Vorab ein Geständnis in eigener Sache: Die Verfasserin dieser Zeilen ist eine leidliche Erzählerin von Witzen. Wie viele ihrer Leidensgenossen empfindet sie daher eine natürliche Ehrfurcht vor jener Textsorte, die wie keine andere gute von schlechten Erzählern zu trennen vermag. Denn wer kennt es nicht, das vernichtende Urteil, das einen misslungener Witz trifft: Die totale Absenz von Heiterkeit.
Die folgenden Ausführungen über den Erfolg beim Witze-Erzählen sind mithin auch nur in geringem Umfang Früchte persönlicher Erfahrung als vielmehr Resultat umfangreicher wissenschaftlicher Lektüre. 1 Für die Theorieverlorenheit und Praxisferne einzelner Passagen sei der geneigte Leser schon jetzt um Nachsicht gebeten.
1. Das Material
Bevor man sich anschickt, einen Witz 2 zu erzählen, sollte man sicher stellen, dass es sich beim ausgewählten Material überhaupt um einen solchen handelt. Doch was macht eine Äußerung eigentlich zum Witz? Diese Frage beschäftigte über ein Jahrhundert lang die verschiedensten Disziplinen neuzeitlicher Forschung. 3 Und wie so oft war es die Philosophie, die den wissenschaftlichen Reigen eröffnete.
So widmeten sich im 19. Jahrhundert insbesondere die Vertreter der Ästhetik dem Phänomen „Witz“, dessen Wesen und Leistung sie darin erblickten, als „vergleichende Kraft“ 4 bzw. „spielendes Urtheil“ 5 zwei entgegengesetzte Vorstellungen zu vereinen. In diesem Sinne prägte Jean Paul in seiner „Vorschule der Ästhetik“ den oft zitierten Vergleich, der Witz sei „der verkleidete Priester, der jedes Paar traut“. 6 Und Friedrich Theodor Vischer fügte in Übereinstimmung mit seinem homophonen Kollegen Kuno Fischer hinzu, dass dieser Priester wie „der Schmied zu Gretna-Green […] lauter Paare traut, deren Trauung die Verwandten (der methodisch wahre Zusammenhang) nicht dulden wollen“. 7
Ungleich analytischer als die Philosophie versuchte schon bald darauf die Psychologie, dem Phänomen „Witz“ auf die Spur zu kommen, allen voran Sigmund Freud, der in seiner 1905
1 Wobei „umfangreich“ wie jede unbestimmte Mengenangabe ein sehr dehnbarer Begriff ist.
2 Das Polysem „Witz“ wird im Folgenden als Bezeichnung für die allseits beliebte Kleinstform scherzhafter
Erzählung verwendet. Die daneben existierende, insbes. im 17. und 18. Jahrhundert geläufige Bedeutung i. S. v.
„heiterem Scharfsinn“ oder „Schlagfertigkeit“ bleibt vorliegend außer Betracht.
3 Der folgende Überblick beschränkt sich auf die wichtigsten Erkenntnisse in Philosophie, Psychologie und Lite-
raturwissenschaft. Die Witzforschung in Anthropologie, Volkskunde und Sprachwissenschaft wird dabei be-
wusst vernachlässigt.
4 Jean Paul: Vorschule der Ästhetik. Nach der Ausgabe von Norbert Miller hgg., textkrit. durchges. u. eingel.
von Wolfhart Henckmann, Hamburg 1990, S. 170.
5 Kuno Fischer: Über die Entstehung und die Entwicklungsformen des Witzes. Zwei Vorträge gehalten in der
Rose zu Jena im Februar 1871, Heidelberg 1871, S. 31.
6 Die unzensierte Fassung dieses Zitats findet sich bei Jean Paul, S. 173.
7 Friedrich Theodor Vischer: Aesthetik oder Wissenschaft des Schönen. Zum Gebrauche für Vorlesungen. Erster
Teil: Die Metaphysik des Schönen, hgg. v. Robert Vischer, München 2 1922 (1846), S. 457; Kuno Fischer, S. 35.
