INHALT
EINLEITUNG. 1
I. Ekklesiologie und Kirchenbegriff. 3
1. Die Ekklesiologie Jakobs von Paradies. 3
2. Die Ekklesiologie Martin Luthers 4
II. Wege zum Heil 6
1. Jakobs Heilskonzept im Spiegel der mystischen Theologie 6
2. Luthers Heilsverständnis im Spiegel der Rechtfertigungslehre 7
III. Das Ablasswesen. 8
1. Jakobs Verhältnis zum Ablasshandel. 8
2. Luthers Verhältnis zum Ablasshandel. 10
IV. Formen der Volksfrömmigkeit 11
1. Jakobs Verhältnis zur Volksfrömmigkeit. 11
2. Luthers Verhältnis zur Volksfrömmigkeit 12
V. Zusammenfassung und Ergebnis. 13
QUELLEN UND LITERATUR 14
EINLEITUNG
Plakative Titel wie der vorangestellte haben erfahrungsgemäß die missliebige Eigenschaft, mehr Fragen aufzuwerfen, als die ihnen gewidmeten Untersuchungen zu beantworten geeignet sind. Um die vorliegende Arbeit von vornherein nicht dieser Gefahr auszusetzen, scheint eine einleitende Präzisierung der Fragestellung unumgänglich. Da es sich bei der historischen Person Jakobs von Paradies 1 jedoch um keine variable Größe handelt, kann eine solche Präzisierung denklogisch nur am Begriff des „Reformators vor der Reformation“ ansetzen. In seiner lateinischen Ursprungsform reformatio (wörtlich: Erneuerung, Wiederherstellung) gaben erstmals Seneca und Plinius der Jüngere dem Reformationsbegriff die Bedeutung einer Korrektur moralischer, pädagogischer oder politischer Verfallserscheinungen durch Rückkehr zu einem früheren Zustand. 2 Eine spezifisch heilsgeschichtlich-eschatologische Prägung erfuhr der Begriff durch die lateinischen Kirchenväter, welche unter reformatio die Erneuerung und Vollendung des durch Sünde „deformierten“ Glaubenden verstanden. 3 In dieser Bedeutung wurde er zum Leitbegriff mittelalterlicher Reformbestrebungen, welche spätestens seit Benedikt von Nursia (480/490-555/560), dem Ordensgründer der Benediktiner, innerhalb der christlichen Kirche verzeichnet werden können. 4 Im 14. und 15. Jahrhundert erwuchsen diese Bestrebungen, angesichts der seit dem großen abendländischen Schisma immer offensichtlicher werdenden Verfallserscheinungen, in eine neue Dimension und förderten die Ausprägung des Konziliarismus’ und verschiedener Frömmigkeitsbewegungen.
In diese Zeit fällt das Wirken Jakobs von Paradies (1381-1465). 5 Als einer der führenden Re-formtheologen seiner Zeit verfasste der 1442 in den Kartäuserorden übergetretene Zisterzienser unter dem Eindruck der Deutschen Mystik und der von den Niederlanden ausgehenden
1 In der Überlieferung wird der Person Jakobs eine Vielzahl von Namen zugeordnet. Entsprechend seinem Ordensnamen Jacobus de Paradiso wird im Folgenden jedoch ausschließlich das Cognomen „von Paradies“ verwendet, welches sich aus dem Namen seiner Professzisterze ableitet, vgl. Dieter Mertens, Iacobus Carthusiensis. Untersuchungen zur Rezeption der Werke des Kartäusers Jakob von Paradies (1381-1465), Göttingen 1976 (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 50, Studien zur Germania Sacra 13), S. 165, Fn. 135; Jakob von Jüterbog, 'Passio Christi'. Iacobus de Paradiso, übers. v. Heinrich Haller, hg. von Erika Bauer, Salzburg 2005 (= Analecta Cartusiana 136), S. 7f.
2 Helmar Junghans, Reformation, in: Evangelisches Kirchenlexikon. Internationale theologische Enzyklopädie (im Folgenden zitiert als EKL mit Angabe der Bandnummer). Bd. 3: L-R, hg. v. Erwin Fahlbusch, 3. neu bearb. Aufl., Göttingen 1992, Sp. 1470-1492, hier Sp. 1470.
