Kurzfassung
Im Schatten von Marktpreis-, Zinsänderungs- und Kreditrisiken wurde dem Liquiditätsrisiko lange Zeit lediglich eine geringe Aufmerksamkeit geschenkt. In Folge der Finanzkrise erfuhr das Liquiditätsrisiko ein Art von Renaissance. Es wurden zahlreiche Publikationen veröffentlicht, die Empfehlungen zur Messung, Steuerung und Kontrolle von bankbetrieblichen Liquiditätsrisiken enthielten.
Die Arbeit gibt in Kapitel 2 eine Einführung zum bankbetrieblichen Liquiditätsrisiko. Dabei werden die Besonderheiten bankbetrieblicher Liquidität und die damit einhergehenden Risiken näher untersucht. Insbesondere die unterschiedlichen Ausprägungsformen nehmen in der Liquidi-tätsrisikosteuerung eine herausragende Stellung ein. Dabei ist eine trennscharfe Abgrenzung der unterschiedlichen Formen nur bedingt möglich. Nationale aufsichtsrechtliche Regularien, denen Institute bei der Liquiditätsrisikosteuerung ausgesetzt sind, stellen den Übergang zum Schwer-punkt - Stresstests - der Arbeit (Kapitel 3 und 4) dar. Aufsichtsrechtliche Anforderungen im Bereich von Stresstests und deren wachsende Bedeutung in der Liquiditätsrisikosteuerung sind die Grundlagen, bevor anschließend die unterschiedlichen Ausprägungsformen von Stresstests beschrieben werden. Dabei handelt es sich vorwiegend um historische, hypothetische und hybride Szenarien. Eine besondere Form stellen die reversen Stresstests dar. Diese liefern der Liquiditätsrisikosteuerung enorm wichtige Erkenntnisse und zeigen auf, welcher Maximalwirkung das Institut standhält. In Kapitel 4 soll der Bezug zur Praxis hergestellt werden. Dies geschieht anhand eines Fallbeispiels. Zunächst werden deren institutsspezifische Liquiditätsrisikofaktoren analysiert, bevor plausible exogene und endogene Stressszenarien entwickelt werden. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Auswirkung der formulierten Szenarien auf die Ertrags-und Liquiditätslage der Sparkasse. Der Liquiditätsnotfallplan rundet die Stressszenarien ab. Es werden unter-schiedliche Maßnahmen genannt. Welche Maßnahmen ergriffen werden, sollte sich dabei an der „Schwere der Liquiditätskrise“ ausrichten.
Inhaltsverzeichnis Seite
Abk ürzungsverzeichnis III
Abbildungsverzeichnis V
1. Einleitung und Gang der Untersuchung 1
2. Grundlagen zu bankbetrieblichen Liquiditätsrisiken 2
2.1 Definitorisches zum Liquiditätsrisiko 2
2.2 Besonderheiten der bankbetrieblichen Liquidität 4
2.2.1 Grundsätzliches 4
2.2.2 Fristentransformation 5
2.2.3 Autonome Zahlungen 6
2.2.4 Vertrauensempfindlichkeit 6
2.3 Ausprägungen von Liquiditätsrisiken bei Kreditinstituten 7
2.3.1 Institutsspezifische (endogene) Liquiditätsrisiken 8
2.3.1.1 Originäre Liquiditätsrisiken 8
2.3.1.2 Derivative Liquiditätsrisiken 9
2.3.2 Marktspezifische (exogene) Liquiditätsrisiken 9
2.4 Aufsichtsrechtliche Regularien 10
2.4.1 Nationale quantitative Normen 10
2.4.2 Nationale qualitative Normen 12
2.4.3 Internationale Initiativen 14
2.5 Notwendigkeit der Liquiditätsrisikosteuerung 17
2.6 Auswirkungen der Finanzkrise auf die Liquiditätsrisikosteuerung 18
3. Stresstests als Ergänzung der Liquiditätsrisikosteuerung 18
3.1 Definition und Nutzen 18
