Inhalt
1. Einleitung. 3
2. Vom Museum in den Dom. 4
2.1. Entwurf und Umsetzung. 4
2.2. Die Formel der Moderne- Farbtafelbilder und Raster. 7
3. Abstraktion gegen Religion. 8
3.1. Kritik an der abstrakten Form. 9
3.2. Transzendenz als Schnittstelle zwischen Kunst und Glauben. 10
4. Abschließende Betrachtung. 13
5. Bildanhang. 14
6. Literaturverzeichnis und Abbildungsnachweis. 17
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1. Einleitung
Selten wurde eine künstlerische Arbeit im öffentlichen Raum mit so viel Spannung erwartet wie die Neuverglasung für das Südquerhausfenster des Kölner Domes von Gerhard Richter. Die große Aufmerksamkeit, die diesem Projekt national wie international entgegen gebracht wurde, ist angesichts der beiden Hauptprotagonisten nicht verwunderlich: Auf der einen Seite der Kölner Dom - Vorzeigeobjekt abendländischer Baukunst und gleichzeitig eines der wichtigsten Symbole für die Identifikation mit deutscher Kunst und Kultur. Kaum eine andere gotische Kathedrale blickt auf eine so wechselvolle und langwierige Entstehungsgeschichte zurück. Ein über Jahrhunderte fortdauerndes Infinitum, das einst durch seine Unvollkommenheit zum Sinnbild für politische Hoffnungen wurde und schließlich, nach seiner Vollendung 1880 unter Kaiser Wilhelm I. in den Rang eines Weltkulturerbes und „Lieblingsortes der Deutschen“ 1 aufstieg. Auf der anderen Seite Gerhard Richter, der Mann, den das New York Times Magazine als „Europe’s most challenging modern painter“ 2 titulierte und dessen Werke schon zu Lebzeiten zu astronomischen Summen gehandelt werden.
Desto größer waren die Erwartungen, als das Domfenster nach dreijähriger Entwurfsphase im Spätsommer 2007 erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Doch die glanzvolle Einweihungszeremonie täuschte nicht über die Tatsache hinweg, dass sich schon im Vorfeld kritische Stimmen mit harscher Ablehnung über das Ergebnis dieser ehrenvollen Aufgabe geäußert hatten. Sofort entbrannte ein Streit darüber, ob eine solche Lösung, wie die von Gerhard Richter, dem Umfeld angemessen wäre. Viele Kunsthistoriker fühlten sich zu einer Antwort herausgefordert, sahen sie doch in dem Fenster einen Geniestreich des unumstrittenen Meisters. Feuilletons sprachen gar von einer Ächtung der Moderne.
Dieses immer noch aktuelle Thema soll nun im folgenden Gegenstand meiner Betrachtung sein. Nach einer genaueren Analyse und kunsthistorischen Einordnung des Streitobjektes, werde ich im zweiten Teil der Arbeit der Frage nachgehen welchen Standpunkt Richters Arbeit für den Kölner Dom in Bezug auf die religiöse Dimension einnimmt. In Anlehnung an den Essay von Wolfgang Ullrich „Religion gegen Kunstreligion“ 3 werde ich eine
1 Zuschauerumfrage im Auftrag des ZDF, September 2006. Der Kölner Dom landet auf Platz eins.
2 27. 01. 2002, S. 21.
3 Ullrich rekonstruiert eine objektive Diskussion zum Kölner Domfenster, und kommt zu dem Ergebnis dass
es sich eigentlich um einen
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mögliche Interpretation abstrakter Kunst im Kirchenraum vorstellen und abschließend zu einer allgemeinen Bewertung kommen .
2. Vom Museum in den Dom
2.1. Entwurf und Umsetzung
Der Wunsch nach einer Neuverglasung des Südquerhausfensters wurde erstmals 2002 geäußert, als man im Zuge einer umfassenden Wiederherstellung der Querhausverglasung die erhaltenen Scheiben des 19. Jahrhunderts nach 63 Jahren Kriegsverwahrung nun wieder an ihrem ursprünglichen Standort einsetzen wollte. Das Südquerhausfenster sowie die Ornament- und Couronnementscheiben der benachbarten und gegenüberliegenden Fenster gingen im zweiten Weltkrieg verloren. Den Großteil der Gesamtverglasung, die fast vollständig aus dem Mittelalter erhalten war, hatte man bereits 1939 ausgebaut, um sie vor der Zerstörung durch den nahenden Krieg zu schützen. Die jüngere Obergadenverglasung in den Querhäusern blieb jedoch an ihrem Platz und wurde durch den Luftdruck der im Umkreis abgeworfenen Bomben zerstört.
