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Inhalt Seite
Einleitung
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1 Identität
6
1.1 Begriffsbestimmung 7
1.2 Persönliche Identität 9
1.3 Kulturelle und kollektive Identität 11
1.4 Nationale Identität 12
2 La cabeza de la hidra
14
2.1 Die Hydra 15
2.2 Kriminalroman, Spionageroman, Thriller
gattungstypische Einordnung 18
2.3 Erzählerische Darbietungsweisen 23
2.4 Die novela circular 32
2.5 Mexikanische Identität 35
2.5.1 El mestizaje, la mexicanidad und la soledad
37
2&DUORV)XHQWHVµhEHUOHJXQJHQ]XUPH[LNDQLVFKHQ,GHQWLWlW 39
2.5.3 Machismo
42
2.5.4 La Malinche und La Virgen de Guadalupe
46
2.6 Jüdische Identität 50
2.7 Die Identitäten des Protagonisten Félix Maldonado 56
2.7.1 Félix Maldonado
57
2.7.2 Félix Maldonado als Diego Velázquez
64
2.7.3 Verdopplung und Vervielfältigung
67
2.8 Identitätsprägende Figuren im Roman 75
2.8.1 Bernstein
76
2.8.2 Director General
78
2.9 Das Motiv der Maske und der Gesichtslosigkeit 87
2.10 Resümee 91
3 Fazit 94
Literaturverzeichnis 96
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Creer que no tenemos identidad es una forma precopernicana de vivir el universo. Es darnos un pretexto para no pasar de la identidad adquirida a la diversidad por conquistar. Allí es donde la identidad nacional y la identidad personal se convierten en desafío creativo. Conquistemos la diversidad política, religiosa, sexual, cultural. 1
Einleitung
Jedes Individuum, jedes Kollektiv und jede Nation besitzt eine Identität. Derjenige, der glaubt, keine zu haben, vertritt eine veraltete Denkweise. Diese Anschauung ist vergleichbar mit dem geozentrischen Weltbild, dem Weltbild vor Kopernikus, bei dem die Erde als Zentrum des Universums betrachtet wurde. Damals ging man davon aus, dass sich Mond, Sonne und Planeten um die Erde bewegen. Im Gegensatz hierzu steht das heliozentrische Weltbild, zu dessen Entstehung Kopernikus die Vorarbeiten leistete. Das heliozentrische Weltbild basiert auf der Annahme, dass die Planeten die Sonne umkreisen.
Ähnlich ist es auch mit der Identität: Das Individuum steht nicht im Zentrum des Universums, sondern wird von seiner sozialen Umwelt mit geprägt, wobei sich Identität nicht nur auf die persönliche Identität bezieht. Die persönliche Identität definiert sich u. a. durch die kollektive Identität und diese besteht wiederum, neben weiteren, aus den Kategorien, die Fuentes in oben angeführtem Zitat nennt: Politik, Religion, Sexualität und Kultur. Es gilt also, die politische, religiöse, sexuelle und kulturelle Diversität zu entdecken, um sich selbst zu definieren.
'HU3URWDJRQLVWLQ&DUORV)XHQWHVµ5RPDQLa cabeza de la hidra unternimmt mehrfach den Versuch, sich selbst zu definieren. Er stellt sich einer großen Herausforderung, da seine Versuche, die Diversitäten zu entdecken, durch gezielte Maßnahmen der Außenwelt erschwert und sogar verhindert werden. Im Roman wirken insbesondere die Chefs dreier Spionageorganisationen auf den Protagonisten ein und beeinflussen ihn unbewusst so stark, dass er eine instabile Identität entwickelt. Zudem wird die Identität des Protagonisten durch den mexikanischen Kulturkreis geprägt, in dem er lebt und aufgewachsen ist.
Aufgrund des besonderen Stellenwerts der Identitätsprägung für den Roman wird in dieser Arbeit der Fokus auf die dort dargestellten Identitätsentwürfe gelegt. Ein
1 Fuentes (2008:186-187).
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wesentliches Augenmerk wird dabei auf den Protagonisten Félix Maldonado gerichtet, wobei dennoch andere identitätsprägende Figuren nicht außer Acht gelassen werden.
Kapitel 1 beginnt mit einer Begriffsbestimmung des Terminus Identität, da ein genaues Begriffsverständnis Voraussetzung für die Analyse der Identitätsentwürfe ist. Es wird zwischen persönlicher, kultureller, kollektiver und nationaler Identität unterschieden.
Kapitel 2 befasst sich mit dem Roman La cabeza de la hidra. Um dem Leser den Einstieg in den Roman zu erleichtern, wird der Inhalt kurz dargestellt und anschließend näher auf die symbolische Bedeutung der Hydra eingegangen. Danach erfolgt eine eingehende Untersuchung aller in Frage kommenden Genres, um im Anschluss daran eine gattungstypische Einordnung vornehmen zu können. Nach Betrachtung der erzählerischen Darbietungsweise wird die Besonderheit der novela circular im Roman detailliert herausgearbeitet. Kapitel 2.5 beleuchtet die mexikanische Identität, denn sie übt auf die persönliche Identitätsprägung der Mexikaner einen entscheidenden Einfluss aus. Jede Gesellschaft hat ihre eigenen Werte, die sie dem Individuum durch Institutionen vermittelt und so seine Prägung in nicht unerheblicher Weise beeinflusst.
