Hinführung zum Thema
Die Fehde mit der Ungerechtigkeit ist für das Menschengeschlecht nur schwerlich zu ertragen, weswegen es immer bestrebt sein wird, sie wegzuschaffen. Gerechtigkeit besänftigt, entlastet und verschafft dem Individuum insofern ein Gefühl von Macht. Es handelt sich um einen in den Tiefen des Menschen verwurzelten Ursachen-Trieb, eine physiologische Pathologie, die im Grunde und das hat Nietzsche ganz richtig erkannt, auf eine „einsichtige Selbsterhaltung“ 1 des Individuums rekurriert. Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit ließ den Menschen Ungeheuerliches vollbringen, im Guten wie im Bösen. In ihrem Namen und das darf man nicht vergessen, gingen mehr Menschen zugrunde als durch die beständigen Naturgewalten auf unserem Planeten. 2 Sie setzt uns folglich heftigst in Bewegung, auch mit dem Beiklang des Verletzlichen, sie ist nie bequem. Die Gerechtigkeit sticht uns, sie ist ein Winderfahrnis, sie bringt uns in Ruhe, die Negation derselbigen in Abgründe menschlichen Daseins. Der subjektive Gerechtigkeits- respektive Ungerechtigkeitssinn eines jeden Individuums scheint jedenfalls von ausgeprägter Natur. Unter Zuhilfenahme der kybernetischen Lehre möchte ich dieses Phänomen in aller Kürze skizzieren. Dabei bezeichne ich den Gerechtigkeitssinn als „Vergleichsstelle“, die bei einer Differenz von Ist- und Soll-Wert aktiv wird und Informationen (Output) an ein Stellglied (Handlungspotenzial) delegiert. Das Stellglied passt wiederum durch Einfluss auf den Input (Situation) der Regelstrecke den Output an den Sollwert (idealtypisches Gerechtigkeitskonstruktion) an. 3 Wir haben es, wie ich glaube, mit einem Automatismus an Verschaltungen zu tun, die paradoxerweise in einer kalten und technokratischen Prozedur ablaufen, obwohl deren auslösendes Moment ein höchst erregendes Ereignis darstellt. Darin identifiziere ich ein gefährliches Potenzial, also in der Symbiose von affektiven Gefühl und entseeltem Automatismus. Mitunter, aber das geht sicherlich über die Literatur hinaus, öffnet gerade ein verletztes Gerechtigkeitsempfinden, die in jedem Menschen latent schlummernden boshaften Eigenschaften von Missgunst, Hass und Neid. Die Moralpsychologie liefert in ihrem Ultimatumspiel 4 zumindest ansatzweise
1 Vgl. Horn, Christoph (Hg.): Philosophie der Gerechtigkeit: Texte von der Antike bis zur Gegenwart, Frankfurt am Main 2002, S. 298.
2 Vgl. Schindewolf, Dorrit: Gerechtigkeit: Die Psychologie und Neurobiologie der Motive des Fühlens, Denkens und Handelns, Norderstedt 2004, S. 1.
3 In Anlehnung an eine funktionalistische Betrachtungsweise respektiver der Kybernetik. Vgl. dazu Arbeitsgruppe Soziologie: Denkweisen und Grundbegriffe der Soziologie, Frankfurt am Main u.a. Arbeitsgruppe Soziologie: Denkweisen und Grundbegriffe der Soziologie, Frankfurt am Main u.a. 14 1999.
