Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1. Jerusalem im christlichen Verständnis und Weltbild des Mittelalters 8
Der erste Kreuzzug Pilgerreisende Die Stadt des Christentums und
christlicher Stätten Die Offenbarung des Johannes Theologische Diskurse
Vergegenwärtigung Jerusalems
2. Jerusalem in der Darstellung mittelalterlicher mappae mundi 14
Das Kreissymbol und das Quadrat Kreuzfahrerkarten Christliche
Realabbildung des Kosmos und des Universums Göttliche Symbole und
Botschafter Jerusalemzentrierung in den Karten des Früh- und
Hochmittelalters Insidor von Sevilla und der umbilicus mundi Wilhelm von
Tyrus und die Eroberung Jerusalems Jerusalem der Mittelpunkt der Welt
Hieronymus und Ezechiel Die Hereford-Weltkarte Die Londoner
Psalterkarte Die Ebstorfer-Weltkarte
Abschlie ßende Betrachtung 24
Quellen - und Literaturverzeichnis 27
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Einleitung
Die Kartographie des Hochmittelalters war immer Universalkartographie, welche die Erde als Ganzes erfasste. Zugleich waren die mittelalterlichen Weltkarten, die Mappae mundi, tradierende Elemente, die der Bibelexegese zugehörig waren und das Heilshandeln Gottes darlegten. Im Gegensatz zur modernen Kartographie nahm hier die Erde eine durch äußere Grenzen festgelegte Form an, die der Zeichner ausfüllte und der Autor um ausführliche Legenden und Beschreibungen ergänzte. Man erkennt auf diesen Karten weniger Grenzen im herkömmlichen Sinne, keine Länder oder Staaten. Dafür erzählen die Karten unabhängig von Raum und Zeit Geschichten und Geschichte. Religion und Geografie sind hierbei eng miteinander verknüpft. Umgeben vom großen Weltozean sind die drei damals bekannten Kontinente mit Jerusalem als Zentrum der Welt erkennbar. 1 „Die übrige Welt -Amerika und Australien - war noch unbekannt. Die mittelalterlichen Kartografen waren intensiv darum bemüht, den geografischen Raum richtig darzustellen. Aber was »richtig« war, hatte lange Zeit einen ganz anderen Sinn: Denn auf Karten, vor allem auf Weltkarten, musste zuallererst Gottes Schöpfung auf unterschiedlichen Ebenen ermessen werden.“ 2 Mittelalterliche Weltkarten sind gemalte Weltchroniken. Sie verbinden religiöse, historische, politische und kulturelle Gesichtspunkte. So ist es sogar möglich, die Welt in einem bestimmten Kontext darzustellen, z.B. als Kampfplatz, in welchem die Geschichte als eine Abfolge von Schlachten erscheint. Die kirchlich dominierten Weltkarten enthielten auch Propagandabotschaften, diese, zumeist für weltliche Herrscher angefertigte Prestigeobjekte, gemahnten an die Rückeroberung der christlichen Stätten im Heiligen Land und die Ansprüche einer kirchlichen Weltherrschaft. Die Mappae mundi erfüllten die Funktion eines visuellen Gedächtnisses und bewahrten Ereignisse, Städte, Bauten, Fabeltiere und Personen. Dass Bauwerke wie der Turm zu Babel längst zu Staub zerfallen, die Heiligen Drei Könige weitergezogen, oder Troja niedergebrannt worden war, bedeutete, gemäß der traditionellen Kontinuität der Weltgeschichte, keinen Widerspruch. Im Vordergrund der Kartographie standen die Schöpfung Gottes und der Verweis auf die christliche Endzeit. 3 „Zur Geschichtsschreibung und speziell zur Universalhistoriographie gehört die Kartographie. Sie hat nicht den Ablauf der Ereignisse, sondern die Schauplätze des Geschehens, nämlich die Orte, an denen sich Gottes Taten offenbarten, offenbaren und
1 Vgl. Schmieder, Felicitas, Bilder der Schöpfung, in: Zeit Geschichte 1 (2010), S. 90.
2 Schmieder, Bilder der Schöpfung, S. 90.
3 Vgl. ebd.
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offenbaren werden, zum Gegenstand.“ 4 Physikalische Probleme traten hierbei in den Hintergrund. Die zentrale Kraft der Karten lag in der Vermittlung kirchlich-religiöser Vorstellungen von der Welt und dem Menschen im Dies- und Jenseits. Was diese Weltkarten so einzigartig macht, ist die Möglichkeit ihrer Deutung und Interpretation auf vielerlei Ebenen, sowie als Sekundärquelle über die eigentliche Darstellung der Karte hinaus auf die christliche Lehre und Weltanschauung. 5
Diese Seminararbeit, die den Titel „Jerusalem das Zentrum der Welt“ trägt, setzt den Fokus der Untersuchung auf die Darstellungspraxis der morgenländischen Stadt auf den Mappae mundi des Mittelalters. Im Zuge dieser Betrachtung soll untersucht werden, in wie weit sich die kartographische Darstellung der Heiligen Stadt von der Zeit des Frühmittelalters bis zum Hochmittelalter veränderte und welchen Einfluss historische Abläufe wie die Kreuzzugsbewegung und nicht zuletzt das christliche Weltbild auf den Prozess der Zentrierung Jerusalems und zur Stilisierung zum Mittelpunkt der Welt hatten. Als Grundlage dieser Untersuchung sollen zeitgenössische Quellentexte, wie Passsagen des Alten Testaments und nicht zu vergessen die Mappae mundi selbst, die ausgewertet werden sollen, dienen. Doch soll zunächst noch zu den letztgenannten Quellen ein paar Worte angemerkt werden.