Neben der mexikanischen Identität kommt auch der jüdischen Identität ein besonderer Stellenwert im Roman zu, sodass auch diese ausführlich untersucht wird. Eine weitere praktische Analyse von Identitätsentwürfen erfolgt schließlich durch die eingehende Betrachtung des Protagonisten Félix Maldonado und der ihn umgebenden und prägenden Figuren. Da das Maskenmotiv und das Motiv der Gesichtslosigkeit im Roman eine wichtige Rolle spielen, werden auch diese näher analysiert.
Eine kurze Zusammenfassung der erarbeiteten Erkenntnisse mit abschließender Bewertung schließt diese Arbeit ab.
1 Identität
Identitätsentwürfe in einem Roman zu analysieren, erfordert umfangreiche Kenntnisse darüber, was Identität ausmacht. In diesem Zusammenhang müssen psychologische und soziologische Ansätze berücksichtigt werden. Betrachtet man diese Ansätze näher, so wird schnell deutlich, dass es keine eindeutige Definition von Identität gibt. Zudem wird die Begrifflichkeit unterschiedlich verwendet, was beim Leser zur Verwirrung führen kann.
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'LH$XVHLQDQGHUVHW]XQJPLWGHU,GHQWLWlWLVWHLQNRPSOH[HV7KHPDÄ'LHYHUVFKLHGHQHQ Dimensionen von Identität, personale, kollektive, soziale und kulturelle Identität, sind schwer miteinander in Beziehung zu bringen, da sie an der Schnittstelle von mikro- und PDNURVR]LRORJLVFKHU 7KHRULH OLHJHQ´ 2 Aufgrund der Vielzahl der verschiedenen Ansätze und der Komplexität des Themas werden in dieser Arbeit lediglich die wichtigsten Grundmodelle in vereinfachter Form angeschnitten. Eine detaillierte Darstellungsweise würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen und ist zur Analyse des Themas nicht notwendig.
1.1 Begriffsbestimmung
Der Begriff der Identität wird im Deutschen aus dem spätlateinischen identitas abgeleitet, was Wesenseinheit bedeutet. 3 Anfänglich wurde der Identitätsbegriff lediglich in der Mathematik, Philosophie und Logik benutzt, heutzutage findet man ihn ebenfalls in der Psychologie, Sozialpsychologie und Soziologie.
Deutsch definiert Identität DOVÄ$QZHQGEDUNHLWYRQ(ULQQHUXQJHQ´ 4 . Hier wird deutlich, dass das Ich von der Vergangenheit geprägt wird. Außerdem muss sich das Individuum selbst wahrnehmen können. Identität bedeutet dabei nicht ein starres Selbstbild, sondern HUJLEW VLFK YLHOPHKU ÄDXV HLQHU %alance zwischen widersprüchlichen Erwartungen, $QIRUGHUXQJHQXQG%HGUIQLVVHQDQGHUHU3HUVRQHQVRZLHGHVÄ,FKV´ >«@³ 5
In der Psychologie geht der Begriff der Identität auf Freud zurück. Freud vertritt die These, dass sich Kinder auf Personen oder äußere Objekte beziehen, wie etwa das Über-Ich der Eltern. Er geht davon aus, dass jedes Individuum in seiner psychischen Struktur einen inneren Kern besitzt, wobei die psychische Struktur eine durchgängige Identität aufweist. 6 Diese psychodynamische Theorie der Identifikation nach Freud ist substantialistisch.
Einen ähnlichen Ansatz vertritt Erikson, der davon ausgeht, dass die Identität im Kern des Individuums und zusätzlich in der Kultur eines Individuums angesiedelt ist.
2 Sauter de Maihold (1995:55).
3 Vgl. Knoblauch (2004:47).
4 Deutsch, zit. in Sauter de Maihold (1995:55).
5 Vgl. Sauter de Maihold (1995:55).
6 Vgl. Knoblauch (2004:47).
8
Identität verbindet somit die Kultur mit dem Kern des Individuums. 7
Der amerikanische Psychologe William James vertritt eine andere Theorie. Er versucht, Identität intersubjektiv und nicht substantialistisch ]XGHILQLHUHQÄ,GHQWLWlWPHLQWGDVV sich jemand als von anderen anerkannt erfährt. Identität ist das Ergebnis eines sozialen 3UR]HVVHV´ 8
Diesen Ansatz macht sich George Herbert Mead zu Nutze, arbeitet ihn weiter aus und nimmt eine Unterscheidung der Identität in drei Begriffe vor: I, Me und Self. Das I und das Me arbeiten zusammen. In ihrer Interaktion koordinieren sie gleichzeitig Handlungen und bilden Identitäten. Das I, das beobachtbare Ich, steht für Spontaneität und Kreativität, für das persönliche, innere Ich. Das I ist nicht objektiv, sondern es ist die Reaktion auf die Rollenerwartung, die andere an diese Person haben. Das Me steht für das Äußere, für die Beurteilung durch die Umwelt, das heißt die Gesellschaft. Es setzt sich aus der Vorstellung und den Erwartungen, die andere an das Me stellen, zusammen. 9 (VLVWGLHÄ%HZHUWXQJVLQVWDQ]IUGLH6WUXNWXULHUXQJGHUVSRQWDQHQ,PSXOVH VRZLH GLH (UZDUWXQJHQ GHU LQWHUDJLHUHQGHQ 3HUVRQHQ >«@´ 10 und betrifft somit den sozialen Aspekt der Identität. Das I befindet sich mit mehreren Mes in einem ständigen Kontakt, sodass deren Erwartungen in das entstehende Selbstbild integriert werden. Ist diese Synthese gelungen, wird sie als Self bezeichnet. Dieses Self stellt wiederum die Identität dar 11 und setzt voraus, dass die Einstellung der Gruppe angenommen wird. Dies geschieht durch Kommunikation, wobei als Kommunikationsmittel Symbole, wie Sprache und Gesten, dienen. 12
Im Laufe des Lebens bleibt die eigene Identität nicht immer gleich, sondern verändert sich, das heißt, es findet ein aktiver Prozess statt. Möchte man Identitätsprobleme GXUFKOHXFKWHQLVW]XEHDFKWHQGDVVPDQYRQ,GHQWLWlWHQVSULFKWGLHÄVLFKDOV5HIOH[GHV
,QGLYLGXXPVDXIGLH9HUKDOWHQVHUZDUWXQJDQGHUHUHUJHEHQ´ 13 So ist die Reflexion der Fremd- und Selbstwahrnehmung des Individuums und seiner Umwelt für die Schaffung der Identität verantwortlich.