3.2 Aufsichtsrechtliche Anforderungen an Stresstests 19
3.2.1 MaRisk-Novelle 19
3.2.2 Konsequenzen für die Liquiditätsrisikosteuerung 22
3.3 Ausprägungsformen von Stresstests 23
3.3.1 Sensitivitätsanalysen (univariate Analysen) 23
3.3.2 Szenarioanalysen (multivariate Analysen) 24
3.3.2.1 Historische Szenarien 25
3.3.2.2 Hypothetische Szenarien 25
3.3.2.3 Hybride Szenarien 26
3.3.3 Reverse Stresstests 27
I
4. Definition institutsspezifischer Liquiditätsrisiko-Stresstests am Beispiel einer Sparkasse 28
4.1 Grundlagen des Fallbeispiels 28
4.2 Analyse institutsspezifischer Liquiditätsrisikofaktoren 29
4.2.1 Refinanzierungsstruktur 29
4.2.2 Kreditportfoliostruktur 30
4.2.3 Eigenhandelsportfolio und Beteiligungen 30 4.3 Stressereignisse 31
4.3.1 Institutsspezifische (endogene) Stressereignisse 31
4.3.2 Marktspezifische (exogene) Stressereignisse 35
4.4 Liquiditätsnotfallplan und Handlungsmaßnahmen im Krisenfall 36
4.5 Integration von Stresstests in die Gesamtbanksteuerung 38 5. Schluss 39 Anhang 41 Literaturverzeichnis 53
II
Abkürzungsverzeichnis
Abs. Absatz ALQ Arbeitslosenquote AT Allgemeiner Teil der MaRisk BaFin Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht BayernLB Bayerische Landesbank BCBS Basel Committee on Banking Supervision BP Basispunkte bspw. beispielsweise BTR Besonderer Teil für die Anforderungen an die Risikosteuerungs- und -controllingprozesse der MaRisk bzw. beziehungsweise ca. circa CEBS Committee of European Banking Supervisors CP Commercial Paper CRD Capital Requirements Directive DSGV Deutscher Sparkassen- und Giroverband e. V. EG Europäische Gemeinschaft EU Europäische Union e. V. eingetragener Verein EZB Europäische Zentralbank ff. fortfolgende Fn. Fußnote ggü. gegenüber GuV Gewinn- und Verlustrechnung HGB Handelsgesetzbuch Hrsg. Herausgeber ICAAP Internal Capital Adequacy Assesment Process ID Identity Card - im Zusammenhang mit der Liquidity-Identity-Card i. e. S. im engeren bzw. eigentlichen Sinne i. H. v. in Höhe von IIF Institut for International Finance insb. insbesondere InsO Insolvenzordnung
III
i. V. m. in Verbindung mit i. w. S. im weitesten Sinne KWG Kreditwesengesetz LAB Liquiditätsablaufbilanz LaR Liquidity at Risk LCR Liquidity coverage ratio (Liquiditätsdeckungskennzahl) LiqV Liquiditätsverordnung LZB Laufzeitband MaRisk Mindestanforderungen an das Risikomanagement Mio. Million, Millionen Mrd. Milliarden mtg. monatig mtl. monatlich NSFR Net stable funding ratio (Strukturkennziffer) o. ä. oder ähnlichem o. g. oben genanntem OENB Österreichische Nationalbank OTC Over the Counter s. siehe S. Seite sog. sogenannte SolvV Solvabilitätsverordnung SPV Special Purpose Vehicle (Zweckgesellschaft) SREP Supervisory Review and Evaluation Process SRP Supervisory Review Process Tz. Textziffer u. a. unter anderem Vgl. / vgl. vergleiche VKB Versicherungskammer Bayern WpHG Wertpapierhandelsgesetz z. B. zum Beispiel Zf. Ziffer ZKA Zentraler Kreditausschuss
IV
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1 Interdependenzen des Liquiditätsrisikos zu anderen Bankrisiken
Abbildung 2 Ausprägungen und Komponenten des Liquiditätsrisikos bei Kreditinstituten