4 Stellen wir uns folgende Situation vor: Ein Spiel mit zwei Teilnehmern. Einer davon sind Sie. Ihr Mitspieler erhält 10000 € mit der Maßgabe, einen Teil davon abzugeben. Wie viel, darf er selbst bestimmen. Allerdings gibt es eine Bedingung: Sie müssen jener Aufteilung zustimmen, nur dann darf jeder seinen Anteil behalten. Angenommen ihr Mitspieler bietet Ihnen 5000 €, also genau die Hälfte. Nehmen Sie an? Vermutlich ja. Angenommen er bietet Ihnen 500 €. Wie entscheiden Sie dann? Wenn Sie Nein sagen, bekommen Sie gar nichts,
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empirische und konsistente Ergebnisse bezüglich menschlichen Verhaltens im Kontext distributiver Gerechtigkeit (iustitia distributiva). 5 Platon würde vermutlich argumentiert, dass ein zu geringes Angebot (vgl. Fußnote 4) die Ordnung in unserer Seele durcheinanderbringen würde. Derselbige unterscheidet drei Seelenteile im Menschen: den denkenden 6 , den muthaften 7 und den begehrenden 8 Teil. Jedem Seelenteil entsprechen spezifische Zuständigkeiten und Tugenden. Damit die Trias eine funktionale Einheit bilden könne, bedürfe es einer weiteren Tugend, der Gerechtigkeit 9 . Im Ultimatumspiel nun geraten zwei Seelenteile in Widerstreit, das Besitzstrebende des begehrenden Teils und das Ehrgefühl des muthaften Teils, das sich bei einem zu niedrigen Angebot als gekränkt wahrnimmt. Vielleicht haben Sie den inneren Widerstreit gespürt, als Sie über das Angebot nachdachten. Hier schreitet deshalb der Gerechtigkeitssinn ein, der das jeweilige Individuum nur dann einem bestimmten Angebot zustimmen lässt, wenn alle Seelenteile im Einklang zueinander stehen. In der nikomachischen Ethik machte Aristoteles deutlich, inwieweit Gerechtigkeit sowohl auf Gleichheit wie auch auf Ungleichheit beruhten kann. Im Kontext distributiver Gerechtigkeit (Güter, Geld Ehrungen) ist gerechterweise nicht das Prinzip der Gleichheit anzuwenden, sondern das der Proportionalität, also der Gleichheit vor Verhältnissen. Wer sich vor anderen auszeichnet, etwa durch mehr Leistung oder mehr Erfolg, soll auch entsprechend mehr an Gütern und öffentlicher Anerkennung erhalten, alles andere wäre ungerecht. 10 Im Sinne der aristotelischen Ethik, um nunmehr theologische Sphären zu betreten, wäre die Lohnauszahlung im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg als ungerecht zu qualifizieren. Warum diskreditiert die Textstelle Mt 20, 1-15 die gängige Auszahlungspraxis und durchbricht die normative Gerechtigkeit der Antike? Nach welchem Gerechtigkeitsprinzip operiert die Weinparabel? Ist sie nicht vielmehr eine Illusion, eine naive Utopie des Menschen?
der Andere allerdings auch nichts. Wenn Sie ja sagen, haben sie immerhin 500 €, ihr Mitspieler allerdings 9500 €. Stimmen Sie zu? Mutmaßlich werden Sie nein sagen, dies prophezeit jedenfalls die Spieltheorie, die das Entscheidungsverhalten von Menschen erforscht. Sie verwendet das Ultimatumspiel für ihre Experimente. Dabei zeigt sich, dass die große Mehrheit der Menschen Angebote unter 30 Prozent ablehnen. Sie hätten in unserem Ultimatumspiel, sofern sie dem statistischen Durchschnitt entsprechen, auf 3000 € verzichtet. Der Grund dafür ist offensichtlich unser Sinn für Gerechtigkeit, der mitunter so stark ist, dass wir dafür sogar monetäre respektive materielle Nachteile in Kauf nehmen. In welchem Umfang dies geschieht, ist freilich individuell verschieden und hängt ferner von der jeweiligen Lebenssituation ab. In Anlehnung an die Sendung „Radio-Wissen“. Vgl. Bayrischer Rundfunk: Gerechtigkeit in der Philosophie, in: URL: http://www.br-online.de/pod cast/mp3-download/bayern2/mp3-download-podcast-radiowissen.shtml (29.10.2009).
