1 Einleitung
Die Weltliteratur des 20. Jahrhunderts wäre ärmer ohne Knut Hamsun. Er ist der Architekt einer 1
Erzählprosa, die vielen Stilrichtungen der Moderne den Weg bereitet hat. Der Norweger Knut Hamsun gehört ohne Zweifel zu den umstrittensten, aber damit auch interessantesten Repräsentanten der literarischen Moderne. In seiner Schaffensperiode in den 1890er Jahren schrieb Hamsun nicht nur sein Durchbruchswerk „Sult“ (1890), sondern 1894 auch den am meisten rezipierten und am eingehendsten analysierten Roman „Pan. Af Løitnant Thomas Glahns Papirer“. 2 In seiner Rezeptionsgeschichte hat er verschiedene Reaktion verursacht, die von großem Enthusiasmus bis hin zur rigorosen Verdammung reichten. Das Ziel dieser Hauptseminararbeit ist es, die Rezeption von Hamsuns Roman „Pan“, unter Berücksichtigung des historischen und geistesgeschichtlichen Hintergrunds, eingehend zu betrachten. Es sollen zuerst einige Grundtendenzen der Hamsun-Kritik erläutert werden, bevor die Rezeption um die Jahrhundertwende umrissen werden soll. Besonders Augenmerk wird dabei auf die Kennzeichen des Jugendstils gelegt, die der Rezipient der damaligen Zeit vermehrt in „Pan“ vorfindet. Danach wird kurz auf die zeitgenössische Kritik der Weimarer Republik eingegangen. Dabei wird die Rezeption der Werke unter dem Expressionismus betrachtet und es wird zu sehen sein, dass Hamsun unter den Expressionisten anerkannt und positiv aufgenommen worden ist. Daran schließt sich eine umfassende Analyse der psychoanalytischen Interpretation von „Pan“ an, die eine symbolische Darstellung der Kastration und sadomasochistische Züge in dem Roman nachweist. Im Anschluss daran wird die Rezeption von „Pan“ im Dritten Reich behandelt. Die ideologiekritische Leseart, die in 1970er Jahren aufkam und ihren Vorreiter in Leo Löwenthal hatte, wird danach dargestellt. Sowohl Leo Löwenberg als auch Arild Linneberg weisen faschistische Elemente in „Pan“ nach. Daran schließt sich eine Kritik an der ideologiekritischen Leseart von Klaus von See an.
1 Bien, Horst: Werke und Wirkungen Knut Hamsuns. Eine Bestandsaufnahme. Leverkusen 1990 (=Artes et litterarae Septentrionales. Kölner Studien zur Literatur-, Kunst- und Theaterwissenschaft. Bd. 6). S. 5.
2 Vgl. Weibel, Siegfried: Der „Pan“-Mythos in der Hamsun-Kritik. In: Arbeiten zur Skandinavistik. 7. Arbeitstagung der Skandinavisten des deutschen Sprachgebietes 4.8.-10.8. 1985 in Skjeberg/Norwegen. Hrsg. v. Ulrich Groenke. Frankfurt am Main (= Texte und Untersuchungen zur Germanistik und Sandinavistik. Bd. 18). S. 373.