3 Junghans, Reformation, EKL 3, Sp. 1470; Gottfried Seebaß, Reformation, in: Theologische Realenzyklopädie (im Folgenden zitiert als TRE mit Angabe der Bandnummer). Bd. 28: Pürstinger-Religionsphilosophie, hg. v. Gerhard Müller u.a., Berlin/New York 1997, S. 386-404, hier S. 389, Z. 22-32.
4 Junghans, Reformation, EKL 3, Sp. 1471.
5 Einen für sein Format erstaunlich ausführlichen Überblick über Leben und Werk des Kartäusers enthält Dieter Mertens, Jakob von Paradies, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Bd. 4: Hil-Kob, begr. v. Wolfgang Stammler, fortgef. v. Karl Langosch, hg. v. Kurt Ruh, 2. neu bearb. Aufl., Berlin/New York 1983, Sp. 478-487.
1
Devotio moderna eine Fülle von Traktaten, Quaestionenreihen und Predigtzyklen, 6 welche bis 1520 eine rege Rezeption im Kartäuserorden, in verbundenen Klöstern, im Weltklerus und an den Universitäten erfuhr. 7 Prima facie scheint der Charakterisierung Jakobs als „Reformator“ mithin nichts im Wege zu stehen.
Diesem weiten Reformationsbegriff folgt die vorliegende Untersuchung jedoch ausdrücklich nicht. Wenn im Folgenden von „Reformation“ die Rede ist, so ist damit vielmehr das durch Martin Luthers Ablassthesen am 31. Oktober 1517 ausgelöste historische Phänomen des 16. Jahrhunderts gemeint. 8 Versteht man den Begriff der „Reformatoren“ entsprechend als personelle Trägergruppe dieses Phänomens, scheint sich die Begriffskombination „Reforma-tor vor der Reformation“ auf den ersten Blick semantisch zu verbieten. Nichtsdestotrotz handelt es sich hierbei um eine seit dem 19 Jahrhundert etablierte Bezeichnung für sog. „Vorläufer der Reformation“, welche einer bestimmten Form historischer Selbst-Legitimation des Protestantismus’ Rechnung trägt, 9 die auch vor Jakob von Paradies nicht Halt machte: 1555 nahm erstmals Wolfgang Wissenburg (1496-1575), ein Basler Re-formierter, Jakobs Traktat De septem statibus ecclesiae in Apocalypsi descriptis 10 als vorre-formatorisches Zeugnis einer Anklage gegen den Papst in seine Antilogia Papae auf. 11 Bereits ein Jahr später folgte Matthias Flacius Illyricus (1520-1575) diesem Beispiel und wies dem Kartäuser einen Platz in seinem Catalogus testium veritatis zu − einem Verzeichnis von rund 400 historischen Vorläufern Luthers, die als Zeugen protestantisch verstandener Wahrheit in Wort und Schrift gegen den Papst gekämpft hatten. 12 Hierbei berief sich Flacius ebenfalls primär auf die Schrift De septem statibus ecclesiae.
Bis ins 19. Jahrhundert hinein fanden ausgewählte Schriften Jakobs - darunter nahezu immer auch der Traktat De septem statibus ecclesiae - Aufnahme in diverse Kompendien protestantischer Kirchengeschichtsschreibung und verfestigten auf diese Weise Jakobs Ruf als testis veritatis. 13
6 Hubertus Maria Blüm, Erfurt, in: Die Kartäuser. Der Orden der schweigenden Mönche, hg. v. Marijan Zadnikar in Verb. mit Adam Wienand, Köln 1983, S. 299-301; ders., Jakobus von Jüterbog, in: Die Kartäuser. Der Orden der schweigenden Mönche, hg. v. Marijan Zadnikar in Verb. mit Adam Wienand, Köln 1983, S. 357.
7 Zur Rezeptionsgeschichte vgl. Mertens, Iacobus.
8 Junghans, Reformation, EKL 3, Sp. 1470; Seebaß, Reformation, TRE 28, S. 386, Z. 38-40.
9 Thomas Kaufmann, Reformatoren, in: EKL 3: L-R, hg. v. Erwin Fahlbusch, 3. neu bearb. Aufl., Göttingen 1992,Sp. 1493-1502, hier Sp. 1493f.