5 Vgl. Lorenz - Wiswede, Günter: Grundlagen der Sozialpsychologie Fischer, München - Wien - Oldenbourg 2 2002, S. 177.
6 Die Weisheit, die Klugheit und die Einsicht.
7 Die Tapferkeit, der Ehrgeiz und das Ehrgefühl
8 Das Besitzstreben, die Besonnenheit und Mäßigkeit.
9 Sie soll nach Platon, für die richtige Balance zwischen den Seelenteilen sorgen und steht deshalb auch über alle anderen Tugenden. Vgl. Gaiser, Konrad Platons ungeschriebene Lehre: Studien zur systematischen und geschichtlichen Begründung der Wissenschaften in der Platonischen Schule Stuttgart 3 1998, S. 62-63.
10 Vgl. Kutschera, Franz von: Grundlagen der Ethik, Berlin - New York 4 1999, S. 183-185.
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1. Einleitung und Aufbau der Arbeit
„Das alles redete Jesus in Gleichnissen zu dem Volk, und ohne Gleichnisse redete er nichts zu ihnen,
[...].“ 11
Die Gleichniserzählung von den Arbeitern im Weinberg faszinierte zeitlebens die Menschen. Im Zuge einer extravaganten „Lohnmetaphorik“ 12 eröffnet die Weinbergparabel dem geneigten Leser einen mannigfachen Strauß an interpretatorischen Deutungshorizonten. 13 Im weißen Gewand füttert sie den Rezipienten bewusst mit dem aristotelischen „Proportionalitätsgedanken“ 14 (V.4), um denselbigen am Ende zu demaskieren und dem Menschen seine Schlechtigkeit „mitleidslos“ aufzuzeigen. 15 Das meisterhafte Zusammenspiel von Konstruktion und Dekonstruktion, die Leichtigkeit und Schärfe der Sprechakte erlaubt insofern eine tief greifende Glaubenserfahrung und eine selbstreferenzielle Bewertung seines eigenen Sinnverständnisses für gerechtes Handeln. Auf der normativ-ideologischen Ebene gehört die Gerechtigkeitsdebatte schon seit jeher zu den ewig großen Menschheitsthemen. Demnach scheint es nicht allzu sonderbar, dass Mt 20. 1-15 eine reichhaltige Wirkungsgeschichte aufweist. Wer von der Warte der Gegenwart auf die weiten Flächen der Rezeptionsgeschichte von Mt 20,1-15 zurückblickt, wird insbesondere dem monumentalen Gemälde des niederländischen Malers Rembrandt (Harmenszoon van Rijn) Beachtung schenken. Einzug hielt die Erzählung gleichsam ins gewerkschaftliche Milieu, ja sogar eine Verewigung im Parteiprogramm der altwürdigen SPD blieb derselbigen nicht erspart. Freilich erfährt das Gleichnis auch in kirchlichen Sphären, namentlich in der Liturgie und der Predigt 16 , eine angemessene Beachtung 17 . Seit nunmehr unzähligen Dekaden versuchen Exegeten in wissenschaftlicher Kleinstarbeit, Schicht für Schicht, tief unter die Haut der Geschichte in die daniederliegende Schrift zu blicken, um u.a. ihren ursprünglichen Wortlaut, ihre literarische Struktur, redaktionelle Aussagerichtung und ihren theologischen Gehalt aus dem Urtext herauszulösen. 18 Insbesondere die Weinbergerzählung stellt die Exegeten vor
11 Mt 13,34, zitiert nach Lutherbibel 1984.
12 Hezser, Catherine Lohnmetaphorik und Arbeitswelt in Mt 20, 1 - 16: Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg im Rahmen rabbinischer Lohngleichnisse, Göttingen 1990.