Über einen langen Zeitraum hinweg betrachtete die ältere Forschung die mittelalterlichen Mappae mundi als Zeugnisse einer rückständigen Epoche, die einem Weltbild nachhing, das sich an eine scheibenhafte Welt klammerte, die von Amazonen und Fabelwesen bewohnt war. Inschriften wie hic draconis oder hic leones sunt interpretierte man geradezu verächtlich und herablassend als Beweise für die Unkenntnis und den Aberglauben des mittelalterlichen Menschen, der in seinem Kosmos und Raum beschränkt schien. Die Kartographie des Mittelalters konnte nach Ansicht der Forschung nicht mit empirischen Mitteln die wirkliche Welt abbilden, war dadurch statisch in ihren Aussagen, ließ keinerlei wissenschaftliche Weiterentwicklung erkennen und würde das real-geographische Wissen der Zeit unberücksichtigt lassen. 6 „Doch diese Ansicht ist eine grobe Fehleinschätzung, die
4 Monumenta Annonis, Weltbild und Kunst im hohen Mittelalter, hg. v. Anton Legner, Ausstellung des Schnütgen-Museums der Stadt Köln in der Cäcilienkirche vom 30. April bis zum 27. Juli 1975, Köln 1975, S. 112.
5 Vgl. Schmieder, Bilder der Schöpfung, S. 90.
6 Vgl. Kliege, Herma, Weltbild und Darstellungspraxis hochmittelalterlicher Weltkarten, Münster 1991, S. 45.
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nur dadurch vermieden werden kann, daß man die Karten nicht losgelöst von ihrem geistigen Umfeld betrachtet.“ 7
Erst seit Mitte der 1990er Jahre fand eine Hinwendung zum iconic turn oder pictural turn statt, also die Neubetrachtung und Neubewertung von Bildern hinsichtlich ihrer sozialen und kulturellen Funktion. Das Medium Kartographie war hier ebenso mit eingeschlossen. Mit dem Begriff cartographical turn wird in diesem Sinne ein methodisches Instrument angestrebt, welches einen reflektierten Umgang mit der medialen Textur der Karten ermöglichte, die individuelle Funktionen der Illustrationen und Texte vom enzyklopädischen Wissensspeicher bis hin zur Orientierungshilfe erkennen ließ und dadurch Form und Inhalt der Karten neu gewichtete. Im Zuge dessen wurde diese Reduktion, die die Forschung lange an den vorneuzeitlichen Karten vollzog, aufgehoben. Das neue Bewusstsein mit Karten umzugehen ermöglichte es nun verschiedenartige Muster der Weltwahrnehmung zur erforschen, bzw. unterschiedliche Welten und Räume erst zu erschaffen. 8 „Neue, kulturwissenschaftlich ausgerichtete Ansätze tendieren deshalb entgegen „einer älteren, positivistisch-technisch orientierten Kartographiegeschichte“ dazu, die komplexen Sinnebenen des Mediums in unterschiedlichen sozialen Kontexten zu ermitteln und dessen vielfältige Funktionen bei der ästhetischen kulturellen und politischen Konstruktion von Räumlichkeit zu betonen.“ 9
Die Mappae mundi legten ihre Sicht auf die Umrisse der Kontinente und der darin eingeschlossenen Länder. Heilsgeschichte spielte hier eine besondere Rolle und die wichtigsten Orte der biblischen Geschichte wurden in ihnen immer mit aufgenommen. Im Unterschied zu heutigen Karten haben mittelalterliche Weltkarten eine andere Intention und können daher nicht mit dem modernen Verständnis von Kartographie und den geradezu abstrakt wirkenden Land- und Weltkarten der Neuzeit verglichen werden. Die Unterschiede offenbaren sich sowohl in der Abbildung als auch anhand der dargestellten Inhalte und nicht zuletzt in ihrer Funktion. Doch verbindet alle Karten miteinander die Absicht, dem Menschen seine Welt zu erklären und wahrheitsgetreu abzubilden, wie sie tatsächlich beschaffen ist, wenngleich sowohl mittelalterliche als moderne Karten zugleich
7 Kliege, Weltbild und Darstellungspraxis hochmittelalterlicher Weltkarten, S. 45.
8 Vgl. Baumgärtner, Ingrid, Europa in der Kartographie des Mittelalters. Repräsentation - Grenzen -Paradigmen, in: Ingrid Baumgärtner und Hartmut Kugler (Hrsg.), Europa im Weltbild des Mittelalters. Kartographische Konzepte (= Orbis mediaevalis Vorstellungswelten des Mittelalters 10), Berlin 2008, S. 17.