Abbildung 3 Verfahren der Liquiditätsverordnung
Abbildung 4 Allgemeiner Ablauf eines Stresstests
Abbildung 5 Die LAB der Mustersparkasse mit dem Stressszenario - starker Abzug von
Einlagen
Abbildung 6 Grafische Darstellung des Stressszenarios - Ausfall bedeutender Kreditnehmer
Abbildung 7 Veranschaulichung der erhöhten Refinanzierungskosten und deren Auswirkung
auf die Liquidität der Mustersparkasse
Abbildung 8 Katalog möglicher Notfallmaßnahmen
V
1. Einleitung und Gang der Untersuchung
Liquiditätsrisiken gehören zu den traditionellen Risiken von Kreditinstituten 1 . Im Hinblick auf ihre grundbezogenen Geschäfte können tatsächliche oder auch nur vermutete Liquiditätsspannungen sehr schnell die Existenz eines Kreditinstituts gefährden, da - wie die Finanzkrise 2007 gezeigt hat - schlagartig Einlagenabzüge bzw. ausbleibende Prolongationen von anderen Instituten und Privatanlegern o. ä. drohen. Verflechtungen untereinander begünstigen, dass auch andere Kreditinstitute und sogar das gesamte Finanzsystem hierdurch Schaden erleiden können, weshalb die Begrenzung von Liquiditätsrisiken zum Kernbestandteil der bankenaufsichtsrechtlichen Regulierung gehört.
In der deutschen Kreditwirtschaft wurde die Liquiditätsrisikosteuerung in der Vergangenheit, verglichen mit dem Management von Erfolgs-/Kreditrisiken, doch deutlich vernachlässigt, was sich u. a. in den bankenaufsichtsrechtlichen Normen und in einer vergleichsweise geringen Anzahl von Publikationen zu diesem Themengebiet zeigt. Allerdings hat sich in den letzten Jahren durch die Liquiditätsverordnung (LiqV) und die erhöhten liquiditätsbezogenen Vorgaben der Mindestanforderungen an das Risikomanagement bereits deutlich gezeigt, dass alle Kreditinstitute dazu aufgefordert werden, sich verstärkt mit der Steuerung dieser Risikokategorie zu beschäftigen. Dabei sind auch die europäischen Initiativen und deren Publikationen zum Thema Liquiditätsrisiko deutlich angestiegen und zeigen damit, wie bedeutend die Liquiditätsrisikosteuerung ist. Zu nennen sind auf internationaler Ebene das Basel Committee on Banking Supervision (BCBS) und das Committee of European Banking Supervisors (CEBS), bei denen nicht zuletzt das Thema Stresstesting und das Simulieren plausibler Szenarien auf der Tagesordnung steht und wurde seit der Finanzkrise 2007 immer weiter durch die Aufsichten vorangetrieben.
In der vorliegenden Arbeit sollen die Besonderheiten der bankbetrieblichen Liquidität dargestellt werden. Dabei spielen die unterschiedlichen Ausprägungsformen von Liquiditätsrisiken und deren Wechselwirkungen mit anderen Bankrisiken eine herausragende Rolle in Kreditinstituten. Welche aufsichtrechtlichen Anforderungen an Institute in Zusammenhang mit dem Liquiditätsrisiko gestellt werden, wird daran anknüpfend aufgezeigt. Ausprägungs-formen von Stresstests in Zusammenhang mit den Liquiditätsrisiken in Kreditinstituten und die Entwicklung von Szenarien sind die Grundlage für die anschließende Simulation von Liquiditätsrisikostresstests am Beispiel einer Sparkasse. Der Liquiditätsnotfallplan und die Integration von Stresstests in der Gesamtbanksteuerung sollen die Arbeit abrunden.
