7. Perspektiven einer aggressionsmindernden Pädagogik 44
7.1 Lehrer- Schüler Beziehung: Wertschätzung, Kommunikation 44
7.2 Klassenklima 46
7.3 Das Konstanzer Trainingsmodell. 50
7. 4 Handlungskompetenzen für den Umgang mit Aggressionen. 50
7.5 Was kann ein Lehrer in einer akuten Gewaltsituationen tun? 55
7.6 Präventionsprogramme 57
8. Fazit 59
8.1 Ausblick 61
Abbildungsverzeichnis. 63
Internetquellen.................................................................................................. 63
Literaturverzeichnis 64
2
1. Einleitung
„Wir müssen feststellen, dass die Stimmung in einigen Klassen zurzeit
geprägt ist von Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz uns
Erwachsenen gegenüber. […] Die Gewaltbereitschaft gegen Sachen
wächst: Türen werden eingetreten, Papierkörbe als Fußbälle
missbraucht, Knallkörper gezündet und Bilderrahmen von den
Flurwänden gerissen. […] Wir sind ratlos. “ 1
Es war ein verzweifelter Hilferuf, den das Lehrerkollegium der Rütli-Schule im Februar 2006 an den Berliner Senat richtete. In einem offenen Brief schilderten sie die Zustände, die an der Hauptschule im Bezirk Neukölln herrschten. Die
Schüler 2 seien desinteressiert und gewaltbereit, gerade auch gegenüber den Lehrkräften. Die Angst einzelner Kollegen gegen Übergriffe ginge gar soweit, dass sie sich nur noch mit dem Handy in bestimmte Klassen trauten, um im Ernstfall Hilfe rufen zu können.
Die zugespitzte Situation der Rütli-Schule und die Hilflosigkeit der Pädagogen schlugen bundesweit hohe Wellen. Wochenlang war das Thema „Gewalt in der Schule“ in aller Munde. Politiker diskutierten über mögliche Reformen des Schulsystems, viele Medien stellten die Schule in Neukölln als Paradebeispiel für das Scheitern der Hauptschule dar. Der Name „Rütli“ stand dabei als Symbol für den Worst Case, für die Eskalation von angestauten Aggressionen und Gewalt.
In den Medien hat das Thema Schulgewalt auch zwei Jahre nach Rütli nach wie vor einen hohen Stellenwert. Die hohe mediale Präsenz lässt manchmal den Eindruck entstehen, dass die Gewaltbereitschaft deutlich höher ist, als es früher der Fall war. Ob die Aggression an Schulen aber tatsächlich zugenommen hat, ist schwer zu beurteilen, da die Zahl zuverlässiger statistischer Erhebungen gering ist.
Eine dieser Untersuchungen stammt vom Bundesverband der Unfallkassen. Der Verband untersucht jeden Unfall an Schulen, der Folge aggressiven Verhaltens zwischen Schülern war und bei denen ein Arzt aufgesucht werden musste. Die Ergebnisse zeigen, dass die physische Aggression an Schulen in den letzten zehn Jahren abgenommen hat. Zudem konnte keine Zunahme der
1 http://www.ruetli-oberschule.de/downloads/iie3.1schulsituation.doc (Zugriff am 07.08.08)
2 In der Arbeit wird sprachlich nicht zwischen Schülerinnen und Schülern bzw. zwischen
Lehrerinnen und Lehrern unterschieden, sondern die vereinfachende männliche Sprachform
verwand.
3
Brutalität während den Auseinandersetzungen festgestellt werden. 3 Nach Einschätzung der Autoren gibt es für die gegenwärtige Dramatisierung keine Basis.
Diese Untersuchung widerspricht also den gängigen Medienberichten. Das Problem des aggressiven Verhaltens in Schulen scheint nicht so weit verbreitet und dramatisch zu sein, wie die Fülle der Presseberichte es erscheinen lässt. Entsprechend der Agenda-Setting Theorie 4 nimmt das Thema aber durch die hohe Medienzuwendung einen erheblichen Stellenwert in der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit ein.
