Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Chronologie des Friedensschlusses 3
3. Europa vor dem Krieg 5
4. Einordnung in die wirtschaftliche Gesamtlage 1918 7
5. Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Friedensschlusses 9
5.1 Das Kohleproblem 12
5.2 Das Reparationsproblem 14
5.3 Der Dawes- und Young-Plan 16
6. Schlussbetrachtung 19
7. Literaturverzeichnis 21
8. Anhang 22
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1. Einleitung
Es ist still geworden um den Versailler Vertrag. Einzig und allein im Bundeshaushalt weist ein versteckter Restposten von wenigen Millionen Euro auf jenen Friedensschluss hin, der seinerzeit nicht weniger als die friedliche Koexistenz der europäischen Mächte und der Welt regeln sollte. Der „Schandfrieden“ wurde in Deutschland zum Synonym für eine ganze Generation. Er ist Geschichte. Die Zeit heilte die tiefen Wunden, die schmerzhaften Verluste, sie ließ neue Generationen heranwachsen, die sich ohne Scheuklappen und Emotionen mit der Materie befasste. Unzählige Historiker nahmen sich ihm an und versuchten den zähen Nebel der Vergangenheit zu lichten, Legenden zu zerstören und neue Erkenntnisse der Welt zugänglich zu machen. Kein Friedensvertrag in der deutschen Historie bewegte wohl mehr Menschen, erzeugte so viel Hass und Zorn. Warum nur? Alles begann so Verheißungsvoll, als der von aller Welt gefeierte Messias den Weg ins alte Europa fand. Im Gepäck jene 14 berühmten Punkte, die den Weltfrieden bringen sollten. Es wurde ein Schauspiel erster Güte, das sich sechs Monate lang in Paris abspielte. Als hätten die talentiertesten Literaten die Feder geschwungen, um ein großes Werk zu schreiben. Der Versailler Vertrag ist im Grunde ein tragisches Schauspiel eines großen Mannes, der seine eigenen Fähigkeiten überschätzte und der dafür bestraft wurde. In seinem idealistischen Streben nach einem Verständigungsfrieden, konnte er auf dem europäischen Schlachtfeld der Diplomatie nicht gewinnen. Es war ein Abschied mit viel Pathos. Wilson verließ die Verhandlungen und überließ die Geschicke Großbritannien und Frankreich. Die wirtschaftlich bei weitem stärkste Macht und Hauptgläubigernation Europas zog sich zurück und gab ihrer Doktrin der „splending isolation“ den Vorzug. Sie werden es sicher bereut haben. Ein Viertel Jahrhundert später werden sie ihren Fehler nicht wiederholen. Amerika wird seine schützende Hand über das abendländische Europa legen. Der Versailler Vertrag hatte es schwer. Niemand war mit ihm zufrieden. Den Deutschen freilich widerfuhr die größte Ungerechtigkeit in der Menschheitsgeschichte. Ganz Unrecht hatte das Reich damit nicht. Die im Artikel 231 manifestierte Alleinschuld ist aus heutiger Sicht nicht mehr haltbar. Doch muss ein Friede gerecht sein, um den allgemeinen Ansprüchen zu genügen? Aus geschichtswissenschaftlichen Gesichtspunkten wird ein Friede primär danach beurteilt, ob er ein stabiles politisches Gleichgewicht über eine längere Zeitperiode gewährleisten kann. Die Frage nach der Gerechtigkeit ist damit eher den oben genannten Prinzipien unterzuordnen. Paradoxerweise war nicht nur das besiegte Deutschland vollkommen unzufrieden mit dem Diktat. Auch die „Großen Drei“ des Friedensschlusses konnten sich nicht so recht mit ihrem Friedenwerk anfreunden. Dies lässt tiefe Einblicken zu