1 In dieser Arbeit sind Institute und Kreditinstitute gleich zu setzen.
1
2. Grundlagen zu bankbetrieblichen Liquiditätsrisiken 2.1 Definitorisches zum Liquiditätsrisikos
Grundlegende Voraussetzung zur erfolgreichen Umsetzung einer Liquiditätsrisikosteuerung ist die eindeutige Abgrenzung des Liquiditätsrisikobegriffs. Da in der Literatur keine einheitliche Begriffsdefinition vorhanden ist, erscheint es sinnvoll, zunächst einen für diese Arbeit gültigen Liquiditätsrisikobegriff abzuleiten. Dies geschieht durch die Definition und Interpretation der Begriffe „Liquidität“ und „Risiko“.
Der Begriff des Risikos ist in den Wirtschaftswissenschaften nicht eindeutig definiert. 2 Vielmehr existieren für den Risikobegriff viele verschiedene Definitionen - häufig jedoch wird der Begriff des Risikos negativ aufgefasst, sodass unter einem Risiko die Möglichkeit einer künftigen ungünstigen Entwicklung verstanden wird 3 und damit einhergehend eine Vermögensminderung zur Folge hat. 4 Wirkungsbezogen wird das Risiko als Abweichung von einem Referenzwert interpretiert. Diese Zielgröße kann sowohl mathematisch-statistischer als auch subjektiver Erwartungen sein. 5 Bezüglich der Schwankungsrichtung wird in der Literatur zwischen positiven Abweichungen als Chance und negativen als Risiko im engeren Sinne unterschieden. 6 Da die Bestimmung der „optimalen Liquidität“ allerdings als ein Optimierungsproblem aufzufassen ist, sind Abweichungen vom Erwartungswert zumeist unvorteilhaft. Der Zusammenhang zwischen den positiven und negativen Abweichungen stellt sich so dar: Hält das Institut eine zu hohe Liquiditätsreserve vor, geht dies zu Lasten der Rentabilität/des Ertrags. Andererseits würde ein Institut jeden Preis für den Erhalt von Liquidität bezahlen, um eine Insolvenz zu vermeiden. 7 Anhang 1 veranschaulicht den Zusammenhang noch einmal. Der Begriff der Liquidität erscheint häufig eindeutig definiert zu sein, allerdings nimmt dieser in der Bankenpraxis verschiedenste Dimensionen an. Grundsätzlich ist zwischen subjektbezogener (bankbezogener oder institutioneller) und objektbezogener Liquidität zu unterscheiden. 8 Unter der subjektivbezogenen Liquidität versteht man, ob ein Institut all seinen Zahlungsverpflichtungen fristgemäß nachkommen kann, somit bezieht es sich im Gegensatz zur objektbezogenen Liquidität auf das Unternehmen als Ganzes und nicht auf einzelne Vermögenspositionen. Zumeist wird unter der Liquidität die kurzfristige Liquidität verstanden, also diejenige Fähigkeit des Instituts, seine Zahlungsansprüche jederzeit erfüllen zu können. Oft wird in diesem Zusammenhang auch die Bezeichnung operative oder dispositive
2 Selbst in den Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk) oder anderen aufsichtsrechtlichen Regelwerken wird der Begriff Risiko nicht definiert. Vgl. Hannemann/Schneider/Hanenberg (2008), S. 90, 91.