Ohne Zweifel ist die Aggressionsproblematik eine wichtige Angelegenheit im Alltag vieler Lehrer. Die Schule ist ein Ort, an dem aggressive Verhaltensweisen nicht ausbleiben. Hier trifft eine Vielzahl unterschiedlicher Schüler aufeinander, hier werden Meinungsverschiedenheiten ausgetragen, die manchmal in körperlichen Auseinandersetzungen münden. Vielen Pädagogen bereitet es Sorgen, dass verbale Attacken, wie gegenseitige Beschimpfungen, Beleidigungen und Herabsetzungen unter Schülern den alltäglichen Kommunikationsstil in den Schulen prägen.
Auch ich persönlich habe bei meiner Arbeit an einer Kieler Realschule Erfahrungen mit den Auswirkungen von Aggressionen in der Schule gemacht. Seit November letzten Jahres unterrichte ich zweimal in der Woche Schüler einer fünften Klasse, die einen Migrationshintergrund haben. In dieser Klasse fiel besonders ein Schüler durch sein aggressives Verhalten gegenüber Mitschülern auf. Sein Verhalten sorgte oft für eine suboptimale Lernumgebung. Einige Mitschüler ließen sich mitreißen, waren abgelenkt und nicht auf das Wesentliche konzentriert. Ich als Lehrkraft habe festgestellt, dass sich meine Aufmerksamkeit auf den störenden Schüler richtete und ich ihn oft in den Mittelpunkt gestellt habe.
Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, wie sehr einzelne Schüler das schulische Geschehen mit ihrem aggressiven Verhalten beeinflussen können. Der Unterricht verlor dabei an Qualität und die anderen Schüler waren die
3 http://www.ism-mainz.de/Evaluation-Schulmediation/_pdf/Abschlussbericht_Web.pdf (Zugriff
am 16.07.08)
4 Die Agenda- Setting Theorie bezieht sich auf die Thematisierungsfunktion der Medien.
Öffentliche Meinungen werden durch die Schwerpunktsetzung bestimmter Themen in den
Massenmedien beeinflusst (Neubauer et al. 1999, S. 120).
4
Leidtragenden. Aufgrund dieser Eindrücke begann ich nach Wegen zur Aggressionsverminderung zu suchen. Um das Verhalten des Schülers besser nachvollziehen zu können und um meinen angestrebten Beruf als Lehrerin besser ausüben zu können, habe ich mich für das Thema „Aggression in der Schule“ als Gegenstand dieser Examensarbeit entschieden. Diese Arbeit beschäftigt sich mit der folgenden Leitfrage: Inwiefern können Lehrer pädagogisch darauf einwirken, Aggression bei Schülern zu vermindern? Um diese Frage beantworten zu können, wird zunächst in Kapitel 2 auf die Problematik des Aggressionsbegriffes eingegangen und eine Definition als Grundlage dieser Arbeit vorgestellt. Anschließend sollen in Kapitel 3 die Theorien zur Erklärung aggressiven Verhaltens betrachtet werden, um die Möglichkeiten der Aggressionsentstehung aufzuzeichnen. In Kapitel 4 werden Motivationen für Aggressionen genannt. Dieser wichtige Aspekt kann in Hinblick auf die Aggressionsverminderung von großer Bedeutung sein, da hier die Ansatzpunkte liegen, die Auslöser zu vermindern. Die Ursachen und Bedingungen von Aggression werden in Kapitel 5 aufgezeigt. Dieses Kapitel soll einen kurzen Einblick in die Bedeutung der außerschulischen Faktoren liefern, da diese Aggressionen mit bedingen können. Kapitel 6 setzt sich mit Aggressionen im Schulkontext auseinander. Hier wird die Lehrkraft in den Mittelpunkt gestellt und Aspekte gezeigt, die Aggressionen, auch aufgrund des Fehlverhaltens der Lehrkraft, ermöglichen. Im folgenden Kapitel 7 werden Perspektiven zur Aggressionsverminderung genannt. Handlungskompetenzen für den Umgang mit Aggressionen sowie Einflussmöglichkeiten zur Aggressionsverminderung in Form einiger ausgewählter
Präventionsprogramme bilden somit das Abschlusskapitel, dem dann Fazit und Ausblick folgen.