13 Vgl. Avermarie, Friedrich: Jedem das Seine? Allen das Volle! (Von den Arbeitern im Weinberg) - Mt 20,1-16, in: Ruben Zimmermann (Hg.), Kompendium der Gleichnisse Jesu, Gütersloh 2007, S. 461.
14 Vgl. ebd., S. 464.
15 Vgl. ebd., S. 464.
16 Vgl. Friedrich Avemarie: Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-15) - eine soziale Utopie? in: Evangelische Theologie 62 (2002), Heft 4, S. 273.
17 Vgl. Henrici, Peter/Chur: Das Wunder bei der Hochzeit: Editorial, in: Internationale Katholische Zeitschrift Communio, Jg. 35, 2006, S. 1.
18 Vgl. Strecker, Georg/Schnelle, Udo: Einführung in die neutestamentliche Exegese, Göttingen 18 1994, S. 11.
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schwerwiegende Probleme. 19 Trotz über 100-jähriger Analyse ist es der Bibelwissenschaft nicht gänzlich gelungen, den zähen Nebel der Geschichte zu lichten. Infolgedessen entfaltete sich in der Fachliteratur ein breit gefächertes Spektrum an „Arbeitshypothesen“, in der Hoffnung, die bislang ungeklärten Fragestellungen zu entschlüsseln. 20 Insgesamt glaube ich, dass die Komplexität der Thematik einen Wahrheitsanspruch in jedwede Richtung verbietet. Daher möchte ich in dieser Arbeit im Sinne des Skeptizismus respektive des Perspektivismus den Begriff der „Wahrscheinlichkeit“ bemühen. Objektive Wahrheit, also eine allgemeingültige „richtige“ Erkenntnis erfolgt immer aus der Perspektive eines jeweiligen Menschen und ist insofern grundsätzlich subjektiv. Es gilt daher, durch eine historisch-kritische und konsistente Arbeitsweise eine möglichst hohe, ich möchte sie „sachliche Wahrscheinlichkeit“ nennen, zu inthronisieren. Überdies sei darauf verwiesen, dass die nachfolgende Exegese bestenfalls fragmentarisch eine thematische Aufarbeitung der aufgeworfenen Sachverhalte zu leisten vermag. Die schiere Unzahl an Publikationen zur Textstelle Mt 20, 1-15 erreichte indes Dimensionen, die pfadfinderische Kompetenzen erfordern, um im nebulösen Bücherwald adäquat operieren zu können. Die vorgegebenen Konstellationen nötigten mich daher zu selegieren, in der Hoffnung, die einschlägigsten Werke, Autoren und Gedanken verarbeitet zu haben.
In Kapitel 2 verfolge ich das Ziel, einen holzschnittartigen Überblick über die im Zeitverlauf errungenen ambivalenten forschungsgeschichtlichen Erkenntnisse zu Mt 20, 1-15 aufzubauen. 21 Die exegetischen Ansätze zur Gleichnisauslegung haben in den vergangenen 100 Jahren zweifelsohne einen ungeheuren Grad an Ausdifferenzierungen angenommen, die eine allumfassende Abhandlung schwerlich mehr erlaubt. Daher diktiert gerade die Symbiose aus Vernunft und Zeit eine grundsätzliche Fokussierung auf die in der neueren Gleichnisauslegung dominierenden Ansätze. 22 Eine (1) literarkritische Untersuchung (Kapitel 3) soll zuvorderst eine Rekonstruktion der Textstelle Mt. 20, 1-15 anbahnen, an dessen Ende Einsichten bezüglich etwaiger Spannungen, Brüche oder aber einer Kohärenz eine grundlegende Texteinsicht vermitteln soll. Als Vorleistung bedarf es hierzu freilich einer sprachlich-syntaktischen und semantischen Analyse. Anschließend gilt es den (2) sozialgeschichtlichen Hintergrund (Kapitel 4) zu beleuchten, wobei der Schwerpunkt
19 Vgl. Dietzfelbinger, Christian: Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg als Jesuswort, in: Evangelische Theologie 43 (1983), Heft 2, S. 126
20 Vgl. Vielhauer, Philipp: Geschichte der urchristlichen Literatur. Einleitung in das Neue Testament, die Apokryphen und die Apostolischen Väter, Berlin 1975, S. 411.