7 Vgl. Knoblauch (2004:47).
8 Ebd. (47).
9 Vgl. ebd. (47).
10 Sauter de Maihold (1995:57).
11 Vgl. ebd. (57).
12 Ebd. (57).
13 Ebd. (58).
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Eving Goffman führt das Konzept Meads weiter aus, indem er zwischen drei Identitäten unterscheidet: soziale, persönliche und Ich-Identität. Goffman definiert soziale Identität als ein soziales Phänomen, wobei die Gesellschaft für die Bewertung einer Person zuständig ist. Die soziale Identität unterteilt Goffman in eine aktuale (bewiesene) und eine virtuale (zugeschriebene) soziale Identität. Persönliche Identität sieht er ebenfalls als soziales Phänomen an. Name, Ausweis, Fingerabdrücke etc. sind für die Einzigartigkeit einer Person verantwortlich und machen sie somit unverwechselbar und einmalig. Die Ich-Identität bezieht sich auf die subjektive Empfindung der eigenen Situation der Person sowie ihrer Eigenart und eigenen Kontinuität. 14 Als
Ä(QWZLFNOXQJVVWXIH LP 6R]LDOLVDWLRQVSUR]HVV HLQH (WDSSH GLH PLW GHQ IU GDV
-XJHQGDOWHU W\SLVFKHQ .ULVHQ DEJHVFKORVVHQ LVW´ 15 wird sie mit Abschluss der Adoleszenz erreicht. Wobei dennoch die Ausbildung der Identität dann noch nicht beendet ist: Die Kontinuität der Identität kann angezweifelt werden, und das Individuum kann von der ihm zugeschriebenen Rollenerwartung kurzfristig abweichen. Dies ist immer dann der Fall, wenn sich das Individuum in einer Krisenlage befindet. Es kommt dann häufig vor, dass das Individuum neue Identitäten annimmt und diese repräsentiert. 16
1.2 Persönliche Identität
Der Begriff persönliche Identität ZXUGHODQJH =HLW ÄYRP DEHQGOlQGLVFKHQ %HJULII GHV Subjekts und dem bürgerlichen Verständnis des autonomen Individuums geprägt >«@´ 17 )DFKNUHLVH NULWLVLHUWHQ DQ GLHVHU 6LFKWZHLVH GDVV GLHVH ÄHWKQR]HQWULVFKHQ
9RUVWHOOXQJHQ´QLFKWIUDOOH.XOWXUHQJHOWHQ.QREODXFKXQWHUQLPPWGHQ9HUVXFKHLQHV anthropologischen Ansatzes zur Definition der persönlichen Identität. Seiner Meinung QDFK OLHJW GLH SHUV|QOLFKH ,GHQWLWlW ÄLP HQRUP KRKHQ *UDG GHU ,QGLYLGXLHUXQJ GHU
HLQ]HOQHQ:HVHQLQQHUKDOEGHU*DWWXQJ0HQVFK´ 18 begründet. Es muss sich dabei nicht nur um Menschen handeln; dieser Ansatz kann auch beispielsweise auf Schimpansen angewandt werden, so Knoblauch.
Die persönliche Identität setzt Individuierung voraus. Individuierung meint das
14 Vgl. Knoblauch (2004:47).
15 Sauter de Maihold (1995:59).
16 Vgl. ebd. (57-58).
17 Knoblauch (2000:201).
18 Ebd. (201).
10
Erkennen, Wiedererkennen und die entsprechende Behandlung einzelner Wesen, denen wiederum Handlungen zugeschrieben werden, für die das einzelne Wesen Verantwortung zu übernehmen hat. 19 Individuierung ist jedoch nicht mit Individualität zu verwechseln.