In dieser Arbeit werden Aggressionen betrachtet, die während der Schulzeit zwischen Schülern oder zwischen Schülern und einem Lehrer auftreten, da hier der Einflussbereich des Lehrers am größten ist. Zeiten außerhalb, etwa der Schulweg, sollen ausgespart werden. Des Weiteren findet Aggression, die zwischen anderen am Schulgeschehen beteiligten Personen auftrittbeispielsweise zwischen Eltern und Lehrern oder zwischen Lehrern und Lehrern -keine Beachtung, da sich die Ausführung zur
5
Aggressionsverminderung größtenteils an den Lehrer richtet. Zwischen den einzelnen Schulformen soll nicht differenziert werden. Zwar ist die Häufigkeit von Aggressionen an Hauptschulen größer als an einem Gymnasium (vgl. Tillmann 1997, S. 16), die Handlungsstrategien, die ein Lehrer zur Verminderung von Aggressionen einsetzen sollte, gelten aber für jede Schulart gleichermaßen.
Die Literaturlage zum Thema ist insgesamt als sehr gut zu bezeichnen. Es gibt viele bekannte Theorien zur Aggressionsforschung, die im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden. Die erziehungswissenschaftliche Forschung diskutierte bereits in den 70er Jahren ausführlich über die
Aggressionsproblematik an Schulen und in den 90er Jahren gewann das Thema „Aggression / Gewalt an Schulen“ erneut an Aufmerksamkeit, diesmal bedingt durch eine Fülle von Zeitungsartikeln sowie Radio- und Fernsehberichten. Zu diesem Zeitpunkt konnte noch auf wenige Forschungsbefunde zurück gegriffen werden, was sich seit Mitte der 90er Jahre relativierte. Gegenwärtig gibt es viele verschiedene empirische
Untersuchungen, so dass sich ein interdisziplinäres Forschungsfeld etabliert hat. In diesen Studien werden oft Schülerbefragungen durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Befragungen können aufgrund von jugendtypischer Unter-oder Übertreibung Verzerrungen aufweisen. Ebenso verhält es sich mit der Lehrer- oder Schulleiterbefragung. Ihnen kann eventuell eine bessere Beurteilungsfähigkeit unterstellt werden, aber auch diese Resultate folgen der subjektiven Wahrnehmung und Interpretationen der Befragten. In der Literatur sind eine Vielzahl verschiedener Programme zur Prävention und Intervention im Kindes- und Jugendalter entwickelt worden, die sich direkt auf den Schulalltag beziehen.
6
2. Definitionen und Begriffsbestimmungen
Zu Beginn dieser Arbeit ist es wichtig, die beiden Begriffe Gewalt und Aggression voneinander abzugrenzen und somit eine einheitliche Verständigungsbasis zu schaffen. Das ist besonders deswegen notwendig, weil beide Begriffe sowohl im alltäglichen Sprachgebrauch als auch in der Fachliteratur häufig zur Beschreibung ähnlicher Phänomene verwendet werden und deshalb oft als austauschbare Begriffe verstanden werden. Bründel und Hurrelmann gehen soweit, dass sie die Unterschiede zwischen beiden Begriffen aufheben: „Aggression und Gewalt sind wissenschaftliche und
umgangssprachliche Begriffe für dieselben Vorgänge, wobei der Begriff
Gewalt den der Aggression wegen seiner größeren Anschaulichkeit mehr
und mehr verdrängt.“ (Bründel/Hurrelmann 1994, S. 13).
Wegen der begrifflichen Unschärfe werden oftmals auch aggressives und gewalttätiges Verhalten nicht mehr unterschieden, Ungenauigkeiten und Missverständnisse entstehen.
Neubauer stellt dar, dass das Verhältnis beider Begriffe historisch betrachtet eigentlich ein hierarchisches ist: „Von der wissenschaftlichen Tradition her ist der Aggressionsbegriff dem Gewaltbegriff übergeordnet“ (Neubauer 1999, S. 120). Dieses hierarchische Verhältnis soll auch im weiteren Verlauf dieser Arbeit angenommen werden. Betrachtet man verschiedene Definitionen der Begriffe, wird noch deutlicher, dass Gewalt eine mögliche Ausdrucksform von Aggressionen ist.