21 In dieser Arbeit soll lediglich die „neuere“ Forschungsgeschichte seit Jülicher berücksichtigt werden. Mittelalterliche und neuzeitliche Auslegungen müssen aus Platzgründen unberücksichtigt bleiben.
22 Vgl. Hezser, Catherine: a.a.O., S. 45.
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offenkundig auf die Arbeitsverhältnisse und den Weinbau zu legen ist. Darauf folgt skizzenhaft eine formkritische Untersuchung (Kapitel 5), um infolgedessen in der Einzelexegese (Kapitel 5) die einzelnen Fasern zu einem festen Faden spinnen. Kapitel 7 bildet schließlich den Abschluss der wissenschaftlichen Analyse und konkludiert die bis dato gewonnenen Erkenntnisse. Darüber hinaus sollen einige Problemfelder angerissen und versperrte Fragen thematisiert werden, die in Form eines allgemeinen Ausblicks die Untersuchung schließen sollen.
2. Rezeptionsgeschichte der Gleichnisauslegung von Mt 20, 1-15
Jülicher, der als Begründer der modernen Gleichnisexegese gilt 23 , beseitigte mit seinem monumentalen zweibändigen Werk „Die Gleichnisreden Jesu“ die bis Anfang des 20. Jahr-hunderts vorherrschende allegorische Gleichnisauslegung. Eine Differenzierung zwischen Gleichnis und Allegorie sei unvermeidlich, da es in den Gleichnissen nur ein „tertium comparationis“ 24 zwischen Bild- und Sachhälfte gebe, die jeweils als Ganze aufeinander zu beziehen sind („one-point-approach“). Die allegorische Auslegung sieht demgegenüber viele Vergleichspunkte zwischen Bild- und Sachhälfte, die überdies nur „Eingeweihten verständlich“ zugänglich sei 25 , mit dem Ziel, viele Einzelzüge durch Übertragung zu dekodieren. 26 Für Jülicher erscheint demnach Mt 20, 1-15 zweifelsfrei als Gleichnis, das nicht die Metapher, sondern den Vergleich zur Grundform habe. Den entscheidenden Fixpunkt in der Weinparabel verortet derselbige in der Lohnzahlung am Abend: „Erst bei der Lohnzahlung findet etwas Auffallendes statt, und an dem einzigen Punkte hängt das Interesse unserer Geschichte.“ Das Bedeutungsvolle liegt vor allem in der Auszahlung des gleichen Lohnes und nicht in der Abfolge der Zahlung an die Arbeiter. 27 Das Verdienst der jülichschen Gleichnisauslegung liegt, um ein abschließend Fazit zu ziehen, zum einen in der Unterscheidung zwischen Gleichnis und Allegorie, zum anderen in dem Hinweis auf die
23 Vgl. Mell, Ulrich: Vorwort, in: Ders. (Hg.), Die Gleichnisreden Jesu 1899-1999: Beiträge zum Dialog mit Adolf Jülicher, Berlin 1999, S. VIII.
24 Wenn zwei Gegenstände in Beziehung gesetzt werden, ist das „tertium comparationis“ die Eigenschaft oder die Dimension, die die beiden Gegenstände gemeinsam haben und die den Vergleich erst ermöglicht. Vgl. Hügli, Anton (Hg.): Philosophielexikon: Personen und Begriffe der abendländischen Philosophie von der Antike bis zur Gegenwart, Reinbek bei Hamburg 1991, S. 566.