9 Baumgärtner, Europa in der Kartographie des Mittelalters, S. 17f.
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von anderen Grundvoraussetzungen ausgehen. 10 Tatsächliche Größen oder Entfernungsverhältnisse waren für die Mappae mundi bedeutungslos, ebenso relative Entfernungen von Orten auf der Karte. Moderne Karten haben die Aufgabe, die relative Lage von geographischen Punkten zueinander zu bestimmen und diese Entfernungen maßstabsgetreu wiederzugeben, dies war aber nicht das Anliegen der mittelalterlichen Universalkartographie. Die Eintragungen in Form von Bildern, Texten und Legenden der mittelalterlichen Karten sind nicht geographischer oder topographischer Natur, sondern konnten alle Bereiche des Lebens und der Geschichte umfassen, wobei das Augenmerk auf Historiographie im Sinne der Heilsgeschichte gerichtet war. Diese Inhalte zeigen, wie gering die praktische Verwendung im heutigen Sinne damit verbunden war, ganz im Gegensatz zu den Portulankarten des 13. Jahrhunderts, die ausschließlich der Navigation zur See dienten. 11 „Während die Seefahrer ihre Portulane ähnlich heutigen Seekarten verwendeten und Distanzen und Küstenverlauf daher möglichst akkurat waren, hätte man es für verrückt erachtet, auf einer Weltkarte den Abstand zwischen Rom und Jerusalem mittels Maßstab ermitteln zu wollen.“ 12 Die mittelalterliche Mappa mundi war kein Hilfsmittel für Reisende, Pilger oder Kreuzfahrer, die allenfalls mit Itineraren reisten, dennoch waren sie geographische Instrumente mit besonderer Anschaulichkeit, denn sie nahmen die Funktion eines normativen Ideenbildes an und generierten ein bestimmtes Weltbild im Kopf und im Bewusstsein der christlichen Wahrnehmung. 13
Mittelalterliche Weltkarten besitzen eine große Komplexität hinsichtlich ihrer Darstellungspraxis und der dargestellten Inhalte, zudem waren sie in der Lage als ordnungsstiftendes Medium zu wirken. Die Mappae mundi sind als Modelle kultureller Prozesse zu betrachten, weisen sie doch Überlagerungen, Verschiebungen und Widersprüchlichkeiten auf Raum- und Zeitebenen auf. Es erscheint unter diesen Ansätzen verständlich, wenn man die Karten der mittelalterlichen Epoche weniger als praktische Orientierungshilfe und Informationsvermittlung, dafür aber mehr als sozialen Prozess begreift. Demzufolge sind selbst territoriale Repräsentationen auf den Weltkarten als kartographierte soziale Handlungen zu verstehen. 14 Vom geographischen Gesichtspunkt bildeten sie nicht die tatsächliche, die exakte Welt ab, aber dies war auch nicht die primäre Zielsetzung der Weltkarten. Stattdessen bewegten sie sich in einer Sphäre, die sowohl
10 Vgl. Simek, Rudolf, Erde und Kosmos im Mittelalter. Das Weltbild vor Kolumbus, München 1992, S. 57.
11 Vgl. Simek, Erde und Kosmos im Mittelalter, S. 58.
12 Ebd., S. 59.
13 Vgl. ebd.
14 Vgl. Baumgärtner, Europa in der Kartographie des Mittelalters, S. 19.
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Natur- als auch Geisteswissenschaft miteinander verband. Getragen wurde somit ein konstruiertes Weltbild, das sich aus Elementen der Theologie, Kunst- und Kulturgeschichte zusammensetzte. Dieses Weltbild folgte einer zentralen Prärogative, nämlich die Vermittlung eines Weltbildes, das allein durch Gott geschaffen wurde. 15 Das konkrete Ziel der Mappa mundi war somit das literarische Umfeld zu erläutern, in dem sie stand und dieses war die Universalgeschichtsschreibung, die die Darstellung der Heilsgeschichte vom Anbeginn der Welt anstrebte. 16 Die Möglichkeit, als Medien das kollektive Gedächtnis der Gesellschaft in sich zu tragen, bedeutete nicht weniger als die Verbindung von Wissen und Macht, weshalb sie letztlich auch in hervorragender Weise dazu geeignet waren, die Beziehung Gottes zu seiner Schöpfung zu verbildlichen und dem mittelalterlichen Menschen durch das Medium Kartographie eine christliche Weltsicht 17 zum Ausdruck zu bringen.
15 Vgl. Kliege, Weltbild und Darstellungspraxis hochmittelalterlicher Weltkarten, S. 13.
16 Vgl. ebd., S. 43.
17 Zur Thematik der Weltsicht in kartographischen Werken, verweise ich in diesem Zusammenhang auf: Englisch, Brigitte, Ordo orbis terrae. Die Weltsicht in den Mappae mundi des frühen und hohen Mittelalters (= Orbis mediaevalis 3), Berlin 2002.
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Arbeit zitieren:
Günter Krüger, 2010, Jerusalem - das Zentrum der Welt, München, GRIN Verlag GmbH
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