Die Entwicklung des deutschen Zensurwesens
INHALT
EINLEITUNG. 1
I. „Reformatorische Öffentlichkeit“ - Begriffsgeschichte und Forschungsverlauf 2
1. Jürgen Schutte 2
2. Bernd Balzer. 3
3. Rainer Wohlfeil 3
4. Grundsätzliche Kritik 4
II. „Zensur“ 5
1. Begriffsgeschichte. 5
2. Formen von Zensur 6
a) Formelle und informelle Zensur. 6
b) Vor- und Nachzensur 6
3. Vorliegend verwendeter Zensurbegriff 7
III. Die Entwicklung des deutschen Zensurwesens im 16. Jahrhundert 7
1. Kirchliche Zensur. 7
a) Päpstliche Bücherverbote und bischöfliche Präventivzensur 7
b) Der „Index librorum prohibitorum“ 9
2. Weltliche Zensur 10
a) Zensur auf Reichsebene 10
b) Zensur auf Territorialebene am Beispiel des Kurfürstentums Mainz 13
c) Zensur auf reichsstädtischer Ebene am Beispiel Augsburgs. 14
IV. Indizwirkung der Zensurgeschichte 15
V. Fazit. 16
QUELLEN UND LITERATUR 17
II
EINLEITUNG
Die Geschichte medialer Öffentlichkeit ist ihrem Wesen nach zugleich auch immer Zensurgeschichte. Selbst in Gemeinwesen ohne Zensur konstituiert deren Abwesenheit per se stets ein Stück Zensurgeschichte. Wenn beispielsweise Art. 5 Abs.1 Satz 3 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland deklariert „Eine Zensur findet nicht statt.“, so markiert dies den Schlusspunkt eines jahrhundertelangen Kampfes um Pressefreiheit, der in der Pressegesetzgebung des 19. Jahrhunderts kulminierte. 1
„Zensurgeschichte ist so gesehen nur die andere, dunkle Seite der Mediengeschichte.“ 2 Diese Komplementarität scheint es möglich zu machen, kommunikationsgeschichtliche Prozesse und Phänomene quasi ex negativo anhand der Zensurentwicklung nachzuzeichnen. Die vorliegende Arbeit will sich auf diese Weise einem Problem nähern, das seit den 1970er Jahren unter dem Begriff „reformatorische Öffentlichkeit“ in der wissenschaftlichen Debatte kursiert und - stark vereinfacht - aus dem Versuch resultiert, die frühreformatorische Kommunikationssituation in Anlehnung an Habermas’ Modell der „bürgerlichen Öffentlichkeit“ als eine gegenüber dem Spätmittelalter neue Form politisch relevanter Öffentlichkeit zu qualifizieren. 3 Sollte es eine solche Öffentlichkeit tatsächlich gegeben haben, dürfte sie aufgrund des oben beschriebenen Funktionszusammenhangs nicht ohne zensurgeschichtlichen Reflex geblieben sein.
Es stellt sich mithin die Frage, ob und inwiefern die deutsche 4 Zensurgeschichte des 16. Jahrhunderts das Vorhandensein einer „reformatorischen Öffentlichkeit“ indiziert. Dabei liegt der Schwerpunkt der folgenden Untersuchung ausdrücklich auf der rechtlichen Entwicklung des frühneuzeitlichen Zensurwesens, womit die Wirkungsgeschichte bewusst ausgeklammert wird.
1 Vgl. Starck, Christian, Art. 5 Abs. 1, 2, in: Kommentar zum Grundgesetz, Bd. 1: Präambel, Artikel 1 bis 19, begr. v. Hermann v. Mangoldt, fortgef. v. Friedrich Klein, hg. v. Christian Starck, 5. Aufl., München 2005, Rn. 170.