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2 Die Rezeption von Knut Hamsuns „Pan. Af Løitnant Glahns Papirer“
(1894)
Das Jahr 1890 markiert eine Bruchstelle in der skandinavischen Literatur. Es kommen neue Strömungen auf, die sich vor allem mit der Psyche, dem Irrationalem und für das Subjekt interessieren. Auch Knut Hamsuns Aufsatz „Fra det ubevidste sjæleliv” von 1890 zeigt sich als richtungsweisend für eine Theorie der Dichtung, die sich mit der Innenwelt und dem Vernunftswidrigen des Menschen beschäftigt. Diese Neuerung der Literatur, die Erforschung einer Verbindung zwischen der Außen- und einer mysteriösen Innenwelt des Menschen wird ein paar Jahre später unterstützt von der Psychoanalyse Sigmund Freuds und der Philosophie von Friedrich Nietzsche. 3 In Hamsuns Roman „Pan“ wird die Krise des modernen Subjekts in der Natur des Nordlandes dargestellt. Dies wurde damals als „Naturidylle und als Rückkehr aus der problematischen Modernität in die heile Gegenwelt der Natur gelesen.“ 4 Der Roman besteht aus zwei erzähltechnisch unterschiedlichen Romanteilen. In dem ersten Teil werden die niedergeschriebenen Erinnerungen des Protagonisten Thomas Glahn über seine Erlebnisse im Norden von Norwegen dargestellt, während der Andere eine Aufzeichnung eines anonymen Erzählers, die über Glahns Aufenthalt und Tod in Indien berichtet, beinhaltet. Der zweite Romanteil schließt Glahns Biografie nicht nur ab, sondern verfremdet das Berichtete auch und artikuliert die Bedeutsamkeit der Aussagen im Rückblick. Die Naturreligiosität und die mythischen Aspekte treten dabei zurück. Die Forschung begrenzte sich lange Zeit auf den Haupttext, den ersten Teil der Erzählung. Der zweite Romanteil wurde als unnötig betrachtet, von dem übrigen Text abgegrenzt und auch herausgenommen. Dabei galt das Interesse der Literaturwissenschaft vor allem der Figurenhandlung und der Schilderung des Liebesverhältnis von Glahn und Edvarda. Lediglich bei der Frage wer am Scheitern der Beziehung schuld sei sind sich die Literaturwissenschaftler uneins. 5 Rolf Vige sieht die Schuld bei Edvarda 6 , während Rolf Nyboe Nettum die Ursache des Scheiterns bei Glahn 7 sieht. Auch die Interpretation der Ideologiekritiker beschäftigt sich mit der Liebesgeschichte und betrachtet Glahn und Edvarda als Vertreter der Gegensätze Natur
3 Vgl. Heitmann, Annegret: Die Moderne im Durchbruch (1870-1910). In: Skandinavische Literaturgeschichte. Hrsg. v. Jürg Glauser. Stuttgart/Weimar 2006. S. 183-214.
4 Ebd. S. 226.
5 Vgl. Weibel, Siegfried: Knut Hamsun „Pan“: Suggestion und De-Montage. In: Skandinavistik. Zeitschrift für Sprache, Literatur und Kultur der nordischen Länder 16 (1986) Nr. 1. S. 21-24.
6 Vgl. dazu Vige, Rolf: Knut Hamsuns Pan. En litterær analyse. Oslo 1963. S. 38-71.
7 Vgl. dazu Nettum, Rolf Nyboe: Konflikt og visjon. Hovedtemaer i Knut Hamsuns forfatterskap 1890-1912. Oslo 1970. S. 226-262.
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und Kultur, zwischen denen sich der eigentliche Konflikt abspielt. Beiden Lesearten liegen aber mehreren Übereinstimmungen zugrunde. Das Ziel ihrer Untersuchungen ist die Verifikation einer entschiedenen Absicht des Verfassers. Sie sehen Glahns Erzählperspektive als obligatorisch an und erkennen ihr damit eine „auktoriale Belangbarkeit“ 8 zu. Rolf Vige schließt sich dieser Erzählperspektive an, während Rolf Nyboe Nettum sie einschränkt und Arild Linneberg sie missbilligt. 9
2.1 Rezeption um die Jahrhundertwende
Um die Jahrhundertwende existieren verschiedene Stile, wie der Jugendstil, der Neoimpressionismus, der Symbolismus, der Naturlyrismus und die Heimatkunst gleichzeitig. Die Rezeption von den Werken „Pan“ und „Viktoria“ (1898) von Hamsun ist geprägt durch die ästhetischen Kriterien der zu dieser Zeit vorherrschenden Stilmischung. Hamsuns Romane werden als Neuerung und als dichterische Epik aufgefasst. Lou Andreas-Salomés Rezeption weist deutlich Einflüsse des Jugendstils und des Naturlyrismus auf. 10 Sie realisiert ihre Wünsche und ihre Zivilsations-Abneigung in der Hauptperson des Leutnant Glahns und schreibt über „Pan“:
[E]rst in „Pan“ enthüllt [Hamsun] ohne Rückhalt seine dichterische Persönlichkeit in ihrer lyrischen Kraft und Stimmungsfülle. Dieses Buch könnte „Naturfriede“ heissen ! Hier kehrt der Mensch aus der Ueberkultur in die Natur zurück, nicht zur symbolisch verstandenen, oder für irgend welche Seelenzustände zurechtstilisirten, ˗˗ nein, hier steigt er wahrhaftig und wirklich mit dem Dichter empor aus den Dünsten und dumpfen Engen der Städte in die rauschenden Wälder und auf die einsamen Höhenzüge des Gebirges. Der Roman besteht zum grössten Teil nur aus Naturschilderungen, aber wir träumen uns willig in sie hinein mit diesem Fremden, der in eine kleine norwegische Küstenstadt kommt, um in den darüber gelegenen Gebirgswaldungen, einen Sommer lang sein Jägerleben zu führen ; wir hausen mit ihm in der verlassenen Hütte, die er mit Tierfellen und Vogelfedern austapezirt, wir belauschen mit ihm das tausendfache Leben der Pflanzen und Geschöpfe rings umher und wachen mit ihm in den Nächten 11 .