Nach dem Krieg entschied der zuständige Dombaumeister Willy Weyres die ausgebaute, aber unvollständige Originalverglasung in den Kisten zu belassen und den kompletten Obergaden neu zu verglasen. Während die Fenster im Langhaus mit Ornamenten in kühlen Blau-, Grau- und Grüntönen geschlossen wurden, erhielten die Querhäuser sehr helle, farblose Scheiben nach Entwürfen von Wilhelm Teuwen 4 . Schon lange war man mit dieser Lösung unzufrieden und so beschloss das Domkapitel im Februar 2003 die historischen Scheiben durch private Finanzierung nach und nach wieder einsetzten zu lassen. Für das zerstörte Südquerhausfenster hingegen kam nur eine Neugestaltung in Frage. Eine Rekonstruktion des von König Wilhelm I. von Preußen gestifteten und 1963 eingesetzten Fensters war mangels ausreichender Dokumentationsgrundlagen nicht möglich. Die einzigen noch existierenden Unterlagen, die über den Bestand der Originalverglasung Auskunft geben, sind zwei nach 1880 aufgenommene Schwarz-weiß Aufnahmen. Diese jedoch lassen kaum die dargestellten Figuren erkennen. Jede der sechs vertikalen Fensterbahnen war von einer Herrscherfigur besetzt: drei weltliche, Karl der Große, Heinrich II., Sigismund von Burgund, und drei heilige Erzbischöfe, Anno und Engelbert sowie Otto von Bamberg. Als Thema für die Neuverglasung war zunächst Märtyrer des 20. Jahrhunderts angedacht. An Stelle der christlichen Herrscher sollten mit dem neuen Fenster
4 Abbildung 1
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Edith Stein, Rupert Mayer, Karl Leisner, Bernhard Lichtenberg, Nikolaus Groß und Maximilian Kolbe treten.
Für Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner stellte sich nun die größte Aufgabe mit der Suche nach einem geeigneten Ansatz in der zeitgenössischen Glasmalerei. Auf Grund der ausgesprochenen Größe von etwa 113 Quadratmetern und der nahezu uneingeschränkten Sonneneinstrahlung von Süden her, was schnell zu Überblendungen bei hellen Gläsern führen kann, ergaben sich einige zu bewältigende Schwierigkeiten für den Entwurf. Darüber hinaus muss das Südquerhausfenster im Kontext der umliegenden historischen Verglasung gesehen werden. Die Scheiben aus dem 19. Jahrhundert folgen in ihrer Farbigkeit dem Kanon der mittelalterlichen Glasmalerei im Rest des Domes. Um einen ästhetischen Gesamteindruck zu erzielen, musste sich also auch das neue Südquerhausfenster in seiner Farbigkeit anpassen, andernfalls würde man es immer isoliert betrachten. Nun hat die Glasmalerei in der Entwicklung des 20. Jahrhunderts ganz eigene, von der Malerei weitestgehend unabhängige Tendenzen gezeigt. Gerade mit Blick auf die engen Vorgaben in der Farbigkeit wurde schnell deutlich, dass die zeitgenössische Glasmalerei den hohen Qualitätsansprüchen dieses sakralen Gesamtkunstwerkes nicht gerecht werden kann. 5
Eher zufällig brachte man den in Köln lebenden Maler Gerhard Richter ins Gespräch. Er zeigte sofort Interesse an der Aufgabe und die Dombauverwaltung war sich einig, dass Richter die perfekte Wahl ist, gerade weil sich sein Schaffen keinen stilistischen Bindungen unterwirft und er, vielleicht als einer der wenigen Künstlern, in der Lage sein würde den Vorgaben gerecht zu werden, ohne, dass die Qualität und der eigenständige Charakter des Werkes darunter leiden. Im Zyklus 18. Oktober 1977 hatte er bewiesen, dass es möglich ist, höchst kontroverse Themen wie den Selbstmord eines RAF-Mitglieds auf eine „würdevolle, weder verherrlichende noch anklagende“ Weise umzusetzen. 6 . Mit seiner typisch distanzierten Sichtweise hat er schon zahlreichen Berühmtheiten (zum Beispiel 48 Portraits), wie auch Opfern von Gewalt (Acht Lernschwestern) ein Denkmal auf Leinwand gesetzt. Daher vertraute man auf Richters Sensibilität auch für diese neue Herausforderung eine überzeugende, wenn nicht gar herausragende Bildlösung zu finden. Was nur wenigen bekannt war: Richter hatte bereits zuvor schon einmal ein Fenster für ein Wohnhaus gestaltet 7 . Dass er auf dem Gebiet der Glasmalerei dennoch kaum Erfahrung mitbrachte, spielte bei der Auftragsvergabe keine Rolle. Das Material an sich fasziniert ihn aber schon
5 Vgl. Schock-Werner, 2007, S. 26.
6 Wolfgang Ullrich, 2008, S. 97.
7 Abbildung 2
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Arbeit zitieren:
Marlen Bonke, 2008, Gerhard Richter - Das Südquerhausfenster im Kölner Dom, München, GRIN Verlag GmbH
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