Zur Zuordnung von Handlungen ist ein weiteres Kriterium erforderlich. Knoblauch bezieht sich in diesem Zusammenhang auf Luckmann, der die Handlungssteuerung durch den Organismus selbst als wichtiges Kriterium für die Individuierung sieht. Durch die Fähigkeit der Selbststeuerung wird Kommunikation möglich. Erst wenn beide Kriterien (Zuschreibung von Handlungen und Selbststeuerung von Verhalten) erfüllt sind, spricht man, so Knoblauch, von persönlicher Identität. Es findet ein GLDOHNWLVFKHV:HFKVHOVSLHO]ZLVFKHQEHLGHQ.ULWHULHQVWDWWÄGDVVLFK± auf der Seite des Bewusstseins ± als Intersubjektivität und ± auf der Seite der wissenschaftlichen Beobachtung ± DOV .RPPXQLNDWLRQ lXHUW´ 20 Gesellschaften versuchen bewusst, die persönliche Identität zu prägen:
Insbesondere Weltansichten, symbolische Legitimationen und religiöse Deutungsmuster dienen dazu, eine bestimmte persönliche Identität aufzubauen, zu prägen und zu stützen. 21
Gesellschaften versuchen bewusst, die persönliche Identität zu prägen, indem sie hierfür soziale Institutionen zur Verfügung stellen. Fachleute der jeweiligen Gesellschaften vermitteln diese Werte, die je nach gesellschaftlicher Struktur verschieden sind, an das Individuum. Dies geschieht durch kommunikative Formen und durch die Einrichtung gesellschaftlicher und religiöser Institutionen. Auf diese Weise wird die persönliche Identität geprägt. Die Institutionen (die Familie als private Institution eingeschlossen) können Personengruppen, wie z. B. Jugendlichen, Männern oder Frauen, unterschiedliche Kenntnisse vermitteln. 22
Ein markantes Phänomen der modernen Gesellschaft ist die Verminderung der Wichtigkeit der persönlichen Identität. Dies liegt begründet in einer neuen Ausrichtung nach Funktionen bzw. Teilsystemen, wie z. B. die Rationalisierung als extreme Form, die darauf abzielt, die persönliche Identität der Handelnden austauschbar zu machen
19 Vgl. Knoblauch (2000:201).
20 Knoblauch (2004:50).
21 Knoblauch (2000:202).
22 Vgl. ebd. (202-203).
11
oder diese als nicht mehr so wichtig anzusehen:
Wenn jedoch die Verrichtungen in den meisten institutionellen Bereichen entpersönlicht werden, dann wird auch die persönliche Identität nicht mehr entscheidend von ihnen geformt. 23
So unterscheidet sich die persönliche Identität der Hochkulturen, die durch deutlich zentralisierte Institutionen geprägt wird, erheblich von der persönlichen Kultur einer modernen Gesellschaft.
Larraín legt in seinem Werk Identity and Modernity in Latin America dar, dass die meisten Individuen einer Gruppe bei der Bildung der persönlichen Identität ein Gruppenzugehörigkeitsgefühl entwickeln oder spezielle Gruppenmerkmale aufweisen, ZLH ÄUHOLJLRQ SURIHVVLRQ JHQGHU FODVV HWKQLFLW\ VH[XDOLW\ QDWLRQDOLW\ >«@´ 24 Diese Kategorien sind kulturell bestimmt und tragen in besonderem Maße dazu bei, die persönliche Identität zu bilden. Alle persönlichen Identitäten sind folglich in einem kulturell geprägten kollektiven Kontext verwurzelt. 25 Jede Kategorie, die das Individuum mit anderen teilt, ist eine kulturelle Identität. Zu den kulturellen Identitäten, die heutzutage den größten Einfluss auf die Bildung der persönlichen Identität haben, zählen: die Gesellschaftsschicht, der Beruf und die nationale Identität. 26 Auch die Einstellung eines Individuums zu Besitzgütern und seine Einkaufs- und Konsumgewohnheiten werden kulturell bestimmt. 27
1.3 Kulturelle und kollektive Identität
Persönliche und kollektive Identität stehen in einer Wechselbeziehung zueinander: Ä7KHUH FDQQRW EH SHUVRQDO LGHQWLWLHV ZLWKRXW FROOHFWLYH LGHQWLWLHV DQG YLFH YHUVD´ 28 Larraín bezeichnet die Kategorien Nationalität, Geschlecht, Sexualität, Ethnizität, Gesellschaftsklasse etc. als kulturelle Identitäten. Einige Experten verwenden auch den Begriff der kollektiven Identität für diese Kategorien. Larraín bevorzugt jedoch, ebenso wie Stuart Hall, die Bezeichnung kulturelle Identität, da die kollektiven Formen der
23 Knoblauch (2000:203).
24 Larraín (2000:24).
25 Vgl. ebd. (24).
26 Vgl. ebd. (25).
27 Vgl. ebd. (25).
28 Larraín (2000:30).
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Identität sich seines Erachtens auf kulturell definierte Merkmale beziehen, die eine Gemeinsamkeit von Gruppenmitgliedern der jeweiligen Kategorie darstellen. 29
Thus being Chilean or British makes us belong to a collective, it makes us part of a group that could be identified by some specific features. 30
Eine kollektive Identität weist jedoch im Gegensatz zur persönlichen Identität keinen Charakter bzw. keine festgelegten psychologischen Merkmale auf. Die Anthropologie geht von dem Gedanken aus, dass Individuen einer bestimmten Gesellschaft eine gemeinsame Charakterstruktur besitzen, die durch eine Reihe von psychologischen Merkmalen beschrieben werden kann. Auch in Lateinamerika gibt es viele Studien zum Thema Nationalcharakter. So schreibt zum Beispiel Maritza Montero den Venezolanern drei positive Eigenschaften: Egalitarismus, Mut und Großzügigkeit 31 , gegenüber sieben negativen Eigenschaften zu: Faulheit, Passivität, Emotionslosigkeit, Autoritarismus, Gewalt, Pessimismus sowie fehlendes Geschichtsbewusstsein. 32 Da diese Charaktereigenschaften jedoch nicht für alle Mitglieder der Gesellschaft gelten, darf, so Larraín, nicht von einem Nationalcharakter gesprochen werden. Es handele sich hier vielmehr um übertriebene Generalisierungen:
These listings of psychological features supposedly belonging to a national character show their own inadequacy inasmuch as the features are patently not shared by everyone in those societies. It would be rash even to say that they are shared by a majority of a nation. 33
So versucht Larraín, den Begriff Nationalcharakter zu umgehen und untersucht die Möglichkeiten, die einer Nation zur Verfügung stehen, um eine nationale Identität zu prägen.