Der Roman „Pan“ ist, wenn man ihn als Programmschrift auffasst, eine nicht realisierbare Alternative zu dem Zustand der damaligen Gesellschaft. Der Bezug zum Jugendstil wird insofern sichtbar, wenn man diese Stilrichtung als „eine Reaktion gegen Historismus, Technik, Vermassung und Kapitalismus auffaßt, die sich zu einer ‚Renaissance des Lebens„, einer ‚Hinwendung zur Natur und zum All„ steigert“ 12 . 13 Wilhelm Friese fasst
8 Weibel, S.: Der „Pan“-Mythos. S. 374.
9 Vgl. ebd.
10 Vgl. Schulte, Gabriele: Hamsun im Spiegel der deutschen Literaturkritik 1890 bis 1975. Frankfurt am Main 1986 (= Texte und Untersuchungen zur Germanistik und Skandinavistik. Bd. 15). S. 31-33.
11 Andreas-Salomé, Lou: Scandinavische Dichter. In: Cosmopolis. International Revue 4 (1896). S. 557.
12 Schulte, G.: Hamsun im Spiegel. S. 33.
13 Vgl. ebd. S. 33-36.
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„Pan“ als eine Jugendstil-Dichtung auf und bezieht sich auf das angewandte Motiv des Zusammentreffens von zwei Menschen in der Natur. Glahn, der sich der Natur zugehörig fühlt, trifft Edvarda. Ihre Beziehung steht im Einklang mit den Jahreszeiten und damit wird das Paar der Natur zuteil. Das Sehnen nach einer ursprünglichen Natur, das in dem Roman deutlich wird, ist ein Kennzeichen des Jugendstils. Friese sieht aber auch den Titel als richtungsgebend für eine neue Bewegung an, da der Begriff „Pan“ „das künstlerische Wollen - Natur wider Zivilisation, Schlichtheit wider Luxus - des neuen Stils [versinnbildlicht].“ 14 In den folgenden zwei Sätzen, die einen längeren Textabschnitt, umschließen, sieht Friese auch eine gewisse Gemeinsamkeit mit dem Jugendstil:
Indian summer, indian summer. Stierne lå som bælter ind gjennem den gulnende skog, en ny stjærne kom hver dag, månen skimtedes som en skygge, en skygge av guld dyppet i sølv . . . .[...] Og løvet gulner end mere, det lier most høsten, det er kommet nogen flere stjærner på himlen og månen ser fra nu av ut som en skygge av sølv som er dyppet i guld. 15
Die beiden Sätze bilden einen „ornamentalen Rahmen“ 16 um eine längere Textpassage. Analog zur bildenden Kunst wird die Erzählung, mit ihrer Einleitung, der Beschreibung eines Sommers im Nordland, ihrem Schluss sowie der Gegenwart und der Vergangenheit als eine unteilbare Einheit angesehen. Weitere Kennzeichen des Jugendstils, die Friese anführt, sind die Figur des schlanken Mädchens sowie die Sehnsucht von zwei sich Liebenden, die sich nie bekommen werden. Er weist auch einige Stilzüge in dem Roman „Pan“ nach, die typisch für den Jugendstil sind. Der Leser wird in eine „traumähnliche Stimmung, die weder an die Zeit, noch an den Raum gebunden ist, versetzt.“ 17 Erreicht wird diese Stimmung durch den Wechsel zwischen den Schreibebenen und zwischen der Zeit und dem Ort der Geschehnisse. Dazu kommen noch Beschreibungen, die keinen Ort und keine Zeit benennen, wie z. B. Fantasien und Träume. Aber auch der Wechsel zwischen Präteritum und Präsens trägt zum Schaffen dieser Atmosphäre bei. Ein weiteres Kennzeichen des Jugendstils ist die Wortwiederholung, wie im folgenden Satz: „Men da vi kom ned i kanten av skogen var det ingen der, nei, alt var stille, det var ingen der. Det er ingen her! sier jeg.“ 18 Charakteristisch für den Jugendstil sind auch Rhythmuswiederholungen, wie „[b]are nu og da kom et vindpust og bragte de sovende