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und deutet darauf hin, dass der Vertrag aus unzählige Kompromisse gezimmert wurde. Es hätte jedoch vermutlich weit aus schlimmer für das Deutsche Reich kommen können, falls Wilson und Lloyd George, Frankreichs Hardliner Foch und Klotz gewähren ließen. So ist zu konstatieren, dass dem deutschen Volk die Stellung einer europäischen Großmacht durchaus zugestanden worden ist. Inwieweit die Restriktionen des Vertrages die weitere wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands beeinträchtigte und welche Chancen und Risiken der Pariser Friedensschluss mit sich brachte, soll in dieser Arbeit erörtert werden. Dabei wird ein besonderer Wert der Kohle- und Reparationsfrage beigemessen, ihrer Ausführbarkeit und gesamtwirtschaftlichen Folgen für die deutsche Volkswirtschaft. Eingehend Platz wird dabei der kontroversen Diskussion zwischen Keynes und Mantoux gewährt werden. Abschließend wird eine gegenläufige Hypothese behandelt, welche eine Durchführbarkeit der Reparationsleistungen unter Umständen für möglich hält. Zuvor soll jedoch in Kapitel 2 auf die chronologischen Ereignisse des Friedensschlusses eingegangen werden. Um die Analyse der vertraglichen Bestimmungen nicht in einem leeren Kontext stehen zu lassen, ist es erforderlich die wirtschaftliche Entwicklung Europas vor dem Krieg zu skizzieren, vor allem deshalb, weil Keynes unter anderem seine Kritik an der Zerstörung der wirtschaftlichen Einheit Europas fest macht. Weiterhin ist es erforderlich in Kapitel 3 die Ausgangslage der deutschen Wirtschaft nach dem Krieg zu schildern, um auch hier einen besseren Einblick für in die Problematik dieses Zeitabschnittes zu erhalten.
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2. Chronologie des Friedensschlusses
Zu Beginn scheint es sinnvoll den Verlauf der Pariser Friedensverhandlungen in aller Kürze zu schildern, um einen Gesamtüberblick über das komplizierte Zustande kommen zu erfahren. Grundlage dieser Verhandlungen zwischen den Alliierten und Deutschland waren die berühmten 14 Punkte des amerikanischen Präsidenten Wilson. Urheber dieser 14 Punkte war George Creel, Vorsitzender des Committee on Public Information. Creel teilte die Friedensbedingungen in vierzehn Punkte und übermittelte sie dem Präsidenten. 1 Ausgangspunkt war die Bitte der deutschen Reichsleitung unter dem Reichskanzler Max von Baden, nach Vermittlung eines Waffenstillstandes auf Basis der 14 Punkte. Am 3. Oktober 1918 erging daher das Gesuch an den amerikanischen Präsident Wilson, Friedensverhandlungen anzubahnen. Welche Merkmale wies dieses Friedensprogramm auf, das Wilson am 18. Januar 1918 verkündete und auf das sich Deutschland nun berief? Es ist festzustellen, dass es sich im Grunde um „Muß“ und „Soll-Forderungen“ handelte. Die Schaffung eines Völkerbundes, die Wiederherstellung Belgiens, der Wiederaufbau zerstörter Gebiete Frankreichs und die Rückgabe Elsass-Lothringen wurden unter anderem als unverhandelbar angesehen. Die Errichtung eines unabhängigen polnischen Staats war eine von mehreren „Soll-Forderung“(siehe Anlage I). 2 Neben diesen Bestimmungen kamen noch „Vier Grundsätze“ und „Fünf besondere Sätze“ hinzu. Dieser Note vom 11. Februar 1918 stand die Feststellung voran, dass es „keine Annexionen, keine Kontributionen, keine Strafbestimmungen“ geben solle. 3 Insgesamt konnte die deutsche Seite hoffen, mit einem blauen Auge davonzukommen. Freilich kam es, wie wir heute wissen, ganz anders. Am 18. Januar 1919 wurde die formelle Vorkriegskonferenz in der französischen Hauptstadt eröffnet. An den Verhandlungen nahmen 27 Siegerstaaten teil, den besiegten Mächten wurde die Teilnahme verwehrt. Die eigentlichen Entscheidungen wurden im Obersten Rat der „Großen Zehn“, später der „Großen Vier“ (Wilson, Lloyd George, Clemenceau, Orlando) getroffen. Die im Vorfeld proklamierten 14 Punkte traten dabei immer mehr in den Hintergrund. Nicht nur die schier unglaublich hohe Anzahl an Partikularinteressen des Viererrates führten zu immer größeren Gegensätzen, auch die zahlreichen während des Krieges geschlossenen Verträge erschwerten die Entscheidungsfindung erheblich. Zu nennen wäre hier exemplarisch