2 Breuer, Dieter, Stand und Aufgaben der Zensurforschung, in: „Unmoralisch an sich…“ Zensur im 18. und 19. Jahrhundert, hg. v. Herbert G. Göpfert/Erdmann Weyrauch, Wiesbaden 1988 (= Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens 13), S. 37-60, hier S. 37; ähnlich, allerdings mit starkem Bezug zur Flugblatt-Literatur Oelke, Harry, Die Konfessionsbildung des 16. Jahrhunderts im Spiegel illustrierter Flugblätter, Berlin/New York 1992 (= Arbeiten zur Kirchengeschichte 57), S. 110f.
3 Eine Übersicht über den Forschungsverlauf mit weiterführenden Verweisen findet sich bei Giel, Robert, Politische Öffentlichkeit im spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Köln (1450-1550), Berlin 1998 (= Berliner historische Studien 29), S. 32-35.
4 Die räumliche Begrenzung des Untersuchungsgegenstands auf das Heilige Römische Reich Deutscher Nation erfolgt aus darstellungssökonomischen Gründen.
1
Bevor hierauf jedoch näher eingegangen werden kann, scheint es zunächst geboten, das von Jürgen Schutte entwickelte und maßgeblich von Rainer Wohlfeil modifizierte Modell der „re-formatorischen Öffentlichkeit“ zu erläutern. Darüber hinaus bedarf der Terminus „Zensur“ als zentraler Begriff dieser Untersuchung einer inhaltlichen Präzisierung.
I. „Reformatorische Öffentlichkeit“ - Begriffsgeschichte und Forschungsverlauf
In seinem vielbeachteten Werk zum „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ postulierte Jürgen Habermas 1962, dass sich in Ablösung der im feudalistischen System herrschenden „repräsentativen Öffentlichkeit“ erstmals im ausgehenden 18. Jahrhundert - zunächst in England, seit dem 19. Jahrhundert auch in Deutschland - eine kritisch-räsonnierende „bürgerliche Öffentlichkeit“ etablierte. 5 Mit diesem Zwei-Phasen-Modell frühneuzeitlicher Öffentlichkeit löste Habermas eine kommunikationsgeschichtliche Debatte aus, deren Ausläufer bis in die heutige Zeit spürbar sind. Ein reger Diskurs entzündete sich insbesondere an der Frage, ob es nicht bereits vor dem 18. Jahrhundert Formen politischer Öffentlichkeit gegeben hatte. Ins Blickfeld des wissenschaftlichen Interesses rückte schon bald die Zeit der Frühreformation.
1. Jürgen Schutte
Anlässlich seiner Untersuchung zu Thomas Murners „Großem Lutherischen Narren“ setzte sich 1973 Jürgen Schutte unter diesem Blickwinkel mit den frühreformatorischen Kommunikationsstrukturen auseinander. Er konstatierte für die ersten Jahre der Reformation einen „tiefgreifenden Wandel der Öffentlichkeit“ dergestalt, dass durch „die reformatorische Verkündigung und Publizistik […] [ein] horizontale[r] Informationsaustausch grundsätzlich gleichberechtigter Individuen und Gruppen“ in Gang gesetzt wurde, welcher den Autoritätsanspruch der - den Habermasschen Typus der „repräsentativen Öffentlichkeit“ verkörpernden - Kirche erstmals infrage stellte. 6 Hierin sah er Habermas’ Konzept einer „bürgerlichen Öffentlichkeit“ in der Zeit zwischen 1517 und 1525 „modellhaft vorweggenommen“. 7 Da die beschriebene Kommunikationssituation mangels eines kontinuierlichen Informationsflusses und einer periodischen Presse publizistisch jedoch noch zu gering entwickelt war, um sich mit
5 Vgl. Habermas, Jürgen, Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, Darmstadt/Neuwied 5 1971, S. 17-41.
6 Schutte, Jürgen, „Schympff red“. Frühformen bürgerlicher Agitation in Thomas Murners „Großem Lutherischen Narren“ (1522), Stuttgart 1973 (= Germanistische Abhandlungen 41), S. 7.