1.4 Nationale Identität
Bei der Identitätsdiskussion hat die kulturelle Identität einer Nation eine besondere Bedeutung, denn durch sie wird erreicht, dass sich ihre Mitglieder langfristig an sie
29 Vgl. Larraín (2000:31).
30 Ebd. (31).
31 Vgl. ebd. (32).
32 Vgl. ebd. (32).
33 Ebd. (32).
13
binden. Die Nation weist den Weg zu Kontinuität und Unsterblichkeit, wobei die Identifizierung eines Individuums mit einer Nation u. a. dadurch zustande kommt, dass ihre Geschichte immer wieder erzählt wird und so der Fortbestand der Vergangenheit gewährleistet ist. Die Zeitlosigkeit der Ursprünge und Traditionen bietet einen weiteren Grund dafür, dass sich das Individuum mit der Nation identifiziert. 34 Dies geschieht meistens durch Mythen.
Die nationale Identität besteht aus zwei kulturellen Faktoren: einen Faktor stellt der öffentliche Bereich dar und den zweiten der private Bereich. Hierbei besteht einerseits der öffentliche Bereich aus Kulturbeauftragten und Institutionen, wie Universitäten, Massenmedien, Forschungsinstitute etc., die nur sorgfältig ausgearbeitete Informationen verbreiten. Andererseits besteht der private Bereich aus der alltäglichen Konversation der Individuen und umfasst Lebensarten und Lebensgefühle, welche die nationale Identität repräsentieren. Nach der öffentlichen Version gibt es nur eine Wahrheit über GLH ÄQDWUOLFKH´ (QWVWHKXQJ GHU QDWLRQDOHQ ,GHQWLWlW HLQHU 1DWLRQ 'D MHGRFK GLH Möglichkeit der Existenz anderer Versionen durchaus besteht, führt dies unweigerlich zu Konflikten:
A national identity is always, therefore, a terrain of conflict. The idea of a national identity is normally constructed around the interests and worldviews of dominant classes or groups in society through a variety of cultural institutions such as the media, educational, religious and military institutions, state apparatuses, etc. 35
So wird die nationale Identität u. a. von denjenigen geprägt, die auf eine Nation großen Einfluss ausüben, wie z. B. der Staatsapparat, als politische Institution, oder die Massenmedien. Nationalfeiertage, das Pflegen von Traditionen, Militärparaden und vieles mehr sind Bräuche, die der Staatsapparat dem Volk außerdem zur nationalen Identitätsfindung anbietet. Das Volk nimmt keine Selektion anhand einer einzigen Version vor, kulturelle Bräuche und Praktiken sind vielmehr vielfältig. Das Individuum wird durch die öffentliche Version darin beeinflusst, wie es sich selbst sieht und wie es sich verhält. Bevor es die öffentliche Version annimmt, wird diese jedoch einer Prüfung durch das Individuum selbst unterzogen. 36 Es findet nach dem Ansatz von Larraín eine Wechselbeziehung zwischen dem öffentlichen und dem privaten Bereich statt:
34 Vgl. Larraín (2000:34).
35 Ebd. (35).
36 Vgl. ebd. (35-36).
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The historical-structural version conceives of [sic] identity as a dynamic interrelation of the public and private poles, the two necessary moments of a circular process of mutual interaction. 37
Nachdem der Terminus Identität erörtert wurde, wird nun im nachfolgenden Kapitel 2 auf die Identitätsentwürfe, gemeint sind hier Identitätskonzepte, in La cabeza de la hidra von Carlos Fuentes intensiv eingegangen. Zum besseren Verständnis der zu behandelnden Thematik werden vorab Informationen zum Inhalt, Genre, zu den erzählerischen Darbietungsweisen des Romans und zur Besonderheit der novela circular geliefert.
2 La cabeza de la hidra
Der von Carlos Fuentes verfasste Roman La cabeza de la hidra (1978) ist gespickt mit 6SLRQDJH 9HUVWULFNXQJ ,QWULJHQ XQG *HZDOW (U ZLUG YRQ .ULWLNHUQ ÄDOV ORVJHO|VWHU Roman im Gesamtwerk von Fuentes eingestuft, da er eher der Sparte eines 'HWHNWLYWKULOOHUV DOV GHU GHU DQVSUXFKVYROOHQ 5RPDQH ]X]XRUGQHQ LVW >«@´ 38 Dadurch spricht er ein breites Publikum an, einschließlich der anspruchsvollen Leserschaft )XHQWHVµ 'LH LP 5RPDQ behandelten Themen sind sozialer, wirtschaftlicher und politischer Natur und es finden sich darüber hinaus Reflexionen zu Mexiko, la mexicanidad, und zur persönlichen und nationalen Identität wieder.
Félix Maldonado, die Hauptfigur des Romans, ist ein mexikanischer Regierungsbeamter im Ministerium für Industrieförderung. Durch seine Heirat mit Ruth ist er zum jüdischen Glauben konvertiert. Gleichzeitig führt er eine platonische Beziehung mit Sara Klein, einer Jüdin, und eine sexuelle mit Mary Benjamin, ebenfalls Jüdin. Er hat von Anfang an mehrere Identitäten: eine als Regierungsbeamter, eine als Spion bei einer mexikanischen Spionageorganisation und eine unter dem Namen des spanischen Malers Diego Velázquez.