Der Begriff Aggression leitet sich vom lateinischen Wort „adgredi“ ab, was so viel wie „herangehen“ oder „zuwenden“ bedeutet (Krall 2004, S. 10). In der psychologischen Forschung wird der Aggressionsbegriff unterschiedlich weit gefasst. Der weite Begriff schließt jede gerichtete, offensichtliche Aktivität ein, beispielsweise auch positive Aktivitäten wie Selbstbehauptung und tatkräftiges Handeln. Im engeren Sinn ist Aggression negativ besetzt und beschränkt sich auf zielgerichtetes Schädigen, etwa das Bedrohen oder Verletzten anderer Menschen. Dabei ist die Absicht ein entscheidender Punkt. Aggression wird definiert als „Nicht versehentliches bzw. absichtsvolles Verhalten mit dem Ziel,
7
eine andere Person, sich selbst oder einen Gegenstand zu schädigen“ (Werth/Mayer 2008, S. 440). Der enge Aggressionsbegriff umfasst verschiedene Verhaltensweisen, die wiederum unterteilt werden können in körperliche Aggression (körperliche Attacken, Verletzungen, Beschädigungen), in verbale Aggression (Vorwürfe, Diffamierungen, Beleidigungen) sowie in psychische Aggression (Geringschätzung, Ignorant und Ausgrenzung) (Lin 2004, S. 408).
Nach Lin hat Aggression zwei verschiedene Ausdrucksformen, aggressives Verhalten und aggressive Gefühle. Beide müssen nicht zwangsweise miteinander einhergehen. So kann eine Person durchaus aggressive Gefühle hegen, ohne dass sie diese in aggressivem Verhalten auslebt (vgl. Lin 2004, S. 408). Aggression muss also nicht zwangsweise auch wirklich zu aggressivem Verhalten führen. Aggressives Verhalten ist nur eine Möglichkeit zum Abbau von Aggressionen. Alternativ kann es beispielsweise auch zu Ersatzhandlungen oder Resignation kommen.
Abbildung 1: Mögliche Folgen von Aggression
Anders herum muss nicht unbedingt Aggression der Auslöser für das aggressive Verhalten sein, das eine Person zeigt. Auch andere Emotionen und Motivationen können für aggressives Verhalten verantwortlich sein. Mitgefühl kann beispielsweise dazu führen, dass man aggressives Verhalten einsetzt, um jemanden zu verteidigen.
Abbildung 2: Mögliche Auslöser aggressiven Verhaltens
Das Wort Gewalt hat indogermanische und althochdeutsche Wurzeln, die die Bedeutung „stark sein, beherrschen, Macht ausüben“ umschreiben (Krall 2004, S. 10). Der Begriff Gewalt wird in dieser Arbeit der Definition nach Hurrelmann folgend als körperliche Aggression verstanden, „bei der ein Mensch einem anderen Menschen Schaden mittels physischer Stärke zufügt“
(Palentien/Hurrelmann/Oerter 1997, S. 7). Inhaltlich bezieht sich die Gewalt auf „alle unmittelbar auf die andere Person gerichteten Einwirkungen, die von Schubsen über leichte Schläge bis zu schweren Verletzungen reichen“ (Neubauer 1999, S. 120ff.).
Der Gewaltbegriff kann allerdings noch weiter differenziert werden. Einige Autoren orientieren sich an der Unterscheidung des norwegischen Friedensforschers Johan Galtung, der zwischen personaler und struktureller Gewalt unterscheidet. Die personale Gewalt entspricht der körperlichen Gewalt, die direkt an einer Person erfolgt. Strukturelle Gewalt erleiden Individuen durch die situativ ungleiche Machtverteilung in einer Gesellschaft. Strukturelle Gewalt
9
ist die Gewalt, die keinen eigentlichen Akteur hat und in den strukturellen Bedingungen des Gesellschaftssystems oder des Systems Schule liegt (vgl. Hinsch et al. 1998a, S. 13). Galtung meint damit die stille Unterdrückung von Menschen durch ein System sozialer Ungerechtigkeit (vgl. Neubauer 1999, S. 121). Strukturelle Gewalt wird als Benachteiligung eines Individuums betrachtet, die durch ungleiche Lebenschancen oder durch gesellschaftlich- institutionell festgelegte Bedingungen entsteht, ohne dass ein personaler Akteur in Erscheinung treten muss.