25 Vgl. Theißen, Gerd - Merz, Annette: Der historische Jesus: Ein Lehrbuch, Göttingen 3 2001, S. 292-293.
26 Vgl. Münch, Christian: Die Gleichnisse Jesu im Matthäusevangelium: Eine Studie zu ihrer Form und Funktion Neukirchen-Vluyn 2004, S. 14-18. Ausführlich dazu Jülich, Adolf: Die Gleichnisreden Jesu: Zwei Teile in einem Band, Darmstadt 1963, S. 25-118.
27 Vgl. Jülich, Adolf: a.a.O.,: S. 462. Ausführlich dazu siehe ebd. S. 459-471.
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Signifikanz der historischen Situation. 28 Kritikwürdig und das haben Theißen/Metz ganz richtig erkannt, bleibt aus heutiger Sicht das postulierte „one-point-approach“, welches es zu relativieren gilt, da „in vielen Gleichnissen neben der einen Pointe, auf die alles zielt, »bedeutsame Einzelzüge«, ohne dass das Gleichnis deshalb zur Allegorie würde“, identifiziert werden konnten. 29 Gerade Fiebig sieht in Mt 20, 1-15 ein hybrides Gebilde, welches eben nicht eine Botschaft übermittle, sondern vielmehr „einen Hauptgedanken, zerlegt in viele mehrere Teilgedanken.“ 30
Die Evidenz, der geschichtlichen Konstellation für das Verständnis von Gleichnissen, spiegelt sich im historischen Ansatz der Gleichnisauslegung wider, dem sich unter anderem Autoren wie Jeremias, Ringstorf und Linnemnann widmeten. Vereinfacht gesprochen muss das Ziel darin liegen, den historischen „Sitz im Leben“ des Gleichnisses Mt 20, 1-15 zu lokalisieren. Die Weinbergparabel, so Jeremias, sei aus einer konkreten Situation entstanden, die den Konflikt zwischen Jesus und seinen Widersachern widerspiegele: „Offenbar ist das Gleichnis zu Menschen gesprochen, die den Murrenden gleichen, die die Frohbotschaft kritisieren, an ihr Anstoß nehmen - etwa zu Pharisäern.“ 31 Ähnliche Äußerungen vernehmen wir von Linnemann, der es für unabdingbar hält, in die unverfälschte historische Gegebenheit einzutauchen, um die Genealogie des „Geschehen[s]“ zutage zu fördern. 32 Unter Berücksichtigung des Gleichnisses von den Arbeitern im Weinberg zeigen sich gleichwohl auch Grenzen einer historischen Auslegung: „Die ursprüngliche Beurteilung der Lage durch den Hörenden, die wahren Ursachen seines Widerspruchs und damit ein klares Bild des Gegensatzes zwischen ihm und dem Parabelerzähler kann man aus der Parabelerzählung allein nicht erschließen.“ 33 Linnemann spricht diesbezüglich von „Verschränkung“ 34 , die in Mt 20, 1-15 dadurch evident wird, dass eine pauschale Verurteilung der Pharisäer (unzufriedenen Arbeiter der 1. Stunde) als Jesu-Kritiker zu kurz greife, da sicherlich die eigentümliche Gesetzestreue derselbigen, die Gesellschaft „gegen das Überfluten der Sünde“ bewahren solle. 35
28 Vgl. Weder, Hans: Die Gleichnisse Jesu als Metaphern: Traditions- u. redaktionsgeschichtliche Analysen und Interpretationen, Göttingen 3 1984, S. 49.