10 Im Folgenden aus darstellungsökonomischen Gründen nur als De septem statibus ecclesiae bezeichnet.
11 Mertens, Iacobus, S. 150.
12 Oliver K. Olson, Flacius, in: TRE 11: Familie-Futurologie, hg. v. Gerhard Müller u.a., Berlin/New York 1983, S. 206-212, hier S. 209, Z. 25f; Art.: „Flacius“, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon. Bd. 2: Faustus von Mileve bis Jeanne d’Arc, begr. u. hg. v. Friedrich Wilhelm Bautz, fortgef. v. Traugott Bautz, Herzberg 1990, Sp. 43-48, hier Sp. 47.
13 Vgl. Mertens, Iacobus, S. 157-163.
2
So verfuhr schließlich auch Carl Ullmann, der Jakob in seinem gleichnamigen Werk aus dem Jahre 1841 schlechterdings zu den „Reformatoren vor der Reformation“ zählte. 14 Hierbei stützte er sich, wie schon Wissenburg und Flacius 300 Jahre zuvor, fast ausschließlich auf den Traktat De septem statibus ecclesiae, während er protestantischer Apologetik hinderliche Elemente in Jakobs Werk, wie seine mystische Theologie, als bloße Erscheinungen des Zeitgeists abtat. 15
Durch die beschriebene Vereinnahmung einzelner Schriften Jakobs von Paradies als vorre-formatorische „pièces justificatives“ 16 gewann der Protestantismus in dem weithin bekannten Kartäuser einen renommierten Fürsprecher, welcher sich seines neuen Amtes günstiger Weise nicht mehr erwehren konnte.
Jenseits dieser selektiven Rezeption durch protestantische Geschichtsschreibung sucht man eine substantiierte Auseinandersetzung mit der Frage, ob und inwiefern man Jakob von Paradies als „Reformator vor der Reformation“ bezeichnen kann, bis dato leider vergeblich. Diesem Defizit möchte die folgende Untersuchung abhelfen, indem sie wesentliche Aspekte des theologischen Gesamtkonzepts Jakobs von Paradies in direkten Vergleich zur Theologie des Reformators par excellence setzt - Martin Luther.
Da Martin Luther im Gegensatz zu anderen Reformatoren, wie z.B. Calvin mit seiner Institutio christianae religionis, keine Gesamtdarstellung seiner Theologie hinterließ, wird hierbei aus der Fülle seiner Äußerungen geschöpft, welche sämtlich in der sog. Weimarer Ausgabe kritisch ediert sind. 17
I. Ekklesiologie und Kirchenbegriff
1. Die Ekklesiologie Jakobs von Paradies
Fundament des theologischen Gesamtkonzepts Jakobs von Paradies ist sein konziliaristisch geprägter Kirchenbegriff. Einen grundlegenden Einblick in sein ekklesiologisches Verständnis gewährt der 1440/1441 zur Vorbereitung der offiziellen Stellungnahme der Krakauer Universität zum Basler Konzil verfasste 18 Traktat Determinatio de ecclesia 19 . Darin führt Jakob aus, dass es nur eine heilige katholische Kirche gebe, welche als ecclesia universalis triumphierende und kämpfende Kirche vereine:
14 Carl Ullmann, Reformatoren vor der Reformation, vornehmlich in Deutschland und in den Niederlanden. Bd. 1, 2. Aufl., Gotha 1866, S. 194-201.
15 Ullmann, S. 195f.
16 Mertens, Jakob von Paradies, Sp. 486.
17 D. Martin Luthers Werke. Kritische Gesamtausgabe, Weimar (im Folgenden zitiert als WA mit Angabe von Band-, Seiten- und Zeilennummer).
18 Vgl. Mertens, Jakob von Paradies, Sp. 482.
19 Text bei Jan Fijaáek, Mistrz Jakób z Parady*a i uniwersytet Krakowski w okresie soboru Bazylejskiego. Bd. 1, Kraków 1900, S. 349-380.
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Arbeit zitieren:
Nina Metz, 2009, Jakob von Paradies – ein „Reformator vor der Reformation“?, München, GRIN Verlag GmbH
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