3 Vgl. Eggemann/Konrad (2000), S. 504.
4 Vgl. Kremers (2002), S. 36.
5 Vgl. Schulte/Horsch (2002), S. 14 und Pohl (2008), S. 278 ff.
6 Vgl. Schulte/Horsch (2002), S. 14 und Bonn (2002), S. 114.
7 Vgl. Zeranski (2007), S. 5, 81 und Zeranski (2010), S. 226.
8 Vgl. Schierenbeck (2008/Band 2), S. 512
2
Liquidität verwendet. Diese Sichtweise ist absolut notwendig, allerdings deckt sie nur einen Teil dessen ab, wie Liquidität heute unter Instituten verstanden wird. Neben der kurzfristigen muss auch die langfristige (strukturelle) Liquidität bei Kreditinstituten betrachtet werden. 9 Dabei wird unter der strukturellen Liquidität die Fähigkeit des Instituts verstanden, genügend langfristige Refinanzierungsmittel auf der Passivseite aufzunehmen, um die gewünschte Entwicklung auf der Passivseite zu ermöglichen. Seit 2007 wird zur weiteren Differenzierung noch die taktische Liquidität („tactical liquidity“) erwähnt. Hierbei handelt es sich z. B. um das Image des Instituts oder die Pflege zu(m) Händlern /Marktzugang, um im Falle schnell über den Kapitalmarkt liquide Mittel beziehen zu können. 10
Unter der objektbezogenen Liquidität (Produktliquidität) versteht man, dass das Kreditinstitut im Bedarfsfalle über schnell liquidierbare Assets (Vermögensgegenstände) auf der Aktivseite verfügt. Die benötigte Zeit und die bei der Liquidation entstehenden Kosten determinieren dabei die Geldnähe bzw. -höhe des Assets. Je schneller das Asset liquidierbar und je geringer der damit verbundene Wertverlust ist, desto höher ist dessen Liquidität. 11 In der Literatur erfolgt meist eine Klassifizierung der Liquidität nach ihrer individuellen Liquidierbarkeit in Primär- (=Barliquidität, Kassenbestand, Guthaben bei Zentralnotenbanken), Sekundär(=liquide Aktiva, die mit geringen Wertabschlägen zügig veräußerbar sind) und Tertiärliquidität (=Aktiva, die nur mit größerem Wertverlust kurzfristig liquidierbar ist). 12 Die objekt-bezogene Liquidität stellt damit einen Teilaspekt der subjektbezogenen Liquidität dar. Die Liquidität eines Wirtschaftssubjekts setzt sich folglich aus drei bestimmenden Faktoren zusammen. Zuerst hängt sie von der Anzahl an verfügbaren liquiden Vermögensobjekten ab, deren Liquidität sich dadurch kennzeichnet, innerhalb welcher Zeit und mit welchem Wertverlust/Kosten das Objekt zu liquiden Mitteln transformiert werden kann. 13 Somit bezeichnet das Liquiditätsrisiko die Gefahr, dass man gegenwärtigen und zukünftigen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen kann. Der Baseler Ausschuss hat in seinen „Principles for Sound Liquidity Risk Management and Supervision“ den Liquiditätsbegriff definiert als „die Fähigkeit einer Bank, die Ausweitung ihrer Aktiva zu finanzieren und allen fälligen Verpflichtungen nachzukommen, ohne dabei inakzeptable Verluste einzugehen“. Dabei hat sich der Baseler Ausschuss primär mit den o. g. Principles auf die bereits in der
9 Vgl. Schierenbeck (2008/Band 2), S. 516 und Everling/Theodore (2008), S. 256, 257.
10 Vgl. Institute of International Finance (2007), S. 19.
11 Vgl. Moch (2007), S. 6.
12 Vgl. Büschgen (1992), S. 1269, 1401 und 1529, Pohl (2008), S. 200 ff., Zeranski (2010), S. 266, 295, Hannemann/Schneider/Hanenberg (2008), S. 610 und 611 sowie Schierenbeck (2008/Band 2), S. 519.