7 Schutte, „Schympff red“, S. 8.
2
Habermas’ „bürgerlicher Öffentlichkeit“ messen zu können, prägte Schutte für dieses Phänomen den Begriff der „reformatorischen Öffentlichkeit“. 8
Wie er selbst an späterer Stelle einräumte, war durch diese „viel zu abstrakt[e]“ Feststellung für die Rekonstruktion des historischen Verhältnisses von „reformatorischer“ und „bürgerlicher Öffentlichkeit“ noch nicht viel gewonnen. Hierzu bedurfte es nach Schuttes Ansicht „einer genauen sozial- und literaturgeschichtlichen Analyse“. 9
2. Bernd Balzer
Obwohl er nicht mit dem Modell der „reformatorischen Öffentlichkeit“ operiert, darf ein Forschungsansatz nicht unerwähnt bleiben, der von belebendem Einfluss auf die hier dargestellte Debatte war. Nahezu zeitgleich zu Schutte widmete sich Bernd Balzer der Frage, ob es zur Zeit der Frühreformation bereits eine „ ,öffentliche[ ] Meinung’ als politisch relevante[ ] Macht“ gab. 10 In Antwort hierauf isolierte er fünf Kriterien des Habermasschen Modells einer politisch fungierenden „bürgerlichen Öffentlichkeit“, welche er „vollinhaltlich und nicht nur analog auf die Periode der Frühreformation übertragen“ zu können glaubte. 11 „Konstituens und Forum“ dieser „Öffentlichkeit bürgerlichen Zuschnitts“ waren nach Balzer die Flugschriften. 12
3. Rainer Wohlfeil
Ein knappes Jahrzehnt später adaptierte Rainer Wohlfeil den Begriff der „reformatorischen Öffentlichkeit“ für seine „Einführung in die Geschichte der deutschen Reformation“. Darin verwarf er Balzers Ansatz aufgrund der einseitigen Überwertung der Flugschriften und betonte stattdessen die reformatorische Medienvielfalt unter Dominanz des Mündlichen. 13 „Refor-matorische Öffentlichkeit“ definierte er entsprechend als „überregionale und zugleich Sozial-
8 Schutte, „Schympffred“, S. 8.
9 Schutte, Jürgen, Was ist vns vnser freyhait nutz / wenn wir ir nicht brauchen durffen. Zur Interpretation der Prosadialoge, in: Hans Sachs. Studien zur frühbürgerlichen Literatur im 16. Jahrhundert, hg. v. Thomas Cramer/Erika Kartschoke, Bern/Frankfurt a.M./Las Vegas 1978 (= Beiträge zur älteren deutschen Literaturgeschichte 3), S. 41-81, hier S. 74; die geringe Tragfähigkeit von Schuttes Modell bemängelt auch Giel, S. 34.
10 Balzer, Bernd, Bürgerliche Reformationspropaganda. Die Flugschriften des Hans Sachs in den Jahren 1523-1525, Stuttgart 1973 (= Germanistische Abhandlungen 42), S. 10.
11 Balzer, S. 11.
12 Balzer, S. 13.
13 Außerdem hielt er Habermas’ Kriterien der „bürgerlichen Öffentlichkeit“ aufgrund der unterschiedlichen zeitlichen Bezugssysteme nicht ohne Weiteres auf die Zeit der Reformation übertragbar; vgl. Wohlfeil, Rainer, Einführung in die Geschichte der deutschen Reformation, München 1982, S. 129f; Wohlfeil, Rainer, „Reforma-torische Öffentlichkeit“, in: Literatur und Laienbildung im Spätmittelalter und in der Reformationszeit. Symposion Wolfenbüttel 1981, hg. v. Ludger Grenzmann/Karl Stackmann, Stuttgart 1984 (= Germanistische Symposien-Berichtsbände 5), S. 41-52, hier S. 45.
