringen, S. 3.
7 Wie in der Antikenforschung gebräuchlich, werde ich die Wörter „mythologisch“ und „mythisch“ synonym verwenden.
8 Kreutzwald, Andrea: Das Unsagbare zum Ausdruck bringen, S. 4.
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einem Preisausschreiben des Berliner Cassirer Verlags ein. Er wird angenommen und publiziert. Der Roman lässt sich wie all ihre frühen Werke in das Schema der „typischen Frauenliteratur“ einordnen. Auch ihre weiteren Texte, die vor dem Zweiten Weltkrieg entstehen, behandeln die Themen Liebe, griechische Mythen, die Natur und die Historie.
Von diesen Angelegenheiten wendet sie sich bewusst während der NS-Zeit und dem damit verbundenen Krieg ab. 9 Diese Jahre bilden für sie „einen Wendepunkt in meiner künstlerischen und menschlichen Entwicklung.“ 10 In ihrer Literatur, die um diese Zeit entsteht, verarbeitet sie die dramatischen Kriegserlebnisse. Demzufolge wird die Autorin um 1950 als Trümmerdichterin betitelt, obwohl sie diese Bezeichnung für sich selbst ablehnt. Kaschnitz erlebt die Zerstörung ihrer Stadt Frankfurt, muss nach Bollschweil flüchten und kehrt erst 1946 nach Frankfurt zurück. Zu diesem Zeitpunkt schreibt sie noch in traditionellen Formen und verwendet Reime sowie Strophen. Sie beginnt gleichzeitig, Kurzgeschichten zu veröffentlichen.
Dieser ersten Zäsur in ihrem Leben, dem Zweiten Weltkrieg, folgt eine zweite Zäsur, die sie weniger gut verkraften kann: So stirbt ihr Mann Guido Kaschnitz von Weinberg am 1. September 1958 nach zweijähriger Krankheit, die von Beginn an hoffnungslos verlief. Der Tod, der ihre langjährige, glückliche Ehe beendete, bringt die Autorin in eine tiefe Krise. Jahrelang publiziert sie nichts mehr. 11 Später sagte sie, sie hätte zu dieser Zeit in einem „seltsamen Zwischenreich“ gelebt. 12 In jener Trauerphase entstehen auch Tagebuchnotizen, die sie später zu der Ich-Erzählung „Wohin denn ich“ verarbeitet. Sie schreibt:
„Eines Tages bin ich zurückgekommen, zurück woher, davon werde ich später sprechen, jetzt nur so viel sagen, dass ich fort war, lange und weit fort. Wenn Sie wissen wollen, wer hier spricht, welches Ich, so ist es das meine und auch wieder nicht, aus wem spräche immer nur das eigene Ich.“ 13
„Dieses ‚Ich‘ beschreibt nun den Versuch, sich nicht länger in Erinnerungen und Traumvorstellungen zu verlieren, den Verstorbenen nicht zu vergessen und dennoch