Folgende Arbeitsdefinitionen sollen für diese Arbeit gelten: Aggression ist die zielgerichtete, absichtliche Schädigung einer Person mit körperlichen, verbalen oder psychischen Mitteln. Gewalt ist die physische Schädigung einer anderen Person, sie ist ein Unterbegriff der Aggression.
3. Theorien zur Erklärung aggressiven Verhaltens
Die interdisziplinäre Aggressionsforschung liefert vielfältige theoretische Erklärungsansätze zu Phänomenen der Aggression. Aggression kann durch artspezifische, angeborene, genetische Erbfaktoren ausgelöst werden, genauso wie durch kulturelle Einwirkungen und gesellschaftliche Strukturen. Auch psychologische Faktoren, Strukturen des Zentralnervensystems und Hormone können Aggressionen auslösen. Die Ursachen und Wirkungen von Aggressionen sind derart vielfältig, das sich die unterschiedlichsten Fachgebiete mit der Erforschung von Aggression beschäftigen: Biologie und Medizin ebenso wie Psychologie, Soziologie oder Pädagogik, um nur einige zu nennen (vgl. Hacker 1973, S. 97).
Vielfältig sind auch die Erklärungsansätze zur Entstehung von Aggressionen. Nachdem im letzten Kapitel der Aggressionsbegriff geklärt wurde, soll dieses Kapitel nun verschiedene dieser Ansätze darstellen. Dabei beziehen sich die Theorien in unterschiedlicher Weise auf personenbezogene Merkmale (erlerntes Verhalten, eigene Gewalterfahrung), auf sozial-situative
Komponenten (Frustration, Bedrohung, Stress) und auf angeborene Eigenschaften.
10
In der Psychologie stehen sich zwei Theoriegruppen gegenüber. Die eine umfasst die Instinkt- und Triebtheorie und wird in Abschnitt 3.1 näher vorgestellt. Die andere Gruppe beinhaltet verschiedene, sich ergänzende lerntheoretische Ansätze, die in Abschnitt 3.2 näher erläutert werden. Die dritte Sichtweise, die Frustrations-Aggressions-Theorie, ist zwischen diesen beiden
Theoriegruppen anzusiedeln. 5 Die Frustrations-Aggressions-Theorie wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit die häufigste Verwendung finden und in Abschnitt 3.3 dargestellt.
3.1 Triebtheorien der Psychoanalyse
3.1.1 Der Todestrieb bei Freud
In dem Aufsatz „Das Unbehagen in der Kultur“ beschreibt Sigmund Freud die „angeborene Neigung des Menschen zum Bösen, zur Aggression, Destruktion und damit zur Grausamkeit“. Freud stellte in seinen Publikationen mehrere Triebtheorien auf. 1905 sowie 1915 schrieb er vom Dualismus der Libido (Sexualtrieb) und den Ichtrieben (Selbsterhaltungstriebe). 1920 ordnete Freud die Selbsterhaltungstriebe der Libido zu und sprach nun von einem Lebenstrieb (Eros) und dem Todestrieb (Destrudo) (vgl. Freud 1930, S. 479). Laut Freuds Triebtheorie verhilft der Erostrieb dem Menschen, „die lebende Substanz zu erhalten und zu immer größeren Einheiten zusammenzufassen“ (Freud 1930, S. 477), wobei der Todestrieb, „diese Einheit aufzulösen und in den uranfänglichen anorganischen Zustand zurückzuführen strebe“ (Freud 1930, S. 477). Das eigentliche Ziel des Todestriebes ist die Selbstvernichtung. Damit der Mensch mit diesem Trieb leben kann, gibt es, laut Freud, den Aggressions- oder Destruktionstrieb, der eine abgelenkte Form des Todestriebes ist. Nachdem der Todestrieb sich zunächst nach innen wendet und Selbstdestruktion anstrebt, wird er dann sekundär nach außen gerichtet und als Form des Aggressions- und Destruktionstriebes ausgelebt (vgl. Nolting 1994, S. 45).