1
veröffentlichten Abhandlung „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten“ insgesamt zehn verschiedene Strukturprinzipien isolierte, die einzeln oder in Kombination jedem Witz zugrunde liegen. 8 Im Bemühen, diese Vielzahl von Witztechniken auf ein Grundprinzip zu reduzieren, konzentrierte sich die psychologische Witzforschung in den folgenden Jahrzehnten auf die witzwesentlichen Einzelaspekte des inneren Widerspruchs, der Umstrukturierung und der Verhaftung in zwei Bezugssystemen. 9
So anerkennenswert die Bemühungen von Philosophie und Psychologie im Bereich der Witz-forschung auch sein mögen, so tragen sie doch zu einer griffigen Definition der Textsorte Witz nicht viel bei. Dies ist zum einen dem Umstand geschuldet, dass die Konsolidierung des Witzbegriffs im 19. und frühen 20. Jahrhundert noch nicht abgeschlossen war. 10 Vor allem ist es jedoch darauf zurückzuführen, dass es insbesondere der psychologischen Witzforschung nie um eine Definition, sondern primär um die Wirkungsanalyse des Witzes ging. Um ein Vielfaches ergiebiger für unsere Frage nach den Bestimmungskriterien der Textsorte Witz sind jedoch die Erkenntnisse der Literatur- und Sprachwissenschaft. So identifiziert z. B. Winfried Ulrich Pointe und Komik als die beiden Wesensmerkmale des Witzes. 11 Und ein erlösender Blick ins literaturwissenschaftliche Fachlexikon lehrt uns, dass sich die „epischfiktionale Textsorte ,Witz’ “ durch eine duale Struktur - bestehend aus Witzerzählung und Pointe - auszeichnet. 12
Ausschlaggebend für die Qualifizierung einer Äußerung als Witz scheint somit in erster Linie die Pointe zu sein. Während sich diese inhaltlich als überraschende Zuspitzung der Witzhandlung präsentiert, überlagern sich in ihr strukturell zwei Denk- und Äußerungsebenen. 13
8 Im Bereich des Sprachwitzes waren dies die Verdichtung, die „Verwendung des nämlichen Materials“ und der
Doppelsinn, im Bereich des Gedankenwitzes die Verschiebung, der Unsinn, die sog. Denkfehler, die Unifizie-rung, die Darstellung durchs Gegenteil, die Überbietung und die indirekte Darstellung; vgl. Sigmund Freud: Der
Witz und seine Beziehung zum Unbewussten (1905), in: Alexander Mitscherlich, Angela Richards, James
Strachey (Hg.): Sigmund Freud. Studienausgabe Bd. IV. Psychologische Schriften, Frankfurt am Main 8 1994
(1970), S. 20-85.
9 Einen Überblick über die psychologische Witzforschung zwischen 1905 und 1983 gibt Hellmuth Metz-Göckel:
Witzstrukturen. Gestalttheoretische Beiträge zur Witztechnik, Opladen 1989 (Beiträge zur psychologischen
Forschung; Bd. 15), S. 57-85.
10 Zum Bedeutungswandel vgl. Fn. 2. Viele philosophische, aber auch frühe psychologische Beiträge zur Witz-
forschung halten die verschiedenen Bedeutungsebenen nicht trennscharf auseinander.
11 Winfried Ulrich: Der Witz im Deutschunterricht, Braunschweig 1980 (Erziehung und Didaktik; Bd. 199),
S. 18.
12 Ralf Simon: „Witz“, in: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Bd. 3 P-Z, hgg. v. Jan-Dirk Müller,
Berlin, New York 2003, S. 861-864, hier S. 862. Hannjost Lixfeld vertritt hingegen ohne wesentliche materielle
Unterschiede ein dreiteiliges Aufbauschema, das die Witzerzählung nochmals in Einleitung und Überleitung
untergliedert, Hannjost Lixfeld: Witz und soziale Wirklichkeit. Bemerkungen zur interdisziplinären Witzfor-
schung, in: Fabula 25 (1984), S. 183-213, hier S. 187.
