Was ist Gerechtigkeit? - Von Totalitarismus über Universalismus zum Pluralismus 2
Inhaltsverzeichnis
1 Platon - Jedem das Seine 3
2 John Rawls - Gerechtigkeit als Fairness 6
3 Michael Walzer - Tyranneien und gerechte Gesellschaften 10
4 Vergleich von Platon, Rawls und Walzer. 13
5 Quellenverzeichnis 15
Tabellenverzeichnis 15
Was ist Gerechtigkeit? - Von Totalitarismus über Universalismus zum Pluralismus 3
1 Platon - Jedem das Seine
Die Idee der Gerechtigkeit lässt sich, aus der Sichtweise Platons, nur im Zusammenhang mit den tragenden Begriffe der Zeit vergleichen. Diese wären unter anderem Harmonie, Stabilität und damit Unveränderlichkeit, Monotonie.
Platon selbst lebte von 427 v. Chr. bis 347 v. Chr. Er entstammt einer adligen Familie und war Schüler von Sokrates. In seinem Hauptwerk „Politeia“ beschreibt er eine idealistische Staatsform, welche auch im Nachfolgenden Grundlage für die Erläuterung der Gerechtigkeitsdarstellung ist.
Laut Platons Staatsideal bildet die Gerechtigkeit die Basis jeglicher Ordnung. Sie ist somit auch die Kraft, welche eine Staatsbildung überhaupt ermöglicht und der Staat, gemäß „Politeia“, ist die einzige Organisationsform, wodurch Gerechtigkeit realisiert werden kann.
Zu Beginn steht die Forderung der Menschen nach Gerechtigkeit, welche auch als allumfassende Tugend bezeichnet wird. Diese kann nur durch das Prinzip „Jedem das Seine“ verwirklicht werden. Dies bedeutet, dass im Staat, welcher durch den Lehrstand (= Philosophen), den Wehrstand (= Wächter) und den Nährstand (= Bauern, Handwerker) dreigeteilt ist. Jeder dieser Komponenten darf nur seiner zugeschriebenen Funktion nachkommen. Anderenfalls wäre dies Ungerechtigkeit, da er sich dem obersten Prinzip entbindet.
„Wenn dagegen ein von der Natur zum Handwerker 1 oder sonst einem Erwerbsfach Bestimmter, [...] sich in den Kriegerstand einzudrängen versucht, [...] dann, denke ich, wird auch dir solcher Tausch und solche Vielgeschäftigkeit als verderblich für den Staat erscheinen.“ (Platon, zit. n. Becher/Treptow 2000, S. 65).
Der Mensch ist im Aufbau ähnlich dem Staat. Auch er besteht aus drei Teilen: dem Kopf (vernünftiger Teil, Sitz der Vernunft), dem Herz (dem wollenden Teil, Sitz des Mutes) und dem Bauch (begehrender Teil, Sitz des Begehrens), welche jeweils in Funktion und Aufgabe mit den Staatsteilen gleichgesetzt werden können.
1 Die Bestimmung des Berufes, so nach Annahme Platons, erfolgt durch die Natur; nicht durch das Individuum. Man wird sozusagen in sein Gewerbe geboren, wodurch der Begriff ‚Beruf’, in dieser Beziehung, folglich der Berufung gleichgesetzt werden kann.
Was ist Gerechtigkeit? - Von Totalitarismus über Universalismus zum Pluralismus 4
Tabelle 1: Vergleich Mensch und Staat
Somit lässt sich nach Platon auch erschließen, dass Staat und Mensch das selbe Wesen, denselben Charakter, haben. Dieser ist natürlich gerecht bzw. gut 2 . In Bezug auf diese Proportionen, lässt sich jedoch kein Teil bestimmen, der als Vorbild in Sachen Gerechtigkeit anzusehen ist. Vielmehr sichert das gesamte Zusammenspiel aller Teile das Gute bzw. Gerechte. Der Mensch ist demzufolge ein Wesen, dass nach Harmonie strebt. Dies realisiert er in sämtlichen Bereichen, z.B. Bildung seiner körperlichen und geistigen Kräfte, Berufsausübung, Beziehungen in der Gemeinschaft. Sollte diese Balance nicht mehr gewährleistet sein droht der unmittelbare Untergang. Daraus lässt sich auch ein Prinzip der Ganzheitlichkeit erkennen, da folglich die Gerechtigkeit nur durch das Zusammenspiel aller gesichert werden kann 3 . Platon lehnt sich damit an die griechische Wissenschaft der Medizin an, wonach ein gesunder Mensch von Gleichgewicht und Mäßigung geprägt ist. Selbiger Gedankengang ist wieder auf den Staat übertragbar: wenn jeder seinen Platz im Ganzen findet, dann ist die Gemeinschaft gerecht (vgl. Gaarder 1993, S. 112). Dieser Fakt kennzeichnet, unter anderem, den idealistischen Ansatz jenes Gesellschaftsmodells, weil nicht Bedürfnisbefriedigung als erster Zweck der Sozialisierung gesehen wird, sondern die „Erkenntnis des einheitlichen Ganzen, die sich über den Streit [ihrer, K.E.] Teile erhebt“ (Platon, zit. n. Be- 2 Der meist unbestimmte und mannigfaltig, definierbare Begriff ‚gut’ wird hier, nach Platon, mit ‚gerecht’ gleichgesetzt.