5 Zugunsten der drei wichtigsten Hauptgruppen wird auf die Darstellung kleiner psychologischer
Zusatztheorien verzichtet.
11
3.1.2 Vergleichende Verhaltensforschung
Die Ethologie, also die vergleichende Verhaltensforschung, befasst sich in erster Linie mit tierischem Verhalten. Allerdings sehen viele ihrer Vertreter darin einen Zugang zum Verständnis des Menschen. Konrad Lorenz veröffentlichte 1963 ein Buch über Aggression „Das sogenannte Böse“, das in der folgenden Erörterung im Vordergrund steht.
Konrad Lorenz und dessen Schüler Irenäus Eibl-Eibelsfeldt führen Aggression auf einen biologischen Trieb zurück. Im Organismus gäbe es eine angeborene Quelle, die spontan und fortwährend aggressive Impulse produziert. Diese Impulse müssten ausgelebt werden, da sie andernfalls zur seelischen Zerstörung des Organismus führen (Nolting 1994, S. 41). Lorenz formuliert die Bedeutung der Lehre des Aggressionstriebes folgendermaßen: „Gerade die Einsicht, daß der Aggressionstrieb ein echter, primärer
arterhaltender Instinkt ist, lässt uns seine volle Gefährlichkeit erkennen:
Die Spontaneität des Instinktes ist es, die ihn so gefährlich macht. Wäre
er nur eine Reaktion auf bestimmte Außenbedingungen, was viele
Soziologen und Psychologen annahmen, dann wäre die Lage der
Menschheit nicht ganz so gefährlich, wie sie tatsächlich ist“ (Lorenz
1963, S. 70).
Lorenz geht in Anlehnung an Sigmund Freud davon aus, dass der menschliche Organismus fortwährend aggressive Impulse erzeugt. Diese stauen sich solange auf, bis eine bestimmte Schwelle überschritten wird und in aggressiven Handlungen zur Entladung kommt. Nach dieser Abreaktion herrscht solange Ruhe, bis wieder ein gewisser Druck nach dem „Dampfkesselprinzip“ erreicht ist. Meistens führt ein äußerer Anlass zur aggressiven Abreaktion. Im Extremfall kann es nach Lorenz auch ohne äußere Auslöser zur aggressiven Handlung kommen. Diese wird dann als Leerlaufreaktion bezeichnet (vgl. Heinemann 1996, S. 15). Im Unterschied zu Freuds selbstvernichtendem Todestrieb hat der Trieb bei Tieren laut Lorenz einen arterhaltenden Sinn. Hierin unterscheiden sich Freuds Theorie und Konrad Lorenz Gedanken.
3.2 Frustrations- Aggressions- Theorie
Die Frustrations-Aggressions-Theorie gehört zu den Emotionstheorien. Dollard et al. veröffentlichten 1939 ein Buch, das die populärste Vorstellung der Aggressionsentstehung lieferte und den eigentlichen Beginn der empirisch-
12
experimentellen Aggressionsforschung markierte. Die fünf beteiligten Wissenschaftler der Yale-Universität behaupteten, dass eine strenge Kopplung zwischen Frustration und Aggression besteht. Sie stellten die beiden folgenden Thesen auf:
1. Aggression ist immer eine Folge von Frustration.
2. Frustration führt immer zu einer Form von Aggression (Dollard et al. 1994, S. 9).
Aggression wird dabei durch aggressive Impulse verursacht, die nicht spontan, sondern als Reaktion auf störende, unangenehme Ereignisse, als sogenannte Frustrationen entstehen. Sind sie einmal aufgetaucht, müssen sie sich in irgendeiner Form von Aggression äußern (vgl. Dollard et al. 1994, S. 10ff.). In empirischen Untersuchungen konnte die Theorie von Dollard allerdings nicht verifiziert werden. Es zeigte sich, das der Aggression nicht zwangsweise eine Frustration vorausgehen muss, die absolute Einschränkung „immer“ stellte sich als unzutreffend heraus. Entscheidend ist vielmehr, wie das Individuum die Situation subjektiv empfindet. Aus diesem Grund wurde die ursprüngliche Frustrations-Aggressions-Theorie modifiziert und neu formuliert:
„Frustrationen rufen die Tendenz zu einer Reihe verschiedener Reaktionen hervor. Eine davon ist die Tendenz zu irgendeiner Form aggressiven Verhaltens“ (vgl. Hinsch et al. 1998a, S. 24).
Für das Verständnis der Theorie ist es notwendig zu verstehen, was genau Frustrationen sind. Frustration liegt dann vor, wenn ein zielgerichtetes Verhalten gestört wird. Entscheidend ist dabei, dass bereits eine Bewegung in Richtung des Ziels begonnen wurde. Diese Bewegung muss keine körperliche, also sichtbare sein. Befasst sich eine Person gedanklich mit dem Ziel und richtet sie ihre Aufmerksamkeit in diese Richtung, liegt bereits eine innerlich vollzogene Handlungsorientierung vor (vgl. Nolting 1994, S. 60ff.). Je größer die subjektive Motivation ist, das Ziel zu erreichen, desto größer ist demnach die Frustration, wenn durch irgendeine Form der Blockade das Ziel nicht erricht werden kann (vgl. Hurrelmann/Bründel 2007, S. 37).
Hans-Peter Nolting (vgl. Nolting 1994, S. 62ff.) geht noch einen Schritt weiter und untergliedert die Möglichkeiten, durch die Frustrationen entstehen, in drei Klassen. Frustrationen entstehen demnach
13
1. durch Hinderungen, welche die Erreichung einer zielgerichteten Aktivität stören,
2. durch Entbehrungen oder Mangelzustände, wie beispielsweise Nahrungsentzug oder emotionale Vernachlässigung, 3. durch Provokationen, etwa Ereignisse wie Angriffe oder Belästigungen.
Der ursprüngliche biologische Sinn von Frustrationen ist die Aktivierung des Organismus. Durch diese Alarmreaktion wird das Individuum auf die Bewältigung von Hindernissen und Gefahren vorbereitet. Dem Organismus werden also für den Fall einer notwendigen Flucht oder eines Kampfes notwendige Energien zugeführt (Nolting 1994, S. 74ff.). Die durch Frustration ausgelöste Aktivierung kann sich nur in solchen Verhaltensweisen äußern, die die Person in ihrem „Verhaltensrepertoire“ gespeichert hat. Sollten sich diese aggressiven Verhaltensweisen in zwischenmenschlichen Konflikten als nützlich erweisen, etwa das Schreien in einem Streit, wird die Person es häufiger einsetzen (vgl. Nolting 1994, S. 74f.). Das aggressive Verhalten kann so zu einer Gewohnheit werden (wie im Kapitel 3.2 noch zu zeigen ist). Trotz des breiten Erklärungsansatzes, den die Frustrationstheorie bietet, muss klar gestellt werden, dass nicht jede Form der Aggression auf Frustration zurückgeführt werden kann. Frustrationen geben zwar Anreize und erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Aggression, führen aber nicht zwangsläufig auch zu aggressiven Handlungen. Genau so gut kann eine frustrierte Person mit Rückzug oder Vermeidungsverhalten reagieren, ebenso wie mit konstruktiven Bewältigungsversuchen, die als Folge einer Frustration auftreten können (vgl. Abbildung 3, S. 15).
Die folgende Tabelle soll abschließend einen vereinfachten Überblick der Frustrations-Aggressions-Theorie geben und zeigen, dass Frustration nicht zwangsläufig Aggression zur Folge hat.
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Kathrin Münster, 2008, Aggression in der Schule - Ursachen, Bedingungen und Perspektiven, München, GRIN Verlag GmbH
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