13 Winfried Ulrich, S. 9.
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Dazu folgendes Beispiel:
Mann in der Metzgerei: Guten Tag, ich hätte gern 150g Leberwurst, aber bitte von der groben, dicken! Metzger: Tut uns leid, die hat heute Berufsschule!
Neben der Pointe entscheidet eine Vielzahl kleinerer Nuancen darüber, mit welcher Textsorte man es im Einzelfall zu tun hat. 14
So unterscheidet sich der Witz vom einfachen Scherz, dem geistreichen Bonmot und dem vom Doppelsinn lebenden Kalauer primär dadurch, dass er sich nicht als spontaner Einfall im Rahmen eines Kommunikationsvorgangs präsentiert, sondern als Witz angekündigt zu werden pflegt (erkennbar an typischen Einleitungsformeln wie „Kennst Du den schon?“). Vom episch breiter angelegten Schwank hebt sich der Witz hingegen durch seine Kürze ab. 15 Diese teilt er wiederum mit Aphorismus und Rätsel. Während der Aphorismus als sentenziöse Lebensweisheit jedoch kein Lachen, sondern intellektuelles Vergnügen auslöst, 16 entbehrt das Rätsel, das wie der Witz über eine doppelte Bedeutungsebene verfügt, einer Pointe. 17 Dem Witz am nächsten kommen mag die Anekdote, die ebenfalls kurz, pointiert und komisch ist. Im Gegensatz zum Witz erhebt sie jedoch stets den Anspruch historischer Authentizität. Winfried Ulrich spricht daher auch vom „Zitatcharakter“ der Anekdote, welche „die besondere Eigenart einer bekannten Persönlichkeit, einer Gesellschaftsschicht, Zeitepoche oder Geistesrichtung an einer typischen Einzelbegebenheit erhellen [soll]“. 18 Mithilfe dieses Überblicks sollte es nun jedem möglich sein, einen Witz als solchen zu erkennen. Wer sich eine trennscharfe Abgrenzung trotz allem nicht zutraut, kann sich zur Not auch an folgenden Witzkategorien orientieren: 19
Ganz allgemein lassen sich Witze in Sprach- und Gedankenwitze einteilen. Während Sprachwitze primär durch ihre Aussageweise erheitern, wird der komische Effekt bei Sachwitzen durch die Aussage an sich, den Aussageinhalt, hervorgerufen. Sprach- und Sachwitz verfügen ihrerseits über eine Reihe von Unterkategorien. Beim Sprachwitz sind dies der Wortwitz, der Satzwitz und das komische Wortspiel, beim Sachwitz der Spielwitz, der schadenfrohe Witz sowie der Wert- und Tabuwitz.
14 Wo nicht anders angegeben, vgl. zu folgenden Abgrenzungen Ralf Simon: „Witz“, S.862.
15 Witze mit längerer Witzerzählung sind in ihrem Kernbestand, der Pointe, wiederum sehr knapp gehalten.
16 Winfried Ulrich, S. 20f.
17 Eine Ausnahme ist das Scherzrätsel, welches über eine Pointe verfügt und daher als Witz qualifiziert werden
muss.
18 Winfried Ulrich, S. 23.
19 Zur folgenden Kategorisierung vgl. Harald Reger: Der Witz als Textkategorie und seine didaktische Bedeu-
tung für den Literaturunterricht, in: Muttersprache. Zeitschr. zur Pflege u. Erforschung d. deutschen Sprache 85
(1975), S. 409-419, hier S. 410f.
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Arbeit zitieren:
Nina Metz, 2010, Über den Erfolg beim Witze-Erzählen, München, GRIN Verlag GmbH
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