Durch eine Reihe internationaler politischer Intrigen wird er zur Marionette dreier Spionageorganisationen. Eine dieser Organisationen ist die seines früheren Studienfreundes mit dem Decknamen Timón de Atenas, für den er arbeitet. Maldonado geht davon aus, dass Timón lediglich mexikanische Interessen vertritt. Es geht hier
37 Larraín (2000:38).
38 Sauter de Maihold (1995:195).
15
insbesondere um die nationalen Ölreserven, von denen alle Mexikaner profitieren sollen. In Wirklichkeit ist Timón jedoch Triple Agent und arbeitet für die Mexikaner und für die Araber in Houston sowie für die Israelis in New York.
Eine zweite Spionageorganisation im Roman ist die des Director General, der einen misslungenen Mordanschlag auf den mexikanischen Präsidenten in Auftrag gibt und Maldonado des versuchten Attentats beschuldigt. Der Director General arbeitet für die Araber in Houston, war vorher im Dienst der Israelis und auch bereits für den KGB und die CIA tätig.
Die dritte Organisation besteht aus israelischen Agenten, deren Aufgabe es ist, Informationen über die mexikanischen Erdölvorräte zu beschaffen. Zu ihnen gehört Maldonados ehemaliger Wirtschaftsprofessor Bernstein, der im Besitz eines wertvollen Rings ist, einem Zauberring mit einem Glasstein, der eine Vielzahl von Bildern in Form von Holographien speichern kann. Wird der Stein gedreht, zeigt er die genaue Lage sämtlicher mexikanischer Ölreserven samt der Darstellung wichtiger wissenschaftlicher Berechnungen an.
Alle Romanfiguren, die wie rein zufällig am Anfang zu Maldonado in das Taxi steigen, entpuppen sich im weiteren Verlauf des Romans als Spione. So wie er beginnt, endet der Roman auch: mit einer Taxifahrt mit den gleichen Insassen wie zu Beginn.
2.1 Die Hydra
Dem Titel des Romans hat Fuentes eine besondere Bedeutung zukommen lassen, indem er auf die griechische Mythologie zurückgreift. Die Hydra ist ein Schlangenungeheuer mit zumeist neun Köpfen. Sie wird auch Lernäische Schlange genannt. Der Mythos EHVDJW GDVV VLH LQ GHQ 6PSIHQ YRQ /HUQD OHEWH 'LH +\GUD VWHKW DOV Ä6LQQELOG IU
Schwierigkeiten und Hindernisse, die sich im Verlauf der Bewältigung vervielfachen.´ 39 Es gibt eine weitere Deutung, die besagt, dass die Köpfe für Lasterhaftigkeit und Untugend stehen, die nach dem Köpfen wieder nachwachsen. 40
Die Bezwingung der Hydra war eine der zwölf Aufgaben, die Herakles (Hercules) als Strafe von König Eurystheus auferlegt wurdenÄQDFKGHP+HUDNOHVLP:DKQVLQQVHLQH
39 Becker (1992:135).
40 Vgl. Chevalier/Gheerbrant (1996:534-535).
16
)DPLOLH HUVFKODJHQ KDWWH³ 41 Sobald er jedoch einen Kopf abschlug, wuchsen je zwei neue nach. Schließlich brannte er die Halsstümpfe mit einer Fackel aus und verhinderte so ein Nachwachsen neuer Köpfe. 42
Für Fuentes ist der Mythos von besonderer Wichtigkeit, da er sich mit der 9HUJDQJHQKHLW DXVHLQDQGHUVHW]W Ä'HP 0\WKRV ZLUG VRPLW GLH $XIJDEH JHVWHOOW GLH
,GHQWLWlWHLQHVJDQ]HQ.RQWLQHQWV]XYHUN|USHUQXQGLKU$XVGUXFN]XYHUOHLKHQ´ 43 Der Kontakt mit der Hydra bedeutet jedoch mehr als nur eine Vervielfältigung der Schwierigkeiten. Er bedeutet sinnbildlich Korruption:
>«@FRQWDFWZLWKYLFHDQGLWVFRQVHTXHQFHVDUHFRUUXSWLQJDQGFRUUXSWHG 44
)XHQWHVµ7LWHOZDKOLVWJXWGXUFKGDFKW&RUQHLOOHLQVSLULHUW)XHQWes bei der Auswahl des Titels. Seine Worte werden vom Director General zitiert, von Fuentes aus dem Französischen ins Spanische übersetzt und als Fußnote dem Roman hinzugefügt:
>«@ 3DUD PL UXLQD UHVHUYD 5RPD XQD KLGUD GHPDVLDGR IpUWLO GH XQD FDEH]D FRUWDda habrán de renacer mil. Cinna, iv, 2, 25. 45
Die Hydra taucht im Roman an zwei Stellen im Zusammenhang mit einem Adler auf. Die erste ist die, in der der Fahrstuhlführer eine 1-Peso-Münze in der Hand hält und sie versunken anstarrt. Die Münze zeigt das Abbild eines Adlers, der eine Schlange verschlingt. Die gleiche Szene ist auch auf dem mexikanischen Wappen abgebildet. 46 In der zweiten Stelle erklärt der Director General die Bedeutung des Adlers, der nach seiner Beschreibung zwei Köpfe besitzt. Der Director General erläutert, dass ein Kopf symbolisch für die CIA steht und der andere den KGB darstellt. Anstelle der Schlange ist die ÄKLGUDGHQXHVWUDVSDVLRQHV³ 47 in den Krallen des Adlers gefangen. 48 Die Hydra der Leidenschaft steht symbolisch für das Spionagenetz: 49
41 Saunders (2004:59).
42 Ebd. (59-60).
43 Sauter de Maihold (1995:107).
44 Chevalier/Gheerbrant (1996:535).
45 Fuentes (2007:318).
46 Vgl. ebd. (40).
47 Ebd. (429).
48 Vgl. ebd. (429).
49 Vgl. Jansen (1981:186).
17
Timón y Maldonado, son cabezas de hidra cuya aniquilación dará lugar a muchas más: siempre habrá defensores de la nacionalidad. 50
Hat man sich einmal in dem Netz verfangen, gibt es kein Entkommen. 51 So durchzieht das Symbol der Hydra den ganzen Roman und kann somit als Leitmotiv betrachtet werden.