9 Vgl. Kohlhagen, Norgard: Sie schreiben wie ein Mann, Madame, Internet.
10 Kaschnitz, Marie Luise: Orte, S. 245.
11 Vgl. Kohlhagen, Norgard: Sie schreiben wie ein Mann, Madame, Internet.
12 Kaschnitz, Marie Luise: Wohin denn ich, S. unbekannt.
13 Ebd., S. 381.
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wieder am Leben teilzunehmen. Bedrohung. Ratlosigkeit. Todesangst. Ein Weg über Abgründe zurück ins Leben wird hier geschildert:“ 14
„Immerhin hatte ich gelernt, die nach meiner Rückkehr aus dem Totenland neu vor mir auftauchende Welt als fragwürdig zu betrachten, hatte ihr also eine Würde gegeben, die sie für den Stumpfsinnigen, Gleichmütigen nicht besitzt.“ 15
In diesem Werk löst sich Kaschnitz erstmalig von den klassischen Mustern der Literatur. Ein weiteres Werk, in dem die Vokabel „Ich“ vorkommt, entsteht in dieser Zeit, nach dem Tod ihres Mannes. Hierbei handelt es sich um den Gedichtband „Dein Schweigen - Meine Stimme“, welcher für die Gedichtinterpretationen eine zentrale Rolle einnehmen wird. Ihre Gedichte werden nach diesem Verlust nun immer dichter, immer knapper und immer härter. 16 In den neuen Veröffentlichungen nach ihrer Pause erkennt man ihren Trauerprozess und die dazugehörigen besonderen Verarbeitungsmechanismen deutlich. Die Schriftstellerin versucht in ihren Werken Antworten zu finden, „wie man als Zurückgebliebene weiterleben und weiterschreiben“ kann. 17
Indem sie schreibt, versucht sie mit dem Tod und der Vergänglichkeit umzugehen; auch in den Texten, in denen er nicht explizit erwähnt wird, ist der Tod doch immer präsent. In ihrer dichterischen Trauerarbeit beschäftigt sich Marie Luise Kaschnitz nicht nur mit dem Sterben, sondern hält auch den Toten in der Erinnerung und auf der Welt. In einigen Texten steht jedoch nicht dieser, sondern sie als Verlassene im Mittelpunkt des Geschehens. Kaschnitz beschreibt dieses Verlassensein anhand mythischer Bilder, wobei sie oft die mythische Welt mit der Ihrigen verbindet. 18 Somit setzt sie beide Welten, das Diesseits und das Jenseits, in Relation, „in dem Sinne, dass das Leben sowohl die Zeit auf der Welt als auch die Zeit nach dem irdischen Dasein umfasst.“ 19 Wie verzweifelt sie durch den großen Verlust ihres geliebten Mannes ist, bemerkt auch ihr Umfeld. So fragt sie einst ihren Neffen Michael Marschall von Bieberstein: „Wenn ich sterbe und hinunterkomme, glaubst du, ich finde da meinen Mann wieder?“ Da ihr Neffe an das Fortleben der Persönlichkeit im Menschen glaubte, sagte er ihr, sie werde ihren Mann dort finden. „Vielleicht,“ entgegnete sie, „aber wenn ich ihn finden sollte,
14 Kohlhagen, Norgard: Sie schreiben wie ein Mann, Madame, Internet.
15 Kaschnitz, Marie Luise: Wohin denn ich, S. 381.
16 Vgl. Kohlhagen, Norgard: Sie schreiben wie ein Mann, Madame, Internet.
17 Kreutzwald, Andrea: Das Unsagbare zum Ausdruck bringen, S. 9.
18 Vgl. ebd., S. 9, 12.
19 Ebd., S. 9.
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so ist er mir ja schon um vieles voraus. Nein nein: Ich erreiche ihn nicht.“ 20 Zu tief saß ihre Trauer.
Marie Luise Kaschnitz, deren spätere Werke weiterhin von diesem Verlust geprägt sind, lebt nach dem Tod ihres Mannes abwechselnd in Rom und Frankfurt. Schließlich stirbt sie am 10. Oktober 1974 in Rom, als sie ihre Tochter besucht. In die Literaturgeschichte geht Kaschnitz als Schriftstellerin zwischen Moderne und Tradition ein, da sie zu Lebzeiten zwischen den Ideenpolen Antike und Moderne sowie zwischen den geografischen Polen Rom und Frankfurt hin und her gependelt ist. 21
Nach der Betrachtung einzelner Lebensdaten wird nun deutlich, dass die Autorin ihre persönlichen Erfahrungen - seien es die Studienreisen, der Zweite Weltkrieg oder der Tod ihres Mannes - in der Literatur verarbeitet hat. Ebenso deutlich wird, dass jegliche Veränderungen in ihrem Privatleben auch zu Veränderungen in ihren literarischen Werken führen. Inwiefern ihre Gedichte aus „Dein Schweigen - Meine Stimme“ jedoch autobiografische Merkmale aufweisen, lässt sich erst nach den Gedichtinterpretationen feststellen.
20 Vgl. Gersdorff, Dagmar von: Marie Luise Kaschnitz. Eine Biographie, S. 247f.
21 Vgl. Kirchner, Doris: Doppelbödige Wirklichkeit, S. 42.
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Mandy Mittelbach, 2009, Marie Luise Kaschnitz als "ewige Autobiografin“ ?, München, GRIN Verlag GmbH
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