3 Woraus sich, als gerade für Pädagogen interessanter Ansatzpunkt, ergibt, dass der Mensch eine ganzheitliche Bildung erhalten soll (vgl. Platon, zit. n. Becher/Treptow 2000, S. 68); sprich intellektuelle und körperliche Erziehung.
Was ist Gerechtigkeit? - Von Totalitarismus über Universalismus zum Pluralismus 5
cher/Treptow 2000, S. 62). Diese starke Orientierung an der Vernunft ist ein Merkmal des Rationalismus, welcher Platons Philosophie prägt (vgl. Gaarder 1993, S. 112f). Der Staat ist nach Platon das Ideal in Bezug auf Gerechtigkeit. Seine Rechtsprechung ist demnach unfehlbar und seine Bevölkerung soll weder Zweifel, noch Ungehorsam gegenüber selbiger an den Tag legen. Weiterführend wird als ungerecht all das bezeichnet, was das Gleichgewicht der Gesellschaft stört, das heißt Ständewechsel, sowie sämtliche Verbrechen.
Die Realisierung der Gerechtigkeit erfolgt sowohl im Äußerem (=Staat), als auch im Inneren (=dem einzelnen Bürger), wobei anzumerken ist, dass beide natürlich das gleiche Ziel (Gerechtigkeit) haben. Die Kraft, bzw. der Antrieb zum Zusammenspiel, geht jeweils vom Einzelnen aus. Er bringt durch seine drei Tugenden, sprich Tapferkeit, Weisheit und Besonnenheit die treibende oder ordnungssichernde Energie ein. Tapferkeit wird demjenigen zugesprochen, der auch im Angesicht der Gefahr an seinen Idealen festhält und diese verteidigt.
„Also auch tapfer, [...] werden wir jenen Einzelnen nach diesen Teil nennen, wenn nämlich das Zornmütige in ihm in Leid und Lust immer festhält an dem, was durch die Vernunft als gefährlich und als dessen Gegenteil kundgegeben worden ist.“ (Platon, zit. n. Becher/Treptow 2000, S. 68) Weisheit wird definiert als das Wissen, was nicht nur dem Individuum nützt, sondern auch für die Gesellschaft von Vorteil ist. Wobei nicht nur die faktische Existenz Ausschlag gebend ist, sondern auch eine Umsetzung gemäß dieser Weisheit erfolgen muss. „Weise aber nennen wir ihn nach jenem kleinen Teil, der in ihm herrscht [...] und auch seinerseits das Wissen von dem in sich hat, was sowohl für einen jeden Einzelnen heilsam ist wie auch für die ganze Gemeinschaft [...].“(Platon, zit. n. Becher/Treptow 2000, S. 68f) Weiterhin wir festgestellt, dass Besonnenheit erreicht ist, wenn alle drei Teile in Harmonie miteinander auskommen.
„[...] Besonnen nennen wir ihn doch wegen der Freundschaft und des Einklangs dieser Teile, wenn das Herrschende und die beiden Beherrschten sich darüber einig sind, dass dem vernünftig denkenden Teil die Herrschaft gebühre, und wenn jede Auflehnung gegen ihn unterbleibt? [...] Ja darin und in nichts anderem besteht die Besonnenheit für den Staat sowohl wie für den Einzelnen.“ (Platon, zit. n. Becher/Treptow 2000, S. 69)
Innerhalb dieser vorgestellten Ordnung gibt es nun einen Herrschenden und zwei Beherrschte. Der Lehrstand bzw. Kopf herrscht, alle anderen werden beherrscht. Den beiden oberen Teilen Lehr- und Wehrstand bzw. Kopf und Herz kommt weiterhin die Aufgabe zu, den Staat zu leiten und dessen Werdegang zu überwachen; somit die Ord- nung zu sichern. Sie schützen die ganze Seele (Körper/Staat).
Arbeit zitieren:
Kristina Eichler, 2008, Was ist Gerechtigkeit?, München, GRIN Verlag GmbH
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