Die symbolische Hydra steht darüber hinaus für die Vermehrung des Erdöls:
Como la hidra, el petróleo renace multiplicado de una sola cabeza cortada. Semen oscuro de una tierra de esperanzas y traiciones parejas, fecunda los reinos de la Malinche bajo las voces mudas de los Astros y sus presagios nocturnos. 52
Diese Vermehrung birgt jedoch auch eine große Gefahr, denn sie kann zur Strangulierung der nationalen Identität führen. 53 Die Hydra iP 5RPDQ )XHQWHVµ VWHKW demnach sinnbildlich für politische Korruption und Spionage, der man nicht entkommen kann, ist man einmal darin verwickelt. Der Adler könnte aber eine weitere Bedeutung haben neben der Symbolisierung der CIA und des KGB. Er könnte für das mexikanische Volk stehen. Nur der Adler kann die Hydra bezwingen, genauso wie er auf dem mexikanischen Nationalwappen die Schlange verspeist. Folglich könnte er für ein starkes Mexiko stehen, das Korruption und Spionage bekämpft. 54
Nach Pérez Blanco übt Fuentes in seinem Roman Kritik an den Weltmächten. Die Hydra steht als Symbol für die Macht, die die beiden einflussreichen Staaten USA und die ehemalige UdSSR innehaben. Diese Macht wird durch alle anderen Staaten, wie z.B. Deutschland, Israel, die arabischen Staaten, Palästina, England, Frankreich, Chile, Mexiko, etc., potenziert. Eine weitere Potenzierung erfolgt durch die einzelnen dazugehörigen Menschen. Den Aufbau der Hydra kann man sich hierbei als Pyramide vorstellen. 55
Nachdem nun umfassend auf die Bedeutung der Hydra eingegangen wurde, wird nachfolgend das Genre des vorliegenden Romans näher beleuchtet.
50 Negrín (2002:42).
51 Vgl. Jansen (1981:186).
52 Fuentes (2007:445).
53 Vgl. Gyurko (1981:263).
54 Weiter ausgeführter Gedanke in Anlehnung an Gyurko (1980:44).
55 Vgl. Pérez Blanco (1978:209 und 214).
18
2.2 Kriminalroman, Spionageroman, Thriller ± gattungstypische Einordnung
La cabeza de la hidra stellt eine Besonderheit im Gesamtwerk FuenWHVµ GDU ZHLO GHU Roman von Literaturkritikern als leichtere, unterhaltsame Lektüre eingestuft wird. 56 Der Autor schlägt in seinem Werk neue Wege ein, da es sich hier um einen Action-Roman voller Intrigen, Verbrechen und Spionagehandlungen handelt, gekoppelt mit einer Portion Humor. Hinzu kommt die ausgefallene, eigenwillige Struktur des Romans (siehe 2.4).
Pérez Blanco unternimmt den größten Schritt bei der Einstufung des Werks und bezeichnet La cabeza de la hidra als novela-ensayo 57 , als einen Versuchs-Roman. Da der Roman von Spionage, Verbrechen und Intrigen handelt, liegt eine Einordnung als Spionage- oder auch als Kriminalroman nahe. Es könnte sich aber ebenso um einen Thriller handeln. Somit gestaltet sich die gattungstypische Einordnung des Romans schwieriger als erwartet, weil Kritiker verschiedene Ansätze bei der Zuordnung von Oberbegriffen und deren Unterkategorien vertreten.
Es gibt zwei Ansätze, welche die Termini unterschiedlich typisieren. Ein Ansatz definiert den 6SLRQDJHURPDQ DOV 2EHUEHJULII GHU Ä>«@ ]ZHL JUXQGYHUVFKLHGHQH Romanformen ± den melodramatischen thriller und den realistischen Roman ± XPJUHLIW´ 58 Boucher geht sogar noch etwas weiter und untergliedert den
6SLRQDJHURPDQ LQ IQI YHUVFKLHGHQH 7\SHQ ÄWKH OHLVXUHO\ OLWHUDU\ QRYHO´ ÄWKH JULP hard-ERLOHG VFKRRO´ ÄWKH VRFLDO FRPHG\ RI PDQQHUV ÄWKH OLJKW DGYHQWXUH IDUFH´ XQG ÄWKH SXUHVW URPDQWLF WUDVK´ 59 Ein zweiter Ansatz sieht den Spionageroman als Untergattung des Oberbegriffs Thriller an. Einer der Befürworter dieses zweiten Ansatzes ist Cuddon, Autor des Dictionary of Literary Terms & Literary Theory. Für ihn ist der Terminus Thriller als Oberbegriff zu sehen, der den Kriminalroman, den Spionageroman, den Detektivroman, den politisch-militärischen Thriller, einige der Geister- und Horrorromane und oft auch den Abenteuerroman mit einschließt:
Very broadly speaking, such fiction might include the crime novel, the police procedural, the roman policier, the cloak-and-dagger story, some ghost and horror stories, a multitude of novels of adventure (qq.v.) and, of course, what is known as the politico-military (thriller). Most of the best spy stories (q.v.) are ipso facto thrillers. Some detective stories, or forms of detective story,