29 Vgl. Theißen, Gerd - Merz, Annette: a.a.O., S. 293-294.
30 Jülich, Adolf: a.a.O.,: S. 128.
31 Vgl. Jeremias, Joachim: Die Gleichnisse Jesu, Göttingen 7 1965, S. 34.
32 Vgl. Linnemann, Eta: Gleichnisse Jesu. Einführung und Auslegung, Göttingen 5 1969, S. 41.
33 Ebd., S. 36.
34 Ebd., S. 36.
35 Ebd., S. 92.
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Dem literaturwissenschaftlichen Ansatz kommt sicherlich eine besondere Bedeutung 36 zu. Das Augenmerk des im Strukturalismus angesiedelten Verfahrens wird auf den Text selbst und den „Handlungsstrukturen“ in ihm gerichtet. 37 Dan Otto Vias etwa entwickelte einen analytischen Dreischritt bestehend aus der „historisch-literarischen Kritik“, der existenzialliterarischen Analyse“ und der existenzial-theologischen Interpretation“, die zu dezidierten Einsichten in der linguistischen Gleichnisforschung beitragen sollen. Das Gleichnis erscheint bei Via als „literarisches Kunstwerk“, als „abgeschlossenes Ganzes, dessen einzelne Elemente so ineinandergreifen, daß sie ein in sich stimmiges und sinnvolles Beziehungsgeflecht bilden.“ 38 Demnach plädiert derselbige dafür, Gleichnisse primär literarisch auszulegen, da es „vom Wechselspiel seiner Elemente, die sich gegenseitig bedingen und tragen“ lebe und erst sekundär auf historische Geschehnisse verwiesen werde. 39 Demzufolge ist es kaum verwunderlich, dass Via der „Fiktionalität“ ein bisweilen entscheidendes Moment einräumt 40 und Meurer ihm folgend Mt 20, 1-15 als eine „fiktionale Erzählung“ identifiziert. 41 Wir haben hier ein „verknüpftes Erzählgerüst“ bestehend aus einerseits den Arbeitern der ersten Stunde, die sich von den Wohltaten des „Hausherrn“ entbündeln und andererseits das Geschehen um die Arbeiter der elften Stunde, denen gütigst die gleiche Entlohnung zuteil wird. Folglich betitelt Via die Weinparabel trefflich als „ironische Tragödie“, die sich durch ihre „tragische“ und „komische“ Komposition auszeichne und damit einen wuchtigen Schlag gegen ein allzu „nomistisches Existenzverständnis“ setzt. 42
Der sozialgeschichtliche Ansatz erlaubt im besonderen Maße für das hier abzuhandelnde Gleichnis, tief in die ursprüngliche historische Situation einzutauchen. Das Gleichnis wird sondiert und seziert, wobei nicht nur die generellen politischen Allgemeinplätze beleuchtet, sondern gleichsam auch sozioökonomische Konstellationen herangezogen werden. Denn die Verhältnisse der damaligen Situation diffundierten sicherlich in die vordergründig stummen Zeilen mit ein, womit ein entscheidendes Potenzial offengelegt ist, das es nunmehr zu berücksichtigen gilt, sofern man die bizarren Wege des Gleichnisses zu entschlüssen erhofft:
36 Meurer gibt gleichsam zu bedenken, dass für den strukturellen Ansatz eine „Ideologisierung Gefahr“ laufen könne, da „die Botschaft des einzelnen Textes und seines (möglichen) Verweisungsbezugs (Referenz) auf die außer-linguistische Wirklichkeit“ vernachlässigt werden könnte. Vgl. Meurer, Hermann-Josef: Die Gleichnisse Jesu als Metaphern: Paul Ricoeurs Hermeneutik der Gleichniserzählung Jesu im Horizont des Symbols "Gottesherrschaft/Reich Gottes", Bodenheim 1997, S. 143.
37 Vgl. Meurer, Hermann-Josef: a.a.O., S. 190.
38 Vgl. ebd., S. 59-60.
39 Vgl. ebd., S. 60.
40 Vgl. Meurer, Hermann-Josef: a.a.O., S. 60.
41 Vgl. ebd., 190.
42 Via , Dan Otto: Die Gleichnisse Jesu: Ihre literarische und existenziale Dimension, München 1970, S.142-143..
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Bernd Paric, 2010, Die Weinbergparabel und ihre theologische Deutung: Mt 20, 1-15, München, GRIN Verlag GmbH
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