14 Schulte, G.: Hamsun im Spiegel. S. 83.
15 Hamsun, Knut: Pan. Av løitnant Thomas Glahn papirer. Trondheim: Gylendal Norsk Forlag AS, 2006. S. 72f.
16 Friese, Wilhelm: Hamsun und der Jugendstil. In: Auf alten und neuen Pfaden. Eine Dokumentation zur Hamsun-Forschung. Hrsg. v. Heicko Uecker. Bd. 2. Frankfurt am Main 1983. S. 86.
17 Ebd. S. 89.
18 Hamsun, K.: Pan. S. 16.
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tåker til å stige og synke, stige og synke” 19 und „[j]eg tier og tænker, tier og tænker.” 20 Aber auch die typischen Satzanfangswiederholungen, wie „Hver dag, hver dag, traf jeg hende“ 21 , findet man in „Pan“ vor. 22 Friese stellt treffend fest, dass der Leser zu der Zeit der Jahrhundertwende „seine aus der Neuromantik und dem Jugendstil gewonnenen ästhetischen Maßstäbe der ästhetisch gewerteten Schönheit und der dichterischen Intensität an Hamsuns Romane“ 23 an. Insgesamt kann man sagen, dass „Pan“ von mehreren Rezensenten als eine Jugendstil-Programmschrift angesehen wird. Einige Kritiker heben auch eine Ähnlichkeit zwischen dem Roman und den Bildern von Böcklin hervor. Für Böcklin war Pan „ausschließlich die Verkörperung des männlichen Eros, die phallische Gottheit der Fruchtbarkeit.“ 24 Diese mythologischen Gestalten repräsentieren für ihn die ursprüngliche Natur - als Gegenmodell zu der Zivilisation. Andere Rezensenten, wie Hans Bethge, stellen einen Bezug von „Pan“ mit dem Pantheismus und dem Panpsychismus her. Es wird erwartet, dass die Kunst „hinter die Materie dringt, das Weltgeheimnis entdeckt, das monistische Verwobensein von Mensch, Natur und All in den Mittelpunkt stellt“ 25 . Die Natur wird mit all ihren Erscheinungen als beseelt angesehen. Zusammenfassend sind einige Romane Hamsuns, wie „Pan“ und „Viktoria“, Werke des Fin de Sieclè. 26 Es lässt sich aber feststellen, dass die Rezeption sich, infolge von historischen und ästhetischen Veränderungen, gewandelt hat. Walter Baumgartner geht auf das oben angeführte Zitat von Lou Andreas-Salomé ein. Er rät davon ab, „Pan“, nur wegen seiner „bitterschönen Liebesgeschichte und der Naturmystik“ 27 hoch zu achten, denn dann „hat man kaum die Hälfte verstanden“ 28 . „Pan“ ist, wie neuere Forschungen aufzeigen, nicht mehr ein Beleg für die nordische Verherrlichung der Natur oder eine Erzählung über die Liebe. Die Natur wird vielmehr als unwirkliche Landschaft der Psyche und somit als ein Spiegelbild von Glahns Gefühlen verstanden. 29
19 Hamsun, K.: Pan. S. 79.
20 Ebd. S. 64.
21 Ebd. S. 28.
22 Vgl. Friese, W.: Hamsun und der Jugendstil. S. 83-90.
23 Schulte, G.: Hamsun im Spiegel. S. 36.
24 Ebd. S. 34.
25 Ebd. S. 38.
26 Vgl. ebd. S. 34-42.
27 Baumgartner, Walter: Knut Hamsun. Reinbek bei Hamburg 1977. S. 50.
28 Ebd.
29 Vgl. Uecker, Heicko (Hrsg.): Neues zu Knut Hamsun. Frankfurt am Main 2002 (= Texte und Untersuchungen zur Germanistik und Skandinavistik. Bd. 51). S. 12.
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Christina Müller, 2009, Die Rezeption von Knut Hamsuns "Pan", München, GRIN Verlag GmbH
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