56 Vgl. Sauter de Maihold (1995:195) und Negrín (2002:21).
57 Vgl. Pérez Blanco (1978:205-222).
58 Becker (1973:13-14).
59 Vgl. ebd. (23).
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might also be described as WKULOOHUV SDUWLFXODUO\ SHUKDSV WKRVH EHORQJLQJ WR WKH µKDUG-boiled VFKRRO¶RISULYDWH-eye detection at which Dashiell Hammet and Raymond Chandler excelled. 60
Es gibt keine eindeutige Klärung, welcher der beiden Ansätze als der richtige gilt. In dieser Arbeit wird der zweite Ansatz, den auch Cuddon vertritt, für die weiteren Untersuchungen bevorzugt, da er den Terminus Thriller als Oberbegriff sieht und die anderen in Frage kommenden Sub-Genres, Kriminalroman, Detektivroman und Spionageroman mit einschließt. Wie im weiteren Verlauf der Arbeit gezeigt wird, trifft die Bezeichnung Thriller als Genre für La cabeza de la hidra am besten zu.
Gleichzeitig wird im Folgenden dargelegt, dass es sich als Sub-Genre um einen Spionageroman handelt und La cabeza de la hidra somit durchaus als Spionagethriller oder auch Agententhriller (spy thriller) bezeichnet werden kann.
Darüber hinaus wird gezeigt, dass sich im Roman auch die einen Kriminal- und Detektivroman auszeichnenden Kriterien wiederfinden, wobei diese jedoch nicht voll erfüllt werden. Zunächst soll nun die Gattung Thriller näher beleuchtet werden.
Die intensive wissenschaftliche Untersuchung des Genres Thriller begann erst Ende der 60er Jahre, wie z. B. in den Studien von George Grellas und Ralph Harpers. 61 Cuddon sieht den Thriller DOVÄRQHRIWKHPRVWUHPDUNDEOHOLWHUDU\SKHQRPHQDRIWKHWKF´ 62 an. Dennoch ist der Thriller nicht erst in dieser Zeit entstanden, sondern seine Ursprünge gehen schon auf Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts zurück, mit Einflüssen des Schauerromans. 63
Eine Besonderheit des Thrillers ist die starke Beeinflussung durch den Film, die von manchen Kritikern wie Freeman als negativ betrachtet wird:
³«ZKLOHWKDWne plus ultra of wild sensationalism, the film novel, in its extreme form is no more than a string of astonishing incidents, unconnected by any intelligible scheme, each incident an independent >thrill<, unexplained, unprepared for, devoid alike of antecedents and conseqXHQFHV´ 64
In La cabeza de la hidra finden sich diese filmischen Elemente wieder (siehe auch 2.3),
60 Cuddon (1999:915.
61 Vgl. Becker (1973:14).
62 Cuddon (1999:914).
63 Vgl. ebd. (915).
64 Freeman, zit. in Becker (1973:15).
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und gerade dies scheint den Leser besonders zu fesseln. Manche Autoren haben in ihrem Leben mehr als hundert Werke geschrieben und im Gegensatz zu anderen Schriftstellern konnten viele Thriller-Autoren von ihrer schriftstellerischen Tätigkeit gut leben. 65
Cuddon geht beim Thriller von einem schwammigen Begriff aus:
Thriller A vague term, perhaps no longer particularly useful for purposes of categorization, yet frequently used for a wide variety of fiction, and also for plays and films. In fiction it is a tense, exciting, tautly plotted and sometimes sensational type of novel (occasionally a short story) in which action is swift and suspense continual. Sex and violence may often play a considerable part in such a narrative, and they have tended to do so (often gratuitously) since the 1960s. 66
Anspannung, Aufregung, ein schneller Handlungsablauf, durchgehende Spannung sowie Gewalt und Sex finden sich in La cabeza de la hidra wieder. Inwieweit der Roman Fiktion ist, ist zweigeteilt zu beantworten, denn auch wenn die Figuren und Handlungen im Roman fiktiv sind, so sind doch die dargestellten historischen, politischen und örtlichen Gegebenheiten real.
Eine weitere Definition liefert das Lexikon literarischer Termini von Scott:
³thriller
$ KLJKO\ VHQVDWLRQDO DQG H[FLWLQJ QRYHO SOD\ RU ILOP ,DQ )OHPLQJ¶V -DPHV %RQG QRYHOV DUH highly sucessful examples of this genre. It is not necessarily a roman policier (q. v.) present >@´. 67
Da die Figur des Maldonado an Flemings James Bond erinnert und der Roman fesselnd und sehr spannend ist, trifft auch diese Definition durchaus auf La cabeza de la hidra zu. Außerdem handeln seit den 50er Jahren viele Thriller von Spionage. 68
Dieser Abgleich der Definitionen mit dem Roman lässt darauf schließen, dass es sich hier um einen Thriller handelt. Diese Auffassung bestätigt Negrín:
Así, la cabeza de la hidra, es paradójicamente a la vez un thriller, con todos los ingredientes necesarios, y la parodia de un thriller. 69
65 Vgl. Cuddon (1999:915).
66 Ebd. (914).
67 Scott, zit. in Becker (1973:14).
68 Vgl. Cuddon (1999:918).
69 Negrín (2002:41).
Arbeit zitieren:
Britta Tillmann-Weleda, 2009, Identitätsentwürfe in "La cabeza de la hidra" von Carlos Fuentes, München, GRIN Verlag GmbH
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