1 Vgl. Brateson, Gregory: Von Versailles zur Kybernetik, in: Gerd Krumeich (Hg.), Versailles 1919. Ziele -Wirkung - Wahrnehmung, München : Herbig, 2002, S. 11
2 Vgl. Klaus Schwabe(Hg): Quellen zum Friedensschluß von Versailles, Darmstadt 1997, S.2-3
3 Vgl. Harald Nicolson/J.M. Keynes: Die Konferenz, in: Gerd Krumeich (Hg.), Versailles 1919. Ziele -Wirkung - Wahrnehmung, München : Herbig, 2002, S. 57
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der Londoner Vertrag von 1915. Hierin verpflichteten sich die Westmächte die Ansprüche Italiens an der Adria zu unterstützen. Dies wiederum stellte den Grundsatz der nationalen Selbstbestimmung in Frage, auf den sich der neugegründete jugoslawische Staat berief. Wilsons Intervention und direkter Appell an das italienische Volk, „Konzessionsbereitschaft“ zu zeigen führte dazu, dass Orlando die Verhandlungen für 14 Tage verließ. In hartnäckigen und durch Kompromisse geprägten Auseinandersetzungen zwischen den Siegermächten kam es schließlich, auch vor dem Hintergrund einer Verschärfung der internationalen Lage, respektive der bolschewistischen Gefahr, zu einem Abschluss der Verhandlungen. Am 18. April erging an die deutsche Delegation die Einladung, die Friedensbedingungen in Versailles entgegen zu nehmen. 4 Bereits die Zugfahrt nach Frankreich war eine einzige Anklage und sollte den Vertretern des Reiches aufzeigen, was der deutsche Militarismus an Zerstörung angerichtet hatte. Unter Führung von Brockdorf-Rantzau nahmen die Deutschen am 07.05.1919 das fertige Vertragswerk entgegen. Nach äußerst zähen und turbulenten Diskussionen stimmte die deutsche Nationalversammlung mit 227 zu 138 Stimmen für die Annahme des Friedensschlusses. Kurz vor Ablauf des Ultimatums telegraphierten die Deutschen das Ergebnis an die Alliierten. Außenminister Hermann Müller und Justizminister Bell oblag die Bürde nach Versailles zu reisen 5 . Der Erste Weltkrieg wurde am 28.06.1919 durch die Ratifizierung des Vertrages formal zum Abschluss gebracht. Die Reparationsfrage konnte während den Friedensverhandlungen nicht geklärt werden, da es den Siegermächten nicht gelang, einen einheitlichen Betrag auszuhandeln. Während die amerikanische Seite maßvolle Geldleistungen einforderte, jonglierten die Franzosen mit exorbitanten Summen umher. Infolgedessen wurde beschlossen der Alliierten Reparationskommission die Aufgabe zu übertragen eine Summe festzulegen. 6 In über fünfzehn alliierten Konferenzen ,zehn deutsch - alliierten Verhandlungen, 25 Notenwechseln und mehreren Tagungen von Sachverständigenkommissionen erreichte man am 29. Januar 1921 folgendes Ergebnis: Das deutsche Reich wurde verpflichtet insgesamt 226 Milliarden Goldmark, sowie 12 Prozent des jährlichen Wertes der deutschen Exporte abzuleisten. Der Beginn der Zahlungen wurde auf den 1. Mai 1921 festgelegt und sollte bis in Jahre 1963 andauern. Nach Besetzung der Städte Düsseldorf und Duisburg, sowie heftigen politischen Auseinandersetzungen zwischen Sieger und Besiegten, wurde die astronomische Forderung
