Einleitung
Dieter Geulen bezeichnet explizit die Familie, die Gleichaltrigen, die Massenmedien und die Schule als die „wichtigsten Instanzen der Sozialisation“ (Geulen 2007: 150). Die Einzige dieser Instanzen mit einem wissenschaftlich fundierten und formulierten Sozialisationsauftrag ist die Schule. Dieses Essay befasst sich primär mit der Frage nach der Sozialisationsfunktion der letzteren (Schule) während der Entwicklung in der Frühadoleszenz der Schüler 1 im Verhältnis zur ersteren (Familie). Steht sie mit jener im Wettstreit, ist sie ein komplementäres Additiv, oder besteht gar eine dritte Alternative?
Sozialisationsprozesse der Schulzeit
Verantwortlich für eine erfolgreiche und gesunde psychosoziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen sind Sozialisationsprozesse in denen möglichst viele, feste und vertrauensvolle Verbindungen mit Erwachsenen, die persönlich verantwortlich für diese Kinder sind, eine herausragende Rolle spielen. Besonders eindringlich und nachhaltig sind die Einflüsse dieser Erwachsenen in der Zeit der Frühadoleszenz. Spätestens zu diesem Zeitpunkt erfährt die Familie, als nach wie vor wichtigste Sozialisationsinstanz im Leben eines Menschen, eine enorme Konkurrenz durch die Institution Schule mit dem Ergebnis, dass ihre Sozialisationsfunktionen schwinden und Kompetenzen abgegeben werden. Talcott Parsons deutet darauf hin, geht aber leider nicht näher auf die Ursachen dieses Funktionsschwunds ein. Er schreibt:
Die Sozialisationsfunktionen der Familie sind zu dieser Zeit relativ gering, obgleich
ihre Bedeutung nicht unterschätzt werden sollte. Aber die Schule wird von
Erwachsenen kontrolliert und ruft darüber hinaus dieselbe Art der Identifizierung
hervor wie die Familie in der vor-ödipalen Phase des Kindes. (Parsons 1987: 111).
Meiner Meinung nach liegt das vor allem am vermehrten Zeitaufwand der die Schüler erwartet, am Selektionsdruck und seinen Resultaten, am Arbeitsaufwand, an den höheren kognitiven Anforderungen und nicht zuletzt am pädagogischen Personal, das, um effektiven Unterricht zu gewähren, zwangsläufig mehr Disziplin einfordert als noch in der Grundschule.
1 Der Einfachheit halber wird in diesem Essay Gebrauch vom generischen Maskulinum gemacht.
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Lehrer
Aus Schülersicht besteht die größte Zäsur zu allem vorher dagewesenem vor allem in der Tatsache, dass plötzlich fremde Erwachsene in Form von Pädagogen drastisch und systematisch in Sozialisationsprozesse eingreifen, ja sogar zu „Primärsozialisatoren“ werden, also zu Instanzen, die dem Sozialisand, d.h. dem der Sozialisation Unterworfenen, Normen und Verhaltensweisen vermittelt und ihm auf diese Art und Weise Anhaltspunkte für den Sozialisationsprozess liefern. Damit steht der Lehrer nicht nur in Konkurrenz zu Peer Groups und Massenmedien sondern vor allem zu den Eltern (vgl. Geulen 2007: 150 ff.).
Der soziale Wandel als dispositionelle Vorraussetzung für Handlungsbedarf Obwohl Begriffe wie „Kindheit“ oder „Jugend“ erst in den hoch entwickelten
Industriegesellschaften entstanden sind, und damit diesen Phasen Entwicklungsfreiräume zugestanden wurden, werden diese Schonräume in der heutigen Industriegesellschaft immer mehr eingeschränkt durch die Beschränkung auf die Konsumentenrolle (Medien, Mode- und Kulturindustrie) und durch eine zunehmende Gleichförmigkeit (Konsum, Verkehr, Kommunikation, Stadtarchitektur). Die Jugendlichen wachsen in einem Spannungsverhältnis von individualisierten Lebensentwürfen, unsicheren Zukunftsperspektiven, Differenzierung und Pluralisierung von Lebenslagen, Verlust an sozialen und ideellen Orientierungssicherheiten einerseits und einer auf zunehmende Gleichförmigkeit und Vergesellschaftung (im Georg Simmelschen Sinn) von Politik, Kultur, Medien, Bildungswesen und Reproduktionsbedingungen zielende Entwicklungsdynamik andererseits auf. In bestimmten Bereichen werden Jugendlichen früh Selbständigkeiten zugestanden (Sexualität, Konsum, Mode), andererseits stehen sie für einen viel längeren Zeitraum in ökonomischer und sozialer Abhängigkeit der Eltern (Bildungszeiten, berufliche Absicherung). Sie wachsen, trotz Fortbestand sozialer Ungleichheit und vertikaler Gliederung der Gesellschaft (Schichten), in einem „Orientierungsvakuum“ auf, welches durch die Auflösung traditioneller sozialer Milieus und Lebenswelten entstand. Als weiterer belastender Faktor muss die risikogesellschaftliche Entwicklung (Ökologie, Militär, Technik, soziale Lage, Ökonomie, Politik) angesehen werden, in der ein nicht unerhebliches existentielles Gewaltpotential enthalten ist. Dieses Potential erschließt sich allerdings der Erkenntnis nicht so leicht sondern wirkt eher diffus auf die Empfindungen der Jugendlichen. Ohnmachtsgefühle und eigene Gewaltbereitschaft sind dann Ausdrucksformen dafür (Kandzora, 1996).
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Arbeit zitieren:
Richard Grünert, 2009, Schule – Komplementäres Sozialisationsadditiv oder letzte Rettung?, München, GRIN Verlag GmbH
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