13 Vgl. Zeranski (2005), S. 14.
3
volkswirtschaftlichen Finanzmarktliteratur genannten „Funding liquidity“ (und somit „funding liquidity risk“ 14 ) und dem „Market liquidity“ („market liquidity risk“) beschäftigt. 15 Grundsätzlich unterliegen sämtliche Unternehmen dem Liquiditätsrisiko 16 , allerdings sind das Risiko und gleichzeitig die aufsichtsrechtlichen Anforderungen bei Kreditinstituten aufgrund ihrer besonderen Aufgabe als Finanzintermediäre und den sich daraus ergebenden Besonderheiten bei den Liquiditätsrisiken deutlich höher. 17 Wie die genannten Darstellungen bereits zeigen, kann es eine eindeutige Definition des Liquiditätsrisikos nicht geben, es gilt stets Unterscheidungen und Definitionen vorzunehmen. 18
2.2 Besonderheiten der bankbetrieblichen Liquidität
2.2.1 Grundsätzliches
In der Vergangenheit war es der Fall, dass das Liquiditätsrisiko nicht als eigenständiges Risiko betrachtet wurde, sondern die Folge von (anderen) schlagend werdenden Risiken war, wie bspw. der Markt- oder Gegenparteirisiken (sog. Erfolgsrisiken) siehe Abbildung 1. 19 Obwohl diese Sichtweise nicht ganz falsch ist, so ist sie aus heutiger Sicht nicht ganz ausreichend, da sie bspw. Verteuerung der Refinanzierung aufgrund von verschiedensten Marktereignissen nicht erfasst. 20 Erfolgs- bzw. Marktrisiken stehen in enger Wechselwirkung mit dem Liquiditätsrisiko des Instituts. 21 So wirken sich vor allem Marktpreis-, Ausfall- (Kreditausfälle) und Vertriebsrisiken am deutlichsten auf die Liquidität aus. 22 Das Marktpreisrisiko umfasst die Gefahr negativer Entwicklungen eines Marktes für das Institut. Hierzu zählen das Aktienkurs-, das Zinsänderungs- und das Währungsrisiko. 23 Ausfallrisiken beziehen sich auf Kredite, Beteiligungen und Eigenanlagen, aber gleichzeitig auf die Bonität des Instituts selbst, die bei einer Verschlechterung zu höheren Refinanzierungskosten führen kann. 24 Unter Vertriebsrisiko versteht man, wenn Kunden ihre Einlagen abziehen, weil sie nicht mehr mit dem
14 Ebenfalls das Institut of International Finance (IIF) legt den Focus auf das Funding Liquidity Risk. Vgl. Institut of International Finance (2007), S. 11.
15 Vgl. Basel Committee on Banking Supervision (2008), Zf. 1 - Fn. 2. und OENB (2009), Finanzmarktstabilitätsbericht, S. 66 Fn. 6.
16 Vgl. Insolvenzordnung §§17, 18 InsO.
17 Vgl. MaRisk (2009), BTR 3 Liquiditätsrisiken, Hannemann/Schneider/Hanenberg (2008), S. 602 und in Zeranski (2007), S. 64.
18 Vgl. Institute of International Finance (2007), S. 19: Jedes Institut soll den Liquiditätsrisikobegriff intern festlegen und abgrenzen. Bei der Suche nach der optimalen Definition des Liquiditätsrisikos wäre es wünschenswert, dass die Definition nach Möglichkeit alle Dimensionen des Liquiditätsrisikos berücksichtigt und sie miteinander verbindet.
19 Vgl. Schierenbeck (2008/Band 2), S. 5-7.
20 Vgl. Bartetzky/Gruber/Wehn (2008), S. 10, 11.
21 Vgl. Bartetzky/Gruber/Wehn (2008), S. 59 und Committee of European Banking Supervisors (2008), S. 12-14 und Hannemann/Schneider/Hanenberg (2008), S. 597.
22 Vgl. Romeike (2010), S. 134, 135.
23 Zu den einzelnen Risiken vgl. Schierenbeck (2008/Band 2), S. 6, 7 und 138 ff. und Bartetzky/Gruber/Wehn (2008), S. 215, 216.
24 Vgl. Bartetzky/Gruber/Wehn (2008), S. 214, 215.
4
Angebot des Instituts zufrieden sind oder Provisionserlöse aufgrund geringerer Abschlüsse durch Kunden ausbleiben.