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Vgl. Klaus Schwabe(Hg), Quellen zum Friedensschluß von Versailles, Darmstadt 1997, S.16-18
5 Vgl. Hirsch, Ferdinand (Hg.), Gebhardts Handbuch der Geschichte. Von der Reformation bis zu Gegenwart, Bd. 2 (2,4), Stuttgart-Berlin-Leipzig 1909, S.209-210
6 Vgl. Eyck, Erich, Geschichte der Weimarer Republik. Vom Zusammenbruch des Kaisertums bis zur Wahl Hindenburgs, Stuttgart 4 1962. S. 163
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schließlich auf 132 Milliarden GM und 26 Prozent der Exportwerte reduziert. 7
3. Europa vor dem Krieg
Um Keynes Kritik in den folgenden Kapiteln besser nachvollziehen zu können, ist es förderlich das Europa vor dem Krieg in groben Zügen zu schildern. Das 19. Jahrhundert war das Zeitalter der Industrialisierung. Kaum ein Ereignis prägte diese Epoche stärker und führte zu größeren Veränderungen der Wirtschaftsordnung. Die Dampfmaschine revolutionierte nicht nur die Produktionsprozesse, sondern gleichzeitig auch die Gesellschaft. Alte ständische Privilegien wurden durch die neue Marktgesellschaft zurückgedrängt. Das Herausbilden sozialer Klassen führte schließlich zur Proletarisierung von Millionen von Menschen und war damit die umfassendste gesellschaftliche Veränderung, die sich seit Beginn der Neuzeit in der westlichen Welt vollzogen hat. Der im Vergleich zu anderen westeuropäischen Ländern eher rückständige deutsche Agrarstaat entwickelte sich prächtig und schloss zu den führenden Industrienation auf. 8 Die Bevölkerung Deutschland lag 1870 bei ungefähr 40 Millionen. Unmittelbar vor dem Esten Weltkrieg zählte das Reich bereits 68 Millionen Menschen, wobei ein jährlicher Zuwachs von circa 850000 die weitere Entwicklung deutlich machte. Um die stetig ansteigende Zahl an Menschen ernähren und beschäftigen zu können, musste die deutsche Volkswirtschaft „ständig mit Volldampf arbeiten“. Die Habsburger Monarchie nahm eine ähnliche Entwicklung, jedoch in einem weniger intensiven Tempo. Das österreichischungarische Volk vermehrte seine Einwohner von 1890 bis 1914 um 10 Millionen auf wenigstens 50 Millionen. Mitteleuropas außerordentliche Entwicklung führte dazu, dass die Bevölkerung Deutschlands und Österreich-Ungarns nahezu identisch mit der ganz Nordamerikas war. Auch in Russland fand ein ungeheuer dynamisches Bevölkerungswachstum statt. Aus 100 Millionen Menschen 1890 wurden vor Kriegsausbruch ungefähr 150 Millionen. Des Weiteren ergab sich ein positiver Saldo bei den Geburten von jährlich 8 Millionen. Annähernd 300 Millionen lebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in jenen drei genannten Reichen. Störungen waren in diesem Wirtschaftsraum durch Grenzen und Zolltarife äußerst gering. Alle Währungen basierten auf dem Goldstandart und erleichterten somit „die Bewegung des Kapitals und des Handels“ ungemein. Es herrschte in diesem Gebiet fast „vollkommene Sicherheit des Eigentums und der Person“. Eine solche „Sicherheit und Gleichförmigkeit“ ermöglichte einen florierenden Warenaustausch. Das deutsche Reich
7 Vgl. Henning, Friedrich-Wilhelm: Das industrialisierte Deutschland 1914-1992(Wirtschafts- und Sozialgeschichte Bd. 2), Paderborn-München-Wien 7 u.a. 1993, S. 73-74
8 Vgl. North, Michael (Hg.), Deutsche Wirtschaftsgeschichte. Ein Jahrtausend im Überblick, München 2000. S. 280-281.
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Arbeit zitieren:
Bernd Paric, 2007, Der Versailler Vertrag und seine wirtschaftlichen Belastungen in der Nachkriegszeit, München, GRIN Verlag GmbH
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