3
gruppen und Standesdenken überwindende Kommunikationssituation“ 14 der Reformationsphase von 1517 bis 1525, in welche „der Gemeine Mann bewußt dadurch einbezogen werden sollte und war, daß mündliche, visuelle und literarische Medien jedermann zugänglich waren“ 15 . Neben den vorherrschenden Formen mündlicher „face-to-face“-Kommunikation, unter denen die Predigt eine herausragende Rolle einnahm, verwies Wohlfeil auf die tragende Bedeutung des persuasiven „Tagesschrifttums“, welches seit 1517 in zuvor nicht gekanntem Umfang das informative Schrifttum ablöste. 16 Die „reformatorische Öffentlichkeit“ resultierte nach Wohlfeil aus der „Interaktion“ mündlicher und schriftlicher Medien mit visuellen Medien und partizipativen Formen von Kommunikation. 17
Als seinerzeit substantiiertester Beitrag zur Debatte erfuhr Wohlfeils Ansatz in der Folge Aufnahme in nahezu jede wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Modell der „reformatorischen Öffentlichkeit“ 18 und wird daher auch der vorliegenden Untersuchung zugrunde gelegt.
4. Grundsätzliche Kritik
Das in Reaktion auf Habermas’ Gegenüberstellung von „repräsentativer“ und „bürgerlicher Öffentlichkeit“ entstandene Modell der „reformatorischen Öffentlichkeit“ blieb seinerseits nicht ohne Kritik. So warf Michael Schilling dem Begriff der „reformatorischen Öffentlichkeit“ vor, die Diskussion nur zu verunklären, da „reformatorisch“ als Epochenbegriff nicht mit Kategorien wie „repräsentativ“ oder „bürgerlich“ kompatibel sei und den zeitlichen Bezugsrahmen zu Unrecht auf die Phase der Reformation verenge. Alternativ schlug er vor, „künftig von ,Öffentlichkeit der Herrschaftsträger’, ,Öffentlichkeit des Gemeinen Manns’ und ,Öffentlichkeit des Privatmanns’ zu sprechen“, um damit auch der politischen Publizistik in vor- und nachreformatorischer Zeit Rechnung zu tragen. 19
14 Wohlfeil, Einführung, S. 130.
15 Wohlfeil, Einführung, S. 123.
16 Vgl. Wohlfeil, „Reformatorische Öffentlichkeit“, S. 42f; Wohlfeil, Einführung, S. 125f.
17 Wohlfeil, Einführung, S. 131.
18 Vgl. Faulstich, Werner, Mediengeschichte, Bd. 1: Von den Anfängen bis 1700, Göttingen 2006 (= UTB basics 2739), S. 147; mit Schwerpunkt auf der Flugschriftenliteratur Moeller, Bernd, Die frühe Reformation als Kommunikationsprozeß, in: Kirche und Gesellschaft im Heiligen Römischen Reich des 15. und 16. Jahrhunderts, hg. v. Hartmut Boockmann, Göttingen 1994 (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Phi-lologisch-Historische Klasse, Folge 3, 206), S. 148-164; Wohlfeil im Wesentlichen zustimmend Talkenberger, Heike, Kommunikation und Öffentlichkeit in der Reformationszeit. Ein Forschungsreferat 1980-1991, in: IASL, 6. Sonderheft, Forschungsreferate, 3. Folge (1994), S. 1-26, insbesondere S. 18-24; die Dominanz der volkssprachigen Publizistik betont Dröse, Albrecht, Anfänge der Reformation, in: Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Bd. 1: Die Literatur im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, hg. v. Werner Röcke/Marina Münkler, München/Wien 2004, S. 198-241; Schulze, Winfried, Deutsche Geschichte im 16. Jahrhundert: 1500-1618, Frankfurt a.M. 1987 (= Moderne deutsche Geschichte 1), S. 235.
19 Schilling, Michael, Bildpublizistik der frühen Neuzeit. Aufgaben und Leistungen des illustrierten Flugblatts in Deutschland bis um 1700, Tübingen 1990 (= Studien und Texte zur Sozialgeschichte der Literatur 29), S. 160f.
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Nina Metz, 2009, Die „reformatorische Öffentlichkeit“ im Spiegel des deutschen Zensurwesens, München, GRIN Verlag GmbH
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Die katholische Kirche und Freimaurerei im 20. Jahrhundert
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