Nach den verschiedensten aufsichtsrechtlichen Vorschriften wie §11 KWG, Liquiditäts-verordnung, §25a KWG und den Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk), sind Kreditinstitute angehalten und sogar verpflichtet, das Liquiditätsrisiko als eigenständiges Risiko zu erfassen und zu quantifizieren. 26 Ebenfalls fordert der aufsichtsrechtliche Überwachungsprozess im Basel-II-Werk, dass sämtliche wesentlichen Risiken, denen ein Kreditinstitut ausgesetzt wird, berücksichtigt werden sollten. Das Liquiditätsrisiko zählt ebenso hinzu, da die Liquidität für den dauerhaften Bestand jedes Kreditinstituts entscheidend ist. 27
2.2.2 Fristentransformation
Grundsätzlich liegt die Ursache für Liquiditätsrisiken in der bankbetrieblichen Leistungserstellung, insbesondere in der Fristentransformation. 28 Hierunter versteht man, dass bei einer normalen Zinsstrukturkurve ein zusätzlicher Ertrag erwirtschaftet werden kann, indem Gelder auf der Aktivseite längere Laufzeiten haben als auf der Passivseite. 29 Dazu werden langfristige Ausleihungen mit kurzfristigen Einlagen refinanziert. 30 Die Fristentransformation
25 Vgl. Bartetzky/Gruber/Wehn (2008), S. 11.
26 Vgl. §§11, 25a KWG und die sich daraus ableitende Liquiditätsverordnung (LiqV) (2006) und MaRisk (2009), BTR 3.
27 Vgl. Basel Committee on Banking Supervision (2004), Tz. 732, 741.
28 Vgl. Büschgen (1998), S. 897.
29 Vgl. Büschgen (1998), S. 898, dieser schreibt sinngemäß: Dass die Passiva typischerweise eine niedrigere durchschnittliche Vertragslaufzeit aufweisen als die Aktiva.
30 Erläuterungen zur Fristentransformation vgl. Schierenbeck (2003/Band 1), S. 71 ff. und 194 ff..
5
stellt das Hauptmerkmal aller Probleme dar, wenn es um das Liquiditätsthema bei Kreditinstituten geht. 31
2.2.3 Autonome Zahlungen
Eine zusätzliche Unsicherheitskomponente stellen autonome Zahlungen dar. Diese sind aus Sicht der Liquiditätsrisikosteuerung fremdbestimmte (autonome) Ein-, Auszahlungen, deren Höhe und Zeitpunkt bei normalem Geschäftsbetrieb nicht von der Liquiditätssteuerung beeinflussbar sind. 32 Diese resultieren aus den Verfügungs- und Wahlrechten (sogenannte implizite Optionen) der Bankprodukte. Dabei ist für die Liquiditätssteuerung entscheidend, wann und wie hoch der anfallende Zahlungsstrom ist. Es können vier Arten unterschieden werden. Anhang 2 zeigt deterministische (=sichere) Zahlungsströme, welche vorhersehbar sind, hingegen zeichnen sich stochastische (=unsichere) Zahlungsströme durch Informationsdefizite aus. 33 Die in Anhang 2 dargestellten Kategorien zeigen, dass mit der Klasse D die größten Unsicherheiten verbunden sind. Damit einhergehend ist, im Gegensatz zur Klasse A, bei der Zeitpunkt und Höhe des Zahlungsstroms bekannt sind, die Schwierigkeit bei der Liquiditätsplanung. Zudem erhöht die Klasse D das Liquiditätsrisiko vielfach stärker als Klasse B und C.
2.2.4 Vertauensempfindlichkeit
Betrachtet man weiter die o. g. impliziten Optionen bei Bankprodukten, so tritt die Vertrauensempfindlichkeit der bankbetrieblichen Liquidität als weiterer Unterschied zu Nichtbanken hervor. Da Kreditinstitute jederzeit zahlungsfähig sein müssen, haben sie darauf zu achten, dass die Vertrauensbeziehung zwischen Kunden oder Kapitalmarkt nicht verletzt wird. Ein Vertrauensverlust beim Kunden kann zu erheblichen Abflüssen kurzfristiger Mittel führen, im schlimmsten Fall sogar zu einem „bank-run“, einem panikartigen Ansturm der Anleger auf eine oder mehrere Institute. 34 Auslöser eines „bank-run“ können Ereignisse wie bspw. Gewinneinbruch eines Instituts oder Zusammenbrüche anderer Institute sein. 35 Sollte das Vertrauen der Kapitalmärkte verloren gehen, so ist eine Refinanzierung bzw. Beanspruchung mündlich 36 zugesagter Linien nur zu verteuerten Konditionen, im schlimmsten Fall gar
31 Vgl. Brüggestrat (1990), S. 90 und Büschgen (1998), S. 897, 898.
32 Vgl. Zeranski (2010), S. 693.
33 Die Messung kann aufgrund von statistischen oder rationalem Ausübungsverhalten erfolgen.
34 Ein derartiger existenzbedrohender „bank-run“ von Privatanlegern war während der Finanzkrise 2007 bei britischen bzw. amerikanischen Instituten zu beobachten. So z. B. ereignete sich am 13.09.2007 bei der britischen Hypothekenbank Northern Rock ein „bank-run“ auf das Institut. Vom 14. September (Freitag) bis zum 17. September (Montag) hoben die Kunden ca. zwei Milliarden Pfund ab. Vgl. Romeike (2010), S. 31.
35 Vgl. Hartmann-Wendels/Pfingsten/Weber (2007), S. 216.
36 Refinanzierungslinien werden in der Regel nicht schriftlich zugesagt, da das Institut, dass die Linien zusagt hierfür zusätzlich Eigenkapital hinterlegen müssten. Bei einer schriftlichen Zusage ist die Refinanzierung nochmals teuerer, da die Eigenkapitalrendite in die Kondition einkalkuliert wird.
6
nicht mehr möglich. Die Folge wäre, dass sich das Kreditinstitut teurer refinanziert und somit einen Vermögensverlust in kauf nehmen muss. 37 Für Kreditinstitute heißt dies, dass sie ihre Bonität glaubwürdig gegenüber den Kunden signalisieren bzw. kommunizieren müssen und somit Sorge tragen, dass die Vertrauensbasis auch weiterhin „gepflegt“ wird. 38 Gesetzliche Publikationspflichten und deren Inhalt dienen bspw. als Informationsquelle und wirken sich somit direkt, positiv wie negativ, auf die Refinanzierungskosten (Bonitätskosten) aus. 39 Nachdem die Besonderheiten der bankbetrieblichen Liquiditätsrisiken aufgezeigt wurden, sollen die Erscheinungsformen der Liquiditätsrisiken nun näher betrachtet werden.
2.3 Ausprägungen von Liquiditätsrisiken bei Kreditinstituten
Zu Beginn dieses Kapitels werden die unterschiedlichen Erscheinungsformen von Liquiditätsrisiken aufgezeigt (siehe Abbildung 2) und im Anschluss daran erläutert.
Abbildung 2: Ausprägungen und Komponenten des Liquiditätsrisikos bei Kreditinstituten. 40
37 Vgl. Zeranski (2007), S. 65.
38 Vgl. Institute of International Finance (2007), S. 19: “Tactical Liquidity Risk”
39 Vgl. §325 HGB verpflichtet Kapitalunternehmen ihren Jahresabschluss offenzulegen und zunächst einmal im Bundesanzeiger zu veröffentlichen. Des Weiteren verpflichtet §15 WpHG Emittenten von Finanzinstrumenten zu einer besonderen Publizität von sogenannten Ad-hoc-Mitteilungen (Insiderinformationen). Zusätzlich gibt es für bspw. bei der Deutschen Börse AG notierte Unternehmen verschärfte Publizitätspflichten, da diese nochmals eine Unterscheidung in verschiedene Marktsegmente (Prime- und General-Standard) vornimmt.
40 In Anlehnung an Romeike (2010), S. 166 und Bulling/Schlemminger (2010), S. 194, 195. In der Literatur wird oftmals noch das Liquiditätsspannenrisiko genannt. Hierbei handelt es sich um das Marktliquiditätsrisiko und andererseits um das Risiko der Anschlussrefinanzierung. Vgl. Schierenbeck (2008/Band 2), S. 7, 513-515.
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2010, Liquiditätsrisikosteuerung in Kreditinstituten - Stresstests, München, GRIN Verlag GmbH
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